Mittwoch, 3. August 2016

Brief 157 vom 28./29.7.1941


Meine liebe Annie !                                                                                         28.7.41          

Ich habe aus Deinem Brief vom 22.7. gelesen, daß Du schon meinen letzten Brief nach Konstanz erhalten hast. Die anderen werden nun schon in Leipzig gewesen sein. Ehe ich zu Deinem Brief im einzelnen schreibe, möchte ich Dir von einer Überraschung berichten, die mir vorhin im Dienst passiert ist. Kommt Da ein Mann zu mir und verlangt eine Fahrtbewilligung für eine deutsche Dienststelle, die hier bei uns untergebracht ist. Ich gebe ihm die entsprechende Auskunft und sagte ihm, ich würde ihm dann sofort weiterhelfen, wenn er die Voraussetzungen der notwendigen Unterlagen beibringen würde. Er kam dann auch bald wieder und ich habe ihm seine Sache auch gleich erledigt und habe mich dann noch eine Weile mit ihm unterhalten. Im Lauf des Gesprächs denke ich, er muß doch so aus unserer Gegend stammen, denn er ließ einmal das Wort „Schwabe“ fallen. Ich frage ihn, wo kommen sie denn her, sind sie etwa aus Baden. Sagt er zu mir, „Ja, ich bin aus Konstanz“. Ist das nicht interessant. Ich glaube ihn vom Sehen zu kennen. Ich habe mich sofort für diese Woche mit ihm besprochen, so ein Wiedersehen mit einem Konstanzer muß doch gefeiert werden.  Ich werde Dir wieder Davon berichten. Da kann man sehen, wie klein die Welt ist.  Etwas Sorge macht mir noch Deine Krankheit, Da die Verschleimung Dir noch so Schwierigkeiten macht. Sieh Dich bitte vor, daß Dir nichts Davon zurückbleibt.  Die gesamte Beerenernte ist ja ziemlich reichlich und läßt für später schließen, daß wir genügend Zeug haben.  Die Gehaltsabrechnungsangelegenheit wird ja nun in Ordnung sein. Da das Einkommen als Beamter anfänglich kleiner ist und daß mir das solange weiter gewährt wird, bis dort die entsprechende  (?) erreicht habe, ist mir schon klar. Ich teilte Dir ja auch schon früher mit, daß ich das Dadurch auszugleichen versuche, daß ich baldmöglichst zusehen muß, auf eine andere Art zu zeigen (?)Denn die werden doch nicht etwa denken, daß ich Dauernd (?) dort spielen will. Warten wir also ab.  Es ist mir eine Beruhigung, daß es mit Vater wieder einigermaßen besser geht und daß Du andererseits für einige Zeit ausspannen kannst . Daß mein Brief an Helga rechtzeitig vor Eurer Abreise mit angekommen ist, freut mich, besonders aber auch, daß er unseren beiden Sprößlingen Spaß gemacht hat.  Dein Brief an Kurt ist in Ordnung. Ich muß ihm auch wieder schreiben, denn ich bin wieder dran.  Recht herzliche Grüße und viele Küsse Dir und den Kindern sendet Dir Dein Ernst.
Grüße bitte auch Deine Eltern vielmals von mir.

Mein liebstes Mädel !                                                             29.7.41

Für Deinen Brief vom 23. vielen und herzlichen Dank . Daß Du vor Deiner Abfahrt nicht mehr viel Zeit zum Schreiben hast, verstehe ich sehr gut. Es ist doch noch allerhand zu tun, wenn man so einmal für einige Wochen wegfährt. Vor allem  weil Du noch mit Vater so zu tun gehabt hast. Ich hoffe, daß ich nun morgen oder übermorgen den ersten Brief oder wenigstens eine Karte von Leipzig von Dir bekomme.  Der Marinesturm hat auch wieder von sich hören lassen. Die beiden Rundschreiben sende ich Dir in der Anlage mit. Die sind vom Rebstock abgefaßt. Sie zeigen den guten Willen, doch sind selbst ziemlich stümperhaft. Ich werde also wohl einmal von mir hören lassen müssen. Auch die Zeitschrift SA ist mir zugesandt worden. Man sieht aber den guten Willen. Es kommt gerade in diesen Schreiben so ganz besonders zum Ausdruck, wie die, die in der Heimat sind, große Schlachten schlagen.  Nehmen wir ihnen das nicht weiter so übel und lassen wir das für spätere Tage. Jedenfalls kann ich mich Dabei eines Lächelns nicht erwehren.  gestern habe ich noch für Jörg die gleichen Sandalen wie für Helga gekauft. Graser hat mir gesagt, daß er Anfang des kommenden Monats in Urlaub fährt und wenn ich etwas zu schicken habe, dann soll ich ihm das mitgeben. Ich werde wahrscheinlich sämtliche Schuhe zusammenpacken und ihm mitgeben. Ich werde alles an Vater adressieren, der es dann solange für Dich in Empfang nehmen kann. Dann sind die Sachen Daheim, wenn Du wieder in Konstanz bist. Ist es Dir so recht ? gestern war ich im Kino und habe eine sehr netten Film gesehen. Wenn der irgendwo einmal in Konstanz laufen sollte, kann ich ihn Dir nur empfehlen. Er heißt „Auf Wiedersehen Franziska“. Er hat mir wieder einmal gut gefallen.  das Wetter ist immer noch ziemlich regenreich. Am Sonntag hat es ja auch ziemlich gegossen. Heute früh wieder auch.  Sonst ist nichts wesentliches zu berichten. Vielleicht morgen wieder mehr. Ich sende Euch allen recht herzliche Grüße und Dir noch Dazu viele Küsse. Ich hoffe, daß es Dir die wenigen Tage in Leipzig gut gefallen wird. Wenn sich irgendwelche Anzeichen des Auseinanderlebens mit Deinen Eltern auch geltend machen, so wirst Du hoffentlich in mancher Hinsicht auch wieder Verständnis finden. Nochmals viele Grüße und Küsse Dir und den anderen sendet Dir Dein Ernst.


Montag, 25. Juli 2016

Brief 156 vom 25./26.7.1941


Meine liebste Annie !                                                                                           25.7.41                         
 
Wenn es nun geklappt hat, seid Ihr heute auf der Fahrt. Ich glaube, daß Du noch ziemlich viel Betrieb daheim gehabt hast. Ich wünsche nur, daß Dir diese Tage, trotz des Aufenthalts in der Großstadt, Tage der Erholung sind. Wie ich aus Deinem Brief vom 20. sehe, hat bei Dir am Sonntag reges Leben geherrscht. Vaters Zustand war noch unverändert, was ich mit Rücksicht auf Dich besonders bedaure. Vielleicht tritt nach einigen Tagen doch eine Besserung ein. Ich weiß nun heute nicht, wo ich Euch suchen soll. Hoffentlich reicht Dir die Schokolade, oder brauchst Du welche. Wenn Du solche Wünsche hast, kannst du mir das auch wieder schreiben, wenn Du wieder daheim bist und wenn Du nicht haben willst, daß Deine Eltern etwa das lesen, was Du mir schreibst.  Ich glaubte, daß das alles die gleiche Schokolade sei, denn die können ja mit dem Material arbeiten, was zur Verfügung steht.  Helga wird ihren Brief von mir nun auch erhalten haben. Wenn sie nur Freude daran gehabt hat. Ob es Dir noch zum Kino in dieser Woche gelangt hat, glaube ich kaum, denn ich stelle mir vor, daß Du froh gewesen bist, wenn Du Deine Arbeit hast erledigen können und wenn Feierabend war. Vielleicht kannst Du das in Leipzig machen. Bei uns ist es mit der Propaganda so, daß sämtliche Kraftwagen mit diesem Zeichen ausgestattet worden sind. Inwieweit sich das nun günstig auswirkt oder nicht, wird sich ja zeigen.
Die „de gallischen“ Kreise machen oben in die Öffnung des V das Lothringer Kreuz als ihr Zeichen rein. Nun wurde von uns teilweise das Hakenkreuz und das Lothringer Kreuz hineingemalt. Manchmal muß man ja lachen und man weiß nicht mehr was richtig ist oder nicht. Doch lassen wir das.  Heiß ist es inzwischen auch wieder geworden, doch es ist möglich, daß es bald zum regnen kommt.  Ich bin heute in Gedanken ganz bei Euch und hoffe, wenn Ihr gefahren sei, daß Ihr eine gute Reise habt. Es grüßt und küßt Dich sowie die Kinder recht oft Dein Ernst

Meine liebe Frau!                                                               25.7.41

Ich fange gleich jetzt noch mit einem Schreiben an, nicht etwa weil ich dazu Zeit habe, sondern weil ich nach der vielen Arbeit im Augenblick etwas anderes tun möchte. Ich habe soviel Hochdruck, doch ich will mich ein wenig ablenken und fange deshalb mit meinem Schreiben an. Die Hitze ist heute noch dazu so stark, daß es fast unangenehm ist, wenn man seine verschwitzte Uniform an hat.  Ich habe heute erfahren, daß man Zucker  kaufen kann, doch nur zentnerweise. Jetzt werde ich mich mit einigen Kameraden zusammentun und mich mit denen teilen. Ich glaube, daß Du diesen noch brauchen kannst, auch wenn bei Dir die Haupteinmachzeit vorbei ist. Ich denke aber in erster Linie daran, daß Du vielleicht noch Pflaumen oder ähnliches einmachen willst. Wegen Gardinen habe ich mich auch schon verschiedentlich umgesehen. Es gibt da so ganz fertige Sachen mit eingearbeiteten bunten Blumen.  Ich denke, daß sich das vielleicht ganz gut machen würde, wenn Du so etwas in der Küche verwenden würdest. Ich habe das also noch nicht vergessen, doch muß ich immer zusehen, wie ich es mit dem Geld einrichte. So mache ich das nach und nach und Du kommst auch zu diesen Sachen. Wenn ich jetzt diese Schuhe besorgt habe, brauchen wir meines Erachtens im nächsten halben Jahr keine mehr.  Es handelt sich nur noch um die Sachen, die ich mir hier für meinen Dienst beschaffen will, aber ich denke, daß ich das auch schaffen werde. Du brauchst davon den Eltern nur insoweit von diesen Käufen erzählen, als Du es für notwendig erachtest. Das überlasse ich also ganz und gar Dir. 
                                                                                         26.7.41
Heute früh hat es ein heftiges Gewitter gegeben, die erhoffte Abkühlung ist zwar leider ausgeblieben. Es ist fast noch schwüler wie am Tag vorher. So ein starkes Gewitter wie heute habe ich hier noch nicht erlebt. Für Deinen Brief vom 21. danke ich Dir bestens. Ich habe mich gefreut, als Du mir mitteilen konntest, daß es mit Vater soweit besser geht, daß Du abreisen kannst. Ich glaube nun annehmen zu können, daß Ihr heute in Leipzig seid. Ihr werdet nach den getroffenen Reisevorbereitungen auch froh sein, wenn Ihr dort angekommen seid. Den Kindern wird es eine große Freude gewesen sein, so eine lange Fahrt mitzumachen. Die Kartengeschichte macht schon etwas Schwierigkeiten, aber das muß man eben jetzt mit in Kauf nehmen. Wegen Vaters Schuhen habe ich Dir ja schon geschrieben. Ich weiß nicht, ob er mit halben Schuhen zufrieden sein wird, oder mit hohen Schuhen, die Gummisohle haben. Mit dem Hut von Helga hast Du Dir ja ziemlich Arbeit gemacht. Ich sende Dir und den Kinder, ebenso Deinen Eltern, recht herzliche Grüße und Küsse. An Dich möchte ich wieder besonders denken und hoffe, daß Du Dich einige Tage ausspannen kannst. Dies wünscht Dir Dein Ernst

Brief 155 vom 23./24.7.1941


Liebstes Mädel !                                                                                               23.7.41       

Ich sende Dir heute noch einige Abzüge von den Bildern, die bei unserem Grubenbesuch gemacht worden sind. Einen Teil hast Du ja schon erhalten. Wenn Du den Eltern davon eins geben willst, ist mir das gleich. Weiterhin habe ich noch ein weiteres Bild beigefügt, wie ich in unserem botanischen Garten tätig bin. Das ist bei uns im Hof gemacht worden, als ich unseren Garten sprenge. Es sieht etwas nach nichts aus, doch auch wieder ein Erinnerungsbild.  Weiter lege ich noch einen Ausschnitt aus unserer Zeitung bei, der Dich sicher interessiert, weil es die Anwerbung von Freiwilligen behandelt. Hier bei uns hat sich gestern auch ein Holländer gemeldet, der gleich abrücken wollte, um gegen die Bolschewisten zu kämpfen. Wir haben die nötigen Schritte für ihn getan, ich denke, daß er bald zu seinem Ziele kommen wird.  Die 17,-RM habe ich heute erhalten. Ich Danke Dir vielmals Dafür.  Für Deine beiden Briefe vom 17. und 18. danke ich Dir recht vielmals. Ich mache mir schon Gedanken, wie Du jetzt nach Deiner erst kurz überstandenen Krankheit das alles schaffen wirst. Vor allem auch deshalb, weil der Arzt und Du selbst auch sagst, daß es noch nicht vorbei sei und daß das nicht so schnell weggeht. Du mußt sehr Obacht geben, daß das nicht chronisch wird. Mit Vaters Garten und auch mit unserem hast Du ja sehr viel Arbeit gehabt.  Du tust mir sehr leid, daß Du jetzt alles allein machen mußt. Mit der Beerenernte kannst Du wohl zufrieden sein. Der Zucker fehlt zwar doch, wenn Ihr sie so gegessen habt, sind sie Euch doch zugute gekommen.  Was Vater selbst anbelangt, so geht es ja nicht, daß er denkt, er käme die ganze Zeit ohne Essen aus, denn er ißt schon nicht viel, und zum Zusetzen hat er nichts mehr.  Wenn er sich nicht ein bißchen hält, kann er schnell auf diese Weise Schluß machen. Das ist doch nicht nötig, wenn er nicht immer so eigensinnig wäre. Wenn er auch keinen Appetit hat, so soll er sich doch etwas zum Essen zwingen. Ich bin gespannt, was der Arzt sagt. Erschreckend ist ja, wie Du schreibst, daß er teilweise seine Farbe gewechselt hat.  Wenn Elsa kommen sollte, möchte ich nochmals betonen, daß sie entsprechend ihrer Personenzahl mit zupacken muß. Es geht einfach nicht, daß etwa andere Personen, auch wenn es gute Bekannte sind, auf Kosten Deiner Gesundung sich erholen und Du nachher den Schaden hast. Mache es bitte so wie ich Dir schon geschrieben habe und tue mir den gefallen und schone Dich. Daß Du jetzt mit der Schokolade etwas zusetzen kannst und daß Du sie gebrauchen kannst, freut mich sehr. Wesentlich ist, daß sie Dir eine passende Ergänzung ist.
Hast Du noch genügend, oder muß ich wieder welche besorgen. Gib mir darüber rechtzeitig Bescheid. Solange ich noch welche erhalten kann, sollst Du sie nicht entbehren.  Daß unsere Helga sich allein zum Zahnarzt getraut hat, ist doch sehr schön, auch daß sie allein zum Arzt sonst geht, zeigt doch, wie groß unsere Göre schon geworden ist. Das hat mich sehr gefreut, daß sie keine Angst hat vor der Zahnbehandlung. Hoffentlich kommt alles gut in Ordnung, daß Du Deinen verdienten Urlaub antreten kannst. Ich wünsche Dir jedenfalls von ganzem Herzen ein paar Tage Entspannung. Ich sende Dir, den Kindern und auch den Eltern recht herzliche Grüße und viele Küsse Dein Ernst
Liebste Annie!                                                                                                           24.7.41

Ich Danke Dir herzlich für Deinen Brief vom 19.7. und muß sagen, daß Du Dir schon wieder viel zu viel vornimmst. Wenn Du bei der vielen Arbeit nicht zum Schreiben kommst, so nehme ich Dir das ja gar nicht übel. Erstens mußt Du Vater versorgen, hast am Tag über die viele Lauferei, besorgst noch den Garten und willst noch die Beeren versorgen, außerdem mußt Du noch Deine Reisevorbereitungen treffen. Ich habe Bedenken, daß Du Dir zuviel zumutest und mir am Ende zusammenklappst. Ich hoffe, daß Du nun heute oder morgen fahren kannst, damit Du endlich einmal etwas Entspannung hast. Das sieht ja Vater ähnlich, er wird sich erst rühren, nachdem das Kind in den Bach gefallen ist. Jetzt merkt er, daß er sich für sein Alter zuviel zugemutet hat. Wenn alles wieder in Ordnung ist, hoffe ich, daß er sich an seine guten Vorsätze hält und nicht wieder mit den gleichen Methoden zurückfällt.  Ich freue mich, daß Du das eine Zimmer der Kinder noch zu gelegener Zeit hast umräumen können, so daß Du diese Arbeit nicht noch zur letzten Minute machen brauchst. Ich hoffe, daß Ihr eine gute Reise machen könnt und daß Ihr richtig ankommt.  Daß das Päckchen an Kurt wieder zurückgekommen ist, spricht wahrscheinlich für die Tatsache, daß er nach Rußland mit hat abrücken müssen.  Gestern habe ich für Dich noch ein Paar Schuhe erstanden und für Helga ein Paar Sandalen. Für mich habe ich auch ein Paar Schuhe gekauft.  Ich wollte zwar hohe Schuhe haben, doch es gibt nur noch halbe Schuhe mit Ledersohle. Alles, was neu in die Geschäfte rein kommt, wird nur noch mit Gummisohlen geliefert oder für den Sommer mit Holzsohle. Ich hoffe, daß Dir diese Schuhe auch passen werden und Dein gefallen finden. Für Jörg habe ich versucht, ein Paar noch zu erhalten, doch es waren keine mehr von dieser Nummer da. Wenn nochmals welche hereinkommen, dann wird noch ein Paar für ihn zurückgelegt. Für Vater ist es nun so, daß ich also nur noch welche mit Gummisohle erhalten konnte. Aber ihm das zusagt, weiß ich nicht.  Hast Du übrigens Interesse an ein Paar Schaftstiefeln für Dich oder nicht. Es wäre vielleicht möglich, daß ich hier welche machen lassen könnte. Du kannst mir das ja einmal mitteilen. Ich denke, daß da vielleicht Braune in Frage kommen.
Das teile mir einmal bei Gelegenheit mit.  Heute grüße und küsse ich Dich herzlich und bitte Dich, den Eltern viele Grüße von mir auszurichten. Für heute bin ich Dein Ernst

Donnerstag, 21. Juli 2016

Brief 154 vom 21./22.7.1941


Meine liebe Frau !                                                                                     21.7.41       

Gestern erhielt ich Deinen lieben Brief vom 16.7., der mich sehr überraschte und zwar insofern, daß in der Kette der Kranken nun Vater an der Reihe ist. Das hat nun noch gefehlt, daß das vor Deiner Abreise passieren muß. Hoffentlich ist dies nicht dadurch in Frage gestellt. Ich muß schon sagen, daß diese mit ziemlichen Hindernissen vor sich geht. Ich hoffe, daß es nicht sehr ernstlich mit Vater ist und daß es ihm bald wieder einigermaßen gut geht. Das kann ich Dir doch nicht übel nehmen, wenn Du Helga zu mir ins Bett packst, denn das sind ja besondere Umstände und da gelten doch immer außerordentliche Maßnahmen. Man kann doch nicht starr nach einer geraden Linie gehen. Wichtig ist, daß man die Linie nicht aus dem Auge läßt.  Ich sende, wie ich Dir schon im letzten Brief schrieb, ab heute die Post nach Leipzig, ich hoffe, daß es Dich dann dort erreicht. Am Samstag war ich zu Besuch in Lille. Ganz zufällig habe ich auch den Tommi getroffen. Er war sehr erfreut. Ich ja auch. Er teilte mir noch mit, daß er kürzlich mit meinem neuen Chef telefoniert habe. Er soll ihm gesagt haben, daß ich ein freundlicher Kerl sei und daß er mit mir sehr zufrieden sei. Thomas hat ihm dann darauf geantwortet, das habe ich ihnen ja schon immer gesagt. Wir haben uns sonst wieder gut unterhalten Außerdem habe ich Graser noch besucht, der mir jetzt nach langen Kämpfen einen Bezugschein für ein Paar Stiefel beschafft. Gestern bin ich wieder zurückgefahren. Ich habe wieder für meinen Dienst allerhand Neuigkeiten mitgebracht, erfahren und gelernt. So ein Besuch ist, wie ich feststellen muß, von Zeit zu Zeit von Nutzen.  Hoffentlich geht es unserem Jungen wieder einigermaßen, daß sich sein Zustand bessert und daß mit dem Aufbrechen, der Vorbereitung alles erledigt ist.  Ich grüße und küsse Euch alle meine Lieben recht herzlich, Dich mein liebes Mädel besonders. Hoffentlich seid Ihr gesund dann in Leipzig angekommen. Ich hoffe, daß Du mir dann wieder Bescheid zukommen läßt. Richte auch an die Eltern viele Grüße aus Dein Ernst 

Meine liebe Frau !                                                                                              22.7.41

Wenn es Vater besser gehen sollte, dann ist es möglich, daß Ihr Euch jetzt ernsthaft auf die Reise nach Leipzig vorbereitet. Ich hoffe, daß sich sein Zustand nicht als so schlecht erweist wie es mir nach Deinem Schreiben anfänglich schien. Ich hoffe, heute wieder Post von Dir zu bekommen und zu erfahren, wie es ihm geht. Für Dich ist das ja auch wieder eine Belastung, ich weiß zwar, daß Du das Pflegeamt gern übernimmst und daß Du ihn nicht gern in das Krankenhaus schickst. Ich halte es von ihm, wie ich das früher schon gesagt habe, für ungeschickt, wenn er sich sein bißchen Essen immer selbst gekocht hat. Ich sagte früher schon immer zu ihm, daß er mit bei uns essen soll, denn dann hat er seine geregelte Mahlzeit und braucht dann nicht immer erst anfangen, wenn er heimkommt. Ich denke jedenfalls, daß das Kochen für eine weitere Person Dir nicht viel mehr Schwierigkeiten gemacht hätte, aber er dachte ja immer, daß er besser so günstiger einkaufen  und leben kann. Die Schwierigkeiten stellen sich aber dann ein, wenn der Körper genug geschwächt ist. Ich hoffe, daß es ihm wieder leidlich besser geht und daß es ihn nicht so sehr gepackt hat. Dir und den Kindern wünsche ich sehr gern die Reise und einmal etwas Abwechslung aus dem täglichen Trott.
Der Oberbürgermeister von Konstanz hat mir wieder geschrieben, ich soll ihm die Bescheinigung zusenden, daß ich nicht aus dem Dienst der Stadt Konstanz austrete, bevor 5 Jahre beendet sind und bevor ich den Oberbürgermeister befragt habe. Ich hatte mit Absicht diese Bescheinigung zurückbehalten und mir gedacht, wenn er sie haben will, dann wird er schon schreiben. Das hat er nun getan. Ich habe ihm gestern gleich die Bescheinigung unterschrieben zurückgesandt. 
Das Wetter hat sich wieder ganz schön gemacht, nachdem es sich so ziemlich ausgeregnet hatte. Auffallend ist nur, daß es gegen morgen verhältnismäßig kühl ist. 
Vom Kamerad Graser habe ich am Samstag in Lille eine Bescheinigung erhalten, daß ich berechtigt bin, ein Paar Stiefel zu kaufen. Die muß ich in den nächsten Tagen bestellen, denn sonst treten wieder neue Bestimmungen in Kraft. Dort erhalte ich diese für 25,-RM, bei uns in Deutschland muß ich fast das Doppelte bezahlen. Fraglich ist dann, ob ich überhaupt welche bekomme. Stoff für eine Hose soll ich auch bekommen, so daß ich dann hier wieder etwas rechtes anzuziehen habe. Das Zeug, was ich jetzt trage, sieht teilweise sehr abgeschunden aus. Ich muß auch da wieder sehen, daß ich etwas gestellt bekomme. Auf diesem Wege dauert es aber meist etwas länger. Man darf aber nur nicht die Geduld verlieren. Du siehst, man hat auch auf diese Weise immer seine Sorgen.
Dir sende ich viele herzliche Grüße und viele Küsse. Ich wünsche Dir recht gute Erholung und den Kindern gute Unterhaltung. Daß Du Dich auf einige Tage entspannst wünscht Dir
Dein Ernst

Sonntag, 17. Juli 2016

Brief 153 vom 17./19.7.1941


Mein liebes Mädel !                                                                                   17.7. 41         

Ich fange gleich an mit dem Schreiben meines Briefes ehe die Post eintrifft, da es mir gerade möglich ist. Ich habe vorhin nochmals die Gehaltsangelegenheit durchgesehen, und ich muß sagen, daß ich nicht ganz klar dabei sehe. Du wirst wahrscheinlich jetzt Dich nicht viel damit beschäftigen können. Ich möchte aber diese Frage trotzdem einmal anschneiden. Nach dem Schreiben des Oberbürgermeisters vom 13.7., wovon Du dort einen Durchschlag hast, ist ein Grundgehalt von  255,68 RM errechnet worden. Hinzu kommen noch 2x20,-RM Kinderzuschläge 40,-RM = 295,68 RM Wie ich Dir seinerzeit schon berichtete, kommen dabei noch in Abzug die Prozente, die für meinen Bedarf gedacht sind. Nach Deiner Mitteilung vom 30.6. lautet mein Gehaltszettel über    267.09 RM. Ich will annehmen, daß die angeführten Abzüge stimmen und das soll auch keine Rolle weiter spielen. Wesentlich ist dabei, wie sich das errechnet. Wichtig ist dabei weiter, daß ich noch eine Nachzahlung erhalten müßte, weil diese Abzüge ab 25.4.41, also nachträglich genehmigt worden sind. Mir scheint, daß das nicht ganz stimmt. Vor allem sieht man bei dieser Abrechnung nicht klar.  Dann sollten ja auch noch nach einem Schreiben des Oberbürgermeisters für ausgelegte Kosten für Bücher 12,50 RM in 3 Monatsraten abgezogen werden. Wie gesagt, wenn das Fräulein Bucher so eine glatte Summe hinschreibt, kann man daraus nichts entnehmen und die Übersicht geht verloren. Ich kann zwar an die Gehaltsstelle schreiben, wie sich diese Beträge errechnen, ich finde aber, daß für die dort mehr Arbeit entsteht, als wenn Du vorbeigehst und Dich erkundigst. Wenn Du das vor Deiner Abreise noch machen und regeln kannst, so kläre das doch bitte noch. Es tut mir jetzt leid, daß ich Dich deswegen  noch rumjage, aber ich habe mir das noch mal angesehen und bin der Ansicht, daß das nicht ganz stimmt.  Als ich Deine Mitteilung damals erhielt, wollte ich Dir das auch nicht schreiben, weil Du noch krank warst und Du Dir deshalb keine Gedanken machen solltest. Wenn es Dir nicht möglich sein sollte, daß Du noch vorbeigehst, dann werde ich schreiben. 
18.7.41
Für Deinen Brief vom 12.7. danke ich Dir herzlich. Das mußte nun nicht kommen, daß unser Stromer sich vor der Reise noch ins Bett legt. Doch es ist besser, wenn es jetzt passiert, als wenn es dann in Leipzig gewesen wäre. Richtig ist, daß Du den Arzt zugezogen hast, denn man ist doch dann immer beruhigter, als wenn man nach Gutdünken die Sache behandelt. Daß Du das nach bestem Wissen und gewissen richtig machtest und Dein Möglichstes tust. Hoffentlich geht alles gut vorbei, damit unser Strolch bald wieder auf der Höhe ist.  Ich bin heute in Eile, denn ich habe ziemlich Hochbetrieb. Ich bin deshalb froh, daß ich gestern schon angefangen habe. Es grüßt und küßt Euch alle recht oft und herzlich Dein Ernst

Mein liebes Mädel !                                                                                          19.7.41

Herzlich danke ich Dir für Deine beiden Briefe vom 14. und 15.7.  Ich möchte gleich vorweg stellen, daß dies der letzte Brief ist, den ich jetzt nach Konstanz schicke, den nächsten werde ich nach Leipzig senden.  Wie ich die Dinge hier sehe, ist es wohl nicht möglich, daß ich zum Urlaub nach Leipzig kommen kann. Wann ich dann dran komme, weiß ich noch nicht. Ich werde Dir aber rechtzeitig Bescheid geben, wenn es soweit ist. Mit Freude habe ich davon Kenntnis genommen, daß es Jörg wieder besser geht und daß damit zu rechnen ist, daß er bis zur Abreise wieder gesund ist.
Die Sendung mit den Socken wird wohl inzwischen eingetroffen sein. Hoffentlich passen sie, wenn nicht, so muß Du sie eben zurückschicken. Die neue Gehaltsabrechnung habe ich mir angesehen, ich glaube, daß es so sogar stimmt. Wegfall der Angestelltenversicherung und die anderen Beiträge kommt erst dann in Frage, wenn ich Beamter geworden bin. Das ist bis jetzt nicht der Fall, so daß der Abzug schon zu Recht besteht. Ich denke, daß Du mit dem zurückgelegten Geld auskommen wirst. Ich nehme an, daß sich Dein Vater ein wenig anstrengt und etwas für Euren Besuch übrig hat. Ich will zwar nicht haben, daß Du auf ihn angewiesen bist, aber ich kenne im Allgemeinen seine Tour, im Übrigen verläßt er sich auf Deine Mutter. Mit dem gesandten Geld, was mir diesmal von Dir in Aussicht steht, werde ich zusehen, wie ich zurande komme. Lasse Dir aber für Euer bißchen Urlaub nichts abgehen und schmälere bitte den kleinen Geldvorrat nicht, denn Du brauchst es bestimmt. Wenn man nichts auf der Hand hat bei so einer Reise, ist das nichts. Die Erinnerung an die Lebensmittelmarken war ja nicht nötig. Aber er hat eben Eigenheiten. Mit dem Garten hast Du also ziemlich Arbeit gehabt, vor allem mit dem Einmachen. 
Wegen der Schuhe und Sandalen bin ich noch nicht Dazu gekommen, dies zu erledigen, doch ich verliere die Sache nicht aus dem Auge. Wenn das mit der Krankenkasse vorläufig so bleiben kann, so ist das schon recht. Einesteils hast Du den Krankenschutz und brauchst Dich nicht weiter darum kümmern.
Das Wetter hat nun etwas abgekühlt und geregnet hat es auch. Ich wünsche Dir und den Kindern eine recht gute Reise und soweit es möglich ist, eine recht gute Erholung. Die Eltern bitte ich zu grüßen von mir. Ihren Brief werde ich in den nächsten Tagen beantworten.  Dir und den Kindern wünsche ich alles Gute, grüße und küsse Euch recht herzlich Dein Ernst

Brief 152 vom 16./17.7.1941


Mein liebstes Mädel !                                                                                    16.7. 1941     

Ich habe, um es wieder gleich am Anfang festzustellen, gestern keine Post von Dir erhalten. Das gleicht sich aber an einem anderen Tag wieder aus.  An unsere Helga habe ich gestern einen Brief geschrieben. Es ist etwas mehr geworden, als ich eigentlich wollte. Sie hat aber so lang warten müssen, daß sie schon etwas mehr verdient hat. Ich wollte ihr noch antworten, bevor Ihr auf Reisen geht. Sie hat jetzt ja Zeit, um einen längeren Brief lesen zu können. Gestern Abend war ich im Kino. Es wurde „Die schwedische Nachtigall“ gespielt. Es ist dies ein Film um den Märchendichter Andersen und die große Sängerin Jenny Lind spielt. Der Film ist zwar nicht schlecht gewesen, aber auch da kann man nicht sagen, daß er besonders hervorragend war. Es ist ja meines Erachtens schwer, das Lebensschicksal eines Menschen zu zeigen, das, um das geschichtliche nicht zu stören, in einen Rahmen hineinpassen muß. Durch diesen Zwang wird das alles etwas schief. Man muß das aber in Kauf nehmen. Die Wochenschau war aber sehr interessant und hat packende Bilder vom Rußlandfeldzug gebracht. Es ist ja ganz phantastisch, wie wir da wieder zugepackt haben und unter welchen Umständen unsere Soldaten dort kämpfen müssen. Die Gegner machen ja nur den denkbar schlechtesten Eindruck. Ich sende Dir wieder einen Teil unseres Schriftwechsels zurück. Ebenfalls einige Briefmarken, die ich mit zu verwahren bitte. Ich möchte heute mein Schreiben schließen und Dir meine besten und herzlichen Grüße und Küsse übersenden. Dein Ernst

Meine liebe kleine Frau !                                                                              16.7.41

Die vergangenen Tage habe ich ziemlich Hochbetrieb gehabt, und ich nehme an, daß in den kommenden Tagen dieser Betrieb so weitergehen wird. Heute Nachmittag ist nun eine Atempause eingetreten, die ich gleich dazu benutze, um meinen Brief an Dich anzufangen. Ich kann Dir aber bis jetzt nur vom Wetter und sonst allem möglichen erzählen, da ich ja noch keine Post bekommen habe. Am Sonntag, also vorgestern, kam das erste Gewitter nach den langen und vielen heißen Tagen. Es war sehr notwendig daß es wieder einmal geregnet hat. Es wollte scheinen, als ob sich das Wetter ändern würde. Es ist aber nicht der Fall gewesen, sondern es wurde wieder schön, doch gestern kam das zweite Gewitter. Es hat nun ein paar Mal fest geregnet. Heute hat es nun nochmals kräftig geregnet, und draußen bei uns im Hofe der Kommandantur rauscht die große Linde im Wind, der vielleicht noch etwas mehr Regen bringen wird. Es hat wohl etwas abgekühlt, doch ist das nicht gerade übermäßig. Die Linde fängt jetzt auch an zu blühen, das ist das Zeichen, daß wir nun mitten im Sommer  stehen, wie lange wird es dauern, ist die schöne Jahreszeit wieder vorbei, ohne daß man viel davon gemerkt hat. Ich weiß, wie ich letztes Jahr darüber geklagt habe, und wie ich sagte, es soll mir auch gleich sein, wenn ich diesen Sommer opfere, wie die vielen Kameraden auch, wenn dann der Krieg endgültig vorbei ist. Das ist jetzt wieder ein Jahr her und wir bringen den zweiten Sommer zum Opfer. Manche bringen ja noch mehr Opfer wie wir oder wie ich persönlich, doch manchmal meint man, es könnte wieder einmal die Zeit kommen, wo man seiner gewohnten Arbeit nachgehen kann. Ich glaube aber, daß unserer Generation das nicht bestimmt ist, denn ich habe mir schon immer wieder gesagt und überlegt, daß wir keine Ruhe haben dürfen und haben können. Nur durch unser ständiges Bereitsein und durch die dauernde Anspannung sind wir in der Lage gewesen, diese  enormen Spannkräfte mitzubringen, die jetzt von uns gefordert werden. Es gibt zwischendurch einmal Zeiten, da lassen sie etwas nach, doch da bleibt uns nichts weiter übrig wie kurz zu treten, damit man nicht den Gleichschritt verliert. Nach dem Kriege wird es auch nicht anders werden, denn dann gilt es, das Erkämpfte auszubauen und zu festigen, sonst wäre ja zuletzt alles umsonst gewesen. Wahrscheinlich ist ja dann dabei wieder, daß man zusammenleben kann. Es ist dann alles viel einfacher und man kann dann wieder gemeinsam alles ertragen. Doch lassen wir das "In-die-Zukunft-sehen" und Philosophieren, es tritt alles an uns heran, und wir werden es meistern wie bisher auch.   Du hast nun sicher schon Reisegedanken. In wenigen Tagen geht es dann ab.
Ich denke, daß sich die Eltern auch freuen, wenn Du wieder einmal bei ihnen bist. Du kannst dann mit Deiner Mutter über dies und jenes reden, für die Kinder ist diese Reise nun schon mehr von Interesse, denn sie sehen das nun mit ganz anderen Augen, wie wo wir 1935 dort waren. Unsere Beiden kriegen sicher nun auch langsam Reisefieber. Laß Dich aber durch sie nicht aus der Ruhe bringen. Vater kannst Du übrigens mitteilen, daß ich versuchen werde, ihm ein Paar Schuhe zu besorgen. Ich kann mich nicht mehr genau entsinnen, ob ich Dir das schon mitgeteilt habe. Für den richtigen Sitz kann ich ja keine Garantie übernehmen. Den Betrag von 15,-RM etwa, es kann sein, daß sie billiger sind, kann er mir zuschicken. Ich teile ihm dann mit, was sie genau kosten. Mach ihm aber bitte klar, daß ich nicht versprechen kann, ob sie ihm gefallen, denn Du weißt ja, wie er gern bei solchen Sachen reklamiert.
17.7.41 gestern erhielt ich noch keinen Brief von Dir. Ich möchte deshalb nur unter diesen Brief einen Gruß setzen. Ich hoffe, daß Ihr alle miteinander gesund seid und grüße Dich sowie die Kinder und sende dazu noch viele herzliche Küsse. Dein Ernst

Donnerstag, 14. Juli 2016

Brief 151 vom 14./15.7.1941


Meine liebe Frau !                                                                              14.7.41   

Ausnahmsweise erhielt ich schon heute Mittag Deinen lieben Brief vom 11.7., für den ich Dir wiederum herzlich danke. Ich fange deshalb auch gleich mit der Beantwortung an, denn ich weiß nicht, wie ich vielleicht morgen dazu komme. Bei uns ist es jetzt so, daß man von einem Tag auf den anderen immer mit etwas Neuem rechnen muß. Man muß sich auf solche unvorhergesehene Ereignisse immer einstellen, dann ist man niemals überrascht. Mit Rücksicht auf den Nationalfeiertag haben wir hier fast gänzlich Ausgehverbot seit Samstag. Um der Bevölkerung keinen Anlaß zu geben, sich in irgendeiner Weise herausgefordert zu fühlen. Für die Mannschaften herrscht verstärkter Einsatz, vor allem während der Nacht. Nun habe ich mich seit Samstag außer im Büro nur daheim in der Wohnung bzw. in unserem Garten aufgehalten. Heute ist hier nun auch Arbeitsruhe, was uns selbst ja nicht berührt. Die Leute verhalten sich, bis auf einige kleine Anzahl Aktionen, ruhig. Es wurden wohl verschiedentlich kommunistische Flugblätter verbreitet, oder Straßen mit Inschriften bemalt, doch das sind unter der großen Masse der Bevölkerung doch immer wieder nur einzelne Erscheinungen. Wenn sich auch einmal mehrere Menschen zusammentrommeln lassen, so sind diese doch sofort hilflos, wenn man sie ihres Anführers beraubt.
 
15.7. 41
Ich war gerade so mitten im Schreiben, als ich abbrechen mußte, weil wir, unser Kriegsverwaltungsrat und ich ein Vernehmungsprotokoll übernehmen mußten über einen Polizeikommissar, der sich uns gegenüber etwas daneben benommen hat. Es war, nachdem wir inzwischen Abendbrot gegessen hatten, fast 10 Uhr geworden. Das muß aber nun einmal sein.  Doch jetzt zu Deinem Brief. Ich habe davon Kenntnis genommen was Dir Gerhard geschrieben hat, ich möchte nur nicht gern, daß Du Dich etwa durch die Mehrbelastung, die durch die drei Personen eintritt, erneut überanstrengst und mir dann wieder krank wirst. Ich bitte Dich, wenn Elsa kommt, diese nun nicht etwa als reinen Feriengast zu betrachten, sondern ihr zu sagen, daß sie für ihr Teil schon etwas mithelfen muß. Denn Du kannst Dir diese Last nicht allein aufbürden. Einesteils freue ich mich, wenn Du jemand hast, mit dem Du Dich den Tag über dies und jenes unterhalten kannst. Das kannst Du ihr ja bei Deinem Besuch in Leipzig klarmachen, und wenn sie unter diesen Umständen mitfahren will, bin ich durchaus einverstanden. Ich will nur nicht haben, daß Du nach der erst kürzlich überstandenen Krankheit Dich wieder so übernimmst. Du glaubst manchmal stärker zu sein und Du weißt doch selbst, daß Du kein Riese bist. Du weißt genau, daß ich das in Deinem und vor allem dann wieder in unserem Interesse schreibe. 
Mit der Abkommandierung unseres Assessors und dem Einrücken des neuen Kriegsverwaltungsrats gibt es wieder ganz andere Gesichtspunkte in Bezug auf die Arbeit. Der neue Chef sagte, ich sei ihm zu schade, als daß ich nur das Kraftfahrzeugwesen bearbeite. Jetzt soll ich das gesamte Polizeiwesen die Mitüberwachung des Kraftfahrzeugwesens und noch drei bis vier andere Arbeitsgebiete bekommen. Die Entscheidung wird wahrscheinlich heute oder morgen fallen. Mir macht das ja nichts aus, denn ich kann dabei immer wieder nur lernen.  Wenn die Sache endgültig ist, werde ich es Dir genauer mitteilen.  Jetzt muß man alles selbst machen. Vorerst sogar das Schreibmaschinenfräulein, doch das ist nur vorübergehend. Es soll für unsere Abteilung selbst eine angefordert werden. Eigenartig ist nur, daß ich auch immer mit dabei sein muß, wo von Anfang an etwas neu aufgebaut wird. Der Neue ist ja auch eigens dafür hierher versetzt worden, um das in die Wege zu leiten. Obwohl wir erst vor einigen Tagen in unseren neuen Büros eingezogen sind, besteht bei unserem neuen Chef die Absicht, für unsere Militärverwaltungsabteilung ein besonderes Haus zu beziehen, damit wir vom Kommandostab (das sind die, mit denen wir sozusagen auf Kriegsfuß stehen) völlig getrennt sind. Allzu viel kann ich ja davon nicht berichten, aber das kann man sich ja einmal für später aufheben, wenn wir uns wieder einmal im Urlaub sehen.  Nachdem es gestern ein Gewitter gegeben hatte, das auch über Nacht  die nötige Abkühlung brachte, kommt jetzt schon wieder die Sonne durch. Man kann direkt schon wieder von schönem Wetter sprechen. Der Regen war hier auch sehr notwendig.  Am Samstagmittag fahre ich wahrscheinlich wieder einmal nach Lille hinüber. Ich war ja lange nicht mehr dort. Der Dienst hat mich auch in letzter Zeit ziemlich in Anspruch genommen.  Da fällt mir gerade noch ein. Ich glaube, ich hatte Dir am Anfang geschrieben, daß wir hier etwa 20 000 Einwohner hätten. Das stimmt nicht ganz, denn ich stellte dieser Tage anhand einer Aufstellung fest, daß es 42 000 sind. Die Stadt ist also etwas größer wie Konstanz. In Bezug auf Sauberkeit, das habe ich Dir ja früher geschrieben und auch gesagt, kann man ja keine Vergleiche anstellen. 
Da hast Du ja ganz schön Johannisbeeren ernten können, wenn Du die Stachelbeeren dazurechnest, kommen etwa 50 Pfund zusammen. Hat denn der ganz kleine Strauch auch Beeren gehabt? Es würde mich interessieren, von welcher Sorte das sind. Ob die roten oder die harten großen Beeren von dem oberen Stock. Da ist ja eine Sorte so gut wie die andere.  Heute habe ich Dir ja wieder einmal ziemlich viel geschrieben. Du wirst es mir ja nicht verübeln, denn da kenne ich Dich ja viel zu gut. Wenn ich aber noch etwas von hier schreiben soll, so sollen es die sozialen Verhältnisse sein. Dieser Tage sprach ein Mann bei mir vor, der hatte eine Familie von sieben Kindern zu ernähren. Er bekam alle 14 Tage 285,-Francs Krankengeld. Wenn Du bedenkst, daß ein Franc 5 Pfennig wert ist, kannst Du Dir ausrechnen, wie die Leute in diesem Sozialstaat leben. Das war wieder einmal ein Streiflicht, was man hier so tagtäglich erleben kann, wenn man die Augen für so etwas offen hat.  Jetzt sende ich Dir recht herzliche Grüße und viele Küsse. Ich hoffe gleichzeitig, daß es Dir und den Kindern gesundheitlich ordentlich geht. Richte bitte an Vater viele Grüße aus und nimm selbst nochmals viele Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst