Sonntag, 8. April 2018

Brief 412 vom 03.04.1943


Meine liebe, kleine Frau !                                                                  3.4.43  
       
Wie doch die Wochen vergehen. Auch diese Woche ist heute wieder zuende. Wie schnell ide Tage und Wochen vorbeigehen, sieht man aber erst daran, daß der Urlaub unserer Leute, wie wir vor einiger Zeit wegschickten, bereits wieder abgelaufen ist. Es ist klar, den Urlaub haben sie hinter sich, aber ich kann nun wieder sagen, ich habe ihn noch vor mir. Ich will zwar nicht vom Urlaub träumen und Dir hier womöglich Urlaubsbilder vorgaukeln. Man kann sich wohl das einmal vorstellen, aber nur ein klein wenig, denn mehr könnte vielleicht insofern von Schaden sein, als dann der Wunsch ein derartiges Übergewicht bekommt, daß man sich das Herz damit schwer macht.  Das darf nicht sein.  Ich will heute nochmals auf den Brief Deines Vaters zurückkommen. Er fragte uns doch, was er machen soll wegen der Operation. Da muß ich sagen, daß er sich das ziemlich leicht machen will. Es ist keine Kleinigkeit in dem Alter, eine solche Operation vorzunehmen. Es sind zwar auch hier Fortschritte gemacht worden. Von Fällen, in denen dann Komplikationen eingetreten sind, hat man schon wiederholt gehört.
Darum kann man weder abraten noch zureden. Ich glaube, daß er allerhand Schmerzen manchmal damit auszustehen hat. Es fragt sich nun, was überwiegt.  Ob die Garantie übernommen werden kann, daß dann alles vorbei ist, steht wohl dahin. Es ist ja immer seine Art, von einem Abschiednehmen zu sprechen. Du weißt ja, daß ich ihm die Gesundheit gönne. Aber wir haben uns ja schon wiederholt darüber unterhalten, wie regelmäßig diese Äußerungen in seinen Briefen wiederkehren. Wie ich auch an ihn denke, will ich Dir damit kundtun, daß ich die Absicht habe, ihm einmal eine Flasche Wodka zu schicken, weil ich höre, daß es mit geistigen Getränken sehr mager daheim aussieht.
Ich glaube, daß er nicht davon abgeneigt ist. Ob er diesen Geschmack gewöhnt ist, weiß ich nicht, aber für ab und zu zum trinken ist er nicht so schlecht. Ich habe hier Gelegenheit, etwas zu bekommen, was über mein Kontingent hinausgeht. Man muß sich ja nicht mit Gewalt vollaufen lassen. Gespannt bin ich ja, was er dazu sagt. Ich möchte zwar nicht, daß er dieses Zeug nicht für sich verwendet und dann herschenkt.
Seit längerer Zeit habe ich in diesen Tagen wieder einmal ein Vollbad nehmen können.
Das ist zwar ein teures Vergnügen, denn es kostet 1,-RM, aber man muß ja einmal etwas für seine Gesundheit tun. Es war aber wirklich eine Wohltat. Solange wir hier sind, haben wir die Absicht, in regelmäßigem Abstand dorthin zu gehen. Interessant war dort, daß die Wannen nicht, wie bei uns, aus Metall waren, sondern aus künstlichem Marmor. Nicht etwa gemauert, sondern ganz in der Form wie unsere Wannen. Das kannte ich noch nicht. Diese Dinger werden anscheinen in Formen gegossen. Ich las da kürzlich, daß man jetzt Schiffe aus Eisenbeton bauen will, um Eisen zu sparen. Als ich das das erste Mal las, glaubte ich, einen Druckfehler gelesen zu haben. Ich meinte, einem Irrtum zum Opfer gefallen zu sein. Aber woanders las ich kürzlich dasselbe. Wo ich das hier nun sah, wurde mir manches klar. Jetzt kann man nur sagen „was es nich alles jibt“.  Ich möchte heute schon Schluss machen, denn ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Ich hoffe, daß Ihr, meine Lieben, alle gesund seid. Recht herzliche Grüße und viele, viele Küsse sende ich Dir und den Kindern in treuem Gedenken. Dein Ernst.

Brief 411 vom 02.04.1943


Mein allerliebstes Mädel !                                                              2.4.43 
     
Kalendermäßig hat das Aprilwetter eingesetzt. Gestern fing es an zu schneien. Dann kam die Sonne wieder durch und gegen Abend regnete es. Heute hatten wir erst nebliges Wetter, dann schien es, als wollte die Sonne scheinen, aber die Bewölkung nahm zu und nachdem es geschneit hatte, scheint wieder etwas die Sonne.  Das Eigenartige ist nur, daß es die ganze Zeit vorher schon frühlingshaft war. Doch gerade dadurch läßt sich der Frühling nicht mehr verleugnen. Bald wird auch diese Übergangszeit überstanden sein und die warmen Tage brechen an. Hier in der Stadt merkt man das nicht so.
Im vergangenen Jahr, als ich in Mirgorod war, da hatte alles mehr ländlichen Charakter.
Wenn man dann früh aus seinem Bau herauskam, dann war man unter Bäumen. Ich will damit nicht sagen, daß ich mich nun durchaus wohlgefühlt hatte. Es war aber eine der angenehmen Seiten. Ich weiß nur noch zu genau, wie tief unglücklich ich mich gerade am Anfang dort gefühlt habe. Aber soweit man gesund ist, läßt sich das auch überstehen.  Kürzlich regest Du in Deinem Brief an, daß auch wir uns einig werden sollten und einmal ein Schriftstück aufsetzen wegen der Erbberechtigung. Es stimmt, die Zeiten sind ja so, daß man bei keinem von uns sagen kann, ich bin gegen jeden äußeren Einfluss geschützt, mir kann ja nichts passieren.  Wenn Du Dir nun wegen der Aufteilung unserer gesparten Gelder Gedanken machst, so verstehe ich das voll und ganz, denn das, was wir zurückgelegt und gespart haben, ist ja alles während unserer Zeit der Ehe gespart worden. Zudem ist es doch so, daß wir wissen, welche Pflichten wir gegenüber den Kindern haben. Durch einen unvorhergesehenen Fall, den wir nicht erwünschen, könnte dann dem einen Hinterbliebenen die Bewegungsfreiheit genommen werden, das soll ja verhindert werden. Darum stimme ich Dir auch vollkommen zu. Über die genaue Formulierung bin ich mir noch nicht im klaren, aber ich habe gedacht, daß wir etwa schreiben, daß wir uns zum gegenseitigen Erben im Fall des Ablebens des einen Eheteils einsetzen. Man braucht in diesem Fall nicht viel mehr zu schreiben, denn damit ist so gut wie alles gesagt. Ich werde nochmals darüber nachdenken und mich womöglich erkundigen. Ich werde Dir dann entsprechenden Bescheid zugehen lassen.  An Siegfried habe ich heute kurz zum Geburtstag geschrieben. Seine Adresse weiß ich ja noch nicht. Darum habe ich an Erna geschrieben und sie gebeten, mein Schreiben weiterzuleiten. Durchschläge habe ich beigelegt.  Von dern Verhältnissen in Charkow wollte ich Dir auch schon immer berichten, wie sie mir hier aus ganz sicherer Quelle bekannt geworden sind. Mein Chef war doch vor gut einer Woche drüben. Zerstörungen am Roten Platz sind dadurch noch vervollständigt worden, da das große Hotel ausgebrannt ist und noch ein anderes großes Gebäude. Die anderen Gebäude haben sie fast alle in Ruhe gelassen. Unser Dienstgebäude steht noch in Ordnung da. Es sind nur kleinere Reparaturen zu machen, die in kurzer Zeit das Gebäude wieder wohnfertig machen. Erschießungen von Bevölkerungsteilen sind nun in sehr beschränktem Maße vorgekommen. Meist nur Leute, die wichtige Posten unter der deutschen Verwaltung inne hatten. Dagegen sind aber auch alle Männer von 17 bis 45 Jahren mitgenommen worden. Zum Teil wurden sie gleich im Kampf gegen uns eingesetzt.
Die Bekleidung der Soldaten sei äußerst mangelhaft gewesen. Die Verpflegung soll 100 g Brot und etwas Salz gewesen sein. Deshalb seien die Soldaten bei der Bevölkerung betteln gegangen. Die Zerstörungen in der Stadt sind nicht so stark wie es erst hieß. Anscheinend ist es auch auf die Angst zurückzuführen, daß diese Gebäude in die Luft gehen würden.
Daß keine Massenerschießungen vorgenommen wurden, hängt damit zusammen, daß die Russen keine Zeit hatten, größere Maßnahmen durchzuführen. Sie konnten sich ja nur 3 Wochen dort aufhalten. Es ist zwar nur ein blasses Bild von dem, was wirklich dort vorging, aber immerhin ist es so, daß nichts Gefärbtes dabei ist, und das ist doch wesentlich. Es ist nicht leicht, den Apparat in Schwung zu bringen. Immerhin haben wir ja die führenden Köpfe zur Hand, die jetzt wieder zurückgeführt werden und nun ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Das ist uns schon eine sehr große Hilfe.
Jetzt sieht man erst, daß sich diese ganze Arbeit, die bestimmt sehr umfangreich war, gelohnt hat.  Recht viele Grüße an Dich und die Kinder, an Vater bitte ich ebensolche auszurichten. Dich, mein lieber Schatz, küsse ich aber ganz fest und herzlich, Dein Ernst.

Brief 410 vom 01.04.1943


Mein liebster Schatz !                                                                     1.4.43 
        
Zwei Briefe erhielt ich gestern von Dir, für die ich Dir vielmals danke. Der eine ist der Luftpostbrief, den zu schreiben Dir wieder wenig angenehm war. Ich kann mir denken, daß Dir diese Angelegenheit bald zum Hals heraushängt.
Ich habe alles nochmals mit meinem Chef besprochen. Ich soll also einen Antrag an das Wehrbezirkskommando richten, dem von hier aus eine Bescheinigung beigefügt werden soll. Ich hoffe, dass ich Dir damit die weitere Lauferei erspare. Eines habe ich wieder feststellen können, daß die freundlichen Kollegen sich sehr zuvorkommend Dir gegenüber benommen haben.
Das werde ich ihnen auch nicht so gleich vergessen. Man muß schon sagen, das ist skandalös, wie sich diese Brüder aufführen daheim. Wenn dieser Schlawiner von Metzler in der Woche 10 Leute zugewiesen bekommt, die ihm nichts angehen, dann ist das ja schon lachhaft, das überhaupt zu erwähnen. Was das bedeuten soll, wenn er gesagt hat „das ist eben schön, wenn man die Leute draußen hat und der andere soll alles erledigen“ das musst Du nochmals erklären. Hat er vielleicht uns gemeint, die wir hier draußen sind, und die, die alles erledigen sollen, das sind die, die in der Heimat sitzen?
Das möchte ich schon einmal genau wissen. Er ist sich seiner Aufgabe wohl nicht mehr bewusst. Anders kann ich mir das nicht mehr erklären.  Was Dir dann der Oberleutnant vorgequatscht hat, ist ja ebenso dumm wie lächerlich. Er ist sich wohl nicht ganz in klaren, aus welchem Grund diese Bestimmung erlassen worden ist. Hier geht es doch nicht um Unterstützung der Eltern, sondern hier handelt es sich um die Erhaltung der Blutlinien. Bei diesen Brüdern ist das aber wohl einerlei.  Man erkannt aus allem, was da für die Geistesgrößen daheim eingesetzt sind. Was dieser Metzler von der Anordnung vom Januar 43 gewusst hat, ist genau so große Scheiße wie all das andere, was er bisher verzapft hat. Ich kann aber wirklich nicht anders, das muß einmal heraus.
Das ist ja eine Schweinerei, wie sie in der Heimat herrscht. Da handelt es sich um eine Verordnung, nach der die Leute, die selbst zwei eigene Söhne haben , nicht mehr zurückgestellt werden können. Das trifft ja auch wieder nicht zu.  Es dreht sich ja nicht um mich, sondern um die Familie daheim, die man erst herumjagt und dann nur noch Kopfschmerzenbereitet mit Dingen, die zu umgehen wären.  Ich kenne mich in den Dingen aus und ich helfe mir da schon eher durch, aber Du kennst Dich doch nicht darin aus. Ich hoffe, die Sache jetzt so erledigen zu können. Ich werde es nach Deiner Anweisung machen und an das Wehrbezirkskommando schreiben.
Es freut mich, daß das Päckchen mit meinem Pullover wieder bei Dir ist. Es ist ein Risiko, wenn man diese Dinge aufgibt. Es ist etwas anderes, wenn es sich um andere Gegenstände handelt, die man zwar auch nicht gern verlieren will. Hier handelt es sich fast um ein Familienstück. Ich schrieb ja schon einmal, wie lange und wie gern ich den Pullover habe. Er hat mir doch die ganze Zeit so gute Dienste geleistet.  Daß Dir die Dose gefällt, ist ja schön. Ich kann es Dir ja verraten, sie war auch sehr teuer. Sie kostete etwas über 10,-RM Du wirst wohl schimpfen über den hohen Preis.  Ich habe sie aber gekauft, weil sie mir selbst gefallen hat. Dann macht es ja nichts, wenn man Freude daran hat. Wenn unserem Jungen das besser zustatten kommt, dann ist es ja gut.
Du hast wenigstens für Ostern eine Kleinigkeit zu schenken. Mit der Länge des Krieges wird es ja immer schwieriger, etwas zu beschaffen. . Wenn man es ihnen erklärt, werden es die Kinder wohl verstehen, aber die Freude ist doch entschieden größer, wenn es etwas gibt. In dem fehlenden Päckchen 27 war eine Flasche Cognac.  Ich hoffe, daß sie inzwischen  nun auch angekommen ist. Wenn ich die Kameraden von der Feldpost nicht so gut kennen würde, bekäme ich meine meist zu schweren Päckchen nicht abgenommen.
Wie lang man dazu Gelegenheit hat, weiß man ja noch nicht. Darum sende ich auch das weg, was irgend geht. Wenn man später einmal wieder in Urlaub fahren könnte, brauchte man doch diese schweren Flaschen z.B. nicht zu schleppen. Die kleine Nachgebühr ist ja nicht so schlimm.  Von Deinem Vater traf auch noch der Brief ein, den er uns allen gesandt hat. Ich werde mich später dazu äußern. Heute nicht. Die Bescheinigung für Vater hatte ich vergessen beizulegen. Sie liegt nunmehr bei.  Ich denken, daß sie so abgefasst ist, daß er damit zurechtkommt.  Dich grüße ich recht herzlich und bin mit vielen Küssen Dein Ernst.

Donnerstag, 29. März 2018

Brief 409 vom 31.3.1943


Meine liebste Annie !                                                                    31.3.43 
          
Herzlich danke ich Dir für Deine beiden Schreiben vom 21. und 22., die gestern ankamen.
Ein Brief von Frau Frick traf ebenfalls ein. Das war die Post von gestern. .  Ja, die Sendung vom Truppenteil von Kurt kamen also ausgerechnet am Heldengedenktag an. Wie eine Mahnung von Kurt, auch ihn unter dem großen Heerbann der Gefallenen nicht zu vergessen. Ich nehme mir oft sein Bild vor. So wie er war, so erscheint er einem darauf, und ich kann nur wieder sagen, daß ich dann immer kaum daran glauben kann, daß sein Tod Tatsache sei. Wenn man dann allerdings seine persönlichen Sachen zurückkommen sieht, dann steht es wieder unzweifelhaft fest. Sein Fotoapparat war doch sein ein und alles. Weißt Du noch, wie er aus Pommern zurückkam und sich über die Anschaffung freute. Er konnte sich ja überhaupt manchmal wie ein Kind freuen. Er hat ihn lange Zeit begleitet. Daß er ihn gewissermaßen bis in den Tod begleiten würde, das ahnte damals niemand. Es ist schwer, das alles ansehen zu müssen.
Man kann sich aber auch nicht des stolzen Gefühls erwehren, dass er seine Pflicht getan hat bis zum letzten und wie es von ihm verlangt wurde. Wenn Du von dem einen Bild schreibst, wo er auf der Wiese sitzt und so herzlich lacht, dann muß ich daran denken, wie er manchmal bei uns saß und las. Wenn der Inhalt nun entsprechend war, fing er auf einmal an zu lachen und platzte nur so heraus.  Wie ich aus Deinem heutigen Schreiben ersehe, ist Vater doch nicht so auf die Beeinflussung von Paula eingegangen, wie ich das schlechthin erst auf Deinen letzten Brief annahm. Er will also sich doch nicht so schnell entschließen, die Bausparkasse aufzugeben; jedenfalls noch, ohne vorher mit mir darüber gesprochen zu haben. Ich habe Dir ja schon meine Absicht in dieser Beziehung mitgeteilt. Ob du meine Auffassung in dieser Beziehung voll teilst, nehme ich wohl an. Ich will aber doch Deine Antwort erst abwarten. Soweit Du Einwände hast, teile sie mir unumwunden mit, denn wir werden sehen, was wir daraus machen. Pb wir das Geld nun auf die Sparkasse tun, oder sparen erst einmal dort weiter, das wird wohl nichts ausmachen und auf das gleiche hinauskommen. Wegen der Zahlung der rückliegenden Beträge mache Dir nur erst keine Gedanken, das werde ich schon ins Geleise bringen. Die laufenden Raten können wir doch im Moment zahlen.
Ich hoffe nicht, daß später solche schwerwiegende Komplikationen eintreten, daß wir dann nicht mehr in der Lage dazu sein sollten. Zur Regelung der weiteren Sachen lege ich Dir die gewünschten Bescheinigungen für die Abhebung des Geldes bei. Es würde mich rein rechnerisch interessieren, was Kurt gespart hat und was nun alles gezahlt worden ist. Ich bitte aber zu bedenken, daß ich das nicht wissen möchte, um etwa abzuwägen oder um zu kontrollieren. Es handelt sich nur darum, um einen allgemeinen Überblick zu bekommen. Was die Leute von der SS von mir wollen, kann ich mir eigentlich auch nicht erklären. Ich werde darum abwarten und Dir dann rechtzeitig Bescheid geben, was gewesen ist.  Es hat mich gefreut, als ich in Deinem Schreiben las, daß Du Dir von meinen „Herren Kollegen“ nicht auf den Kopf spucken ließest.
Es hat mich nur gekränkt, wie man Dich in der Gegend herumgeschickt hat und wie diese Herren Kollegen sich der Angehörigen ihrer Arbeitskameraden annehmen. Das ist mir der beste Beweis für den ganzen Sinn der Kameradschaft in den Betrieben usw. Ich habe Dir ja schon beim letzten Mal geschrieben, daß ich auch wieder einmal in Urlaub komme. Dann wird sich auch einmal Gelegenheit bieten, diesen Fernkämpfern die Meinung zu sagen. Das ist ihnen noch nicht geschenkt. Da sieht man wieder die ganze Einstellung. Nur die Arbeit von sich abwälzen und alles abschieben. Es wird schon einer machen.  Frau Frick hat ja ziemlich belanglos geschrieben. Ich weiß nicht, soll ich dieser Frau wieder antworten oder nicht. Ich schicke Dir den Brief einmal mit. Du kannst mir ja Deine Ansicht darüber schreiben, evtl.  sendest Du mir diesen Brief dann wieder zurück. Ich sollte wohl noch einmal mein Beileid wegen des Todes ihrer Mutter, die ich ja kennengelernt hatte, aussprechen. Das wäre noch vielleicht zu beachten. Gib mir aber allgemeine Deine Ansicht bekannt.  Das wäre für heute alles, was ich zu schreiben hatte. Nimm recht viele herzliche Grüße und Küsse entgegen und denke wie immer an Deinen Ernst.

Brief 408 vom 29.3.1943


Mein liebstes Mädel !                                                                      29.3.43  
       
Ich setze mich erst heute Abend zum Schreiben hin, denn ich wollte erst abwarten, ob Post von Dir eintrifft. Mein Warten war nicht umsonst, denn er kamen drei Briefe von Dir an. Außer dem Luftpostbrief vom 25., die beiden Briefe vom 19. und 21. Ehe ich darauf weiter eingehe, will ich die heutige Päckchenangelegenheit erledigen, dann bin ich unbelastet für die anderen Dinge. Ich habe Dir die Päckchen 44 und 45 fertiggemacht.
Heute bekam ich wieder etwas Mehl, was mich sehr für Euch gefreut hat. Es sind 1 ½ kg. Damit kannst Du Deine kleinen Vorräte etwas auffüllen und sitzt nicht fest.
Dann habe ich einen Film erhalten. Ich sende ihn Dir mit, damit Du Deinen Fotoapparat nicht aufbocken mußt, wie man es mit den Kraftwagen machen müßte, die man nicht mehr verwenden kann. Für die Mundpflege habe ich noch Odol erstanden. Die Bücher, die ich ausgelesen habe, sind ebenfalls beigefügt und einige Zigarren für Vater. So, da ist alles. Hoffentlich kommt alles gut in Deine Hände. Daß Du das Päckchen Nummer 26 erhalten hast, hat mich gefreut. Es ist ja noch allerhand Zeug unterwegs. Ich habe mir schon gedacht, daß der Briefträger innerlich schon geflucht haben mag, wenn er für Euch so allerhand Sachen hinbringen muß. Daß sie die Päckchenmarder hinrichten, ist im Interesse einer ordentlichen Postbeförderung auch unbedingt erforderlich. Wenn man bedenkt, was immerhin noch geklaut wird trotz dieser harten Maßnahmen, dann kann man sich vorstellen, was alles wegkäme, wenn eben die strengen Gesetze nicht wären.  Wie ich lese, hast Du mit den Gartenarbeiten begonnen.
Ich will nicht versäumen, Dich wieder darauf hinzuweisen, daß Du langsam machen mußt und Dich nicht übernehmen darfst. Wenn du, wie Du schreibst, an dem sonnigen Stück Deine Aussaaten vornehmen willst, dann möchte ich Dich noch daran erinnern, daß Du Obacht geben mußt, dass der Boden locker bleiben muß, denn das ist für die Lebensgewohnheiten der Erdflöhe besonders günstig. Achte auch darauf, daß Du ein Bekämpfungsmittel dafür hast. Du hast ja nun in allerhand eigenen Gärten Erfahrung gesammelt, dass ich Dir nicht mehr viel sagen brauche, im Gegenteil, später bei Dir wohl in die Schule gehen muß. Es freut mich, daß Dir der damals in Frankreich gekaufte Stoff für Helga jetzt so zustatten kommt. Ganz abgesehen von der Qualität, ist es ja daheim auch schwer, noch das zu bekommen, was man gern möchte. Wo Du jetzt noch selbst Deine Freude am Gelingen hast, hat man ja noch mehr erreicht, als nur den Stoff gekauft und daraus ein Kleid gemacht.  Das ist ja verständlich, wenn Du Dir einmal vorstellst, daß es auch im Leben etwas anderes gibt als eine Trennung. Und wenn Du davon einmal ein bisschen sprichst, dann ist das wohl zu verstehen. Es wäre zwar feiner, wenn man nicht davon träumen bräuchte und mit der Tatsachen rechnen könnte. Aber schieben wir diesen Wunschtraum beiseite, es ist besser so, sonst verfängt man sich in den Maschen dieses feinen Gestrickt. Also kommandieren wir wieder: aufhören! Es muß leider sein.  Bei dem gegenwärtigen Wetter kann man die Wintersachen nun langsam beiseite schieben.
Ich habe es ja auch schon getan. An vielen Tagen kann man schon ohne Mantel herumlaufen, so sonnig ist es. Man muß zwar aufpassen und man darf es nicht übertreiben. Es ist schon gut, wenn man wie Du die Sommersachen beizeiten durchsieht, dann kann man sich darauf einrichten, was man braucht und das ergänzen.  Unser Jörg ist ja bei dem Herauswachsen unserer Helga aus ihren Sachen in der Kriegszeit nicht schlecht dran. Er ist so ein kleiner Profitler. Für Dich ist es bestimmt eine Erleichterung, daß Du nicht für beide immer gleich kaufen mußt.  Deine Neuordnung unserer Bücher hat mich auch interessiert. Das ist bei unserer großen Sammlung schon erforderlich.
Früher hat man eben zusammengestellt, wie sie kamen und wie es sich gab. Aber es ist schon richtig, daß man nun neue Gesichtspunkte gelten lassen muß. Dir war es dazu noch eine angenehme Beschäftigung. Warum schreibst Du aber, die Bücher von „König Heinrich“ bis Friedrich der Große“? Der Entwicklung nach wäre es doch wohl richtiger. Daß Du längere Zeit vor den Büchern stehen kannst und dir aus diesem oder jenen Buch etwas vorstellen kannst, das kann ich Dir nachempfinden, nur ich schrieb Dir ja erst vor wenigen Tagen, daß ich diese Geschichte von „von Gillhof“  mit einem Schmunzeln und einem Erinnern an ein Buch gelesen habe.  So soll es ja auch sein.  Inzwischen hast Du ja meinen Brief vom Heldengedenktag bekommen.
Du wirst festgestellt haben, daß mich die gleichen Gedanken bewegten wie Dich auch.
Wenn Vater auch meinte, er wolle sich kleine Erkältung zuziehen, dann kann ich das wohl verstehen. Ich lehne aber die Einstellung ab , daß das alles Krampf sei, wenn man die Leute zu einer solchen Feier einlädt. Ich hätte hier im Dienst bleiben können und nicht zu der Feier gehen brauchen. Im Gegenteil, ich habe mich hier freigemacht.
Habe mir erst noch einige Sachen besorgen müssen, damit ich überhaupt dort mit auftreten konnte. Ich habe es gern gemacht, weil ich damit unseren Kurt ehren wollte, darüber hinaus aber auch die vielen anderen Toten dieses Krieges.  Auf die anderen Dinge will ich später noch zurückkommen.  Daß die von Dir abgesandten Päckchen wieder zurückgekommen sind, ist ja nicht Deine Schuld. Das ist nun einmal Pech, an dem sich nichts ändern läßt. Die Rücksendung des Handtuches eilt nun nicht so sehr. Ich kann mich bis jetzt noch immer abtrocknen. Du brauchst Dir deshalb nicht unnütz Sorge zu machen.  Du schreibst vom Badetag. Was machen denn die Schwimmkünste unseres Jungen? Macht er weitere Fortschritte?. Jetzt geht es ja auf den Sommer zu, da macht das Schwimmen im Freien doch mehr Spaß. Ich bin gespannt, wie sie sich da aufführen. Für die übermittelten Grüße von Fritz danke ich.  Ich werde ihm erst wieder schreiben, wenn er mir auf meinen Brief antwortet. Sag aber, daß ich die Grüße erwidern lasse.  Nun kommen also doch die Erbauseinandersetzungen. Ich hätte sie gern vermieden. So, wie sich die Dinge durch das Zutun von Paula entwickelt haben, sehe ich mich veranlasst, an Vater in dieser Beziehung persönlich zu schreiben,. Ich lasse Dir den Brief erst zugehen. Du kannst ja die momentane Lage besser beurteilen wie ich. Ich denke aber, daß das notwendig geworden ist. Grundsätzlich will ich Dir schon sagen, daß ich mich für ihn freue, wenn er Anschluss bei Paula gefunden hat.
Vielleicht war ihm das Leben bei uns zu eng. Das kann ja sein. Wir haben nun einmal unseren besonderen Lebenskreis und den werden wir deshalb nicht aufgeben. Wenn Vater jetzt nun meint, bei Paula die allein seligmachende Religion empfangen zu können, dann soll er zu ihr gehen. Ich sage das ohne irgendeinen Beigeschmack von Bitternis, denn ich habe ihn nun im Lauf der langen Jahre auch kennen gelernt. Sieh doch. Bevor wir mit Paula brachen, war das Verhältnis schon zwischen Beiden sehr getrübt, und es ging gänzlich aus dem Leim, als Nannie einmal zu Besuch da war. Du hast es ja auch noch gut im Gedächtnis. Über alles sind schon so viele Jahre hinweggegangen.
Es schien damals alles unversöhnlich. Jetzt, durch den Tod unseres Kurt ist diese Plötzliche Wendung eingetreten. Ich schrieb schon einmal. Kurt mag dies früher geistig vorgeschwebt haben, eine Einigung zu erzielen. Jetzt ist sie eingetreten, aber eine Wendung ist nun nicht eingetreten. Das Vertrauen, das vorher ziemlich uneingeschränkt bestand, hat sich etwas gelockert. Er ist ein Einzelgänger und läßt sich doch für ihn ganz unbemerkt, von Paula beeinflussen, wenn nicht gar in mancher Beziehung, führen. Du weißt, ich bin immer für Klarheit. Gern würde ich sie hier auch anstreben, aber mit Rücksicht auf sein Alter will ich davon absehen. Es steht doch, nach den Äußerungen von Paula zu schließen, einwandfrei fest, daß die alte Rivalität zwischen ihr und uns immer noch besteht. Es tut mir leid, daß Vater das nicht merkt und daß er sich in einer Weise von ihr einwickeln läßt, die auf uns beleidigend wirkt. Du kennst meine Einstellung in Bezug auf Erbsachen. Was ist mir das gleichgültig, ob ich dieses oder jenes Stück in meinen Haushalt bekomme... Das ist mir vollkommen gleich. Es handelt sich hier nur darum, ein Andenken von diesem armen Jungen zu haben. Das wäre für mich alles. Aber hier ist es so, daß Paula, die bei ihrer altbekannten Einstellung es nicht sehen kann, daß andere etwas bekommen, wovon sie nichts erhält. Über die Mentalität von Paula brauchen wir uns nicht erst lange äußern, denn die ist Vater genau so gut bekannt wie uns auch. Ganz abgesehen davon, daß sich Nannie mir gegenüber einmal in gleicher Weise geäußert hat. Daß ihre ganze Auffassung nur aus einer gegen uns gerichteten Einstellung heraus zu betrachten ist, erhellt sich schon daraus, daß sie sich um die gesetzlichen Bestimmungen nicht weiter kümmert, sondern sich einfach darüber hinwegsetzt und glaubt, damit Unfrieden zwischen uns stiften zu können. Daß Vater dieses Geld nicht so ohne weiteres abheben kann, ist ja ganz in Ordnung. So wie sich die Dinge aber nun zuspitzen, ist es fast ratsam, daß man alles schriftlich niederlegt, um später evtl. auftretenden Schwierigkeiten, die man ja jetzt noch nicht voraussehen kann, aus dem Wege zu gehen. Was ich mache, das muß ich mir noch überlegen. Grundsätzlich bin ich auch mit Dir einer Ansicht, daß wir das Geld Vater zukommen lassen und die anderen Sachen uns zufallen. Wegen des Bausparvertrags habe ich Dir kürzlich schon geschrieben. Frage doch einmal , was dieser ganze Vertrag jetzt kostet. Ich bin gewillt, diesen Vertrag abzukaufen. Ich glaube, damit etwas fortzusetzen, was er begonnen hat. Dieser ganze Bausparvertrag war ja auf Betreiben von Paula zustande gekommen. Sie hat es ihm damals so beigebracht, daß er sich ein Haus auf diese Weise sparen sollte. Gewiss, es war für ihn selbst. Nun dachte ich mir folgendes, wenn es je dazu kommen sollte, daß wir in Konstanz bleiben würden, oder sonst wo einmal fest zu Sitzen kommen, dann könnte man sich das geplante Haus bauen lassen.
Weil wir keine andere Möglichkeit haben, ihm in irgendeiner Form einen Denkstein zu setzen, würde ich ihm im Hause eine Gedenkplatte einsetzen lassen, die daran erinnert.
Das sind zwar noch Pläne, die man am besten miteinander bespricht, aber Du kannst Dich ja dazu äußern. Du schreibst mir, was der Vertrag jetzt kostet, damit ich danach disponieren kann. Er soll ihn vorerst noch aufrecht erhalten.
Wenn es ihm zuviel ist, dann zahle ich die nächste Rate. Ich glaube, daß ich mir nun das meiste wieder von der Seele herunter geschrieben habe. Vielleicht sprichst Du mit Vater über all diese Dinge noch einmal. Ich dachte aber auf alle Fälle eine gegenseitig unterschriebene Erklärung etwas folgendermaßen: „Vorbehaltlich einer späteren Regelung anlässlich eines Urlaubs, erklären wir und damit einverstanden, daß sämtliche Gelder an den Vater Adolf Rosche und sämtliche anderen Gegenstände wie Kleidung und sonstiges an den Bruder Ernst Rosche fallen.“ Ich kann mich noch nicht endgültig mit dieser ganzen art abfinden, die so ganz und gar hinter meinem Rücken  ich meine in diesem Falle nicht Dich nur mit Paula abgemacht ist und ich soll dazu nur Ja und Amen sagen. Es sind dies doch Dinge, die sie nicht weiter zu kümmern brauchen. Wenn sie Unfrieden säen will, dann soll sie sich woanders hinscheren. Nur uns soll sie bald in Ruhe lassen.
Kann sie denn keinen Frieden geben? Siehst Du, das wäre ihr ja ganz gleich, wenn Kurt mit irgendeinem Mädel ein uneheliches Kind gehabt hätte. Das wir Beide aber zusammenhalten, das paßt ihr nicht und sie glaubt auch heute noch dagegen stänkern zu müssen. Das ist eine Unlogik, wie sie an sich nur einer Frau innewohnen kann.
Verzeihe mir, wenn ic h dies hier ausspreche, aber in diesem Zusammenhang fällt mir nichts weiteres ein. Ich würde nichts sagen, wenn Du Deinen Laden nicht in Ordnung hättest, wenn die Zeit bewiesen hätte, daß ich einen falschen Griff getan hätte. Aber es ist doch das Gegenteil der Fall. Kann sie dann noch nicht darüber hinwegkommen?
Das frage ich mich immer und immer wieder. Sie soll doch endlich einmal versuchen, ihrer ewigen Miesmacherei ein Ende zu setzen. Aber sie will dies nicht einsehen, darum kann ich von mir aus nichts weiter zu einer Annäherung tun. Ich habe es wiederholt versucht. Innerlich habe ich mich gefragt, ob ich dies überhaupt in der Weise immer tun dürfte. Ich sagte mir, man soll doch einmal Gras über alle diese Dinge wachsen lassen. Aber in diesem Fall ist sie das berühmt gewordene Rindvieh, das das Gras abfrisst, das über die Dinge gewachsen ist, die einmal erledigt sein sollte,. Du kannst meine Einstellung Vater gegenüber ruhig wörtlich verlesen. Ich kann das, was ich geschrieben habe, jederzeit vertreten, denn ich habe mir dies reiflich überlegt.  Ich habe diesmal von vielen ärgerlichen Dingen sprechen müssen. Sei mir darum bitte nicht böse, es muß nun einmal gemacht werden, denn sonst treibt man mit uns Schindluder und das darf nicht sein.  Ich sende Dir viele herzliche Grüße, mein liebes Mädel. Ich hoffe, daß Ihr alle gesund seid. gib unseren beiden Lausern einen kräftigen Kuß und sei Du selbst vielmals geküßt von Deinem so viel an Dich denkenden Ernst.

Brief 407 vom 28.3.1943


Mein herzliebes Madel !                                                                  28.3.43  
     
Wieder ist einmal ein Sonntag angebrochen. Ich bin heute hier allein , abgesehen von unseren zwei Fahrern und dem einen Schreiber. Mein Chef ist heute nach Charkow geflogen. Es ist anzunehmen, daß er heute wieder zurückkommt, bestimmt ist es zwar noch nicht. Es wird interessant sein, was er an Nachrichten von dort mitbringt. Man sollte nicht glauben, wie man auf Nachrichten gespannt ist, die nach dieser zwischenzeitlichen Besetzung sehr verschiedentlich laufen. Es ist einem dort so vieles im Laufe der längeren Tätigkeit bekannt geworden. Rein äußerlich würde man gern wissen, wie groß die Zerstörungen sind und dann, wie die Bevölkerung behandelt worden ist. Die Meldungen sind ja so unterschiedlich, so daß man am besten keiner großen Glauben schenkt.  Inzwischen ist es Spätnachmittag geworden. Es gab verschiedenes zu tun.  Trotz Sonntag bin ich heute nicht herausgekommen, denn ich will den Laden hier nicht allein lassen, wenn sonst niemand weiter da ist. Ich habe zwischendurch einige Päckchen fertiggemacht.
Mir waren meine Filzstiefel im Wege. Daraus habe ich zwei Päckchen gemacht. Innen habe ich die besagten Opanken beigepackt. Wenn ich sie tatsächlich zum nächsten Winter brauchen sollte, dann werde ich sie anfordern. Aber hier stehen sie herum und sind mir bei meinen schon so eingeschränkten Verhältnissen nur im Wege. Gestern erhielt ich wieder eine Flasche ordentlichen Sekt, den ich auch verpackt habe. Nun müssen wir doch schon ein kleines Sektlager daheim haben. Ich glaube, daß Dir damit bald Angst werden wird. Ich habe aber wirklich keine große Lust, diese Sachen zu trinken. Vor nicht allzu langer Zeit war ich noch erpicht darauf, aber ich weiß nicht, auf was das zurückzuführen ist. Dann denke ich mir, daß es schon einmal eine Gelegenheit geben wird, bei der wir uns zusammensetzen könne, um uns gemeinsam darüber herzumachen.
Es muß ja nicht alles an einem Abend ausgetrunken werden. Aber es ist doch ganz nett, wenn man einmal etwas daheim hat und man braucht nicht so genau darauf zu achten. Insgesamt müssen es doch bald zehn Flaschen sein, die wir mit Sekt haben.
Wenn Du aber einmal Appetit haben solltest, dann mache Dich einmal über eine Flasche her. Allerdings dürfte eine ganze Flasche für eine Person etwas mehr aus ausreichend sein. Die Päckchen haben die Nummern 41/43.  Wie ich feststelle, muß ich in diesen Tagen an Siegfried zum Geburtstag schreiben. Teile mir doch bitte bei dieser Gelegenheit einmal den Geburtstag von Erna mit. Von Siegfried habe ich die neue Anschrift bis jetzt noch nicht. Auch auf meinen letzten Brief ist bis jetzt noch keine Antwort eingegangen.
Ich denke, daß er nun inzwischen soweit genesen und zu seiner Einheit gelangt ist.
Im Rundfunk war heute Nachmittag ein nettes Programm, so daß man doch immerhin eine ganz nette Unterhaltung über den Nachmittag hat. Vor allem abends ist es schön, wenn man den Apparat anstellen kann. Vielfach spielen wir abends Schach. Gestern Nacht haben wir bis nach ein Uhr nachts gesessen und haben gespielt. Die Zeit vergeht dabei so  schnell, daß man selbst erstaunt ist, wenn Mitternacht herankommt. Wir haben ja im allgemeinen  jetzt Zeit dazu, uns auszuruhen. Diese Sitzungen sind ja nicht die Regel, aber es kommt eben manchmal vor.  Ich bitte Dich, an Vater recht herzliche Grüße auszurichten. Du gibst ihm ja immer Bescheid, was ich mache und wie es mir geht. Du meinst doch nicht, daß es erforderlich ist, daß ich ihm besonders schreibe. Was ich noch mitteilen wollte: wenn ich wieder in diesen Tagen einige Einschreibebriefe an Dich absende, dann lasse doch bitte die Marken auf dem Um schlag und hebe den gesamten Umschlag auf.  Sei Du mit den Kindern vielmals gegrüßt und nimm Du viele liebe Küsse entgegen von Deinem Ernst.  Nun habe ich ganz vergessen, das ich noch von heute Nachmittag schreiben wollte. Bei uns gibt es ja zum Sonntag Bohnenkaffee.
Ich hatte noch welchen von heute früh da. Den habe ich mir warm machen lassen, Dann habe ich mir noch den Rest von dem Gebäck vorgenommen, das Du mir mit Deinem letzten Päckchen gesandt hattest. Das war direkt feierlich. Dazu habe ich noch etwas gelesen. Man konnte direkt ein Gefühl von Sonntag bekommen.  Es fehlte nur daß man dazu daheim wäre. Dann wäre das höchste der Gefühle gekommen. Aber das müssen wir uns erst noch etwas verkneifen. Später ist das sicherlich wieder möglich.
Nun will ich aber abschließen. Nochmals einen recht dicken Kuß von ......mir.

Brief 406 vom 27.3.1943


Mein liebes, gutes Mädel !                                                                  27.3.43  
           
Soeben habe ich unserer Helga auf ihren letzten Brief geantwortet. Das ist wieder einmal ein Brief von lauter Vögeln geworden. Ganz unwillkürlich habe ich mit dem Spatz angefangen und daran hat sich dann ein ganzer Teil anderer Gattungen angeschlossen. Durchschlag für Dich liegt ja wieder bei. Auf diese Weise bleibt man ja auch gedanklich mit den Kindern zusammen. Schön ist ja, daß sie schon all das verstehen, was man schreibt. Ich habe mit Absicht nur an Helga geschrieben, damit Jörg von sich aus den Ansporn zum eigenen Schreiben wieder bekommen soll. Es hat keinen Zweck, ihn dazu zu treiben. Es ist klar, dazu hat er zuviel Leben in sich, als daß ihm das draußen herumspringen mehr Freude macht, wie das In der Stube sitzen.  Was unseren Dienst und vor allem unsere Dienststelle anbelangt, so kann man sagen, daß alles im Fluss ist. Besser wäre wohl gesagt, es ist eine Stromschnelle. Es geht so durcheinander und so viele neue Situationen ergeben sich. Erst sollten wir doch ganz auffliegen.  Dann sollten wir auseinandergerissen werden. Dann sollten wir geschlossen wieder woanders eingesetzt werden.
Dann gab es noch verschiedene kleine Zwischenlösungen, die man nicht mehr weiter beachtete und dann hieß es zuletzt, daß unser Chef mit einem Oberinspektor allein wegkommen würde und seit gestern ist die Lage nun so, daß unser Chef jetzt wieder hier bleibt. Das scheint wohl nun endgültig zu sein. Denn der Mann, der ihn hier ablösen sollte, kommt nun an die Stelle, an die er hinsollte. Viel Lärm um nichts, könnte man da sagen. Als auch für mich damals der Fall einer Umsiedlung einzutreten schien, musste ich mir auch Gedanken machen, was man dann alles mitnehmen muß, um an der neuen Dienststelle einigermaßen als Mensch wieder leben zu können. Ich kam zu der für hiesige Verhältnisse zwar nicht sehr erstaunliche Feststellung, daß dazu schon allerhand nötig ist. Man kann hier nicht so reisen wie bei uns in Westeuropa. Von dem üblichen Waschbedarf kann man ja ganz absehen. Wenn ich aber vergleiche, mit wie wenig Sachen ich nach Frankreich reiste. Das hätte ich hier nicht wagen dürfen.
Wenn es nicht darum wäre, daß man es selbst transportieren muß, dann müßte man mit dem Bett anfangen. Das ist ja ohne weiteres günstig, als man es zusammenklappen kann, so daß es nur eine Fläche ist. Bei einem Gemeinschaftsumzug lädt man sämtliche Betten auf einen LKW, dann geht das. Aber den Strohsack, den muß man auf alle Fälle mitnehmen. Dann vor allem zwei Decken. Wenn man es hat, dann Bettbezüge.
Es sieht schon etwas menschlicher aus. Das ist dann aber erst nur das Schlafen, was man dann hat. Das Schanzzeug, das heißt auf gut deutsch, Messer, Gabel und Löffel, braucht man auf alle Fälle wie auch das Kochgeschirr und die Feldflasche. Wenn man das nicht hat, ist man ein einsamer Wanderer in der Wüste. Die Waschschüssel ist ein sehr wichtiger Artikel. Die hütet man wie einen Augapfel. Kaufen kann man diese Dinge hier nicht, und auf Kammer liegen diese Sachen nicht. Wenn man nicht ganz verkommen will, sollte man noch etwas bei sich haben, womit man sich die ab und zu vorhandene Freizeit vertreiben kann. Bei kleineren Einheiten ist meist nichts vorhanden.
Weder etwas zum Lesen noch ein Spiel oder sonst etwas. Hier geht es ja noch. Wenn jemand eigenes Geschirr hat, dann gilt er schon als vornehm. Es handelt sich ja nicht allein darum, daß man es besitzt, aber man muß doch diesen Kram immer selbst schleppen, wenn man einmal herausgerissen wird. Fürs erste wäre ja diese Gefahr gebannt. Ja, da siehst Du, was man so für Sorgen hier hat. Es sind zwar noch verschiedene andere Kleinigkeiten. Aber das sind immerhin die, die gleich ins Auge fallen.  Heute habe ich nun noch das Pfarramt in Groß-Rosenburg angeschrieben. Jetzt habe ich an alle Stellen geschrieben, von denen ich noch etwas in der Ahnensache anfordern kann.
An Nannie habe ich gerade auch noch geschrieben. Ich will sie auch nicht solange auf Antwort warten lassen. Damit bin ich wirklich aller Briefschulden ledig.  Ich grüße Dich recht herzlich und küsse Dich sehr fest, wobei ich Dich fest an mich drücke.
Dein Ernst.