Donnerstag, 19. März 2020

Brief 600 vom 19.12.1944


Du mein liebster Schatz!                                                                                     19.12.44      

Einigermaßen zur Ruhe gekommen, möchte ich Dir von meinem neuen Gesichtspunkt aus meinen heutigen Gruß zukommen lassen. Es soll aber auch gleichzeitig mein Neujahrsbrief werden. Vorerst aber doch von dem, was so zu erledigen ist.  Gestern kam ein Brief von Deinem Vater an. Es war ein Rundbrief Nr. 23. Ich hatte ihm erst kürzlich nochmals geschrieben, ob er mir etwa mein Sonderschreiben übel genommen hätte. Das scheint wohl nicht der Fall zu sein, im Gegenteil, er hebt meinen Brief wieder einmal so besonders hervor. Was wird das bei ihm erst noch für ein Gewundere hervorgerufen haben, als er so ganz kurz und bündig von meinen Auszeichnungen erfahren hat. Im großen und ganzen schreibt er ja ziemlich das wieder, was wir so jedes Mal von ihm erfahren. Es hat mich gefreut, daß er bei seiner Betrachtung über die Gräber auch an unseren Kurtgedacht hat. Ja, was aus den Gräbern dieser armen Jungs geworden ist, das weiß man so gar nicht. Es laufen da ja so die verschiedensten Ansichten. _ Ehe wir hierher gegangen sind, hatten wir ja noch einen ordentlichen Kompanieabend mitgemacht. Ich persönlich hatte ja keine besonders starken Absichten. Aber wenn man so eine Bekanntheit erreicht hat, wie das bei mir der Fall ist, dann muß man schon mehr mittun, als man sich vorgenommen hatte. Ich bin aber trotz allem klar geblieben, denn unmäßig habe ich dabei trotzdem nicht gelebt. Das Essen war gut und reichlich, wie ich Dir ja schon berichten konnte. Nun geht es streng auf Weihnachten zu, und wir sollen schon heute und in den kommenden Tagen unsere Weihnachtszuteilung erhalten.  Damit wir nicht alles auf einmal bekommen. Wir werden uns also durch das, was uns geboten werden wird, hindurcharbeiten. Was uns jeweils geboten wird, das schreibe ich Dir dann. Eines steht fest, daß ich Dein zweites größeres Päckchen noch gerettet und bis jetzt aufgespart habe, das werde ich mir vornehmen, wenn ich Deinen Weihnachtsbrief lese. Mit dem Näherrücken der Weihnachtstage kommen wir auch dem Ende des Jahres entgegen. Das Jahresende als solches gibt uns immer wieder Veranlassung über die hinter uns liegenden Tage des Jahres zu blicken. Aber Jahresende ist ja eigentlich Rückblick und Ausblick zugleich. Denn nach diesem Monat folgt ja der Januar, der nach dem römischen Janus benannt ist. Janus ist der Gott mit den zwei Gesichtern, das eine vor und das andere rückblickend. Das alte Jahr liegt nun bald hinter uns, und wir müssen uns dabei fragen, wie auch die Jahre vorher, was hat uns das Jahr gebracht.  Am 1. Januar war ich mit Kameraden zusammen und hörten, uns die Rede de Kommandeurs von Griechenland an, der der Hoffnung Ausdruck gab, daß wir dem Ende des Krieges in diesem Jahre entgegengehen mögen. Für mich hat es manche Umstellung gegeben. Ich mußte mir, nachdem ich erfahren hatte, daß es nicht mehr umgänglich ist, mich noch länger als Beamten zu halten, sagen, daß jetzt in mancher Hinsicht ein schärferer Wind wehen würde. Die Versprechungen waren am Anfang recht beachtlich. Mit meiner Rückversetzung nach Deutschland war ja ein Urlaub verbunden. Erwartet und doch unerwartet traf ich bei Euch ein. Schöne Tage ohne den grauen Rock konnte ich mit Euch verleben. Manche Kleinigkeiten konnte ich Dir noch präsentieren, was mir immer eine besondere Freude war. Damals lagen die Dinge gewiß nicht rosig für uns, aber man hatte doch nicht erwartet, daß in einigen Monaten die Lage sich so ändern würde, daß manchmal bald die Veranlassung vorlag, an einem Endsieg zu zweifeln. Nachdem die Urlaubstage verflossen waren, verzog ich mich nach Marburg und im Stillen trug ich mich schon mit dem Gedanken, wenn es irgend möglich ist, mit Euch nochmals zusammenzukommen. Ich konnte es ja dann erreichen, einen kurzen Zwischenurlaub in Leipzig einzuschieben, und wir trafen uns vorher noch einmal, bevor ich meinen Weg nach Rußland antrat. Das Zusammensein mit den Kindern und Dir war so schön und so eindrucksvoll, daß es für uns stets eine bleibende Erinnerung sein wird. Die kurzen Besuche von Orten, an denen wir früher gemeinsam waren.  Auch hier konnten wir Gedanken und Erinnerungen auffrischen. Unsere früheren Wohnstätten und die Dinge, die damit verknüpft sind, waren nicht nur für uns sondern auch für die Kinder interessant. Für wie lange Zeit der Abschied gehen würde, das lag ja für uns alle noch im Dunkel. Ich trat dann meine Fahrt in den Raum von Minsk an, um dort wieder meine schon früher erworbenen Kenntnisse aufzufrischen. Das Leben hatte gewisse Härten, doch lebte man immer noch in einer ziemlich gesicherten Zone. Der Dienst war wohl ausgiebig aber doch zum Aushalten. Nach Wochen trat der Russe zum Angriff an und wir mußten als Etappeneinheit abziehen. Wir marschierten und glaubten nicht, daß es ein derart langer Marsch werden sollte, der uns auf eine Strecke von rund 500/600km führen würde. Bald kamen die ersten Zusammenstöße und Gefechte und plötzlich waren wir mitten im Kampfgeschehen drin. Die Feuertaufe hatten wir ziemlich schnell und gründlich weg. Auch sonst wurde man mit vielen Dingen vertraut, die alles andere nur nicht angenehm waren. Wir haben das getan, was wir konnten, und bald war ich soweit, daß ich die Fahrt ins Lazarett eintreten mußte. Ich glaube, daß ich es Dir damals schon schrieb, daß es für mich mit die erhabendste Stunde war, nach all den Schrecknissen wieder deutsche Menschen und deutsche Ordnung zu sehen. Daß ich dabei weich wurde, dessen brauche ich mich gewiß nicht zu schämen, denn dafür war das vorher Durchlebte zu eindrucksvoll. Diese Tage, von denen ich nicht geglaubt hatte, daß sie sich so lang hinausziehen würden, haben mich wieder ordentlich aufgefrischt. Das größte Glück widerfuhr mir aber, als ich im Anschluß an meinen Lazarettaufenthalt noch an so herrlichen Sommertagen bei Euch sein konnte. Ich stehe wieder in Gedanken vor unserer Haustür und klingele Alarm. Dich höre ich leise und ungeduldig wettern (?). Deinen leisen Schrecken sehe ich beim Öffnen der Tür und die Freude darüber, daß ich zu Euch zurückgekehrt bin. Es war ein herrliches Erleben. Das Zusammensein mit Euch. Die sonnigen Badetage und immer wieder die Freude über das unverhoffte Wiedersehen. Es war ein Glück, das ich mir Tage vorher gar nicht auszudenken wagte. Es war aber trotz allem Wirklichkeit geworden. Ihr hattet alles, was nur möglich war, aufgeboten, um mir diese Erholungstage so unbeschwert wie nur möglich zu gestalten. Der Abschied war wohl wieder schwer, aber die Gewißheit, daß wir uns in einem Jahre zum dritten Male sehen durften, die war uns gegeben und die machte uns vollends froh und gab uns die Stärke, über das, was nun einmal unveränderlich war, hinwegzukommen. Den Luftangriff auf Königsberg und auch das Aushalten in unserem Brückenkopf habe ich glücklich hinter mich gebracht. Es waren alles harte Stunden.  Nach dem, was man während der großen Absatzbewegung vom Sommer her gewöhnt war, glaubten wir alle, daß wir uns in der neugewonnen Stellung nicht allzu ewig aufhalten würden. Über drei Monate sind seither schon vergangen. Noch stehen wir hier, was immerhin als etwas gewertet werden muß. Was uns hier noch bevorsteht, das läßt sich ja heute noch nicht voraussagen, doch hoffen wir, daß es uns möglich ist, hier solange zu bleiben, bis auch hier neue Kräfte eingesetzt werden können. Die Stellungen haben wir hier ziemlich gründlich kennen lernen können. Vielleicht gereicht uns das auch einmal zum Vorteil. Gerade gestern erreichte uns die Nachricht, daß unsere Truppen wieder im Westen zum Angriff angetreten sind. Für mich ist das wieder eine gewisse Beruhigung insofern, daß ich vielleicht hoffen darf, daß Ihr unsere Heimat nicht verlassen braucht. Wenn es dann möglich sein sollte, im Ausblick auf das neuen Jahr, uns nach dem Kriegsende gesund wiederzusehen, dann wollen wir alles das, was wir an Kummer und Sorgen mitmachen mußten, hinter uns lassen und neu auf dem aufbauen, was uns verblieb. Ich wünsche dies uns, Dir und den Kindern, denn Ihr seid die, für die ich meine Pflicht erfülle. Das muß ich jedes Mal wieder betonen, und daran wird sich bei mir auch nichts ändern. Hoffen wir also im Ausblick auf das neue Jahr, daß wir nun doch zu einem sichtbaren Erfolg  kommen, der uns neuen Auftrieb und ein Vorwärtskommen gibt, damit dieses fürchterliche Ringen nun doch einmal ein Ende nimmt. Vom neuen Jahr erhoffen wir uns wieder soviel Glück, wie von dem scheidenden, denn wir persönlich können doch sagen, daß es unserem kleinen Kreis, trotz der schweren äußeren Umstände, manche schöne Stunde gebracht hat. Gesundheit ist aber höchste Erfordernis, das wir alle dringend brauchen und um das wir am meisten bitten müßten. Darum ein kräftiges Glückauf und mit neuem Mut in das Neue Jahr, das uns nun doch den ersehnten Frieden bringen möge. Daß Ihr in Gedanken immer bei mir sein werdet, wie ich bei Euch bin darüber brauche ich wohl nicht erst besonders sprechen.  Herzliche Grüße und viele liebe Küsse sende ich Dir und den Kindern. Gleichzeitig auch an Vater herzliche Neujahrsgrüße von 

Deinem Ernst.

Brief 599 vom 16.12.1944


Du mein liebster Schatz !                                                                                       16.12.44     

War das wieder eine Freude, als ich gleich 5 Briefe von Dir erhielt. Fünf liebe Briefe von Dir, die die Nummern 109/113 tragen. Außerdem kam noch Dein lieber Weihnachtsbrief an, den ich mir aufhebe und drei kleine Päckchen, sowie das zweite große Päckchen. Das ist fast die ganze Postzuteilung. Es kommt früher oder später doch wieder einem ein gerechter Ausgleich zustande.  Wie ich aus Deinen lieben Zeilen ersehen kann, hast Du wieder fest geschuftet. Erst den Lodenmantel für unser Mädle und dann die lange hose für unseren Stromer. Außerdem noch die laufenden Sachen und die freiwillig übernommene Näharbeit. Da nimmt es wirklich nicht wunder, wenn Dir die Wochen wie im Fluge vorbeigehen. Wenn es Dir selbst auch noch nicht weihnachtlich zumute ist, wie Du schreibst, so glaube ich doch aus allem etwas von einem bißchen Weihnachtsstimmung herauszuspüren. Zwar machen es die vielen Andeutungen, die Du mir von den Kindern mitteilst, aber mir persönlich geht es hier so, daß ich viel schärfer auf so etwas achte, wie das früher vielleicht der Fall war, denn gerade Weihnachten ist ja mit das Fest, das uns allen so tief verwurzelt ist, und das uns immer wieder fühlen läßt, wie nahe wir miteinander verbunden sind. Das Hervorholen der Adventskalender, die Freude von Jörg über einen Weihnachtmann und die Nikolausvorbereitungen von Helga und Ingrid, das sind alles so Dinge, die mir selbst Freude machen und mir richtig vor Augen kommen. Wie werden die Beiden wieder Jokus gemacht haben. Daß sich unser Junge nun schon dazu mit hingezogen fühlt, Vorbereitungen zu einer Nikolausfeier machen zu dürfen, das kann ich mir ganz gut vorstellen. Wenn er in seinem Alter schon zu sowas hingezogen wird, kann ihm in gewisser Beziehung nützlich sein. Es hat allerdings auch gewisse Schattenseiten. Was hat er denn nun für eine Funktion? Soll er erst etwas werden oder ist er schon soweit. Ich hoffe, daß er dadurch nicht zu der Ansicht kommt, es wären izm schon die Hörner aufgesetzt worden. Er soll der gleiche Kerle bleiben und seine Pflicht tun und wie ich sie von ihm gewohnt bin. Ich will es bei dieser Gelegenheit aber nochmals betonen, daß ich von ihm verlange, daß er während der Schulferienzeit am Tage wenigstens mindestens eine Stunde sich über die Bücher setzt und sich diese einmal ansieht, damit er nicht alles verlernt. Gerade jetzt in dieser für ihn ruhige Zeit kann er sich die Sachen ansehen, in denen er nicht ganz so sattelfest ist.  Es freut mich, daß Ihr von Vater nochmals einige Äpfel bekommen habt. Ich weiß, daß sie bei Euch nicht umkommen, denn Ihr seid doch nun einmal große Obstschmatzer. Daß Vater aber nun gewissermaßen wieder den Dackel für Paula macht, das entspricht ganz und gar dem früheren Verhältnis, das einmal bestanden hat und das er sonst immer so kritisiert hatte.  Einmal ist er zu gutmütig und zum zweiten hat er nicht den Mut, ihr einmal offen das zu sagen, was in diesem Fall notwendig wäre. Gerade aus diesem Grund habe ich es bei ihr wohl verdorben. Aber das macht wohl weiter nichts.  Morgen schreibe ich Dir ja auch wieder. Darum lasse es für heute gut sein und Dich recht herzlich grüßen und viel, vielmals küssen von 

Deinem Ernst.

Brief 598 vom 15.12.1944


Mein liebstes Mädel, Du meine gute Annie !                                                                  15.12.44   

Für kurze Zeit befinden wir uns wieder einmal in Ruhe. Am Sonntag geht es wieder nach vorn. Wir werden, solange wir hier sind, in Ruhe gelassen werden und Aussicht haben, von Zeit zu Zeit in diese Stellung zurückkehren zu können. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, hebt sich das ja von selbst auf. Hier sollen wir wieder einmal nach Strich und Faden aufgepulvert werden. Heute früh haben wir den kirchlichen Segen empfangen. Es ging genau wieder so zu, wie vor einem Vierteljahr, wo ich Dir schon einmal davon schrieb. Die Art und Weise, wie man mit diesen Dingen umgeht, entspricht gerade dem, was man sonst beim Barras gewohnt ist. Vorhin sind wir zur Abwechslung wieder einmal geimpft worden. Dann bekommen wir heute noch unsere Winterbekleidung, dann werden wir nicht mehr frieren müssen. Morgen sollen , was eigentlich für heute vorgesehen war, wir ins Kino gehen. Morgen Abend soll bei uns ein Kameradschaftsabend gestartet werden. Die Tage gehen schnell vorbei. Genau wie auch die letzten Monate vergangen sind. Besser wäre es, wir hätten den Winter schon hinter uns. _  Mit der Postzustellung geht es im Moment wieder einmal langsam. Außer einigen Zeitungen von Deinem Vater habe ich gestern nichts erhalten. Ich hoffe, daß Ihr, meine Lieben, alle gesund seid. Wenn auch im Wehrmachtsbericht immer wieder von Angriffen auf Städte in Südwestdeutschland die Rede ist, so will ich hoffen, daß Ihr noch immer davon verschont seid und bleibt. _ Heute habe ich noch Deinem Vater zum Weihnachtsfest geschrieben, damit habe ich nun meine ganze Weihnachtspost erledigt. Ich warte schon seit einigen Tagen auf Post von ihm. Ich weiß nicht, hat er mir mein letztes Schreiben verübelt, oder was ist sonst. Die Zeitungen gehen zwar immer noch laufend ein, so daß ich weiß, daß es ihnen ordentlich geht. Morgen werde ich wahrscheinlich noch ein Päckchen an Dich absenden können. Ich möchte die Sachen, die ich noch bei mir habe, nicht mit herumschleppen.  Lasse Dich und die Kinder recht herzlich grüßen . Viele, viele liebe Küsse für ich hinzu und bin stets 

Dein Ernst.

Brief 597 vom 13./14.12.1944


Mein liebster Schatz !                                                                                                13.12.44      

Gestern habe ich den Weihnachtsbrief an Euch geschrieben. Heute geht es nun in der gewohnten Weise mit dem Schreiben weiter.

 Meine Liebste.                                                                                                          14.12.44
Die großen Töne, die ich gestern angeschnitten habe, daß es in gewohnter Weise weitergehen soll, konnte ich leider nicht in Wahrheit umsetzen. Ich hatte erst einen Brief an Nannie geschrieben und mußte dann mein Tun schnell unterbrechen, weil wir wieder einmal alles zu packen hatten. Wir sind auf einige Tage in Ruhe gegangen. Ich schrieb Dir ja schon von einer Änderung, die ich Dich heute dahin ergänzen kann, daß wir wieder in der letzten Stelle uns befinden, in der wir vor einem Vierteljahr waren. Die Ruhestellung ist nun da, wo wir uns verschiedene Bunker bauten, die wir zu benutzen aber keine Gelegenheit hatten. Während der Zeit unserer Abwesenheit hat sich hier manches verändert. Die Stellung ist inzwischen besser ausgebaut, so daß man schon etwas mehr Vertrauen haben kann wie vorher. Wie lange die Ruhe hier noch andauern wird, das hängt wohl mehr oder weniger von der Witterung ab.  Heute über Nacht hat sich eine eisigkalter Wind aufgemacht, daß man nun annehmen kann, daß der Winter jetzt doch Einzug gehalten hat. Die Jahreszeit ist ja an sich auch danach, daß man mit Frost und Kälte rechnen muß. Der (?) ist auch zur Hälfte geschafft, was ja eine erfreuliche Tatsache ist.  Vorgestern habe ich an Dich wieder ein Päckchen abgesandt. Es ist überzähliger Tabak und einige Zigaretten, die ich noch nicht verteilt habe. Ein kleines Röllchen Drops konnte ich auch noch beipacken. Es trägt die Nummer 10. Vor einigen Tagen sandtest Du mir eine Postkarte von der Feldpostnummer 32500 als Antwort auf Deine Mitteilung traf nun ein Schreiben ein, in dem darauf hingewiesen wird, daß jetzt für uns ehemalige MV-Beamte die Möglichkeit gegeben ist, daß wir unser den gleichen Bedingungen wie die ehemaligen Zahlmeister Offizier werden können. Ich lasse mir die Bestimmung besorgen, die dafür maßgebend sind und will dann Dir nochmals darüber schreiben. Was meinst Du grundsätzlich zu dieser Sache? Ich hatte in dieser Sache schon einmal abgesagt, aber da war die Lage noch anders. Nun kommen mir wieder Zweifel, ob ich es nicht doch tun soll. Eines kann ich vorher noch tun, daß ich bei der Dienststelle anfrage, wie man sich zu der ganzen Frage stellt. Grundsätzlich bitte ich aber nochmals um Deine Meinung. Hier bei dieser Einheit habe ich mir ja meine Verdienste erworben. Wen ich nicht mit meinem Feldwebel zusammen wäre, dann würde ich sicherlich meinen Entschluß fassen können. Unsere Gemeinschaft ist hier ganz ordentlich, so daß ich immer noch, wenn wir auch in der unmittelbaren Frontlinie liegen, lieber das mitmache, als daß ich etwas Ungewisses eintausche. Eins stände dann ja ziemlich fest, daß ich für das erste nach Deutschland käme, wenn ich mich zu einer Änderung meiner   (?)laufbahn  entschließen würde. Wie gesagt, teile mir unverbindlich Deine Ansicht mit, denn ich weiß, daß Du keinen Fimmel hast, daß Dein Mann unbedingt Offizier sein oder werden muß. Ob ich es zwar soweit bringen würde, denn ich kann manchmal mein Maul nicht halten, das ist die andere Frage.  Kannst Du mir eigentlich einen alten Taschenkalender mitsenden, denn ich glaube nicht, daß Du einen neuen bekommst. Ein alter wird es auch tun. _ Augenblicklich kann ich mich nicht so sammeln mit meinen Gedanken, wie ich es gern möchte, denn hier geht es z.Zt. drunter und drüber. Lasse Dich bitte recht herzlich grüßen und vielmals küssen von  

Deinem Ernst.

Brief 596 vom 11.12.1944


Du mein liebster Schatz!                                                                                           11.12.44       

Trüb, grau und neblig ist wieder einmal das Wetter. Ich kann wohl immer noch mit Recht sagen, dass das unser Glück ist, denn das Wasser ist noch kein gewisses Hindernis, das zu überwinden ist. Es ist zwar auch wieder nicht so, daß es keine Möglichkeit gäbe, daß man nicht darüber hinwegkommen könnte, aber es ist doch anders wie freies Gelände. Gewappnet muß man immer sein. _ Wenn Du mir so von Büchern schreibst, so bin auch ich der Ansicht, daß man nur welche lesen soll, die einem Erholung bringen. Die Zeit fordert an sich schon viel Nervensubstanz, so daß man nicht außerdem noch welche in der sogenannten Erholungszeit dazu geben kann. Franssen ist an sich schwerblütig und die Gegend hat eben ihre Spökenkieker, wie man dort sagt. Die Menschen sind dort wunderlich, so daß es ganz erklärlich ist, wenn dann so was zur Schilderung kommt. Aber, wie gesagt, man muß sich nicht noch mit solchen schweren Sachen herumschlagen. Daß dann das andere Buch so willkommene Abwechslung war, kann ich mir dann gut vorstellen. Ich bin Dir bestimmt nicht böse, wenn Du mir ab und zu von diesen Dingen schreibst, denn ich komme ja nicht zum Lesen von größeren Büchern. In unseren Zeitungen gibt es immer einmal einige Artikel und Aufsätze, die interessant sind, wenn ich dann etwas Zeit habe, dann lese ich diese, genau wie die übrigen Zeitungssendungen, die ich von Dir und von Deinem Vater bekomme. Das Buch „Der liebe Augustin“ hattest Du also schon gelesen. Ich denke, daß es Dir sicherlich auch gefallen hat. Ich war ja am Anfang etwas dagegen eingenommen. Ich habe aber reumütig bekannt.  Einen Adventskranz habt Ihr wohl auch in diesem Jahr nicht gemacht. Immer um diese Zeit muß ich daran denken, wie vor Jahren unser Kurt von den Bauern in Urlaub nach hause kam. Wie froh war ich nur erst, daß wir uns wieder einmal sahen. Es war um jene Zeit, wo er noch einen Lodenmantel bekam. Wir waren dann zusammen in den Wald gefahren um Tannenreis zu holen. Leider war unser Verstehen (?) so kurz, denn bald zog er sich zu Paula zurück, die ihn dann auf ihre Art beeinflußte.  Nannie schrieb mir auch wieder, wie oft sie an diesen ordentlichen Jungen denkt. Vor zwei Jahren war dann die Zeit, wo er einen letzten Urlaub daheim verbringen konnte.  Wie hart war das Schicksal und sein Lebensweg. Aber wir müssen uns, so hohl , wie das klingen mag, damit abfinden, denn uns bleibt nur eine gute Erinnerung an ihn. _ Post kam gestern überhaupt nicht an. Es steht also heute welche in Aussicht, wenn ich Glück habe. Ich lege Dir heute eine neue Päckchenmarke mit bei. Es steht ja alles darauf. Ich bitte Dich aber, warte doch noch einige Tage zu, bis ich Dir wieder schreibe, ob es auch lohnt, daß Du mir etwas zuschickst. Es ist doch so, daß wir hier alles mit uns herumtragen müssen. Vielleicht tritt doch irgendwie eine Änderung ein, dann hätte ich das alles am Hals. Hebe sie mit auf, bis ich Dir Bescheid gebe.  Lasse Dich und die Kinder recht herzlich grüßen. Viele liebe Küsse füge ich Dir bei und bin immer 

Dein Ernst

Brief 595 vom 10.12.1944


Mein liebstes Mädel, unser liebes Mutterle !                                                                10.12.44  

Mein letzter Brief war etwas kurz, aber erstens reichte es mir mit der Zeit nicht, und dann hatte ich die Absicht, mich etwas auszuruhen. Mit dem Ausruhen ist es dann nichts geworden, denn es gibt immer soviel Kleinigkeiten  zu erledigen, daß man froh ist, wenn man alles geschafft hat. Wenn man hier auch keine Ansprüche auf Komfort legt, aber die Bude will man doch wenigstens warm haben.  Wir haben doch auch unsere Luftveränderung, einen neuen Bunker bezogen, und da mußte erst einmal der Ofen in Ordnung gebracht werden. Erst mußten wir uns ein Rohr besorgen, was schon ein großes Kunststück ist, denn jede Einheit, die in eine solche Stellung kommt, die grast das Gelände ab und nimmt mit, was nur irgendwie verwendbar erscheint. Als wir das Rohr hatten, haben wir es mit ziemlicher Mühe zusammengebracht. Das Feuermachen schien eine Kleinigkeit, denn Holz und Koks hatten wir schon besorgt. Aber kaum war das Feuer angezündet, da qualmte der Ofen aus allen Fugen. Daraufhin haben wir erst einmal Kalk anrühren müssen, um sämtliche Löcher zuschmieren zu können. Das nutzte herzlich wenig, denn jetzt drückte es den Rauch zur Ofentür hinaus. Wir waren nun der Meinung, daß es am Kamin liegt. Also wurde der umgebaut. Der Qualm war aber unverändert in der Bude und warm wurde es auch nicht. Daraufhin haben wir den Abzug nochmals umgeändert, doch das Ergebnis war das gleiche. Später hatte ich es doch soweit gebracht, daß unser Rohr glühte und unser Bunker einigermaßen überschlagen wurde. Heute früh wollten wir nun einen Bunkerofen anbauen und dieser mußte  abgelassen (?) werden. Nur unter Aufbietung meiner ganzen Überredungskunst gelang es mir, bis heute früh zu warten. Ich hatte die Absicht, das Feuerungsloch abzuändern, damit dieser Ofen mehr Zug bekommt. Unser Feldwebel fing schon heute früh bald an zu werken, so daß ich auch aus der Falle heraus mußte. Ich habe dann den Ofen nochmals untersucht und mußte dabei feststellen, daß das Abzugsrohr vollkommen im Sand stand. Damit war ja die Ursache zur Behebung des Schadens erkannt. Du kannst Dir vorstellen, wie froh wir waren, daß wir nun unseren Ofen anheizen konnten und nicht mehr in einem kaum durchwärmten Bunker zu sitzen brauchten Jetzt habe ich es soweit, das schon alles die Feldblusen auszieht, weil es sonst zu warm ist. Sowas gehört nun zu den Alltagssorgen des Grabenmenschen. Aber nun muß ich mich schnell für Deinen lieben Brief Nummer 108 bedanken, den ich gestern Abend erhielt. Es hat mir vor allem Freude gemacht, wenn Du mir schreiben kannst, daß unsere Jörg sich in seiner Freizeit nützlich gemacht hat und Dir im Wald Holz besorgte. Das kann man in dieser Zeit doch sehr brauchen. Daß er sich im Ried gern aufhält, das kann ich mir gut vorstellen, denn so was ist doch für Jungens ein wahres Paradies. Aber trotz allem muß er Obacht geben, damit er nicht einmal stecken bleibt. Du warst auch wieder recht fleißig und hast für unser Mädel einen neuen Mantel gebaut. Wo hast Du denn den Lodenstoff her? Ist das noch der Mantel von Deiner lieben Mutter? Da wird sie froh sein, wenn sie wieder etwas Neues anzuziehen hat. Ja, die beiden Stromer wachsen aus allem heraus und dann muß man schließlich berücksichtigen, daß sie kaum ein Stück bekommen haben, das ganz aus neuem Stoff wäre. Aber dank Deines Geschicks sind sie immer ordentlich angezogen gewesen und man hat wohl kaum den Eindruck gehabt, daß diese Sachen zusammengestoppelt sind. Daß Du mit den Zigaretten hast aushelfen können, hat sich doch für Dich ganz schön gelohnt.  Wenn es den Leuten nichts ausmacht mit dem Brot, dann ist es Dich doch gewiß eine Hilfe gewesen.  Ich sende Dir und den Kindern recht viele liebe Grüße und küsse Euch alle Drei recht fest. Bleibt immer recht gesund für Euer Vaterle und 

Deinen Ernst.

Brief 594 vom 9.12.1944


 Mein liebster Schatz !             9.12.44 

Es kann heute nur ein kürzerer Gruß sein, da ich mich noch etwas auf das Ohr legen muß. Ich habe einen längeren Marsch hinter mir, der die ganze Nacht gegangen war. Dann hatten wir uns hier einzurichten, so daß ich mich, bevor der Nachtdienst beginnt, noch etwas schlafen lege. Du bist ja in letzter Zeit doch ziemlich verwöhnt worden. Ich habe Dir doch immer ganz schön lange und ausführliche Briefe geschrieben, so daß Du wohl auch einmal mit einem kürzeren Schreiben vorlieb nimmst. Ich lege Dir heute noch eine Karte bei, die Du mit der richtigen Anschrift bitte versiehst und dann absendest. Ich will einmal sehen, ob ich darauf Bescheid bekomme.  Ich erhalte wohl damit nichts mehr, aber damit bekomme ich Ordnung in diese Geschichte.  Ich grüße Dich recht herzlich und bitte Dich, zu entschuldigen, wenn ich schon abbreche, denn ich bin tatsächlich etwas abgespannt. Bleibt gesund und laßt Euch herzlich und vielmals grüßen und oft und herzlich küssen von Deinem immer an Euch denkenden 

Ernst.