Montag, 13. Mai 2019

Brief 536 vom 13.05.1944


Du mein gutes, liebes Mädel !                                                                     13.5.44    
      
Gestern war ich den ganzen Tag auf Achse und kam deshalb nicht zum Schreiben. Ich fuhr von Brestlitowsk nach Beranowitsch, um dort die gesuchte Einheit zu finden. Der Zug hielt dort ziemlich lange, so daß ich mir meine Auskunft holen konnte und zur Weiterfahrt nach Minsk in meinen vorherigen Zug einstieg.  Gegen 7 Uhr erreichte ich nach 13 Stunden Fahrt diese Ziel. Es ist an sich eine langweilige Angelegenheit, es ist jedoch anzunehmen, daß mir die kommenden Tage ziemlich kurzweilig gestaltet werden, dafür werden dann die Vorgesetzten schon sorgen. Ich muß es eben hinnehmen, wie die anderen Soldaten, auch wenn es schwer fällt. Der Unterschied macht sich allenthalben bemerkbar. Wenn ich den Unterkünften gedenke und die anderen Vorzüge, die ich bisher genaß trotz aller kriegsnotwendigen Erscheinungen, so kann ich nur feststellen, daß es ein schlechter Tausch ist, den ich eingegangen bin. Hier gab es anscheinend Wanzen im Quartier, doch ich glaube annehmen zu dürfen, daß mir diese Biester nichts machen, denn die anderen Kameraden jammerten alle, während ich nichts merkte. Ich wünsche mir nur, daß es auch ferner so bleibt. Es ist jetzt Frühkonzert.  Die Zeit bis zur Öffnung der Dienststellen benutze ich gleich, um Dir diesen Morgengruß zu senden. Ob die Einheit nun hier liegt, weiß ich noch nicht genau, das erfahre ich erst später. Wenn ich dann meine neue Anschrift bekommen sollte, dann lasse ich sie Dir gleich wissen, damit auch ich nicht allzu lange auf Nachricht von Dir warten muß.  Es interessiert mich ja auch, wie Ihr zurecht gekommen seid, wenn ich auch fest hoffe, daß alles geklappt hat. Da habe ich bei Durchsicht meiner Papiere noch einige Marken gefunden, die Du mir in Leipzig gabst zum Einkauf von Schwarzgebäck. Du kannst sie sicherlich gebrauchen und mir sind sie hier im Wege. Soweit ich Zeit dazu habe, begleiten Euch stets meine Gedanken. Sicherlich seid Ihr schon baden gewesen.  Das Wochenende wird nun noch Zeit und Gelegenheit geben, manches, was aus dem Geleise gekommen war, in Ordnung zu bringen. Die Kinder sind jetzt wahrscheinlich auf dem Wege zur Schule und Du hast Deine eigentlichen Arbeiten, die ja immer wieder anfallen. Im Garten wirst Du nun auch langsam die Übersicht wieder bekommen haben, was am vordringlichsten zu machen ist. Aber immer schön eins nach dem anderen.
Da fällt mir noch etwas ein. Vater hatte ein Feuerzeug, bei dem er nicht wußte, wie es aufgeht. An der einen Seite befindet sich ein Druckknopf, den muß er nur niederdrücken, dann kann er die Hülse herausziehen. Ich habe es mir von einem Kameraden zeigen lassen, als ich das gleiche Feuerzeug sah.
Jetzt habe ich wieder eine neue Auskunft in der Tasche. 40 km in westlicher Richtung heißt es nach dem neuen Marschbefehl, Koidanow nennt sich das neue Nest. Ich werde wohl auch dort nicht endgültig bleiben. Morgen früh setze ich mich in Marsch. Das ist alles nicht so einfach, aber mit der Zeit werde ich es schon noch schaffen. Ich habe im Gefühl, daß wir für die Bewachung der Bahnlinie Beranowitsch/Minsk verwendet werden. Aber erst heißt es abwarten, bis alles soweit ist. Ich habe mir vorhin noch einen Satz Briefmarken besorgt, den ich Dir gleich mit zuleite. Du hebst ihn bitte für mich mit auf.
Das Wetter ist auch hier recht heiß geworden, obwohl die Bäume, Wiesen und Felder noch einen Zustand aufweisen wie bei uns, als ich in Urlaub kam. Mir kommt es so vor, als wenn ich dem Frühling nachreise. Der Hahnenfuß streckt hier erst seine Blüten heraus und auch die Küchenschelle blüht wunderbar.
Doch das ist alles kein Anlaß, mich über meine gegenwärtige Lage hinwegzutäuschen. Ich bin zwar nicht trostlos, aber immerhin innerlich wenig zufrieden, wenn ich es auch nicht so schlecht habe, daß es nicht zum Aushalten wäre. Denn ich werde es schon schaffen, darauf kannst Du dich verlassen.
Bleibt mir, Ihr meine Lieben, ganz fest gesund und denkt wie immer an mich, wie ich das jederzeit an Euch tue. An alle anderen werde ich erst schreiben, wenn ich meinen neuen Aufenthaltsort habe.
Lasse Du Dich und die Kinder vielmals grüßen und recht herzlich küssen von Deinem immer im Geiste bei Euch weilenden Ernst.

Brief 535 vom 02.05.1944


Du mein ganz lieber Schatz!                                                                               2.5.44  
      
 Manchmal kann ich es mir nicht so richtig zusammenreimen, daß nun tatsächlich schon wieder eine Woche vergangen ist seit ich mich nach dem letzten Urlaub von Euch trennen mußte. Doch wenn ich in meinem Kalender nachsehe, dann ist doch so. Ich muß aber außerdem noch feststellen, daß ich heute vor einem Monat bei Euch ankam. Was war das für ein Jubel und für eine Freude bei uns allen. Aber es ist nun einmal alles vergänglich und leider auch jeder Urlaub. Hoffen wir, daß es mit dem Kriege auch bald soweit sei wird. Wunderbar ist es, wenn man immer mit einer stillen Freude an die herrlichen Tage zurückdenken kann, die wir miteinander verbracht haben und das ist es schließlich immer wieder, was mich hochhält, wenn ich mir sage, daß ich dafür all dieses auf mich nehme, wenn es in der Hauptsache auch durchaus nicht erfreulich ist. Das sind aber Dinge, an denen wir nicht viel ändern können, darum müssen wir ihnen im großen und ganzen ihren Lauf lassen.  Aber auch die Angelegenheiten die hier abzuwiegeln sind, gehen, ich möchte schon fast sagen, grundlegend einen anderen Lauf, wie ich sie mir anfänglich ausgemalt habe. Heute will es mir fast scheinen, als sei ich etwas voreilig gewesen, als ich Dir am 27. das Telegramm sandte, denn ich sitze vorerst noch hier, und ich kann heute immer noch nicht absehen, wie sich alles regelt. Ich kam hierher und wurde gleich aufgefordert, mich mit einer neuen Kluft zu versehen. Das ist ja inzwischen geschehen. Aber wie das nun einmal so ist, es zeigen sich so Dinge, die man jetzt noch erledigen kann, wozu ich bisher immer keine Zeit hatte, weil ich mir meinen Urlaub dachte nicht verlaufen wollte und andernteils, weil man mir dafür auch sonst keine Gelegenheit gegeben hätte.  Ich will mir hier noch meine Zähne nachsehen lassen. Vor allem vielleicht auch die Krone, die mir vor einiger Zeit zersprungen war. Ob das möglich ist, das stellt sich erst morgen heraus Davon hängt wohl dann auch die Dauer meines weiteren Aufenthalts hier ab. Wenn das nicht so geht, wie ich mir das vorstelle, dann kann es sein, daß ich noch im Laufe dieser Woche von hier abrolle, andererseits kann es erst im Laufe der kommenden Woche soweit sei. Ich hatte nach meinem letzten Schreiben die Absicht, Dir heute zu telefonieren. Nach Lage der Dinge ist es aber so, daß ich heute nicht gewußt habe, was ich Dir heute hätte sagen sollen. Außerdem bestehen große Schwierigkeiten mit der Erreichung der Anschlüsse, so daß man sich fast den halben Tag versitzt. Mit einem Telegramm ist meist auch fast nichts erreicht, so daß ich mir dachte, ich werde Dir die gegenwärtige Lage doch schriftlich auseinandersetzen.   Es ist gleich Mitternacht. Ich komme gerade vom Luftschutzdienst zurück. Es war jetzt nur kurz und wir können froh sein, daß wir in den letzten beiden Nächten verschont wurden. Aber man ist oben keine Minute sicher ob es wieder anfängt. Das ist an sich auch gleichgültig, denn ich will auf die Dinge zurückkommen, die uns berühren.
Wenn ich noch einige Tage hier bleibe, dann wollte ich Dich erst bitten, daß Du von Leipzig zu mir herüberkommst. Es besteht aber eine Schwierigkeit und das ist die der Quartierbeschaffung. Wenn ich etwas mehr über meine Zukunft weiß, dann könnte ich über die hiesige Dienststelle wahrscheinlich eine Unterkunft erhalten. Wenn ma nso ein Bett erhält, dann hat man das einem großen Zufall zu verdanken. Ich frage mich nur, soll ich Dich weiter in Leipzig lassen, oder bist Du dort im Wege? Du kannst mir an die Adresse nach hier Post senden, die wird mir schon ausgehändigt. Ich hätte Dich gerade in diesen Tagen gern bei mir gehabt, um mich mit Dir über verschiedene Dinge zu besprechen, die mir sehr am Herzen liegen. Da dies aber nicht geht, so muß ich mich schon selbst entscheiden und allein mit allem Drumrum. Sobald alles einigermaßen durchsichtiger wird, dann gebe ich Dir weiteren Bescheid. Ich habe hier sonderbaren Dienst zu versehen. Ich mußte heute beim Major im Garten Misthaufen umsetzen. Das ist doch eines Soldaten durchaus würdig. Mit etwas muß man ja wiederum beschäftigt werden. Aber ich muß mir auch sagen, daß ich vielleicht um jeden Tag froh sein kann, den ich noch hier sein kann.
Rosig wird es im Osten wohl auch nicht sein. Als ich mit der Frau sprach, kam auch auf die mangelnden Kartoffeln die Rede. Sie erbot sich gleich bereit, mir einen Karton voll abzugeben. Ich habe ihn ohne große Widerrede angenommen. Ich weiß nicht, wie weit Du durch mein plötzliches Telegramm mit den Gartenarbeiten weitergekommen bist. Ich denke, daß Du sie vielleicht noch mit verwenden kannst. Ich habe alles eingepackt und werde vorsichtshalber das Paket an Vater senden, damit er es vorläufig in Empfang nimmt. Ich gebe ihm von mir aus noch Bescheid. Morgen will ich das Paket als Express aufgeben, dann wird es bald daheim sein. Wenn Du die Kartoffeln nicht für den Garten brauchst, dann kannst Du sie ja zum sonstigen Gebrauch verwenden.
Das wäre heute so alle, was ich Dir erst einmal mitzuteilen hätte. Sei mir bitte nicht böse, daß ich immer noch im negativen Sinne schreiben muß, aber ich komme selbst nicht umhin. Lasse Dich recht herzlich grüßen. Küsse die Kinder fest von mir und grüße Deinen Vater, sowie die anderen alle. Dir gebe ich einen ganz festen lieben Kuss und bin in treuem Gedenken an schöne Tage Dein Ernst. Wir waren nach Leipzig gefahren und haben dann auch unseren Vater noch getroffen. Der Aufenthalt war ein wenig schwierig, weil die zweite Frau meines Großvaters mit uns nichts anfangen konnte. Wir sind dann praktisch den ganzen Tag in dem zerstörten Leipzig herumgelaufen und haben auch ein paar Verwandte oder Bekannte besucht.

Brief 534 vom 26.04.1944


Du mein liebster Schatz, mein liebes gutes Mädel!                                         26.4.44 
     
Herrlich schone und harmonische Urlaubstage liegen wieder hinter mir, in denen ich mich wohl nicht gerade körperlich aber doch innerlich seelisch bei Dir habe ausruhen können. Wenn ich so zurückdenke, muß ich mich selbst wundern, wie viel ruhiger ich doch gelebt habe in all diesen schönen Tagen als die Wochen und Monate vorher. Für alles das, was Du mir geboten hast, muß ich Dir hiermit schriftlich noch einmal meinen herzlichen und innigen Dank sagen, was ich bereits mündlich getan habe. Auch das Verhältnis zu den Kindern war wieder voll von aufrichtiger Freude, die wir uns gegenseitig versuchten zu machen. Die kleinen Streiche gehören nun einmal zu ihrem Leben wie alle anderen Notwendigkeiten und Bedürfnisse. Ich hatte mich darum gefreut, als ich Euch Euren kleinen Wunsch auf Mitfahrt bis nach Singen erfüllen konnte, denn wie ich Dir gestern schon sagte, seid Ihr doch im Moment nicht so vom Eindruck der neuerlichen Trennung gepackt, wie wenn Ihr in Konstanz geblieben wärt und vom Bahnhof hättet nach hause gehen müssen. Im Geiste sehe ich Euch Drei noch auf den Bahnsteig in der Spätnachmittagssonne stehen und winken. Im Hintergrund stand Vater, der sich auch nicht nehmen ließ, mitzufahren. Obwohl das Wetter vorher und auch hinterher wenig schön und einladend war, so standet Ihr Drei verklärt im Sonnenlicht und symbolhaft für die vergangenen Urlaubstage sowie als Überleitung in eine mir zwar noch unbekannten Zukunft. Wenn sie etwas von der Helle und von dem Licht hat, das Ihr mir nachwinktet, dann will ich sehr zufrieden sein. Bis jetzt habe ich aber immer noch Veranlassung, mich der Liebe und der treuen Sorge zu erinnern, mit der Du mich während der vergangenen Wochen umgeben hattest. Leider konnte ich mit meinen Gegenbeweisen nicht in gleicher Weise aufwarten, wie ich es gern gewollt hätte. Ich bin aber davon überzeugt, daß auch Ihr mit diesen Erholungswochen zufrieden seid, was dadurch noch verschönt wurde, das unsere beiden Lauser auch gerade Ferien hatten. Ich hoffe nun, daß Ihr auch bald wieder in den normalen Kriegsalltag einlebt und daß Ihr die Spannung der Trennung überwindet, ohne daß Ihr es Euch zu schwer werden läßt.
Ich bin trotz einer Verspätung des Zuges unterwegs, die mir das Verpassens des Anschlusszuges in Fulda einbrachte, hier wohlbehalten und fahrplanmäßig angekommen. Ich habe alles gut überstanden. Ich sitze jetzt hier zum Mittagessen in einer Gastwirtschaft und gehe am Nachmittag zu der Dienststelle, um mir neue Order zu holen. Ich bin also noch im unklaren, was sich ergibt. Ich habe aber das Bedürfnis, Dir erst einmal meine Gedanken mitzuteilen. Der kleine Rest Papier, der sich in meiner Brieftasche befand, muß dazu herhalten. Ich glaube aber, daß das ja nicht entscheidend ist. Sobald ich Genaues weiß, werde ich Dir gleich Mitteilung darüber zukommen lassen, denn ich will Dich ja auch nicht länger warten lassen, als notwendig.
Es ist nun inzwischen Abend geworden und ich will Dir noch mitteilen, was ich nun zu erfahren bekommen habe. Meine Vermutung, daß wir in den Mittelabschnitt kommen, hat sich also bestätigt. Von hier aus erhalte ich Marschbefehl nach Warschau zu Frontleitstelle, wenn ich hier umgekleidet worden bin. Es ist anzunehmen, daß dies bald geschehen sein wird. Ich sehe nur noch nicht klar, aber ich denke, daß ich es ermöglichen kann, daß ich in Leipzig wieder einige Tage Zwischenaufenthalt machen kann und ich würde dann rechtzeitig versuchen, Dir telegrafisch davon Bescheid zukommen zu lassen. Vielleicht kannst Du dann für diese zwei Tage ebenfalls dorthin fahren. Für hierher zu kommen, lohnt es sich nicht, weil hier alles so ungewiß ist. Ich hatte an diese Möglichkeit nicht gedacht, als ich noch daheim war, sonst hätte ich davon gleich in Kenntnis gesetzt. Ob nun dieser Brief eher ankommt wie meine evtl. beabsichtigte Nachricht, das kann ich ja noch nicht sagen, aber auf jeden Fall teile ich Dir dies heute noch mit.  Wie sich hier noch alles entwickelt, kann ich erst so nach und nach in Erfahrung bringen. Das ist vorerst das Wichtigste.
Es ist für mich nach der durchwachten Nacht schon recht spät. Die Fahrt steckt mir noch etwas in den Gliedern. Ich bin in der Kaserne untergekommen und werde mich nun in die Falle hauen. Morgen früh muß ich mich bald wieder melden, und ich denke doch, daß ich dann wieder einiges erfahren werde.
Gute Nacht und schlafe Du auch gut. Ich hoffe, daß Ihr, meine liebe Gesellschaft, alle gesund seid. Grüße Vater von mir recht herzlich und sage ihm auch, daß ich ihm für alles nochmals herzlich danke. Ihr selbst nehmt wieder recht viele liebe und herzliche Grüße entgegen von Deinem Ernst.

Freitag, 22. März 2019

Brief 533 vom 13.03.1944


Mein liebes gutes Mädel!                                                          13.3.44  
           
Nach langem Warten erhalte ich nun gleich drei Briefe von Dir.  Gefreut habe ich mich, als ich nach dieser verhältnismäßig langen Unterbrechung Deine Schreiben vom 1., 4.  und 8.3. bekam. Du siehst, daß es keine ungeteilte Freude ist, weil zwischendurch manches fehlt und zudem mußt Du mir von einigem Verdruß berichten, der Dir begegnet ist. Wenn ich zwar nichts mehr an den Tatsachen ändern kann, so tut es mir doch leid, daß es Dir nicht helfend zur Seite stehen kann. Aber recht ist mir auf alle Fälle, daß Du Deinem Herzen Luft gemacht hast, indem Du mir diese Dinge mitgeteilt hast, denn ich nehme an, daß es Dich erleichtert hat. Das ist schon etwas wert, denn mit dem anderen alltäglichen Kram wird man dann bald fertig. Darum bitte ich Dich, wenn Du irgendeine solche Sache auf dem Herzen hast, dann schreibe Dir dies herunter, denn ich weiß es aus eigener Erfahrung, wie das über eine derartige Krise hinweghilft. Schließlich hast Du ja mich, dem Du so was anvertrauen kannst. Inzwischen ist ja dieses alles vorbei, aber man muß sich mit diesen Dingen vertraut machen, damit ein jeder die Ansicht des anderen kennt.  Es tut mir leid, daß Du mit Deinem Zahn so Schmerzen hast und daß es nicht so glattgegangen ist, wie Du es gern wünschst. Das ist klar, daß sich innerhalb des Kiefers manche Verschiebungen ergeben, wenn ein Zahn herausgezogen ist. Doch nach einiger Zeit wird sich das setzen und Du kannst dann die Überkronung des anderen defekten Zahns vornehmen lassen. Wieder mußt Du mir von einigen Fliegeralarmen berichten und gleichzeitig auch von einer Luftschutzübung, die so erbaulich verlief. Mädel, rege Dich über solche Dinge nicht auf und lasse die anderen machen. Es hat keinen Zweck, wenn sich so einige Herrschaften so superklug vorkommen, sich dazwischenzumischen, denn Du siehst aus dem Erfolg Deiner Zwischenrede, daß diese Brüder nicht wissen, wie sie sich helfen sollen. Am besten ist es, wenn man einen Stein nimmt und eine Lampe, die so hell brennt auslöscht. Anders kommt man doch nicht zum Ziel. Der kleine Mann wird immer wieder gedrückt werden können, das ist eine Lebenserfahrung, um die wir nicht herumkommen. Man muß nur zusehen, daß man diesen Druck so stark wie möglich abschwächt. Das ist eine Kunst, die einem manchmal mehr oder weniger gelingt, aber duch mancherlei Erfahrung gewitzigt, merkt man dann schon auf was es ankommt.
In einem Deiner Briefe kannst Du mir den Eingang des Päckchen Nr. 19 bestätigen, was mir wieder eine Freude und Beruhigung zugleich war. Ich hoffe zuversichtlich, daß die anderen auch noch ankommen. Daß Du jetzt ab und zu mit Resi das Kino besuchst, finde ich in Ordnung. Die Auswahl mit den Bekannten ist ja bei uns nicht groß und wie Du auch ganz richtig bemerkst, ist sie immer noch die beste von allen mit, die wir kennen. Fehler hat ein jeder von uns, darüber sind wir uns ja einige. Es fragt sich nur, wo die Fehler liegen und wie stark sie ausgebildet sind. Vieles läßt sich übersehen und das kann man ja in diesem Fall nach meiner Ansicht auch. Ich finde das sonderbar, das bei Euch fast die gleichen Filme zur gleichen Zeit laufen wie hier. Aber es ist insofern schön, weil man sich dann über den einen oder anderen Film aussprechen kann, soweit dafür Veranlassung vorliegt.
Das dicke Ende kommt meist zuletzt. Hier auch. Ich wollte Dir erst einmal mitteilen, daß Du Deinen Schriftverkehr mit mir für einige Tage einstellen kannst, weil ich in den nächsten Tagen nach hause komme. Ich rolle hier am 18. etwa ab und werde über Belgrad, Wien nach Konstanz kommen. Ich ließ das ja schon in meinem letzten Brief durchblicken. Das kommt Dir wohl überraschend. Hoffentlich stoße ich nicht auf Widerstand mit meiner Heimkunft. Wenn ich nun genau eintreffe, das kann ich von hier aus noch nicht beurteilen, aber wenn alles gut geht, dann bin ich hoffentlich Mitte nächster Woche bei Euch. Daß ich mich nun des Langen über einzelne Dinge verbreite, hat wohl keinen großen Wert, denn ich bin der Ansicht, daß sich das mündlich alles besser regeln läßt. Bleibt mir alle recht gesund, denn ich hoffe auf ein baldiges glückliches Wiedersehen mit Euch.
Nimm im Voraus einen recht herzlichen Kuss entgegen. Abdrücken werde ich Dich dann persönlich selbst. Aber bis dahin seid Ihr meine Liebe alle vielmals gegrüßt in treuem Gedenken von Deinem Ernst. 

Samstag, 9. März 2019

Brief 532 vom 08.03.1944


  Du mein liebes gutes Mädel !                                                                8.3.44             

Ich bin eigentlich nicht so in der richtigen Stimmung, um einen Brief zu schreiben, doch ich habe nicht Lust, Dich warten zu lassen, wenn es nicht nötig ist. Ich will gleich vermerken, daß wir heute auch keine Post erhalten haben und wahrscheinlich auch bis Sonntag warten müssen, bis wieder Post durchkommt, wenn wie uns mitgeteilt wird, sind auf der Strecke Schneeverwehungen, was den Verkehr und die Transportlage beeinträchtigt. Man kann sich das hier gegenwärtig nicht so vorstellen, nachdem hier schon der Frühling eingekehrt ist. Überall werden schon die schönsten Blumen feilgeboten. Blumen hat es zwar den ganzen Winter über auch gegeben, doch das Angebot ist jetzt weit größer und fällt mehr ins Auge. Veilchen, Hyazinthen, Levkojen und viele andere wohlriechenden Blumen gibt es schon auf dem Markt. Pfirsich, Mandel und Kirschblüten gibt es ebenfalls in großen Mengen. Das Wetter ist auch schon ganz und gar frühlingshaft, so daß einem schon wieder leichter wird, wenn man sich sagen kann, der Winter liegt nun hinter uns. Gerade wir Nordeuropäer empfinden die Sonne doch noch in stärkerem Maße wie die Einheimischen. Während hier nun schon das herrlichste Wetter herrscht, höchstens einmal von einen kleinen Regenschauer unterbrochen, seid Ihr womöglich noch im Schnee eingedeckt, aber bei Euch wird es nun nicht mehr allzu lange dauern und die schöne Jahreszeit bricht in unserer Heimat ebenfalls an.  Wie wäre das, wenn wir wieder einmal einige Tage während dieser Zeit verbringen könnten? Die Frühlingszeit ist doch eine recht schöne Zeit. Ich denke, wie wir früher, als unsere beiden Lauser noch kleiner waren, uns um diese Jahreszeit nach dem Mindelsee verzogen haben und dort die ersten sonnigen Tage auskosteten. Als wir sie noch im Wagen fuhren, gingen wir oft unterhalb des Tabors spazieren. Viele solche Ausflüge konnte ich noch aufführen, denn alle waren sie gleich schön. Auch unser damaliger Besuch auf dem Heiligenberg. Die Jahre gehen vorüber und wir verlieren so schöne Jahre. Doch es hat keinen Zweck zu klagen, weil wir unsere Lage dadurch nicht ändern noch bessern. Fügen wir uns in die gegebenen Verhältnisse und hoffen weiter, dass es bald zu einer für uns günstigen Entscheidung kommt.  Unser Kurt würde nun heute 29 Jahre alt werden. Ich entsinne mich noch unserer Kindheitsjahre. Ich glaube, er wurde damals 2 Jahre alt, da schickte mich meine Mutter zu einer Blumenhandlung, um einen kleinen Strauß mit Schneeglöckchen zu kaufen. Mit ist das recht lebhaft in Erinnerung geblieben, denn es schneite mächtig und ich bin mit meinen Holzpantoffeln durch die Eisenbahnstraße gesprungen , um meinen Auftrag auszuführen. Wenn er es auch nicht verstand, so hatte meine Mutter selbst Freude an Blumen und sie wollte damit doch symbolisch dieses Tages gedenken. Es ist doch sonderbar, wie manche Kleinigkeit im Gedächtnis haften bleibt. Nun liegt der gute Junge unter der Erde und mußte so plötzlich seine Erdenlaufbahn beenden, ohne doch eigentlich richtig gelebt zu haben.  Heute habe ich wieder ein Päckchen für Dich fertiggemacht, das getrocknetes Brot für Euch enthält. Ich schicke es morgen mit ab. Es trägt die Nummer 37. Für ein weiteres Päckchen habe ich nochmals soviel hier, das ich Euch mit fertig machen werde. Manchmal, das muß ich Dir immer wieder schreiben, tut es mir leid, daß ich nicht andere Sachen zur Ernährung schicken kann. Aber ich weiß ja, daß Ihr auch dafür Verwendung habt, und daß ich damit Dein Ernährungsbudget entlaste. Das ist ja auch immer wieder mein Bestreben und für Euch von Bedeutung. Ich habe in diesen Tagen Gelegenheit, wahrscheinlich hier wieder einige Sachen nach hause zu senden, die mir im Wege sind. Den Trainingsanzug und einiger anderer Kram, der mir im Koffer viel Platz verdrängt, werde ich absenden. Ich hoffe, daß diese Sachen gut daheim ankommen werden.
Bleibt mir alle gesund, denn ich hoffe doch einmal, Euch bald wiederzusehen, um mit Euch wieder zusammenzusitzen und mich mit Dir über verschiedene Dinge auszusprechen. Aber alles zu seiner Zeit.  Lasse Dich recht schön grüßen und vielmals lieb küssen von Deinem Ernst. 

Brief 531 vom 07.03.1944


Herzlieber Schatz !                                                                                     7.3.44 

Es ist heute der dritte Tag, an dem ich von Dir keine Post erhalte. Zwar ist gestern und heute vorwiegend Päckchenpost eingetroffen, so daß damit zu rechnen ist, daß die Briefpost nun bald folgen wird. Ich könnte Dir heute erst einmal von meinem gestrigen Kinobesuch erzählen, bei dem ich mir „Die drei unheimlichen Wünsche“ angesehen habe. Neu kam mir dabei vor, daß man eine Geschichte von Honore‘ Balzac verwendet hat, die in gewisser Hinsicht in das Märchenhafte überwechselt.  Die Handlung ist recht flüssig, doch schwebt alles in einer anderen Atmosphäre wie man es meist bei den Alltagsfilmen gewöhnt ist. Ich habe das Empfinden, daß er Dir ganz gut gefallen würde. Deiner Auffassung, sich einmal zu entspannen und doch dabei zu unterhalten kommt dieser Film sehr entgegen. Dabei hat er aber etwas gesellschaftsmäßiges und auch etwas an sich, das zum Nachdenken anregt. Ich kann sagen, daß ich nicht unbefriedigt nach hause gegangen bin.
In meinem letzten Brief hatte ich erwähnt, daß ich meine griechischen Marken jetzt nach hause schicken will. Damit wir die Übersicht behalten, werde ich diese Sendungen mit Nummern versehen. Zweimal habe ich schon Marken mitgesandt, heute würde ich die dritte Sendung folgen lassen. Ich will diese Sachen hier so nach und nach aus der Hand bekommen, denn man weiß ja nicht, wie sie einem einmal im Wege sein können. Ich hoffe, daß alles ordentlich ankommt. Wie Du die Sachen aufhebst, das ist vorerst nicht maßgeblich, denn allzu viel Platz nehmen diese Sachen ja doch nicht weg. Ich habe mir heute wieder einige deutsche Sachen besorgen können, die meine Sammlung um einige nette Stücke bereichert. Es handelt sich meist um alte Sachen, die ja daheim auch sehr gefragt sind. Man kann sich diese Marken im Verhältnis günstiger kaufen wie die laufenden Marken, die sehr verlangt werden und dadurch auch besser im Kurs stehen. Die anderen Marken sind mehr oder weniger Ladenhüter, bei denen die Händler manchmal froh sind, sie an den Mann zu bringen. Wenn es gut geht, dann kann ich mir noch einige schöne Stücke beschaffen, doch das wird sich schon von selbst geben.
Dieser Tage hatte ich auch einmal Glück. Ich hatte von meiner Dienstreise einen Sack mit etwas Nüssen nach hier zurückgebracht. Als ich diese ablieferte, hat sich der Empfänger mächtig gefreut.  Wir unterhielten uns auch über Leipzig usw., das dieser Mann in Friedensjahren kennen gelernt hatte. Er erzählte mir auch von seinem Geschäft. Das war für mich ein Anlaß, von Briefmarken anzufangen. Er wollte mir gern behilflich sein, wenn er etwas hat. Das hatte mich schon gefreut. Als er sich bei mir verabschiedete, sagte er mir, daß er die Vertretung für optische Gläser usw. hätte und es würde ihm eine Freude machen, wenn ich für meine Briefmarken eine Lupe, die er zu Reklamezwecken hergebe, in Empfang nehmen würde. Erst wollte ich es nicht annehmen, doch er bat mich herzlich darum und ich sagte mir auch, daß dieser Mann damit mehr oder weniger einen Dank abstatten wollte und habe seiner Bitte nachgegeben. Das ist wirklich ein nettes Geschenk, was mir in den letzten Tagen schon ganz nützlich war.  Erlebnisse besonderer Art habe ich heute wieder nicht gehabt, wovon ich Dir erzählen könnte. Das Wetter wird schon recht warm. In der Sonne selbst ist es schon heiß. In wenigen Tagen kann man sich schon fast sonnen.
Ein Päckchen habe ich an Dich heute noch abgeschickt,. Nummer 37 trägt es. Etwas Schokolade, einige Zigaretten, Zitronen und Schnürsenkel habe ich zusammengepackt. Du wirst schon Verwendung dafür haben. Die Zigaretten kann Du Deinem Vater mit übersenden. Es sind hiesige und bulgarische. Man muß ihm ja auch wieder einmal eine Freude damit machen.
Mit vielen lieben Grüßen lasse mir mein heutiges Schreiben beenden. Einen recht herzlichen Kuß für jeden von Euch daheim füge ich bei. Dein Ernst, der soviel an Euch denkt.

Brief 530 vom 06.03.1944


 Mein gutes, liebes Mädel !                                                                 6.3.44  
      
Mit Deinem letzten Brief fragtest Du mich, wie Du es mit Deinem Luftschutzgepäck handhaben sollst. Wenn Du, wie Dur mir schreibst, die Ahnenpässe bei Dir hast, dann genügt das vollkommen. Auch mit Deinen übrigen Vorschlägen bin ich einverstanden. Nimm nur die wichtigsten Papiere an Dich, alles andere kannst Du Dir so hinlegen, daß es immerhin griffbereit ist. Du kannst Dich ja nicht über das Maß belasten, denn das erste ist und bleibt immer das Leben. Daß Ihr dann die Dinge, die Ihr für Euch braucht, auch haben müßt, ist ja verständlich, aber dafür müßte sich ein Weg finden. Ich sage mir, wenn eine Sprengbombe in unmittelbarer Nähe fällt, dann ist wohl alles vernichtet. Fallen dagegen Brandbomben, dann müßte es nach meiner Meinung noch möglich sein, wenn sich solch ein Brand nicht löschen läßt, daß man die verschiedenen Kisten in Sicherheit bringt. Alles andere ist ja dann Nebensache. Das käme ja immer auf die Umstände an. Wenn Du in Deine Kisten die Dinge alle unterbringst, die Du fürs erste nötig hast, dann hast Du schon ein ganz schönes Teil bei Dir, weil sich doch einiges darin verstauen läßt. Daß Du in einem Ernstfall auch einen Anzug in Sicherheit bringen willst, ist ja nett, aber wie ich schon sagte, das erst ist das Leben. Man muß darüber reden, denn es soll doch alles klargehen. Hoffen wir aber fest, daß Ihr und damit wir alle, nicht in eine solche Zwangslage kommen. Meine Ratschläge können zwar nicht von weittragender Bedeutung sein, aber ich hoffe, daß ich Dir mit der Bekanntgabe meiner Ansicht etwas geholfen habe. Es ist ja auch nicht so einfach, in diese Dinge entsprechend  eingreifen zu können, denn ich kenne mich daheim doch nicht mehr so aus wie es früher der Fall war. Das Paket, welches Dein Vater Dir übersandte, mußt Du nicht immer mit in den Keller schleifen, denn das könnte unter Umständen allerhand werden. Wenn Du es ebenfalls griffbereit hinstellst, dann hast Du Deine Pflicht getan. Wenn Dein Vater diese Vorsichtsmaßnahme ergreift, dann ist das zu verständlich. Hoffen wir, daß wir alles unversehrt wieder nach einige Zeit zurückgeben können. Ihr selbst habt ja in letzter Zeit auch oft in den Keller gemußt, doch auch ich bin froh, wenn alles noch so abläuft, wie es bisher der Fall war.
Die Ingrid und unsere Helga, sie sind doch recht verschiedene Temperamente und doch halten sie doch ganz gut zusammen. Daß es auch zu verschiedenen Meinungen kommt, das ist an sich kein Schade, wenn es nicht ausartet. Ich schrieb ja auch schon früher einmal, daß ich mit diesem Umgang zufrieden bin. Denn wenn man sich in der Nachbarschaft umsieht, dann gibt es wohl kam jemand, bei dem man den Umgang mit ihnen bejahen könnte. Wenn Ingrid auch in gewisser Weise einen Sprung hat, dann ist sie doch recht umgänglich. Es ist doch so, daß man unserem Mädel jemand zum Spielen beigeben muß, denn es ist ja meist so, daß unser Stromer Gesellschaft hat, dagegen Helga nicht. Deshalb bin ich ja froh, daß sie jemanden zum Spielen hat.  Das Gekicher kann ich mir gut vorstellen, als sie so Sprüche gemacht haben. Diese unbeschwerte Kindheit ist ja auch etwas Schönes, die man ihnen ja auch neidlos gönnt.  Wir haben es ja auch nicht anders gemacht. Ich entsinne mich, wie ich mit meinem Schulkameraden Döring einmal auch der Stadt gekommen bin und wie wir uns köstlich amüsiert haben, als wir die Geschäftsanschriften von verschiedenen Geschäften durcheinander gelesen haben. Mir ist dabei noch im Gedächtnis geblieben, “Schnürleiber Zigarren“. Da kamen wir an einem Korsettgeschäft und an einem Zigarrenladen vorbei, woraus sich dann diese Zusammenstellung ergab.
Das ist gut, daß unser Junge solchen Spaß am Schlittschuhlaufen gefunden hat. Bei uns in Leipzig hatte man so wenig Gelegenheit.  Im Winter mußte man bis in den Stinzer Park gehen und dann war es auch nicht sicher, ob dann die Möglichkeit zum Laufen bestand. Nachdem es bei uns doch recht günstig ist, soll er es nur ausnutzen. Unsere Helga kann das nichts schaden, wenn sie es auch könnte. Doch nun ist diese Jahreszeit bald wieder vorüber. Die Schuhe muß man ja jetzt auch schonen, aber auch ich habe das als einen schönen Sport betrachtet. Kurt war ja immer so begeistert, wenn er auf dem Untersee laufen konnte. Wie konnte er dann aus sich herausgehen. Daß nun unserem Jungen der Besuch auf dem Eisweiher gefallen hat, das ist ja in Ordnung. So lernt er es doch noch richtig, denn mit der Übung kommt man in diesen Sachen weiter. Mich freut das insbesondere, weil wir ihn doch kaum zum Turnen ran bekommen.
Mit vielen lieben und recht herzlichen Grüßen bin ich mit einem knallenden Kuß Dein Ernst.