Dienstag, 16. Januar 2018

Brief 365 vom 6./8.1.1943


Meine liebe Annie !                                                                            6.1.43   
       
Auf Deinen Brief vom 24. warte ich so sehr, um von der Bescherung selbst zu erfahren. Dieser Brief läßt sich aber Zeit. Er hat den Briefen vom 25. und 28.12 den Vortritt gelassen, über die ich mich selbstverständlich genau so gefreut habe, wie über den, den ich noch erwarte und die vielen anderen, die noch folgen werden.  Über die Schilderung des Tagesablaufs am 1. Weihnachtstag hat mich sehr interessiert. Ich habe gelesen, die Kinder haben sich nach Deiner Schilderung sicher ganz wohl gefühlt, denn sie haben doch richtige Weihnachtsabwechslung gehabt. Einmal spielen, einmal etwas essen, dann wieder lesen. So nach Herzenslust herumbummeln, ohne irgendeiner Pflicht genügen zu müssen. Das war doch nach ihrem Willen. Das gehört zum Verlangen der Kinder. Du erinnerst Dich damit auch an Deine Kindheit. Es ist ja so eigenartig, wie sich verschiedene Bewegungen und Handlungen der Kinder sich in der eigenen Jugend wiederspiegeln. Fritz Bautz hat Dich also doch noch aufgesucht. Der Truppendienst hat ihn nach Deiner Schilderung ziemlich mitgenommen. Das ist schon gut möglich, daß ihn der Umgang mit den anderen Soldaten verschiedene Eigenheiten abgewöhnt hat. Der Kommis formt so manchen um. Ich habe gleich an Kurt denken müssen, als ich die Ankündigung seines Besuches las.  Kurt war doch immer sehr wenig kaputt. Er wird wohl auch jetzt nicht restlos bei ihm gewonnen haben. Du hast schon recht, wenn Du mir mitteilst, daß andere, in diesem Fall Resi, sich um uns auch nicht weiter kümmern. Deine Worte haben zwar etwas Bitternis. Ich weiß nun nicht, ob Du darum böse bist, daß wir seinerzeit zu Resi gegangen sind. Weißt Du, wir haben doch trotz allem unsere schönen Stunden miteinander verlebt. Wir sind doch immer miteinander weggegangen und haben alles zusammen geteilt. Ich bitte Dich, lasse Dir meine Handlungsweise nicht zu nahe gehen.  Ich werde mich ein andermal befleißigen, mich zu bessern.  Kurt hat das wieder richtig ähnlich gesehen, wie er die Sache mit der Wäsche angebracht hat. Das wäre doch für ihn eine Kleinigkeit gewesen, diese Sachen rechtzeitig zu bringen. Es wäre nicht nötig, daß Du Dich ausgerechnet am 1. Feiertag hinstelltest. Für das gesandte Bild von ihm danke ich Dir. Ihm selbst werde ich auch noch meinen Dank dafür mitteilen. Die Art ist aber richtig französische Aufmachung. Es sieht ihm wohl ähnlich, aber es ist meines Erachtens stark retuschiert.  Ich habe es sehr bedauert, daß mein Weihnachtsbrief Dich nicht rechtzeitig erreicht hat. Ich hatte bestimmt damit gerechnet, aber erzwingen kann man es leider nicht. Hoffentlich bist Du bald entschädigt worden. Die Briefe von Helga sind wieder sehr lieb geschrieben. Ich habe ihnen in der Zwischenzeit geschrieben. Sie sind nun hoffentlich mit ihrem Vater wieder zufrieden, wenn sie in ihrem Schreiben auch ausdrücklich betont haben, daß ich mich erst schlafen legen sollte, wenn ich müde sei. Das hatte ich nun nicht erwartet, daß die kleinen Puppen soviel Umstände in die Puppenfamilie gebracht haben. Ich hätte ihnen noch etwas deutsch beibringen sollen. Das stimmt schon, daß die noch allerhand zu lernen haben. Wie komisch sind wir Erwachsenen doch immer. Wir meinen, es müsse alles prunkhaft sein, wenn es einem Kinde zusagen soll. Die kleinen Puppen haben zwar schon eine längere Reise gemacht wie sie. Hatte ich ihr nicht schon einmal welche aus Frankreich gesandt? Es ist mir so in Erinnerung. Ich habe mir gerade einen Buben mit einer Fellmütze herausgesucht, weil dies doch noch am echtesten wirkt.
Was Du von dem Verhalten meines Vaters vor der Abreise Kurts schilderst, das ist so ganz und gar seine Art. Das kenne ich von ihm. Er hätte Dir doch einfach sagen können, er hätte mit ihm noch etwas zu besprechen. Aber ich kann andererseits nicht verstehen, was die beiden für Heimlichkeiten haben. Gräme Dich aber bitte deshalb nicht darum, denn das ist doch nicht der Wert und Du weißt ja, man sagt, daß Ärger alt machen würde. Ich erhielt heute noch zwei Briefe auf meine letzte Anfrage von dem Pfarramt Großmühlingen und Nimburg. Bei dem einen erhielt ich eine Taufurkunde und zwar von Johann Rosche, der am 8.8.1733 in Groß Mühlingen geboren ist. Ein Hinweis, woher die Eltern stammen können, ist auch dabei. Ich werde mich gleich dorthin wenden.  Gespannt bin ich, wie weit wir kommen. Die Trauungsurkunde seiner Eltern war auch mit dabei. Sie stammt auf dem Jahre 1731. Der Vater hieß Johann Caspar. Die Trauung erfolgte am 17.7.1731, ebenfalls in Groß Mühlingen. Das ist doch ein ganz netter Erfolg.  Jetzt sind wir schon über 200 Jahre zurück. Wegen der anderen Sache schreibe ich Dir morgen. Das nimmt mir sonst zuviel Platz weg.  Lasse Dich recht schön grüßen und vielmals küssen von Deinem Ernst.

Mein liebster Schatz !                                                                          8.1.43 
        
Ich bin gestern nicht dazugekommen, unsere allabendliche Aussprache fortzusetzen. Warum, das will ich Dir gleich erklären. Am Nachmittag hatte ich freigemacht und bin mit unserem Unteroffizier ins Theater gegangen, um mich etwas abzulenken. Ich hatte schon früh einen etwas benommenen Kopf und als ich nach der Vorstellung nach hause kam, da hatte ich ziemlich Kopfweh. Wieso das kommt, das weiß ich nicht. Es kann ja eine Alterserscheinung sein. Meinst Du nicht? Es hat aber alles nichts geholfen, ich habe gestern bis nach 24 Uhr arbeiten müssen, weil verschiedene Sachen hier vorlagen. Heute ist es auch bis ½ 11 Uhr gegangen.  Ich war gestern wirklich nicht in der Lage, Dir Deinen lieben Brief vom 24. , auf den ich so gewartet hatte, und den vom 26., den ich gleichzeitig erhielt, zu beantworten. Ich danke Dir vielmals für Deine Zeilen. Heute bekam ich nun Deinen Brief vom 29. Jedes mal die zusätzlichen Schreiben unserer Großen. Ihr Beide hellt einem das Leben mit Euren Zeilen immer wieder etwas auf.  Ich will Dir aber vorerst noch zu der Anlage schreiben, das ich vor einigen Tagen von dem Kameraden Drechsler die anliegenden Bilder erhielt, in denen Du Deinen Mann wohl kaum wiedererkennen wirst. Ja, da war das beste, nur nicht den Mut verlieren und nicht unterkriegen lassen. Daß das in dem einen Bild vor dem Haus mit meiner Sommeruniform und auch bei meinem Abschiedsabend zum Ausdruck kommt, das siehst Du wohl, aber Du siehst wohl auch, daß ich von meinen Kameraden nicht ungern gesehen war. Es sind richtige Stimmungsbilder, die mir selbst Freude gemacht haben. Ob sie Dir auch gefallen, kann ich noch nicht voraussehen. Die Gardinen vor den Fenstern und die Decke auf dem Tisch können nicht die russischen Verhältnisse versinnbildlichen, denn diese Einrichtungsstücke und Zeichen westlicher Kultur haben wir nur den Liebe und der Opferbereitschaft eines Kameraden zu verdanken, der diese Sachen sich zugelegt und uns zur Verfügung gestellt hatte. Sonst ging es nicht so komfortabel zu. Im Vordergrund der beiden Bilder, die im Zimmer aufgenommen sind, siehst Du noch einen Pfosten unserer selbstgebauten Paradiesbetten. Die Hütte selbst war nur sehr in Schuss, wie Du auf dem Bild sehen kannst.  Es fehlen nur die Fensterscheiben. Unsere ersten Unterkünfte hatten noch grobere Fehler. Das hatte ich Dir aber alles schon früher geschrieben. Mir ist es eine nette Erinnerung. Hebe sie bitte mit auf. Gestern habe ich ein Päckchen für Dich fertiggemacht und abgesandt. Es hat die Nummer 2 und enthält: Hautcreme, Haarwasser und eine Flasche 4711, die ich angebraucht habe. Ich habe Dir erst die andere schicken wollen, aber die ist anscheinend nicht ganz dicht. Der Sendung habe ich noch das von mir gekaufte Buch beigefügt. Lasse Dich gut damit unterhalten.  Aber nun zu Deinen Briefen. Die Weihnachtsfeier muß bei Euch wieder nach der bei uns üblichen Art gefeiert worden sein. Man merkt es auch an den Zeilen der Kinder. Ich danke Dir, daß Du so lieb mit den Kindern gefeiert hast. Ich habe es Dir ja schon letzthin geschrieben, daß sie Dir das nicht vergessen werden. Sie waren am Anfang doch sichtlich überrascht und nach Lösung der Spannung ist ja dann auch die eigentliche Freude zum Durchbruch gekommen. Das sieht unserem Bengel ähnlich. Er mußte erst einmal probieren, ob das der geschenkte Hammer aushalten würde, wenn er mit ihm einen Nagel einschlägt, Helga hat ihre Freude mit der Puppenschaukel gehabt. Es ist ja schön, wenn man sich als Kind gänzlich unbeschwert freuen darf. Aber auch für den Erwachsenen ist es ein glückliches Gefühl, wenn er die Freude der Kinder sieht. Das ist mir nun leider vorenthalten. Ändern kann man es nun einmal nicht.  Was hilft es, man muß sich, wie immer, damit abfinden. Gelder haben sie ja auch tüchtig eingeheimst. Ja bei solchen großen Summen, da steigen die Konten bei der Kasse. Ich finde es nett, daß sich Kurt wenigstens hat sehen lassen. Ich habe für mich lachen müssen, wie Vater von den für mich bestimmten 25,RM, 2,50 RM abzog. Die hätte ich ihm doch überweisen können. Es ist auch so recht. Lege es mit zu den Sonderersparnissen. Ich kann ja doch nichts mit dem Geld anfangen. Bitte nur nichts davon schicken.  Wie ich das Fest verlebt hatte, das habe ich Dir bereits geschrieben. Mit meinem Bild treibst Du ja direkt einen Kult. Daß ich mit meinen Gedanken bei Euch war, hast Du aus meinen vorhergehenden Briefen gelesen. Wie sich unsere beiden Lauser Mühe gegeben haben, das hat mich sehr gefreut. Sie machen doch alles mit Überlegung. Sie sind mit ihren Gedanken dabei. Es hat alles einen Sinn. Man merkt, daß sie es aus sich heraus machen. Daß Dir dadurch das Fest nicht ganz freudlos war, hat mich besonders gefreut.  Ich hätte gern mehr geschrieben, aber es ist schon wieder ziemlich spät. Ich bin auch etwas abgespannt. Lasse Dich vielmals grüßen und viele Küsse geben von Deinem so oft an Dich denkenden Ernst.

Samstag, 6. Januar 2018

Brief 364 vom 4./5.1.1943


Mein liebster Schatz !                                                                       4.1.43     
 
Die zweite Januarwoche ist schon angebrochen. Vorgestern, gestern und heute habe ich keine Post von Dir erhalten. Dagegen kamen der Brief der Kinder vom 24. an und ein Brief von Siegfried.  Über die Schreiben der Kinder habe ich mich recht herzlich gefreut.  Daß am Vorweihnachtsabend eine Sendung von hier war, das hatte ich nicht gehört. Interessant ist, daß einer mit Hilfe eines Mikrofons am gleichen Abend bei unserer Weihnachtsfeier zur Unterhaltung brachte, die den umgekehrten Weg ging. Es ist ein Soldat unserer Einheit, der Berichte aus der Heimat verbunden mit einer Art Wunschkonzert brachte. Dabei hatte er sich mehrerer höherer Offiziere bedient, die er bedachte. Es war ganz nett aufgezogen und am Anfang konnte man glauben, es sei eine richtige Übertragung. An Helgas Brief finde ich erst einmal eine große Vorfreude auf den bevorstehenden Abend und dann ist es so nett von ihr geschrieben, wie sie mich überraschen wollte, wenn sie bei einem Fronttheater mitspielen würde. Das wäre schon eine riesige Überraschung für mich und eine große Freude dazu. Das sind Kinderträume, die zu weit von der Wirklichkeit abrücken. Ich glaube, gerade aus diesem Schreiben ein groß Teil ihrer Liebe und ihrer Anhänglichkeit herauszuspüren. Wie paßt das mit dem Weihnachtsfest zusammen. Mit auf den Schoß zu sitzen wird also leider nichts werden. Jörg muß ja auch eine richtige Spannung gehabt haben, denn man fühlt sie ganz unbeschwert aus seinem Brief heraus. Er muß es wohl bald nicht mehr haben abwarten können. Da war es gut daß Du sie noch mit verschiedenen Dingen hast ablenken können. Das BAden hat im weiteren Sinne ablenkend wirken sollen. Es ist nur gut, daß man diese Berichte nicht am eigentlichen Weihnachtsabend bekommt, denn dann wäre einem noch wehmütiger zumute gewesen.  Heute wurden zur Leipziger Montagssendung Eure Lieder gespielt, die Ihr so gern hört, wie: „Antje, mein liebes Antje“ und “Wovon soll der Landser denn schon träumen“. Ich kann wohl annehmen, daß Du auch Hörer dieser Sendung warst. Unsere Gedanken haben sich dann sicherlich getroffen.  Wegen des bei Gess bestellten Heftes habe ich heute an den Kollegen Herre vom Amt geschrieben. Vielleicht kann er mir es beschaffen. Ich habe zwar wenig Hoffnung. Bis jetzt kannst Du die Bestellung noch aufrecht erhalten.  Das ist doch ein eigenartiges Wetter. Man könnte glauben, daß es dem Frühjahr zugeht. Überall taut es. Ein Wind hat sich aufgemacht, der nicht kalt ist. Aber bald an den Frühling gemahnt. Bei uns werden nun bald nach und nach die Urlauber eintreffen, die über Weihnachten daheim waren.  Ein Urlaub geht doch verhältnismäßig schnell vorüber, wenn es für uns von der Abfahrt bis zur Rückkunft einen Monat dauert.  In den letzten Tagen habe ich mich ziemlich ausgeschrieben. Ich muß erst Deine weiteren Briefe abwarten, um wieder etwas positives zu schreiben. Lasse Dich vielmals recht herzlich grüßen und viele Küsse füge ich für Dich und die Kinder mit bei. Dein Ernst.

Mein liebes Mädel !                                                                                5.1.43 
   
Dein lieber Brief vom 23.12. traf heute ein. Ich danke Dir recht herzlich dafür. Nachdem Du soviel geschrieben hast, mußt Du es ziemlich eilig gehabt haben, denn zu einer Unterschrift hat es diesmal nicht gelangt oder hatten Dich die Weihnachtstage schon in ihrem Bann?  Mein Schreiben, in dem ich die Verteilung des Geldes mitteilte, hat Dich vor den Feiertagen erreicht, Da ist doch die Angelegenheit vor den Feiertagen auch noch klar gegangen. Ich kann mir vorstellen, daß es nicht schön ist, wenn man eine Sache da hat und man nicht weiß, was der Absender damit eigentlich vor hat. Wegen den Puppen ist ein Missverständnis entstanden. Vielleicht habe ich mich ungeschickt ausgedrückt. Es ist von mir nur ein Paar gekauft worden. Wenn Du Helga schon darauf vorbereitet haben solltest, dann bleibt wohl nichts weiter übrig, als sie zu trösten. Ich halte den Preis von je 3,50 RM je Stück etwas zu hoch. Ich habe schon kürzlich darüber geschrieben.  Ich glaube, daß Du auch meine Ansicht teilst, wenn nicht, dann gib mir Bescheid, bitte. Was Deine Erwähnung des Kaufes der Nägel in Konstanz und dazu Deinen Hinweis meines Erwerbs in Frankreich anbelangt, dann muß ich mir heute immer wieder vorhalten, schon im Hinblick auf die lange Dauer des Krieges, daß es vielleicht zu wenig war, was man gekauft hat. Man hätte schon in den ersten Monaten sich gleich Geld freimachen sollen. Aber man glaubte, daß sich diese Ereignisse nicht solange hinausziehen würden. Man hätte dies und jenes noch beschaffen können. Ich denke gerade noch an Schuhe und Leder. Aber was nutzt das alles, man kann es doch nicht mehr ändern. Es freut mich auch noch, wenn ich daran denken, daß ich Dir durch diese Anschaffungen manchen Weg erspart habe. Ob Du dann diese Sachen alle bekommen hättest, das wäre auch noch eine Frag gewesen. Wenn ich dann noch die Anerkennung von Dir für meine Gedanken an Euch bekomme, dann bin ich schon zufrieden. Weiter will man ja nichts, denn Ihr sollte es doch etwas leichter durch diese kleinen Sendungen bekommen. Mein Sinnen und Trachten geht in der Freizeit auch vielfach danach, etwas für Euch zu organisieren. Eine andere Möglichkeit hat man ja doch nicht, um die Liebe zu Euch zum Ausdruck zu bringen. Ich weiß auch, daß Ihr das so empfindet. Ich habe nun noch nicht von Dir erfahren, ob die ominöse Laubsäge sich noch gefunden hat. Wie ich aber schon aus Deinen Zeilen lese, habe ich anscheinend wieder etwas angerichtet. Jetzt geht der Streit zwischen Dir und Jörg, wer den größeren Anspruch darauf hat. Das hatte ich nun nicht beabsichtigt. Wenn wieder Frieden ist, weiß ich wenigstens gleich ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk. Besser wäre es aber, ein Geschenk für den Muttertag, das ist durchaus passend und geeignet. Du bist ein richtiger kleiner Handwerker geworden.  Ich brauch mich deshalb auch nicht mehr wundern, warum unser Bengel sich mit solchen Dingen beschäftigt. Wenn schon die Mutter bastelt, dann muß es ja der Junge erst recht. Aber immerhin mein Kompliment. Habt Ihr zum Weihnachtsfest keine Stolle gehabt? Weil Du schreibst, Du hättest zwei Kuchen gebacken. Ich kann mir schon denken, daß sie appetitlich waren.  Ich habe auch schon in den letzten Tagen darüber geschrieben, was ich dazu denke, wenn Helga oder Jörg nicht jeden Tag schreiben. Das kann man nicht verlangen, denn sie sind ja noch Kinder. Ich habe bestimmt keine Veranlassung, ihnen das übel zu nehmen. Sie haben sich nach meiner Auffassung in der letzten Zeit sehr angestrengt und ich bin bestimmt dankbar dafür.  Ich habe auch gestern in meinem Brief von gestern erwähnt, daß es nichts war mit der Sendung von Charkow. Aber ich kann mir Eure Spannung vorstellen. Denn man horchst ja sofort auf, weil man nicht weiß, was kommt. Vor allem weil man seine Gedanken gleich in eine gewisse Beziehung dazu bringt.  Es hat sich nun zweimal als gut erwiesen, daß ich Dir die Durchschläge meiner Schreiben an Dich sandte, da konntest Du Kurt diese gleich zum Lesen geben .  Ich habe mich auch gewundert, daß mein Vater überhaupt keinen Baum gemacht hat. Er hat doch früher gerade an solchen Dingen gehängt. Vielleicht wollte er sich auch den Eindruck von früher nicht verderben. Man weiß ja nicht, welche Momente ihn dazu bewegt haben.  Lasse mich für heute wieder schließen. Ich erwarte nun mit größerer Spannung Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht kommt er morgen. Sei recht herzlich gegrüßt und vielmals geküsst von Deinem an Dich immer denkenden Ernst.


Mittwoch, 3. Januar 2018

Brief 363 vom 31.12.1942


Mein liebstes Mädel, meine liebe Annie !                                           31.12.42   

In wenigen Stunden ist es soweit, daß wir wieder ein Jahr hinter uns gebracht haben. Ein Jahr, das uns mancherlei Sorgen bereitet hatte. Ein Jahr, das uns auch manche Freude nicht versagte. Wir haben es gesund überstanden und wollen froh darum sein. Voller Erwartung blicken wir in die Zukunft, wissen zwar nicht, was sie uns vorbehalten hat. Hoffen wir, daß sich unsere Wünsche, die wir an das kommende Jahr stellen, erfüllen. Im Laufe der Jahre haben wir sie immer weiter zurückgeschraubt. Sie sind ziemlich bescheiden geworden, aber den Glauben wollen wir deshalb nicht verlieren.
Meinen Neujahrsbrief hatte ich Dir schon geschrieben, ich nehme an, daß er rechtzeitig in Deinen Besitz gekommen ist. Darin habe ich all das schon zum Ausdruck gebracht, was mein Wünschen und Verlangen für das kommende Jahr ist. Ich wiederhole es gern noch einmal zum Jahresschluss.
Die Liebe, die wir uns im abgelaufenen Jahr und in den Jahren vorher entgegengebracht haben, wollen wir im Jahr, das vor uns liegt, erhalten. Gemeinsam wollen wir all das tragen, was uns angeht , es ist leichter für uns beide.  Unserer Familie wollen wir weiter in der Aufopferung dienen wie bisher. Ich wünsche uns allen, daß uns die Gesundheit erhalten bleibt, und daß wir uns in nicht allzu weiter Ferne wiedersehen.  Hoffentlich sind wir am Ende des kommenden Jahres soweit, daß man dem erwünschten Ziel dieses Krieges näher sind. Mein weiterer Wunsch geht dahin, daß Ihr keine Not leidet in der Ernährung.  Ich habe heute verschieden Sachen noch fertiggemacht, die mich hier noch belasteten.
Von dem Päckchen Nummer 55 schrieb ich gestern schon. Am Sonntag fährt ein Kamerad auf Urlaub, der mir eine kleine Flasche Öl mitnimmt und dann an Dich fertig macht. An Siegfried habe ich heute geantwortet und auch nach Gramsdorf an das Pfarramt habe ich geschrieben. Die teilten mir mit, daß sie meine umfangreiche Anfrage jetzt nicht erledigen konnten. Ich habe ihnen mitgeteilt, daß ich davon Kenntnis genommen hätte und ich bitte darum, daß sie die Antwort an Dich schicken sollten.  Die Kosten dafür kann ich von hier aus bestreiten, wenn Du keine Lust hast, dies zu erledigen. Den Durchschlag meines Briefes an Siegfried habe ich beigefügt.
Ich hatte erst die Absicht, Deinem Vater auch noch zu antworten, aber dazu langt es wohl heute nicht mehr.  Ich komme nicht umhin, ich muß heute wieder einmal in der Erinnerung kramen. Heute vor einem Jahr, da saß ich auf der Kreiskommandantur in Douai und hatte OvD. Ich hatte einen schweren Stand mit der Wache, weil die Brüder des Guten zuviel getan hatten. Das war nicht leicht und ich war froh, als mein Dienst vorbei war, denn ich hatte nicht die Absicht, den Männern diesen Abend zu verderben.
Diesmal werde ich mit den Männern unserer Abteilung zusammensitzen. Es wird im Rahmen bleiben, denn die Mengen sind nicht so reichlich bemessen, daß man daran Schaden nehmen könnte. Genau wie ich in Gedanken jetzt bei Euch bin, so werden sie auch um Mitternacht und vorher bei Euch weilen. . 
Auf die vergangenen Briefe will ich heute nun wieder teilweise zurückkommen, denn es ist allerhand gewesen, was da ankam. Ich will doch alles so beantworten, wie es notwendig ist. Die Freude über den Einkauf des Weihnachtsbaumes kann ich mir vorstellen von Jörg. Es war ja günstig, daß Ihr rechtzeitig gegangen seid, denn da hast Du noch die Auswahl gehabt und brauchtest nicht so lange anzustellen. Ich denke, daß Ihr auch an dem Weihnachtsbaum selbst Eure Freude hattet.
Das Theaterspielen in der Schule hat Helga sicherlich auch imponiert. An diesen Sachen kann sie sich begeistern. Sie hat nun einmal etwas Geltungsbedürfnis. Jörg hat nun auch gemerkt, daß es ihm Spaß macht, schwimmen zu können, wenn es auch erst mit dem Korken ist. Das macht ja nichts weiter. Er muß eben erst das Zutrauen haben, daß es geht, solange das fehlte, da hatte er auch noch nicht den richtigen Geschmack daran. Ich hoffe, daß sein Eifer entfacht ist. Das Geld ist ihm ja sicher.  Ich halte an meiner ausgesetzten Prämie fest.  Was nun die Schulangelegenheit anbelangt, so ist meine Meinung die.
Kurt meint, daß Handelsschule genügen würde. Das mag alles stimmen.  Ich will mit den Kindern auch nicht höher hinaus als notwendig.  Andererseits möchte ich ihnen die Möglichkeit geben, die ihnen nach ihren Fähigkeiten offen stehen. Es handelt sich bei uns nicht darum, daß das Kind nun erst mit dem und dem Jahr fertig ist und so und so lange auf der Tasche liegt. Das macht mir nichts aus, denn wie viele Jahre sind das noch, dann sind sie uns aus dem Hause. Welche von den Höheren Schulen wir nun wählen, das ist nun die Frage, die noch offen steht. Denn da gibt es die verschiedenen Möglichkeiten. Die Anregung, die Resi gab bezüglich der Luisenschule ist an sich richtig. Ihr Hinweis mit den Lehrerinnen ist wohl wieder genau so einseitig gesehen, wie damals, als die Kinder in die Volksschule kamen. Du kannst Dich noch erinnern, wie sie von jedem Lehrer etwas wußte. Wir sind mit der Helga gut durchgekommen und ich denke, daß sich das auch in der neuen Schule geben wird.
Ich lese heute einen Artikel über die Hauptschule. Daraus kann man schließen, daß alles noch im Fluß ist.  Man tastet nach der richtigen Form. Es stimmt, daß man etwas im Lauf der Zeit schaffen will, was sozial und vorbildlich werden kann. Bis jetzt sieht man aber noch nicht klar. Wie gesagt, wir halten an unserem Plan fest. Eine Entscheidung darüber, welche Sache nun in Frage kommt, fällen wir dann zu gegebener Zeit.  Vielleicht bekommst Du noch das eine oder andere zu hören, damit man sich darnach einrichten kann. Wenn Helga die vorgesehen Schule besucht hat, besteht immer noch die Möglichkeit, die Höhere Handelsschule oder etwas ähnliches zu besuchen. Darüber machen wir uns aber heue noch keine Gedanken.
Wenn Du aber noch irgend etwas in dieser Richtung von mir wissen willst, dann teile mir das nur mit, ich werde, soweit es mir möglich ist, darüber Auskunft geben. Was noch die Meinung von Resi wegen des Berufes des Vaters anbelangt, so ist es doch immerhin so, daß wir uns nicht zu verstecken brauchen, genau so wenig, wie sie auch. Ich hätte da weiter keine Befürchtungen. 
Für die verschiedenen Schreiben der Kinder danke ich wieder recht herzlich. Ich glaube, daß ich ihnen bald antworten muß, sonst denken sie, ich will von ihnen nichts mehr haben. Sage ihnen das nur und ich denke, daß ich bald dazu kommen werde.  Was noch die Angelegenheit wegen des Essens hier betrifft, so brauchst Du keine Bedenken zu haben. Ich wehre mich schon meiner Haut. Mache Dir nur keine Sorgen, denen spucke ich doch noch auf den Hut. Das ist nun einmal ein Heimtücker. Heute habe ich ihm einmal meine Meinung, zwar erst noch sehr anständig , gesagt, da hat er den Schwanz eingezogen. Mit dem Zusetzen geht das hier nun nicht so wie in Frankreich, wo man noch kaufen konnte, wenn man Beziehungen und Marken hatte. Es ist immerhin hier soviel zu essen da, das es gerade reicht. Es kommt daher auch nicht in Frage, daß Ihr mir etwas schickt, denn soviel habe ich immerhin noch, wie Ihr daheim. Dass das Essen nicht überall gleich gut ist, das liegt nun einmal daran, daß sich einige Herrschaften darin die Hände waschen. Denn die Zuteilungen sind so groß, daß es für uns reicht. Lasse Dir aber bitte keine grauen Haare deshalb wachsen, denn das wäre schade darum. Ich hoffe, daß die Sache auch für Dich damit bereinigt ist.
Mein persönliches Pech ist, daß ich mit den Kameraden, mit denen ich gut auskam, auseinander kam, doch ich kann mich nicht dagegen stemmen, das ist höhere Gewalt.  Nun mein liebes Mädel, bleibe mir gesund, grüße unsere beiden Lauser von mir und  drücke ihnen einen herzlichen Kuss auf. Sage ihnen, er sei fürs Neujahr. Du selbst nimm viele Grüße und recht innige Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Brief 362 vom 29./30.12.1942


Meine liebe, gute Annie !                                                            29.12.42  
        
Gegenwärtig herrscht ja ein großer Postsegen. Ich erhielt wieder drei Briefe von Dir und einen von den Kindern sowie einen von Deinem Vater. Von dem letzteren muß ich vorwegnehmen, daß meine Mutmaßung, daß er etwas an meinem Brief auszusetzen haben würde, zugetroffen hat. Denn ich habe seine Leute nicht ausdrücklich erwähnt; das war ihm Veranlassung, sich dazu zu räuspern. Mir macht das schon gar nichts mehr aus, denn was interessiert mich das weiter. Ich habe in meinem letzten Schreiben zwar auch ihr einen Gruß mit aufgetragen, hoffentlich ist das nun endlich nach seinem Geschmack. Diese besonderen Hinweise kann er sich ersparen.  Ich bestelle Grüße für diese Frau, wenn ich es für notwendig halte. Dazu braucht es keiner besonderen Hinweise. Aber lassen wir diesen dummen Kram ruhen und wenden wir uns unseren Dingen zu. Ich war ganz erstaunt, als ich schon Briefe vom 18.  und 19.  heute schon von Dir erhielt. Dann kam noch ein Brief vom 13. und der Brief der Kinder vom gleichen Tag. Ich muß schon sagen, daß ich nicht ganz nachkomme, alles zu beantworten. Ich krame gerade das heraus, was mir am passendsten erscheint. Was also das Geld anbelangt, so ist alles für Dich bestimmt und ich bitte Dich darüber zu verfügen, wie Du es für richtig findest. Du brauchst Dir keine Gedanken zu machen, daß ich etwa nicht genügend mehr für mich zur Verfügung hätte. Mir reicht es vollkommen. So ist es nun wieder nicht, daß ich hier verhungern würde, aber es ist nicht mehr so reichlich wie vordem. Ich habe mich schon hineingefunden und ich wehre mich meiner Haut. Verwende das Geld nach Deinem Gutdünken und gib mir über die Verteilung Aufschluss. Die „schönen Sachen“, die Dein Vater alle für mich gedacht hat, kannst Du dort behalten. Die Fausthandschuhe brauche ich jetzt noch nicht. Wenn ich vielleicht einmal zur Truppe kommen sollte, werde ich wahrscheinlich froh darum sein, aber hier kann ich sie nicht gebrauchen, denn ich habe außerdem noch die gestrickten von Dir, die mir lieber sind.
Auch die Patenthosenknöpfe kannst Du getrost dort behalten, denn bis jetzt habe ich mir die Knöpfe immer noch angenäht oder annähen lassen. Ich nehme an, daß Du Durchschlag von dem Brief Deines Vaters erhalten hast. Dann weißt Du über alle Dinge sonst Bescheid. Die Briefmarke kannst Du ja besorgen. Der Ort, an dem Kurt eingesetzt ist, habe ich mir auf der Karte vermerkt. Es ist ja auf der Karte, die ich daheim gelassen habe, mit verzeichnet.  Das ist ja genau südlich von dem Ort, der kürzlich ein paar Mal im Wehrmachtsbericht genannt wurde, der Weliky Lucki heißt. Ich werde nach und nach Deine verschiedene Schreiben beantworten. Ich muß aber mir die Sachen einteilen, denn sonst wird es zuviel.  Andererseits ist es schade, wenn ich heute alles beantworte und morgen habe ich dann keinen Stoff mehr zum Schreiben.  Ich bitte dich recht viele herzliche Grüße und Küsse entgegenzunehmen von Deinem so viel an Dich denkenden Ernst.
Heute war auch der Todestag meiner Mutter, die nun vor 23 Jahren verstorben ist. Ich habe es nicht vergessen und ich kann mich noch so genau dieser Stunde entsinnen und auch meine Ratlosigkeit, die ich damals hatte, als mir bewußt wurde, sie lebt nicht mehr. Wie schnell sind die Jahre verflossen und was ist schon alles an einem herangetreten.

Mein lieber Schatz !                                                                              30.12.42 
           
Der Abend ist wieder herangekommen. Das Tagewerk ist getan. Das Abendbrot habe ich hinter mir. Jetzt ist die Zeit, wo ich mich in Gedanken mit Dir unterhalten kann. Es ist immer allerhand zu tun.  Nicht zuletzt durch die Einwirkung meines „neuen lieben Arbeitskameraden“. Man muß vielfach gute Miene zum bösen Spiel mache, wenn ich auch nicht alles unwidersprochen hinnehme. Dieser Schlawiner ist mir aber vorgesetzt und man kann sich in dieser Beziehung nur in einem gewissen Rahmen halten. Als ich von einer Erledigung einer Angelegenheit außerhalb des Hausers, die mich längere Zeit heute in Anspruch nahm, zurückkam, fand ich wieder Post von Dir vor. Es handelt sich diesmal um einen „Schnellbrief“ vom 21.11., in dem Du mir mitgeteilt hattest, daß das Heft nicht zu bekommen ist und um Dein Schreiben vom 20.12., der es in bedeutend kürzerer Zeit geschafft hat, Dann kam ein ganzer Schwung Zeitungen, die zum Teil auch sehr lang bei der Post liegengeblieben waren. Nachdem mein Nikolausbrief dort noch nicht eingetroffen ist, habe ich immer noch einen Funken Hoffnung, daß es mit ihm genau so gegangen ist wie mit den vorher beschriebenen Sachen Dann kam noch ein Brief von Fritz Bautz an, der sehr nett gehalten war. Er teilt mir darin mit, daß er Dich noch mit aufsuchen wird. Er hat ja auch Schwein gehabt. Er ist an der Mittelmeerküste und ich sitze hier im sonnigen Osten. Wenn ich ihn beantwortet habe, schicke ich ihn Dir mit zu. Auch vom Pfarramt Gramsdorf bekam ich auf mein Schreiben vom Juni und auf meine verschiedenen Mahnungen hin jetzt einen Zwischenbescheid, daß ich mich noch gedulden müßte, da meine umfangreichen Familienforschung viel Arbeit beanspruchen würde. Wenn es nicht in Vergessenheit geraten ist, soll mir das recht sein. Man ist sich nicht klar, machen sie etwas oder nicht.  Ich muß schon ehrlich sagen, daß ich durch die vermehrt eingetroffene Post nicht ganz mitkomme, alles zu beantworten, was ich beantworten möchte. Zuerst aber einmal alle meine Achtung für Deine Scherenschnitte. Ich glaube bald, daß die Kinder ihre künstlerische Ader von Dir haben. Das hast Du ja ganz fein gemacht. Wenn Du noch etwas mehr Übung hättest, würde sie noch natürlicher sein. Man kann daraus ohne große Mühe erkennen, was Du willst. Eine ziemliche Ähnlichkeit, die ich aus meinem Gedächtnis bestätigen kann. Also nochmals, mein Kompliment.  Ich habe mich gefreut, als ich lesen konnte, daß Ihr Euch richtige Adventsstimmung bereitet habt. Das wird auch den Kindern große Freude gemacht haben und ihre Spannung auf Weihnachten selbst sehr verstärkt haben. Die Sachen Deines Vaters sind ja noch rechtzeitig eingetroffen. Das ist ja schön. Ich glaube, daß der Gabentisch trotz allem wieder sehr reichhaltig war. Doch darüber, wie es am Heiligen Abend war, hoffe ich in einigen Tagen Bescheid zu bekommen, wie ich auch hoffe, daß Du inzwischen meinen Brief vom Heiligabend in Händen zu haben. Die Backangelegenheit bei meinem Vater kenne ich ja und ich habe Dir auch schon in einem meiner vorweihnachtlichen Briefe davon geschrieben. Ich habe das alles noch in guter Erinnerung. Ich muß jetzt noch für mich lachen, wenn er sich immer gewundert hat, daß ihm eine verbrannt war, obwohl er die Flamme des Ofens doch  „so klein“ gestellt hatte. Das sind einmal solche Eigenarten, die mit der Person verbunden sind und die sich nicht wegdenken lassen.  Ich glaube, daß Du jetzt alles Briefpapier bekommen hast, welches ich abgesandt hatte. Verwahre es nur, man weiß ja nicht, wie es noch damit werden kann. Vielleicht ist man noch mal froh darum.  Ich für meinen Teil habe ja noch Papier und davon werde ich mir noch einiges zurücklegen, für alle Fälle. In diesen Tagen sende ich einen Teil Deiner Briefe wieder zurück. Ich füge bei dieser Gelegenheit einige Briefumschläge bei, die ich hier beschaffen konnte. Dein Vater legte seinem letzten Schreiben auch einige Umschläge bei. Ich habe sie aber jetzt nicht so nötig. In Deinen beiden Schreiben, die heute eingegangen sind, war von der Lotte die Rede, wie sie an Dich geschrieben hat. Nach diesen Worten zu schließen, versucht sie sich anzuschließen. Ich kann mich mit diesem Gedanken noch nicht so vertraut machen. Ich habe das Gefühl, als könnte man keinen richtigen Kontakt bekommen. Ich kann mich zwar auch täuschen. Gewundert hat es mich, daß sich Dein Vater ausgerechnet in Volkmarsdorf hat in der Kirche trauen lassen. Bei dieser Gelegenheit fällt mir noch ein, daß man sich die Daten beschaffen sollte für unsere Familienkartei. Soll ich das machen, oder übernimmst Du das? Es handelt sich nur um die Vollständigkeit. Von Siegfried und Erna müßten wir wohl noch nachtragen. Ich glaube auch, die Daten von Neustadt, es handelt sich da um die Sterbedaten, die müßten noch nachgeholt werden.  Hatten wir eigentlich das Datum von der Anna Harzer eingetragen Was sonst noch fällig ist, weiß ich nicht so genau. Wir wollen aber die Sachen nicht vernachlässigen, soweit man dazu imstande ist, diese Dinge auf dem laufenden zu halten.  Ich habe ein Päckchen mit Süßigkeiten fertiggemacht und will es morgen mit auf den Weg bringen. Es hat die Nummer 55. Meine besten Wünsche begleiten es. Ich hoffe, daß ich das Päckchen 54 einem Urlauber mitgeben kann. Es enthält eine Flasche Öl und eine Flasche mit Honig. Es kann sein, daß ich noch irgendetwas beifüge wie Hautöl oder ähnliches. Das Sonnenblumenöl kannst Du zum Braten verwenden. Es kann aber sein, daß es sich etwas abgesetzt hat, dann mußt Du es durch einen weißen Lappen seihen. Es ist noch sehr frisch und noch nicht abgelagert. Ich weiß aber, daß Du gute Verwendung dafür haben wirst. Ich habe noch einmal soviel Öl hier und hoffe, in den nächsten Tagen wieder welches zu erhalten. Ich bin ja so froh, daß ich in dieser Beziehung etwas für Euch tun kann.  Heute war ich wieder einmal beim Impfen. Das mußte auch sein. Gegen Typhus bin ich schon seit 1 ½ Jahren nicht mehr geimpft worden. Ich hatte mich bisher immer etwas gedrückt. Gegen Cholera lasse ich mich in der nächsten Woche impfen, dann habe ich es wieder hinter mir,. Es spannt wohl heute Abend etwas, aber sonst geht es.  Ich darf wohl wieder schließen, denn es ist inzwischen reichlich spät geworden. Bleibe gesund, mein liebes Mädel , und nimm Du, wie auch die Kinder, viele Grüße entgegen.  Laßt Euch alle recht herzlich küssen von Deinem Ernst.

Brief 361 vom 27./28.12.1942


Mein bestes Mädel !                                                                     27.12.42    
   
Heute habe ich nochmals Weihnachten feiern können. Die restlichen 2 Päckchen trafen vorhin ein und außerdem noch Deine 3 Briefe vom 14., 15., und 17.12. Recht, recht herzlichen Dank für alles.  Zuerst habe ich Deine Päckchen ausgepackt. Da war alles so schön zusammengefügt, daß ich es mir fast nicht getraut habe, es auseinander zu packen. Die Stolle werde ich mir zu Gemüte ziehen.  Die Granatsplitter habe ich probiert , so schmecken sie schon bedeutend besser. Zur Feier dieses Abends werde ich mir nachher eine rote und eine weiße Kerze anzünden. Man muß mit diesen Sachen behutsam umgehen, denn man weiß ja nie, wie man diese Sachen hier brauchen kann. Recht schönen Dank nochmals. Das hast Du wieder feingemacht. Daß mein Päckchen mit den Bonbon und den Pralinen zur rechten Zeit eingetroffen ist, hat mir ebenfalls mächtig Spaß gemacht. Da hast Du doch eine Kleinigkeit gehabt von mir, die Du unter den Baum mit legen konntest. Eine weitere schöne Überraschung war es für mich, als ich lesen konnte, daß Kurt so unvermittelt auf Urlaub kam. Da hat er ja eine ganz nette Reise durch Deutschland und zu allen seinen Verwandten und Bekannten gemacht. Das ist direkt auffallend, daß er diesmal gesprächiger war, als sonst. Es hat mich gewundert, daß er doch immer wieder auf mich zu sprechen kommt, wenn er im Urlaub ist und meint, daß ich wieder einmal da sein müßte. Ich selbst würde mich zwar auch freuen, wenn ich ihn ihm Urlaub begrüßen könnte. Es ist ja so eigenartig, daß man sich so wenig kennt, findest Du nicht auch? Mit Deinem Bruder ist es doch ähnlich. Das muß anscheinend so sein, denn man erkennt daran, daß gerade wir beide uns doch am nächsten stehen.  Mit Deiner Einteilung der Süßigkeiten bin ich ganz und gar einverstanden. Du bist ja auch so ein kleines Leckermaul. Wenn es für die Kinder noch etwas gegeben hat, ist das schon ganz in Ordnung. Ich habe , wie ich Dir schon mitteilte, wieder eine kleine Rücklage. Ich hatte sie schon fertiggemacht, aber bevor ich nicht wußte, wie es mit den anderen Sachen zugegangen ist, wollte ich es nicht auf den Weg geben. Man wird misstrauisch, wenn man schon Lehrgeld gezahlt hat. Denn man spart sich diese Sache ab und hat dann nicht Lust, dies für andere Leute tzu tun, denn dazu gibt es zu wenig. Man macht es ja nur, um seinen Lieben daheim eine Freude zu bereiten. Außerdem brauchtest Du ja zu jener Zeit etwas Schmerzensgeld für Deine Zahnreparatur. Ich weiß, daß das manchmal eine weniger angenehme Sache sein kann. Froh ist man aber doch, wenn es wieder in Ordnung ist. Ich weiß es, unser Junge ist ein Lauser. Ich habe heute beiden einen Brief geschrieben, von dem ich den Durchschlag beifüge. Sie hatten mir soviel geschrieben, daß es mir schon schwer auf der Seele lastete, daß ich solange nicht geantwortet hatte. Nun ist es mir schon wesentlich leichter. Daß ich vom Schwimmenlernen geschrieben hatte, geschah in der Absicht, ihn nochmals zu reizen. Wie ich heute aus Deinen Briefen lese, hat er sich anscheinend doch aufgerafft. Wenn er mit dem Gurt schon ein Stück vorwärtskommt, dann wird er auch weiterhin Fortschritte machen. Daß ihm das Freude gemacht hat, zeugt doch davon, daß er an sich will, es sich aber nicht getraut. Es dreht sich eigentlich nur darum, daß er den Kniff herausbekommt. Wenn er es erst einmal heraus hat, wird er schon Geschmack an der Sache bekommen. Ich teile also ganz und gar seine Freude, wie Du wohl auch.  Nach dem Ständer bist Du aber schnell gesprungen, den ich mir für den Füllhalter gewünscht hatte. Du hast ihn auch schon gleich bekommen, das ist aber gut gegangen. Das muß nichts Besonderes sein, wenn er nur seinen Zweck erfüllt, das ist doch die Hauptsache.  Was die Angelegenheit mit Alice anbelangt, so gehen wir ja einige. Der Wille Deiner Mutter war es zwar immer, daß wir uns mehr anschließen sollte. Wir haben wohl von uns auch immer versucht, dem Rechnung zu tragen, aber wie ich immer wieder feststellen mußte, war dieses Verhältnis sehr einseitig, denn sie haben uns immer so belanglos geantwortet, wenn sie überhaupt geantwortet haben. Ich habe ja zu Weihnachten wieder geschrieben. Bei ihr langte es ja kaum zu einer Karte und die ist immer so inhaltslos, daß man nicht viel damit anfangen kann. Ich muß schon sagen, daß man sich immer zwingen muß, wenn man an sie schreiben soll. Ich habe es aber immer noch im Andenken an Deine Mutter getan. Ich bedauere es sehr, daß sie es so schwach erwidert. Sie ist zwar sehr schnell gekränkt, fühlt aber nicht, wie sie selbst ist. Wir müssen den Dingen ihren Lauf lassen, denn sonst macht man noch mehr kaputt, wie die ganze Geschichte wert ist.  Ernas Geburtstag habe ich mir notiert, damit ich im kommenden Jahr schreiben kann. Teile mir nochmals Siegfrieds Geburtstag mit. Er ist doch am 18.4. Auch den Hochzeitstag von Beiden sollte ich wissen. Ich weiß nur, daß er im Oktober war.  Die Geschichte mit dem Klöße essen hat mir Spaß gemacht. Daß unsere beiden Lauser so auf Klöße versessen sind, hatte ich nicht gedacht. Da war ja der Jubel auf allen Fronten ganz groß. Bei Jörg hatte es sich ja gut getroffen, als er erst in der Schule im Film das Klöße essen gesehen hatte. Helga war anscheinend entzückt. Ich weiß, daß man mit den bescheidenen zur Verfügung stehenden Mitteln sehr haushalten muß und es ist nicht immer leicht, ein nahrhaftes und schmackhaftes Essen zuzubereiten. Dem Geschmack aller bist Du mit jenem Essen allen entgegengekommen.  Die Sonderzuteilung hast Du rechtzeitig erhalten, um noch die Weihnachtsbäckerei für Euch beenden zu können. Es ist dann nicht bis auf den letzten Tag geblieben. Ich kenne das, Du hast die Hetzerei auf die letzten Tage nicht so gern.  Wenn es gut gegangen ist, dann seid Ihr Gestern im Theater gewesen. Das hat den Kindern hoffentlich gefallen, denn für so etwas sind sie ja immer zu haben. Daß Nannie der Kinder so nett gedacht hat, finde ich schön von ihr. Ich werde mich jedenfalls bedanken für diese Aufmerksamkeit Unser Mädel ist wohl reichlich versehen mit Ketten und sonstigem Gehänge. Jörg hat nun auch ganz nette Bücher, denke ich.  Lasse mich nun schließen. Die anderen Sachen, die noch zu beantworten sind, werde ich morgen vornehmen. Ich grüße Dich und hoffe, daß Deine Erkältung im Hals sich inzwischen wieder behoben hat. Nimm viele Küsse entgegen von Deinem Ernst.
 
Mein liebstes Mädel !                                                                               28.12.42   
        
Auch heute habe ich wieder Post von Dir bekommen. Es waren eigentlich zwei ganz flinke Briefe dabei. Der eine war vom 25. und der andere 26.11. Sie haben nur etwas über einen Monat gebraucht.  Wenn Du in dem einen Brief von einem kleinen Weihnachtsgeheimnis sprichst, so hättest Du es bei der Ankunft des Briefes nicht so hüten brauchen, denn ich habe Deine Päckchen schon eher bekommen.  Ich kann Dir aber bei dieser Gelegenheit gern noch einmal bestätigen, daß mir der Kopfschützer gefällt. Ich habe es zwar noch nicht notwendig gehabt, ihn zu probieren. Es kann aber sein, daß ich noch mal recht froh um ihn bin. Ich verwahre ihn also vorerst noch bis ich ihn brauche. Nimm bitte darum meinen Dank für Deine Mühe nochmals entgegen, denn Du hast ihn dafür verdient. An alles hast Du gedacht und ich wünschte, daß es nicht notwendig wäre, daß man diese verschiedenen Nebeneinrichtungen, die Du da angefügt hast, nicht brauchen würde, schon im Interesse der anderen Kameraden.  Wenn die Zeiten nun nicht ganz so sicher sind, möchte ich Dich überhaupt bitten, Deinen Brief erst am folgenden Tag wegzuschaffen. Es ist nicht nötig, daß Du Dich hier Gefahren aussetzt, die in keinem Verhältnis zu dem Zweck stehen. Ich werde Deine Briefe schon rechtzeitig erhalten. Nimm meine Mahnung nicht zu leicht, sondern befolge sie. Wenn dann die Tage wieder länger werden, kannst Du dann eher um diese Zeit aus dem Haus gehen.  Daß die Angelegenheit mit der Brust bei Helga abgeschlossen sei, gibt mir auch wieder etwas Beruhigung. Ich halte es aber trotzdem für ratsam, den weiteren Verlauf der Dinge im Auf zu behalten. Wollen wir hoffen, daß der Arzt recht behält und daß sich keine weiteren Folgen einstellen. Denn mit der Gesundheit ist nicht zu spaßen.  Ich bin nun auch nicht der Ansicht, daß der Alkohol ein Allheilmittel sei. Wenn also Dein Kümmeltrinken bei jenem Mal nicht geholfen hat, dann ist der Kopfschmerz nicht in Verbindung mit irgend welchen Magenverstimmungen zu bringen. Wenn es dagegen auf den Magen zurückzuführen ist, kann Dir ein Alkohol nichts schaden. Aber es hat Dir hoffentlich keine weitere Verschlechterung Deines Befindens gebracht. Ich hoffe das wenigstens. Wenn Du aber an einem solchen Tag nicht schreiben kannst, dann verstehe ich das wohl und bin Dir nicht böse darum. Du kannst mir das ja in Deinem nächsten Brief erklären, dann ist ja alles wieder in Butter.  Außer diesen beiden Briefen erhielt ich noch den vom 16.12.. Er hat nicht so lange gebraucht wie die anderen beiden Bummelanten. Dann kam noch eine Illustriertenzeitung von Dir, die ich mir schon vorgeknöpft habe.  Den Brief von Siegfried habe ich entnommen und auch die der Kinder. Für alles recht herzlichen Dank.  Ehe ich aber diesen beantworte, will ich erst noch auf die vorhergehenden Schreiben von Dir zurückkommen, die ich Gestern bekam. Das ist doch komisch, wie mein Vater da mit seiner abergläubischen Einstellung wegen der Arbeitsaufnahme an einem Montag glaubt, sein Schicksal zu zwingen. Es ist ja wesentlich, daß er davon überzeugt ist und meint, daß es ihm hilft. Ich wünsche ihm an seinem neuen Tätigkeitsort recht guten Erfolg und viel Glück. Es wäre wünschenswert, wenn er dort ein paar Pfennig mehr verdienen könnte.  Kurt wird wohl auch wieder gefahren sein, oder muß in diesen Tagen abreisen. Das ist ja immer das Unangenehme an einem Urlaub. Da ist aber nun einmal unsere Pflicht, die uns niemand abnehmen kann und die man erfüllen muß. Es ist schwer, aber es muß geschafft werden. Daß Du Kurt und Vater etwas zu trinken gegeben hast, finde ich in Ordnung. Daß es zu keiner Besäufnis ausartet dafür wirst Du schon Sorge tragen. Außerdem sind die angerissenen Flaschen und die darin enthaltenen Mengen zu gering.  Fritz Bautz hat es nun auch mit dem Urlaub geschafft. Ich denke, daß seine Familie froh war, daß er auch über die Weihnachtszeit daheim war. Wegen der Angelegenheit mit der Schule, nehme ich in diesen Tagen Gelegenheit, darüber zu schreiben, heute reicht mit der Platz nicht aus und es eilt ja auch nicht. Na, das ist ja allerhand, wie Du kürzlich das Aufstehen vergessen hast. Das kann schon einmal passieren. Wie wäre denn das, wenn ich daheim wäre und Du hättest manchmal nicht den notwendigen Schlaf. Ist das etwa anders. Das gehört ja an sich bestraft und wenn es mit meiner Anwesenheit wäre. Dann könnte ich Dir den Schlaf nochmals nehmen und man könnte die Probe aufs Exempel machen. Lassen wir aber von diesem Wunschtraum ab, denn dazu liegt dieser Tag doch zu fern. Bis dahin müssen wir uns eben schriftlich behelfen. Mit dem Schutzmann hast Du ja trotzdem noch Glück gehabt. Hast Du ihn vielleicht angelächelt oder mit Blindheit geschlagen? Diese Zeichnung von Jörg mit den Sternen und vor allem das Motiv hat er das nicht aus einem seiner Bilderbücher. Aber ganz gleich, die Ausführung ist sehr gut und ich muß mich eben wundern, woher er es hat und kann es einfach nicht so schnell fassen, daß es ganz allein aus ihn herauskommt.  Über das Lob kann er sich auch freuen, denn er hat es bestimmt sehr nett gemacht.  Ich weiß, daß Du nicht unbescheiden bist auf Geschenke, aber man möchte gern etwas schenken. Ich muß zwar zugeben, daß man von Frankreich her etwas gewohnt war in Bezug auf das Kaufen. Das ist hier ja alles nicht möglich, weil es praktisch nicht gibt. Darum war ich doch aus so froh, als ich diese Kleinigkeiten bekam. Wenn ich Dir außerdem noch Geld geschickt habe, so kann ich das ohne weiteres entbehren und es geht mir nichts deswegen ab. Du kannst es ohne Sorge annehmen.  Wie Du das Geld verwendest, ist mir gleichgültig. Ich habe ja früher auch nicht so große Sprünge gemacht und habe auch gelebt.  Nur hier in diesem Fall würde es mich schon interessieren, wie Du es eingeteilt hast, denn es handelt sich ja hier um ein Geschenk.  Da nun die Kinder von Siegfried auch wieder Geld erhalten haben, von mir auch noch einen Geldbetrag erhielten, werden sie bei diesem Spartempo bald 200,-RM beieinander haben.  Ich grüße Dich recht herzlich, mein liebes Mädel und nimm gleichzeitig meine herzlichsten Küsse entgegen. Dein Ernst.

Brief 360 vom 25./26.12.1942


Mein lieber Schatz !                                                                  25.12.42      
 
Mitten stehen wir noch in den Festtagen. Ihr seid bei Euch allein und ich bin für mich. Es ist sehr einsam und meine Gedanken wandern täglich zu Euch, was Ihr wohl machen werdet. Ich kann Euch aber nicht herzwingen. Ich weiß nur mit Bestimmtheit, daß sich unsere Gedanken treffen. Der Weg ist so weit und Ihr seid so fern. Ich danke Dir, mein lieber Mädel, für das schöne Weihnachten, das Du mir bereitet hast. Ich sitze allein auf meiner Bude.  Vorhin habe ich unter meinen Strauß von Tannenreis eine Kerze gestellt. Die Flamme flackerte und zeichnete Schatten an die Wand. Es ist geschmückt mit dem Lametta, das sich in Deinen lieben Päckchen befand. Die Gedanken hatten sich versponnen und sehen im Geiste und im Schatten den Baum daheim, der in der Stube steht, ich sah auch, wie ihr gestern Abend unter dem Baum standet. Die Kinder waren freudig überrascht, weil sie sich nicht denken konnten, daß sie trotz der langen Kriegsdauer so beschert werden. Ich sah aber auch die Lücke und den Platz, den ich immer eingenommen hatte. Aber unterbrechen wir dies alles, lasse mich in meine Gegenwart zurückkommen.  Ich habe mich gestern Abend nach Dienstschluss gegen ½ z Uhr hingesetzt, habe erst Deinen lieben Weihnachtsbrief gelesen und mich dann anschließend an das Öffnen Deiner Päckchen gemacht. Herzlich danke ich Dir für alles.  Den Schal und die Socken werde ich gut gebrauchen können, wenn es kälter werden sollte. Der Schal sieht sehr schön aus, man sieht, daß Du Dir viel Mühe damit gegeben hast. Die Bücher hatte ich mir flüchtig angesehen, heute aber habe ich mich schon über den Inhalt hergemacht. Das Gebäck habe ich probiert, es schmeckt wie immer und Du hast mir das Zurückversetzen in die Heimat leichter gemacht. Das kleine Kästchen für den Rasierapparat werde ich seiner gedachten Verwendung zuführen. Ich kann Dir nur von meiner freudigen Überraschung berichten, denn es ist zu schade, daß ich es Dir nicht selbst zeigen kann, wie ich mich über alles gefreut habe. Es hat alles Eure Liebe ausgestrahlt. Wieder hattest Du die Sachen so schön verpackt, Zettel von Dir und den Kindern verstärkten den weihnachtlichen Charakter. Ich danke Euch vielmals für alle Eure Liebe und seid versichert, daß ich sie Euch erwidere.  Es ist ja nur zu schade, daß wir dies nicht in die Tat umsetzen dürfen, diesen Wunsch müssen wir aber bis zum nächsten Urlaub zurückstellen.  Wie für das Fest bestellt, so fing es Gestern wieder an zu schneien an. Alles sah schön weiß aus. Es bekam alles einen festlichen Anstrich. Die Musik im Radio wirkte mit dahin, daß langsam weihnachtliche Stimmung aufkam. Ich kam Gestern am Vormittag etwas aus dem Hause und hatte Gelegenheit, bei uns in der Buchhandlung ein Buch zu kaufen, und zwar wieder eines von Ludwig Finkh. Sobald ich es gelesen habe, schicke ich es Dir.  Am abend hatten wir die Feier im kleinen Kreis der Abteilung.  Jeder unserer Männer hat zwei Flaschen Sekt bekommen und 70 Zigaretten. Die haben sich sehr darüber gefreut. Wir sind dann noch beieinander gesessen; wir hatte etwas zu trinken und gegen 10 Uhr gingen wir dann auseinander. Ich wurde dann von Kameraden im Haus noch eingeladen. Dort ging es ziemlich scharf her. Ich habe dann von meinen Getränken, die ich hier von der Einheit bekommen hatte, mitgenommen. Als ich dann ins bett kam, war es ziemlich weit nach Mitternacht. Wir haben heute so bald dienstfrei gemacht, da hat man dann den versäumten Schlaf nachholen können. Dafür war es heute ziemlich besinnlich. Morgen bin ich von einem Kameraden der hiesigen Kommandantur eingeladen. Am Sonntag fängt dann der Dienst an wie üblich. Dann sind die Tage auch herum. Ich bin ja froh, denn man hat wieder seine Gewohnheit und wird sich der Trennung nicht so bewusst.  Ich danke Dir nochmals für alles recht herzlich und grüße und küsse Dich, mein Liebling, ganz fest und gib unseren beiden Trabanten jeden einen festen Kuss von Deinem Ernst.

Mein Liebling !                                                                           26.12.42        
   
Dem Alltag geht es wieder entgegen. Heute haben wir halben Dienst. Es stehen jetzt noch die Neujahrstage in Aussicht. Dann ist es für eine Weile vorbei. Ich bin froh darum, daß ich es dann wieder geschafft habe. Es ist alles so leer und einsam. Richtige Kameraden hat man hier nicht, so daß einem alles doppelt schwer erscheint.  Wie ich den Weihnachtsabend verbracht habe, schilderte ich Dir kurz in meinem letzten Brief. Ich hoffe, daß Du ihn bald bekommst. Ich habe einen Weg ausfindig gemacht, auf dem die Beförderung nicht so lange geht und der Beförderungsdauer der Luftpost nahe kommt. Ich denke, daß es Dich freuen wird, wenn Du nicht allzu lange auf meinen Brief warten musst. Ich kann diese Einrichtung zwar nicht jeden Tag benutzen, aber es ist auch schon so gut. Man freut sich ja über jede Verbesserungsmöglichkeit.  Außer von Dir habe ich noch als Weihnachtspost von Wittenburg eine Postkarte erhalten. Von der SA und der Partei erhielt ich auch jetzt ein Schreiben. Beides war ziemlich nichtssagend. Daß Wittenburg an mich gedacht hat, hat mich gefreut. Sonstige Post habe ich keine erhalten. Ich denke zwar, daß meine Briefe an die anderen rechtzeitig angekommen sind, denn ich habe beizeiten geschrieben bzw. günstige Versendungsmöglichkeiten gehabt.  Was werdet Ihr heute machen, und wie werdet Ihr die Feiertage verlebt haben, das sind meine Gedanken. Ich habe von unserer Feier hier einige Kleinigkeiten, die ich zurückbehalten habe und Euch mit zugehen lasse. Eine Schachtel Pralinen habe ich mir diesmal aber selbst vorgenommen, weil ich zusätzlich eine bekommen hatte. Die andere ist aber für Eich wie auch die Schokolade. Ich denke, daß Du mir nicht böse darum bist, wenn ich mir eine Schachtel davon genommen habe. Du siehst auch so, daß ich an Euch meine Lieben denke. Ich bin immer so froh, wenn ich etwas für Euch erübrigen kann und wenn ich dann weiß, es hat Euch erreicht und Ihr könnt es gebrauchen. Am Nachmittag war ich bei einem Kameraden, wie ich Dir Gestern schon mitteilte, daß ich ihn besuchen wollte. Es ist ziemlich kalt geworden. Zum Glück ging kein Wind. Der Schnee sang und knirschte unter den Schritten. Es scheint sich nun doch russischer Winter einstellen zu wollen. Wenn man sich entsprechend anzieht, geht es noch. Ich hatte mit dieser scharfen Kälte nicht gerechnet. Es zog anfänglich an den Ohren, aber wenn man eine Weile draußen gelaufen war, dann ging es. Es zog nur dann wieder, wenn man in die Wärme kam. Beim Nachhauseweg war ein wunderbarer Sternenhimmel. Das Kreuz des Südens und der Große Wagen, zu dem wir daheim immer zusammen aufgesehen haben, sie standen ganz klar am Himmel. Ich sitze nun wieder auf meiner Bude, lese noch ein wenig in einem der von Dir gesandten Bücher.  Ich werde mit von den Pralinen, die ich mir schön einteile, noch einige nehmen. Später werde ich noch einmal meine Kerze unter den Tannenstrauß stellen, um es noch etwas weihnachtlich ausklingen zu lassen. Im Nebenzimmer eines Kameraden läuft das Radio. Ich versuche mir die Lage etwas abwechslungsvoll zu gestalten, es bleibt aber alles so nüchtern wie es war. Ich finde, meine Zeilen auch. Ich weiß nicht, ist es das Land, ist es die Arbeit, sind es die Menschen. Ich muß jetzt öfter an ein Bild vielmehr an eine Skizze denken, die ich in einem Soldanteheim sah, als ich hier herüberkam. Auf einer großen Wandfläche stand ein Posten mit hochgeschlagenem Kragen, das Gewehr über die Schulter, den Stahlhelm auf und den Schafspelzmantel um. Ganz im Hintergrund ein einsames Haus. Tief verschneit. Nichts weiter stand in dieser Einöde. Ich dachte damals, das ist immer dasselbe Bild. Man kennt das schon. Das wird nun hier in Rußland so sein, damit muß man sich abfinden. Aber was sind wir wenigen Menschen in diesem großen Rußland? Man tritt fast nicht in Erscheinung. Im Winter macht sich das durch die Schneedecke, die alles gleichmacht und noch mehr einebnet und verflacht, viel stärker bemerkbar und läßt die Weite noch weiter sein. Ich bin wohl noch in der Stadt und sehe Häuser um mich. Aber dieses Rußland kann einem, wenn man nicht ganz gute Nerven hat, auf die Nerven gehen. An dieses Bild muß ich mich nun erinnern, denn so tot, wie die ganze Darstellung zu sein schien, so leblos ist es auch und ich wollte es nur am Anfang nicht glauben, obwohl ich alles, was auf mich eindrang, hier in Rußland ablehnte. Heute sind nun 8 Monate vergangen, seit ich bei meiner ersten Einheit hier im Osten landete. Die Wochen und Monate schwinden und man hofft auf das Ende und damit auf den Sieg. Trotz allem wollen wir aber nicht kleinmütig werden, weil wir wissen, daß es so sein muß.  Ich hoffe nun fest, daß ich bald von Dir wieder Post erhalte. Wie ich wünsche, daß Du über die Feiertage von mir Post bekommen hast. Bleibt mir recht gesund und laßt Euch alle grüßen. Es küßt Dich und die Kinder Dein Ernst.
Die kleine Tischkarte, die ich in meinem letzten Brief mitsandte, hebe bitte mit auf. Sie stammt von der Weihnachtsfeier, die wir in unserem kleinen Kreis gefeiert hatten. 

Brief 359 vom 24.12.1942


Mein liebstes Mädel !                                                                    24.12.42      

In wenigen Stunden ist für die Kinder der nun schon so lange ersehnte Zeitpunkt herangekommen. Dann wirst Du mit den Kindern daheim in unserer kleinen Stube zusammensein. Ihr werdet Weihnachten feiern und dabei meiner gedenken, wie ich es ebenfalls tue. Es ist die Stunde, in der sich unsere Gedanken suchen und finden werden. Es sind nicht nur unsere Gedanken allein, sondern auch die derer, die sich mit uns verbunden fühlen. Wenn wir dabei weich werden, so brauchen wir uns der Beklemmung oder gar der Tränen nicht zu schämen, denn diese Stimmung gilt doch unseren Lieben, derer man gedenkt. Ich hoffe, daß Ihr trotz allem auch das Fest so gestalten könnt, daß die Kinder sich der Überraschung und der Freude ungehindert hingeben können. Daß wir Beide uns die Gegenwart einander nicht durch Redensarten ersetzen können, das ist eine Tatsache, die wir leider hinnehmen müssen. Es fällt schwer, wir müssen es das zweite Mal miterleben. Wir wollen mit diesem Gedanken die Hoffnung verbinden, daß wir bald zusammensein würden. Wenn wir dann gesund beieinander sein werden, werden wir gerne das Dunkle der vergangenen Zeit zurückschieben.  Gestern kam ich nicht zum Schreiben, denn am Tag hatte ich allerhand zu tun, denn es hatte sich vieles während meiner Krankheit angehäuft, das noch weggearbeitet werden mußte. Am Abend hatten wir Weihnachtsfeier von der Gruppe hier. Ich hatte da erst ziemlich Ärger, aber schließlich habe ich mich doch durchgesetzt. Man hatte sämtliche Kameraden unserer Abteilung eingeladen. Für jeden war eine Platzkarte vorhanden, nur ausgerechnet für mich nicht.  Das schlug bei mir dem Faß den Boden aus. Erst wollte ich nach hause gehen, dann hat sich der Macher dieses Abends bei mir entschuldigt. Er bat mich dann, doch mit an der Feier teilzunehmen. Ich habe dann auf Drängen nachgegeben. Du weißt ja, was ich für ein Kerl bin, wenn man mich einmal ärgert. Meinen Chef hatte ich stehen gelassen und habe ihm auch noch vorher meine Meinung gesagt. Es war alles andere, nur nicht schön. Das ganze Fest war etwas eigenartig aufgezogen worden. Es gab dann noch Gänsebraten.  Es war ziemlich viel Zeug, aber eine regelrechte Massenabfertigung. Für jeden Kameraden gab es dann je eine Flasche Sekt, Wein und Kölnisch Wasser. Eine Schachtel Pralinen, eine Tafel Schokolade. Dann Zigaretten und einige Zigarren. Eine Tüte mit etwas Gebäck und ein paar Bonbons stand noch dabei. Als Entschädigung für den ausgestandenen Ärger bekam ich von Spieß nochmals die ganze Sammlung extra. Man sieht, daß man erst einmal in Erscheinung treten muß, dann kommt man zu seinem Recht und auf seine Rechnung. Heute Abend feiern wir im Kreise der Abteilung und wollen etwas zusammensitzen. Davon verspreche ich mir zwar nicht viel, denn das wird ziemlich nüchtern zugehen. Ich will darum zusehen, daß ich jetzt noch einen Teil schreibe, denn auch heute abend werde ich schlecht dazukommen.  Gestern war der Geburtstag meiner Mutter. Ich habe daran gedacht und kam gleichzeitig auf Deine bzw. auf die Anfrage von Nannie zurück wegen eines Grabsteins. Ich persönlich bin damit einverstanden. Du kannst ja mit meinem Vater darüber sprechen. An Deinen Vater kann ich einmal deshalb schreiben, wie hoch sich etwa die Kosten belaufen. An Nannie werde ich entsprechend Nachricht geben, wie auch an Kurt, ob er etwas dazu geben will. Ich frage vor allem deshalb bei ihm an, weil man ihn erstens nicht übergehen kann und dann könnte er eines Tages sagen, warum man ihm kein Bescheid gegeben hat. Ich denke, daß ich es so richtig gemacht habe und hoffe auch auf Dein Einverständnis.  Für Deinen lieben Brief vom 13. danke ich Dir recht schön. Ich erhielt ihn Gestern. Wenn ich auch sehr gern einen Brief von Hand geschrieben von Dir bekomme, so muß ich vorausschicken, daß mir wesentlich ist, daß ich überhaupt einen Brief erhalte. Daß Du gern mit der Maschine schreibst, weiß ich und daß es Dir flotter von der Hand geht und Du Dir Deine Gedanken besser auswerten kannst, das alles ist mir vollkommen verständlich. Lasse Dich deshalb nicht vom Briefeschreiben abhalten und schreibe wegen mir eine ganze Zeit mit der Maschine, wenn Du Dir dadurch die notwendige Zeit ersparst.  Mit dem Radiohören ist das nicht immer so einfach. Ich bekomme wohl hie und da einmal bruchstückweise etwas zu hören, aber geschlossene Sendungen kann man doch nicht hören, wenn man keinen eigenen Apparat hat. Die Abende bei Euch sind also gemütlich verlaufen, wenn Du gestrickt hast und Helga sich mit Häkeln beschäftigt hat. Jörg kann dabei ganz gut malen, wenn Du ihnen Märchen vorliest. Ich glaube, für solche Sachen sind sie sehr empfänglich. Das ist ja ganz in Ordnung, denn was haben wir uns an diese Geschichten gehalten und wie sind wir darüber gesessen. Wenn ihnen noch dazu vorgelesen wird, so haben sie direkt einen doppelten Genuß.  Solange sich die anderen Parteien allein zanken, kann Dich das wohl nicht weiter erschüttern. Es ist zwar weniger schön, wenn man das mit anhören muß, aber bei diesen Leuten kann man da nichts anderes verlangen. Die müssen sich von Zeit zu Zeit einmal herumschlagen. Uns ist das weniger ein Bedürfnis. Man ist dann immer froh, wenn man nicht mit hineingezogen wird. Solange das nicht der Fall ist, geht es ja noch.  Es ist nun einmal mit den Kindern so, daß sie ab und zu einmal eine Aufmunterung brauchen.  Wenn das wieder für eine Weile hilft, ist es für beide Teile gut.  Du schonst Dir Deine Nerven und die Kinder haben ohne weiteres den Nutzen davon, daß sie von Deiner Stimmung und von dem ersparten Ärger profitieren. Daß sich unser Jörg als solch ein geschäftstüchtiger Kerl herausstellt, nimmt mich wunder. Es wird wohl nichts weiter schaden. Anscheinend versteht es sich aber darauf, denn er findet immer wieder jemand, der ihm etwas bringt. Wenn er dann gleichzeitig seine Gunst einem anderen schenkt und ihn so mitspielen läßt, dann werden die so ausgezeichneten das auch zu schätzen wissen.  Ich freue mich, wenn unsere beiden Stromer ab und zu etwas von sich sehen lassen. Es muß ja nicht jeden Tag sein. Das kann man von ihnen auch nicht verlangen. Sie geben von sich aus gern das Versprechen, aber sie sind ja noch Kinder und können noch nicht wie Erwachsene gewertet werden. Das kann man ihnen in keiner Weise übel nehmen, wenn sie einmal einige Tage ganz auslassen oder wenn die Unterbrechungen mit der Zeit größer werden. Nur ganz sollen sie es nicht fallen lassen. Daß dieser Fall nicht eintritt, dafür sorgst aber Du schon wieder. Daß die Weihnachtsferien verkürzt worden sind, betrifft ja alle Kinder.  Das ist ihm aber unwesentlich, denn anscheinend fühlt er sich nur allein benachteiligt.  Mein liebes Mädel, lasse mich wieder schließen. Nachher mache ich meine Päckchen auf und werde Deinen Brief lesen. Glaube mir, daß ich in Gedanken ganz und gar bei Euch daheim bin. Für die Weihnachtsgrüße von Vater danke ich. Ich habe ihm persönlich geschrieben. Ich hoffe, daß ihn dieser Brief noch rechtzeitig erreicht. Bleibt gesund und laß Euch recht herzlich grüßen und küssen von Deinem Ernst.
Das Päckchen Nr. 53 mit Mehl habe ich Gestern abgesandt.
Hoffentlich kommt es gut an.