Sonntag, 30. Juni 2019

Brief 550 vom 28.06.1944


Mein lieber guter Schatz!                                                                        28.6.44

 Mit meinem heutigen Brief kann ich Dir den Eingang von 4 Briefen bestätigen, die gestern Abend von Dir eingingen. Außerdem erhielt ich noch drei Zeitungssendungen.  die mich ebenfalls erfreut haben. Über die ersten mitgesandten Bilder habe ich mich mächtig amüsiert. Sie sind alle samt und sonders gut gelungen und recht treffende Momentaufnahmen. Das war doch eine kraftvolle Bombe, die Du in die Luft gejagt hast. (Es ist das Bild, wo meine Mutter den Fußball kickt) Du siehst ihr selbst ganz erstaunt nach. Daß ich Dir auf dem einen Bild eine Fratze schneiden wollte, das ist mir zwar  gar nicht mehr in Erinnerung, aber wenn Du es noch weißt, dann wird es wohl so sein Die aufnahmen von meiner gärtnerischen Tätigkeit sind auch gut geworden. Ich muß ja überhaupt sagen, daß Deine fotografischen Fähigkeiten innerhalb unserer Familie unangefochten dastehen.  Auch die anderen Bilder von dem unvergesslichen Nachmittag auf der Wiese im Wald sind sehr nett, denn sie spiegeln so richtig die frohe Stimmung wieder, die bei uns dabei herrschte. Sie werden uns immer eine dauernde Erinnerung an diese Urlaubstage sein und bleiben. Die anderen Bilder werden ja in den nächsten Tagen auch ankommen, auch auf diese bin ich wieder gespannt. Wie gesagt, ich bin recht zufrieden damit. Wenn zwei nichts geworden sind, so ist das nun einmal so, daß man mit solchen Ausfällen rechnen muß. Im allgemeinen sind sie einmal etwas anderes wie sonst und das macht sie wieder interessant.
In einem dieser Briefe erwähnst Du, daß es wohl nicht so üppig zuginge. Im Gegensatz zu Griechenland sind die Mahlzeiten reichlicher bemessen. Auch im Zubrot komme ich ganz gut hin. Das liegt wohl auch mit daran, daß wir ab und zu uns extra etwas besorgen. Gestern erhielten wir jeder acht Eier und ein Viertel Butter. Alles zusammen kostet zwar sechs RM, aber das hilft ja alles mit, die normale Verpflegung aufzubessern. Wie ich Dir schon einmal schrieb, Gedanken mußt Du Dir nicht um mich machen, denn ich helfe mir schon.
Wenn Du Deine Briefe nicht mit Tinte schreibst, so macht mir das wenig aus, im Gegenteil, denn ich weiß, daß Dir das eine gewisse Erleichterung verschafft., dann man zu. Aber ich habe ja schon kürzlich darauf hingewiesen, daß Du ebenso mit der Maschine schreiben kannst, wenn Dir das leichter ist.  Vater soll doch noch einmal in Freiburg nachfragen, wenn die Rentenangelegenheit noch nicht erledigt sein sollte. Er muß es nur nicht gar zu lange hinausschieben, denn es könnte vielleicht der Eindruck entstehen, er braucht es nicht. _ Deine Frage wegen der Ruhe nach der Sauna ist wohl berechtigt, aber die Ruhe danach kommt mir nicht in Frage. Wenn die Badezeit herum ist, dann geht es eisern weiter mit dem Dienst. Schöner wäre es zwar anders, aber man muß sich eben in die Verhältnisse schicken. Daß wir nicht so zum Schlafen kommen, ist wohl bei den dienstlichen Anforderungen nicht anders durchführbar, aber etwas stellt sich der Körper auch darauf um.  Daß sich die Kartoffeln so gut herausgemacht haben, ist ja sehr erfreulich. Dann kannst Du doch immerhin mit einer ordentlichen Ernte rechnen, wenn sic h nicht sonst etwas ereignet. Die Erdbeeren leiden eben gleich unter dem vielen Regen. Vielleicht hat sich das Wetter doch noch soweit gemacht, daß Du immerhin noch einiges davon ernten konntest.
Daß Du nun Deine Sommerschuhe erhalten hast, ist Dir selbst wohl auch eine Beruhigung. Dadurch ist es Dir doch möglich, die anderen Schuhe zu sparen, denn es wird ja immer schwieriger statt leichter.
Unser kleiner Ingenieur hat sich also wieder einmal ein Geschütz gebaut. Nach Deiner Zeichnung muß es ganz ordentlich geworden sein. Das ist nun einmal sein Element. Da kann er sich stundenlang damit beschäftigen.  Basteln und Zusammenbauen, da kann er seine Erfindungsgabe frei spielen lassen. Es ist gut, daß er da immer freien Spielraum hat, um seine Ideen zu entwickeln.
Erwähnen will ich noch, daß ich gestern an Dich ein Päckchen Nummer 3 abgesandt habe. Ich teilte Dir ja schon vor einigen Tagen den Inhalt mit. Nachdem ich gestern von Deinem Vater einigen Bindfaden erhielt, konnte ich es fertig machen. Ich hoffe, daß es gut in Deine Hände kommt. Es sind verschiedene Kleinigkeiten, für die Du Verwendung haben wirst. Die übrigen noch zu beantwortenden Dinge, erledige ich mit meinem nächsten Brief. Dich und die Kinder grüße ich recht herzlich. Viele liebe Küsse schließe ich an und bin wie immer Dein Ernst.
Stelle doch bitte vorerst einmal die Zusendung von Feldpostbriefen ein, denn ich habe schon zuviel davon hier, was mich belastet. Ich schreibe dann schon wieder einmal darum.



Dieser Brief wurde erst am 24.07. eingeworfen und der nächste datiert tatsächlich erst vom 01.09.1944.


Brief 549 vom 22.06.1944


Du mein liebstes Mädel!                                                                        22.6.44     

Recht mächtig habe ich mich gefreut, als ich heute früh Deine beiden Briefe vom 6. und 7.6. sowie Deine drei Zeitungssendungen erhielt. Ich habe wieder aus Deinen Zeilen ersehen können, daß Ihr wohlauf seid und daß es Euch den Zeitumständen entsprechend geht. Von Deinem Vater erhielt ich den Rundbrief 14. Das war alles zusammen eine willkommene Abwechslung. Ich hatte zwar reichlich Beschäftigung, denn wie ich Dir gestern schon mitteilte, ist für mich wieder einmal der Waschtag herangekommen. Das muß nun einmal sein. wenn man nicht ganz und gar verludern und verdrecken will. Es ist nur schade, daß man die Sachen nicht bügeln kann. Wenn ich die Sachen auch nicht kochen kann, es hilft mir das heiße Wasser doch recht viel. Wenn, wie heute, die Sonne scheint, dann kann ich die Sachen bleichen lassen, dann kommt das schon so einigermaßen hin. Das Wetter ist seit einigen Tagen etwas beständiger geworden, so daß man tagsüber recht ins Schwitzen kommen kann. Nachts ist es aber trotz der Wärme am Tage beträchtlich kühl. Man muß sich öfter umziehen, um die jeweils gemäße Kleidung anzuhaben. Der laufende Dienst zwingt ja dazu, daß man auch damit seine Ordnung hat, denn am Tage kann man die dicke Feldbluse nicht ragen, da nimmt man dann den Drillichrock, für die Nacht braucht man schon die dicke re Bluse und den Pullover.
Ich kann Dir nur sagen, daß ich über das Verhalten von Resi sehr erstaunt bin. Die Bindungen waren früher nicht schlecht, aber doch recht lose und das besonders in letzter Zeit. Jetzt mit einem Male läßt sie das aufleben, was einem schon in Verwunderung versetzen kann, weil es so plötzlich geht. Mit selbst ist das schon wegen Dir sehr recht, wenn Du dadurch etwas Ablenkung und Abwechslung erfährst. Daß sie Dich zum Strümpfe stopfen einlädt, ist doch ganz nett. So sitzt du doch nicht Abend für Abend allein daheim oder hast als einzigen Unterhalter Vater da. Etwas kannst Du Dich doch bei den Arbeiten auch unterhalten. Was vor allem gut ist, ist, daß sie nicht so weit weg von uns wohnt, dann bist Du doch bei Alarm oder überhaupt bald wieder daheim. Helga und Ingrid sind ja z.Zt. so Clowns, die ich mir gut vorstellen kann, wenn sie ihren Verkleidungsnachmittag haben. Ich denke nur daran, wie wir sie im Wagen nach Wollmatingen fuhren und wie sie immer etwas zu ?  hatten, und wie plötzlich trat die Ernüchterung ein, als sie aus dem Wagen fielen, als er umkippte. Daß Vater sich über meinen Brief gefreut hat, ist ja recht und das sollte ja schließlich auch der Zweck sein.   Du erwähnst, das Wollgras in Deinem letzten Brief. Ich habe schon einige Tage wieder ganz aufgeblühtes Wollgras in meinem Notizbuch, das ich Dir heute mit zusenden kann. Es sieht sehr schön aus. die Wiesen haben große weiße Flecken, wo das Gras blüht. Es sieht schön aus.  Mit dem zusätzlichen Essen hast Du ja vollkommen recht. Es ist wiederholt vorgekommen, daß wir hier Quark erhalten haben. Den kann man mit Ei und Zucker anrühren, dann hat man ein kräftiges Zubrot, damit kann man wieder seine Butterration sparen und man hat doch etwas anderes im Magen. Jetzt haben wir wieder Gelegenheit gehabt, Öfter Magermilch zu bekommen. Das trifft dann fest einen Liter pro Mann. Ich habe mir jetzt einige Male die Hälfte davon sauer werden lassen, das ist dann auch ein prima Essen mit trockenem Brot. Man muß sich die Sachen nur recht einteilen.
Wie ich aus Deinem Schreiben entnehme, sind die großen Ferien diesmal recht reichlich bemessen, allerdings unter der Berücksichtigung dessen, daß die Pfingst- und Herbstferien ausfallen. Wenn das so ist, dann kann Jörg wohl getrost einige Zeit mit zu dem Lager nach dem Vorarlberg gehen, denn dann hast Du ihn ja noch eine Weile daheim. Der Auszug aus Doberlug  ist nun doch noch angekommen. Das Geld ist allerdings schon von mir ausbezahlt worden. Ich sandte es seinerzeit von Athen nach dorthin. Wir müssen einmal sehen, daß wir vielleicht dort noch eine Urkunde anfordern können. Ich nehme jedenfalls an, daß Du das Geld inzwischen nach dort gesandt hast.
An Deinen Vater habe ich vor einigen Tagen ein Päckchen mit Tabak und heute auch wieder eins abgesandt. Das hat mir 10,RM gekostet. Nun habe ich hier wieder eine Menge Tabakwaren, die mir viel Geld kosten, was ich nicht habe. Ich habe vielleicht an 60,RM ausgegeben, die ich mir besser für Verpflegung kaufen einsetzen könnte. Ich kaufe diese Sachen gern, weil ich weiß, daß ich damit jemand eine Freude bereiten kann. Aber hier ist das doch schwierig mit dem Geld, vor allem, wo doch mein Wehrsold jetzt sowieso viel knapper bemessen ist wie früher. Denn ich erhalte ja jetzt nur noch die Hälfte von dem, was ich früher bekam. Ich weiß nun nicht, soll ich das Deinem Vater in Rechnung stellen oder was rätst Du mir zu tun. Auf alle Fälle bitte ich Dich, daß Du mir so nach und nach 30/40 Rm zusendest. Stecke sie in Deine Briefe in Raten, denn auf die Dauer komme ich sonst nicht aus. _ Ich lege Dir heute einige Marken mit bei, die Du jetzt nach Belieben verwenden kannst. Ich glaube, daß das so ziemlich alles wäre, was ich Dir heute zu erzählen hatte. Ich hoffe Euch meine Lieben immer gesund und füre meinen Zeilen wie immer recht herzliche Grüße und viele liebe Küsse bei. In treuem Gedenken Dein Ernst. Liebste Frau, meine liebste Annie! Auch der heutige Sonntag hat wenig Änderung in unserem täglichen leben gebracht. Nach Mitternacht kan ich von der Streife nach hause und um 4 Uhr mußte ich schon wieder auf Posten stehen. Das geht hier so hier wie an Wochentagen. Kleine Erlebnisse und Beobachtungen bringen hier eigentlich die Abwechslung im täglichen Einerlei. Radio oder Kino haben wir ja nicht, was uns etwas ablenken könnte.  Andererseits ist es so, daß man froh ist, wenn man sein Bisschen Freizeit dazu verwenden kann, um die immer anfällige Post zu erledigen und daß man das, was noch übrig bleibt in Schlaf anlegt. Bei der Eigenart des Postenstehens läßt es sich einrichten, daß man hin und wieder aus der Zeitung einen Abschnitt lesen kann, doch diesen Posten steht man ja nicht regelmäßig, aber man hat immerhin Zeit, daß man sich darauf einrichten kann. Heute früh hatte ich von meinem Standort aus beobachtet, wie ein Elsternpaar (denkst Du noch an die Libelle, wie jener kluge Leipziger einmal sagte ?) in meiner Nähe immer hin und herflog und ihr nicht gerade schönes Gekreisch ertönen ließ. Diese Biester gibt es hier ja in rauen Mengen. Außerdem sind sie ja im Zusammenleben mit der anderen Vogelwelt nicht besonders nützlich. Bekanntlich sind sie ja Nesträuber. Als die eine der Beiden in Schussnähe kam, hatte ich erst einmal angelegt, um sie abzuschießen, doch bis ich mein Gewehr entsichert hatte, flog sie wieder weg.  Doch kurze Zeit danach kam sie noch näher zu mir heran und sie setzte sich auf ein Telegrafenmast. Ich hatte mein Gewehr sofort in Anschlag gebracht und Knall, hatte ich sie getroffen. Sie kugelte durch die Luft und plumpste herunter. Das war auf eine Entfernung von 30 m. Wie es scheint, ist es mit meiner Schießerei doch nicht so schlecht bestellt, wie ich mir immer einbilde. Es ist dies mein erstes Tier, das ich abgeschossen habe. Man spricht von einem Jagdfieber, was einem da packt. Wenn das die Spannung ist, die einem packt zwischen Anlegen und Abschießen, so muß ich sagen , daß das ein eigenartiges Gefühl ist, denn wenn man sich schon einmal dazu entschlossen hat, zu schießen, dann will man ja auch treffen. Man lebt dann in dem Glauben, daß der Vogel gerade in dem Moment wegfliegt, wenn man abdrückt. Ich weiß nicht, ob das allen Menschen so geht, doch ich konnte mich dieses Gefühls nicht erwehren. Vor einigen Tagen saß etwas weiter von diesem Standort aus ein Hase in meiner Nähe. Ich hatte auch die Absicht, ihn zu schießen, damit man einmal seine Mahlzeit strecken kann. Aber von mir aus gesehen kam unglücklicherweise ein Schienenfahrzeug, so daß ich diesen Schuss unterlassen mußte. Du mußt nun nicht denken, daß mich jetzt die Jagdleidenschaft packt. Aber immerhin, für mich war es ein Erlebnis. Schade ist nur, daß man die Elster nicht essen kann, oder besser gesagt, daß es sich nicht lohnt, sie fertig zu machen. Am Vormittag war ich nun noch arbeiten und über die Mittagszeit hatte ich wieder Streife und nachdem ich mein Mittagessen fertiggemacht hatte, habe ich seit etwa 16 Uhr Freizeit. Um 20 Uhr geht es wieder auf Streife, so daß ich auch diesen Sonntag herumgebracht habe.
Ich habe wieder einige Kleinigkeiten bekommen, so daß ich in meinem Päckchen Nr. 3, was ich schon seit einigen Tagen vorbereitet habe, einige kleine Umgruppierungen vorgenommen habe Ich habe zwei Zahnbürsten erhalten und auch etwas Zahncreme. Eine von den Bürsten hebe bitte für mich auf. Die andere kannst Du bei Eintreffen und Bedarf verwenden. Es mangelt mir nur an Bindfaden, dann könnte es schon längst weggehen. Ich denke aber, daß von Deinem Vater bald etwas ein treffen wird, denn ich hatte ihm kürzlich darum geschrieben. Ich habe auch noch allerhand Rauchwaren hier liegen, die ich gern lossein will. Man weiß ja nicht, was plötzlich kommen kann, dann möchte ich mein Lager gern geräumt haben. Die Ereignisse hier in unserer Gegend sind ja nach dem Wehrmachtsbericht auch nicht gerade rosig anzusehen. Das Gedonner ist ja auch seit einigen Tagen recht deutlich zu hören, doch die Zuversicht brauchen wir trotz allem noch nicht verlieren. Ich grüße Euch Drei und auch Vater recht herzlich. Laßt es Euch wohl gehen und bleibt nur immer gesund. Meine Gedanken lenke ich täglich zu Euch, denn mit Eurer Umgebung bin ich so vertraut und verwachsen, daß mir alles gegenwärtig ist. Dir mein Schatz schnipse ich einen lieben Kuss zu und gebe noch einen festen Schmatz drauf, den Kindern ebenfalls. Das ist immer Dein Ernst.

Brief 548 vom 21.06.1944


Du mein liebster Schatz!                                                   21.6.44      

Das ist in den vergangenen Tagen ein Betrieb bei uns. Ich bin einfach nicht zu Schreiben gekommen. Wenn ich heute Abend nicht wieder Wache bei uns im Pumpwerk hätte, dann würde es mir auch zu diesem Brief nicht reichen. Die Kleider bekommen wir schon seit über einer Woche nicht mehr vom Leib herunter. Die Schuhe dürfen wir nicht ausziehen, der Dienst geht in solch scharfer Form, daß wir kaum zum Schlafen kommen. Seit vorgestern früh, das sind 60 Stunden, haben wir etwa 8  9 Stunden geschlafen. Wenn es gut geht, dann kann ich in dieser Nacht vier Stunden mich hinlegen. Durch erhöhte Alarmbereitschaft ist es schon wiederholt vorgekommen, daß wir von unserer Streife nicht abgelöst werden konnten und daß wir, nach dem wir über sechs Stunden Nachtstreife gestanden hatten, gleich zur Tagesstreife mit einer Stunde Zwischenpause übergehen mußten. Am Tag war auch keine Zeit zum Schlafen, aber ich muß schon sagen, daß mir von dem stundenlangen Marschieren auf den Eisenbahnschwellen die Füße doch schmerzen. Vielleicht gibt sich das in einigen Tagen, denn das muß man nun einfach überstehen. Ich habe zwar einiges vor für die Zeit der Wache hier im Pumpwerk, denn meine Wäsche ist auch wieder dran, denn ich kann ja nicht wie ein Igel herumlaufen. _ Außer Deinem Luftpostbrief vom 11., den ich vorgestern erhielt, habe ich seit einiger Zeit keine Post mehr von Dir erhalten. Die gegenseitigen Besuche mit Resi scheinen sich wohl einzuspielen. Ich freue mich nur, wenn Du Dich dabei etwas nett unterhalten kannst und Dich schließlich auch etwas ablenkst. Auch die Kinder haben ja etwas davon, denn ich muß sagen, Ingrid mag sonst sein wie sie will, aber Helga hat doch in ihr so die einzige Spielgefährtin. Jörg hat es ja etwas leichter, denn mit den Jungens auf der Straße kommt er doch ganz gut hin. 
Ich teile auch durchaus Deine Ansicht, daß es jetzt das Wichtigste ist, daß ich an einem Offizierslehrgang teilnehme. Wichtiger ist, daß ich gesund wieder zu Euch zurückkehren kann. Das habe ich auch in ähnlicher Form in meinem Brief an Nannie zum Ausdruck gebracht, denn es ist ja nicht ausgeschlossen, daß Paula ihr Mitteilung gegeben hat von dem, was ihr Vetter davon erzählt hat. Ich habe gleich vorgebeugt, denn es kann ja möglich sein, daß sie es wieder zurückschreibt. Mit den Fotos warte ich selbstverständlich solange, bis sie fertig sind, denn ich kann ja nichts beschleunigen. Ich hoffe, daß es mir möglich ist, morgen wieder zu schreiben. Ich wollte Dich aber nicht unnütz warten lassen, denn Du sollst doch bald wieder Nachricht von mir bekommen.
Dir, den Kindern und Vater einen recht herzlichen Gruß. Euch Dreien aber jedem einen herzlichen Kuss von Deinem Ernst.

Brief 547 vom 18.06.1944


Mein geliebter Schatz!                                                                         18.6.44               

Es ist sonnig, und ich habe wieder einmal die Ehre gehabt, das Pumpwerk der Eisenbahn bewachen zu dürfen. Binnen kurzer Zeit werden wir abgelöst wer den. Vorher will ich aber noch die restliche Zeit dazu benutzen, um meinen Brief an Dich anzufangen. Schön war es heute hier deshalb, weil wir diesmal recht sonniges Wetter hatte, was die ganze Angelegenheit doch viel freundlicher gestaltet. Wenn wir auch unsere Sachen nicht während unserer Freizeit ausziehen dürfen, damit wir jederzeit einsatzbereit sind, do ist das ganze, von der Nacht zwar abgesehen, so eine Art Erholung. Die letzte Nacht war es hier ziemlich unruhig, weil der Iwan verschiedene Städte in unserer Nachbarschaft heimgesucht hat. Unter anderem auch die Großstadt, in der ich mich vor meinem Eintreffen hier aufhielt. Es war wieder einmal ein mächtiger Feuerzauber am Himmel, aber das sind ja Sachen, die in der Heimat zur Genüge bekannt sind. Vielleicht wird diesem Treiben in der Heimat nun auch ein Ende gesetzt. Durch die Ereignisse im Westen ist doch in gewisser Hinsicht eine Minderung der Einflüge zu beobachten. Wie lange das anhält, kann man noch nicht voraussehen. Wie auch alles sei, die jetzt eingeleiteten Kampfhandlungen geben doch allen Deutschen wieder einen neuen Auftrieb und aus dem untätigen Abwarten sind wir doch nun wieder mit Gegenaktionen auf dem Plan.
Du schriebst einmal auf meine Mitteilung, daß Du das nicht verstehen kannst, wenn jemand 75 RM für ein kg Butter bezahlt. Wenn man die Dinge von der Heimat aus betrachtet, dann ist dieser Standpunkt durchaus richtig. Die Verhältnisse im Ausland sind aber kaum mit denen in der Heimat zu vergleichen oder doch nur mit denen, die für den Schwarzen Markt überall gelten. Du mußt hier, wie ich schon einmal schrieb, für ein Ei 1,50 RM bezahlen. Dagegen erhält man für ein Stück Kriegsseife  3 Eier. Die Seife kostet doch daheim etwas über 10 Pfennig. Für ein Brot bekommt 8/9 RM, für eine Rolle Bonbons kann man 2 Eier und für 3 Zigaretten ebenfalls 2 Eier tauschen. Wenn man dann die anderen Preise dafür betrachtet, so hält sich alles in einem gewissen Rahmen. Man kann die Preise aber nur von dieser Seite ansehen, weil schließlich keine geordneten Verhältnisse sind, wie wir sie in der Heimat kennen. Ich dachte, daß ich Dir das einmal mit schreiben muß, auch schon deshalb, damit Du nicht denkst, ich würde diesen Unfug der Preisüberteuerung mitmachen. _ Wenn man hier so draußen ist, dann hat man immer Gelegenheit, etwa das Wachsen zu beobachten. Radieschen gibt es jetzt hier auch. Die Kartoffeln und die Bohnen kommen jetzt heraus. Das Getreide steht dagegen ganz schön da. Hier geht das Wachsen im Grunde genommen schneller vonstatten wie bei und. Die Leute haben vor einigen Tagen hier Kraut gesetzt. Die Stare, die hier in diesem Pumpwerk nisteten, haben ihre Brut inzwischen schon flügge. Die machen sich nicht viel aus den Witterungsgebilden. Die Störche, die es hier wieder in größerer Anzahl gibt, sind mit der Aufzucht ihrer Jungen auch bald soweit. Man lebt in dieser Beziehung noch stärker mit der Natur, doch das hängt wohl mehr damit zusammen, daß man hier mehr Gelegenheit und Zeit zum Beobachten hat.
An Nannie habe ich heute auch geschrieben. Ihren Brief lege ich Dir zur Kenntnis bei. Ich hatte Dir ja schon mitgeteilt, in welchem sinn ich ihr antworten würde. Das habe ich nun heute getan.
Als ich von der Wache heimkam, fand ich auch heute keine Post vor. Es ist zwar allgemein wenig eingetroffen. Das sind aber hin und wieder Störungen, mit denen man rechnen muß.
Ich grüße Dich und die Kinder recht herzlich. Nimm einen recht lieben und herzlichen Kuss entgegen von Deinem Ernst.

Brief 546 vom 17.6.1944


Mein liebstes Mädel!                                                    17.6.44      

Von Dir habe ich keine Post zu beantworten, denn ich habe gestern nichts erhalten. Es ist nun wahrscheinlich, daß mit der morgigen Abendpost etwas ankommt. Ich muß mich darum wieder mehr oder weniger auf das Tagesgeschehen beschränken, denn es liegt sonst nichts weiter vor. Jetzt hatte ich einen Brief an unseren Jungen beendet, denn er soll doch, nachdem er mir pünktlich geschrieben hatte, auch dafür belohnt werden. Mir war es eine Freude, wie er noch in einer kindlichen Art, aber doch schon recht fließend, von dem berichtet, was er auf seiner Fahrt erlebt hatte. Zu der Frage, ob er am Jungzuglager teilnehmen darf, habe ich schon Stellung genommen. Ich schrieb Dir ja schon in einem meiner letzten Briefe davon, wie ich dar über denke. Ich will nur nicht haben, daß er während der großen Ferien überhaupt nicht daheim zu sprechen ist, denn Du wirst auch über ihn mit verfügen wollen. Ich nehme an, daß Du mir darüber noch schreiben wirst. Es braucht ja noch einige Zeit, bis das soweit ist. Wohin soll denn die Fahrt gehen? Das würde mich auch interessieren.
Gegenwärtig haben sich in den letzten Tagen Dinge entwickelt, die für den Ausgang des Krieges nun eine entschiedene Bedeutung haben werden. Die Landung, an die ich immer glaubte, ist erfolgt. Gestern ist nun die Vergeltung oder besser gesagt, die Einleitung dazu gestiegen. Hier bei uns hat das allgemein große Genugtuung hervorgerufen und ich glaube auch an einen Erfolg dieser Maßnahmen. Wenn auch auf der Feindseite jetzt ein grässliches Gezeter anfängt, so werden wir unseren beschrittenen Weg weitergehen und ein Erfolg wird uns dann auch nicht versagt bleiben. Diejenigen, die unter dem Bombenterror gelitten haben, werden wohl sehen, daß ihren berechtigten Rachegefühlen entsprochen worden ist. Dem Glauben an unsere Stärke wird auch hie und da wieder etwas nachgeholfen werden, soweit das in einzelnen Fällen notwendig war.
Ich lege wieder einige Sachen zum Rücksenden bei, damit ich mich hier nicht über ein normales Maß unnötig belaste. Ich habe hier Machorka kaufen können, den ich jetzt mit verpackt habe, um ihn an Deinen Vater abzuschicken. Ich hoffe, daß er diesen russischen Tabak auch rauchen wird, wie ich es im empfohlen habe. Ich habe jedenfalls teures Geld dafür bezahlt. Auch für Dich habe ich ein Päckchen mit verschiedenen Kleinigkeiten vorbereitet. Es ist eine Büchse mit Hautcreme, dann ein Glasteller, etwas Kopfwaschpulver , einen kleinen Blechnapf und einige Zigaretten oder Stumpen.  Hoffentlich kommt dann alles gut an. Es sind alles keine Raritäten, aber ich nehme an,daß Du dafür Verwendung haben wirst.
Mit dem Wetter kann man hier eine große Pleite erleben. Wenn man hier auf Wache oder Streife geht, die sich über einige Stunden erstreckt, dann weiß man nie, ob man noch trocken heimkommt. Es kann aber auch passieren, obwohl wir in der warmen Jahreszeit leben, daß man ins Bett steigen möchte und keine warmen Füße erhält. Dabei haben wir den Pullover an und die dicken Bekleidungsstücke. Außerdem ziehen wir mit Mantel und Zeltbahn los. Klimatisch ist es hier im Gegensatz zur Ukraine ein großer Unterschied. Man kann sich das nicht so recht vorstellen. Seit Tagen dürfen wir hier unsere Sachen nicht mehr ausziehen. Die Kleider und Stiefel müssen wir anbehalten, wenn wir uns auf unsere Falle legen, ein Zustand, den man mit der Zeit auch gewohnt wird. Wie lange das so anhält, müssen wir sehen, aber vorerst wird es wohl so bleiben.
Dich und die Kinder grüße ich recht herzlich. Richte auch an Vater einen herzlichen Gruß aus. Du und die Kinder küsse ich in Liebe, leider nur wieder auf weite Entfernung. Denke du auch, wie sonst, immer an Deinen Ernst.


Sonntag, 16. Juni 2019

Brief 545 vom 16.06.1944


Du mein liebster Schatz !                                         ohne Datum, vermutlich 16.6.    

Das ist doch nahe zu toll mit dem Wetter. Gestern konnte ich Dir doch berichten, daß wir schönes und Sonntagswetter hatte. Über Nacht hat sich das geändert. Auf unserer Streife, die gleich nach Mitternacht anfing, bekamen wir schon das erste Nass ab. Heute über die Mittagszeit waren wir wieder auf Streife, da sind wir so richtig zugedeckt worden. Auch jetzt, in den Nachmittagsstunden, sieht es noch nicht sehr verheißungsvoll aus. Heute Abend get es wieder auf Streife bis gegen Mitternacht und dann morgen am Tage sind wir auch zweimal dran. Die Strecke, die wir immer zu begehen haben, kenne ich nun schon in und auswendig. Das ist aber im Interesse der Aufrechterhaltung der Transportwege notwendig und darum findet man sich auch ohne weiteres hinein. Seit gestern hat sich bei uns eine starke Umstellung des Dienstbetriebs ergeben. Unsere Ausbildung ist für einige Zeit an den Nagel gehängt worden, weil jetzt aufgrund besonderer Umstände verstärkt Streifendienst gegangen werden muß. Mit der Tageseinteilung kommt man dabei ganz aus dem Konzept.  Frühstück haben wir nach 10 Uhr eingenommen und Mittag essen konnten wir gegen 15 Uhr. Das Abendessen ist für uns zur normalen zeit und wie sich das am folgenden Tag gestaltet, das ist immer ungewiss. Das sind aber Sachen, die man vorerst aushalten kann. Wenn sie sich zu einem Dauerzustand entwickeln sollten, dann wird man sich auch daran gewöhnen.
Vorgestern bekam ich meine in Griechenland liegegebliebene Post. Unter anderem die Antwort auf mein Schreiben an Kurts frühere Einheit, die ich Dir gleich beifüge. Nachdem aus seinem Wehrpass hervorgeht, daß er die Ostmedaille verliehen bekommen hat, ist gegenwärtig eine weitere Verfolgung der Angelegenheit nicht erforderlich. Die Stadtverwaltung hat mir auf mein letztes Gesuch hin auch geantwortet. Ich habe nur den ersten und den letzten Satz einer langatmigen Ausführung meines Freundes Lang gelesen, aus der die Ablehnung zu entnehmen ist. Wenn ich einmal mehr Zeit habe, werde ich auch den anderen Teil studieren. Es sind Auszüge aus Bestimmungen des Reichsinnenministers, die mir schon zum Hals heraushängen, wenn ich diesen Mist nur von Weitem sehe. Das ganze hat ja so ziemlich meinen Erwartungen entsprochen, so daß ich nicht weiter überrascht bin. Außer einigen Zeitungen von Deinem Vater und einer Karte von Alfred erhielt ich noch einige Briefe von Dir, die Du noch dorthin gesandt hattest. Damit ist dieser Tisch auch abgeräumt. _ Aus Deinen Briefen, die ich in der letzten Zeit erhielt, konnte ich ersehen, daß Du auch immer Nachtschicht machtest. Du mußt schon an Dich halten und schon täglich mehr Schlaf einschalten, denn sonst kommst Du mir noch ganz herunter. Ich hoffe, daß das kein Dauerzustand bei Dir ist, und daß Du Dich am Tag öfter einmal ausruhst. Also bitte, beachte meine Meinung und übernimm Dich nicht. Unser Gasmaskendienst wurde vor einigen Tagen wieder einmal aufgenommen. Wir mußten bei sonnigem Wetter längere Zeit erst marschieren und dann Sprünge mache, wobei man japsen mußte wie ein alter Hund. Wenn man das nicht gewohnt ist, dieses in Stellung gehen und dann Sprung auf, dann bleibt einem schon manchmal die Luft weg. Weniger schön dabei ist, daß man den Stahlhelm dabei auf haben muß. Mit der Maske sieht man schon fast nichts und unter dem Helm hört man fast nichts. Da kommt man sich ganz hilflos vor.
Eines ist mir in letzter Zeit aufgefallen. Du schreibst sämtliche Post mit der Hand,. Wenn es Dir eine Erleichterung ist, dann benutze doch die Maschine, denn mir macht das bestimmt nichts aus. Das äußere Kleid ist doch nicht maßgebend, wesentlich und von Bedeutung ist der Inhalt. Mit der Zusendung von Feldpostbriefen bitte ich Dich erst einmal zu warten, denn ich habe jetzt einen genügend großen Vorrat, der mir über die nächste Zeit hinweghilft.
Hast Du eigentlich Bilder von Deinem Vater erhalten, die während unseres Aufenthalts gemacht worden sind. Ich würde mich jedenfalls dafür interessieren, wenn sie etwas geworden sind. Deine Frage wegen der Fotoplatten will ich Dir dahingehend beantworten, daß Du die Platten , denen Du weniger Bedeutung zumisst, ruhig wegtun kannst. Andere, von denen Du meinst, daß man sie vielleicht noch einmal verwenden kann, kannst Du ja aufheben. Da werden sicherlich nicht viel mehr zurückbleiben.  Wenn etwas passieren würde, dann hätten wir schließlich auch nicht mehr davon.
Ich grüße Dich heute recht herzlich. Ich gebe jedem von Euch einen lieben und festen Kuss. In Gedanken bin ich sowieso immer bei Euch. Dein Ernst. 

Brief 544 vom 14.06.1944


Mein liebstes Mädel!                                                       14.6.44    

Obwohl ich gestern und vorgestern Post von Dir bekommen habe, war es mir nicht möglich, Dir gestern einen Brief zu schreiben, denn dazu hatte ich keine Zeit. In der Nacht vorher war ich auf Streife. Kam nach Mitternacht nach hause. 6,30 Uhr war Wecken und nach ¾ Stunden Fertigmachen rückten wir ab. Wir nahmen geschlossen an einem Lehrgang für Panzernahbekämpfung teil. Am Vormittag hatten wir theoretischen Unterricht und am Nachmittag hatten wir dann Gelände sprengen.  Es wurden Sprengladungen und Minen zur Explosion gebracht, was recht interessant war. Zu einer anständigen Mittagspause marschierten wir nach hause, und der Nachmittag war dann auch bis 19 Uhr beansprucht. Als wir nach hause kamen, mußte ich dann gleich auf Wache ziehen. Es ist wieder die Wache, die sich über 24 Stunden hinzieht. Ich habe diesmal dabei Glück, denn ich bin von den 4 Mann Wachhabender, so daß ich nur auf Posten sitzen brauche, während die anderen wechselseitig auf Wache stehen müssen. Wenn es auch mit dem Schlaf in diesem Fall knapp bestellt ist, so muß ich doch nicht bei Runden marschieren. Diese günstige Gelegenheit habe ich gleich wieder benutzt und meine Wäsche in Ordnung gebracht. Wir hatten hier eine Art Waschpulver bekommen, womit ich meine Sachen über Nacht eingeweicht hatte. Das hat den Dreck ganz schön gelockert. Da wir hier immer heißes Wasser zur Verfügung haben kommt es ganz gut hin. Gegenwärtig liegt der ganze Kram auf der Wiese zum Trocknen und Bleichen. Die weißen Sachen sind wieder schön sauber geworden. Man kann direkt den Stolz einer Hausfrau nachfühlen, wenn sie auf ihre Sachen so Obacht gibt. Man merkt aber auch, allerdings muß man hier die erschwerten Verhältnisse  berücksichtigen, daß das Waschen  keine Kleinigkeit ist. Ich will deshalb Dein Mitgefühl, bei dem Du ein spöttisches Lächeln nicht ganz unterdrücken könntest, diesmal mehr als ein fachmännisches und als das eines Kollegen betrachten. Die Grenzen dafür wollen wir aber gleich festlegen. Innerhalb Deines häuslichen Kreises will ich Dir die Krone dieser Würde unumstritten lassen, denn in einem Wettstreit bekenne ich mich geschlagen, bevor es überhaupt begonnen hat,. Ich nehme an, daß Du das nicht gleich als Herausforderung betrachtest Eins ist zwar nicht notwendig, daß Du Dich von meiner Kunst gleich hingerissen zeigst, aber ich glaube auch so, Dich zu verstehen. Mit Deinen Briefen habe ich gestern auch den mir zugesandten Zuckerbeutel erhalten, wie auch das Stückchen Wollstoff. Ich danke Dir dafür. Verwendung werde ich wohl bald wieder dafür haben.
Mit dem Garten hast Du, wie ich aus Deinen Zeilen lese, doch viel Freude, vor allem wo Du jetzt verschiedenes ernten kannst, was doch bestimmt eine beachtliche Hilfe bedeutet. Für mich selbst ist das ja auch eine Beruhigung, wenn ich weiß, daß Euch damit noch manches zuwächst, was man jetzt nicht zugeteilt erhält. Gewundert hat mich Deine Mitteilung über die Unverfrorenheit des Rebholz. Nach der sonstigen Einstellung dieser Familie zu uns ist es doch schon ein starkes Stück, an Dich heranzutreten und von Dir den Rhabarber zu verlangen. Ich weiß, daß Du ihn leider nicht selbst ganz verwenden kannst, weil Du nicht genügend Zucker hast. Es ist schließlich auch besser, wenn er unter die Leute kommt, als daß er bei uns wieder eingeht. Das Geld selbst ic ja heute nicht so von Bedeutung, aber immerhin hast Du einen Teil der Pacht damit heraus, die wir für den Garten zahlen. Es ist ja nun nicht so, daß wir für das Herausholen der Pacht arbeiten müssen.
Über den Brief von Jörg, der auch mit ankam, hatte ich mich sehr gefreut. Er schreibt ziemlich ursprünglich und ich muß ebenfalls zu meiner Freude gestehen, fast fehlerlos. Aus Deiner Mitteilung, daß er einmal aus Heimweh geweint habe, kann man sehen, daß er noch ein kleiner Bengel ist.  Dann war es auch das erste Mal, daß er allein von daheim weg war. Das merkt er eben doch, was für ein Unterschied herrscht, wenn man daheim alles vorgesetzt bekommt und wenn man in jeder Hinsicht bereut wird. Es ist schon ein erster Schritt ins Leben und in die Freiheit, aber wie man sieht, ist auch dieser mit Schmerz verbunden wie vieles Schöne im Leben, was man zum ersten Mal erlebt. Ich muß darum erst einmal mit Dir kurz reden, was Du meinst, ob wir ihn zum Lager des Jungenzuges schicken. An sich möchte ich ihm dieses Erlebnis schon gönnen, doch ich müßte wissen, wie lange das dauert. Ich will nicht haben, daß er nun die ganzen Ferien außerhalb des Hauses verbringt. Wenn es 14 Tage geht, dann würde ich meine Einwilligung dazu nicht versagen. Du selbst würdest ihn ja auch vermissen, wenn er zulange von daheim weg wäre.
Du fragst mich, ob ich zu Resi etwas gesagt habe, daß sie sich um Dich mehr oder besser gesagt kümmern sollte. Weder bewusst noch unbewusst glaube ich davon ein Wort gesprochen zu haben. Ich bin selbst verwundert, wie sie sich an Dich in letzter Zeit anschließt. Trotz der verschiedenen Fehler, die sie hat, ist sie mit von allen Bekannten immer noch die liebste. In mancher Hinsicht geht sie nicht immer ganz aus sich heraus, aber das kann man schließlich nicht verlangen. Denn jeder von uns hat sein eigenes Leben und das muß man respektieren. Daß Du ganz gut mir ihr auskommst, sehe ich wieder aus Deinen Zeilen. Du hast doch wenigstens etwas Ablenkung. Im Grunde ist sie ja auch nicht streitsüchtig veranlagt, so daß man in dieser Richtung wohl keine Bedenken haben braucht. Ich schrieb ja auch schon früher einmal, daß mir der Umgang unserer Helga mit Ingrid deshalb recht ist, weil man weiß, wer die Familie ist, und daß dort alles so seine Ordnung hat. Nach den zwei vorangegangenen Einladungen kannst Du selbstverständlich nicht umhin, sie auch einmal zu Dir zu bitten.  Da hat seine Richtigkeit und ich freue mich, daß Du dabei nicht zurückzustehen brauchst.
Unsere beiden Stromer sind nun auch soweit, daß sie allen ins Hornbad gehen.  Ohne Aufsicht gehen sie doch nicht zu weit hinaus. Ich weiß ja, daß sie im Schwimmen recht sicher sind, aber ich habe immer das Gefühl, daß sie übermütig werden wie das nun einmal so ist. Ich weiß allerdings auch, daß unser Mädel so einsichtig ist und weiß, daß sie sich nicht zuviel vornehmen darf. Wenn es ihnen aber Spaß gemacht hat, dann haben sie ja auch etwas davon gehabt. Daß das Wetter bei Euch so schön geworden ist, entspricht ja an sich auch der Jahrezeit. Hier sind wir auch soweit, daß ich heute den ganzen Tag draußen im Freien und in der Sonne sitzen konnte.  Aber solche Unbeständigkeit des Wetters, wie ich sie hier bisher erlebte, ist mir wohl noch nicht begegnet. Man kann fast an jedem Tag mit Regen rechnen. Dies wird aber durch die vielen Wälder und Sümpfe hervorgerufen, die die hohe Niederschlagsmenge bewirken.
Daß dieser junge Emil Leimenstoll solch qualvolles Ende hatte, das ist doch sehr bedauerlich. Wenn es aber so kommen mußte, dann ist es besser, er hat es überstanden. Denn das langsame Dahinsiechen ist doch schrecklich.
Ich schließe nun für heute und hoffe immer wieder, daß auch Ihr gesund seid. Denn das ist für mich das Wichtigste, alles andere kann man wieder ins Geleise bringen. Aber bleiben wir wie immer voller Zuversicht, das andere wird sich von selbst finden. Herzliche Grüße und viele liebe Küsse sende ich Dir und den Kinder. Dein Ernst.