Sonntag, 7. Mai 2017

Brief 246 vom 4./5.5.1942


Meine liebe Annie !                                                    4.5.42                                                    

Gestern Abend habe ich mich einmal an unsere Familienforschung gemacht, um diese Sache wieder in Schwung zu bringen, solange ich jetzt Zeit dazu habe. Von Deinem Vater erhielt ich die Adresse eines unserer Verwandten, an den ich gestern auch geschrieben habe. Ich müßte aber von Dir einmal eine Abschrift über die Dinge erhalten, die aus Deiner Familie schon vorhanden sind, damit ich entsprechend weiterarbeiten kann, wenn ich von diesem Herrn Nachricht bekommen sollte. Erna zeigte mir noch verschiedene Sachen anläßlich meines Besuches in Leipzig, die mir Dein Vater versprochen hat. Unter anderem alte Schulzeugnisse aus dem Jahre 1810 usw., außerdem eine alte Zeichnung von irgendeinem der Michel. Wenn Du es siehst, wirst Du sicher auch Deine Freude daran haben. Dein Vater sagte mir, daß dieser Hugo Michel, der Tierarzt in Nixdorf bei Seveniz (oder Sebeniz) ist, ziemlich den Stamm Michel hat zurückverfolgen können. Dein Vater und auch Siegfried haben anscheinend nicht das Interesse daran wie wir, jedenfalls nicht über das hinaus, was sie unbedingt wissen müssen. Darum wird bei uns das alles auch am besten aufgehoben sein, was noch in Leipzig an Unterlagen vorhanden ist. Ich habe gestern außerdem noch nach Zerbst und nach Köthen geschrieben, damit einmal die Lücken, die noch verschiedentlich bestehen, ausgefüllt werden. Was ich in der Hauptlinie von mir weiter unternehmen kann, weiß ich noch nicht. Sieh doch bitte nach, wenn Du Zeit dazu hast, was ich da aus Groß Rosenburg usw. für Nachricht bekommen hatte und was zu tun für Möglichkeiten nach Deiner Ansicht bestehen. Soviel ich in Erinnerung habe, war dort nichts mehr zu machen. Evtl. müßte ich doch noch einmal in Groß Rosenburg nachfragen, ob das der letzte „Rosch“ ist, der dort aufzustöbern ist oder ob aufgrund noch älterer Unterlagen festgestellt werden kann, wo die Familie hergewandert kam. 
Gestern hatten wir wieder bis Mittag Dienst. Nach dem Mittagessen habe ich mich erst eine Weile umgelegt, dann bin ich in das Soldatenheim zum Kaffeetrinken gegangen. Anschließend war ich, wie ich Dir ja schon mitgeteilt hatte, zu einer Veranstaltung. Kameraden haben einen Bunten Nachmittag veranstaltet. Verschiedentlich wurden ganz nette Sachen geboten, vor allem wenn man berücksichtigt, mit welch einfachen Mitteln mitunter gearbeitet werden muß. Nach Ende der Vorstellung bin ich wieder zum Soldatenheim zum Abendessen gegangen. Meine eigentliche Abendportion habe ich mir aufgehoben, so daß ich immer eine kleine Reserve habe. Von meiner Marschverpflegung aus Krakau habe ich immer noch Käse da. Außerdem hatte ich ein Paket mit Dauerbrot erhalten. Da wir hier reichlich mit Brot versehen sind, habe ich es gestern noch verpackt und schicke es Euch mit zu. Es ist nicht viel, aber es ist schade, wenn ich es so mit verbrauche und das mir zugeteilte Brot trocken werden lasse oder verschenke.  Heute Abend steigt nun unsere Reise. Wie lange sie dauert ist  noch nicht bestimmt. Ob ich unterwegs Gelegenheit zum Schreiben habe, kann ich Euch noch nicht sagen.  Ich hoffe, daß alles unterwegs klappt. Ich werde Dir dann wieder umgehend schreiben, sobald es mir möglich ist. Für heute sende ich Dir und  unseren beiden Stromern recht herzliche Grüße und jedem ebenso herzliche Küsse. Dein Ernst.

Mein liebes, gutes Mädel !                                auf Dienstreise, den 5.5.42  

Gestern Abend sind wir nun von unserem Standort weggefahren.  Genau mit dem gleichen Zug, mit dem ich meine endlose Reise vor über einer Woche beendet hatte. Nur mit dem Unterschied, daß wir diesmal zu einem offenen Waggon einen Packwagen hatten. Bis zur Umsteigestation ging dann die Reise ganz gut vonstatten. Gegen 11 Uhr kamen wir dort an. Am Zuge wurden wir gleich vom Ortskommandanten empfangen, der sich nun mit seinem Vorgesetzten große Mühe gab, um nicht ein Mißfallen zu erwecken. Wir wurden dann gleich zu bereitstehenden Wagen begleitet, die uns dann in die Nähe unseres Quartiers brachten. Wegen des schlechten Straßenzustands konnten die Wagen nicht direkt vorfahren, sonst wären die Wagen im Dreck stecken geblieben. Die Leute wurden dann noch herausgetrommelt, obwohl sie wußten, daß in dieser Nacht noch jemand zur Übernachtung kommt. Ich bekam mit der Ordonanz, zu Deutsch, dem Burschen des Obersten, ein Zimmer angewiesen, weil ich darauf bestand, daß wir zusammen wohnen und nicht gerne habe, daß man so die Dienstgrade hervorhebt, wenn es nicht notwendig ist. Das Lager war etwas hart aber, was mir die Hauptsache war, es gab kein Ungeziefer.
Man staunt, wie wenig ein Mensch braucht, schon in Bezug auf Wohnkultur, um leben zu können. Was mich belustigte: Die Leute hatten ein Stücken von einer Schokoladenpackung, auf der einige Kühe und ein paar Berge darauf waren, die man in Friedenszeiten auf jeder billigen Schokoladepackung sieht, in einen Bilderrahmen gesteckt und aufgestellt. Heute früh mußten wir unser Frühstück schon früher aufhören, weil der Zug früher abging wie angesagt war. Das ist hier so üblich, da man nie weiß, wann die Züge abgehen. Man kann also geradezu von Glück reden, wenn es hier pünktlich weitergeht, doch damit rechnet man schon gar nicht mehr. Auch hier sind wir vom Ortskommandanten abgeholt worden. Wir wurden mit Kraftwagen zur Kommandantur geführt, wo wir auch unser Quartier haben. Die Unterkunft ist hier besser wie bei uns. Die Soldaten und Unteroffiziere sind sehr nett zu mir und es macht eben viel aus, wenn man mit einem hohen Tier reist, man sollte es nicht glauben.
Vorhin war nun die Versammlung für den hiesigen Kreis. Unser Oberst hat an die Bevölkerung eine Rede gehalten, die ich in Stenogramm aufgenommen habe, ebenso die Wünsche, die die Bevölkerung d.h. die Vorsteher der Gemeinden, des Gesundheitswesens usw. hatten. Das ist hier im Wesentlichen meine Tätigkeit.
Im Übrigen muß ich für sämtliche schriftliche Arbeiten und Formalitäten da sein, die sich nun einmal bei solchen Gelegenheiten ergeben. Die Leute machen teilweise einen gemischten Eindruck, aber schließlich muß man mit ihnen zusammenarbeiten. Interessant war noch, daß die Ukrainer ebenfalls jemand da hatten, der alles im Stenogramm aufgenommen hat. Über meine gesamten Eindrücke werde ich Dir nach Abschluß dieser Reise gesammelt berichten. Mir bleibt sonst zum Schreiben nicht viel übrig. Morgen geht es wieder weiter.
Wahrscheinlich kommen wir wieder an diesen Ort zurück. Wo wir hinfahren, ist noch nicht ganz fest, fest steht nur, daß es um 7 Uhr weitergeht mit einer Lokomotive oder mit einer Draisine.  Für heute grüße und küsse ich Dich und die Kinder vielmals. Dein Ernst.

Brief 245 vom 1./3.5.1942


Mein liebes Mädel !                                              1.5.42                                                                                                       
Meine Anfänge haben wir wieder. Vor einem Jahr befand ich mich bei Dr. Thomas. Ich weiß noch, daß ich mich in dieser Zeit in einer unglücklichen Stimmung befand. Ich war froh, daß ich über die ersten Tage hinwegkam, um mich wieder an die Verhältnisse zu gewöhnen. Es waren doch ganz veränderte Verhältnisse, die ich dort vorfand, die ich in dieser Form im Vergleich zu meiner Tätigkeit beim Stadtkommissar noch nicht kannte. Die Auswirkungen machen sich jetzt noch bemerkbar.
Heute sprach ich mit meinem Chef über diese Dinge, weil er mir sagte, daß die Beurteilung, die ich von meiner letzten Dienststelle habe, so eigenartig sei.  Über meine dienstlichen Leistungen konnte man mir nichts nachsagen. Diese Beurteilung ist auch gut. Man hat mir aber in anderer Hinsicht noch eins ausgewischt, indem man hineingeschrieben hat, ich sei unkameradschaftlich.
Ich habe dies auch meinem Kriegsverwaltungsrat erklärt, auf was das zurückzuführen ist. Daß das an dem Kleinkrieg liegt, der dort geherrscht hat. Er meinte auch, daß er auf solche Beurteilungen keinen besonderen Wert legt und daß er das dem Obersten auch mitgeteilt hatte. Ich hätte hier nun Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, daß es nicht an dem sei, was man mir da angehängt hat. Ich habe hierzu noch bemerkt, daß ich mich beispielsweise noch mit Kameraden schreibe, mit denen ich in Lille vor über einem Jahr zusammen gewesen sei.
Da kannst Du aber einmal sehen, wie weit der Haß der Herren Führer gehen kann und wie sie jeden Sinn für Objektivität dabei verlieren.  Bei dieser Gelegenheit machte mich mein Chef noch darauf aufmerksam, daß unser Oberst großen Wert auf strammes militärisches Auftreten legt. Das habe ich hier ja schon allenthalben gemerkt. Was mich selbst betrifft, so wird von Seiten der Mannschaften und Unteroffiziere streng auf den Rang geachtet. Hier heißt es nur Herr Assistent innerhalb der Diensträume und auf der Straße wird genau auf das Grüßen geachtet. Dieses Theater macht man eben mit, weil es verlangt wird. 
Morgen wird bei uns der erste Mai gefeiert. Für ordentliche Verpflegung ist gesorgt worden. Ab 14 Uhr gibt es sogar Bier, was hier eine ganz große Seltenheit ist. Heute Mittag gibt es Graupensuppe und zum Abendessen Bratkartoffeln und für jeden Mann zwei Eier. Morgen gibt es aber Suppe, Hauptgang und Nachspeise. Zum Abendessen geht es auch groß zu. In dieser Beziehung habe ich es hier ganz gut getroffen.
Dies wird sich zwar auch ändern, wenn wir den Platz hier wechseln.  Gestern Abend habe ich nach längerer Zeit wieder einmal eine Flickerei selbst vornehmen müssen. Meine Handschuhe hatten schon wieder die Nähte entzwei, so daß ich selbst nähen mußte. Das macht mir wohl etwas Mühe, aber jetzt habe ich meine Freude daran, daß sie wieder ganz sind. Andere kleine Arbeiten an meiner Bluse und an meinem Mantel muß ich auch noch vornehmen, damit man hier nicht noch verlottert.  Bis jetzt habe ich immer noch Zeitungen zum Lesen, die Kameraden hier liegen haben, im Übrigen steht bei meiner Freizeitgestaltung an erster Stelle „Schreiben“. Denn ausgehen kann man hier nicht. Nach Dienstschluß ist man einzig und allein auf sein Zimmer angewiesen, weil etwas anderes nicht vorhanden ist. Kino soll es wohl auch geben, aber die Vorstellungen sind so selten, daß man das kaum in Betracht ziehen kann. Zeitungen, wie wir sie in Frankreich bekamen, gibt es hier nicht. Man ist immer wieder auf sich selbst angewiesen.
Herzliche Grüße sendet Dir, mein liebes Mädel und unseren Kindern verbunden mit vielen Küssen Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel !                                                   3.5.42            

Gestern habe ich einmal nicht geschrieben. Am Vormittag hatten wir wieder gearbeitet und am Nachmittag war für uns frei. Wir hatten erst ein gutes Mittagessen. Erst gab es eine schöne Suppe, dann Kartoffeln, Soße, Braten. Wer wollte, bekam noch Nudeln dazu. Als Nachspeise gab es dann Grießauflauf mit einem Obstsaft.  Vor längerer Zeit war schon Bier beschafft worden, das nun zur Feier des Tages ausgeschenkt wurde.
Ich hatte mich an der Bezahlung mit beteiligt, weil ich schließlich meinen Einstand geben mußte. Das war eine günstige Gelegenheit dazu. Zum Abendessen war eine internationale Speisekarte zusammengestellt worden. Bratwurst (ukrainisch) mit Kartoffelsalat (deutsch) und italienischem Salat und russischen Eiern, chinesischer Tee, Butter, die man des Wechsels wegen holländisch getauft hatte. Außerdem gab es noch deutsche und russische Zigaretten. Ist das nicht abwechslungsreich? Das Essen war wirklich gut und mit gutem Geschmack zubereitet worden. Die Tische waren sogar weiß gedeckt worden, man kommt sich ganz komisch dabei vor, wenn man sonst alles so schmutzig hier vorfindet.  Nach dem Essen habe ich mich erst einmal schlafen gelegt und dann bin ich noch eine Stunde spazieren gegangen. Nach dem Essen und Trinken, das wir gestern hatten, war das schon notwendig. Am Abend habe ich mich dann bald zu Bett gelegt, habe aber nicht besonders gut geschlafen.
Heute zum Sonntag haben wir am Vormittag erst wieder Dienst, denn nur in dieser Hinsicht unterscheidet sich der Sonntag von den Wochentagen. Arbeit habe ich so gut wie keine, also sitzt man seine Zeit auf dem Büro ab, damit der Tag vergeht. Manchmal kommt es einem wie eine Sünde vor, so den ganzen Tag herumzusitzen und den Tag totzuschlagen. Unsere Fahrt nach auswärts, die gestern Abend schon steigen sollte, ist auf morgen Abend verschoben worden.  Heute Nachmittag ist für uns eine Veranstaltung, die ich besuchen will, damit man sich ein wenig vergißt, denn es ist doch alles zu eintönig. Gestern auch. Die Kameraden können sich da vergnügen und haben ihre Freude an den lächerlichsten Sachen. Ich kann da nicht so mitmachen. Ich sehe zu und freue mich, daß die anderen ihren Spaß daran haben. 
Als ich gestern heimging, kam ich an der Kirche vorbei. Ich habe einen Blick hineingetan. Es war ziemlich dunkel. Die Leute sangen, was ich mir eine Weile mit angehört habe. Ich habe nur die schönen Stimmen bewundern können.  Ganz fabelhafte waren dabei. Man staunt nur darüber, wie klar und hell diese Menschen singen können. 
Heute früh wurde ich stark an zuhause erinnert. Zum Frühstück gab es Kuchen. Die Kameraden hatten genau so einen Zopf backen lassen, wie Du auch immer backst mit Marmelade. Der Teig ist zwar etwas anders, aber es ist doch schön, wenn man auf eine solche Art an zuhause erinnert wird.  Bis Dich mein Brief erreicht, wird ziemliche Zeit vergehen. Ich will Dir darum für den Muttertag meine besten Wünsche übermitteln. Ich hätte Dir gern selbst wieder ein paar Blumen in die Vase gestellt, aber das läßt sich ja alles nicht machen. Ich hoffe aber, daß Dir trotzdem welche beschert werden. Unsere Kinder werden sich sicher wieder Mühe geben, um Dir mit ihren bescheidenen Mitteln diesen Tag zu einem Ehrentag zu gestalten.  Ich entsinne mich noch gut des einen Muttertags, an dem ich Dir die schöne Vase schenken konnte. Ich weiß noch gut, welche Freude Du daran hattest. Ich hoffe fest, diesen wie verschiedene andere Familientage wieder einmal mit Dir und den Kindern feiern zu dürfen. Manchmal kann man es nicht begreifen, dass man nicht daheim sein kann und daß man noch kein Ende dieser Zeit absehen kann, aber man darf sich von diesen Tatsachen nicht überwältigen lassen.
Ich danke Dir auch heute wieder recht herzlich für all die Treue und für all die Liebe, die Du mir in all den Jahren unseres Zusammenlebens bewiesen hast. Ich danke Dir aber auch für all die Aufopferung und für die Pflichttreue, die Du der Familie gegenüber entgegengebracht hast. Mir ist es immer eine Beruhigung, wenn ich Dich gesund daheim weiß, weil ich dann die Gewißheit habe, daß daheim alles seinen geregelten Gang geht und daß alles seine Ordnung hat. Die Kinder bedürfen während dieser harten Kriegszeit einer besonderen Betreuung und die Versorgung daheim ist nicht so einfach wie in normalen Zeiten. Daß das aber immer noch soweit geklappt hat, rechne ich immer noch als Dein Verdienst an. Ich danke Dir darum nochmals für alles recht herzlich und wünsche Dir für das kommende Jahr wieder ganze Gesundung.  Verlebe diesen Tag gesund und sei überzeugt, daß ich an diesem Tage besonders in Gedanken bei Euch sein werde. 
Ich denke, daß Du nun im Laufe dieser Woche doch meinen ersten Brief von hier bekommen wirst, damit Du mir dann auch bald wieder schreiben kannst. Es ist eine lange Zeit, seit ich nichts mehr von Dir bekommen habe. Heute sind es bereits 3 Wochen her und bis ich Nachricht bekomme,. werden noch weitere 14 Tage vergehen.  Dir und unseren beiden Lausern sende ich recht viele und herzliche Grüße und Küsse. Dein Ernst.

Brief 244 vom 30.04.1942


Meine liebe Annie !                                                           30.4.42        
Wieder ist der Tag zu Ende gegangen und ich will mich nun an meinen Tagesbrief setzen. Meine Briefeschreiberei war heute bald in Frage gestellt, weil ich keine Briefumschläge mehr da hatte.  Wie Du aber siehst, habe ich eine Eigenfabrik aufgemacht. Ich denke, daß diese auch ihren Zweck erfüllen werden. Nur die russische Tinte, die ich zum Schreiben habe, sagt mir noch nicht zu. Ich muß sehen, wo ich andere organisieren kann. Das ist hier eben alles schwieriger wie in Frankreich, denn sowas zählt ja schon zu den Kulturgütern.  Gestern bekam ich den Befehl, mich heute beim Oberst, unserem Kommandanten, zu melden. Als ich mich meldete, eröffnete er mir, daß er sich am Samstag oder Sonntag für 4 bis 5 Tage auf Dienstreise begibt und daß ich ihn als Protokollführer begleiten soll. Die Reise wird auf das Land gehen innerhalb unseres Verwaltungsbezirks. Bei dieser Gelegenheit werde ich die Möglichkeit haben, einmal mit der Bevölkerung näher bekannt zu werden. Die Wegeverhältnisse sind durch die Schneeschmelze und den Eisgang auf den Flüssen, der die meisten Brücken zerstört hat, jetzt noch mit einigen Hindernissen verbunden, doch über die Eindrücke, die ich dabei gewinnen konnte, werde ich Dir dann zu gegebener Zeit berichten.
Ob ich während dieser Tage viel zum Schreiben kommen werde, kann ich jetzt noch nicht sagen, doch wenn es sich ermöglichen läßt, schreibe ich regelmäßig weiter.  Daß ich in einem russischen Kurort gelandet bin, habe ich Dir ja schon geschrieben. Was für einer das ist, habe ich Dir auch schon etwas geschildert. Heute will ich Dir aber von etwas anderem berichten. In diesem Ort ist eine Mineralquelle, die früher von den Bonzen und den Juden in Anspruch genommen werden konnte, weil die arbeitende Bevölkerung sich das nicht leisten konnte und auch nicht hierher kam. Jetzt genießen wir die Segnungen dieser Quelle. Das hiesige Wasser, das wir für den täglichen Bedarf haben, weist ziemlich die gleichen Bestandteile auf wie das eigentliche Mineralwasser. Wenn man eine Flasche von diesem Wasser aufmacht, so knallt das, wie wenn man eine Sektflasche aufmacht. Das kommt von den natürlichen Gasen, die in dem Wasser enthalten sind. Die ersten Tage wußte ich von der Zusammensetzung des Wassers noch nicht viel, doch jetzt kann ich mir erklären, warum ich die erste Nacht solche Blähungen hatte, daß es mir schien, ich hätte Durchfall. Da war mir so schlecht, daß ich munter wurde. Das sind aber nur die Gase, die sich im Körper noch auswirken. Für was das nun gut ist, weiß ich noch nicht. Eines habe ich festgestellt, daß es mir bis jetzt noch nicht geschadet hat, das ist ja die Hauptsache. Salze, die in dem Wasser noch enthalten sind, geben ihm einen unangenehmen Beigeschmack, der sich aber beim Tee, den wir meist mit wenig Zucker bekommen, auswirkt. Man kann sich da nur helfen, indem man dem Tee etwas Wodka beifügt, solange man den noch hat, dann läßt er sich auch ganz gut trinken. 
Das Wetter ist hier auch sehr wechselhaft. Heute hat es wieder geregnet, daß die Straßen mit dickem Schlamm bedeckt waren. Ich sende Dir und unseren Kindern  viele herzliche Grüße und viele Küsse. Dein Ernst. 

Donnerstag, 27. April 2017

Brief 243 vom 26.4.1942


Meine liebe, gute Annie !                                                26.4.42                                                                                
Heute habe ich nun meinen neuen Einsatzbefehl bekommen. Ich bin zu einer Feldkommandantur etwa 80 km nördlich von hier beordert worden. Meine neue Feldpostnummer habe ich schon auf dem gestrigen Brief draufgeschrieben, sie lautet 23 552. Nun kannst Du doch wieder an mich schreiben, worauf ich bestimmt warte, denn jetzt bin ich schon lange Zeit ohne Nachricht von Euch. Morgen sind schon 2 Wochen vorbei.  Wie lang wir an dem neuen Ort bleiben, hängt ganz und gar von den Verhältnissen ab und wie lange es noch dauert bis es wieder vorwärts geht, dann rücken wir auch wieder weiter. Ich sollte erst hier vorerst am Ort bleiben, doch die Einheit behauptet, keine Arbeit für mich zu haben, darum hat sich diese Sache zerschlagen.
Nachher ½ 4 Uhr fahre ich wieder ein Stück weiter. Wahrscheinlich werde ich nicht ganz an den Ort kommen und muß evtl. noch einmal übernachten, um dann mit einem Kraftwagen oder sonstwie weiter zu kommen.  Vorhin habe ich noch den Kameraden getroffen, der vorher in dem Zimmer gewohnt hat. Er fragte mich, ob ich habe schlafen können, denn in dem Bett wären Wanzen gewesen. Ich muß sagen, in der Nacht habe ich nicht gemerkt, aber seit man mir das gesagt hat, beißt es mich am ganzen Körper. In der vergangenen Nacht hatten wir hier Fliegeralarm.  Ich habe zwar nur die Flak schießen hören, so daß ich annehmen mußte, daß welche da waren.
Hier ist eine große Brücke über den Dnjepr, die schon ein lohnendes Ziel bieten würde. Für uns sind das immerhin ein ziemlicher Ausfall, wenn sie getroffen würde.  Wie es mir scheint, sind aber keine Bomben geworfen worden.  Heute schreibe ich nicht mehr, weil ich dann fort muß. Ich sende Dir und den Kindern viele Grüße und vor allem sehr viel Küsse.  Dein Ernst.

Meine liebe, gute Annie !                                                        26.4.42             

Innerhalb 14 Tagen sollen zu normalen Zeiten schon Menschen eine Weltreise unternommen haben und auch fest herumgekommen sein. Ich habe es nur von Nordfrankreich bis hinter den Dnjepr während dieser Zeit geschafft. Also ich bin gestern in Krementschug weggefahren, denn dort erhielt ich noch den Befehl, von dem ich Dir gestern schon schrieb. Etwa 80 km konnte ich dann in einem Stück mit der Bahn fahren. Als ich dann in der Umsteigstation eintraf, sagte man mir, ja, die Strecke ist wohl fertig bis zu dem Ort, wo ich hin will, doch für Zwecke des Weiterausbaus und zur Fertigstellung der ganzen Strecke fährt heute Nacht wahrscheinlich ein Bauzug zwischen 1 und 2 Uhr. Ich habe mich dann in den Wartesaal gesetzt, soweit man unter den hiesigen Verhältnissen überhaupt davon reden kann und habe mich auf einer Bank eingerichtet. Den Koffer als Kopfkissen und die Gasmaske als Zwischenstück, damit man nicht ein gar zu hohles Kreuz bekommt. Es kam dann noch ein größerer Haufen Landser, die für reichlich Radau sorgten. Der Ofen, der zum Heizen bestimmt war, konnte seinen Zweck aber nicht erfüllen, weil er nur zum Qualmen kam.  Durch solche Erlebnisse wird man nach und nach aber mit Nachdruck an die hiesigen Verhältnisse gewöhnt. In der Verpflegungsstelle habe ich mir noch Tee gekocht, dort liefen die Ratten durch die Stube, daß es direkt eine Freude war. So habe ich dann die Wartezeit zwischen Dämmern und Wachen zugebracht. Verschiedentlich habe ich mich nach dem Zuge erkundigt, wurde aber immer wieder vertröstet, bis der Zug dann tatsächlich gegen ½ 5 Uhr hier wegfuhr. Etwas erschrocken war ich schon, als ich diesen „Zug“ stehen sah. Eine Lokomotive und ein offenere Wagen, das war der ganze Zug. Mit den anderen Soldaten und den Russen, die auch an meinen Bestimmungsort wollten, habe ich mich dann auf diesen seltenen Wagen geschwungen und los ging die Fahrt. Fast eine Stunde sind wir dann in diesem Expreß durch die Gegend gebraust und nun bin ich endgültig bei dem Haufen gelandet, bei dem ich jetzt bleiben soll.
Erst heute früh erinnerte ich mich, daß ja eigentlich Sonntag sei. Ich hatte erst Bedenken, ob überhaupt jemand auf der Dienststelle sei. Auf dem Bahnhof traf ich dann gerade einen Soldaten, der auch zur Feldkommandantur gehörte und der auf einen Lastkraftwagen wartete, weil der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur auch fast drei km weit weg ist. Zu so früher Stunde traf ich nur den Unteroffizier vom Dienst, den ich aus dem Schlaf wecken mußte. Der nahm mich dann mit bis zur Unterkunft für die Einheit. Das sieht nun alles hier wesentlich anders aus wie in Frankreich. Diese Vergleiche zwingen sich dann gleich unwillkürlich auf und das wird mir noch eine ganze Weile so gehen. Ein anderer Assistent, der jetzt zwar in Urlaub ist, wird mit mir das Zimmer teilen. Die Hauptsache ist mir ja, wenn die Zimmer hier ungezieferfrei sind, das andere wird dann schon gehen. Das scheint hier nun der Fall zu sein.
Erst habe ich Frühstück mit eingenommen. Das war sehr ordentlich. Kaffee und Kuchen gab es. Was will man noch mehr. Weil ich gerade beim Essen bin, das Mittagessen war auch sehr gut, das kann ich wohl sagen.  Es gab erst eine kräftige Suppe, hinterher Kartoffeln, Fleisch und gemischten Salat. Als Nachspeise Pudding mit Erdbeersoße. Das war doch prima. Wenn das Essen immer so ist, kann man es ja aushalten. Nach dem Frühstück bin ich dann mit auf die Dienststelle. Nach längerem Warten kam dann der Oberkriegsverwaltungsrat, der mir nach dem ersten Eindruck zu schließen ein ordentlicher Mann zu sein scheint. Dem habe ich mich dann vorgestellt.  Ich habe mich dann später dem Kommandanten, einem Oberst, vorgestellt, der ein älterer Herr ist und einen etwas verschrobenen Eindruck macht. In irgendeiner Form wird sich schon auskommen lassen. Man kann eben nicht alles nach Wunsch haben. Was ich nun für ein Arbeitsgebiet bekomme, weiß ich noch nicht, doch darüber schreibe ich Dir dann später. Morgen werde ich erst einmal meine Ausrüstung vervollständigen, denn wie ich sage, reicht diese für die hiesigen Verhältnisse bei weitem nicht aus.  Heute möchte ich Dich nun bitten, mir aus meinen mitgebrachten Sachen, die ich mir früher schon einmal zugelegt hatte, Messer, Gabel und Löffel zu senden. Wenn Du es ermöglichen kannst, so kaufe mir doch eine Butterdose aus Bakelit, wenn Du sie nicht bekommen kannst, ist es auch nicht schlimm. Wie das mit dem Gewicht sich machen läßt, mußt Du Dich einmal erkundigen. Kuchen oder ähnliches zum Essen schicke mir bitte nicht und zwar deshalb, weil der Transport so lange dauert, daß dann alles nicht mehr verwerten ist, wenn es hier ankommt. Auch Cognac oder ähnliches lasse bitte dort, denn man weiß nicht, wie und wann man das bekommt. Wie lange wir hier noch am Ort bleiben, hängt ja ganz von den Verhältnissen ab, wie sie sich hier weiter entwickeln. Sollte ich in dieser Beziehung noch etwas brauchen, gebe ich Dir noch Mitteilung. 
Am Nachmittag habe ich mich erst einmal eine Stunde schlafen gelegt. Dann haben wir die Führerrede angehört. Radioapparat, denke einmal welcher Komfort, ist sogar auf dem Zimmer vorhanden. Es ist zwar etwas schwach auf der Brust, aber die Rede des Führers haben wir ganz gut gehört. Anschließend sind wir in das Soldatenheim gegangen, das einen ganz sauberen Eindruck macht und haben dort auch Kaffee und Kuchen bekommen. Beide waren ganz ordentlich. Der Preis dafür war 30 Pfennig. In dieser Beziehung habe ich es sicherlich ganz gut getroffen hier.  Das Licht geht abends im ganzen Ort um 10 Uhr aus. Ich kann das heute ganz gut vertragen, denn ich bin nach der langen Reiserei und dem Spaziergang von heute Nachmittag ziemlich müde. Über alles Wichtige habe ich Dich heute nun unterrichtet, was sonst noch zu schreiben ist, hebe ich mir für morgen und die anderen Tage auf. Hoffentlich hast Du alle meine andere Post auch bekommen und meine Nummer kennst Du ja. Mit der schlechten Unterbringung und der Fahrerei heute früh mit dem Expreß habe ich mich etwas erkältet, so daß ich auch davon müde bin.  Ich sende Dir und den Kindern recht viele Grüße und ebenso viele Küsse. Dein Ernst. 
Briefumschläge fehlen mir auch sehr.  Schicke mir diese doch bitte umgehend, denn sonst hänge ich fest mir meiner Schreiberei und das willst Du doch auch nicht haben.  Feldpostnummer 23 552.

Sonntag, 23. April 2017

Brief 242e vom 24.4.1942


Mein liebes, bestes Mädel !                                          24.4.42                                                  

Nach nochmaligem Umsteigen in Suamenke und Übernachtung soll es heute wieder weitergehen. Ich hoffe, daß es nun endgültig bis zum Bestimmungsort reichen wird. Das Nachtlager war reichlich primitiv, aber unter diesen Verhältnissen kann man nicht mit etwas Besonderem rechnen. Wenn man die immerhin ordentliche Unterbringung in Frankreich zum Vergleich heranzieht, dann kommt einem das schon etwas eigenartig vor. Schließlich ist aber Krieg und man muß sich dann damit abfinden.
Gestern Abend hatte ich noch ein drolliges Erlebnis. In der Unterkunft hieß es, im hiesigen Theater würde ein Filmlaufen. Ich ging also auch hin, um mir das einmal anzusehen. Von Theater kann keine Rede sein, das war ein ganz primitiver Saal. Eintritt kostete 70 Pfennige, was mich schon verwunderte. Erst ging mindestens 15 Mal das Licht aus und an. Alles hoffte, daß es dann auch einmal anfangen würde. Dann sprach eine Dolmetscherin über den Inhalt des Films, der in russischer Sprache lief. Schließlich fing er doch an. Der Film war aber so dunkel, daß man kaum etwas sah. Trotz Geschrei, Getrampel und Pfeiferei wurde es aber nicht besser. Daß ich da feste mitgemischt habe, kannst Du Dir wohl denken. Das war aber auch kaum zum Ansehen. Eine Frechheit war es ohne Zweifel für unser teures Geld, uns so was vorzusetzen. Mit einem Male war allgemeiner Aufbruch. Am meisten Spaß hat es mir gemacht, wie dann die Kasse gestürmt wurde und jeder sein Geld wiederhaben wollte.
Nach diesem unterhaltungsreichen Zwischenfall bin ich dann in das Soldatenheim, habe dort für 50 Pfennig Rührei gegessen und noch etwas Tee dazu getrunken, bin ich dann auf direktem Wege bei stockdunkler Nacht in die Unterkunft, um mich dann auf mein Strohlager zu legen. Ohne Decke war es etwas kühl, aber überstanden habe ich es auch.  Genau um 2 Uhr traf ich nun an meinem Bestimmungsort ein. Bei der Dienststelle habe ich mich nun vorgestellt, wo mir mitgeteilt wurde, daß ich morgen nun zu einer anderen Dienststelle weitergeleitet würde. Wohin es dann geht, weiß man noch nicht. Ich habe mir hier ein Quartier für diese Nacht gesucht. Die Leute leben ja mehr wie einfach, aber ich denke, daß es für diese Nacht gehen wird. Sollte ich tatsächlich noch einen weiteren Tag hier bleiben müssen, werde ich mich schon einzurichten wissen. 
Im Sowjetparadies sieht es wirklich fabelhaft aus. Die Straßen verwahrlost. Anfang von öffentlichen Anlagen, die in den Anfängen steckengeblieben sind. Man kann es nicht beschreiben. Auch die Häuser, die als besser angesehen werden können, im Gegensatz zu den anderen, sind genau so verlottert wie alles andere auch. Es ist fast undenkbar, wie es hier aussieht, man kann nur  staunen, wenn man das gesehen hat.  Ich hatte doch noch Geld an jemand zu schicken. Ehe ich nun noch weiter warte, bis ich weiß, wohin ich komme und bis ich rückgefragt habe, was meine Schulden machen, wird zuviel Zeit vergehen. Ich glaube darum, Du sendest an meine alte Feldpostnummer etwa 68,-RM mit der Bitte um Weiterleitung an L. Henkes, Montignyen Ostrevent, rue de la Chapelle. Ich werde dann mit ihm weiter abrechnen, was dann noch offen steht und wie ich das noch regeln kann.
Die Pakete hast Du sicherlich alle bekommen. Hoffentlich auch die aus Frankfurt und den Koffer, den ich von Leipzig ab gesandt habe.  Wenn man so lange ohne Nachricht ist, macht man sich Gedanken, was nun daheim los ist. Deine letzten Briefe an mich hast Du wohl auch zurückbekommen. Den Schlüssel zum Koffer konnte ich immer noch nicht mit senden, weil ich keinen festen Briefumschlag habe. Denn ich möchte doch nicht, daß er verloren geht. Wenn Du aber doch noch einen anderen Schlüssel gefunden hast, dann hast du ja den Koffer noch auspacken können, damit die Wäsche wieder herauskommt.
Hier soll es auch ein Kino geben. Ich will einmal sehen, ob ich hier auch einen Reinfall erlebe wie gestern. Aber die Zeit muß man doch irgendwie herumbringen. Gegenwärtig sitze ich im Soldatenheim und habe eine „ganz kräftige“ Wassersuppe zu mir genommen. Der Kaffee ist genau so dünn wie die Suppe, aber es war etwas Warmes. Das Quartier habe ich nun doch allein. Ich habe auch noch einen festen Briefumschlag gefunden, so daß ich Dir heute den Schlüssen doch noch mitschicke.
Es ist hier ja schon bedeutend zeitiger dunkel, dafür aber umso eher hell. Gegen 7 Uhr wird es schon langsam Nacht und früh gegen 5 Uhr fängt es schon wieder an zu dämmern. Auch in dieser Beziehung muß man sich umstellen. Entgegengesetzte Tageseinteilung wie in Frankreich.  Ich will versuchen, mich bald schlafen zu legen, wenn es geht, denn ich bin von den vielen Reisetagen sehr müde. Bis jetzt war es immer nur halbe Sache. Ich schließe deshalb für heute mit vielen und recht herzlichen Grüßen für Dich und die Kinder Dein Ernst.

Brief 242d vom 21.4.1942


Mein liebes gutes Mädel !     unterwegs, den 21.4.42                                                                            

Gestern kam ich nicht zum Schreiben, dafür hatte ich Dir vorgestern schon zwei Briefe geschrieben. Also um Mitternacht bin ich in Krakau weitergefahren. Ich hatte erst gehofft, ein Großstück weiter zu kommen, doch daraus wurde nichts. Bis nach Lemberg hat es nun gelangt und hier sitze ich wieder fest. Schließlich muß man sich an dieses Tempo gewöhnen. In Frankreich war es bestimmt schon gemächlich, aber doch immer noch ging es dort schneller vorwärts wie hier. Ich bin nun zwar durch ganz Polen durchgefahren und stehe nun nahe der früheren russischen Grenze. Wohin es geht, habe ich Dir ja schon mitgeteilt, ob ich zwar dort bleibe, ist noch nicht ganz raus, denn hier muß man ja immer mit Änderungen rechnen.
Gestern habe ich Dir irrtümlich mitgeteilt, daß es westlich Kiew liegt. Das stimmt aber nicht, denn ich habe jetzt gesehen, daß es etwa 200 km westlich Chrakow am Dnjepr liegt. Hoffentlich kommst Du mit diesen schwierigen Namen zurecht, die sich so schlecht schreiben lassen, wenn nicht, so kannst Du mir das ja dann mitteilen.  Die Fahrt ging anfangs vorwärts. Der Zug kam schon überfüllt in Krakau an, mit etwas Glück hatte ich noch einen Platz bekommen. Eine Luft war zwar in dem Abteil, da wäre man fast drin stecken geblieben, und dick war sie. Einige Soldaten hatten ihre Stiefel ausgezogen, so daß ihre Füße ganz wunderbar ausdünsten konnten. Ich dachte mir, das ist immerhin schon ein Vorgeschmack von dem, was noch kommen kann. Es war aber auch so, je weiter man nach Osten kommt, desto schlimmer wird es. 
Bevor ich in Krakau wegfuhr, sah ich einen Transport von Flüchtlingen. Woher sie kamen, weiß ich nicht. Der Anblick war jedoch erschütternd. Man kann es gar nicht beschreiben, wie elend die Leute angezogen waren. Einige haben Pelzmäntel an, andere eine gefütterte Weste. Alles schon lange nicht mehr gewaschen oder gereinigt. Manche haben Schuhe an, andere nur Lappen um die Füße und welche gehen sogar barfuß.
Männer, Frauen und Kinder, alles liegt beieinander. Die Frauen schleppen das Wenige, was sie mitgenommen haben. Ich kann nur sagen, was sind das für Verhältnisse. In dieser Beziehung ist es hier nun noch schlechter.  Auffallend sind hier die vielen Juden, die alle durch Armbinden gekennzeichnet sind, die früher einmal weiß waren. Diese Armbinde trägt einen blauen Zionsstern. Man hat sie teilweise zu Arbeiten eingesetzt, sofern sie Wert auf zu Essen legen. So was Ungeschicktes und so was Dreckiges beim Arbeiten hast Du sicher noch nicht gesehen. Zusehen kann man nicht, denn sonst läuft einem die Galle über. Schmutz und immer wieder Schmutz ist aber oberstes Gebot, man weiß gar nicht, wo der immer wieder herkommt. 
Am Abend vor der Abfahrt in Krakau war ich noch im Kino und habe mir den Film „Der verkaufte Großvater“ angesehen. Selten habe ich so einen Schmarren gesehen wie diesen. Aber ich wollte mich nicht die ganze Zeit in der Wirtschaft oder auf dem Bahnhof sitzen. Es ist mir nicht unangenehmer, wie nicht zu wissen, wohin man gehört.  Ich bin erst wieder zufrieden, wenn mein Zug wieder rollt, oder wenn ich an Ort und Stelle bin. Die Preise sind hier derart überhöht, daß man sich einesteils nicht wundert, daß sich die Leute nichts kaufen können. Wir haben hier zu unserer Löhnung einen Teuerungszuschlag von 50 %, den man aber bei diesen unnormalen Verhältnissen braucht.
Auffallend war mir noch, als ich aus dem Kino kam, brannte auf den Hauptstraßen noch die ganze Straßenbeleuchtung.  Ich lege Dir noch meine gesparten Urlaubsmarken bei, die bis Ende dieses Monats verbraucht sein müssen. Du wirst Verwendung dafür haben. Außerdem ist noch eine kleine Fettmarke dabei, die Du auch verbrauchen sollst. Das Wetter wird nun nach langen Tagen schönen Wetters bewölkt, wahrscheinlich wird es bald Regen geben.  Auffallend ist, daß hier schon viele Deutsche leben. Ich hörte von 25 000, das ist doch enorm. Wenn man sich vorstellt, das ist allerhand Leistung, daß wir während des Krieges so viele Menschen schon hier herüber tun können.  Mit dem Geld muß man sich auch hier erst wieder umstellen. Man staunt nur immer wieder, was das für Leistungen sind, die wir während des Krieges vollbringen. 
Ich mache jetzt wieder Schluß, denn nun weißt Du wieder Bescheid, was ich nun mache und wohin es geht.  Das wird Dich nun auch wieder beruhigen. Ich grüße und küsse Dich wiederum recht herzlich und hoffe, daß mein Brief von heute morgen, den ich einer Rotkreuzschwester abgegeben habe, Dich auch erreicht hat. Dein Ernst.

Brief 242c vom 19.4.1942


Mein liebes Mädel !                                                     19.4.42                                                 

Vorhin habe ich erst einen Brief an Dich abgesandt und nun will ich Dir gleich nochmals schreiben, da ich jetzt weiß, wohin es geht. Der Ort liegt schon in Rußland und heißt Krementschug, der westlich Kiew liegt. Die Reise von hier kann unter Umständen bis 6 Tage dauern. Die Fahrt geht von hier aus über Lemberg.  Sobald ich kann, werde ich Dir wieder darüber Genaueres berichten. Ich bin ja jetzt erst auch annähernd eine Woche unterwegs.  Die Dienststelle heißt „der Befehlshaber der rückwärtigen besetzten Gebiete Süd“. Das ist in dieser Beziehung alles. Vorhin habe ich Verpflegung für 6 Tage gefaßt. Mir wurde ganz Angst, als ich alles beieinander hatte. Im Koffer habe ich dann doch noch alles untergebracht. Ich hatte mich erst geärgert, daß ich meine Mappe nicht mehr dabei hatte, es wird aber nun auch so gehen.  Ich habe nun, nachdem ich meine Sachen in Ordnung gebracht habe, einen Bummel durch die Stadt gemacht. Die Stadt bietet trotz des reichlichen Schmutzes, viele schöne und alte Bauten, die auf Tradition schließen lassen. Das Polnische wirkt wieder ganz anders, Hier sind im großen Durchschnitt die Leute ärmer wie in Frankreich, sie sehen vielfach auch zerlumpt aus. Der Eindruck, den ich jetzt zuerst gewonnen habe, ist nicht der beste.
In Rußland soll es ja noch schlimmer sein, es wird sich aber auch wieder auf eine Art einrichten lassen. Bis ich nun hier wegfahre, werde ich mich in der Stadt herumtreiben bis mein Zug heute Nacht um 1 Uhr geht. Jetzt habe ich mich in ein Kaffeehaus gesetzt, wo ein richtiger Großstadtbetrieb ist. Wie lange ich es hier aushalte, muß ich erst einmal sehen. Wie ich schon schrieb, traf ich gestern mit etwa 3 Stunden Verspätung hier ein. Ich erkundigte mich, wann mein nächster Zug weiterfährt und mir wurde dann mitgeteilt, daß ich gegen 9 Uhr weiterfahren könnte. Ich verließ also den Bahnhof, habe mich erst einmal um Essen umgesehen, denn das ist immer sehr wichtig. Ich bekam wenigstens eine Suppe, denn mit der Marschverpflegung allein kann man wohl auskommen, aber man braucht auch zwischendurch warmes Essen. Man hatte mir in Krakau für 6 Tage Marschverpflegung mitgegeben, die mir ziemlichen Kummer bereitete, weil ich nicht wußte, wo und wie ich diese unterbringen sollte. Einen Teil habe ich nun schon verbraucht und mit der anderen werde ich auch noch zu Wege kommen. Nach der Einweisung habe ich mich hier auf der Frontsammelstelle gemeldet, was sich nun zu meinem Verhängnis ausgewirkt hat.
Wir haben bereits wieder Nachmittag und ich sitze seit gestern Mittag immer noch hier. Mir geht es zwar nicht allein so, denn hunderte von Kameraden warten auch auf weiteren Anschluß. Das beruhigt mich einigermaßen. Nachdem man hier nun die verschiedenen umständlichen Formalitäten erfüllt hatte, habe ich mich mit noch einem Kameraden auf den Weg durch die Stadt gemacht. Schon als man hier zum Bahnhof herauskam und überall, wo viele Soldaten verkehren, sitzen die Schuhputzjungen, die einen förmlich überfallen. Ich habe mir auch die Schuhe reinigen lassen wollen. Das Geschreidurcheinander der vielen Jungen kann einem bald auf die Nerven fallen. Doch man muß da immer zeigen, daß man über ihnen steht.  Als mir der Kerl die Schnürsenkel mit einschmierte und nicht gleich begriff, daß das eine Schweinerei ist, habe ich ihm eins an den Kopf gegeben, das half dann gleich. Als sie dann fertig waren, verlangten sie zuerst Brot, als ich das nicht bei mir hatte, Zigaretten und dann zuletzt, als ich das auch verneinte, das Geld. Erst wollten sie 50 Pfennig haben, aber mit 10 Pfennig waren sie dann auch zufrieden.
Wir sind dann weiter durch die Stadt gezogen und haben uns etwas umgesehen. Die Hauptstraßen sind schon nicht sauber, aber in den Nebenstraßen getraut man sich schon nicht hineinzusehen, geschweige denn durchzulaufen. Im Soldatenheim gab es dann Kaffee und Kuchen zu anständigen Preisen.  Gegen Abend bin ich dann wieder ins Kino gegangen, wo der Film „Liebe streng verboten“ gespielt wurde. Der war so einigermaßen, aber auch nichts Besonderes. Man sagt, daß hier Lemberg die letzte Kulturstation sei und daß es nachdem aufhört. Darum nimmt man in dieser Hinsicht noch alles mit, was man bekommen kann.  Doch mir ist alles zu teuer, darum trinke ich nur zum Essen noch ein Bier und halte mich an den Kuchen oder an das Sonntagsessen.  Die Unterbringung ist hier schon sehr primitiv, aber man wird sich hier damit abfinden müssen.
Interessant war am Abend, als wir durch die Hauptstraße gingen, als da elternlose Kinder auf der Straße standen, barfuß oder notdürftig bekleidet und sangen mit zitternder Stimme. Der Anblick ist ja grausig, wenn man die Kinder so auf der Straße sieht und weiß, daß sie irgendwo in einem Dreckwinkel nächtigen. Was sind das für schöne Verhältnisse bei uns in Deutschland. Was haben es unsere Kinder schön. Hier lebt und wächst aber alles durcheinander, trotz Krankheiten und sonstigen Einflüssen vermehren sich diese Menschen hier, das ist ja unglaublich. Hier kommt es deshalb auch auf den einzelnen nicht an, weil sich das Grobzeug so schnell vermehrt.
Die Zerstörungen, vor allem in der Bahnhofgegend sind ziemlich groß, doch man ist mit der Ausbesserung schon stark beschäftigt. Auch an großen Gebäuden ist hier wirklich kein Mangel und sie machen keinen schlechten Eindruck, doch es fehlt zu allem der Zusammenhang. Dann ist eben alles nicht Instand gehalten, so daß es schade um dieses alles ist. An einem Kirchturm hat man das Kupferdach halb heruntergerissen. Wahrscheinlich waren das die Russen, die ja die Stadt eine ganze Weile unter ihrer Verwaltung hatten.  Ich habe noch von vielen Eindrücken zu berichten, doch für heute langt es wohl.
Post kann ich ja noch nicht von Dir erhalten, damit wird es noch eine ganze Weile dauern, bis  ich Dir meine neue Adresse bekannt geben kann und bis dann die Briefe hier ankommen. Ich hoffe, daß Ihr alle gesund seid und sende Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst.