Mittwoch, 31. August 2016

Brief 170 vom 29./30.8.1941


Meine liebe Annie !                                                                                                                29.8.41         

Heute muß ich einmal mit Tinte schreiben, denn ich habe kein anderes Papier dabei, weil ich daheim in der Wohnung bin. Ich bin das noch nicht so gewohnt, aber ich denke, wenn ich 200 Briefe so geschrieben habe, daß ich es dann auch kann. Heute im Laufe des Tages bin ich nicht dazu gekommen und heute Abend sitze ich nun daheim und höre mir die Lössendung an. Du wirst wahrscheinlich das gleich tun. Nebenher schreibe ich nun gleich an Dich, Damit die Zeit richtig ausgenutzt ist. Als ich um 7 Uhr aus dem Dienst ging, war noch keine Post da. Deinen lieben Brief von gestern habe ich zwar nicht bei mir, aber danken tue ich Dir trotzdem dafür.  Die Arbeit war wieder für diesen Tag ausreichend, doch wenn ich so den ganzen Tag überblicke, habe ich eigentlich keine positive Arbeit geleistet, sondern den Tag über weiter nichts gemacht wie Auskünfte geben, verhandelt, Anweisungen erteilt. Es ist ja interessant, wenn man so im Mittelpunkt steht und alles sich um einen selbst dreht. Wenn dann aber der Abend herankommt, man übersieht einmal den Tag, soweit man dann Zeit und Muße dazu hat, so ist man nicht zufrieden mit dem, was man geleistet hat.  Aber alle diese Anweisungen und Regelungen sind alle notwendig für den richtigen Lauf des Betriebs, vor allem auch deshalb, wenn dann Leute Mitbeschäftigte sind, die kein Gefühl für die Dinge haben. Ein Mitarbeiter ist ja gut, den ich habe, auf den kann ich mich restlos verlassen, denn er sieht auch alles lieber dreimal an, ehe er es aus der Hand gibt, die anderen 2 Hilfen sind dagegen nicht so gewissenhaft. Schließlich müssen wir sie aber mitschleppen und sie auf ihre Art verwenden. Ich würde manchmal lieber mich in anderer Weise einsetzten, doch es muß auch einer da sein, der alles entgegennimmt und den Schwung im Getriebe beibehält.  Ich muß zwar auch manches hinnehmen, doch bei passender Gelegenheit schlage ich eben wieder zurück. Heute hatte ich in einem Fall lachen müssen. Da hat einer auf einer deutschen Dienststelle eine Anforderung wegen Ankaufs einiger Zentner Kartoffeln geschrieben, die ein Bauer hier liefern sollte. Der Ankauf im freien Handel ist nun untersagt und zieht Bestrafung nach sich.  Wir hätten nun diesen Fall gleich unserer Oberfeldkommandantur mitteilen können. Nun haben wir diesen Leuten erst geschrieben, daß sie zu ihrem unstatthaften Verhalten Stellung nehmen könnten.  Wir könnten die Angelegenheit für diesmal niederschlagen und diesen Leuten den Bescheid geben, daß sie sich nicht wieder mit unseren Bescheinigungen bei uns in der Gegend sehen lassen dürften. Nun rief mich der Kriegsverwaltungsrat, wie so oft, zu sich und fragte, sehen sie eine Möglichkeit, daß wir diesmal von einer Meldung absehen können. Ich sagte ihm daraufhin, denn das erwartet er von mir, daß da eigentlich zwingende Bestimmungen dem entgegen stünden und daß das unverzüglich gemeldet werden müßte.
Großmütig hat dann mein Chef gesagt, er will es für heute noch einmal auf sich nehmen und sie sollten schriftlich zu unserem Schreiben Stellung nehmen, dann würden wir versuchen, bei der Oberkommandantur die Angelegenheit grade zubiegen. Die waren uns natürlich sehr dankbar, weiterhin werden die den illegalen Kauf von Lebensmitteln bleiben lassen, im übrigen wird das diesen Leuten eine Lehre sein und sie haben gemerkt, daß wir als Deutsche auch dann gegen unsere Leute vorgehen müssen, wenn sie sich nicht an das halten, was für die Ernährungslage dieses Landes unbedingt erforderlich ist, geordnete Zustände. Gefreut hat es mich aber, daß diese Herren, die erst ziemlich großspurig hermachen, mit abgesägten Hosen abziehen. Ich habe Dir heute im Wesentlichen vom Dienst geschrieben. Ich bin zwar 2mal unterbrochen worden. Zuerst war unser Doktor bei mir, der heute aus dem Urlaub wieder zurückgekommen ist, der hat sich über eine Stunde bei mir aufgehalten und auch mit mir etwas erzählt. Als ich dann wieder eine Weile geschrieben hatte, kam der Kriegsverwaltungsrat und hatte verschiedene Wünsche. Inzwischen ist es nun Mitternacht geworden. Ich denke, daß ich mich nun zu Bett begebe. Recht gute Nachtgrüße sende ich Dir. Vorhin hat zwar wieder einmal die Sirene geheult, doch wir können hier ja nichts weiter unternehmen als uns im Haus unterhalten, weil sonst keine anderen Maßnahmen getroffen sind. Bisher hatten wir Ruhe vor dem Alarm, aber seit einiger Zeit geht das Ding bei Tag und auch bei Nacht los. Bei Tag stört es wenigstens nicht so, aber in der Nacht kann man ja dann nicht mehr weiter schlafen.
                                                                                                   30.8.41
Bevor ich diesen Brief zum Abschluß bringe, will ich wenigstens noch einen Gruß darunter setzen.  Wegen Deiner Durchleuchtung, das fällt mir bei Deinem Schreiben noch ein, muß Du aber doch noch einmal etwas tun, Damit festgestellt wird, ob sich Dein Zustand wieder gebessert hat oder nicht. Wenn Du auch einen anderen Arzt aufsuchen musst, und wenn es auch Zeit kostet, aber ich halte das für unbedingt notwendig. Gib mir darüber Auskunft, was Du in dieser Sache gemacht hast.  Die anliegenden Zeitungsausschnitte zeigen Dir, wie jetzt gegen die Saboteure vorgegangen wird. Vor allem siehst Du daraus, daß wir jetzt nicht mehr zusehen und uns von den Brüdern auf der Nase herumtanzen lassen.  Heute bekommst du wieder einen langen Brief von mir. Doch nun will ich schließen und Dir recht herzliche Grüße und viele Küsse übermitteln Dein Ernst

Brief 169 vom 28.8.1941


Mein liebes Mädel !                                                                                                           28.8.41             

Gestern bin ich nicht weiter auf Deine Briefe eingegangen, weil ich Dir aus besonderem Anlaß den Extrabrief geschrieben habe. Ich hoffe, daß Du ihn noch zur rechten Zeit bekommst. Das Päckchen habe ich gestern noch mit fertiggemacht und schicke es heute mit an Dich weg.  Nun zu Deinen Briefen, die vorgestern und gestern eingegangen sind. Es sind dies Deine Schreiben vom 21. und 23. 8, sowie die Schreiben vom 22. und 24.8. Für alle danke ich Dir vielmals und teile Dir gleichzeitig mit, daß ich mich darüber wieder sehr gefreut habe. Ich kann mir denken, daß unsere Kinder mit der Margret Fahrteneindrücke aus der Großstadt ausgetauscht haben, denn dazu haben sie ja reichlich Gelegenheit gehabt, welche zu sammeln. Das ist auch schön für unsere beiden, wenn sie etwas gesehen haben und mitreden können, denn das erweitert ohne weiteres das Weltbild. Die Kinder von Büsings entwickeln sich natürlich auf ihre Art und nach den gegebenen Erbanlagen.  Das ist gut, wenn Ihr Euch an das Obst und an das Gemüse haltet, das ist gerade für die kommenden Wintermonate von großer Bedeutung, wenn man genügend Stoff für den Aufbau und die Erhaltung des Körpers aufgenommen hat.  
                -Wegen der in der Heimat gedichteten Massenmorde und den in den Kanälen schwimmenden Leichen ist es mal halb so schlimm. Es sind vereinzelte Fälle vorgekommen, aber ich sende Dir in diesem Zusammenhang einen Artikel mit, der Dir über verschiedenes Aufschluß gibt und Dir auch zeigt, welche Gegenmaßnahmen von uns hier getroffen wurden. Es gibt nun einmal Leute, die gern die anderen ein bißchen gruseln machen wollen.  Aber wie gesagt, es ist mal halb so schlimm. Was zwar die Flugblätter der Kommunisten anbelangt, so sind das noch ziemlich harmlose, die Du da gelesen hast, aber immerhin zeigen sie, was hier so gemacht wurde. 
Mit der Aufstellung des Ahnenpasses hast Du ja wirklich wieder  einmal eigenmächtig gehandelt. Ich will es Dir diesmal nicht übel nehmen, aber das nächste Mal mußt Du erst eine schriftliche Genehmigung einholen, wo soll denn das sonst hinführen, wenn Du alles allein machst, dann bin ich ja direkt überflüssig.
Also ich kann Dir sagen, daß es mir eine Freude war, Deine saubere Arbeit zu sehen. Du hast Dir wirklich große Mühe gegeben und ich glaube, daß es Dir viel Arbeit gemacht hat, vor allem, weil man sehr dabei aufpassen muß. Das war in Ordnung und ich erteile hiermit nachträglich und großmütig meine Erlaubnis.  Bist Du nun zufrieden, wo Du jetzt Deinen Anranzer weg hast? 
Wie Du das mit dem Einmachen usw. machst, da kann ich Dir nun wirklich nicht reinreden, darum glaube ich, daß es so richtig ist, wie Du es vorgeschlagen hast. Es freut mich, daß Du inzwischen das Paket erhalten hast. Die Schuhe sagen Dir zu und passen tun sie auch. Jetzt hast Du doch wenigstens für die nächste Zeit etwas anzuziehen für die Füße. Denn das ist ja wichtig, vor allen, wenn man immer wieder raus muß. Wenn man die Schuhe wechseln kann, halten sie auch viel länger. Die Sandalen passen den Kindern auch und nach Deiner Schilderung sind sie stolz, wenn sie sie anziehen können. Sie können damit ja auch ihre Schuhe schonen und für die Schule sind sie auch praktisch. Die Schuhe für Vater hebe ich auf, oder ich werde sie ihm zuschicken. Sie kosten 12,-RM. Den Rest muß Du ihm bei Gelegenheit mit auszahlen. Hoffentlich passen sie ihm dann auch. Wie geht es übrigens mit seinem Laufen. Wenn Vater jetzt genügend zu rauchen hat, werde ich einmal für Deinen Vater etwas zurücklegen und versuchen, ihm etwas zu beschaffen, soweit dies noch möglich ist. Denn dafür wird er sicher nicht abgeneigt sein.  Daß ich gewußt habe, wo die Eidesformel steht, ist ja nicht so schlimm und deshalb brauchst Du mir kein Loblied zu singen. Schließlich habe ich ja auch 2 Monate dafür gelernt. Alles kann doch nicht umsonst gewesen sein.
Einige Pfunde hast Du in Leipzig doch zugenommen. Deswegen bist Du sicher nicht böse. Wenn Du jetzt wieder besser schläfst, macht das ja auch viel aus.  Nachdem unser Junge heute ich die Schule kommt, wird mein Päckchen, das noch für diesen Tag bestimmt war, nicht mehr rechtzeitig eintreffen. Hoffentlich nimmt er es auch noch später an. Wenn Du ihm noch eine Zuckertüte machst, so ist das ihm sicher auch recht und das soll er auch haben, nachdem Helga seinerzeit auch eine bekommen hatte. Daß er sich ohne Widerspruch die Haare hat schneiden lassen, hat ihm sicher innere Überwindung gekostet. Immerhin sieht man aber, daß er einsieht, daß es nicht so geht und daß er so viel Stolz hat, sich nicht vor den andren zu blamieren.  In meinem Päckchen ist noch ein Zeitungsartikel dabei über das Berliner Sinfonische Orchester. Der war mir so interessant; vor allem deshalb, weil ich letztes Jahr dieses Orchester in Lille selbst gehört hatte. In diesem Artikel werden auch meine Gedanken und meine Empfindungen wiedergegeben, die ich bei meinem Besuch hatte. Hebe ihn bitte einmal mit auf.  Heute habe ich Dir aber wieder allerhand geschrieben. Du hast mir zwar letzthin geschrieben, daß ich das unterlassen soll, es sei Dir zuviel, aber es ließ sich heute leider nicht ändern. Du hast ja nun doch bis zu Ende gelesen, so daß es keinen Zweck mehr hat zu sagen, höre damit auf.  Ich sende Euch allen recht viele herzliche Grüße und Küsse. Ich hoffe, daß Ihr gesund seid und daß es Euch soweit gut geht. Dir sende ich wieder besonders herzliche Grüße und viele Küsse Dein Ernst.

Mittwoch, 24. August 2016

Brief 168 Ernst 23./26.8.1941


Meine liebe Annie !                                                                                                23.8.41                                

Ich Danke Dir vielmals für Deinen Brief vom vergangenen Sonntag.  Du hast nun schon die Schulsachen für die Kinder wieder hergerichtet. Ja, jetzt muß nun auch unser Junger daran glauben und sich auf den Schulweg machen. Ich hoffe, daß er sich schon hineinfinden wird. Man muß ihn aber wahrscheinlich ab und zu etwas aufmuntern. Hoffentlich kommt er zu einem Lehrer, der es versteht, ihn richtig anzupacken, denn dann glaube ich, daß er auch richtig lernt. Ich habe hier noch einige kleine Tafeln Schokolade, die kannst Du ihm ja mit zum Schulanfang geben. Ich sende sie heute mit ab. Ich weiß zwar nicht, ob sie noch rechtzeitig ankommen. Gerade habe ich die Schokolade nochmals angesehen, es ist aber bittere, die wollen unsere Kinder ja nicht essen. Ich glaube, ich lasse es dann für heute sein mit dem wegschicken. Es sind nur kleine Tafeln. Ich will zusehen, daß ich vielleicht für Dich noch einmal andere bekomme. 
Ja, das mit dem Wetter bei uns ist hier auch so eine Sache. Seit einiger Zeit ist es fast herbstlich und man kann sich schon fast warm anziehen.  Denn das kann man bei dieser Witterung schon vertragen. Wegen des Zuckers mache ich mir auch schon immer Gedanken, aber ich muß hier noch einige Schwierigkeiten, die da bestehen, beiseite räumen. Fest steht jedenfalls, daß ich welchen bekomme, und daß ich Dir diesen zukommen lasse. Heute habe ich mir noch einen weiteren Schlafanzug gekauft und für die nächste Zeit noch einen zurücklegen lassen. Ich denke daß ich dann damit auskommen werde. Arbeitsmäßig geht alles im gleichen Tempo weiter. Schreiben kann man darüber nicht viel, das kann man sich besser erzählen.  In den letzten Tagen bin ich ziemlich müde. Die Anspannung war auch entsprechend. Das gibt sich aber bald wieder, wenn man ein paar ruhige Tage einschiebt, soweit sich das vertreten läßt.  Morgen ist jedenfalls Sonntag und ich hoffe, daß ich da ein wenig ausspannen kann.  Du entschuldigst mich, wenn ich schon aufhöre mit Schreiben, aber ich bin jetzt so stark in Anspruch genommen, daß es mir zu einem größeren Schreiben nicht mehr reicht.  Dir und den Kindern sendet viele herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst.

Meine liebe Annie !                                                                                                                 26.8.41

Ein Kamerad ist nun seit 14 Tagen in Urlaub und wir haben hier einen Betrieb, der teilweise sehr stark über das normale Maß hinausgeht. Morgen kommt ja dieser Kamerad wieder zurück und ich hoffe, daß eine Erleichterung dann wieder eintritt. Gestern hatten wir Nachricht erhalten, daß wieder ein neuer Streik für heute in Aussicht genommen sei. Wir hatten nun gestern schon unsere Vorbereitungen getroffen, um ja auf alles gerüstet zu sein. Der Streik ist nun nicht eingetroffen, was wir in keiner Weise bedauern, doch haben wir gestern deswegen auch wieder bis 11 Uhr gearbeitet. Am Vormittag hat man dann den üblichen Verkehr und die Lauferei, die manchmal nicht so stark sein sollte, damit man seine Sachen hier alle erledigen könnte. Umbringen lasse ich mich deshalb aber nicht und aus der Ruhe bringt mich auch nicht mein Chef.  Post erhielt ich gestern nicht von Dir. Das trifft aber manchmal so zusammen, daß dann 2 Briefe miteinander ankommen, es sei denn, daß Du einmal nicht zum Schreiben gekommen bist, was ja auch der Fall sein kann.
Gestern habe ich zum ersten Mal Melonen gegessen. Das ist alles nicht so einfach, wenn man das Zeug noch nicht kennt. Wenn man aber richtig Zucker dran macht, schmeckt es gar nicht so übel. Ich habe mir in den letzten Tagen überhaupt einmal mehr Obst gekauft. Es ist nur so teuer.  Das Pfund Pflaumen 40 Pfennig, ein Pfund Pfirsich 50 bis 60 Pfennig. Birnen ebenfalls 50 Pfennig. Man bekommt kaum etwas unter diesem Preis. Wenn es billiger ist, kann man es nicht essen.
Dann ist es also schade um das Geld.  Heute habe ich erstens einmal nicht mehr auf Lager und zweitens keine Zeit zum weiteren Schreiben. Ich grüße und küsse Dich herzlich.  Richte unseren Kindern viele Grüße und Küsse von mir aus Dein Ernst


Freitag, 5. August 2016

Brief 167 vom 20./21.8.1941


Meine liebe Annie !                                                                         20.8.41        

Gestern erhielt ich Deinen Brief vom 15. und heute Dein Schreiben vom 16.8. Ich habe mich über beide sehr gefreut und ich danke Dir vielmals dafür. Du hast Dich nun schon wieder fest hinter die Gartenarbeit gemacht und wie ich aus Deinem Schreiben sehe, mit dem Unkraut aufgeräumt. Das freut mich, daß die Kinder auch mit angepackt haben und Dir die Sachen gleich versorgt haben. Wegen der Geschichte im Haus muß ich Dir aber schon einen kleinen Vorwurf machen, daß Du mir nicht schon vorher geschrieben hast, welches Ausmaß die Streitigkeiten im Haus angenommen haben, dann hätte ich doch Dir geschrieben, daß Du Dich an die Hausverwaltung wenden sollst. und wenn das nichts geholfen hätte, hätte ich erst einmal geschrieben und gleichzeitig einen Durchschlag an die Partei geschickt. Ärgere Dich bitte nicht über das Pack. Wenn überhaupt hier jemand geärgert werden muß, dann sind das doch immer die anderen aber nicht wir. Das mußt Du Dir immer vor Augen halten. Wenn es da keine Abhilfe gibt, dann schaffen wir sie auf radikale Art, das wäre ja gelacht. Ich kann es jedenfalls nicht verantworten, wenn Du Dich wegen diesem Lumpenpack kaputtmachst.  Gib mir bitte von dem Erfolg Deines Schreibens bei der Hausverwaltung Bescheid. Es geht ja nicht so lange bis ich heimkomme, dann werde ich einmal persönlich dort vorsprechen. Ob ich schon zu Helgas Geburtstag dort bin, kann ich noch nicht genau sagen, weil ich hier sehen muß, wie wir hier das mit unserem Apparat machen, daß er ordnungsgemäß weiterläuft. Es muß eben einmal die Tage auch ohne mich gehen und es wird auch gehen.  Das verlangte Schreiben für die Krankenkasse werde ich mitbringen.  Deine Schwärmerei für das Reisen kann ich ohne weiteres verstehen. Du weißt ja, daß ich der letzte bin, der das Reisen ablehnt. Ich bin ja auch gern einmal auf der Achse, um wieder einmal etwas Neues zu sehen. Wenn alles klappt, steht mir ja demnächst wieder eine etwa 30stündige Reise bevor. Ich verstehe auch gut, wenn Du Dich gerne einmal wieder über alles aussprechen möchtest, denn in der Zeit der Trennung speichert sich so vieles auf, was man jemanden mitteilen will, der Verständnis dafür hat.  Wenn Vater jetzt in seiner Langeweile wieder mit seinen alten Meriten anfängt und über seinen Garten jammern will, dann sage ihm nur kurz und bündig, daß Du das für richtig befunden hast und daß er sich damit zufrieden geben muß. Im Übrigen ist das ja ein Unsinn, wenn er sich nach der Überwucherung seines Gartens mit Erdbeeren jetzt den ganze Garten voller Brombeeren wachsen läßt. Er soll doch keinen Quatsch machen. Laß Dich nur nicht durch so was ärgern. Heute bekam ich von dem Kameraden, der das Paket für mich mitgenommen hatte, die Mitteilung, daß er es hat umpacken müssen, weil es ihm auf der Fahrt beschädigt worden sei und daß er es an Dich zur Absendung gebracht hat. Inzwischen wirst Du es wohl erhalten haben.  Ich wollte heute Abend noch verschiedene Berichte durchlesen, doch ich habe mich erst einmal an die Beantwortung Deiner Briefe gemacht. Um meine sonstige Mittagsruhe bin ich heute auch gekommen, weil wir gegenwärtig zuviel zu tun haben. Ich bin nun jetzt etwas müde, doch ich will noch die Papiere mit fertigmachen, damit Du diese wieder weiterleiten kannst. In dem einen Fragebogen mußt Du bei meinem Großvater noch mit Maschine reinsetzen „Tischler“. In dem anderen Vordruck heißt es: „Eintritt im Dienste der Stadt“. Das kann die Stadtverwaltung anhand der dortigen Unterlagen besser eintragen wie ich. Für den Abschnitt der oben darübersteht, lasse ich Dir handschriftlich einen Entwurf mit zugehen, den Du mit Deiner Maschine eintragen kannst. Wenn ich noch dazu komme, werde ich Dir den Lebenslauf mit zugehen lassen, andernfalls folgt er mit dem nächsten Brief. Ich glaube, daß ich dann alles getan habe, was ich dabei machen muß.  Wenn also noch etwas fehlt, werde ich es nachtragen.  Wegen es Reparaturleders für Schuhe brauchst Du Dir weiter keine Gedanken zu machen, denn da habe ich ein ganz schönes Stück erhalten, das wieder eine Weile reichen wird. Wenn ich heimkomme, werde ich es mitbringen.  Für heute wüßte ich nichts weiter zu berichten. Ich grüße Dich und die Kinder recht herzlich und sende Euch viele Küsse Dein Ernst.

Mein liebes Mädel !                                                       21.8.41

Es ist allerhand, was man hier alles für Arbeit machen muß. Jetzt habe ich auch noch den Umtausch von Kleiderkarten vorzunehmen.  Sachen, um die man daheim einen Bogen gemacht hat und von denen man nichts wissen wollte, hier muß man sich darum kümmern. Das macht ja schließlich nichts, wenn man nicht noch anderweitig so stark in Anspruch genommen ist wie gerade in den letzten Wochen. 
Wir haben in den letzten Tagen verschiedene Sabotagefälle hier gehabt, die von den Kommunisten ausgeführt worden sind.  Daraufhin haben wir verschiedene Verhaftungen vorgenommen. Bei einer der heutigen Verhaftungen haben sie uns einen Dolmetscher totgeschossen und einen Feldwebel der Feldgendarmerie schwer verletzt. Jetzt geht also der Tanz mit der Kommune weiter. Wir müssen unbedingt unter die Arbeiter Ruhe bringen, denn das können wir uns nicht leisten, daß der Arbeitsfrieden immer wieder gestört wird. Wir werden aber nicht locker lassen, die entsprechenden Gegenmaßnahmen werden wir schon ergreifen. Es ist hier eben zuviel Arbeit zu leisten und die Hilfskräfte sind nicht voll geeignet, um selbständig von der Arbeit zu übernehmen, um uns 2 Mann, auf denen doch der Hauptteil lastet, zu entlasten. Unser Kriegsverwaltungsrat bleibt manchen Tag in der Wohnung und arbeitet in der Wohnung und sagt: “Machen sie man schon den Kram da drüben, ich habe keine Zeit dafür.“ Mit macht das ja auch nichts weiter aus, doch es wäre schon ein wenig angenehmer, wenn man sich auf die anderen mehr verlassen könnte. Man tut das was man kann und das andere muß dann liegenbleiben, wenn es nicht anders geht.  Für Deinen Brief vom 18. danke ich Dir vielmals. Ja die Zeit vergeht schnell. Es war nun schon wieder eine Woche her, als Ihr in Leipzig Euch zum Aufbruch gerüstet hattet. Ja, mit dem Hund bei uns ist das so eine Sache, er gehört ja nicht mir.  Dieser Tage komme ich heim und unsere Hausfrau sagt mir mit besorgter Miene, daß der Hund mit dem Elektriker in meinem Zimmer gewesen sei, und der Mann hat nicht darauf geachtet, daß der Hund wieder mit aus dem Zimmer geht. Als die Frau nachsieht, hat er sich an meine Hausschuhe gemacht und hat angefangen, sie zu nagen. Als ich dann heimkam, habe ich ihn beim Fell gepackt, mit auf mein Zimmer genommen und mit dem Pantoffel vermöbelt, daß ihm das vielleicht für ein anderes Mal vergehen wird. Ich bin gespannt, wie lange die Ruhe mit dem Pack im Hause anhalten wird.
Für alle Fälle merke Dir, daß Du Dich in Zukunft deshalb nicht aufregst. Nun hätte hatte ich in dieser Woche schreiben wollen, aber das ist ja ziemlich zwecklos, denn das Schreiben liegt ja dann doch erst einige Tage im Briefkasten.  Von Kurt bekam ich heute auch einen Brief. Er schreibt ja nicht viel, aber es ist wenigstens ein Lebenszeichen. Meinen Lebenslauf habe ich heute beigefügt. Ich denke, daß er in dieser Form genügen wird. Weiteres habe ich heute nicht zu berichten. Ich grüße und küsse Euch alle recht herzlich Dein Ernst

Brief 166 vom 18./19.8.1941


Mein liebes Mädel!                                                                                   18.8.41     

Ich erhielt gestern Deine beiden Schreiben vom 13. und 14.8 sowie die Bestätigung der Stadt Konstanz, daß die Beamtengeschichte nun langsam doch ins Rollen kommt. Ich hatte schon fast geglaubt, daß alles wieder eingeschlafen sei, aber inzwischen ist ja die schriftliche Bestätigung eingegangen. Ich werde zwar noch so lange warten müssen, bis ich hier die Urkunde ausgehändigt bekomme, aber nachdem die Ernennung mit Rückwirkung auf den 25.4.  erfolgt ist, bekomme ich ja meinen Anspruch, den ich dann an die Dienststelle habe, auch nachgezahlt. Hier wird es auch noch eine Weile dauern, bis das durch den ganzen Apparat durchgelaufen ist. Es geht mir ja hierbei nichts verloren. Der Stern, der dann noch dazu kommt, ist ja mehr oder weniger eine äußere Erscheinung.  Ich werde die Sachen sofort erledigen, sobald die Unterlagen, die Du mir zusenden willst, umgehend zurücksenden.
Bevor ich auf Deinen Brief eingehe, will ich Dir noch von einer Geschichte hier berichten. Manche Leute denken, daß das hier so einfach wäre zu arbeiten und zu leben. Da ist heute ein Fall vorgekommen, wo von kommunistischer Seite fünfzig Kilo Sprengstoff gestohlen worden sind, die zu Sabotageaktionen verwendet werden. Jetzt müssen wir uns mit dem Kommunistenpack hier wieder herumschlagen. Daß das Zeug verwendet wird, beweist, daß immer wieder Anschläge passieren. Wir machen uns zwar nichts daraus, doch darf man das nicht ganz auf die leichte Schulter nehmen und sich von dieser Bande einschüchtern lassen. Wir werden wahrscheinlich einen Teil festnehmen und für eine Weile festsetzen. Die Bande wird erst wieder frech, seit wir mit den Russen im Krieg stehen, denn vorher haben sie sich ziemlich ruhig verhalten. Doch darüber kann ich Dir ja dann besser mündlich berichten. 
Deine Eindrücke von der Reise und die Eindrücke bei Deiner Ankunft in der Wohnung habe ich gelesen. Mit Vater ist es also noch nicht so wie es sein muß. Das kann ich mir denken, vor allem wenn man sich vorstellt, daß er es hat so lange anstehen lassen. Wegen der Büsinggesellschaft ärgere Dich doch nicht so herum. Mache kurzen Prozeß und wende Dich an die Hausverwaltung und sage, daß das auf keinen Fall geht, daß Leute, die bisher immer für Ordnung im Haus gesorgt haben, gewissermaßen hinausgeekelt werden von solchem Pack. Wenn das nicht genügt, werde ich selbst schreiben. Das geht jedenfalls auf keinen Fall so weiter. Daß im Garten manches nicht so mitgekommen ist, läßt sich ja nicht vermeiden und das muß man in Kauf nehmen.  Der Mann von der Stadtverwaltung heißt Mettenberger. Den habe ich auch nicht vergessen, als er seinerzeit auf dem Standesamt war.  Über die Formalitäten bin ich mir ja nun im Klaren. Wesentlich ist nur noch, daß mein Vorgesetzter weiß, wie der Wortlaut der Formel heißt. Sieh doch bitte einmal in den großen Heften nach, die ich von Karlsruhe mitgebracht habe. Das eine Heft Beamtenrecht. Da steht dann unter der Spalte Begründung der Beamteneigenschaft unter anderem auch der Wortlaut der Formel. Die schreibe doch bitte mit ab und lasse sie mir zugehen, damit ich hier nicht in Verlegenheit komme. Es kann zwar sein, daß die das in Lille vornehmen. Das wird sich ja dann zeigen. Mit dem Gehalt geht es ja dann schon. Die angekündigte Summe reicht vollkommen aus für mich und ich habe sonst keine Wünsche weiter mehr.  Für diesmal sende ich Dir viele herzliche Grüße und Küsse, ebenso den Kindern. An Vater habe ich ja ein Handschreiben geschickt.  Ob es zu seinem Geburtstag noch ankommt, weiß ich nicht. Grüße ihn bitte auch noch von mir. Dir nochmals recht herzliche Grüße und Küsse  Dein Ernst.

Liebste Annie !                                                               19.8.41

Gestern erhielt ich Deinen lieben Brief mit den Unterlagen.  Soweit Du für die entsprechenden Daten keine bestätigten Unterlagen besitzt, kannst Du ja sagen, daß diese nachgebracht werden.  Ich muß schon sagen, daß Du mit dieser Geschichte viel Arbeit hast. Es ist aber leider nicht möglich, daß man das anders machen kann. Das Leumundszeugnis von der Polizei mußt Du ja noch bezahlen. Du hast also Ausgaben damit. Wegen der Daten für meine Großmutter mußt Du einmal den Ehepass heraussuchen, den Kurt von Paula bei uns hat liegen lassen. Ich glaube, daß darin eine Beglaubigung des Standesamtes dabeisteht.  Ich glaube gern, daß nun viel Arbeit auf Dich wartet. Aber es macht ja nichts aus, wenn Du verschiedenes  liegen läßt und nach und nach erledigst.  Ich habe Dir schon in meinen anderen Briefen geschrieben, daß Du Dir nicht gleich wieder zuviel vornehmen sollst. Ich hoffe, daß Du inzwischen mein großes Paket mit den Schuhen erhalten hast.  Unten drin liegen noch Abschriften von Flugblättern, die Du vielleicht mit aufheben kannst. Von Kurt hast Du also auch wieder Nachricht bekommen. Dann ist anzunehmen, daß er mir auch in nächster Zeit wieder antworten wird. Mit der Amaryllis hast Du aber jetzt schon Freude gehabt, man kann es direkt aus Deinem Schreiben herauslesen. Wegen des Zuckers wollte ich Dir noch schreiben. Hat denn Vater jetzt keinen da, daß er Dir solange welchen borgen kann. Du kannst Dich darauf verlasen, daß ich hier welchen besorge. Dann kannst Du ihn ja wieder zurückgeben. Wenn Du sonst irgendwie Obst sterilisieren willst, dann läßt sich manches auch ohne Zucker machen. Dann kann man ja später beim Verbrauch den Zucker dran tun. Du wirst es ja selbst wissen und ich werde Dir da nicht viele gute Ratschläge geben brauchen. Wenn ich diesmal auf Urlaub komme, werde ich zwar nicht viel mitbringen können, weil es auch nicht mehr viel zu kaufen gibt.  Vielleicht finde ich aber noch einige Kleinigkeiten. 
Gestern wurde hier im Kino „Der liebe Augustin“ gespielt. Es ist nur schade, daß diese Filme hier so abgespielt sind und dann ganze Stücke aus dem Film fehlen. Da reißt der Streifen und dann werden die Streifen wieder zusammengeklebt ohne das fehlende Stück zu ersetzen. Wenn man so ein Stück nicht schon einmal gesehen hat, dann ist es schwer, sich darin zu Recht zu finden. 
Gestern schrieb ich Dir von einem Sabotagefall, der hier passiert ist.  Es ist nicht der erste. Heute sind schon wieder zwei weitere gemeldet worden. Sie sind zwar anderer Art, aber lassen doch die Urheber und den Zweck erkennen. Wir haben einen Teil festgenommen. Jetzt müssen wir abwarten, wie sich die Geschichte anläßt. Bis jetzt war es bei uns ja ruhig, dagegen in der Gegend von Dr. Thomas geht das schon eine ganze Zeit so. Man gewöhnt sich an alles und wird auch auf irgendeine Art damit fertig.  Viele herzliche Grüße und Küsse sende ich heute Dir und den Kindern. Ich hoffe, daß Ihr gesund seid. Wegen des Urlaubs will ich zusehen, daß ich gegen den 5. September dort eintreffen kann.  Wahrscheinlich wird es nicht viel eher sein. Nochmals sendet Dir herzliche Grüße und viele Küsse Dein Ernst.

Brief 165 vom 15./16.8.1941


Meine liebe Annie !                                                                 15.8.41             

Heute haben die Franzosen Feiertag. Wenn man sie fragt, was das für ein Fest sei, sagen sie, daß das ein kirchlicher Feiertag sei. Warum dieser Tag gefeiert wird, ist zwar hier niemand bekannt. Manche sind der Ansicht, daß es etwas wie Maria Himmelfahrt sei. Lassen wir ihnen das Vergnügen und lassen sie ruhig feiern.  Deine beiden Briefe die ich gestern erhielt, habe ich Dir in meinem letzten Schreiben bestätigt. Vater hat Dir also nach Leipzig Bescheid gegeben wie es ihm geht. Scheinbar geht es im noch nicht so rosig. Du schreibst mir ja sicher in einem Deiner nächsten Briefe, wie es ihm geht, denn es interessiert mich, was er macht. Mit meiner Post habe ich es richtig getroffen, denn mein letzter Brief, den ich nach Leipzig gerichtet habe, ist auch am letzten Tag dort eingetroffen. Ich freue mich immer wieder, aus Deinen Schreiben herauslesen zu können, daß es zu keinen Meinungsverschiedenheiten in Leipzig gekommen ist. Da hast Du ja allerhand in Leipzig eingeheimst, wenn Du 3 Pakete vorher wegschicken mußtest. Dein Regenmantel ist Dir dann bei diesen regenreichen Tagen sicher sehr zustatten gekommen. Ich glaube, daß Du Dich mit dem schon hast sehen lassen können. Paul und Alice sowie auch Erna haben sich Dir und den Kindern sehr entgegenkommend gezeigt. Jörg hat aber für die nächste Zeit genug Spielzeug, wenn er jetzt noch diesen Bauernhof dazu bekommen hat. Vorher von Siegfried diesen Metallbaukasten. Ob er mich auch einmal damit spielen läßt. 
Deine Briefe hatte ich im Wesentlichen beantwortet. Von was soll ich Dir heute noch schreiben, vom Dienst, vom Essen, vom Wetter und von was sonst. Das wären ja die Hauptmerkmale, die unser Leben hier beeinflussen. Das Wetter will scheinbar schöner werden, doch wenn sich ein Stückchen blauer Himmel zeigt, treibt der starke Wind wieder neue Wolken heran, so daß es bald wieder Essig ist mit dem Sonnenschein. Das Essen stellt an den Gaumen und an den Magen manchmal ziemliche Anforderungen. Fleisch ist zwar so gut wie jeden Tag dabei. Doch die Abwechslung läßt zu wünschen übrig. Montags gibt es grundsätzlich Nudeln.  Meist zwei Sorten zusammen. Die eine ist ganz zerkocht und die andere kann noch eine Weile kochen vertragen. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Gestern war nun einmal eine Ausnahme. Hier sind einige Schweine fettgefüttert worden, die dieser Tage geschlachtet wurden. Nun gab es gestern Kartoffelsalat und Bratwurst. Das war wirklich ein schönes Essen. Sonst gibt es die übrigen Tage aber meist auch in einer bestimmten Reihenfolge Bratlinge. Die werden mit Kartoffeln vorgesetzt. Sie werden aus dem Mehl der Sojabohnen gemacht.
Unsere Küche hat dabei noch etwas Geschick, denn die machen sie so, daß man sie immerhin noch essen kann. Erbseneintopf und Reiseintopf kommt jede Woche auch einmal vor. An den Tagen, die dann noch übrig bleiben, gibt es Kartoffeln und Fleisch und Soße.  Gemüse manchmal. Nach diesem Essen hat man ja bald wieder Hunger, und da ist es nur gut, daß man sich noch etwas nebenbei beschaffen kann, sonst wäre es ja schlecht mit uns bestellt. Das Frühstück  und das Abendessen nehmen wir ja daheim in der Wohnung ein.  Wenn ich mir nicht immer noch Butter dazu kaufen würde, hätte ich zum Frühstück meist nur Kunsthonig oder Marmelade und zum Abendbrot sehr oft Schweineschmalz. Das sind keinesfalls Klagen, die ich da laut werden lassen will, denn mir geht es im Verhältnis noch nicht schlecht, aber wenn ich schon einmal beim Speisezettel bin, muß ich auch diese Seite schildern. Am schlimmsten ist eben nur, daß so wenig Abwechslung herrscht. Ich weiß auch, daß wir von Lille her und vom letzten Jahr noch sehr verwöhnt sind, aber schließlich muß man sich umstellen Jetzt habe ich wieder eine Quelle ausfindig gemacht, wo ich noch Käse her bekomme. Das ist schon ein weiterer Schritt zur Abwechslung. Wenn ich richtigen habe, werde ich Euch auch einmal welchen schicken, denn ich weiß, daß Ihr ihn gern eßt. Jetzt will ich aber Schluß machen mit meiner Gastronomie.  Über den Dienst kann ich für heute nur sagen, daß man den Feiertag gemerkt hat, denn es ist eine Ruhe wie an einem Sonntag. Franzosen haben sich hier nicht sehen lasen.  Das ist wirklich einmal angenehm.  Diesmal ist der Brief durch meine viele Esserei wieder einmal länger geworden. Dir wird es hoffentlich nichts ausmachen. Recht viele herzliche Grüße und Küsse sendet Dir und den Kindern Dein Ernst.

Mein liebes Mädel!                                                              16.8.41

Ein Samstag um den andren rückt an und geht. Wupp, schon wieder ist eine Woche vorbei. Die Sonntage sind ja meist wenig eindrucksvoll, denn man weiß ja hier nicht, was man viel anstellen soll, vor allem, wenn es noch regnet, wie es jetzt meist der Fall ist. Man steht etwas später auf als gewöhnlich, macht sich’s gemütlich und sachte fertig, um dann gegen 10 Uhr Kaffee zu trinken. Dann hört man noch etwas Radio. Inzwischen hat dann die „femme de menage“, also die Frau, die bei uns alles in Ordnung halten soll, das Zimmer gemacht und die Schuhe geputzt.  Meist kann ich dann noch die Zeitung lesen. Dann ist nicht mehr weit vom Mittagessen. So nach dem Mittagessen, gegen ½ 2 Uhr kommt meist die Post, wenn welche dabei ist. Die nehme ich dann mit nach hause und lese sie in aller Ruhe. Entweder geht man dann in das französische Kino oder man setzt sich in eine Gastwirtschaft.
Du siehst also, daß die Sonntage nicht gerade gewinnbringend sind. Wenn das Wetter ein bißchen besser ist, kann man am Kanal ein bißchen Spazierengehen. Das ist zwar keine große Sache, aber man muß sich damit zufriedengeben. Man kann dort dem Schiffsverkehr ein wenig zusehen. Man sieht, in welch primitiven Verhältnissen diese Leute meist leben müssen. Die Wohnräume sich ja nicht groß, wenn dann noch Kinder da sind, bleibt nicht viel Platz zum  rumdrehen. Meist wird ja hier Kohle geladen, die dann nach vielen Teilen Frankreichs verfrachtet werden.
Das ist wohl ein billiges Transportmittel, aber ich finde eine sehr langweilige Angelegenheit. Der Verkehr auf den Kanälen ist  ziemlich rege und wenn man bedenkt, daß in so ein Schiff 20 Eisenbahnwaggons geladen werden können, dann ist das eine erhebliche Ersparnis an Eisenbahnmaterial. 
Heute war ich bei einem mir bekannten Lederhändler und habe Leder gekauft. Ich habe es zwar noch nicht mitgenommen, aber auch noch nicht bezahlt. Immerhin ist es reserviert. Es ist sehr starkes Leder, aber, soweit ich beurteilen kann, sehr gut. Jetzt hätte ich gern noch etwas Dünneres für Deine Schuhe. Ich muß einmal sehen, wie ich noch drankomme.  Für heute sende ich Dir viele herzliche Grüße und Küsse. Grüße unsere zwei Stromer herzlich von mir und sei Du selbst nochmals gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst

Brief 164 vom 13./14.8.1941


Meine liebe kleine Annie !                                                  13.8.41        

Recht herzlich danke ich Dir für Dein Schreiben vom 9.8., das ich gestern erhielt. Daß Du als Anrede aber gerade „mein leiber“ statt „mein lieber“ schreibst, will ich auf einen Tippfehler zurückführen und nicht als eine Anspielung betrachten, daß ich etwa hier so zugenommen habe. Ich sorge wohl Dafür, daß wir immer noch ab und zu etwas zu essen haben, doch zu üppig ist es gerade auch nicht. Vor allem liegt eine gewisse Eintönigkeit darin. Man muß eben versuchen, dies nach Möglichkeit etwas abwechselnder zu gestalten. Daß wir uns wieder über verschiedene Dinge einmal persönlich aussprechen können, ist mir auch wieder einmal ein Bedürfnis, denn es ist ja so, daß man nicht alles schreiben kann, was man gern möchte. 
Mit Geschenken bist Du ja reichlich bedacht worden; gleichfalls auch die Kinder. Die Schlepperei ist nur so groß. Jörg hat sich als Gentleman gezeigt und ihr auch etwas gekauft. Das ist ja wirklich schön, daß er da nicht geizig ist. Dora (das ist die Frau von dem Bruder meines Großvaters, Curt Michel, der mit dem Lazarettzug im Vorderwagen ums Leben gekommen ist) hat Dir wenigstens auf Deine Karte Bescheid gegeben, daß sie nicht kommt. Im Übrigen hast Du Deiner Pflicht genügt und man kann Dir keinen Vorwurf machen.
Übrigens auf meinen Brief vom 19.6. habe ich von ihr noch keine Antwort erhalten. Ich nehme zwar an, daß sie ihn erhalten hat.  Wenn alles geklappt hat, seid Ihr heute wieder daheim. Ich hoffe, daß Du es so machst, wie ich Dir schon geschrieben habe, daß Du Dich die ersten Tage ein wenig ausruhst, denn das kann Dir gewiß nichts schaden. Es wäre ja auch gegangen, wenn Du noch eine Woche länger weggeblieben wärst. 
Der gestrige Kinobesuch war wirklich nicht bedeutend. Es war ein richtiger Schmarrn, aber wenn so viele Filme gedreht werden, kann auch einmal etwas dabei sein, was nichts wert ist. Es ist nur schade, daß man dafür soviel Filme verdreht. Das Machwerk hieß „Zwischen Hamburg und Haiti“. Lassen wir das und wundern uns nur.  
Ich habe mir gestern wieder einige Hemden erstehen müssen, weil ich die Befürchtung habe, daß meine, die ich so täglich gebrauche, langsam zum Teufel gehen. Es sind zwei von den gelbgrünen, wie ich schon habe und ein blaues, was scheinbar besser ist. Die 3 Sachen kosten auch wieder bald 13 RM. Ich wollte noch einen weiteren Schlafanzug kaufen, doch das fällt schon ziemlich schwer. Vielleicht kann ich mir Stoff kaufen und mir dann noch etwas machen lassen. Dagegen habe ich mir nochmals Stoff angesehen für einen kombinierten Anzug. Helle Hose und dunkle Jacke. Das kann ich mir noch machen lassen. Kostenpunkt etwa 65 RM. Wegen Schuhleder will ich mich dieser Tage noch einmal umsehen, denn das kannst Du doch sehr nötig gebrauchen.
Ich hoffe, daß ich etwas Passendes bekomme. Man muß eben zusehen, was man unter den gegenwärtigen Verhältnissen, es liegt doch auch alles unter Bewirtschaftung, noch bekommen kann. Geduld muß man zwar haben, weil sich nicht immer gleich Gelegenheit dazu bietet. So ist es ja jetzt mit der Schokolade. Es ist einfach nicht möglich die Tafelschokolade zu bekommen. Vielleicht in den nächsten Wochen wieder.  Ich sende Dir und unseren Kindern recht viele Grüße und Küsse Dein Ernst 

Meine liebe Annie !                                                          14.8.41

Bis Du diesen Brief bekommst, hast Du Dich schon bald wieder eingewohnt, denn dann ist fast schon eine Woche vergangen, seit Du daheim bist. Die Tage vergehen ja kolossal schnell und ich hoffe ja, daß ich auch in den nächsten Wochen kommen kann. Am Anfang dieser Woche ist der Sonderführer, der mit bei uns im Haus wohnt, in Urlaub gefahren. Sein Hund sucht nun, da sich sonst niemand wesentlich um ihn kümmert, bei mir Anschluß. Gestern hat er sich gleich mit mir auf mein Zimmer begeben und sich niedergelassen. Er ist aber noch nicht ganz sauber, so daß ich ihn vorsichtshalber noch rausgeschmissen habe. Heute früh war der Gang wieder versaut, so daß meine Befürchtungen nicht unberechtigt waren. Als ich heute Mittag heimkam, hatte er eine Roßhaarlehne, die auf einer Bank angebracht war, vollkommen zerfleddert. Ich habe ihn mir dann vorgenommen und anständig ein paar übergezogen.
Als ich aber am Nachmittag wieder in den Dienst ging, konnte ich die Früchte meiner Erziehungsarbeit sehen. Er lag still zwischen den Pfützen und sah mich nur von unten an. Von Zerknirschung keine Spur. Wenn wir nicht schon einen Hund im Haus hätten, würde ich mir vielleicht einen zulegen, denn das Futter fällt hier ja aus der Küche immer ab. Ein zweiter ist aber zuviel. Ich lasse deshalb lieber die Finger davon.  Post habe ich gestern keine von Dir erhalten. Auch sonst hat mir niemand geschrieben. Ich hatte erst die Absicht, an Deine Eltern zu schreiben, bin aber nicht mehr dazu gekommen. Nächste Woche sind sie ja nicht in Leipzig, so daß es eigentlich keinen Zweck hat, wenn ich diese Woche noch schreibe. Am Anfang der kommenden Woche muß ich es aber wahr machen.
Das Wetter ist immer noch gleichermaßen schlecht. Man kann jetzt für die Nacht außer der Wolldecke, die ich bis jetzt für mein Bett habe, bald noch eine weitere Decke haben müssen. Es wird eben schon ziemlich herbstlich. Es wäre wünschenswert, wenn es in der nächsten Zeit noch etwas besser werden würde. 
Heute Nachmittag ist unser Kriegsverwaltungsrat nach Bethune gefahren. Er teilte mir dann telefonisch mit, daß er mit seinem Wagen eine Panne gehabt hat und daß er später zum Essen heimkommen würde. Als ich dann meine Mahlzeit hinter mir hatte, bin ich mit dem Hund noch ein Stück rausgegangen. Als ich gegen 10 Uhr wieder nach hause kam stand unser alter Wagen aus Lille vor dem Haus. Ich wußte sofort, daß der Tommi mit herüber gekommen war. Mein Chef ist mit seinem Wagen nicht mehr weiter gekommen und hat Thomas darum bitten lassen, daß er ihn zurück bringt. Thomas schlug nun gleich vor, daß ich mit zu ihm kommen soll, damit wir wieder einmal über  Verschiedenes aussprechen können. Da er mich aber am anderen Morgen nicht wieder mit dem Wagen heim befördern kann, habe ich davon Abstand  genommen, allerdings mit dem Versprechen, daß mein Chef und ich im Laufe der nächsten Woche mit dem Wagen hinüberfahren. Für die 2 Briefe vom 10. und 11. danke ich Dir. Ich werde dir sie morgen mit beantworten. Für heute viele herzliche Grüße und Küsse sendet Dir Dein Ernst .