Donnerstag, 13. Dezember 2018

Brief 496 vom 9./11.12.1943


Mein liebster Schatz!                                                                      9.12.43       
      
Mit der Postzuteilung ist es jetzt hier allgemein so eine Sache. Heute ist wieder nichts gekommen. Nun warten wir wieder auf morgen. Der Weihnachtsverkehr wird sich auch geltend machen, denn die Päckchen belasten doch ziemlich. Gestern erhielt ich von Erna noch ein Päckchen, was mich sehr überrascht hat. Das hätte ich bestimmt nicht erwartet. Sie schickt etwas Gebäck, einen Apel, Rasierklingen und Zahnpasta. Was kann man sich im 5. Kriegsjahr schicken. Es ist ja schwierig. Aber wie gesagt, ich habe mich über diese Überraschung sehr gefreut. Das Gebäck habe ich mir in Vorweihnachtsfreude einverleibt. Der Rest muß auch bald daran glauben.
An Frau Frick habe ich auch wieder geschrieben, denn wenn ich jetzt diese Sachen beantworte, dann kann ich meine Weihnachtsgrüße immer noch anfügen, so daß ich dafür nicht besonders schreiben muß. Durchschlag meines Schreibens liegt wieder bei. Auf Nachricht von Leipzig warte ich nun auch, denn ich will doch wissen, ob unsere Angehörigen diesen Terrorangriff gut überstanden haben. Wie ich bis jetzt erfahren konnte, soll vor allem Plagwitz in Mitleidenschaft gezogen worden sein,. Unter den gegenwärtigen Umständen halte ich es für angebracht, wenn Erna mit dem Kind zu ihren Eltern gehen würde, denn es ist ja nicht ausgeschlossen, daß sich ein solcher Angriff wiederholt, Ich denke zwar, daß sich die ganze Familie Michel während des Angriffs in Rehau zu Besuch befand. Ich will erst einmal abwarten, was ich höre, denn werde ich entsprechende Vorschläge machen. Ich denke doch, daß Erna bei ihren Eltern unterkommen kann. Denn bei uns ist es ja dafür zu eng, oder bist Du anderer Meinung? Es ist vielleicht gut, wenn Du mir Deine Meinung darüber mitteilst.
Die letzten, Dir übersandten Zigaretten hebe doch einmal mit auf. Vielleicht kannst Du sie zu Tauschzwecken verwenden, die ich in Vorbereitung habe. Ich will erst abwarten, was sich zeigt. Wenn es sich lohnt, und wenn es Zweck hat, dann schicke ich noch mehr Zigaretten. Ich habe nun auch eine Quelle, wo ich immer einmal welche bekomme. Doch Du wirst verstehen, daß man erst jetzt für das leibliche Wohl sorgen muß, ehe man seine Leute mit Glimmstengeln versorgt. Es fallen für diese auch immer wieder einmal welche ab. Daß wir diese nun ausschließlich zur Verfügung stellen, das kann ich nicht einsehen. Ich habe für meinen Tausch bedarf auch noch welche hier, da liegt keine Veranlassung vor, daß Du Dir darüber Gedanken machst. An dem Adventskalender unseres Jungen habe ich jeden Tag immer meinen Spaß. Die Miniaturen sind zum Teil ganz nett gemacht. Bei ihm weiß ich zwar nicht ganz, was er gewollt hat, aber dadurch ist der Phantasie freier Spielraum gelassen. Ich kann ihm also nochmals bestätigen, daß er einen netten Einfall gehabt hat, und daß er mir mit seiner Arbeit schon manchen Morgen eine Freude gemacht hat, denn gleich früh muß doch das neue Fenster geöffnet werden.
Gerade bekomme ich von Alfred wieder einige Zeilen. Er läßt doch immer von Zeit zu Zeit von sich hören. Er schreibt, daß er 14 Tage auf Bornum gewesen sei. Für diese Soldaten, die in der Heimat eingesetzt sind, ist es in dieser Hinsicht recht günstig, wie man daran wieder feststellen kann.
Als ich von daheim wegfuhr, fragtest Du mich, ob ich vielleicht eine Flasche Cognac mitnehmen wollte. Ich sagte, daß das wohl nicht nötig sei, denn ich würde schon wieder zu alkoholischen Getränken kommen. Ich schrieb Dir ja vor längerer Zeit, daß wir allgemein eine Zuteilung erhalten hätten. Dieser Liter ist nun im Laufe der vergangenen Wochen so nach und nach alle geworden. Gestern habe ich mir den letzten Rest einverleibt. Ich hatte immer die stille Hoffnung, daß sich schon bei Gelegenheit eine Türöffnern würde. Tatsächlich hat mich meine Hoffnung nicht getäuscht. Heute habe ich 3 Flaschen Cognac erhalten. Ist das nicht schön? Ich muß Dir sagen, daß man den um diese Jahreszeit gut gebrauchen kann, denn Heizung haben wir hier nicht und irgendwie muß man sich ja einmal aufwärmen. Wenn ich ihn richtig einteile, dann reicht er wieder eine Weile hin. Wenn man etwas Glück hat, dann tut sich zu gegebener Zeit immer wieder einmal etwas auf.
Du fragst, wie der eine Landser dazu kam, mit Briefmarken zu schenken? Ich stehe an einem offenen Verkaufsstand und sehe mir die Marken an. Es waren keine besonderen Sachen und zu teuer waren sie mir auch. Mit einem Mal spricht mich ein Soldat an und sagt, ich solle doch den Griechen das schwere Geld nicht hinwerfen. Das, was er zu verkaufen hätte, das könnte er mir schenken. Das habe ich mir selbstverständlich nicht zweimal sagen lassen. Er sagte, daß er für seinen Bruder jede Marke einmal haben will und die anderen könnte ich erhalten. Ich hätte ihm gern einige Zigaretten dafür gegeben, aber ich hatte leider keine bei mir. Es hatte ihm aber auch so Spaß gemacht, mir damit eine Freude zu bereiten. War das nicht nett?
Mit recht herzlichen Grüßen und vielen Küssen beschließe ich meinen heutigen Brief. Ich denke oft und gern an Euch alle. Dein Ernst. 

Meine liebe kleine Frau!                                                                11.12.1943  
         
Dein lange erwarteter Brief traf heute ein. Ich denke, dass ungünstiges Wetter die Heranbringung von Post mir dem Flugzeug verursacht. Aber immerhin habe ich doch wieder einmal Nachricht von Euch. Durch diesen sonst regelmäßigen Postverkehr sind wir Beide etwas verwöhnt, und dann macht sich das Ausbleiben leicht doppelt bemerkbar. Dein Brief ist vom 4.12.. Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Du mußt Dich nicht grämen, daß Du die Uhr schon abgeschickt hattest, und daß Du das Tauschheft nicht mehr beilegen konntest. Das ist ja kein Beinbruch. Es wird sich schon einmal wieder eine Gelegenheit bieten, bei der Du mir diesen Wunsch erfüllen kannst.  Das Haarwaschpulver ist also auch eingetroffen. Das kannst Du doch sicher gebrauchen.  Vielleicht bekomme ich bei Gelegenheit wieder welches. Es sind ja alles nur Kleinigkeiten, aber es sind meist Kleinigkeiten, auf die man schon lange hat verzichten müssen. Deshalb freut man sich dann besonders darüber.  Wenn Du das Tauschheft einmal schicken einmal schicken kannst, dann lasse nur die Marken drin stecken, vielleicht kann ich sie hier irgendwie vertauschen. Du fragst mich, ob es mein Sammlerherz freut, daß ich mir einige Marken kaufen kann. Diese Frage muß ich Dir dahingehend beantworten, daß ich nicht sehr vom Kaufen erbaut bin. Nur wenn mir etwas günstig erscheint, und ich habe das Geld dafür, dann erstehe ich mir das. Du weißt ja, daß ich in meine Sammlung nicht gerne Geld hineingesteckt habe, weil es im Grunde genommen doch totes liegendes Kapital ist. Soviel haben wir ja doch nicht übrig, daß wir uns diesen Luxus leisten können. Ich habe aber auch an den Marken, die ich bis jetzt beisammen habe, immer meine Freude gehabt. Das weißt Du ja. Wenn ich damit auch keine Kapitalien in Großmaß sammle, so habe ich doch diese Freude und mehr braucht es schließlich nicht zu sein. Du kannst ja mir der Aushändigung der Marken an Kuster noch zuwarten, denn ich habe einige Sätze wieder günstig bekommen. Deinem Vater werde ich davon später welche schicken. Du kannst sie ja erst einmal aufheben.
Das ist doch fein, daß Du für unsre Große die Schuhe erhalten hast, die ihr zustehen und die sie ja dann auch noch später v erwenden kann, weil Du sie schon auf Zuwachs gekauft hast. Daß die Leute uns noch als Kunden begrüßen, das wundert mich, denn allzu viel haben wir doch dort nicht gekauft. Aber wenn man in dieser Hinsicht als das behandelt wird, dann ist es immerhin vorteilhaft.
Die Zeit vor Weihnachten verlangt doch manche Arbeit, die sonst im Laufe des Jahres nicht herantritt. Das Kostüm für das Theater spielen hast Du auch noch selbst machen müssen. Das ist ja schon viel verlangt. Aber ich weiß ha, daß Du in dieser Beziehung gleich zur Hand bist. Da wird Helga froh gewesen sein, daß Du ihr das Kleid dazu fertiggemacht hast. Unser Tannenbaum. Unser Tannenbaum, das ist sie ja auch im wahrsten Sinne des Wortes, unsere überlange Latte, wird ja sehr stolz gewesen sein, als Du ihr das angefertigt hattest.
Wenn Ihr Euch schon selbst als Menschenfresser bezeichnet, dann muß es wohl an dem sein. Aber wenn Ihr Euch Euren Nikolaus mit den Rosinen habt noch schmackhafter habt machen können, dann macht mir das auch noch heute Spaß, daß ich Euch diese habe dazu schicken können. Ich bin auch der Ansicht, daß sie bestimmt besser geschmeckt haben werden  wie die gekauften.
Unsere große Tochter muß ja nach den Strafarbeiten zu schließen, ein großer Rüpel in der Schule sein. Wie es nach Deinem Schreiben aussieht, kann man schnell zu einer Strafarbeit kommen. Ich sage mir immer wieder, wenn sie nichts Ehrenrühriges anstellt, dann ist weiter nichts dabei, wenn sie einmal einen Streich spielen oder sich sonst etwas leisten würde. Darum finde ich es gut, wenn unser Bengel soviel gesundes Empfinden hat und merkt, daß es böse ist, wenn ein Kind sich dem Lehrer gegenüber so flegelhaft benimmt. Meist merkt er es aber nicht, daß er sich daheim vielfach genauso benimmt. Aber aus Deinem Beispiel kann man aber klar erkennen, wie es gut ist, wenn ein Kind in der Gemeinschaft aufwächst. Aber ein kleiner Kerl ist er doch noch, denn er wie auch Helga, sie sitzen zu gern auf dem Schoß oder lassen sich wieder einmal bemuttern.
Für die von Vater übermittelten Grüße danke ich . Richte ihm auch von mir wieder welche aus. Was macht er denn? Seine Erkältung wird wohl nun vorbei sein. Ich habe jetzt etwas Schnupfen, aber das ist ja hier kein Wunder, wenn man den ganzen Tag in der kalten Bude sitzen muß. Wenn ich weiter keine Beschwerden habe, will ich noch froh sein.  Mir fehlt ja auch tatsächlich nichts weiter.
Was ich Dir noch schreiben wollte. Mit dem Stopfen der Strümpfe brauche ich Dich nicht weiter mehr zu belasten. Ich weiß, daß Du es gern getan hast, nur war das hin und hersenden etwas umständlich. Ich kann das hier bei der Einheit machen lassen, was ja entschieden bequemer für beide Teile ist. Ich wollte Dir dies nur mitteilen, damit Du nicht etwas auf den Gedanken kommst, ich hätte mit irgendwelcher Absicht diese Zusendungen eingestellt. Das ist also nicht der Fall. Herzlich grüße ich Dich und die Kinder. Einen herzlichen Kuss für Jeden von Deinem Ernst.

Brief 495 vom 7./8.12.1943


Mein liebster Schatz!                                                                        7.12.43    
      
Recht vielen Dank für Deine beiden lieben Briefe vom 30.11/1.12.  und 2.12., die ich heute erhielt. Ich habe mich sehr darüber gefreut und nochmals innigen Dank dafür. Die beiden Zeichnungen unseres Sohns sind ja gut ausgefallen. Hat er das aus sich selbst heraus gemalt, oder hat er das irgendwo abgezeichnet. Die Haltung der Skifahrer ist wirklich untadelig gemacht, ebenso der Weihnachtsmann. Dafür muß ich ihm schon meine Anerkennung aussprechen. Ich habe ja jetzt täglich Gelegenheit, seine Zeichenkunst zu bewundern an dem schönen Adventskalender, den er mir zusammengebastelt hat. Jeden Morgen freue ich mich immer wieder über seine Einfälle, die er dabei gehabt hat. Jetzt, wo Dir Helga auch einen Kalender zurechtgemacht hat und Du ihnen auch, dann mangelt es bestimmt nicht an solchen Sachen. Heute erhielt ich noch weitere Post von Finnessen, meinem Kameraden aus dem Osten, dann von Deinem Vater einen Durchschlag einer an Dich gerichteten Mitteilung und dann noch vom Standesamt Neusalza eine Sterbeurkunde, die ich Dir gleich mitsende, nachdem ich sie bei mir vermerkt habe. Wenn einige Tage eine Stockung eintritt, so kommt dann immer ein Schwung an, wenn sie behoben ist. Mit Bedauern habe ich vernommen, daß unsere Helga über Kopfweh klagt. Das mag wohl stimmen, daß sie sich überanstrengt hat mit den vielen Proben. Wie ich aber aus Deinen späteren Zeilen lese, hat es sich dank Deiner Fürsorge wieder behoben. Ich denke, daß sie ihr Spiel hat mitmachen können. Man kann sagen, was man will, aber die Kriegsjahre machen sich bei den Kindern mehr oder weniger doch bemerkbar, denn die Kost kann man doch nicht so einrichten, wie es immer gerade nötig wäre. Diese jungen Körper sind im Aufbau und dazu brauchen sie mehr wie nur das, was man gerade so bekommt. Ich bin froh, daß wir immer noch das zusammenbekommen haben, um ihnen einiges zu bieten und zu ersetzen, was jetzt mangelt. Mit so einer kleinen „Krankheit“ hat sie ihren ersehnten Wunsch erfüllt erhalten, einmal in meinem Bett schlafen zu dürfen. Wenn es ihr zur Besserung mit verholfen hat, dann ist es ja gut.
Daß die Stadt keinen Gehaltszettel jetzt schickt, ist ja in Ordnung solange die Zahlungen monatlich unverändert sind. Das ist ja unnötige Papierverschwendung. Ich habe mich schon immer gewundert, daß das immer noch geschieht.
Wenn du Helga bei schlechtem Wetter nicht mit dem Rad fahren läßt, so finde ich das durchaus richtig. Nachdem sie jetzt die ganze Zeit den Omnibus nicht benutzt hat, kann sie es ja nun eher machen, denn das Geld hast Du ja diese Zeit über gespart. Wichtiger ist aber, daß sie sich nicht unnütz erkältet.
Die Geschichte mit dem Lehrer gefällt mir auch nicht sonderlich. Ich habe auch schon überlegt, was man da machen soll. Ich kann mir vorstellen, daß ein Kind zapplig wird, wenn solch ein Grobian von „Erzieher“ dahintersteht und womöglich seine Glossen dazu macht. Warte doch erst noch einmal zu, bis nach den Feiertagen. Wenn die Schule dann wieder angefangen hat und er gibt sich immer noch von dieser Seite, dann muß man schon den Rektor darauf aufmerksam machen. Schließlich haben ja auch die Väter, die draußen im Feld sind, Sorge um ihre Kinder, nachdem sie ihnen der direkten Aufsicht entzogen sind. Man hat ja nicht Lust, sich seine Kinder auf diese Weise verderben zu lassen, ganz abgesehen davon, daß man ja noch das teure Schulgeld zahlt. Andererseits muß man die Angaben von Resi immer mit einer gewissen Vorsicht behandeln, denn sie neigt nun einmal zu gern zu gewissen Übertreibungen. Wenn Du etwas unternimmst, dann ist es ja nicht erforderlich, daß Du mit jemanden darüber sprichst. Du machst das einfach mit einem Besuch beim Rektor ab, damit kannst Du ja vorerst den Fall als erledigt betrachten. Sollte sich dann herausstellen, daß von der Schule die Sache falsch angepackt wurde, dann gibst Du mir bescheid mit Angabe des Namens des Lehrers, der mich auch schon vorher interessiert. Dann werde ich diesen Heinis etwas geigen. Ich denke, daß diese Sache nun klar ist. Wie ich sehe, wirst auch Du oftmals schlecht mit Post versorgt. Ich habe das Gefühl, daß dies allgemein der Fall ist.
Das Päckchen Nummer 20 habe ich heute an Dich auf den Weg gebracht. Ich habe einige Apfelsinen und etwas Schuhcreme für Euch eingepackt. Du schriebst doch neulich, daß Du so hast darum laufen müssen. Ich habe hier zufällig welche bekommen. Ich hoffe, daß Du auch trotzdem noch Verwendung dafür haben wirst. Die Zusammenstellung des Päckchens sieht ja nicht gewählt aus, aber das ist eben eine Zeiterscheinung. Man nimmt das, was man bekommt.
Ich muß mich schon wundern, was doch Siegfried für ein Glück hat. Er hat es also geschafft, in Urlaub zu kommen. Man könnte fast neidisch werden, aber das hilft ja keinem.
Die restlichen Sachen beantworte ich Dir morgen mit, wenn ich wieder an Dich schreibe. Lasse Dich recht herzlich grüßen und vielmals küssen von Deinem Ernst.

Meine liebste Annie!                                                                             8.12.43  
         
Ich will erst einmal den Rest Deiner letzten Briefe beantworten, bevor ich auf andere Dinge eingehe. Bezüglich des Brottrocknens will ich erst einmal einen Irrtum von Dir klarstellen. Ich kann mir nicht erklären, wie Du darauf kommst, daß ich das Brot in Zukunft in Scheiben schneiden soll. Das habe ich doch seit Anfang getan. Dafür trage ich bestimmt keine Schuld, daß das Brot sich wieder zusammengebacken hat. Das, was sich zwar schlecht zu Scheiben schneiden läßt, das sind die Kanten oder wie man in Leipzig sagte, Renfte. Ich glaube, Du willst mich auf den Arm nehmen? Gestehe es, oder es passiert ein Unglück. Weiterhin stellst Du mich in Deinem letzten Brief als einen großmächtigen Schwindler hin. Das ist nicht der Fall und das läßt sich auch ganz klar widerlegen. Ich habe die erste Zeit überhaupt nichts vom Essen geschrieben. Weiterhin kann ich keinen Hunger in dem Maße gehabt haben, denn sonst hätte ich trockenes Brot auch gegessen. Da ich das nicht getan habe, konnte ich es ja nicht anders vernichten, als daß ich es trocknete und Dir zuschickte. Brot habe ich immer ausreichend gehabt, daran hat es nicht gemangelt.  Außerdem muß ich Dir erklären, daß ich von der Verpflegung vom Osten her verwöhnt war.  Du kannst Dich wohl noch an meinen letzten Urlaub erinnern, wo ich immer über das Wenige gespottet habe, was Ihr zugeteilt erhaltet. Siehst Du, das war die Strafe dafür, denn diese Portionen gleichen etwa denen, die in der Heimat gegeben werden. Aber diesen Umschwung spürt jeder, und ich höre das allgemein, daß der eine oder andere schon wegen der Verpflegung ganz gern wieder nach dem Osten ginge. So, das hatte ich zu diesem Thema zu sagen. Damit Du siehst, daß wir auch Weihnachten hier nicht hungern müssen, will ich Dir einmal mitteilen, was wir bekommen sollen. 250g Pfeffernüsse, 250g Nüsse, 50g Schokolade, 250g Äpfel, 250g Apfelsinen, 1 Packung Keks, 4 Rollmopse, 1 Weihnachtsstollen, 20 Zigaretten 1/4l Branntwein. Da bist Du wohl leicht erschüttert, was? Ja, wenn wir das alles bekommen, dann ist es ja gut. Die Getränke sind zwar etwas knapp. Vielleicht erhalten wir von anderer Seite noch einen kleinen Zuschuss. Dann erwarte ich noch Deine Päckchen und das ist doch auch keine Kleinigkeit, soviel ich Dich kenne.  ein weiteres Missverständnis liegt darin vor, daß Du der Meinung gewesen bist, ich hätte einen Katalog. Das ist so zu verstehen, daß ich ihn hier bei einem Briefmarkenhändler einsehen kann, das läßt sich daher nur mit einigen Schwierigkeiten bewerkstelligen, daß ich ihn Dir hinschicke. Ich müsste den Inhaber einmal eine Weile rausschicken und dann fortgehen. Vielleicht merkt er es nicht. Ja, man kann es nicht wissen. Ich hätte ja auch schon folgendes vorgeschlagen, daß Du den einen Katalog zertrennst und mir die entsprechenden Anweisungen einträgst. Vorerst warte erst noch zu, bis ich Dir endgültigen Bescheid gebe.
Das finde ich ganz in Ordnung, daß Du unseren Herrn Sohn hast einmal aufsitzen lassen. Wenn er merkt, daß Du ihn einmal auf die Gefahr hin, daß er zu spät in die Schule kommt, machen läßt wie er es für richtig findet, dann wird er schon selbst auf den richtigen Trichter kommen.
Die Lebensmittelzuteilungen, die Ihr anstelle der ausgefallenen Kartoffellieferung erhaltet, ist insofern ganz erfreulich, weil man doch nicht damit gerechnet hat. Es ist nicht die Masse, aber man nimmt es gern mit. 
Unseren Burschen möchte ich schon ganz gern einmal in seinem Aufzug sehen. Das muß ja auch eine ganz wirkungsvolle Bekleidung sein. Der Trainingsanzug, die Skimütze, der Gürtel und dazu ein Dolch und noch ein Fernglas. Ich kann mir denken, daß das sehr kriegerisch wirkt. In diesem Alter haben Jungens ja eine  rege Phantasie. Daß die Sachen nach solch anstrengendem Dienst nicht mehr sauber sind, das unterliegt ja keinem Zweifel. Und unser Äffchen, wie Du schreibst, gefällt sich in anderen Sachen. Daß es ihr Spaß macht mit meinem Rad zu fahren, weil es andere nicht haben und weil dann die Leute hinsehen, das entspricht ihrem Geltungsbedürfnis, das ich an ihr schon kenne. In der Form, wie es bei ihr ausgeprägt ist, ist es ja  zu ertragen. Ich glaube, daß man da nicht weiter zügeln muß. Der Wärmestein oder die Flasche wäre auch bei mir jetzt nicht übel. Die Witterung ist nicht kalt, das kann man nicht sagen. Doch nachdem den ganzen Tag über nicht geheizt wird und man nun die ganze Zeit in der Bude hockt ohne Bewegung, dann freut man sich, wenn man wenigstens etwas Warmes hat. Ich kann Dir sagen, daß ich unter diesen Umständen froh bin, daß ich den Schlafsack hier habe. So werde ich wenigstens des nachts warm und kann mich ordentlich ausschlafen und ausruhen. Wenn man am Tage laufen kann, dann lässt es sich schon ganz gut aushalten, denn dazu ist das Wetter wirklich passend. Doch lasse es für heute wieder gut sein. Ich gebe Dir im Geiste recht herzliche Küsse und viele Grüße füge ich hinzu Dein Ernst.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Brief 494 vom 4./6.12.1943


Mein liebster Schatz!                                                                               4.12.43  
 
Auch diese Woche ist nun wieder abgerollt. In 3 Wochen ist schon Weihnachten und bald fangen dann die Tage an länger zu werden. Wie ich Dir schon einmal mitteilte, merkt man hier in diesem Land nicht, daß es stramm auf Weihnachten zugeht. Wenn nicht, wie am vergangenen Sonntag, im Offiziersheim etwas Adventsstimmung geschaffen würde, dann gingen diese Tage vorüber wie jeder andere Tag auch.  In einer Beziehung ist es ja ganz gut, wenn man nicht allzu viel von der Vorweihnachtszeit merkt, denn in diesen zwei Feiertagen kommt es einem dann doch wieder stark genug zum Bewusstsein, daß man allein ist. Es ist eben immer etwas eigenes und normalerweise gehört man mit seiner Familie zusammen. Doch alles Hadern mit dem Schicksal hilft dabei nichts, es muß durchgestanden werden. _ Ich wollte Dich schon immer einmal danach fragen, ich vergaß es nur immer wieder. Kannst Du eigentlich den Gürtel verwenden und passt er überhaupt, den ich Dir in München kaufte? Du hast nie etwas darüber verlauten lassen.
Post habe ich heute von Dir auch nicht erhalten. Außer einigen Zeitungen, die von Deinem Vater angekommen sind, traf nichts weiter ein. Nun hoffe ich wieder auf morgen. Das wäre zum Sonntag recht schön, wenn ich von Dir Post bekommen würde.
Gerade höre ich, daß in der vergangenen Nacht Leipzig angegriffen worden sei. Ich bin nun etwas in Unruhe, weil man nicht weiß, wie stark sich das ausgewirkt hat. Heute nacht will einer der Kameraden , der von Leipzig ist, anrufen, vielleicht werde ich dann morgen schon Näheres erfahren. Ich denken mir, daß Siegfried und selbstverständlich auch Du, Ihr werdet Euch Gedanken machen, was sich nun ereignet hat.
Ich hatte wieder einmal eine günstige Gelegenheit gehabt, für Euch Korinthen zu erstehen. Ich werde sie mit verpacken und Dir dann zugehen lassen. Wenn Du ab und zu Einkehrgäste hast, dann mußt Du ja Deine Vorräte auch einmal auffrischen. Wenn ich mich recht erinnere, sind Korinthen im allgemeinen besser zum Backen. Doch das weißt Du ja wohl besser. Sie sind wohl nicht ganz so sauber wie Rosinen, aber Du siehst sie Dir doch gleich durch, wenn Du sie auspackst. Vielleicht verwendest Du sie auch eher als die anderen Sachen. Ich weiß ja nicht, ob die Ankündigungen, die in der Zeitung immer stehen, auch stimmen. Ich füge sie Dir am besten mit bei, dann kannst Du es selbst lesen. Das sind nach meiner Ansicht mehr oder weniger billige Reklametricks, denn sonst müssten ja Deine Vorräte auch schon längst verdorben sein.
Ich hatte immer vergessen, Dir den einen Zeitungsausschnitt, den ich Dir schon einmal angekündigt hatte, beizufügen. Diesmal will ich es aber nachholen.
Jetzt bin ich tatsächlich wieder einmal am Ende meiner Erkenntnisse. Ich bitte Dich darum, für heute mein Schreiben beschließen zu können. Mit recht vielen lieben Grüßen an Dich und die Kinder bin ich wie immer Dein Ernst.

 Mein liebster Schatz!                                                                          6.12.43
           
Gestern zum Sonntag habe ich einmal nicht geschrieben. Post war keine angekommen. Es gab für mich also nicht zu beantworten. Wichtiges hatte ich nicht zu berichten und sonst fiel mir auch nichts Schlaues ein. Doch heute muß ich wohl schon schreiben, weil es dann passiert, daß Du tagelang ohne Post bist. Aber ich kann Dir ja etwas vom Ablauf meines Sonntags erzählen. Das ist ja auch etwas. Ich habe ja bis jetzt noch keine Briefe erhalten, so daß ich auf nichts eingehen kann. 
Für unsere Helga war der große Tag, Ich habe oft an Euch gedacht, daß Ihr bei der Vorstellung gewesen sei. Ich werde ja von Euch hören, wie sie sich dabei gehalten hat. Ich kann mir denken, daß sie froh ist, daß das nun wieder überstanden ist. Sie hat ja einen gewissen Stolz, daß sie auf die Bühne darf und den Leuten etwas vorspielen kann. Das sind so kleine Eitelkeiten, die Ihr eigen sind. Ich denke dabei daran, wie sie es gern sah, wenn im Bad die anderen Leute auf sie sahen, wenn sie ins Wasser sprang. Ein klein wenig Ehrgeiz kann bestimmt nichts schaden. Unser Herr Sohn könnte davon auch etwas vertragen, denn bis jetzt ist er durch solche Sachen nicht zu fesseln,. Wenn man nur wüsste, wo man ihn in dieser Beziehung packen kann, dann wären wir in mancher Hinsicht ein Stück weiter mit ihm vorwärts. Ich meine, daß er ja gut lernt und soviel ich sehe, gerade in der Schule keine Schwierigkeiten weiter hat.  Aber wenn er etwas mehr Ehrgeiz hätte, dann wäre er manchmal leichter zu lenken.  Froh wollen wir sein, daß sie beide gesund sind. Na, darüber brauchen wir uns bei ihm ja auch nicht beklagen, daß er etwa nicht jungenhaft wäre. Das äußert sich ja ohne viel Umstände für ihn manchmal recht rüpelhaft.
Jetzt nun weiter vom gestrigen Tag,.  Am Nachmittag war ich im Stadion und auf einem daneben liegenden Berg. Die Sonne schien so herrlich, daß ich mich dort eine ganze Weile hingesetzt habe. Das war ganz angenehm, denn die Witterung ist im allgemeinen etwas kühl geworden. Es ist zwar immer noch zum Aushalten, aber unangenehm ist dabei, daß nirgends geheizt ist. Wenn man dann den ganzen Tag im Zimmer sitzt, dann ist das doch spürbar. Anschließend bin ich dann durch die Anlagen gelaufen, die ich mir einmal gründlich angesehen habe. Da es ja jetzt bald dunkel wird, so habe ich mich nur bis gegen ½ 5 Uhr dort aufhalten können, weil dann geschlossen wird. Aber die reifen Apfelsinen, die an den Bäumen hängen, hatten mich die ganze Zeit gereizt. Ich habe bei uns schon Äpfel oder sonstiges Obst stibitzt, aber Orangen noch nicht. Diese Gelegenheit , die ja erst Diebe machen soll, habe ich benutzt und habe mir eine gepflückt. Ich habe nun die Absicht, sie auch mit meinem nächsten Päckchen zuzusenden. Gesetzt den Fall, daß Ihr Euch getraut, eine Apfelsine aus einem königlichen Park zu essen. Ich mache mir deshalb keine Gewissensbisse, denn da hängen noch soviel, daß es da auf einige wenige nicht ankommt. Dann hatte ich mich später mit meinem Arbeitskameraden ins Offiziersheim verabredet. Wir haben dort unseren Kuchen eingenommen, den es dort ab und zu gibt. Er war diesmal nicht so überzeugend im Geschmack, aber schließlich, wenn man Hunger hat, dann macht man ja auch keine Umstände. Später sind wir ins Kino gegangen und nach dem Kino hatten wir uns noch eine Flasche Bier reservieren lassen. Das wäre so mein Tagesprogramm von gestern gewesen. Als gute Hausfrau interessieren Dich ja immer noch Rezepte. Kohlrouladen wurden bei uns doch nie verschmäht. Man braucht dazu ja Fleisch, was in Friedenszeiten kein Problem weiter ist. Ich habe nun gestern feststellen können, daß man dem auf einfache Weise bequem Abhelfen kann. Weißt Du wie? Ja, da mußt Du schon einmal raten. Statt Fleisch nimmst Du einfach Graupen und füllst sie zwischen die Kohlblätter. Der Erfolg ist verblüffend. Ich bin gewillt, in Zukunft auf alle Kohlrouladen  zu verzichten, wenn ich noch mehr von dieser Sorte essen muß. Ich komme gestern in das Hotel. Dort steh angeschlagen, Krautrouladen als zusätzliche Verpflegung. Dem Preis nach hätte es immerhin etwas sein können.  Du kannst Dir unser Überraschung vorstellen, als wir diese Dinger vorgesetzt bekamen. So kann man auf den Leim gehen.
Jetzt bekam ich gerade Deinen Brief vom 26./27.11., über den ich mich herzlich gefreut habe. Vielen Dank dafür. Gleichzeitig trag auf meine Anfrage in Neusalza eine Antwort ein. Ich bin erstaunt, was für Daten Dein Vater zusammengetragen hat. Ich glaube, das hat er einfach so hingeschrieben, ohne überhaupt etwas davon in der Hand zu haben. Ich will jetzt versuchen, diese Sachen einmal ins reine zu bringen, soweit die Unterlagen erreichbar sind, dürfte das keine Schwierigkeiten bereiten. Du wirst dich wundern, was alles dabei herauskommt.  Hast Du unser liebes altes Amselhain noch in Erinnerung? Von dort soll der Johann David Jubisch stammen. Findest Du das nicht eigenartig? Ich will das aber noch genau feststellen. Doch nun zu Deinem lieben Brief, der mir wieder wehr gefallen hat. Mit den Schilderungen von den Kindern, die Du ja nicht jeden Tag auftischen mußt, kommt doch etwas mehr Frische in unseren ganzen Briefwechsel. Es sind doch zwei liebe Schlawiner, unsere beiden Lauser. Ich habe immer wieder das Empfinden, daß es ja gerade das ist, was uns an ihnen immer richtig scheint, daß sie lebhaft und keine Duckmäuser sind. Aber über die mitgesandte Vergrößerung von uns Beiden habe ich mich mächtig gefreut. Ist das nicht ein Wunder, wie wir so einträchtig den Beschauer ansehen? Wir sind doch sonst nicht so. Wenn wir uns in den Briefen schon so fuchsen, wie dann erst , wenn wir beieinander sind. Das muß aber auch so sein, denn das braucht doch nicht jeder zu wissen. Bist Du etwa anderer Meinung?
Daß das Päckchen Nr. 42 noch nicht angekommen ist, ist ja sehr schade, aber man muß sich damit abfinden, denn trotz der hohen und schweren Strafe, die darauf steht, wird noch nund noch geklaut. Ich sage ja immer, daß ich immer erst richtig froh bin, wenn ich die Ankunft meiner Sendungen von Dir bestätigt erhalte. Ich habe heute wieder vier Päckchen an Dich abgesandt. Die Nummern lauten 16/19. In einem ist Brot und in den anderen drei Päckchen befinden sich Korinthen und Zigaretten. Ich habe die Sendungen deshalb nummeriert, weil ich befürchten muß, daß man es auf Zigaretten abgesehen hat, denn die wiegen ja ziemlich leicht, obwohl das Volumen im Verhältnis recht groß ist. Die Korinthen muß Du gleich auseinander tun, denn die sind nicht ganz so sauber wie es mir schien. Ich habe ja keine Übersicht, wie viel Du jetzt von diesen Sachen daheim hast. Wenn Du meinst, daß es sich verantworten läßt, dann kannst du ja Erna von den blauen Kartons einen zuschicken. Ebenfalls an Deinen Vater kannst Du einen absenden, wenn du selbst genügend Vorrat hast. Aber wie gesagt, das überlasse ich ganz Deinem Ermessen. Du weißt ja, wie schwer diese Sachen immer zu bekommen sind, und daß ich froh bin, wenn ich für Euch wieder etwas ergattert habe.
Vorhin habe ich noch nach Bautzen, Böhmisch Kamnitz, Amelshain und nach Neusalza geschrieben, um die Familienforschung weiter zu treiben. Ich werde ja sehen, was ich für Auskunft noch erhalte. Wie Du siehst, ergibt sich immer wieder etwas Neues. So bleibt doch wenigstens alles im Fluss.
Ich schließe mein heutiges Schreiben wie immer mit besten und herzlichen Grüßen an Euch Drei. Viele liebe Küsse füge ich dazu und bin Dein Ernst.

Brief 493 vom 02./03.12.1943


Mein liebstes Mädel!                                                                          2.12.43     
   
Nun ist schon der vierte Tag, an dem ich keine Post von Dir erhalten habe. Heute war zwar auch kein ordentlicher Posttag, denn es ist erst Freitag. Hoffe ich also wieder auf morgen. Ich habe heute einmal eine Sache erledigt, die mir schon lange auf der Seele gelegen ist, das ist das Schreiben an die Bausparkasse. Es handelt sich dabei in dieser Beziehung um die Lebensversicherung. Ich kann mir nicht erklären, ob das richtig ist, was die uns in ihrem Schreiben vorerzählen. Jedenfalls liegt mir daran, schwarz auf weiß zu sehen, auf welche Bestimmung sich diese Ansicht stützt, die doch im Vertrag irgendwie festgelegt werden müsste. Wenn ich auch an sich Wert darauf legen würde, daß bei einer evtl. Übertragung des Bausparvertrags auf meinen Namen die Lebensversicherung ebenfalls für mich aufrecht erhalten würde, so bleibt doch zu überlegen, ob das unter den angeführten Umständen überhaupt Zweck hat,. Denn was nutzt schließlich eine Lebensversicherung und die Familie bekommt nichts, wenn einem tatsächlich einmal etwas zustößt. Das ist ja schließlich der Sinn der Sache. Ich weiß, daß die Lebensversicherungen sich darauf umgestellt haben, ihren Versicherungsschutz auch dann antreten zu lassen, wenn dem Betreffenden im Kriege etwas passiert. Ich denke, daß Du die Sache einmal mit Vater besprichst in dem Sinne, wie ich es meine. Wenn der Fall mit der Versicherung geklärt ist, dann wäre ja Vater nicht einbegriffen. Ich dachte mir, daß ich von ihm die Zustimmung erlange, daß der ganze Bausparvertrag auf meinen Namen übertragen wird. Wir könnte ja in einer privaten Abmachung festlegen, daß ihm selbstverständlich die Hälfte zusteht. Mit ist es nur darum zu tun, daß die Bausparkasse nicht aus diesem Vertrag allein den Nutzen zieht, sondern wir, die wir das Geld zahlen. Ich bin auch gern bereit, die monatliche Prämie zu bezahlen, wenn Vater nicht mehr weiter bezahlen will. Wenn Du aber mit ihm nicht darüber reden willst, so teile mir das nur mit, dann werd ich ihm das schriftlich auseinandersetzen, was zwar etwas komplizierter geht. Ich denke aber, dass ich mich Dir gegenüber verständlich ausgedrückt habe. Auf jeden Fall lässt Du erst einmal das Schreiben so abgehen. Den einen Durchschlag habe ich für Euch gedacht. Ich habe für mich auch einen hier.  Zu Deiner Bedienung lege ich wieder zwei Paketmarken bei, die ich noch außer der Reihe gekommen habe. Für mich haben sie ja keine Bedeutung. Gestern und heute kamen Zeitungen von Dir sowie von Deinem Vater an. Ich muß sagen, daß ich damit ziemlich eingedeckt worden bin. Ich muß jetzt tatsächlich einmal aussortieren, was ich schon gelesen habe und was ich noch lesen muß. Zu allem Überfluss kommt nun noch die Leipziger Tageszeitung von Deinem Vater an, die mir wirklich nicht viel Neues bieten kann. Die wenigen Notizen, die von Leipzig selbst drinstehen, die haben doch nicht für mich mehr die Bedeutung. Zudem erhalte ich ja hier eine Tageszeitung, so daß ich über die laufenden Dinge dauernd unterrichtet bin. Ich habe das ja Deinem Vater auch in meinem letzten Brief mitgeteilt.  An Dich habe ich heute wieder ein Heft abgehen lassen, sowie ein Sammelsurium von anderen Dingen, die ich hier nicht verwenden kann. Mit diesem Brief sende ich nun den vorletzten Schnitt der Bilder von München mit, dann hast Du sie also bald alle wieder in Besitz. Ich hatte mich sehr darüber gefreut und danke Dir hiermit nochmals für die Übersendung.
Lasse mich mein heutiges Schreiben wieder abschließen mit recht herzlichen und lieben grüßen und Küssen an Euch alle. Dein Ernst.

Meine liebe Annie!                                                                               3.12.43   
    
Gespannt bin ich, ob ich heute Post erhalten werde. Ich will Dir aber vorher noch etwas schreiben, was vom Posteingang unabhängig ist. Ich habe doch noch einige hundert Zigaretten daheim, für die ich jetzt ganz nützliche Verwendung hätte. Ich habe mich gestern mit einem Kameraden besprochen, der mir hier immer Wurst oder Käse und andere Sachen  ab und zu zukommen lässt. Der fährt in den nächsten Tagen in Urlaub und will daheim regeln, daß Du für diese Zigaretten irgendwelche Lebensmittel erhältst. Ich bitte Dich darum, tritt jetzt einmal etwas kurz mit der Übersendung von Zigaretten an Deinen Vater. Wann und wie viel Du abschicken musst, das schreibe ich Dir dann zu gegebener Zeit. Sage einmal, wie sieht denn unser Kinderwagen aus, den könnten wir auf diese Weise und bei dieser Gelegenheit loswerden. Unten die eine Feder war doch gebrochen. Aber sonst ist er doch noch ganz brauchbar. Das ist noch nicht positiv, aber im Wege steht er uns ja schon die ganze Jahre.  Schreibe mir bitte auch darüber, was Du denkst.
Ich hatte dieser Tage einmal die Gelegenheit, Esskastanien zu bekommen. Früher konnte man sie bei uns daheim auch kaufen.  Ich weiß nicht, ob sie jetzt noch angeboten werden. Wenn ja, dann würde ich Dir einmal empfehlen, sie zu probieren. Wenn sie heiß sind, dann schmecken sie ganz ordentlich. Wenn Du roh welche bekommst, dann musst Du sie daheim auf die große Herdplatte legen und dann rösten lassen, bis sie aufplatzen oder bis die Schale dunkel wird. Unsere Kinder sind ja in Bezug auf solche Dinge immer recht heikel. Aber was soll ich mich erst des langen darüber verbreiten, wenn Ihr doch diese dort nicht mehr erhaltet.  Heute mache ich wieder ein Päckchen für Dich fertig mit getrocknetem Brot und ein weiteres in dem ich Käse in Tuben, einige Zwiebeln für Vater und noch ein Päckchen Maismehl verpackt habe. die beiden Päckchen haben die Nummern 15 und 16.
Ich habe mir vorhin das Antwortschreiben des Pfarramtes von Bautzen nochmals genau angesehen. Ich hatte es erst flüchtig gelesen. Nun muß ich feststellen, daß mir von dort geschrieben wird, daß die Louise Mirsch, die am 28.5.1805 in Bautzen geboren sein soll, in den Kirchenbüchern nicht aufzufinden ist. Sieh doch bitte einmal nach, wo wir diese Angaben haben. Es kann sein, daß sie noch aus den Aufzeichnungen vom Kurt Michel stammen, es ist aber auch möglich, daß sie von Deinem Vater stammen. Bevor ich in dieser Sache weitermache, will ich erst einmal Deine Antwort abwarten. In meinem nächsten Schreiben an Deinen Vater werde ich dort mit darauf zurückkommen. 
Vorhin habe ich nun wieder einen Brief von Dir bekommen. Es ist Dein Schreiben vom 28.11., das ich wieder dankbar entgegennehme. Die anderen Briefe vom 26. und 27. fehlen jetzt noch. Ich denke aber, dass sie auch bald ankommen werden. Es kam dann auch noch die Anfrage des Wehrmeldeamts in Konstanz über mich. Es handelt sich um die Vervollständigung der Unterlagen, die dort über mich gefertigt werden.
Wie ich aus Deinem Brief sehe, bist Du anscheinend auch wieder eine ganze Zeit ohne Nachricht von mir. Das ist dumm, daß man nicht genau weiß, wann die Flugpost weggeht, denn dann brauchte man die Briefe dort mitzugeben. Es liegt wohl aber auch an der Beförderung daheim. Übermorgen ist nun der Theatertag unserer Helga. Da wird sie heute und morgen noch in Spannung sein. Es ist schon gut, wenn sie dann ihren geregelten Tagesablauf hat, denn sie muß ja in der Schule auch lernen. Theaterspielen ist ganz schön, aber die ewigen Proben und das viele Laufen vorher stellt doch ziemliche Anforderungen an solch ein Mädel.
Das Gedränge auf der Messe an den wenigen Ständen kann ich mir vorstellen. Im allgemeinen werden gerade Spielwaren nicht angeboten und wenn sich dann solch eine Bude zeigt, dann wird sie gestürmt. Ich kenne ja die Konstanzer. Ich erinnere mich nur an den einen Kinobesuch während meines Urlaubs. Dann hast Du mir ja kürzlich auch wieder von einem derartigen Erlebnis berichtet. Man sieht aber auch, was eine Mutter für ihre Kinder alles macht. Ich meine, mit welcher Todesverachtung Du Di in das Gedränge gestürzt hast. Unsere Beiden werden glücklich  gewesen sein, als sie Dich heil und ganz mit Deinen Errungenschaften wieder auftauchen sahen.
Die Aussprüche der Kinder geben manchmal schon Veranlassung zum Lachen. Die Ausdrücke, wie sie nun einmal im ?  deutsch erscheinen, weichen vom normalen ab, so daß ein Kind schon fragen kann, ob sie die Hochburg erst gebaut hätten,.  Aber sie wissen, wie man sich auf geschickte Art und Weise an etwas heranmachen kann, was unter normalen Umständen nicht immer so leicht erreichbar wäre. Nachdem Du den ?  Gästen die Rosinen verabfolgt hast, war doch das gewollte Ziel erreicht. Ja, es sind schon Schlauberger.
Unser Oberlauser ist doch manchmal ein ziemlicher Querkopf. Es ist schon gut, wenn Du ihn immer wieder in die Schranken zurückweist. 
Lasse mich mit herzlichen Grüßen und vielen Küssen an Dich und die Kinder schließen. Bleibt gesund und denkt an Euer Vaterle.

Freitag, 30. November 2018

Brief 492 vom 30.11./01.12.1943


Liebstes Mädel!                                                                                    30.11.43 
       
Ist das nicht ärgerlich. Da habe ich hier etwas Öl für Dich besorgen können. Vorhin wie ich etwas nachsehen will, fällt mir dabei die Flasche herunter und das ganze Öl war weg. Nun hatte ich mich gleich daran gemacht und habe es mit dem Löffel aufgeschöpft. Dadurch habe ich noch ein Teil gerettet. Wenn Du es dann einmal benutzen solltest, dann mußt Du Dich dabei vorsehen, weil vielleicht kleine Glassplitterchen darin sein könnten. Ob Du es dann durchfilterst oder was Du damit machst, das mußt Du dann am besten wissen. Ich werde dann die Flasche besonders kennzeichnen, damit Du keine Gefahr läufst. Es ist sehr schade, daß ein Teil auf diese Weise verlorengegangen ist, aber ich kann es nun leider nicht ändern. Du hast ja immerhin noch ein Teil Öl daheim, so daß man dann diesen Verlust etwas eher verschmerzen kann.  Irgendeine Verwendungsweise wirst Du schon dafür haben.
Post kam heute keine von Dir an.  Gestern ja auch schon nicht. Aber man muß sich ja auch einmal gedulden können.  Ich kann ja immer noch hoffen, denn in den nächsten Tagen wird bestimmt wieder etwas anrollen. Als ich mir noch mal den Brief von Deinem Vater und den von Siegfried an ihn durchlas, musste ich denken, daß die Beiden doch rechte Streithähne sind.  Jeder von Beiden ist nichtnachgebend und jeder von Beiden will recht haben. Wie die Dinge nun auch liegen mögen, ich habe den Eindruck, als trägt jeder von beiden etwas Schuld an diesen ewigen Spannungen. Siegfried fängt immer wieder mit seiner Frau an. Sieh, ich sage mir, ich lasse die ganze Geschichte außer dem Spiele, Für mich existiert sie nur insoweit, als sie durch ihn von mir Grüße übermittelt erhält. Was kümmert mich die Herauskehrung der vielen guten Taten und Eigenschaften, die sie haben soll.  Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe mich daran gewöhnt, daß das in jedem seiner Briefe steht, wie sich auch vieles andere wiederholt. Du bist es schon die Jahre her gewohnt, und ich auch. Es liegt für mich darum keine Veranlassung vor, mich über solche nichtige Dinge aufzuhalten.
Etwas anderes ist mir dabei noch aufgestoßen. Ich bin Siegfried gewiss nicht neidisch, aber er hat doch Glück, wenn er schon wieder von Urlaubsabsichten schreiben kann. Das ist doch noch gar nicht solange her, seit er daheim war. Meinst Du nicht auch?  Ich gebe zu, daß er jetzt auch stärkere Einsätze hat wie es früher gewesen ist. Ich bin kein Freund vom Herausstellen solcher Heldentaten. Siegfried ist da etwas anders wie ich. Ich meine, ich würde es ihm nie schreiben, aber mit Dir kann ich ja darüber reden. Es ist nur so, Dein Vater denkt dann, ja mein Sohn hat unter ungleich schwierigeren Verhältnissen zu leben. Es ist alles nicht so schlimm, als daß man es nicht ertragen könnte. Ich bin in diesem Jahre auch in unmittelbarer Nähe der russischen Front gewesen, ich habe davon aber nie viel Aufhebens gemacht, weil ja schließlich die anderen Kameraden tagtäglich sich dort aufhalten müssen und sie stehen diesen Einsatz auch durch. Du musst mich richtig verstehen, ich habe mir nur einmal so Gedanken über unsere beiden Kämpen gemacht, denen ich in irgendeiner Form Ausdruck verleihen musste. Wie Siegfried schreibt, haben sie dort das Obst gewissermaßen vor der Nase hängen. Das ist nicht ungünstig. Aber wenn die ganze Gegend evakuiert worden ist, dann wäre es ja schade, wenn diese Sachen kaputtgingen. Das ist ja bei uns hier weniger der Fall. Wenn man hier Apfelsinen kaufen will, dann muß man bis zu 2000 Drachmen zahlen. 3600 Drachmen sind jetzt für uns 1,-RM . Aber wir bekommen ab und zu welche zur Verpflegung, so daß man sich diese Ausgabe sparen kann. Bis vor 8 Tagen erhielten wir auch ab und an Weintrauben. Also ganz so ohne Betreuung sind wir nun auch nicht. Wenn ich aber nicht noch die günstige Gelegenheit hätte, mich hin und wieder mit Sonderverpflegung zu versehen. Ich schädige dadurch niemand, wenn ich das empfange, das ist mir immerhin eine Beruhigung.  Andere Kameraden versuchen zwar, auf krummen Wegen sich etwas zukommen zu lassen, das will ich aber nicht tun, und ich habe es auch bis jetzt nicht nötig gehabt. Das Kohldampfschieben ist vorbei. Der betreffende Kamerad, der mich gleich am Anfang zu sich eingeladen hatte, hat mir schon wiederholt Vorwürfe gemacht, warum ich nicht eher zu ihm gekommen sei, denn da hätte er noch mehr zur Verfügung gehabt. Ich will mich aber nicht abhängig machen. Ich gebe ihm ja immer wieder Zigaretten, so daß das Verhältnis nicht einseitig ist. Für diesmal lasse mich wieder schließen mit recht, recht vielen Grüßen und innigen Küssen an Dich und die Kinder. Dein Ernst.

Mein herzliebster Schatz!                                                                       1.12.43  
 
Nun fangen wir den letzten Monat des Jahres an. Wie nur die Zeit dahineilt. Heute habe ich den Adventskalender unseres Jörg eröffnet. Das erste Fensterchen habe ich nun aufgemacht. Bald wird das Weihnachtsfest herangekommen sein. Gestern habe ich doch Pech gehabt mit dem Öl, heute wurde mir nun eine Freude zuteil. Unser Chef erhielt dieser Tage eine Uhr zum Verkauf zugeteilt, die er einem von der Abteilung gegen Bezahlung überlassen sollte. Nun war man sich lange nicht schlüssig, wem diese Gunst zufallen sollte. Der Preis sollte 30 000 Drachmen betragen. Das wäre nach deutscher Währung etwa 800 RM Es ist eine Schweizer Uhr, die wirklich sehr nett aussieht. Ich hatte erklärt, daß ich hier keine Uhr besitze. Einige andere Herren wollten sie auch gern haben. Heute hat man einem ausgewählten Kreise das Los ziehen lassen, bei dem mir dann die besagte Uhr zufiel. Jetzt werde ich zwar noch die Uhr bekommen, die Du mir noch mitbringen lässt, aber das mach ja nichts. Nachdem ich Dir ja die eine geschenkt habe, kann ich ja wieder einmal eine erstehen.  Jetzt fehlt es nur an dem Armband. Ich hatte doch einmal so große Töne gesprochen, daß ich hier welche kaufen könnte. Heute habe ich mich nach dem Preis erkundigt und muß zu meiner großen Überraschung feststellen, daß das Armband bald genau so teuer ist wie die Uhr. Das kann man sich ja beim besten Willen nicht leisten.  Kannst Du vielleicht daheim eines kaufen? Gestern hatte ich mich auch nach etwas anderem erkundigt und zwar nach den Sämereien. Ich habe aber davon Abstand genommen, denn überlege Dir für ein Gramm 1000,-Drachmen. Das ist doch zuviel. Nach langem Handeln hat er dann den Preis um 1/3 herabgelassen, aber auch das ist noch zu teuer. Vielleicht kannst Du diese Sachen daheim leichter bzw. billiger bekommen. Ich las jetzt erst in der Grünen Post, daß Sämereien angeboten würden. Ich lege Dir einmal zwei Anzeigen bei, dann kannst du vielleicht einmal dorthin schreiben. Der größere Mangel herrscht ja immer mit Zwiebelsamen und den hast Du ja jetzt.  Heute hat mich die Post wieder in Stich gelassen. wahrscheinlich ist da irgendwo eine Störung eingetreten. Man soll doch nicht zu sehr frohlocken, wenn einmal eine Sache regelmäßig geht und wenn alles zu klappen scheint. Aber ich habe mich an das Warten schon so gewöhnt, daß mir die zwei oder drei Tage kaum noch etwas ausmachen können.  Vorgestern war ich wieder im Kino und habe mir den film „Titanic“ angesehen. Er ist ganz interessant, aber ich will sagen, fesselnd, wie mancher der letzten Filme war er nicht. Diese ganze Angelegenheit wird propagandisch gegen England ausgewertet. Das schadet ja an sich nichts, aber ich persönlich bin in dieser Beziehung etwas überempfindlich. Man sollte das nach meiner Ansicht so machen, daß das nicht so sehr ins Auge fällt. Vielleicht muß man auch mehr Rücksicht auf andere Völker nehmen, die diese Sachen etwas handgreiflicher vorgesetzt bekommen müssen. Wie dem auch sei, man kann ihn sich ansehen und einmal über die Hintergründe nachdenken, die dabei aufgedeckt werden. Nun steht für mich noch der Film offen: Einmal der liebe Herrgott sein mit Hans Moser, den ich mir vielleicht heute oder morgen ansehe.
Wenn Du dort einmal nach einem Armband für die Uhr fragen würdest, dann mußt Du ja auch die Breite wissen. Es kommen 1 1/2cm in Betracht, das wollte ich noch erwähnen.
Ich sende Dir heute noch einen Artikel aus der Zeitung mit, der so die Verhältnisse in einer besonderen Weise beleuchtet. Nichtstun und sich auf Kosten der anderen versorgen lassen, das ist hier das Hauptinteresse der Leute. Ich kann Dir sagen, daß das gestern früh ein ziemlicher Rummel in verschiedenen Straßen war. Überall stand die Polizei und das griechischer Militär bewaffnet und führte diese Gesellschaft ab.  Es ist auch ziemlich geballert worden. Man spricht wohl von einigen Verletzten. Das läßt sich aber nicht vermeiden bei einer Razzia auf diese Gesellschaft. Man versucht eben immer wieder, die Tätigkeit der Kommune auch in das Zentrum der Stadt hineinzutragen. Bis jetzt ist immer noch hart zugepackt worden. Das ist in diesem Fall auch das einzig Richtige, was man machen kann.
Das wäre so alles, was ich Dir heute zu berichten hätte. Lasse mich deshalb abschließen mit recht schönen und herzlichen Grüßen für Dich und die Kinder. Liebe Küsse füge ich noch für Euch alle bei. Dein Ernst.

Brief 491 vom 28./29.11.1943


Meine liebste Annie!                                                                      28.11.43 

Ich komme heute nochmals auf Deine Bemerkung zurück, die Du wegen meines Briefes vom 13. machst und wo Du glaubst, daß ich etwa verärgert gewesen sei oder sonst was. Nein, ich schreibe dies einmal deshalb, weil ich meist meinen Bogen voll schreibe und dann ist so das tägliche Maß erfüllt. Ich hatte aber an dem Tage nicht soviel Stoff auf Lager, deshalb ging mir das ein bisschen quer. Aber wenn es schon einmal weniger sein sollte, dann musst Du Dich eben einmal mit einem kürzeren Gruß vergnügen. Ich habe das auch nie als Zwang von Deiner Seite angesehen, wenn ich an Dich schreibe, denn was hätte ich dann schon davon und auch Du, wenn ich unter Zwangsvorstellung zu schreiben hätte. Ich glaube, daß Du auch mich soweit kennst, als daß ich etwa zu schüchtern wäre, um Dir das dann nicht zu sagen. Ich nehme an, daß Du mich diesmal besser verstehen wirst und daß mir die Erklärung dafür besser gelungen ist. Sollten aber noch irgendwelche Unklarheiten herrschen, dann lasse es mich nur wissen. Ich kann mich wohl am heutigen Sonntag nicht über mangelnden Posteingang beklagen. Von Dir traf Dein lieber Brief vom 25. ein, dann kam von Deinem Vater der Rundbrief und von zwei Pfarrämtern erhielt ich auch wieder Antwort. Das gab wieder allerhand zu Lesen und schreiben mußte ich ja auch noch, denn die Eingänge von Böhmisch-Kamnitz haben mich interessiert und die mußte ich erst in meine Unterlagen eingeordnet sehen. Ich kann wohl von Glück reden, daß ich gleich 14 Urkunden erhielt. Wunderst Du Dich da nicht auch? Wie habe ich das wieder gemacht? Ich muß sagen, daß ich sichtlich erstaunt war, was Du für ordentliche Vorfahren gehabt hast. Das hätte ich nicht hinter Dir vermutet. Nein, aber einmal Spaß beiseite. Ist das nicht interessant, daß auch hier bis jetzt alle Handwerker waren? Das ist doch sonderbar. Ich sende Dir heute erst einmal die Zahlkarte mit, damit Du das Geld überweisen kannst.  Trage es doch bitte auch in die Übersicht ein, damit uns die Kontrolle nicht verloren geht. Von Bautzen erhielt ich einen negativen Bescheid, ich will aber einmal beim katholischen Pfarramt anfragen, vielleicht haben die Unterlagen dafür. In der Gegen von Bautzen ist ja eine Grenze zwischen katholisch und evangelisch. Das werde ich also einmal ausprobieren. Zur Fertigstellung des Mantels für unseren Jungen gratuliere ich Dir. Unser Stromer wird nun stolz sein auf Dein neues Werk. Ich bin froh, daß Du mit dem Mantel hast etwas anfangen können, denn in diesem Winter brauche ich ihn ja hier nicht. Ich glaube, daß er in diesem Mantel nicht frieren wird. Ich glaube Dir gern, daß dieser schwere Stoff nicht so einfach zu nähen war. Ja, wenn dieser Bengel etwas erreichen will, dann kann er schmusen, das kann ich mir denken. Ich bin ja nur gespannt, wenn er seinen ersten Unfall damit hat. So einmal in Gräben fallen oder ähnliche Scherze. _ Gefreut habe ich mich, daß so nach und nach alle Päckchen bei Dir eintrudeln. Ich kann Dir wieder mitteilen, daß ich am 26. das Päckchen Nummer 14 mit getrocknetem Brot zugesandt habe. Die Kartons kommen mir dabei sehr zustatten. Lange wird es nicht mehr dauern, dann gibt es wieder eins.
Über die Arbeit von unserem Stromer hatte ich mich sehr gefreut. Ich bin nur noch nicht dazu gekommen, ihm dafür persönlich zu danken. Ich hoffe, das aber bald nachholen zu können. Nach dem, was Dur mir bis jetzt geschrieben hast, müßt Ihr ja schon ziemlich in diesem gebastelt haben. Wenn sie dann nicht zu jedem Mal etwas mitbringt, dann sollen diese Mädels sich einmal mit dem zufrieden geben, was Ihr bis jetzt geschafft habt, denn das ist doch bestimmt kein Pappenstiel. 
Ich habe die Auszüge alle nochmals durchgesehen, die ich vom Pfarramt in Kamnitz erhalten habe. Nachdem ich alles bei mir Eingetragene nochmals durchgesehen habe, kann ich sie Dir heute schon mit zugehen lassen, denn ich denke, daß Du Dich auch dafür sehr interessieren wirst. Ist das nicht putzig, wie die einzelnen Familiennamen durcheinandergekommen sind und dann auf der anderen Seite wieder auftauchen. Das eine Mal Michel und das andere Mal Langhans.  Etwas fällt mir auch noch auf, daß alle ziemlich alt geworden sind. Ja, wie ich schon vorher einmal gesagt habe, ich hätte nicht gedacht, daß Deine Vorfahren so ehrsame, biedere Handwerker waren. Du kannst erst einmal daran sehen, was für ein Vertrauen ich in Dich gesetzt habe, daß ich Dich doch genommen habe, aber insgeheim habe ich mir das ja gleich gedacht, daß das so sein muß, denn das sagte mir allein schon mein Scharfsinn. Aber man hat solche Sachen gern schwarz auf weiß, denn man könnte sich doch einmal täuschen, was ja bei mir kaum vorkommt. Was sagst Du nun? He, das habe ich Dir einmal gegeben. Musst aber nicht gleich traurig sein, das ist ja nicht so schlimm, und das geht auch wieder vorüber. Aber jetzt höre ich bestimmt für heute mit dem Frozzeln auf.
Lasse Dich schön grüßen und recht herzlich küssen. In Gedanken bin ich wieder wie immer bei Dir. Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel!                                                                         29.11.43  
          
Gestern bin ich vor lauter anderem Schreiben nicht dazugekommen, Dir vom Verlauf des Sonntags zu berichten. Wir sind jetzt so etwa dazu übergegangen, daß wir einen Sonntagnachmittag in Athen den anderen in Piräus verbringen. Am gestrigen Sonntag war wieder Piräus dran. Wir haben dort das Offiziersheim besucht, von dem ich dir schon einmal geschrieben hatte, daß es mir dort so gut gefallen hatte. Wir sind am Nachmittag mit der Bahn hinausgefahren. Es ist dann ein kurzer Spaziergang und dort kann man sich wirklich gastlich aufgenommen fühlen. Wir kommen in die Räume hinein, da war alles so merkwürdig dunkel. Ich hatte es erst nicht weiter beachtet, aber ich musste dann bald feststellen, daß wir ja in der Adventszeit leben. Adventskerzen waren aufgehängt und auf den Tischen waren Kerzen umrahmt von Zweigen aufgestellt. Es waren richtige Tannenzweige. Das hat mich sehr gewundert, denn ich habe hier noch keine Tannen gesehen. Es war wirklich sehr heimisch und man konnte sich direkt in die Heimat versetzt fühlen. Das Kompliment muß man den Schwestern schon machen, daß ihnen das restlos gelungen war. Jeder, der hinkam, fühlte sich von einer heimatlichen Stimmung umfangen. Ich musste an die früher bei uns verbrachten Adventstage denken, die wir die ersten Jahre in Konstanz noch unten in der Rundbergstraße verlebten. Kurt ging dann immer noch mit Reisig holen. Später, als wir dann verheiratet waren, da kam er dann auch zu uns. Als er das eine Mal von Pommern zurück kam, da fuhr er auch mit mir los, um das Tannenreisig zu besorgen. Wie kam er dann gerade so die erste Zeit so oft zu uns. Er war dann auch immer ziemlich aufgeschlossen. Als sich dann aber der Einfluss von Paula mehr und mehr geltend machte  das kommt mir heute erst viel stärker zu Bewusstsein  da fing er wieder an, seine eigenen Wege zu gehen. Ich denke in diesem Zusammenhang noch an unser Zusammentreffen anlässlich der Silberhochzeit in Leipzig. Was war das für eine Herzlichkeit zwischen uns. Ich will nicht im Bösen daran denken, im Gegenteil, mir liegt daran festzustellen, daß ich immer viel für ihn übrig hatte, wie er es auch für uns hatte.  Das hat er ja selbst oft und oft bezeugt.
Aber nun nochmals vom gestrigen Sonntag.  Wir bekamen dort wieder einen guten Spitzbohnenkaffee. Dann ein Stück geschlagenen Kuchen und selbstgebackene Weihnachtsplätzchen. Wir habe uns dann noch eine zweite Portion kommen lassen, da gab es dann Rosinenkuchen. Leben wir etwa schlecht? Das kann man doch nicht sagen. Später haben wir uns dann ein Glas Cognac und dann ein Glas Wein kommen lassen. Als wir dann noch zum Abendbrot gegessen hatten  es gab Makkaroni und Parmesankäse  dann haben wir uns auf den Heimweg gemacht. Ich bin dann auf mein Zimmer gegangen, habe dort noch etwas zu Nacht gegessen und etwas gelesen. Zur Feier des Tages habe ich mich zeitig schlafen gelegt. War das für die hiesigen Verhältnisse nicht ein netter Sonntag? Ich glaube wohl doch. Man muß immer wieder zusehen, wie man sich durchfuttert, denn man weiß nicht, wann es wieder einmal dünner kommt.
Heute habe ich unserem Sprössling geschrieben. Den Durchschlag findest Du wieder anbei, Außerdem habe ich meinen Nikolausbrief verfasst, der mir diesmal im Schreiben nicht einmal soviel Mühe gemacht hat. Ich bitte Dich, gib jedem der Stromer noch 2,-RM von mir, denn ich habe diesmal nichts weiter für sie. Ich weiß ja noch nicht, wie unser Herr Sohn meinen Brief aufnimmt. Ich habe versucht, mit etwas Lachen ihn auf seine leichten Fehler zu tupfen. Ich denke, daß er es schon verstehen wird, was ich von ihm will.
Das Wetter ist anscheinend doch klar geworden. Heute ist die Temperatur im Gegensatz zu gestern wesentlich gefallen. Man muß nun abwarten, ob das nur  vorübergehend ist oder ob es so bleibt.
Ich hoffe Euch alle meine Lieben gesund. Ich bins auch noch. Nehmt viele Grüße und liebe Küsse entgegen von Deinem Ernst.


Montag, 26. November 2018

Brief 490 vom 26./27.11.1943


Mein liebster Schatz !                                                                           26.11.43  
        
Post habe ich heute noch keine erhalten. Aber ich konnte ja in den vergangenen Tagen zufrieden sein, denn da habe ich doch rechtzeitig meine Briefe erhalten. Mit solchen Unterbrechungen muß man eben rechnen, das lässt sich nicht vermeiden.
Über deine Berichte über unsere beiden Stromer habe ich mich sehr gefreut und über die Sprache habe ich zum Teil wieder lachen müssen. Bei unserem Hauptstrolch geht das Temperament von Zeit zu Zeit durch. Der Bengel ist ja auch gesund und kräftig. Irgendwie muß ja die Lebensfreude heraus. Es nimmt mich nicht wunder, wenn Du mit Helga in der Hinsicht etwas gegen diesen Lebensdrang auszufechten hast. Dem ist doch in diesem Alter nichts sicher und heilig ist ihm auch nichts. Man merkt das ja schon an seinen Äußerungen. Ich bin wirklich herzlich froh, daß er einen Lehrer in der Schule hat, denn mit einer Frau machen doch diese Lausebengels was sie wollen. Auf die Dauer kann ja eine Lehrerin da nicht bestehen. Die braucht nur noch etwas nervös spielen, dann haben diese Kerle ja was sie wollen. Man merkt es ja auch schon an den Aussprüchen unseres Stromers, wie er den Ernst der Schularbeit auffasst. Ihm ist es herzlich lieber, wenn der Lehrer einmal vergisst, etwas aufzugeben. Daß ihm das nicht zusagt, wenn einer den Lehrer daraufbringt, das ist wohl leicht verständlich. Doch vom erhabenen Standpunkt der Eltern aus gesehen, ist das nicht erfreulich, denn schließlich soll die Gesellschaft etwas lernen. Aber eine gesunde Jugend hat keine Tugend. An sich ist das auch weiter nicht schlimm, denn das passiert ja nicht jeden Tag. Aber gerade weil es nicht oft vorkommt, darum macht es ja solch ein Vergnügen, daß der Lehrer, der immer meint, er sei unfehlbar, nun auch vergesslich ist. Welch eine Freude für die Bengels.
Unser Mädel ist ja ziemlich in Anspruch genommen.  Ich bin selbst froh, wenn sie dann nach Abschluss der nächsten Woche wieder etwas mehr zur Ruhe kommt. Denn sie ist an sich kein Riese. Sie ist groß gewachsen, aber sie darf sich nicht zu sehr übernehmen, gerade wo man ihr jetzt nicht alles das zukommen lassen kann, was der Körper für ein solch schnelles Wachstum braucht.  Daß sie jetzt immer das Rad benutzen kann, ist ja schon ein großer Vorteil für sie.  Mit meinem Rad ist unsere Fahrkünstlerin auch schon gefahren. Ich muß sagen, daß sie sich nicht ungeschickt anstellt, wenn sie nur erst einmal weiß, wie sie eine Sache anpacken muß. Für den Nikolaustag hast Du nun auch wieder etwas erobert. Das wird für die zwei Trabanten wieder eine Freude geben, wenn sie dann etwas vorfinden. Vielleicht werde ich wieder einmal einen Brief schreiben. Ich will zusehen, daß ich noch bald dazukomme. Ich hoffe, daß dann dieser wenigstens ankommt. Der letztjährige  ging ja verloren.
Ich habe heute einmal an Nannie geschrieben, um dort Klarheit zu bekommen. Ich habe ihn in der Form verfasst, wie ich das bisher immer getan habe. Ich hoffe, daß ich keine Schärfe hineingebracht habe.
Eine Briefmarke, die ich hier erstanden habe, lege ich mit bei. Lege sie doch bitte mit in mein Album unter Deutschland. Denn wegen eines Katalogs brauchst Du Dich vorerst nicht mehr bemühen, denn ich habe festgestellt, daß die Händler alle die neuesten Kataloge dahaben, die wir in Deutschland nicht bekommen. Deshalb fehlt also hier nichts. Ich hätte nun bezüglich der Briefmarken noch einen weiteren Wunsch. Schicke doch auch die Schweizer Marken von der Landesausstellung und mit der Aufschrift „pro juwentute“. Für die hätte ich hier auch Tauschgelegenheit. Die anderen habe ich bis jetzt erhalten, ich hoffe, daß ich hier Interessenten dafür erhalten. Ich will mir meine Deutschlandmarken etwas ergänzen oder mir eine Sammlung von den hiesigen Marken anlegen. Ich muß erst sehen, was nun das bessere ist. Schade ist nur, daß ich zwar keine Ahnung habe, welche Marken ich von Deutschland alle habe, damit ich mir die Sachen nicht doppelt erstehe. Dazu brauchte ich allerdings eine Zusammenstellung, die Du am besten anhand des Katalogs machen könntest.
Ich hoffe, diesen Brief jemanden mitgeben zu können, der mit dem Flugzeug bis nach Wien fliegt. Dann hättest Du den Brief etwas eher. Ich hoffe weiterhin, daß Ihr, meine Lieben, alle gesund seid. Herzlich grüße ich Euch alle  auch Vater  und bin mit vielen lieben Küssen Dein Ernst.

Mein liebster Schatz !                                                                                 27.11.43       
   
Gestern Abend waren wir wieder einmal anlässlich eines Abschiedsabends für einen scheidenden Oberst von der Militärverwaltung beieinander. Es war etwas spät geworden, denn ich kam erst ½ 3 Uhr nach hause. Wir hatte uns ganz nett unterhalten und dazu einige Tropfen getrunken, was aber noch wichtiger war, es gab etwas ordentliches zu essen. Das alles zusammen hebt dann die Stimmung und trägt dann zum Gelingen eines solchen Abends bei. Wenn einmal die Abteilung vollzählig versammelt wird aus irgendeinem Anlass, so war es bis jetzt immer, um einen aus der Abteilung zu verabschieden.
Dein Brief vom 22./23. traf heute bei mir ein und noch der Brief von Wittenburg, den Du mir nachgesandt hast. Außerdem kam eine Karte von Deinem Vater an, der Leo Krall besucht hatte. Ich danke Dir recht herzlich für Deine Zeilen, über die ich mich sehr gefreut habe. Auch Wittenburg hat sehr nett geschrieben. Die Mitteilung auf der Rückseite des Briefumschlags kam von Männern aus unserer Abteilung der letzten Einheit. Du siehst, es denken doch noch alle an mich. Ich muß doch nicht so ganz unleidlich sein, wie es manchmal scheinen will. Ich will ja auch keine Lobeshymne hören, sondern ich lege mehr Wert darauf, von meinen früheren Kameraden immer wieder einmal zu hören, um zu erfahren, was sich in der Vergangenheit ereignet hat. Auch dort sind so manche der früheren Kameraden weggekommen.  Wittenburg ist nur noch mit wenigen in Douai verblieben, die ich kenne. In dieser Hinsicht hat es ja mächtiges Glück gehabt. Seit Beendigung des Frankreichfeldzugs ist er bei dieser Kommandantur, ohne jemals einen Wechsel mitgemacht zu haben. Ich habe wohl durch die verschiedenen Veränderungen manches gesehen, und ich will nicht vergessen, manches gelernt. Im Wunschtraum scheint einem das tägliche gewohnte und geregelte Leben bei der Truppe ganz schön zu sein, aber ich denke, daß ich weniger zufrieden wäre, wenn es mir nicht so gegangen wäre, wie es mir ja bisher gegangen ist. Durch die verschiedenen Umstellungen bin ich doch immer elastisch geblieben und glaube auch nicht, daß ich so bald vertrockne und verstaube. Daß Du das Paket mit den Zitronen erhalten hast, freut mich sehr. Du hast nur nicht mitgeteilt, ob sie noch in Ordnung waren. Ich will das vor allem deshalb wissen, damit ich mich danach richten kann, wenn ich wieder welche da habe, ob es sich verlohnt. Daß auch die anderen Päckchen wieder angekommen sind, beruhigt mich wieder. Ich habe wieder gemerkt, daß die Ankunft der Päckchen wieder Freude ausgelöst hat und das macht mir selbst immer wieder Spaß. Deine Brotsammlung hat sich ja ziemlich erweitert. Ich hoffe, daß auch dann die Suppen davon schmecken werden. Mir macht das dann selbst Freude, immer wieder für Euch meine Trocknerei weiter zu machen. Wie schade wäre es, wenn man das Brot so hergeben würde. So habt Ihr doch noch den Nutzen davon. Ich kann mir denken, daß Euch die Äpfel auch schon über manches hinweggeholfen haben, denn man kann doch manches andere dafür wieder weglassen.
Deine Bemerkung von unseren Herrn Jörg, daß er fragt, ob Großvaterle auch etwas zu bestimmen hat, veranlasst mich, über den Herrn Sohn darauf hinzuweisen, daß Großväter schon unserem kleinen frechen Scheißer etwas zu sagen haben. Ich weiß ja nicht, in wieweit er das respektiert, aber immerhin kann es nichts schaden, wenn er auch von ihm einmal ein Wort hinnehmen muß. Du mußt ja mit ihm in Genüge reden, so daß er das ruhig einstecken soll. Wenn er nicht schneller sich ausziehen kann, so würde es mich interessieren, ob es besonders helfen würde, wen ihm sein Vater, der leider nicht zuhause sein kann, etwas behilflich wäre.  In dieser Beziehung kann er schon etwas Nachdruck gebrauchen, weil ich genau weiß, daß er es kann. Denn wenn er draußen spielt, geht ihm ja auch alles leicht von der Hand.
Ich freue mich, wie Du die Sachen immer so schön in Ordnung hältst. Wenn es auch etwas recht eng zugeht, so siehst Du doch immer zu, daß der Keller in Ordnung bleibt. Gerade, wenn zuviel zusammensteht, verliert man schneller den Überblick und es sammeln sich immer wieder Sachen an, die man nicht gerade so braucht.
Wenn ich in meinem Brief vom 13. etwas kurz gewesen bin und Du den Eindruck gewonnen hast, ich sei krank oder über etwas verärgert, so musst Du Dir keine Gedanken machen. Du weißt ja, daß ich mich immer noch durchgesetzt habe. Wenn einem einmal eine Laus über die Leber läuft, so ist das noch kein Grund, daß man gleich etwas Schlimmes befürchten muß. Ich kann mich nicht mehr entsinnen, ob da etwas besonderes vorgefallen sein sollte. Schon daran kannst Du ersehen, daß es nicht tief gegangen ist, wenn tatsächlich mir etwas quergekommen wäre. Du weißt ja selbst, daß Du mich nicht zwingen brauchst, wenn ich Dir schreibe, denn ich habe meist soviel auf Lager, was ich Dir zu schreiben oder mit Dir zu besprechen habe. Es kann einmal vorkommen, daß man nicht so auf Draht ist, doch das wirkt sich dann schon am folgenden Tag aus, daß ich dann mehr oder besser schreiben kann. Aber nun will ich schließen. Recht herzlich grüße ich Dich und bin mit vielen, vielen lieben Küssen an Euch alle Dein Ernst.