Freitag, 10. Juli 2015

Brief 25 vom 10.7.1940


Meine liebe gute Frau!                                                          Lille, den 10.Juli 1940

 Einen Teil meiner Post wirst Du ja inzwischen schon erhalten haben.
Wie ich Dir gestern schon schrieb, wollte ich ja heute ins Bad gehen oder ins Kino. Nun ist aus beidem nichts geworden. Ich habe zwar dienstlich das Bad besichtigt und habe mir die eigentliche Ausnutzung dieser Besichtigung für die nächsten Tage vorgesehen.
Den Dienst kann man so im Allgemeinen aushalten. Ich habe bis jetzt die Ausstellung von Passierscheinen bezw. die Genehmigung von Weiterreisen von hier nach auswärts zu bearbeiten. Die Unterschriftbefugnis ist mir für einen gewissen Teil auch übertragen worden, so daß ich bis jetzt ziemlich selbständig arbeiten kann.
Es sind dabei verschiedene Franzosen zur Vorbearbeitung dieser Sachen beigegeben. Ich muß nun sehen, wie sich alles hier weiter entwickelt.
Ich hatte Dir ja schon in Konstanz gesagt, daß man mir dort die Schönheit dieser Stadt gepriesen hat. Als ich nun hierher kam, war ich ja sichtlich enttäuscht. Diese Stadt zeigt noch ziemlich Spuren des Weltkrieges auf und man gewinnt teilweise den Eindruck, als ob die Bevölkerung oder die sonst zuständige Stelle kein Interesse an dem Wiederaufbau hat. Es kann ja auch sein, daß einige Leute mit diesem Boden spekulieren wollen, jedenfalls erscheint alles sehr ungepflegt.
Stellenweise sind mitten im bewohnten und bebauten Gebiet halb abgerissene Häuser oder die stehengebliebenen Reste sind durch Balken abgestützt. Da nun dies alles sehr verrußt ist, sieht man ohne weiteres, daß dieser Zustand schon ziemlich lange besteht. Bretterzäune sperren teilweise auch diese Stellen ab. Wie gesagt, es sieht alles sehr verwahrlost aus.
Am Denkmal für die gefallenen Soldaten aus dem Weltkrieg hat man den Rest einer zerschossenen Kirche stehen lassen. Man wollte damit die Deutschen wahrscheinlich für ihre Barbarei  für immer festnageln. Wir sind ja auch hier dabei, sämtliche Denkmäler, die einen für uns beleidigenden oder herabsetzenden Inhalt ihrer Inschriften haben, zu überprüfen. Was dann damit geschieht, wird man ja dann sehen.
Von der Dienerin meines Hauswirts habe ich ja neulich auch schon geschrieben. Gestern habe ich wieder feststellen müssen, daß dieses Fräulein, denn ich nehme an, daß es noch eins ist, sehr um mein Wohl und Wehe besorgt ist. Mein Zimmer konnte bis jetzt noch nicht abgedunkelt werden. Weil nun nach Eintritt der Dunkelheit hier auf alle Fenster von der Feldgendarmerie geschossen wird, hat sie jetzt alles mit Papier abgedichtet, damit ich mich auch abends, wenn ich heimkomme, ungehindert bewegen kann.
Da wir uns nun durch unsere verschiedenen Sprachen nur sehr schlecht verständigen können, hatte ich sie falsch verstanden, denn sie hatte mir das gleich an der Haustüre mitgeteilt, daß sie die Veränderung vorgenommen hatte. Ich hatte nun verstanden, daß sie jetzt Klosettpapier hingetan hätte. Es hat sich ja dann herausgestellt, daß es Papier für Fenster war.
Im Großen und Ganzen verkehre, oder besser gesagt, esse ich in den gleichen Lokalen und dort wissen sie meistens schon, was ich haben will. Es ist eben nicht so einfach, wenn man für sein eigenes Essen sich selbst umtun muß.
Wie ich Dir ja auch schon schrieb, haben wir von der Oberfeldkommandantur, der wir ja angehören, in einem der größten Hotels gemeinsames Mittagessen. Meistens bewegen sich ja in diesem erlauchten Kreise nur Offiziere und es ist also für die Beamten das Kasino. Da nun ein General mit dabei ist, so geht dort alles nach Etikette, doch an das habe ich mich genau so gewöhnt wie an das Essen aus dem Kochgeschirr beim Kommis. Man sieht daraus wieder, daß der Mensch sich an alles gewöhnt.
Gestern habe ich Dir ja schon geschrieben, daß ich Dir einige nette Sachen gekauft habe. Heute habe ich wieder einiges dazu gekauft, doch mache ich mir Gedanken, wie ich das Dir nun übermitteln kann, da Feldpostpäckchen  nur bis 250 Gr. gehen. Ich hoffe aber, daß sich im Laufe der Zeit eine Gelegenheit geben wird.
Ich möchte Dir heute wiederum noch einmal mitteilen, daß ich hier wirklich vollauf und genügend zu essen habe und ich bitte Dich, schickt mir von dem wenigen was Ihr habt, nichts hierher. Ich kann mir bei meinem jetzigen Einkommen immer wieder etwas dazu kaufen.
Sei nun wiederum herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem oft an Dich denkenden Ernst.
Gib den Kindern wieder einen recht herzlichen Kuß und sage ihnen, daß ich sie herzlich grüßen lasse.
Richte auch Vater viele Grüße von mir aus.


Brief 24 vom 7./8.7.1940


Meine liebe Annie!                                                          Lille, den 7.7.1940                

Morgen früh geht wieder Post fort und ich möchte Dir gleich wieder schreiben, wie es mir geht und was ich erlebt habe. Voraus möchte ich gleich nehmen, daß es mir wirtschaftlich in meinem Leben noch nie besser gegangen ist wie jetzt hier.
Ich kann schon sagen, daß ich z.Zt. lebe wie der liebe Gott in Frankreich. Im essen und trinken geht mir aber auch gar nichts ab und die Kameraden, die ich bis jetzt getroffen habe, waren soweit auch sehr nett zu mir.
Eines fehlt mir aber trotzdem, und das ist meine Familie und die Ordnung, die ich damit habe. Die Verhältnisse verlangen es aber, daß ich mich auf sie umstelle.
Ganz so poplig bin ich ja jetzt nicht mehr dran, weil ich rein äußerlich nicht mehr der Rekrut oder der einfache Soldat bin wie die vorhergehenden Wochen, denn allein durch den einen Stern sieht das nach außen hin schon ganz anders aus; zudem beziehe ich jetzt am Wehrsold in 10 Tagen nicht 10,-RM, sondern 18,-RM. Das Schlafen wird ja von irgendeiner Stelle übernommen, darum brauche ich mich nicht kümmern und Verpflegungsgeld bekomme ich tägl. 5,50RM. Ja, da staunst Du.
Aber es ist so, daß ich an dem gemeinsamen Mittagstisch der Oberfeldkommandantur, zu der wir auch gehören, teilnehmen muß, und das kostet 1,50 RM pro Mittag.
Heute war ich zum ersten Mal dabei. Es gab hors d`oeuvre(Vorspeise), Sardellen, Kartoffelsalat und ein paar Radieschen. Dann gab´s ein halbes Hühnchen mit Gemüse(Erbsen und junge Bohnen) und gekochte überbackene Kartoffeln. Als Nachtisch ein Stückchen Torte. Außer Verpflegung franz. Rot- und Weißwein (Beutewein)soviel man will. Ein echt französisches Essen, aber auch gut. Sonst habe ich hier schon woanders gegessen für zusammen 70 Pfennig einschließlich eine Bouteille Wein (etwa 1/2 l). Daß man hier noch so billig leben kann  kommt ja daher, weil der Franken nur 5 Pfennig gilt.
Eine Bitte hätte ich heute noch an Dich, sende mir doch baldmöglichst ein deutsch-französiches Wörterbuch. Ich habe doch noch so etwas daheim gehabt (Taschenformat) vielleicht findest Du das. Außerdem hatte ich noch ein gelbes und ein rotes englisches Buch; wenn Du das findest, kannst du mir das auch mit senden.  
Wie ich schon erfahren habe, muß man sich mit Geduld wappnen, bis man von daheim Post erhält. Hoffentlich ist es umgekehrt nicht auch so, daß Du solange warten mußt.
Sei Du von mir herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Küsse die Kinder auch vielmals.


 Meine liebe Frau!                                                                       Lille, den 8.Juli 1940

Wie ich Dir schon schrieb, bin ich ja nun schon einige Tage hier in Lille.
Es drängt mich nun fast dazu, Dir von den vielen Ereignissen zu berichten, die hier auf mich so eingestürmt sind.
Es ist einfach etwas ganz großes, wenn man den Apparat sieht, mit dem unsere Wehrmacht läuft und wenn man da mit eingeschaltet wird. Was man hier allein an Kraftfahrzeugen, geschweige denn an allem anderen sehen kann, so kann man ermessen, daß unsere Wehrmacht den Feind nicht hat zur Ruhe kommen lassen brauchen, denn da läuft alles nur so.
Von meiner Fahrt von Köln nach Brüssel und dann weiter hierher nach Lille habe ich ja schon so einiges berichtet. Bei der Grenzüberschreitungsstelle hatten wir unser sonst landläufiges Geld in Wehrmachtsgeld , das ausschließlich hier im besetzten Gebiet neben der landesüblichen Währung in Zahlung gegeben wird, umgetauscht.
Wir fuhren dann über die Grenze. An unserem Haltepunkt kamen dann gleich die Einwohner und wollten alles Mögliche an uns verkaufen.
Du weißt ja, daß ich in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend und sogar berechnend bin. Ich habe mir auf der Fahrt nichts weiter gekauft, sondern habe mich dann gegen 10 Uhr in den Speisewagen gesetzt, um mir etwas zukommen zu lassen. Ich habe also dort Kaffee getrunken und dort konnte ich dann auch erfahren. wann wir in Brüssel sind.
Wir kamen dann über die ersten Eisenbahnbrücken, die gesprengt waren. Das war noch in Holland. Jede Brücke, die wir passieren mußten, war dann mehr oder weniger beschädigt.
Überall war aber alles wieder provisorisch hergerichtet worden, damit die Hauptstrecken wieder befahrbar waren.
Als wir dann ins belgische Gebiet rein kamen, war die Sache dann schon bedeutend schlimmer. Wie ich Dir schon berichtete, fuhren wir über Hasselt und dann Löwen, nach Brüssel.
Hasselt wurde ja seinerzeit auch im Heeresbericht erwähnt, wenn Du Dich noch erinnern kannst. In Löwen waren dann die stärkeren Beschädigungen so von der Bahn aus festzustellen.
Alles im Einzelnen so genau zu beschreiben ist ja fast nicht möglich. Im Bild sieht manches noch ganz anders aus, als man das in der Natur dann selbst sehen kann. Die Bahnhöfe hatten fast alle keine Fenster mehr, das war ja gleich sehr auffallend, die Dächer waren von vielen Häusern zerschossen oder allein vom Luftdruck heruntergeschleudert.
Wenn man das alles so niederschreibt, kann man es ja gar nicht so schildern wie es in Wirklichkeit aussieht. Eines freut einen aber doch, wenn man sich sagen kann, diese Zerstörungen sind von unserer Heimat von den einzelnen Fliegerangriffen abgesehen, ferngehalten worden.
In Brüssel kam ich ja etwa gegen 5 Uhr abends an. Dort ging ich dann gleich zum Quartieramt und besorgte mir eine Schlafgelegenheit. Sie war fast am entgegen gesetzten Ende. Das eine gute war aber doch dabei, daß ich mich so durch die Stadt lotsen mußte und gleichzeitig einen großen Teil kennenlernte.
Der Verkehr  ist ja auch dort wieder ganz gewaltig und es stellt schon ein Erlebnis dar, wenn man sich zum ersten Mal in einem fremden Land in einer so großen Stadt befindet.
Ich habe mir, das schrieb ich Dir ja schon,  ein Abendbrot geleistet und bin dann durch die Stadt gebummelt. Die Läden haben nun noch ausgezeichnete Auslagen und man hätte vieles kaufen können, wenn man nur das nötige Kleingeld gehabt hätte. Etwas Schokolade zum Verzehr für unterwegs und auch einige Briefmarken hatte ich mir gekauft.
Ich habe mich dann ins Kino gesetzt, worüber ich Dir ja auch schon berichtete. Anschließend war es immer noch so hell, daß ich meinen Bummel noch weiter ausdehnte.
So kam ich auch noch an das Grabmal des unbekannten Soldaten und auch andere Gebäude habe ich gesehen. Die hereinbrechende Dunkelheit zwang mich dann tatsächlich zum Heimgehen. Wenn auch die Stadt  Brüssel auf mich den Eindruck nicht gemacht hat, wie eine deutsche Stadt (z.B. Stuttgart), so hat es doch einen besonderen Reiz, dort sich einmal umgesehen zu haben.
Am anderen Morgen bin ich ja dann wieder weiter gereist. Interessant war dann noch in der Frühe, dass auf der Hauptverkehrsstraße der ganze Markthallenverkehr abgewickelt wurde. Da konnte man alles Gemüse und auch neue Kartoffeln in rauen Mengen kaufen.
Die Weiterfahrt durch den Rest von Belgien und dann durch Frankreich bot dann das gleiche Bild wie ich schon oben geschildert habe. Hin und wieder befand sich noch eine Linie von Schützengräben längs der Bahnlinie, oder vereinzelt auch ein Bunker, der den Eisenbahnverkehr im Kriegsfalle überwachen sollte.
Was man so feststellen konnte, war der Widerstand dieser Besatzungen nicht gerade von langer Dauer, denn meistens sind sie, fall sie sich nicht rechtzeitig ergeben haben, ausgeräuchert worden.
Zusammenfassend kann man sagen, daß diese Dinge unseren Sieg nur um kurze Zeit aufhalten, aber nicht verhindern konnten, weil bei uns alles bis ins kleinste durchdacht war. Weiter wird man auch hier wieder in dem Glauben an Deutschlands Größe nur bestätigt.
Gegen Mittag traf ich ja dann hier in Lille ein. Ich bin dann mit meinem Koffer gleich losgezogen, um mich hier auf dem Rathaus zu melden. Auffallenderweise war der Bahnhof (in Brüssel ja auch) vollkommen in Ordnung. Alles ist hier im Aufbau begriffen und keiner hat so richtig Bescheid gewußt.
Ich habe mich dann bei so verschiedenen Instanzen durchgefragt und bin dann am Ende doch noch richtig gelandet. Ich wurde noch unserem Chef vorgestellt und hatte dann noch Gelegenheit, die einzelnen Herren kennenzulernen, die bis jetzt hier ihren Dienst versehen.
Der Einsatz von deutschen Beamten ist ja nun nicht gerade überwältigend, aber mit Hilfe des hier bestehenden französischen Apparates wird ja die ganze anfallende Arbeit geschafft. Wir führen so gewissermaßen hier die Oberaufsicht und nach unseren Anordnungen, d.h. nach deutschem Muster, muß dann alles durchgeführt werden.
Mit ziemlich gemischten Gefühlen steht man der Bevölkerung gegenüber.
Wenn sie auch nach außen hin äußerst entgegen kommend erscheint, so gewinnt man doch den Eindruck, daß vieles nur Tünche ist. Die ärmere Bevölkerung denkt vielleicht da etwas anders, doch das kommt daher, ich denke hierbei an die Mädchen, daß der deutsche Soldat jetzt Geld in der Hand hat und sich vieles leisten kann, was diese Menschen nicht können. Hier erweisen sich diese Menschen als sehr zugänglich und stecken in ihrem Nationalgefühl manchen Pflock zurück.
Wenn das die meisten Soldaten vielleicht auch nicht von dieser Seite sehen, so ist diese Tatsache doch nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen.
Ein Teil der gut betuchten Bevölkerung ist ja noch nicht nach Lille zurück gekehrt und deren Wohnungen sind z.T. durch die Wehrmacht beschlagnahmt worden. Ich hatte Gelegenheit, mir die eine oder andere Wohnung anzusehen, aber ich muß feststellen, die behagliche Gemütlichkeit, wie wir sie bei uns kennen, fehlte hier vollkommen. Das zeigt wieder, wie verschieden die beiden Völker in ihrer Lebensweise doch sind. Vieles was man hier bei den Franzosen sieht und was einem neu erscheint, beachtet man, vielleicht ist das eine oder andere sogar brauchbar um nicht zu sagen besser, aber die deutsche Art zu leben und zu arbeiten ziehe ich mir denn dann doch vor.
Das Dienstgebäude ist nun ein ganz neuer Bau und ich werde Dir einmal eine Ansichtskarte demnächst mit zusenden, wie es aussieht. Im Weltkrieg soll ja das andere zerschossen worden sein und wie ich gehört habe, auch z.T. mit deutschen Arbeitern diesen Bau erstellt. Alles ist sehr komfortabel hergerichtet worden. Die Ironie des Schicksals hat es aber gewollt, daß der deutsche Mensch auch darin arbeiten kann.
Z.Zt. werden uns einige Büros hergerichtet, damit wir nicht mehr so aufeinander sitzen, wie bisher. Weil unser Stab nicht gerade so groß ist, sind wir, wie ich bis jetzt feststellen konnte, ganz gut beieinander.
Ein eigentliches Arbeitsgebiet habe ich ja bis jetzt noch nicht, denn ich helfe gerade dem Herrn mit, der am meisten Arbeit daliegen hat. Ich hoffe allerdings, daß das dann in einiger Zeit anders wird. Es ist ja auch so, hier leiste ich wenigstens positiv zur Zeit mehr, als wenn ich auf dem Kasernenhof immer rechts und links mache.
Von der Kaufkraft unseres Geldes habe ich Dir ja auch schon geschrieben und auch davon, was uns so zur Verfügung steht. Nun brauchst Du nicht etwa zu denken ich verjubele alles. Nein, dem ist nun nicht so. Ich habe mir jetzt verschiedenes angeschafft. Ich möchte es Dir der Reihe nach aufzählen, aber lache nicht, wenn Du liest, auf was für Sachen ich alles gekommen bin.
Erstens ein Paar Schuhe für mich, Preis 5,50RM. Dann ein Paar Socken, später habe ich mir noch ein weiteres Paar zugelegt. Also solche, die ich für die gekauften Halbschuhe gebrauchen kann. Taschentücher , das halbe Dutzend für 1 RM, damit Du nicht immer welche waschen mußt. Heute habe ich mir 2 Schlafanzüge für zusammen 7,50RM und einen Badeanzug aus Wolle für 3,-RM gekauft. (Hier gibt´s nämlich ein Hallenbad). Ein Paar Hausschuhe aus Lackleder , etwas ganz vornehmes für 2,8o RM habe ich mir heute ebenfalls zugelegt. Es sind dies alles Dinge, die ich hier noch tragen kann, und die ich dann gewiß auch mit heim nehmen kann.
Einige Hemden werde ich mir auch noch kaufen. Du kennst mich schon gar nicht mehr wieder, wie ich mich auf einmal aufs Kaufen umgestellt habe, aber warum soll ich diese Gelegenheit nicht ausnutzen. Es ist in einigen Tagen bald soweit, daß ganz Lille durch die Soldaten ganz ausgekauft ist, wenn es dann soweit ist, fange ich an mit sparen.
Bald hätte ich es vergessen, eine Geldtasche für Papiergeld aus sehr feinem Leder, sie hat allerdings 9,-RM gekostet, ist auch noch in meinen Besitz übergegangen. Wenn Du also wirklich einmal Geld brauchen solltest, so schreib mir dies nur, dann werde ich Dir umgehend welches zukommen lassen.
Im übrigen Leben lasse ich mir auch nichts abgehen. Gestern habe ich Dir ja auch schon geschrieben, wie wir hier zu Mittag essen, und die übrigen Mahlzeiten kann ich auch nicht gerade als schlecht bezeichnen, die ich hier einnehme. Was es zu essen zu kaufen gibt, das hole ich mir.
Heute haben wir wieder eine Sonderzulage bekommen und zwar eine Literflasche Weißwein, etwas ganz ausgezeichnetes, ja, das weiß ich ganz genau, daß es so ist, denn ich beflügle während des Schreibens ab und zu meinen Geist damit, und jeder hat noch 4 Pfd. Würfelzucker erhalten.
Ich würde mich freuen, wenn ich Euch dies alles zur Verfügung stellen könnte, damit Ihr auch an dem teilhaben könntet, was ich zur Zeit habe. Beim Abendessen trinke ich ja zumeist auch einen halben Liter Wein, der hier 21 Pfg. kostet.
Du brauchst nun nicht etwa Angst zu haben, daß ich mich hier zum Säufer ausbilden will, aber das ist eigentlich das einzige, was einem über das Getrenntleben von der Familie hinweghilft. Gut ist es auch, wenn man tagsüber seine Arbeit hat, damit man nicht daran denken muß, was einem eigentlich hier fehlt, doch es ist ja schließlich so, daß man an dem Ort seine Pflicht tun muß, wo man  hingestellt ist.
Ich habe schon die letzten Tage gedacht, daß es vielleicht durch Zufall möglich sein könnte, daß ich einmal mit Siegfried zusammentreffe, wenn er sowieso zwischen Frankreich und Deutschland verkehrt. Wenn Du ihm schreibst, kannst du diese vielleicht mit anregen. Ich weiß ja nicht, ob ihn ein Brief von mir eher erreicht als einer von Dir.
Deine Eltern sowie auch Nanni, denen ich bereits von Köln aus geschrieben hatte, werde ich dieser Tage auch noch schreiben. An das Hotel in Köln wird von Dir auch noch ein Brief gegangen sein. Ich werde morgen früh eine Karte mit meiner Feldpostnummer an das Hotel absenden, damit ich diese Briefe noch bekomme, die von Dir noch eingegangen sind, soweit sie nicht schon an Dich zurückgegangen sind.
Was machen denn unsere beiden Strolche, sind sie denn auch brav. Ich glaube aber annehmen zu müssen, daß sich seit früher nicht viel geändert hat. Soweit es in Deinen Kräften steht, nimm sie nur richtig ran.
Mit dem Garten wirst du auch viel arbeiten müssen. Auch heute bitte ich Dich wieder, übernimm Dich bei dieser Arbeit nicht.
Gespannt bin ich ja, wann ich hierher Deinen ersten Brief bekomme. Meine Hoffnung ist ja nur die, daß es nicht solange dauert, wie bei den Kollegen, die hier sind. Eines freut mich ja heute noch, daß ich Gelegenheit hatte, zu Euch zu kommen und Euch, wenn auch nur kurze Zeit, zu sehen.
Wenn ich allerdings gewußt hätte, wie es in Köln aussieht, wäre ich noch einen Tag länger bei Euch geblieben.
Ärgere Dich aber nicht darüber, denn es läßt sich ja leider nicht ändern und dann war ja alles so unklar.
Sind wir froh um die Stunden und auch über die Überraschung, die ich Euch bereiten konnte. Leider ist ja in Kriegszeiten mit der Freude der Überraschung auch der Trennungsschmerz verbunden.
Ich hoffe, daß Ihr auch diesen, nachdem ja nun wieder etliche Tage darüber hin sind, überwunden habt. Ich kenne Dich ja als tapferen Kerl und Du wirst Dich ja auch hier wieder so verhalten haben.
Ein Kollege, dem ich dieser Tage meine Bilder von Euch zeigte, sagte zu mir, als er Dein Bild sah, man kann ja nicht sagen, daß Du der Typ des westlichen Menschen darstellen würdest, sondern schon den der deutschen Frau. Ist das nicht ein Kompliment?
Jedenfalls kann ich Dir sagen, daß ich mich im Stillen sehr darüber gefreut habe. Auch die Bilder von unseren Kindern finden überall guten Anklang und mit Stolz betone ich jedes Mal, daß Du sie gemacht hast.
Gestern war ich hier wieder im Kino und dabei hatte ich Gelegenheit, die Wochenschau von Dünkirchen mit zu sehen. Für mich war dies auch wieder ein großes Erlebnis, zudem, wo man jetzt selbst mitten im Feindesland lebt. Ich hoffe, daß ich während der Zeit meines hiesigen Aufenthalts Gelegenheit haben werde, auch diesen Schauplatz der Kämpfe mit ansehen zu können.
Hier ist ja auch noch einiges zu sehen. So u.a. einige zerschossene Kraftwagen der Engländer, die auf der Strecke geblieben sind. Außerdem haben die Englänger in einem Kanal, der hier nahe der Stadt liegt, verschiedene Schlepper versenkt, um die Schiffahrt darauf zu sperren.
Außerdem sind verschiedene Brücken gesprengt worden und eine Schleuse ist auch nicht mehr ganz in Ordnung. Auch darüber habe ich Dir ja schon geschrieben, daß verschiedene Gräber in den Anlagen sind, von Soldaten, die hier gefallen sind.
Gestern konnten wir nun beobachten, daß zu einem Grab eines englischen Offiziers die reinste Prozession stattfindet, während zu den Gräbern der deutschen Soldaten nur die Kameraden gingen. An einem anderen Platz, wo auch deutsche Soldaten liegen, konnte ich wohl verschiedene Personen der Bevölkerung sehen, doch Blumen haben sie keine hingelegt wie bei ihren Bundesgenossen. Ich möchte keinem Haß über´s Grab hinaus noch das Wort reden, doch als Deutschem fällt einem das auf und berührt einen auch entsprechend.
Kriegsgefangene Franzosen,  heller und dunkler Hautfarbe, habe ich hier ja auch schon gesehen. Der Eindruck war auch nicht gerade glänzend, wenn ich in diesem Falle überhaupt so ein Wort anwenden und gebrauchen soll. Mit Uniform und Strohhüten sind sie im Zuge gelaufen. Mit oder ohne verdreckten Mantel. Bewaffnet zum Teil mit Spazierstöcken. Jedenfalls ganz bunt durcheinander gewürfelt. Du wirst ja die verschiedenen Bilder aus den Wochenschauen noch in bester Erinnerung haben.
Die Bevölkerung versucht mit den Gefangenen Fühlung aufzunehmen, um zu erfahren, welchen Truppenteilen sie angehören. Es ist ja z.T. verständlich, daß sich diese Leute darum kümmern, denn mancher hat doch auch Verwandte dabei, die im Kriege gegen uns gestanden sind und nun gefangen sind oder verwundet, wenn nicht gar gefallen.
Von deutscher Seite aus kann man aber auch beobachten, daß die Gefangenen nicht gerade hart angefaßt werden und daß sie, obwohl wir uns ja in ihrem Lande befinden, ziemliche Freiheiten genießen.
Dies zeigt wieder einmal richtig unser deutsches Wesen, das in dem Feind auch den tapferen Kämpfer erkennt. Verwundete, die aus der Schlacht von Dünkirchen kommen und in die verschiedenen Lazarette verbracht wurden, konnte ich hier auch schon sehen. Es handelt sich ja in diesen Fällen meistens um solche Menschen, deren Hauptbehandlung ja schon abgeschlossen ist und die zur weiteren Genesung weiter transportiert werden.
Vom Amt selber könnte ich noch als Besonderheit berichten, daß hier an jeder Ecke und fast vor jedem Dienstzimmer ein Polizist der Stadtpolizei steht. Sie begegnen uns wohl mit besonderer Achtung, mehr oder weniger wohl auch darum, weil sie müssen. Viel zu tun haben diese Kerle ja gerade nicht, aber das viele Publikum gibt ihnen schon Gelegenheit, sich den Tag über zu unterhalten und somit auch den Tag rumzubringen. Wenn man etwas von ihnen verlangt, sind sie sehr dienstbeflissen und sie tun auch alles. Ich habe aber sonst den Eindruck, als wenn es so richtige Radfahrernaturen sind. Du weißt ja, was man darunter bei uns im Reich versteht.
Es kann ja sein, daß ich mich in dieser Beziehung täusche, die Zukunft wird es ja zeigen, ob meine Annahme in dieser Richtung stimmt. Einen Personalaufwand, wie man ihn hier treibt, kennt man jedenfalls bei uns nicht und es hat schon bei uns immer geheißen, wir seien ein Beamtenstaat. Die Überzeugung will bei mir auch nicht Platz greifen, daß diese Herrschaften hier schneller schaffen wie wir.
Über alles und auch sonst über meine Eindrücke, die ich bis jetzt hier gewonnen habe, habe ich Dir nun in meinem heutigen Brief berichtet. Ich nehme an, daß Dich verschiedenes interessiert hat. Vieles wäre noch zu erzählen, doch vielleicht kann ich dies ein andermal tun.
Ich glaube, daß Ihr alle gesund seid und daß auch sonst alles bei Euch in Ordnung ist. Heute hoffe ich, daß Du mit meinem ausführlichen Schreiben zufrieden bist. Eines möchte ich aber gleich sagen, jeden Tag kannst Du von mir solche Briefe nicht erwarten, denn es ist nun schon 23 Uhr vorbei und es wird Zeit, daß ich mich langsam auf den Heimweg begebe.
Ein Kamerad ist auch gerade dabei, seiner Frau zu schreiben, somit bin ich wenigstens nicht allein. Die Flasche Wein ist ja nur z.T. alle geworden, aber dem Inhalt des Briefes hat dies doch gewiß keinen Abbruch getan. Hoffentlich kann ich gut nach diesem kräftigen Schluck schlafen.
Sei Du nun recht herzlich gegrüßt. Viele Küsse übersende ich Dir gleichfalls und hoffe, daß es Euch allen gut geht. Dich grüße ich aber besonders und bitte Dich, den Kindern einen recht herzlichen Kuß zu geben.
Ich bin auch in der Ferne in Treue Dein Ernst.




Brief 23 vom 4./5.7.1940


Meine liebe Annie!                                                       Unterwegs, den 4.Juli 1940

 10 Uhr Jetzt, wo ich das Datum schreibe, merke ich erst wieder, daß ja heute mein Feiertag ist.
Ja, die Jahre vorher hast Du mir diese Tage immer so schön gestaltet und wir konnten sie immer zusammen verbringen. Diesmal ist es unter dem Zwang der Verhältnisse anders.
Eines weiß ich ja gewiß, daß Ihr mich nicht vergessen habt und daß Ihr an mich denkt. Die Entwicklung geht vorwärts und wir müssen in sie hineinwachsen.
Ich bin nun heute früh 7.25 Uhr in Köln mit dem D-Zug nach Brüssel abgefahren. Wie ich gehört habe, ist der Zug etwa gegen 17 Uhr in Brüssel. Es kann evtl. von da aus noch einen Tag dauern, bis ich dann in Lille bin. Wir haben jetzt in Dalheim bei Mönchengladbach einen längeren Aufenthalt, den ich nun gleich dazu benutze, meinen heutigen Brief an Dich anzufangen.
Von 1 - 3/4 3 Uhr waren wir in Köln wieder im Keller und um 6 Uhr habe ich mich wecken lassen. Die Nachtruhe war zwar etwas kurz, doch das macht mir ja schließlich nichts aus, denn den Komfort, wie wir ihn im Hotel gehabt haben, werden wir wohl in Zukunft wegfallen lassen müssen. Ebenso das fließende warme und kalte Wasser, sowie das Haustelephon wird nicht überall vorhanden sein.
Dies sind ja für mich nicht gerade Sachen, an denen ich besonders hänge. Ich werde mich immer so einrichten, wie es die Umstände von mir verlangen werden. Wie ich gerade feststelle, überfahren wir hier in Dahlheim gleich die holländische Grenze, ich habe somit nach genau einer Woche wieder die Reichsgrenze verlassen. Jetzt werde ich noch das letzte Stückchen von Deinem Kuchen zur Feier des Tages verzehren.
Ja, man muß sich alles einteilen. 1/2 2 Uhr. Nachdem wir holländisches Gebiet durchfahren haben, sind wir nun nach Belgien gekommen. Verschieden gesprengte holländische Brücken haben wir nun passiert. Dies und einige Schützengräben und Bunker  längs der Bahnlinie sind noch die Zeugen des Krieges, der hier durchgegangen ist. Es geht nun auf Mitternacht zu und ich möchte Dir nun noch kurz den weiteren Verlauf des Tages schildern.
Wir sind über Hasselt, Löwen nach Brüssel gefahren, wo ich nun in einem Hotel wieder über Nacht bleibe. In Löwen und Umgebung ist schon dazwischen gepfeffert worden und man hat schon einen Teil der Spuren des Krieges, der auch über dieses Land gegangen ist, vom Zug aus sehen können.
Zur Begrüßung wurde hier gleich mit schwerer Flak geschossen, das war nun nicht etwa wegen mir, aber man merkt auch da, daß man mehr dem Kriege selbst zu kommt.
Wenn man diese Spuren gesehen hat, kann man nicht froh genug sein, daß einem das alles erspart geblieben ist im eigenen Lande. Ich kam hier am Nordbahnhof an und habe ein Quartier am Südbahnhof erhalten. Auf der Straßenbahn mußte ich nichts zahlen, doch wenn man so fremd daher kommt, und die Leute verstehen einen so schlecht, dann ist das nicht so einfach, bis man sich an den richtigen Ort durchgeschleust hat.
In einem Speisehaus habe ich dann zu Nacht gegessen, es war zwar reichlich, hat aber immerhin 2,30 RM gekostet.
Bis man hier mit allem vertraut ist, kann es ja passieren, daß man übers Ohr gehauen wird, aber lange macht man das ja bekanntlich nicht mit mir.
Vorhin war ich im Soldatenkino für 20 Pfennige. „Spiel im Sonnenwind“. Es war etwas sehr leichtes, doch man hat sich noch einmal etwas unterhalten. Meinen Spaziergang habe ich dann anschließend fortgesetzt. Morgen früh geht es 6 Uhr wieder weiter. Den Brief will ich morgen durch die Feldpost absenden lassen. Mal sehen, ob´s geht. Sei Du liebes Mädel herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Den Kindern herzliche Küsse.

 Meine liebe Annie!                                                                   Lille, den 5.7.1940

 Heute bin ich nun endlich in meinem Bestimmungsort eingetrudelt.
Ich habe mir den Betrieb einmal angesehen und mich dem Stadtkommissar vorgestellt. Bis jetzt kann ich ja noch nicht viel sagen, weil ich den ganzen Nachmittag damit zugebracht habe, mir ein Zimmer zu suchen. Ich kann Dir nur sagen, es war einfach drollig. Der Hausbesitzer versteht kein Wort deutsch und ich kein Wort französisch. Nach langem Kopfnicken und Achselzucken hatte ich es endlich soweit, daß ich ihm verständlich gemacht habe, daß ich einen Dolmetscher vom Amt, der dem Wirt nach vielem Erklären klargemacht hat, daß ich das Zimmer nehmen würde. Es ist dies ein schönes großes Zimmer in der Boulevard de la Liberte (Straße der Freiheit). Es ist zwar etwas in seiner Aufmachung kalt und nüchtern, aber für meine Zwecke ist es ausreichend. Die Bevölkerung war und ist auch noch zum größten Teil geflüchtet, und es wird noch eine Weile dauern, bis alles seinen alten Gang geht.
Viele neue Eindrücke sind heute wieder auf mich eingestürmt und ich habe die Feststellung getroffen, daß ich mich bemühen muß, französisch zu lernen, wenn ich hier überhaupt mitkommen will. Die ältliche Haushälterin des Wirtes versucht schon, mir dies und jenes begreiflich zu machen. Ich kann überhaupt sagen, daß einem die Bevölkerung anständig und mit Achtung entgegen kommt.
Nach Feierabend habe ich einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt gemacht. In einem Park, in dem am 28. und 29.5. Kämpfe mit den Engländern stattgefunden haben, habe ich die Gräber von 9 gefallenen Kameraden besucht. Diese Stadt war ja fast ausschließlich durch Engländer besetzt gewesen.
Meine Anschrift ist jetzt: Feldpostnummer 29297. Ich grüße Dich und gebe Dir recht herzliche Küsse. Küsse aber auch die Kinder von mir. Im Geiste bin ich immer bei Dir Dein Ernst.

Freitag, 3. Juli 2015

Brief 22 vom 3.7.1940


Meine liebe Annie!                                                    Köln, den 3.Juli 1940

Jetzt habe ich meine Uniform beieinander und heute Nachmittag werde ich mich bei dem Hauptmann Uhlhorn vorstellen, damit ich für den nächsten Transport mit vorgemerkt werde. Wir werden ja höchstwahrscheinlich mit Omnibussen dorthin befördert werden, es sei denn, daß die Eisenbahnverbindung bis dahin wieder in Ordnung ist.
Ich werde heute Nachmittag versuchen, die Genehmigung zum Kauf von ein paar schwarzen Schuhen zu erhalten. Es wäre mir dann recht, wenn Du mir zu diesem Zwecke noch 10 RM irgendwie zusenden würdest. Am besten wird es sein, wenn Du dies durch Postanweisung  machst. Die Schuhe, die ich gefaßt habe, sind etwas schwer und es wäre dann für mich eine Erleichterung, wenn ich tatsächlich ein Paar bekommen würde.
Mit größter Pünktlichkeit haben wir wieder um 1/2 1 Uhr in den Keller gemußt, diesmal wieder bis 1/4 3 Uhr. Man würde direkt aus der Gewohnheit kommen, wenn um diese Zeit kein Alarm wäre.
Gestern war ich hier im Kino und habe mir die Wochenschau auch angesehen, das war ja ganz gewaltig, was man da wieder zu sehen bekam. Außerdem lief noch ein anderer Film „Zwei Welten“, der mich ausgezeichnet unterhalten hat. Sollte der einmal bei Euch laufen, so möchte ich ihn Dir wirklich empfehlen.
Meine Erkältung kommt nun, wie bei mir üblich, endlich durch einen Schnupfen heraus. Die Taschentücher und die sonstige Wäsche lasse ich Dir dann sicher noch zugehen. Du kannst mir dies ja später gewaschen wieder zugehen lassen.
An Nanni werde ich heute auch noch kurz schreiben, daß sie weiß, was jetzt los ist. Ebenfalls werde ich der Kompanie in Hradisch Mitteilung geben, daß sie alle Post zu Dir senden soll. Du kannst sie mir ja dann, sofern es wichtig ist, wieder zuschicken.
Post habe ich von Dir noch nicht erhalten, doch es kann ja sein, daß bei der Nachmittagspost von Dir etwas dabei ist.
Sei Du herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
Grüße und küsse die Kinder herzlich und richte auch Vater freundliche Grüße aus.


 Meine liebe Frau!                                                  Köln, den 3.Juli 1940

 Nun ist es soweit, daß ich hier abrücken kann.
Heute Nachmittag bei meiner Vorstellung erhielt ich die Mitteilung, daß ich morgen zu meinem Geburtstage früh 7.25 Uhr nach Brüssel abfahren muß. Dort muß ich dann sehen, wie ich nach Lille weiterkomme. Es wird ja nicht so einfach sein, aber ich werde es schon schaffen.
Ich habe hier zwei Herren kennen gelernt, die sich etwa nach meiner Anschrift in Lille erkundigen werden. Der eine ist ein Dr. Schwenker aus Berlin, der beim Reichswirtschaftsministerium tätig ist und ein Johannes Neumann aus Wurzen. Mit dem ersteren bin ich am Sonntag in Bonn gewesen und mit dem letzteren bin ich die vergangenen Tage ebenfalls zusammen gewesen. Gib Ihnen meine neue Anschrift auf Verlangen dann bekannt, denn es liegt mir daran.
Meine Sachen, die ich anhatte, habe ich zu einem Paket zusammengepackt und lasse sie morgen mit zur Post geben. Den Anzug habe ich vorerst einmal da behalten, vielleicht kann ich ihn noch brauchen.
Meinen Antrag auf Bewilligung von 10,- RM ziehe ich hiermit zurück, weil für mich keine Schuhe genehmigt wurden. Solltest Du das Geld noch nicht abgeschickt haben, so lass es bitte bleiben.
Ich muß nun einmal sehen, wie dort alles wird und was ich dort an Geld bekomme. Je nach dem werde ich mir das eine oder andere dann dort kaufen.
Sofern Dein Vater mir die Briefmarke vom Deutschen Derby in Hamburg 1940 noch nicht geschickt haben sollte, so bitte ich Dich, mir eine, womöglich ein Randstück, besorgen zu wollen. Ebenfalls wird Kurt von seinem Geld auch eine haben wollen.
Da ich heute früh schon geschrieben habe, und auch am Nachmittag keine Post von Dir eingegangen ist, habe ich Dir das wichtigste wieder mitgeteilt. Eingetroffen ist jedenfalls, wie ich zuerst vermutet hatte, daß ich am Donnerstag reise. Ich möchte es als ein gutes Vorzeichen deuten, daß ich gerade an meinem Geburtstag diese Fahrt antrete. Du siehst also, der Aberglaube stirbt nicht aus.
Seid Ihr alle herzlich gegrüßt und geküßt und Du ganz besonders von Deinem Ernst.
Grüße auch Vater von mir. Als Besonderheit wäre noch zu melden, daß es nach den schönen Tagen zum ersten Male geregnet hat. Heute hatte ich ja die Uniform an und so brauchte ich keinen Regenmantel. Ja, wie sich alles gibt. Gute Nacht. Sobald Du von Gloper etwas erhältst, schreibe bitte, damit ich danke. 

Donnerstag, 2. Juli 2015

Brief 21 vom 1. und 2.7.1940


Meine liebe Annie!                                                                  Köln, den 1.Juli 1940

Heute früh habe ich so regelrecht verschlafen. Bis ich fertig war mit anziehen, war es bereits 1/2 11 Uhr.
Ja, das kam wieder daher, daß wir wieder von 1/2 1 bis 3/4 3 Uhr im Keller waren.
Ich merke nun auch schon, daß das zum Programm des Tages bezw. der  Nacht gehört. Man gewöhnt sich ja schließlich an alles. Doch eines habe ich leider schon wieder verlernt, und das ist der Kommiszwang. Wahrscheinlich waren die 6 Wochen doch zu wenig für mich, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Es kann ja aber alles noch wieder anders kommen.
 Wir haben uns heute erkundigt, was wir eigentlich für Gebührnisse bekommen, doch nach allem, was man hört, sollen die nicht sehr hoch sein. Bei dem teuren Hotelleben kann man sich weiter nichts wünschen, als so bald wie möglich hier fortzukommen. Die eigentlichen Hotelkosten übernimmt das OKH (Oberkommando des Heeres). Aber schon das Frühstück kostet 1,50 RM. Mittagessen im Durchschnitt fast ebenso und mit dem Abendbrot kommt man kaum billiger weg.
Ein Transport kommt noch im Laufe dieser Woche hier weg, und wenn alles klappt, kann es sein, daß auch ich diese Woche mit fortkomme. Meine Uniform soll morgen fertig werden, denn davon hängt die ganze weitere Angelegenheit ab. Wir werden mit Omnibussen von hier an unseren Bestimmungsort gebracht.
Ich wäre jedenfalls froh, wenn es soweit ist, damit man sich dann einmal einrichten kann und auch einmal genau erfährt, was einem zur Verfügung steht. Das Arbeitsgebiet selbst wird wahrscheinlich sehr umfangreich sein. Eines ist mir aber immer noch rätselhaft, wie ich dazu ausersehen wurde, mit bei dieser Aktion beteiligt zu sein. Gestern Abend im Luftschutzkeller, wir waren übrigens ja wieder unten (ich stelle fest, daß ich das ja schon geschrieben habe) habe ich wieder von einem Herrn aus der Leipziger Gegend gehört, daß auch er schon vorher so eine halbe Mitteilung von höherer Stelle erhalten hat. Na, lassen wir das Rätsel so lange ungelöst, bis es sich etwa einmal von selbst löst.
Von Deinem Kuchen habe ich gestern Nacht wieder ein Stückchen gegessen und ich habe immer noch etwas Vorrat; ebenso von den Pralinen. Man muß eben immer sparsam damit umgehen.
Sei Du, sowie auch die Kinder vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
An Rieck habe ich heute geschrieben.

Meine liebe gute Frau!                                                      Köln, den 2.Juli 1940 

Heute früh erhielt ich schon Deinen lieben Brief von gestern ausgehändigt. Das geht ja eigentlich ganz schnell. Dir danke ich, daß Du mir so schnell meinen Wunsch erfüllt hast. Ich habe die Bilder schon eingeordnet.
Nun sieht die Sache ganz anders aus. Meinen Dank kann ich leider nicht persönlich dafür aussprechen, doch das werde ich zu gegebner Zeit nachholen.
Nach den beigefügten Durchschlägen zu rechnen, hast Du Dich mit Deinen Schreiben aber gewaltig angestrengt. Ich danke Dir für die Übersendung der Durchschrift. Aus Deinem Brief hatte ich entnommen, daß Euch der Abschied auch diesmal wieder nicht leicht gefallen ist. Ja, das glaube ich Euch gerne und ich kann Euch sagen, ich bliebe auch lieber bei Euch als irgendwo in der Welt Verwaltungsmensch zu spielen. Es ist nun aber einmal Krieg und den ergangenen Befehlen muß man sich einmal fügen.
Nach dem, was ich hier schon gehört habe, kann sich diese Angelegenheit ziemlich lange hinausziehen, und wir müßten uns u.U. auf eine längere Trennung gefaßt machen. Doch lassen wir hier lieber die Tatsache als die Vermutung sprechen. Sobald man mit diesen Herren beieinander sitzt, so wird das Thema Frankreich nach jedem Sachgebiet hin beleuchtet und ich mache bis jetzt meistens nur den stillen Zuhörer, weil ich hierbei wieder vieles lernen kann. Außerdem ist es so, daß ich bei der Verteilung der Arbeitsgebiete den kleinsten Rang bekommen habe, wenn er immerhin auch dem Feldwebelsrang entspricht.
Wenn es tatsächlich länger dauern sollte, braucht es ja schließlich nicht immer bei dem bleiben, vorausgesetzt, daß die Arbeit richtig bewertet wird. Doch auch dies werden wir der Zeit überlassen.
Meine Uniform, es ist genau so eine wie ich schon gehabt habe, macht sich ganz nett, sie hat nur andere Schulterstücke und andere Spiegel und den Unterschied, daß sie nachträglich dem Träger entsprechend abgeändert wurde.
Das teure Leben hier macht mir schon einige Sorgen und zwar hauptsächlich deshalb, weil ich noch nicht weiß, was mir zusteht. Heute habe ich mir einen Vorschuß von 50,-RM geben lassen, der dann bei der neuen Dienststelle mit verrechnet wird. Ich lege Dir einmal je eine Rechnung über Mittags- und Abendessen bei, da wirst Du staunen. Mit diesem Geld kannst Du uns alle satt machen und das ist anders. Ich lege Dir weiter noch einige Marken bei, die Du entsprechend mit verwenden kannst.
Wie ich heute wieder gehört habe, kommen wir kaum vor Montag hier fort. Du kannst also nach wie vor Deine Post hierher richten, bis ich Dir wieder Bescheid gebe. Etwa hier noch ankommende Post werde ich dann nachsenden lassen. Gestern waren wir wieder über 1 Stunde im Keller. Die Gemeinheit ist nur die, daß man immer aus dem schönsten Schlaf geweckt wird. Denen da drüben werden demnächst die Augen schon noch übergehen. Heute Abend gehe ich noch ins Kino, denn ich möchte mich auch noch einmal informieren, was eigentlich läuft. Seid Ihr alle herzlich gegrüßt und geküßt und nimm auch Du einen besonders herzlichen und kräftigen Kuß entgegen von Deinem Ernst.

Brief 20 vom 29./30.6.1940


Meine liebe Frau!                                                         Köln, den 29.6.1940

 Seit heute früh bin ich nun hier und habe die Dinge wieder so einzeln an mich herankommen lassen. Erst hatte ich noch einen heißen Kaffee zu mir genommen, weil der Hauptmann vorher nicht zu sprechen war. Ich habe noch einen anderen Herrn getroffen, und bei weiterem Zusehen konnte ich feststellen, daß ich mich im Kreise der hierher Berufenen in ganz erlauchter Gesellschaft befand. Der geringste Dienstgrad ist im Rang eines Leutnants. Ich selbst bin mir über meinen Rang noch nicht ganz im Klaren, doch könnte es Feldwebel sein, doch hierüber werde ich mich noch vergewissern.
Mich nennt man, oh welch langer Name, Kriegsverwaltungsbetriebsassistent. Ich komme also, wie schon bekannt, nach Lille in die Kommunalverwaltung.
Wir sind hier eingekleidet worden; die Uniformen werden einigermaßen passend abgeändert. Wenn das dann vorbei ist, wird es wahrscheinlich an den Bestimmungsort gehen. Man kann damit rechnen, daß es etwa bis Donnerstag fortgeht, doch das ist nur ein angenommener Termin.  Nun weißt Du etwa, was man mit mir vorhat, eines kommt mir noch komisch vor, daß ich ausgerechnet nach Frankreich komme, ohne die dortige Sprache zu beherrschen.
Von Stuttgart sind wir ja die ganze Nacht gereist und gegen früh kamen wir hier an.
Ich bin nun in einem Hotel etwa 2 Minuten vom Bahnhof untergebracht und von meinem Zimmer sieht man direkt auf den Dom. Ich habe ihn mir heute angesehen und er hinterläßt, trotz der schlichten Ausschmückung, die zwar ganz und gar in den architektonischen Rahmen gehört, einen gewaltigen Eindruck.
Ich habe mich auch sonst hier schon umgesehen und eine kleine Rheinfahrt mitgemacht. Es wird ja wahrscheinlich so sein, daß an meinem neuen Aufenthaltsort noch manches im Argen liegen wird und nur deshalb nehme ich die kleinen Annehmlichkeiten, die hier geboten werden, mit.
Heute werde ich früh zu Bett gehen, weil ich von den letzten Tagen noch todmüde bin.
Außerdem ist damit zu rechnen, daß Fliegeralarm gegeben wird, denn dies gehört scheinbar hier zum üblichen Programm.
Bis zum Donnerstag kannst Du nun hierher ins Minerva -Hotel schreiben, denn ich denke, daß sie mich bis dahin noch erreicht.
Sei Du, mein liebes Mädel, vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Grüße und küsse Du unsere Kinder und grüße Vater.


 Meine liebe Annie!                                                                  Köln, den 30.6.1940

Nun ist der Sonntag bald vorbei und ich möchte ihn nicht beschließen ohne auch schriftlich Deiner gedacht zu haben.
Die Vermutung, die ich in meinem letzten Brief ausgesprochen hatte, ist also eingetroffen, wir haben in den Luftschutzkeller gemußt. Wir waren von 1/2 1  - 3 Uhr unten. Ich bin sehr unsanft geweckt worden, weil die Sirene direkt bei mir über dem Zimmer ist, denn ich wohne hier im obersten Stockwerk. Alle haben einen müden und verschlafenen Eindruck gemacht.
Heute früh bin ich erst gegen 9 Uhr munter geworden, habe mich dann gemütlich fertig gemacht und um 10 Uhr gefrühstückt. Das geht bis jetzt einmal ganz anders zu, wie die vorhergehenden 6 Wochen. Ich habe Dir ja schon geschrieben, daß ich ein schönes Zimmer hier habe, es würde normalerweise 4 RM je Nacht kosten.
Die freie Verpflegung ist nach unserer bisherigen Lebensweise gerechnet, sehr teuer und mir macht nur Sorge, ob zu dem die mir zustehenden Bezüge ausreichen werden. Morgen werde ich jedenfalls einmal feststellen, was mir zusteht.
Nach dem Frühstück bin ich wieder mit dem  schon gestern erwähnten Herrn in den Dom gegangen und habe mir den Gottesdienst angesehen. Anschließend hat mich dieser Herr eingeladen, mit nach Bonn zu fahren, was ich ihm nicht abgeschlagen habe. So etwas muß man sich ansehen, wenn man kostenlos dazu Gelegenheit hat. Bei unserer  Einfahrt in Bonn konnten wir die Splitterwirkung einer englischen Fliegerbombe sehen. Der Hausverputz war überall beschädigt und sah bald aus wie Schweizerkäse. Die Mauer selbst war dadurch aber nicht beschädigt.
Wir haben dann in Bonn zu Mittag gegessen, es war zwar nicht ausreichend, aber der Magen hat es auch so ausgehalten. Wir sind dann noch durch die Stadt gegangen und haben unseren Ausflug durch einen Spaziergang am Rheinufer entlang verlängert. Es war sehr nett und man kommt sich fast vor wie ein Kurgast. Du wirst mir fast neidisch werden, wenn Du so liest, wie gut es mir z. Zt. geht. Am Abend haben wir im Hotel zu Nacht gegessen, was gegen die bisherigen Essen wirklich ausreichend war. Trotzdem kann ich bis jetzt noch nicht wegen Überfüllung des Magens klagen.
Angeschlossen sende ich Dir einen Prospekt mit, aus dem Du ersehen kannst, wo ich jetzt ungefähr bin.
Dich grüße und küsse ich im Geiste wieder recht herzlich und danke Dir nochmals dafür, daß Du mir meinen kurzen Aufenthalt bei Euch so angenehm gestaltet hast. Küsse auch die Kinder herzlich von mir und sei Du selbst noch vielmals gegrüßt von Deinem Ernst.
Schreibe bitte nicht länger hierher wie bis Donnerstag, da unser Abreisetermin so unbestimmt ist.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Brief 19 vom 24./25.6.1940


Meine liebe Annie!                                                                                  U.H., den 24.6.1940

Ich habe mich heute noch geärgert, daß mir der Mantel weggekommen ist, aber das war so, daß wir in den ersten Tagen verschiedene Male umziehen mußten und jedes Mal konnte das nicht schnell genug gehen. Zudem waren wir sehr durch den Dienst in Anspruch genommen. Es kann aber nicht anders sein, als daß er mir gestohlen worden ist, denn sonst hätte ihn der Finder ja abgeben können. So geht´s eben beim Kommis und das kommt auch daher, weil es verschiedenerlei Leute hat, die da zusammen kommen. Es läßt sich zwar nicht mehr ändern, doch man kann sich schon darüber ärgern.
Das Telegramm wird sich ja auch erledigt haben. Ebenso ist ja unser Einsatz auch vorläufig zurückgestellt. Ob wir bei der jetzigen Lage noch drankommen, wird sich zeigen.
Jede Übung ist bei uns jetzt mit einem längeren Marsch verbunden. So auch heute wieder, als wir beim Scharfschießen mit Gewehren waren. Erfüllt habe ich, wie auch die meisten anderen, nicht.
Morgen kommt wieder MG-Scharfschießen dran, während die anderen Kameraden, die keine MG-Schützen sind, wieder einen Ausmarsch haben.
Langweilig wird es uns zwar nicht, wenn auch der Dienst bei dem Marschbataillon nicht mehr so streng ist wie in der Kaserne, doch dafür fehlen uns manche Annehmlichkeiten, die man dort hat.
Mit unserem Ausgang ist es so, daß wir nach Befehlsausgabe, bei der auch die Post verteilt wird, und das ist meistens etwa um 7 Uhr, bis um 10 Uhr für uns dienstfrei ist. Um 10 Uhr muß aber alles in der Falle liegen und manchmal  wird es auch später, so daß man dann lieber da bleibt.
Wenn Du meinst, Du willst den Wein nicht trinken, so überlasse ich Dir dies ganz und gar, ich möchte aber nicht haben, daß Du durch die Photos in Geldknappheit gerätst.
Reicht Dir eigentlich das Geld, was Du jetzt bekommst?
Jörg danke ich wieder für seine Malerei und Helga für ihr Geschriebenes. Sie soll sich nur weiter anstrengen. Sagst Du ihr eigentlich die Fehler, die sie macht, oder wie ist das?
Am Samstag Abend haben wir anläßlich der Kapitulation von Frankreich nach Zapfenstreich von Zimmer zu Zimmer Unterhosen-Prozession gehabt, das war ein erhebendes Bild, kann ich dir sagen.
Das Wetter ist bei uns immer noch sehr schön, aber sehr heiß, so daß wir heftig schwitzen müssen. Aber die Kommiszeit wird auch vorübergehen, womit ich mich immer wieder tröste.
Meine liebe Frau gute Nacht und sei Du wie auch die Kinder herzlich gegrüßt und geküßt und Du nochmals besonders von Deinem Ernst.


Meine liebe Annie!                                                                                  U.H., den 25.6.1940

Diesmal war es ein postreicher Tag.
Deinen Brief vom 21. kam heute an, Dein Brief vom 9.6. beigefügt. Weiter erhielt ich je einen Brief von Kurt und vom Kollegen Rieck. Außerdem kam noch ein Päckchen von Dora an. Alle diese Sachen sind erst nach Göding gegangen. Jetzt habe ich nun alles erhalten und muß nun viel beantworten.
Diese Sachen lasse ich Dir alle mit zugehen. Dora ist übrigens nicht ganz gesund, wie sie schreibt.
Deine Briefe haben mich alle beide wieder erfreut, besonders auch die Berichte über die Kinder, ersehe ich doch daraus, was die beiden treiben. Daß Jörg so stark ist, ist ja sehr erfreulich, da wird er sicher sehr stolz sein. Daß sich beide beim Schreiben nicht so stark beteiligen, kann ich ihnen wirklich nicht übel nehmen. Sie sollen sich nur im Feien tummeln, denn das glaube ich, daß sie ihren Vater nicht vergessen.
Wegen der Fahrt von Helga nach Leipzig habe ich Dir ja meine Meinung schon geschrieben, es würde sich nun noch darum handeln, wann sie Ferien bekommt, denn es kann ja gut möglich sein, daß bei dem Tempo der Kriegsführung bis dahin schon Frieden ist. Wollen wir also das Beste hoffen.
Wegen meinem Geburtstag habe ich Dir ja schon geschrieben.
Die Erdbeerernte ist in diesem Jahr also nicht sehr reichlich ausgefallen, nachdem Du aber so wenig Zucker hast, trifft es sich ja auch wieder gut.
Wir haben heute, wie ich Dir gestern schon schrieb, MG-Scharfschießen gehabt. Diese Übung habe ich wieder erfüllt und mein Nimbus, daß ich auch zu etwas brauchbar bin, ist wieder etwas gestiegen. Ebenfalls hatte wieder ein Großteil diese Übung nicht erfüllt. Am Nachmittag war bei uns Sport angesetzt. Ein großer Teil der Kameraden hatte es hierbei vorgezogen, die Badegelegenheit in der March zu benutzen. Diese ist etwa 30 m breit, sehr lehmig und hat ziemliche Strömung. Ich bin zwei Mal durchgeschwommen, was ich als wahre Wohltat empfunden habe. Na, Du kennst ja meine Schwäche fürs Wasser. Heute Abend fühle ich mich aber danach etwas müde, weil ich es nicht mehr so gewohnt bin.
Darum brauchst Du Dir also keine Sorge zu machen, wenn mein Geldverbrauch jetzt etwas gesteigert ist, das ist auch so eine Kommisangewohnheit, die daheim wieder verschwindet. Ich werde mich jedenfalls bemühen, Dich nicht um Geld anzupumpen, damit Du und die Kinder nicht darunter leiden müßt. Ich werde wieder einige Abende daheim bleiben und schon ist das Geld wieder gespart. Sei Du liebe Mädel vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Küsse die Kinder von ihrem Vater und grüße unseren Vater.