Dienstag, 21. November 2017

Brief 338 vom 16./17.11.1942


Mein liebes, liebes Mädel !                                                16.11.42     
     
Vor einer Woche, da ratterte ich mit dem Zug durch die Weite des Ostens. Den ersten Sonntag nach dem Urlaub habe ich schon hinter mir und mit vollen Zügen geht es in die erste volle Woche hinein.  Es ist doch eine ziemliche Ecke von uns zuhause bis hierher. Das hätte man sich früher nicht träumen lassen, daß man so durch Europa gondeln würde. Aus der früheren Lust am Reisen wurde jetzt ein Zwang, dem man manchmal nicht immer mit einem vollen Ja zustimmen würde, wenn nicht das eiserne Muß dahinter stünde.
Aber was heißen bei den großen Entscheidungen, die nun doch einmal heranreifen werden, unsere kleinen persönlichen Wünsche. Daß alles Persönliche hintangestellt werden muß, das ist ein Erfordernis der Zeit, dem wir Folge leisten müssen. Wenn sich auch manchmal Rückschläge einstellen, wie es jetzt anscheinend der Fall ist, so können wir unsere innere Größe nur mit einer entschlossenen Haltung bekräftigen. Denn wir waren bis jetzt eigentlich nur das Siegen gewohnt und glaubten, bei uns muß es nur vorwärts gehen. Daß in einem Krieg Rückschläge eintreten können, kann von Anfang an nicht außer Acht gelassen werden. Wir haben aber den festen Glauben und das Vertrauen in uns, daß wir es schaffen werden, denn es sind trotz allem noch allerhand  Sachen  vorhanden, die zur gegebenen Zeit zum Einsatz kommen.  Wir werden und wir müssen es schaffen, da hilft alles nichts. Es ist bedauerlich, daß diese schweren Opfer gebracht werden müssen, die wir später so notwendig gebrauchen können.
Vielleicht nimmt der Großeinsatz unserer Gegner in Nordafrika doch nicht für uns so einen tragischen Verlauf, wie es im gegenwärtigen Augenblick scheinen will.  Vom abgelaufenen Sonntag kann ich nachtragen, daß ich erst ins Theater gehen wollte. Es hieß aber, es sei nicht geheizt, so daß ich keine große Lust verspürte, mich in die kalten Bänke zu quetschen und dann zähneklappernd mich dem Kunstgenuß widmen, während hier bei uns im Kasino schön Kaffee getrunken wird und wo es sogar kostenlos Torte gibt.
Da siehst Du erst einmal, was ich für ein Kunstbanause bin. Nicht einmal für die Kunst, die hohe, werden Opfer gebracht. Ich habe aber erfahren, daß seit einigen Tagen geheizt wird. Das geht schon eher. Wie gesagt, wir bekamen gestern Nachmittag einen schönen Kaffee und Torte gab es auch. Bei der vorhergehenden Einheit mußten wir etwas dafür bezahlen. Das ist hier nicht der Fall. Ich habe deshalb aber auch nicht reklamiert. Zum Abend hatten sich zwei Künstlerinnen, die hier vom KdF eingesetzt sind, für den Abend angesagt. Das war dann am Abend auch ganz nett. Die eine war Vortragskünstlerin und die andere Sängerin, die dann nach meiner Meinung gut gesungen hat. Es war interessant, wie nachher die Meinungen auseinander gingen über den Wert und den Unwert des Gesanges. Sie sang erst einige Sachen aus Opern und dann einige Stücke aus Operetten und Tonfilmen. Ich habe selten so auseinandergehende Meinungen gehört wie bei diesem Anlaß.  Ich getraue mir ja noch nicht daran zu denken, Post von Dir zu erhalten. Zwar sehr lang kann es nun nicht mehr dauern. Ich sende Dir und den Kindern herzliche Grüße und viele Küsse. Dein Ernst.


Mein liebes Mädel !                                                          17.11.42      

Mit der Arbeit geht es augenblicklich. Unser Chef ist gegenwärtig viel unterwegs, so daß eine gewisse Stockung eingetreten ist. Ich habe ihn seit meiner Ankunft am Samstag zweimal beim Essen gesehen, seither nicht mehr. Trotz allem komme ich aber nicht recht dazu, andere Sachen zu erledigen, wie das, was sich täglich gerade ergibt. Heute habe ich über die Mittagszeit einen Brief an Kurt geschrieben und den Antrag auf Rückerstattung der von ihm entrichteten Wehrsteuer. Er hat bis jetzt am längsten auf Antwort warten müssen. Seine Schreiben und auch den Durchschlag lege ich bei.  An Dich habe ich heute ein Päckchen abgesandt. Es trägt die Nummer 48. Es enthält verschiedene Bonbons und Pralinen, die wir hier bekommen haben  und die Du für Weihnachten mit verwenden kannst. Ich hoffe, daß das noch rechtzeitig ankommt und daß es überhaupt gut ankommt. Für Dich habe ich auch noch etwas hier, was ich in diesen Tagen absende. Ich hoffe, daß Du Dich über die Kleinigkeit freuen wirst.
Post ist von Dir immer noch nicht eingegangen. Nachdem ich schon eine Woche bald hier bin, wäre ich nicht böse, nunmehr ein Lebenszeichen von Dir zu erhalten. Ich denke, daß Du nun inzwischen im Besitz meiner Luftpostbriefe bist. Heute will ich versuchen, mit meinem Arbeitskameraden in das Kino oder in das Theater zu gehen. Ich weiß zwar noch nicht, ob etwas daraus wird.  Mit den Tageszeiten kommt man hier noch ganz durcheinander. Gegen 15 Uhr wird es schon dunkel. Von da ab muß man Licht haben. Dagegen ist es schon früh um 5 Uhr Tag. Man sollte fast um diese Zeit anfangen zu arbeiten und dann früher aufhören. Das geht aber deshalb nicht, weil wir doch mit den anderen Dienststellen zusammenarbeiten müssen, die weiter westlich liegen. Auch mit denen, die in Deutschland sich befinden, müssen wir telefonieren, dadurch würde dann alles durcheinander geworfen werden.  Mit dem bestellten Heft von Gass ist es wohl noch nicht soweit. Sende mir das bitte umgehend zu, damit ich meine Sache weiter verfolgen kann, denn allzu lang will ich es nicht hinausschieben.
Was schenken wir denn unseren Gören zu Weihnachten? Ich dachte schon, man würde einmal ein Inserat in der Zeitung aufgeben wegen eines Fahrrads für einen der Beiden.  Ich dachte an ein Kinderfahrrad. Was meinst du dazu. Hatten nicht Webers auch eins. Oder willst Du dort nicht gerne fragen. Es geht doch so vieles durch Anzeige. Schreibe mir, was Du denkst, kannst selbstverständlich auch die Anzeige aufgeben, wenn Du meine Anregung für richtig hältst. 
Ich lege Dir noch eine Aufstellung der Kosten, die ich bis jetzt mit der Ahnensache gehabt habe.  Ergänze doch die Aufstellung, die ich daheim habe. Dann kannst Du diesen Zettel vernichten. Ob ich noch viel erreichen werden in dieser Sache, erscheint fraglich, aber ich will versuchen, ob ich die eine oder andere noch bekommen kann. Auf zwei Schreiben habe ich trotz zwei Schreiben keine Antwort erhalten.  Neuigkeiten habe ich keine zu berichten. Ich schließe darum und grüße Dich recht herzlich und sende Dir viele, viele Küsse. Dein Ernst.

Mittwoch, 15. November 2017

Brief 337 vom 14./15.11.1942


Meine liebste Annie !                                                               14.11.42     
 
Drei Nächte bin ich nun hier und dreimal habe ich woanders geschlafen. Die erste Nacht im Bett von einem Schreiber, der sich im Urlaub befindet. Die zweite Nacht habe ich ein Bett gehabt, das ich in unser Arbeitszimmer gestellt habe, weil ich keine Unterkunft hatte. Die vergangene Nacht habe ich nun behelfsmäßig ein Zimmer zugewiesen bekommen, in dem ich mich für die nächsten Tage aufhalten kann, bis wir eine neue Unterkunft haben. Es ist aber alles sauber, wenn zwar auch sehr einfach, aber man kann es aushalten und ich bin auch damit zufrieden. In meine Arbeit habe ich mich auch wieder hineingefunden und es läuft so, wie es vorher war. Ich bin froh, daß alles seine Ordnung hat, denn Du weißt ja, wie ich es nicht vertragen kann, wenn alles so nebeneinander herläuft und wenn man dann am Ende des Tages sieht, daß man nichts geschafft hat. Das ist jetzt nicht mehr der Fall und das beruhigt mich wieder. 
Deine Briefe habe ich nun, nachdem ich sie am ersten Tag gelesen hatte, nochmals darauf durchgesehen, ob noch etwas zu beantworten ist. Im Großen und Ganzen haben wir ziemlich alles daheim besprochen. Was die Gläserringe für Deine Einweckgläser anbelangt, so behalte das nur im Auge. Im nächsten Jahr mußt Du dann zusehen, daß Du welche bekommst im Umtausch.  Für die mitgesandten Briefmarken danke ich Dir. Ich werde sie mit verwenden, wenn ich an Dich etwas abzuschicken habe. Ich denke, daß das bald der Fall sein kann, wahrscheinlich werde ich nochmals Butter bekommen, für die Du mir nicht böse sein wirst. Ich freue mich, daß es mir möglich sein wird, für Deinen Fett-Topf etwas zu tun. Die Bilder habe ich auch erhalten. Sie sind nicht so schlecht, wie Du sie machen willst. Sie sind auf jeden Fall eine ganz nette Erinnerung. Vor allem sind die beiden Großväter darauf. Euch Drei habe ich dabei auch noch einmal im Bild. Sie sind ziemlich wirklichkeitsnahe.
Das Päckchen mit den Pralinen lag schon lange Zeit hier. Durch den Transport waren sie etwas trocken geworden und von der Holzwolle hatten sie leider etwas Geschmack angenommen. Ich habe sie aber gern gegessen. Du kannst mir glauben, daß sie mir trotz allem geschmeckt haben. In einem Deiner Briefe schreibst Du vom Mistholen. Ich habe lachen müssen, wie Du „die fette Ware“ lobst. Wenn es Dir möglich sein sollte, ihn ab und zu zu güllen, dann könnte das nichts schaden. Er erfüllt aber auch so seinen Zweck. Du hast aber auch schon so Deine Arbeit mit dem Garten. Vor allem, da es auch bei Euch mit dem Winter bald soweit sein wird.  Das Jahr war bislang so schön, daß man mit einem plötzlichen Einbruch der kalten Jahreszeit rechnen muß. Ich denke, daß ich die wesentlichen Dinge, die noch zu berühren waren, erledigt sind.  Ich habe noch andere Post hier vorliegen, die ich von Wittenburg, Siegfried, Nannie und Kurt erhalten hatte, die nun noch zu beantworten ist. Außerdem auch von einem Pfarramt, dem ich noch schreibe. Das gibt wieder Beschäftigung für die kommenden freien Stunden.  Heute lege ich Dir die hier für mich aufbewahrt gewesenen Briefe bei. Ebenfalls noch einige Bilder zum Aufheben. Die von mir gekauften Briefmarken lege ich gleichfalls bei. Ich bitte Dich, diese mit aufzuheben.
S ei recht herzlich für heute gegrüßt und nimm ebenso viele Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Meine liebe Annie !                                                                 15.11.42         

Schon ist der erste Sonntag angebrochen, den ich bei meiner Einheit verlebe. Man merkt so richtig, wie man mit zuhause zusammenhängt, obwohl schließlich ein Tag hier wie der andere verläuft. War es doch während der Urlaubstage so nett bei Dir. Das werde ich die kommende Zeit wieder entbehren. Wie ich Dir gleich in meinem ersten Brief schrieb, ist ja unsere Bude abgebrannt.  Wenn es auch nicht fürstlich war, hatte man doch eine feste Unterkunft. Die Notwohnung, wenn man sie so nennen soll, richtet man schon gar nicht ein, weil das doch nur vorübergehend ist.  Wenn wir unser festes Unterkommen haben, dann ist das schon etwas anderes. Daß meine Stimmung gehoben wurde, als ich an meinem Ankunftstage vor der verbrannten Bude stand, kannst Du Dir wohl vorstellen. Ich hatte Dir aber noch nicht geschrieben, wie es zum Brand kam und wie ich alles vorfand. Mein Kamerad und die Übrigen befanden sich alle zuhause in ihrer Wohnung. Es war schon Nacht und im Bett hörte er so ein Rieseln und Rascheln in der Wand. Er holte einen anderen hinzu, der meinte aber, das sind Mäuse oder Ratten, die über den Speicher laufen und legt sich wieder zu Bett. Dem Ersteren läßt das aber keine Ruhe und er sieht auf dem Dachboden nach, der sich gleich über unsren Zimmern befand. Dort entdeckt er, daß alles voller Rauch ist. Da merkte er, dass es höchste Zeit ist, daß unsere Zimmer geräumt werden und ruft Alarm. Daraufhin wurde der Bau lebendig. Jeder, der zuhause war, hat gerettet, was möglich war, denn inzwischen hatte sich der Brand ausgedehnt und kam auf dem Flur durch die Decke. Was jeder zum persönlichen Eigentum hatte, das ist fast alles weggebracht worden. Was sich sonst in den Zimmern befand, ist bald alles verbrannt. Später ist dann der Dachstock heruntergefallen und auch unser Stockwerk fiel dann durch. Das ganze Haus ist durch diese Sache in Mitleidenschaft gezogen. Ich komme nun hier nichtsahnend an, versorge mein Gepäck auf dem Bahnhof. Es ist stockdunkle Nacht. Der Wind pfeift ziemlich, vor allem um die Ecken. Mein Stiefel macht mir Beschwerden, denn da waren die Nägel durchgekommen. Ich war also froh, endlich in ein Bett zu kommen. Als ich in die Nähe unseres Hauses komme, höre ich Wasser rauschen. Ich denke, das wird wohl ein Wasserrohrbruch sein. Als ich die Straße zu unserem Haus überqueren will, ist vom vielen Wasserlaufen alles vereist. An der Haustüre finde ich alles so vor, wie ich es von früher her kannte, nur daß die Türe verschlossen war. Die habe ich mit Gewalt geöffnet, weil mir auf mein Klopfen niemand aufgemacht hatte. Das war eine ziemliche Arbeit.
Bei allem bekam ich einen gelinden Zorn, was man sich ganz gut vorstellen kann. Ich bin dann mit meiner Taschenlampenbeleuchtung hinaufgestiegen bis in den 5. Stock. Im 1. und 2. Stock standen Schreibtische auf dem Flur. Es roch wohl nach Brand, aber ich dachte mir, da kann dort unten wohl etwas passiert sein und ging weiterhin ahnungslos hinauf. Als ich oben ankam, sah ich die Bescherung. Da wurde mir plötzlich alles klar. Ich habe dann schleunigst kehrtgemacht, denn das war mir doch nicht ganz geheuer. Im Nachbarhaus fand ich dann Schlafgelegenheit, wie ich Dir schon schrieb. Das ist die Geschichte vom Brand, den ich glücklicherweise nicht habe mitmachen müssen. Der bietet gegenwärtig noch allerhand Stoff für Gespräche. Denn diese Angelegenheit wird nun von allen möglichen und unmöglichen Seiten beleuchtet. Ich kenne mich dabei aus, wie wenn ich selbst dabei gewesen bin. 
Gestern bekam ich noch von Dir den Brief vom 18.10., der als Nachzügler eintraf. Mir fiel das bei der Post auf, als ich sie alle nochmals durchlas, daß da eine Lücke war. Dies hat sich nun von selbst geklärt durch das Eintreffen dieses Briefes. Momentan habe ich nichts weiter zu berichten. Ich schließe darum für heute und bitte Dich, recht viele herzliche Küsse und Grüße entgegenzunehmen. Grüße auch unsere Borzels von mir und gib ihnen einen herzlichen Kuß von Deinem Ernst.

Brief 336 vom 13.11.1942


Mein liebes, gutes Mädel !                                                  13.11.42    
   
Den ersten Tag habe ich hinter mich gebracht und heute versuche ich, mich in den Betrieb einzuleben. Bevor ich aber weiter arbeite, will ich Dir noch schreiben. 
Von meiner Fahrt hätte ich noch nachzutragen: In Kowel kamen wir mit einigen Verspätungen an. Es war bereits Mittag, so daß die allgemeine Wartezeit für uns abgekürzt erschien. Als wir eintrafen, stand auf dem anderen Geleise schon ein Zug, der nach Kiew fuhr. Da war dann der Aufenthalt nicht so lang wie es erst aussah, denn nach Verlauf einer Viertelstunde rollte er schon. Fahrplanmäßig sollte der Zug gegen 20 Uhr dort eintreffen. Bis wir aber ankamen, war es Mitternacht 12 Uhr.
Unser Anschlußzug, der 22,20 abfuhr, hat auf uns nicht solange gewartet. So saßen wir da und machten lange Gesichter.  Mit noch einigen Offizieren haben wir uns dann Quartier geben lassen und haben dann in Kiew übernachtet. Als wir so in der Nacht auf die Straße mußten, war es empfindlich kalt und ein scharfer Ostwind verstärkte die Kälte ziemlich. Nach einem Marsch von einer halben Stunde sind wir dann in unserem Quartier angekommen. Die Unterkunft war so einigermaßen, daß man es für eine Nacht hat aushalten können.
Von zuhause aus war man schon noch etwas verwöhnt. Es nutzt aber alles nichts, man muß sich wieder umstellen. Mein Zug fuhr dann erst wieder 22,20 Uhr. Ich hatte dann am nächsten Morgen Zeit. In dem Offiziersheim war ein Friseur, dort habe ich mir die Haare schneiden lassen. Anschließend habe ich noch einen Spaziergang durch die Stadt unternommen, bin dort auch auf das Postamt gekommen und habe mir zwei Sätze Briefmarken mit Überdruck gekauft., die ich Dir in den nächsten Tagen mitsenden werde.
Die Stadt macht einen sehr zerstörten Eindruck.  Sie dehnt sich sehr weit und man muß schon tüchtig laufen. Die Stadt muß für russische Verhältnisse früher ordentlich ausgesehen haben. Man muß aber bedenken, daß ein großer Teil noch aus der Zarenzeit gestammt hat. Es wird ja hier schon so zeitig dunkel, so daß man mit dem Tag ganz aus der Reihe kommt.  Ich bin dann als es dunkel wurde, in ein deutsches Restaurant gegangen, was mir empfohlen wurde. Dort waren die Preise nicht ganz so gepfeffert wie in den anderen Lokalen, aber es gibt einfach nichts, wenn man keine Marken hat. Auch die Leute, die mit Marken gegessen haben, bekommen nichts für ihr Geld. Ich war aber froh, daß ich mich irgendwo aufhalten konnte, weil man in solch einer Stadt nicht weiß, was man anfangen soll.
Ich bin dann später auf den Bahnhof gegangen, um mir Verpflegung zu holen und um mich noch etwas aufzuwärmen. Dort habe ich dann die Zeit verbracht bis mein Zug abgehen sollte. Unser Zug wurde auch zur Zeit eingesetzt, aber der unfreiwillige Aufenthalt sollte noch nicht so schnell beendet sein. Wir haben auf dem Geleise mit unserem Zug bis am anderen Morgen gegen 4 Uhr gestanden, ehe der Zug abgefahren ist. Gefroren haben wir wie die Schneider, denn die Heizung ging nicht durch. Dieser Zustand hat dann angehalten bis am folgenden Abend, als wir in Lubeni ankamen. Dort wurde dann der Schaden behoben.
Von unterwegs kann ich noch berichten, daß ich in Kowel noch den Schäfer traf, den ich doch in Konstanz schon gesprochen hatte. Er war auch wieder auf der Fahrt nach seiner Dienststelle. Wie ich den (Schäfer) anstoße bekomme ich von der Seite einen Boxer und wie ich mich umdrehe, treffe ich einen Kameraden, der mit bei der Feldkommandantur in Mirgorod war. Ich erzählte Dir wohl davon, daß er nach Afrika gegangen sei. Er ist inzwischen krank geworden und mußte wieder in die Heimat zurück.  Dort erhielt er den Befehl, daß er wieder zur alten Einheit kommandiert ist. Daß das eine ziemliche Überraschung war, kannst Du Dir wohl vorstellen. Wir hatten uns so allerhand zu erzählen, und ich muß sagen, es war ziemlich kurzweilig auf der Fahrt.  Durch die verspätete Abfahrt kamen wir auch mit entsprechender Verspätung hier an. Fahrplanmäßig sollte dieser Zug abends gegen 6 Uhr hier eintreffen. Wie ich Dir gestern schon mitteilte, war es Mitternacht geworden. Ich habe es jetzt wieder überstanden und nach dem ich nun nicht zuhause sein kann, bin ich froh, daß ich wieder bei meinem Haufen bin, denn das in der Welt Herumgondeln macht auf die Dauer kein Vergnügen. 
Die Gegend bietet an sich wenig Abwechslung. Das ist nicht wie im Schwarzwald. Als wir dort durchfuhren, wie war das so abwechslungsreich. Der Laubwald noch so schön gefärbt und die vielen Ausblicke. Man kennt durch das frühere verschieden Reisen schon einiges und sieht es immer wieder gern. Hier war schon alles kahl und eintönig. Man hat keine rechte Lust, zum Fenster hinauszusehen. Zudem ist man sowieso nicht in der besten Stimmung, wenn man von zuhause wegfahren mußte. Wie gesagt, ich bin froh, daß ich es geschafft habe.  In wenigen Tagen werde ich mich auch hier in den Kram hineingefunden haben. Von der weniger erfreulichen Überraschung habe ich Dir schon berichtet. Die Kameraden hatten mir alles mitgenommen, so daß mir kein Schade entstanden ist. Für Deinen Gruß, den Du mir auf die Zeitung geschrieben hattest, danken ich Dir noch Ich habe ihn unterwegs zwischen Berlin und Warschau entdeckt und ich habe mich tatsächlich sehr darüber gefreut und danke Dir nochmals dafür. 
Einige Kleinigkeiten habe ich vergessen, die aber jetzt an sich nicht so wichtig sind und die Du mir nicht unbedingt nachschicken mußt. Das ist erst einmal mein Löffel und die eine Handbürste. Dagegen wäre es kein Schaden, wenn Du mir bei Gelegenheit einen Kopfschützer machen kannst. Wenn es jetzt dann kälter wird. wäre dies ganz nützlich, denn wir werden nichts weiter bekommen. Wünsche habe ich keine weiter mehr. Ich kann Dir noch mitteilen, daß die Kameraden für mich gut gesorgt haben. Ich habe meine Luftpostmarken erhalten obwohl mir diese im Urlaub nicht zustanden. Darum kann ich Dir auch heute wieder schreiben.
Dann haben die Kameraden für mich die Marketenderwaren in Empfang genommen. Da ist eine große Flasche Martell-Cognac dabei und verschiedene Kleinigkeiten, die ich für Euch aufhebe und Dir mit zuschicken werde. Ich denke, daß Du Dich darüber freuen wirst. Du kannst sie gut für Weihnachten mit verwenden, wenn sie noch rechtzeitig ankommen. Ich habe auch noch einmal Butter in Aussicht, damit Du Deinen anderen Topf noch füllen kannst. Ich sehe zu, daß ich für Euch wieder etwas beiseite bringe, denn es ist mir doch eine große Beruhigung, wenn Ihr nicht mangelt daheim.  Auch sonst ist gesorgt, daß ich mit dem Essen ordentlich versorgt bin. Ich kann nur sagen, daß nach dem ersten Eindruck, den ich bis jetzt gewonnen habe, das Essen noch besser ist, wie bei der letzten Verpflegungseinheit. Bei Gelegenheit werde ich Dir einmal darüber berichten. Mir fehlt also tatsächlich nichts.
Die mir mitgegebenen Marke lege ich Dir wieder mit bei. Wie ich Dir schon sagte, ich habe sie nicht gebraucht. Belegte Brötchen habe ich in Berlin auf dem Bahnhof auch noch nicht gesehen. Ich kann mich übrigens hier wieder so herausfuttern, wenn mir auf der Fahrt tatsächlich etwas abgegangen sein konnte. Ein Bild, das einmal hier früher gemacht worden ist, lege ich Dir noch mit bei. Andere folgen bei Gelegenheit.  Das wäre so das Notwendigste, was ich jetzt für heute zu berichten hätte. Ich schreibe dann morgen wieder mit der normalen Post. Du wirst dann auf die laufenden Briefe noch einige Tage warten müssen. Ich bin darum froh, daß ich Dir das Nötigste habe noch so schnell mitteilen können. Sei Du recht herzlich gegrüßt und recht fest geküßt von Deinem Ernst.

Sonntag, 12. November 2017

Brief 335 vom 12.11.1942


Mein liebster, bester Schatz !                                                         12.11.42       
 
Diesmal hast Du schon einige Tage warten müssen, aber es ging beim besten Willen nicht anders. Doch warum ich Dir nicht schreiben konnte, das bitte ich Dich aus dem weiteren Inhalt zu entnehmen.
Als erstes, Mittwoch Nacht 11,30 Uhr bin ich nun hier eingetroffen. Ich hatte noch mein Gepäck auf dem Bahnhof zu versorgen. Einen Kraftwagen konnte ich von uns nicht mehr herbeirufen, so daß ich mich zu Fuß auf den Nachhauseweg machen mußte.  Nach Mitternacht traf ich im Rathaus ein und wollte zum Tor hinein, da war alles verrammelt. Ich gehe um das Haus herum, da ist alles überschwemmt. Wasserschläuche liegen auf der Straße herum und sind eingefroren. Mit Gewalt habe ich dann die Haustüren geöffnet und bin die 5 Stockwerke hinaufgestiegen. Dort erlebte ich eine richtige Überraschung. Unsere Bude war die vorhergehende Nacht abgebrannt. Du kannst Dir denken, daß das weniger angenehm war. Erstens ist man hundemüde und so nach Mitternacht, wo soll man hingehen. Ich wußte zufällig noch, wo einige Männer unserer Einheit wohnten. Dort habe ich den Spieß herausgetrommelt, der mir dann für diese Nacht wenigstens ein Bett gab. Heute morgen habe ich mich einmal nach meinem Verein umgesehen, der mir dann auch den ganzen Vorgang offenbarte. Die erste Überraschung war alles andere, nur nicht gerade angenehm. Im allgemeinen wurde ich wieder freudig empfangen, und ich muß sagen, die Kameraden waren alle bis jetzt sehr nett. Meine Sachen, die ich noch hier gelassen hatte, sind alle gerettet worden, so daß ich keinen Schaden erlitten habe. Ich habe sie zwar noch nicht durchgesehen, aber es wird alles in Ordnung sein.
Hier fand ich einen ganzen Schwung Briefe vor. Die meisten stammten aber von Dir, die ich nun erst alle gelesen habe mit dem schönen Gefühl der Erinnerung an unser Zuhause. Im Hinblick darauf möchte ich Dir noch einmal für all die schönen Tage und für die Liebe, die Du mir während meines Aufenthaltes entgegengebracht hast, meinen tiefsten Dank sagen. Es waren so schöne Tage, die ich jetzt umso mehr empfinde, als ich mich hier in dieser elenden und blöden Gegen wieder aufhalten muß. Es war während diese Urlaubs so schön und ungetrübt, und wir haben es diesmal beide so gut verstanden, uns fast bis zum letzten Tag durchzumogeln ohne an das Abfahren zu denken oder dies wenigstens in Erinnerung zu bringen. Allgemein gesehen fühle ich, daß ich mich während meines Besuchs daheim gut erholt habe und daß ich den Anforderungen für den Winter wieder gewachsen sein werde.  Wenn ich auch körperlich nicht so weit heruntergekommen war, wie ich es ja bei meinen verschiedenen Besuchen immer hören konnte, so hat man eine Ausspannung aus dieser Tretmühle schon einmal notwendig .
Dies habe ich einmal während dieser Tage richtig tun können. Daß Du Deinen redlichen Teil dazu beigetragen hast, das möchte ich Dir hiermit nochmals versichern. Daß wir am letzten Abend noch so eine weniger angenehme Angelegenheit mit unserem Sohn zu regeln hatten, das bitte ich Dich zu entschuldigen. Vielleicht war auch ich etwas erregt und in einem anderen Fall würde ich das nicht so tragisch genommen haben. Ich hoffe, daß der Junge das auch wieder überstanden hat und daß er es nicht gar zu sehr  nachträgt. Ich weiß zwar, daß er das im allgemeinen nicht tut.  Heute ist nun wieder Dienstag und Ihr seid sicherlich beim Baden. Wenn es so kalt ist wie hier, dann seht Euch nur vor. Als ich in Kowel ankam. da pfiff ein ziemlich kalter Wind und in Kiew da war es bei meiner Ankunft in der Nacht empfindlich kalt. Es werden etwa 6 Grad gewesen sein.  Hier weht vor allem ein kalter Wind bei dem man den Unterschied von zuhause und hier doppelt so sehr spürt, wie wenn es daheim auch schon so kalt gewesen wäre.
Das Wetter auf der Fahrt war bis Karlsruhe angenehm. Von Karlsruhe bin ich dann weitergefahren und kam auch über Blankenloch bei Kurts früheren Quartierleuten vorbei. Die Fahrt ging dann weiter über Mannheim, Frankfurt, Darmstadt Eschwege, Nordhausen, Berlin. In Berlin bin ich dann nicht bis zum Bahnhof Friedrichstraße gefahren, sondern schon am Bahnhof Zoo ausgestiegen und dann wieder zurückgefahren nach Charlottenburg, denn das wäre die erste Station gewesen in Berlin, in der der Zug nach Kowel ankam. Dort konnte ich dann 8,13 Uhr den Zug erreichen und ich muß sagen, daß ich froh war, daß ich zurückgefahren bin. Denn als der Zug durch die verschiedenen Bahnhöfe von Berlin fuhr, war der Zug einfach überfüllt. Von Glück konnte ich ja reden, daß ich 2.Klasse hatte, denn wenn ich 3. Klasse gehabt hätte, wäre ich die ganze Fahrt gestanden. Das war nun in diesem Fall nicht notwendig.
Von Berlin an hatte es dann geregnet und alles war dort so unfreundlich, daß man keine Lust hatte, sich noch länger in Berlin aufzuhalten. Über Küstrin, Schneidemühl, Posen, Thorn fuhren wir weiter nach Warschau und von dort ging es dann die gleiche Strecke zurück, wie ich sie gekommen war. Deblin, Lublin waren die wichtigsten Orte bis Kolw.
Das Wetter war sehr unterschiedlich, wie Du schon aus den Zeilen vorher gesehen hast. In Konstanz war es noch schön. Als man am See lang fuhr, hatte   man nochmals den schönen Blick bis Konstanz hinter. Das Münster und der Turm der Stefanskirche grüßten zum letzten Mal. Dann war so gewissermaßen der Urlaub abgeschlossen. Der Abschied ging diesmal etwas plötzlich, aber vielleicht war es besser so, wie wenn man sich die letzten Minuten noch so auf dem Bahnsteig herumquält. Ich hoffe, daß Ihr Euch am Tage etwas Ablenkung verschafft habt, denn ich weiß, daß es auch Dir nicht einerlei war. Mir war es jedenfalls auch so. Es scheint mir, als sei es mir diesmal besonders schwer gefallen. 
Bis Berlin konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Ich war regelrecht benommen. Als ich dann wieder Soldaten traf, dann ging es wieder einigermaßen. Überstanden hatte ich diesen Druck noch nicht ganz, aber immerhin nahm ich schon wieder mehr an den Dingen teil. Nachdem ich nun beim Haufen gelandet bin, geht es wieder eher, aber die Gedanken an zuhause, die stehen immer noch im Vordergrund, dazu sind die Eindrücke des Urlaubs noch zu nahe.  Da haben mir auch die vielen Briefe nicht darüber hinweggeholfen, die ich hier vorfand. Im Gegenteil, alle die Dinge habe ich noch mal so wirklichkeitsnah erlebt, weil Du mir all das Geschriebene vorher erzählt hast, und weil wir so viele Dinge haben wieder einmal mündlich versprechen und regeln können. Wie viel besser ist das, wenn man die verschiedenen Sachen persönlich regeln kann.
Das haben wir wieder tun können und wenn wir dabei berücksichtigen, daß dieser Urlaub so unverhofft kam und Du noch weniger Ahnung hattest wie ich. Alles in allem kann ich Dir nur nochmals bestätigen, daß es recht schöne Tage waren und ich sehr gern daran zurückdenken werde. Ich bin davon überzeugt, daß es Dir genau so gehen wird und hoffe, daß es den Kindern auch so gegangen ist.  Ich bin nun seit meiner Abfahrt noch nicht so richtig zur Ruhe gekommen, und ich hoffe, daß ich heute einigermaßen schlafen kann, obwohl ich nur ein Notquartier habe, bis ich endgültig irgendwo schlafen kann. Es ist möglich, daß ich morgen nochmals mit Luftpost schreibe, damit Du nicht allzu lange jetzt warten mußt. Für heute will ich jetzt schließen und gebe Euch allen daheim recht viele Küsse und Dich, mein liebes Mädel, grüße und küsse ich besonders herzlich und bin für immer Dein Ernst.

Mittwoch, 8. November 2017

Brief 334 vom 8.11.1942


Mein liebes herzensgutes Mädel !  5.oo Uhr    8.11.42       

Wie schnell sind die schönen unverhofften Urlaubstage vergangen.  Ich bin wieder auf der Fahrt nach draußen. Bis Karlsruhe hatte ich meinen schönen Platz. In Karlsruhe kam der Fronturlauberzug, der an sich überfüllt war, in dem ich aber doch noch gut Platz bekam, weil ich 2. Klasse hatte. Mit diesem Zug bin ich nun gleich bis Berlin gefahren. Hier muß ich noch einige Stunden im zugigen und übervollen Wartesaal sitzen, bis mein Zug nach dem Osten weitergeht. Ich hoffe, daß alles so vonstatten geht, wie bis jetzt.
Wie habt Ihr nun den gestrigen Tag verbracht. Ich habe mir schon Gedanken gemacht, daß Ihr es nicht zu hart wieder hinnehmt. Ihr wißt, daß es auch für mich diesmal nicht so einerlei war. Ich möchte es mir nicht so anmerken lassen. Ich war in einer Beziehung froh, daß es schnell gegangen  ist mit dem Abschiednehmen. Wie haben es die Kinder empfunden, daß ich nun wieder fort bin. 
Lasse mich bitte für jetzt schließen, denn ich bin von allem abgespannt, was in den letzten Tagen so vor sich ging und nun die Fahrt, die mich auch etwas angestrengt hat.  Dir mein liebstes Mädel und den Kindern recht viele Grüße und Küsse, wie ich sie Dir immer gebe von Deinem Ernst.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Brief 333 vom 13.10.1942


Mein liebes, gutes Mädel !                                                    13.10.42       
      
Nun sind wir wieder einmal umgezogen. Der Start erfolgte nicht erst am Montag sonder wir haben uns bereits am Sonntag ins Zeug gelegt und haben es zum großen Teil geschafft. Es ist keine Kleinigkeit, wenn man so mit allem Drum und Dran abrückt. Wir haben einen eigenen LKW, auf den wir alle verladen hatten. Das hat zwar allerhand Wege gekostet, vor allem wenn man einziehen muß und es ist noch nichts fertig. Wie es bei uns der Fall ist.  Ich rege mich über diese Dinge nicht mehr weiter auf, aber die anderen waren alle aus dem Häuschen und sind es heute noch. Mir macht das so gut wie nichts mehr aus. Ich denke nur an unseren Umzug von Mirgorod nach Kschen. Das war doch noch ein größerer Unterschied. Hier ist es so, daß zwanzig Mann zu befehlen haben und keiner übernimmt die Verantwortung für etwas. Wie ich Dir schon mitteilte, sind wir im Rathaus untergekommen. Dort wohnen wir im 5.Stock. Höher geht es nicht mehr, kann man da sagen. Wenn auch in allernächster Nähe der Ausblick nicht besonders schön ist, so ist der Überblick als ganz schön zu bezeichnen. Er erinnert mich in mancher Beziehung an zuhause. Nur mit dem Unterschied, daß hier eine ausgedehnte Stadt vor einem liegt, was bei uns nicht der Fall ist. Ein großer Teil der Stadt liegt auf einem Höhenrücken. Die Stadt streckt sich dann weiter durch ein Tal und geht wieder auf den gegenüberliegenden Höhenrücken. Wenn man sich verschiedenes wegdenkt, kann man meinen, man sei zuhause. Vor allem sind es einige Dinge, die einem die Erinnerung daran wach halten lassen. Das ist an sich der gegenüberliegende Höhenrücken, denn bei entsprechender Beleuchtung sieht man das Leuchten der verfärbten Blätter des Waldes. Abends aber ist es die Sonne, die hinter diesem Berge zur Neige geht. Die verschiedenen Kirchtürme wirken zum Teil etwas fremdländisch, aber sie geben dem Stadtbild etwas Leben und ein besonderes Gepräge. Bauten, die in der Neuzeit geschaffen wurden, haben wohl etwas Modernes an sich, aber vieles ist zerstört und zeugen vom Krieg und den Kämpfen.  Die Unterkunft als solche teile ich noch mit einem Sonderführer, der wenig davon erbaut ist, ein Zimmer mit noch einem anderen teilen zu müssen. Ich bin in diesen Dingen nicht so kleinlich. Die Räume sind für uns alle sehr groß, so daß wir für die Zeit, wenn es kalt wird, allerhand Bedenken haben. Eine Dampfheizung ist wohl vorhanden, die ist aber von dem Elektrizitätswerk abhängig, weil es eine Fernheizung ist. Der Strom geht aber nicht immer, so daß wir auch mit der Wärme nicht ganz zurecht kommen werden. Vorsichtshalber sind schon kleine Kanonenofen eingebaut worden. Auf das müssen wir uns am meisten einstellen. Die Beleuchtung klappt auch noch nicht. Wasser haben wir auch noch keines. Man sieht an allem, daß noch alles im Bau begriffen ist und wir zu zeitig gekommen sind. An Schreiben ist abends nicht zu denken. Im Büro ist es das gleiche. Die Räume sind noch nicht sauber und im ganzen Haus wird noch gebaut, gestrichen, Leitungen gezogen, Lampen montiert und alles steht noch herum und macht einen unfertigen Eindruck. Im Büro ist es gleich kalt wie in der Wohnung.  Das ist alles andere, nur nicht gemütlich. Im Kasino kann man sich noch etwas aufwärmen. Das ist noch der einzige Aufenthaltsort, an dem man nicht gerade mit   ?  braucht. Wenn erst einmal alles in seinem Gleis ist, dann wird es auch gehen, aber es ist anzunehmen, daß das noch einige Tage dauern wird. Es ist immer dasselbe, man muß sich erst einrichten und wenn der Apparat angelaufen ist, dann findet man wieder alles in Ordnung. Da kann man erst sehen, was der Mensch die Gewohnheit nötig hat. Ich selbst habe mich, wie schon öfter habe feststellen müssen, vielmals in andere Verhältnisse gewöhnen müssen. Ich denke, daß mir das auch hier wieder gelingen wird. Die anderen maulen zwar immer, es wird ihnen aber nicht viel helfen.  Ich grüße Dich vielmals und sende Dir und den Kindern recht viele Küsse. Dein Ernst.


Mein herzlieber Schatz !               14.10.42          211 
In unseren Umzugstagen haben wir ordentlich Betrieb gehabt. Für uns selbst wird es hoffentlich bald soweit sein, daß wir unseren alltäglichen Betrieb haben. Durch solche Änderungen kommt man ganz aus dem Geleise. Unseren Behelfsofen haben wir heute angezündet, weil es zu kalt zum längeren Sitzen ist. Ich habe Dir früher einmal geschrieben, daß wir beim Backen von Puffern bei meiner letzten Einheit so eine schöne Räucherbude hatten. Dieses Ofenanzünden  erinnerte mich sehr stark an dieses Intermezzo. Im Büro hatten wir gestern Abend kein Licht. Mit noch anderen Kameraden hatte ich die Gelegenheit wahrgenommen und bin mit ihnen ins Kino gegangen. Seit längerer Zeit wieder zum ersten Mal. Ich kannte den Film schon, denn ich sah ihn in Frankreich zweimal, aber es hat mir trotzdem gefallen. Er wurde schon von langen Jahren in Deutschland gespielt und heißt „Kora Terry“. Dann habe ich auch die Wochenschau gesehen in der von dem Landungsversuch in Tobruck die Rede war. Ich hoffe, in nächster Zeit ab und zu einmal hingehen zu können, denn das Kino ist nicht weit von uns.  Es hat mir sehr gut gefallen, vor allem, wenn man einige Wochen nichts gesehen hat. Im Anschluß an das Kino sind wir zum Essen gegangen. Als wir aber nach hause kamen, da war es aus mit dem Licht. Wo jetzt alles erst eingerichtet wird, da muß man mit Pannen immer rechnen. Es ist reichlich unangenehm, wenn man im dunklen fünf Stockwerke hinauftappen muß und dann ist im Zimmer auch alles dunkel.  Heute früh erhielt ich nun Deinen Brief vom 4.10 ausgehändigt, für den ich Dir recht herzlich danke. Wie ich lese, hast Du Dich über die Schuhe der Kinder wieder einmal hergemacht. Ich weiß, daß sie allerhand Zeug zusammenreißen. Ich bedauere nur, daß ich nichts mehr für sie kaufen kann. Das wäre doch immerhin eine Erleichterung für Dich, wenn ich diese Sachen gleich kaufen könnte.  Daß Du durch die Besuche und die Gartenarbeiten die ganze Schusterei aufschieben mußtest, das kann ich mir denken, denn da ist ja viel von Deiner Zeit darauf gegangen.  Aber ich bin froh, daß Du durch die Besuche einige Ablenkung hattest. Ich denke, daß sie Dich auch aus dem täglichen Einerlei herausgehoben haben, das ist für mich immerhin eine Beruhigung gewesen, denn Du hast damit eine Kleine Abwechslung gehabt, die Dir nichts schaden konnte. Vor allem, wenn ich noch lesen konnte, daß der Besuch Deines Vaters nicht ganz so aufregend verlief, wie wir alle anfänglich  dachten. Von Deinem Vater erhielt ich gestern einen Brief, den Du in Durchschrift ja auch erhalten hast.  Auch aus diesem, sowie aus dem Schreiben an Dich, das er mir im Durchschlag zugehen ließ, muß ich entnehmen, daß es ihm eine Freude und eine Erholung war, als er zu Besuch bei Dir weilte.  Mit Freude habe ich auch davon Kenntnis genommen, daß Helga in der Schule bei ihrer Lehrerin das Vertrauen genießt, daß sie ihr in der unteren Klasse mithelfen darf. Ich denke, daß es sie auch mit besonderem Stolz erfüllt. Daß es Helga gefällt, da mit behilflich zu sein, das kann ich  mit gut denken. Ich glaube auch, daß ihr das dann bei der neuen Lehrerin mehr Spaß macht, wenn sie auf diese Weise ausgezeichnet wird. Ich kann darum auch ihre Bitten verstehen, wenn sie gern dort mitmachen will. Ich kann nur eines sagen, daß die Lehrerin wohl sagt, sie will erst Deine Genehmigung haben, ob Helga länger in der Schule bleiben darf. Es ist aber so, es kann einem an diesem oder an jenem Ort etwas passieren. Hoffen wollen wir aber, daß weder dort  als auch zuhause etwas zustößt. Ich muß schon sagen, daß es auch mich gewundert hat, daß Ihr am hellen Mittag Alarm hattet. Man sollte es kaum glauben, aber es muß schon so sein. DAß daheim die Aussichten auf den Winter allgemein anders beurteilt werden, ist auch für uns hier alle eine Beruhigung. Man macht sich doch hier auch Sorge, wenn die Ernährung so knapp ist, daß es gerade für die heranwachsenden Kinder fast zu wenig ist. Hoffen wir, daß die angekündigte Besserung anhält und sich durchsetzt. Dir und den Kindern wünsche ich heute Gesundheit und ich hoffe, auch einmal persönlich die Grüße und Küsse übermitteln zu können. Bis dahin bin ich immer wieder Dein Ernst.


Durch die Umgruppierung haben wir eine neue Feldpostnummer bekommen, die ich zu berichtigen bitte.  E P Nr. 37 700

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Brief 332 vom 9./10.10.1942


Mein liebstes Mädel !                                                    9.10.42         

Gestern habe ich Dir nach langer Zeit wieder einmal einen Brief mit der Maschine geschrieben. Ich habe bei mir im Zimmer nicht gerade, was gute Beleuchtung ist. Da läßt es sich besser mit Maschine schreiben, denn das strengt die Augen nicht so sehr an.  Dann hatte ich noch zwei Briefe an die Kameraden in Maschine zu schreiben. Mit dem Schreiben an den Hugo Michel und den Brief, den ich gestern an Siegfried geschrieben habe, ist die meiste nicht beantwortete Post wieder erledigt. Jetzt habe ich noch auf den Brief von Kurt zu antworten, dann ist alles wieder glatt. Die Durchschläge von den Briefen, die Dich interessieren könnte, habe ich beigefügt. Auch den Schriftwechsel, der dazu gehört. Das Schreiben von dem Hugo Michel bitte ich wieder zurück zu senden, weil das zu den Vorgängen gehört, die ich hier sammle. In dieser Sache habe ich festgestellt, daß da eigentlich etwas nicht stimmen muß. Der August Michel soll nach den Aufzeichnungen 1821 gestorben sein und nach der von mir beschafften Urkunde 1837.  Kläre mir das doch bitte einmal mit auf. Habe ich noch aus den Nebenlinien weitere Daten oder sind nur die vorhanden, die Du mir von der Linie Michel aufgeschrieben hattest. Ich muß schon sagen, daß Dein Vater einem gewaltigen Irrtum anheim gefallen ist. Mir hatte er doch der zählt, wie weit Dein Verwandter mit seinen Forschungen zurück sei. Ich sehe nun aus seinen Aufzeichnungen, daß sie sich mit denen Deines Onkels Kurt genau decken. Das ist alles, was er hat. Ich habe wenigstens inzwischen einige Daten zusammengetragen, aber er hat das alles so gelassen wie es war.  Ich will sehen, was er mir auf meinen Brief antwortet. Den Durchschlag kannst Du behalten, denn ich habe einen weiteren für mich gemacht. Interessant ist, daß eine Tochter Deines Verwandten nach Dessau geheiratet hat. Wie sich auf so eigenartige Weise doch wieder ein Kreis schließt. Meine Eltern sind aus Dessau und die Kinder Deines Verwandten lassen sich dort nieder. Das wäre das, was ich in dieser Angelegenheit zu berichten hatte.  Ob ich morgen zum Schreiben komme, ist fraglich, denn wir ziehen morgen um. Heute steht schon alles durcheinander. Ich lasse mich aber noch nicht beeindrucken. Ein kleines Päckchen mit Tabak für Vater habe ich heute noch abgesandt. Es trägt keine Nummer, weil es mir zu klein schien. Vater wird aber nicht böse auf mich sein, wenn ich in dieser Weise an ihn denke. Alle Rauchwaren sind hier begehrt, aber etwas verwerte ich nun für meinen Familienkreis.  Alles kann man ja nicht hergeben.  Wenn ich mir Deinen letzten Brief nochmals ansehe, dann kann ich nur sagen, daß ich über die Apfelernte erfreut bin. Bis jetzt habe ich hier nur einige Äpfel bekommen. Diese sind aber mit unsren daheim überhaupt nicht zu vergleichen. Aber über alles ist man schließlich froh. Diese werden hier stückweise bezahlt und kosten, wenn man sie aus guter Quelle erhält, etwa 10 Pfennig. Obst bekommen wir ab und zu im Kasino als Kompott, das ist dann immer etwas Gutes. Nur die Melonen sind billig. Das Stück kostet etwa 20 Pfennig, wo wir sie herbekommen. Ich kann mir nur nicht viel davon ab ? , sie schmecken weder wie Gurken und sind auch keine Kürbisse. Vor allem fehlt uns der Zucker dazu, der die Melone schmackhaft macht. Da war es in Frankreich im letzten Jahr um diese Zeit doch noch besser. Da bekam man noch Südfrüchte und anderes Obst in ausreichendem Maße. Ich denke nur an die schönen Weintrauben. Das gibt es hier alles nicht.  Post erhielt ich heute noch keine von Dir.  Ich will aber nicht ungenügsam werden. Gestern erhielt ich ja gleich zwei Briefe von Dir ohne die anderen. Ich sende Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße und bin mit vielen Küssen Dein Ernst.


Mein lieber, lieber Schatz !                                                    10.10.42    
   
Mit dem Umzug wird es nun vor Montag nichts. Ich kann also heute ungehindert schreiben. Es ergaben sich eben allerhand Schwierigkeiten, die mit in Kauf genommen werden müssen. Die Räume, in die wir einziehen sollen, sind noch nicht fertiggestellt. Auch am Montag sind sie nicht viel weiter. Es überstürzt sich so vieles, so daß es da schon allerhand Überschneidungen gibt. Man nimmt sowas schon mit einem gewissen Gleichmut hin. Manchmal muß ich mich über mich selbst wundern, wie ich mich in vieles hineingefunden habe, ohne noch viel gegen solche Sachen zu meckern. Das sind die Einwirkungen des Kommis.  Post hat es gestern keine gegeben. Ich will sehen, ob ich heute welche bekomme. Mein Schreiben habe ich unterbrechen müssen. Ich hatte inzwischen verschiedene Sachen zu erledigen. Bis ich damit fertig war, traf nun Dein lieber Brief vom 29./30.9. ein. Recht herzlichen Dank dafür. Ich muß Dir schon sagen, daß ich mich immer freue, wenn ich von Dir erfahre, daß Dich wieder eines meiner Päckchen erreicht hat. Gerade die letzte Flasche mit Butter hatte ziemlich mehr Gewicht und dann hat man etwas Bedenken, ob auch alles ankommt. Ich denke, daß es Dir auch eine Beruhigung ist zu wissen, einen kleinen Vorrat zu haben. Die Frischbutter kommt hoffentlich auch gut an. Ich habe wahrscheinlich Aussicht, weitere 2 kg Butter zu erhalten. Das wäre ja sehr schön, denn das macht ja schon Eure Monatsration aus. Ich weiß zwar nicht genau, was Ihr erhaltet, aber viel mehr wird es nicht sein.  Man kommt aus diesen Kartensachen ganz und gar heraus. Wie gesagt, hoffentlich kommt alles gut an und könnt Ihr alles bei guter Gesundheit verzehren. Ich weiß nur, daß die Kameraden alle sehr scharf auf solche Sachen sind und man muß immer zusehen, daß man das möglichst wenig Aufsehen erregend wegtun kann. Ich habe hier mir immer einen Kameraden etwas warm gehalten, denn sonst würde ich das hier in der Stadt auch nicht so ohne weiteres erhalten. Die Preise bewegen sich in normalen Grenzen, denn für Wucherpreise bin ich auch nicht zu haben.  Heute war ich über Mittag ein Stück noch durch den Park gelaufen. Man sieht, wie es auch da sehr herbstlich wird. Einzelne Bäume stehen schon teilweise kahl da und die anderen haben verfärbte Blätter. Das Laub liegt auf der Erde und die Luft ist doch noch sehr warm. Man erinnert sich dann des Herbstes daheim. Wie schön ist jetzt der Wald. Das braune Buchenlaub fällt so langsam und bei diesem Wetter, wie es hier ist, würde der Wald die wohlige Wärme der schönen Herbsttage ausströmen. Wie schön wäre das, wenn man einmal wieder über den Bodanrück streifen könnte.  Wie sind wir manchmal mit dem Rad losgefahren. Was haben wir für eine Freude gehabt, als wir uns einige Äpfel erbeutet hatten. Vor allem fällt mir die eine Fahrt ein, wo wir über Liggeringen nach Bodman die Schlucht durchfahren haben. Wir hatten uns unseren Rucksack voller Äpfel gestopft und hinter uns kam dann so eine Art Aufseher. Wie wir uns dann als ganz harmlose Radfahrer wieder aufgesetzt haben und weitergefahren sind. Dann der anschließend schöne Abend auf der Überlinger Seite. Man darf sich seinen Gedanken nicht so sehr hingeben. Gleichzeitig gedenke ich aber auch des schönen Herbsttages, den wir im vergangenen Jahr auf dem Haldenhof erlebt hatten. Was war das für eine Wärme, als wir dort an der Gletschermühle waren. Das sind alles die schönen Erinnerungen und ich möchte sie nicht missen.  Zum Besuch von Filmen bin ich schon lange nicht mehr gekommen. Unser Kino, was bei uns eingerichtet ist, ist durch verschiedene Mißverständnisse nicht mehr in letzter Zeit zum Spielen gekommen. Meine einzige Kulturverbindung ist bis jetzt das Theater gewesen. Morgen habe ich auch die Absicht, wieder hinzugehen. Morgen ist eine Tanzvorführung. Sie nennt sich „Schwanensee“. Das Programm lasse ich Dir wieder mit zugehen.  Ich denke, daß Du die Schuhe für Helga schon bekommen mußt. Wir haben bis jetzt noch nichts in dieser Beziehung verlangt. Mach Deinen Antrag nur mit dem nötigen Nachdruck. Es kommt ja nicht darauf an, daß Du das eine Paar von Helga angibst. Daß das alles einmal ein Ende hat, ist ja schade. Wenn ich noch in Frankreich wäre, hätte ich wieder ein Pass besorgt, aber das ist nun leider nicht mehr möglich.  Herzliche Grüße und recht viele Küsse sendet Dir und den Kindern Dein Ernst.