Donnerstag, 19. März 2020

Brief 561 vom 16.10.1944


 Zu Dir mein lieber Schatz                                                                                  16.10.44   

 wandern heute wieder meine Gedanken und meine besten Grüße. Ich sitze hier in unserem Erholungsheim und lasse es mit gut sein. Etwa 15 km hinter der Front befindet es sich und liegt mitten im Wald. Herrlich wohltuend wäre die Ruhe und man könnte sich direkt in Friedenstage hineinträumen, wenn nicht immer wieder das Gerummse aus der Ferne daran erinnern würde, daß wir uns unweit der Front befinden. Trotz allem kann man sich hier ausruhen und man kann sich einmal andere Gedanken sammeln als die, die uns sonst bewegen. Milde scheint die Herbstsonne zum Fenster herein und leichter Wind bewegt die wenigen Blätter, die noch auf den Bäumen verblieben sind. Ein säuerlicher Rauch liegt in der Luft und läßt mich an Tage gedenken, die wir früher gemeinsam den herbstlichen Wald durchstreifend ver brachten. Ich habe vor einem oder vor zwei Jahren schon einmal an unsere gemeinsame Fahrt über den Schienerberg nach Stein erinnert. Es war zwar noch einige Tage später, aber nach dem Nebel hatten wir auch so einen sonnigen Tag bekommen. Der sich absetzende Nebel hing in den gelben Blättern und nach und nach tropften sie sich ab. In Stein merkten wir dann zu guter letzt, daß wir nicht genügend Fahrgeld hatten, darum fuhren wir bloß bis Tägerwilen. Aber noch einsgibt mir heute Anlaß zu solchen Gedan ken, denn mir fiel hier ein Buch von dem allemannischen Dichter Hermann Busse in die Hand. „Allemanische Geschichten“, das gleich mit seiner ersten Geschichte in Konstang anfängt. Muß man dann in dieser Umgebung nicht solche Gedanken, wie ich sie eben schildere, bekommen? Es gibt aber noch einiges andere zu schreibben. So habe ich erst gestern noch an Erna zum Hochzeitstag geschrie en. Somit habe ich wieder aller Festlichkeiten gedacht, die in der nächsten Zeit im näheren Kreis fällig sind. Dein Vater wird hoffentlich zufrieden sein, wenn ich an den Geburtstag gedacht habe, den seine Frau in den nächsten Tagen hat. _ Deine Mitteilung, daß REsi von Fritz immer noch keine Nachricht hat, tut mir aufrichtig leid. Nach Lage der Verhältnisse muß man schließlich damit rechnen, daß seine Einheit kassiert worden ist. Im allgemeinen hört man ja jetzt, daß unsere Leute in Gefangenschaft meins ordentlich behandelt werden. Zwar ist das unterschiedlich, aber ich habe mit Kameraden, die schon in Gefangenschaft waren, gesprochen, die mir erzählten, daß sie ordentlich behandelt worden sind. Daß man nun schon in Petershausen davon spricht, daß ich vermißt sei, das hängt ja nur mit der Schwatzhaftigkeit des Ortsgruppenleiters zusammen. Aber Du siehst ja in dieser Beziehung gleich klar.  Das Äpfeltrocknen ist ja nun ein voller Erfolg geworden. Wenn ich lese, daß Ihr sechs Säckchen  voll habt und daß es jetzt noch frische Äpfel gibt, dann kann man wirklich dankbar um den Baum sein. Dazu haben wir noch das viele Apfelmus schon während meiner Urlaubszeit gehabt. Ich hoffe, daß Ihr alle in Ruhe genießen könnt. _ Ich schließe für heute wieder mit recht herzlichen Grüßen und bin in getreuem Gedenken und mit vielen lieben Küssen immer Dein Mann und 

Dein Ernst.

Brief 560 vom 15.10.1944


 Du mein liebster Schatz!                                                                              15.10.44 

Es ist heute wirklich ein richtiger sonniger Sonntag. Von fern hört man wohl das Explodieren von Granaten und Bomben, doch durch solche ferne Eindrücke lassen wir uns hier im Fronterholungsheim nicht weiter beeindrucken. Wie ich Dir zum Besuch des Erholungsheims vorgeschlagen und gestern Nacht bin ich mit unserem Küchenfahrzeug aus der Stellung zurück zum Troß gefahren, denn einen langen Marsch kann ich meinem Bein doch noch nicht tztrauen. Einen Teil der Nacht habe ich schlafend auf dem Fahrzeug verbracht und den REst im Heu. Beizeiten bin ich dann aufgestanden, wurde aber gleich noch zum Kartoffelschälen herangezogen, aber dann konnte ich mir meine Papiere fertigmachen lassen, um dann nach hier zu starten. Zur Einleitung des Tages habe ich als erstes Deine beiden Briefe vom 2. und 3. Nummer 61 und 62 gelesen, die mich recht erfreut und gleich in die richtige Sonntagsstimmung gesetzt haben. Sie enthielten auch einige nette SAchen, über die man sich wirklich freuen konnte. Aber vorher will ich mir erst noch Deine Briefe vornehmen, den ich vorgestern erhielt, denn aus dem gibt es noch einiges zu beantworten. Da habe ich vor allem darüber lachen müssen, wie unser Stromer eine Prämie aussetzen mußte, , um Euch zum Langustenessen zu bewegen. Helga hat sich also überwinden können, womit sie sich den ausgesetzten Preis verdient hat. Daß es unserem Jungen aber geschmeckt hat, das ist ja die Hauptsache, denn es wäre ja schade, wenn diese Sachen umkämen. Doch deshalb braucht man sich ja nun keine Sorge mehr zu machen. Daß die Dir in  ?  gekauften Bastschuhe so treffliche Dienste leisten, ist mir durchaus recht, doch damals konnte man ja bestimmt nicht ahnen, daß Du sie gerade unter diesen Umständen so gut gebrauchen kannst. _ Es besteht ja keine Veranlassung, daß Du Dich für ein Päckchen bedankst, das noch nicht bei Dir eingetroffen ist. Für mich ist es erst eine richtige Freude, wenn ich weiß, daß Du meine Sendung erhalten hast. Hoffentlich gehen die gesandten Sachen nichtverloren. Heute habe ich nochmals ein Päckchen an Dich feertigmachen können. Es trägt die Nummer fünf und enthält eine Fischdose, einige Zigarren und einen kleinen Beutel Bonbons. Es sind ja alles nur Kleinigkeiten, aber Du siehst daran, daß ich alles das, was ich nur für Euch für verwendbar ansehe, aufhebe und zuschike. Deine Frage, ob ich die Rauchwaren gegen etwas anderes bei den Kameraden eintauschen kann, kann von mir nur dahingehend beantwortet werden, daß ich schon sämtliche Zigaretten herschenke. Dafür kann ich aber nichts verlangen, denn was soll ich da verlangen, denn die Männer bekommen ja auch nichts weiter als das, was mir zugeteilt wird. Die Bonbons des einen Kameraden erhalten ich ja ganz automatisch, wie er von mir die Zigaretten bekommt. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn ich kann nur sagen, daß ich bisher immer vollauf satt geworden bin, ud daß wir uns schon manchmal gesagt haben, wenn unsere Angehörigen in der Heimat nur manchmal solche Essen hingestellt bekommen würden. Was macht es dabei aus, wenn es auch einmal Pferdefleisch gibt, Das ist in der heutigen Zeit bestimmt nicht weiter von Bedeutung. Wenn man genügend zum Essen bekommt und das ist kräftig, dann besteht keine Veranlassung, daß man sich noch nach etwas anderem umsehen muß. Es gibt ja auch hin und wieder Süßwaren und Schnaps wird uns auch von Zeit zu Zeit zugeteilt. Was will man jetzt noch mehr. Es kann natürlich nicht jeden Tag so sein, wie es hier der Fall ist, daß einem grüne Klöße auf den Tisch gestellt werden und dazu zwei große Rouladen. Dazu wurde uns noch ein Bier kredenzt. Ist das nicht wunderbar? Radio können wir hier den ganzen Tag hören und am heutigen Nachmittag ist sogar ein Kinobesuch vorgesehen. Alles ist auf Erholung abgestimmt und man kann es auch brauchen. Die Möglichkeit des Besuchs dieses Heimes betrachte ich immerhin als eine Auszeichnung für meinen erfolgreichen Einsatz, den ich in letzter Zeit zwar weniger in kämpferischer Hinsicht aber für meine sonstigen Bemühungen in jeder Beziehung. Daß das anerkannt worden ist, das freut mich doppelt. _ Die Meldung, die gerade durchs Radio bekannt gegeben worden ist, daß Athen geräumt wurde, kommt mir zwar nicht unerwartet, doch mußte man nach dem Lauf der Ereignisse damit rechnen. Der eine Kamerad von mir schrieb es Dir ja in seiner Karte. Vor einem Jahr war daran noch nicht zu denken. Wenn ich mir so überlege, dann sind meine sämtlichen Dienststellen, bei denen ich während des Krieges war, augegeben worden. Lille, Douai, Charkow und Kiew, und wie jetzt, Athen. Ob wir wohl noch einmal dorthin müssen, ehe wir den Krieg gewinnen? Es sieht wolh alles noch sehr kritisch aus, aber warum sollen wir den Kopf hängen lassen und das Spiel verloren geben, solange wir uns noch rühren können? _ Ich grüße Dich und die Kinder recht herzlich in der Hoffnung daß Ihr gesund seid und gebe Euch in herzlicher Umarmung einen lieben Kuß und bin immer 

Dein Ernst.

Brief 559 vom 13.10.1944


 Mein liebes gutes Mädel!                                                      13.10.44  

Das war gestern eine Freude für mich, als ich mit einem Mal gleich drei Briefe von Dir erhielt. Vor allem habe ich wieder lesen können, daß Du mit der Gesundung ganz gut vorwärts kommst. Es ist vollkommen richtig, wenn Du systematisch Dein Bein an Anstregnungen gewöhnst und es nicht mit Gewalt versuchst, die alte Gebrauchsfähigkeit wiederherzustellen. Gib nur Obacht, daß Du nicht nachträglich noch Schwierigkeiten damit bekommst. Gefreut hat mich auch Deine Mitteilung, daß die Kinder so fleißig Kartoffel herausgemacht haben. Wenn man so überschlägt, dann ist der Ertrag doch ganz ordentlich. Im vergangenen Jahr war das doch die ganze Ernte, was Ihr bis jetzt herausgemacht habt.. Ich schrieb Dir ja schon, daß ich nicht verwundert bin, daß sich mein Vater nicht einmal gezeigt hat und Dir ein paar Kartoffeln heraus gemacht hat. Er hat doch Zeit und wäre wohl auch dazu imstande gewesen. Ich weiß ja, daß Du froh bist, daß Du ihn in dieser Beziehung nicht in Anspruch zu nehmen brauchtest und es hätte ja schon genügt, wenn er den guten Willen  gezeigt hätte. Die Kinder haben ja auch mit den Äpfeln angefangen und nette Erfolge erzielt. Daß das nun nicht so geht, wie bei einem Erwachsenen, ist ja ganz klar, aber man sieht doch, daß sie sich Mühe geben. Wenn manches nun nicht so geht, wie man gern möchte, so muß man das mit inkauf nehmen. Froh wollen wir nur sein, daß mit Dir alles noch so verlaufen ist und daß keine Komplikationen dazugekommen sind.  Die Angelegenheit zwischen Erna und Deinem Vater hat wohl vorläufig auch ihre Erledigung gefunden. Entgegen unserer Annahme, hat sich Lotte nun doch dazu aufgerafft und hat den entscheidenden ersten Schritt getan. Eines steht fest, daß Dein Vater das nicht so gemeint hat und wenn man das nicht weiter beachtet hätte, hätte kein Hahn mehr danach gekräht. Er glaubt immer, Berechtigung zur Kritik zu haben und die anderen sollen dazu schweigen. Das stimmt wohl, aber es ist wohl in dieser Beziehung so, daß man ihm Gewährung geben muß. ERna trägt zweifellos auch einen Teil Schuld, denn sie kann auch etwas nachgeben. Wenn Dein Vater immer wieder bemängelt, daß ausser ihm niemand niemand ans Grab kommt, so finde ich das jedenfalls bezeichnend. Erna liest doch auch diese Briefe. Wenn sie sich nur immer mit dem Kind entschuldigt, so kann ich das für mein Teil nicht voll gelten lassen. Wenn Erna tatsächlich so an Deiner Mutter gehangen hat, dann wird sie im Laufe des Jahres immerhin zwei Stunden Zeit finden, um einen Gruß hinauszubringen. Entweder läßt sie das Kind auf diesen Sprung bei anderen Leuten, oder sie nimmt sie mit hinaus, denn soviel kann das Kind doch schon laufen. _ Wenn ich so aus Deinem Brief lese, nun gehen wir wieder ins Bett und die Kinder freuen sich darauf, denn es gibt zum ersten Mal wieder die Federdecke, da muß ich an unsere Verhältnisse hier denken. Praktisch ist es doch so, daß ich meine Sachen nicht mehr vom Leibe herunter bekommen habe. Die Schuhe und die Mütze habe ich auch immer an, wenn es ins Bett geht. Vorhin habe ich einmal meine Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Man fürchtet sich vor sich selbst. Verschmutzt und verdreckt ist alles und stinken tut man, das ist nicht mehr heilig. Aber solange man noch laufen kann, dann geht das noch.  Du schreibst dann, daß ich das komisch finden würdem wenn ich Deine vielen Briefe an die verschiedenen Verwandten und Bekannten so gesehen über einen Leisten sind. Das finde ich durchaus verständlich, denn mir geht es in einzelnen Fällen genau so. Daß Du nun gleich mit meiner   ?   operierst, dagegen kann ich schließlich auch nicht weiter einwenden, da Du meinen Weg zum  ? Platz so romantisch schilderst und mich so als halben Held hinstellst, das finde ich für mich komisch, wenn ich das lese. Es mag schon alles so stimmen, aber ich sehe die Dinge etwas anders, nüchterner. Es war doch alles so, wie es sein mußte. Aber Ihr empfindet das vielleicht anders. Das spielt ja letzten Endes auch keine Rolle. Zum Ende meines Briefes grüße ich Dich und die Kinder recht herzlich. Haltet Euch gesund und bleibt stark im Herzeh wie immerdar. Laßt Euch oftmals küssen, denn ich bin ja immer bei Euch. So oft sich unsere Gedanken finden, so treu wollen wir zusammenhalten. In innigem Gedenken an Euch bin ich immer 

Dein Ernst.

Brief 558 vom 11.10.1944


Du meine liebe Annie!                                                            11.10.44  

Das ist heute ein Wetter, bei dem man wenig Lust verspürt, ins Freie zu gehen. Es wird nun einmal nicht lange danach gefragt, ob man will oder ob man keine Lust verspürt. Aber da ja nicht lange gefackelt wird, heißt es für uns heute Nacht wieder marschieren. Wir sollen uns nach Süden verschieben und dort neue Stellungen beziehen. Das macht nun wenig Spaß für uns, denn jetzt hatten wir uns hier eingerichtet und dort wissen wir nicht, was wir vorfinden. Jetzt waren wir soweit gewesen, daß wrir uns auch einmal eine Stunde Ruhe hatten gönnen können, wenn uns der Iwan Zeit dazu gegeben hatte. Aber das darf ja nicht sein. Das ist nun einmal Landserschicksal und da hilft alles Jammern nichts. Also, wir werden befehlsgemäß marschieren. Es scheint sich einregnen zu wollen. Das paßt alles ganz gut zu unserem Vorhaben. Damit ich meine Rauchwaren nicht auch noch mit mir herumschleppen muß, habe ich gleich ein Päckchen gepackt, das die Nummer viwr trägt. Ich will hoffen, daß ich es noch los werde. Es enthält außer den Rauchwaren noch eine Dose Fisch und eine Rolle Bonbons. Hoffentlich kommt alles gut an,. _ Hat denn Resi von Fritz inzwischen wieder einmal Bescheid erhalten, oder weiß sie, was sonst los ist? Von Deinem VAter bekam ich gestern eine Postkarte, in der er mir seinen neuen Rundbrief ankündigt und den Erhalt meiner ersten Karte bestätigt. Ausserdem erhielt ich noch einige Zeitungwen von ihm. Ich muß ja sagen, daß er da mit einer ziemlichen Pünkt lichkeit arbeitet und es nicht vergißt, mir etwas zum Lesen zukommen zu lassen. Was macht wohl Dein Fuß? Hoffentlich kannst Du bald wieder laufen, damit Deine Geduld nicht auf eine harte Probe gestellt wird. Doch dreinfinden mußt Du Dich, daran läßt sich auch nichts ändern. Ich grüße Euch, meine lieben Drei, recht herzlich. Haltet Euch gesund und nehmt viele liebe Küsse entgegegn von 

Deinem Ernst.

Brief 557 vom 10.10.1944


Du liebe gute Annie!                                                                         10.10.44   

Bei der Post geht es anscheinend wieder einmal recht langsam zu.  Auch gestern erhielt ich keine Nachricht von Dir. Umso mehr liegt heute Veranlassung vor, daß ich heute mit einem von Dir rechnen kann. Die Tage scheinen nun ein gewisses Gleichmaß anzunehmen, denn ich bin heute wieder zum Schlafen gekommen, und das will doch schon etwas heißen. Wenn es am Vormittag auch nur wenige Stunden waren, so machte das schon etwas aus, und man freut sich darüber, daß man sich ein bißchen ausruhen kann. Ich habe immer noch soviel freie Zeit gehabt, daß ich dem Tommy und dem einen Kameraden aus Griechenland habe schreiben können. Ob diese Briefe ihren Empfänger erreichen, ist unter den veränderten Verhältnissen eine Frage, aber immerhin, ich will es versuchen. Du weißt ja, wie ungern ich Briefschuld habe und daß ich sie immer möglichst schnell von mir abwälze. _ Das Wetter ist in der letzten Zeitrecht wech selhaft und erinnert dadurch stark an den Herbst. Die Kälte, die hier schon geherrscht hat, hat inzwischen wieder tüchtig nachgelassen, doch regnet es hie und da immer wieder einmal, das ist dann auch nicht gerade angenehm. Ich bin darum froh, daß wir ein Dach über dem Kopf haben. Heizen kann ich ja unsere Unterstände auch, was uns dann sehr zustatten kommt. Am Anfang raucht der Ofen beim anheizen und in der Bude ist nichts mehr zu erkennen, aber das sind nun einmal solche Kleinigkeiten, die man hier in Kauf nehmen muß. Am Tage kann man ja nicht weiter heizen, denn dies würde der Feind bemerken. Ich habe darum in der vergangenen Nacht, als ich nach Erledigung meines Dienstes heim kam, angefangen, unseren Ofen fertig zu machen. Unser Feldwebel lag schon zu Bett, doch wenn ich feuere und etwas warm haben wollte, so mußte ich diese Zeit bewnutzen. Also Frischholz in den Ofen und angebrannt. Es braucht auch nicht lange und ich hatte es soweit, daß bei uns nichts mehr zu erkennen war. Mein Feldwebel, mit dem ich allein hier zusammen bin, wachte dann auch auf, weil er keine Luft mehr bekam, aber trotzdem konnte ich mich trotz wiederholter Ansprüche nicht von meinem Vorhaben lassen. Nach einiger Zeit hatte ich es dann auch geschafft, daß wir unsere Heimstätte, nachdem wir vorher gemeinsam die Flucht ergriffen hatten, wieder aufsuchen konnten. Der Ofen hatt dann eine solche Wärme ausgestrahlt, daß wir uns, ohne viel zuzudecken hinlegen konnten. Gegen Morgen hatte ich es dann wieder geschafft, daß wir uns von unserem Lager wieder erheben mußten, weil wir die Schwitzkur auf die DAuer doch nicht mitmachen wollten, denn es war inzwischen so heiß bei uns geworden, daß man mit Recht sagen konnte, das ist des Guten zuviel. Es ist eben nicht so einfach, das richtige Maß zu finden. Vor allem, wenn man es gut meint. Mit der Wärme, die bei uns eingekehrt ist, sind nun auch die Fliegen wieder gekommen, die sich die ganze Zeit hier nicht mehr wohlfühlebn konnten, weil es zu kalt in unserem Bunker war. So nach und nach kommt eben doch wieder alles in das rechte Gleis. _ Ich hoffe, daß Ihr mir alle gesund seid und daß die Besserung Deines Fußes sich auch weiterhin anläßt. Was macht denn unsere HelgaHausfrau und unser Gärtnerlehrling? Herzlich grüße ich Euch alle Drei und VAter. Laßt Euch von mir recht innig küssen, denn ich bin ja immer 

Dein Ernst.

Brief 556 vom 9.10.1944


Mein liebster un bester Schatz!                                                               9.10.44   

Nach den ersten Tagen der Unruhe und des Einrichtens geht es heute einigermaßen geruhsam bei uns zu. In der Nacht war zwar ein großes Unternehmen bei uns, bei der es viel eisenhaltige Luft gab, aber bei Tag istes desto ruhiger in unserem Abschnitt gewesen. In den vorangegangenen vier Tagen habe ich schätzungsweise fünf Stunden geschlafen. Heute habe ich mich etwas hingelegt und bin tatsächlich fest eingeschlafen und konnte dabei vier zusammenhängende Stunden schlafen. Das hat mich wieder tüchtig gestärkt, so daß ich wieder ganz ordentlich auf Posten bin. Ich hatte ja gestern Dir mitgeteilt, daß ich Dir heute etwas mehr schreiben würde, wenn nichts Besonderes eintritt. Dieses VErsprechen will ich nun einlösen und Dir nach meinen zwei letzten Briefen wieder etwas ausführlicher berichten. Aus dem Absender wirst Du es vielleicht gemerkt haben, daß ich nun schon die erste Stufe des Soldatseins überschritten habe und die zweite erklommen ist. Ich bin Gefreiter geworden. Das ist doch eine Leistung. Ja, bis jetzt ist das ganz formlos vor sich gegangen. Am Sonntag vor achtTagen wurde ein großer Teil von Kameraden befördert. Auch von mir sprach man, doch als es soweit war, da hatte man mich vergessen. mir persönlich hat das nichts weiter ausgemacht, wenn ich das Dir offen sagen soll, denn ich habe beim Barras schon soviel Dinge erlebt, daß mich sowas nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Dieser Tage kommt der Spieß in die Stellung und fragt mich, ob ich nicht Gefreiter geworden sei, was ich verneinte. Daraufhin entschuldigte er sich und sagte, daß das sofort rückwirkend nachgeholt würde. Mit ist das Soldbuch abgenommen worden und das war vor wenigen Tagen. Seither habe ich es noch nicht zurückl erhalten. Doch gestern kam unser Rechnungsführer und zahlte mir Geld nach, weil ich doch nun befördert worden sei.  Wenn das schon eingetragen ist, dann muß es anscheinend stimmen, denn das, was mir die Kameraden schon vorher mitgeteilt haben, das kann man doch nicht immer für bare Münze nehmen. Das wäre so alles in diesem Fall. Es kann ja sein, daß man mir das noch offoiziell mitteilt, aber darauf warte ich nicht erst. Ja, so geht das. Ob nun noch etwas nachkommt, wird sich ja zeigen. _ Wie ich aus Deinen Briefen lese, willst Du anscheinend mit Gewalt, daß Du wieder laufen kannst. Ja, mein liebes Mädel, dazu muß man recht viel Geduld aufbringen, das läßt sich nicht erzwingen. Es braucht alles seine Zeit und die muß auch Du abwarten. Ich denke nur daran, wie ich mir vor Jahren den Fuß verknaxt hatte. Es hat lange gedauert, bis das wieder in Ordnung war und dabei hatte ich noch nicht einmal eine Wunde. Also lasse alles richtig ver heilen und verdirb nichts durch zu zeitiges Anstrengen. _ Was machen denn die Hände unserer lieben kleinen Nachfolgehausfrau? Hoffentlich sind sie wieder gesund geworden.  Man merkt eben, daß sie diese Dinge noch nicht gewohnt ist und daß die Hände nocht nicht abgehärtet sind. Das kann man schließlich nicht verlangen. Ich wünsche ihr, wie Dir selbstverständlich auch, recht gute Besserung weiterhin. Mit den Apfelringen habt Ihr ja schon schöne ERfolgeerzielt. Damit kannst Du den Winter über ganz gut etwas anfangen. Das freut mich immer wieder, wenn ich weiß, daß Ihr nicht nur auf das angewiesen seid, was einem so zugeteilt wird. Das Brot wird ja auch wieder gekürzt, das spürt man eben auch . Die Kartoffelzuteilung ist aber auch nicht übermäßig groß. Vielleicht kannst Du von irgendeiner Seite noch welche dazubekommen. Ich denke an Resi. Aber das überlasse ich Dir. Das ist schön von den Kindern, daß sie das Kohlenschichten gleich übernommen haben. Das sind ja alles so Arbeiten, an die Du Dich jetzt noch nicht ranmachen kannst._ Wegen den Zeitungen lauf doch nicht mehr zu den unfreundlichen Menschen. Ich glaube ja, daß sie ein Königreich verschenken. Ich bekomme ja von Leipzig immer die Zeitungen, das genügt ja auch. Es ist ja nicht wegen des Geldes, aber doch wegen des Ärgers, der immer damit verbunden ist. _ Dem Gaugel muß es schon hart ankommen, wenn es so wenig Zigaretten gibt. Du hast ja einen ganz schönen Erfolg gehabt. Denn vier Glas Marmelade ist doch etwas Feines. Daß die Marmelade so fest wird, habe ich mir gedacht. Weißt Du, was besonders gut schmeckt, diese Holderbeeren mit Brombeeren zusammen gekocht. _ Hoffentlich gefällt es Jörg weiterhin an seiner ARbeitsstelle. Es wird schon manchmals etwas gabn, das ihm nicht zusagt, aber da muß er sich hineinfinden und nicht gleich den Kopf hängen lassen.  DAß ihm das Freude gemacht hat, als er etwas mitbekam, das kann ich mir gut vorstellen. _ Helga hat sich nun im Apfel  ? machen versucht, VAter will also dabei behilflich sein. Ich bin auf Deine Nachrichten gespannt, wie das so verlaufwen ist. _ Heute habe ich wieder ganz schön mit Dir pllaudern können. Es ist mir schon fast zu einem täglichen Bedürfnis geworden, und wenn es einmal nicht so klappt, dann fehlt mir an dem Tag etwas. Es geht eben nicht immer so, wie man gern will. Ich grüße Dich recht herzlich und wünsche mir, Dich wieder einmal in die Arme nehmen zu können.  Nimm einen herzlichen und lieben Kuß entgegen und teile alles an die Kinder weiter.  Bleibt mir gesund und denkt immer an Deinen Ernst und Euer 

Vaterle. 

Brief 555 vom 30.9.1944


Du mein allerliebster Schatz!                                                                      30.9.44   69    

 Der Wind weht über das Stoppelfeld und ich sitze hier zwischen einer Strohpuppe, um meinen heutigen Brief für Dich abzufertigen. Zuerst will ich mich für Deine beiden Briefe Nr. 48 und 49 bedanken. Ich erfuhr nun von Dir, daß inzwi schen die Mitteilung darüber eingetroffen ist, daß ich vermißt sei. Der Schrecken mag bei Dir zuerst groß gewesen sein, doch hat sich ja alles als Irrtum herausgestellt und das ist wohl die Hauptsache. Ich erhielt aber von Dir ausserdem noch die Karten von Kamerad Wiesten und den Brief von dem Kameraden Biehl. Der letzte enthielt noch ein Bild von mir, das für mein Soldbuch sein sollte. Ich sende es Dir mit zu, vielleicht willst Du es haben. Dieser Brief enthielt nun noch einen Brief vom Tommy. Über das Gedenken der früheren Kameraden habe ich mich sehr gefreut, waren die Zeilen doch auch herzlich gehalten. Tommy ist im Frühjahr wieder nach Lille zurückversetzt worden. Der (Name ?) der früher mit uns immer zusammen war, sei aver immer so beschäftigt, daß es zwischen den Beiden zu keinem Kontakt mehr gekommen ist. In Douai, wo ich mich doch solange aufhielt, war schon im Frühjahr alles kaputtgehauen worden. Interessant ist, daß mein früherer Ched, der Müller, auch abgehalftert worden ist und zur Truppe zurück sollte. Inzwischen hat es sich aber herausgestellt, daß der Mann so herzkrank ist, daß er nicht mehr in k.v. ist. Das sind doch Schweine. Ich konnte Dir ja früher erzählen, wie er immer das Großmaul hatte und nun, wo er einmal seinen Mut zeigen könnte, da  kneift er. Ich hatte ja diesen Lumpen schon bald entsprechend einzuschätzen gelernt. Schade ist nur, daß ich diesem Schurken nicht in Reih und Gliedbegegnen kann. Es ist ja nicht gesagt, daß diesen Leuten alles immer so glatt geht und damit tröste ich mich. Gewundert habe ich mich, daß Du nichts über die aus Griechenland mitgesandten Bilder erwähnst. Es würde mich schon einmal interes sieren, wie sie geworden sind. Vielleicht schickst Du sie einmal zur Ansicht mit. Wenn sie verloren gehen sollten, so hast Du doch immer noch die Filme da. Von dem Kameraden Biehl erfuhr ich, daß mein Nachfolger wegen Erkrankung nach Hause reisen mußte. Ein weiterer Kamerade von meinem Jahrgang ist seit Juni auch zur Truppe gegangen, während noch bei einigen anderen die Klärung dieser Frage schwebte. Von den verschieden sten Knaben habe ich wieder Bescheid erhalten, was mich recht gefreut hat. _ Bei Durchsicht meines Schriftwechsels fiel mir auch der Rundbrief Nummer 19 in die Hand, den ich bis jetzt noch nicht gelesen hatte. DArin ist auch von der sogenannten Unterschlagung Ernas die Rede. Ich habe zwar die Briefe Deines Vaters nicht in dieser Richtung bersonders beachtet, aber bei dieser Schilderung muß ich auch zu der Überzeugung kommen, daß Siegfried wohl etwas daneben gegriffen hat. Ich weiß zwar nicht, was in Leipzig zwischen Erna und Deinem Vater sonst noch gesprochen worden ist, aber eines steht nun einmal fest, daß gewisse Spannungen zwischen beiden Teilen bestehen. Ob nun Lotte da noch schürt, kann ich zwar nicht beurteilen, es ist wohl bei ihrer Veranlagung anzunehmen. Es kommen manchmal recht unerfreuliche Dinge zutage. Es kann sein, daß auch wir in mancher Beziehung mit Reibereien rechnen müssen, wenn wir in Leipzig wohnen würden. Es ist aber am besten, daß wir diese Sache übergehen und lassen diesen Fall zwischen beiden Teilen selbst ausmachen. _ Ich machen mit immer noch Gedanken, was Du nur haben könntest, weil der Brief, in dem Du mir Deinen Unfall oder was Du gehabt hast, mitteilst. Das ist richtig, daß die Leute gleich mit „guten Ratschlägen“ zur Stelle sind. Wenn dann etwas schief geht, dann wundern sie sich darüber und lehnen selbstverständlich alle Verantwortung dafür ab. Daß es bis zu Deiner Wiederherstellung noch längerer Zeit bedarf, läßt wohl darauf schließen, daß die Verletzung doch nicht ganz einfacher Art ist. Ich will nur hoffen, daß Du nicht gar so große Schmerzen dabei hast und daß Du bald wieder hergestellt bist. Über den Gruß der Kinder habe ich mich sehr gefreut und ich werde versuchen, ihnen in den nächten Tagen persönlich zu schreiben, Ob mein Brief aus Königsberg mit den Marken und auch meine Geburtstagsbriefe angekommen sind, weiß ich ebensowenig. Vielleicht gibst Du mir auch darüber noch einmals Bescheid. DAß sich die kleine Hausfrau zu Deiner Zugfriedenheit entwickelt und daß sie Dir bei Deinem gegenwärtigen Zustand eine tüchtige Hilfe ist, freut mich besonders. Ich grüße Dich nun wieder einmal herzlich und gebe Dir und den Kindern viele liebe küsse. Ich denke immer an Dich und die Kinder und bin und bleibe immer Dein Ernst. An Deinen VAter habe ich gestern und an Nannie habe ich heute geschrieben. Die letzten Briefe von ihnen habe ich mit beigefügt.  Du mein liebes gutes Mädel! Nach der Zurückstellung der Uhr merkt man jetzt doch deutlich, wie die Tage abgenommen haben. Seit einigen Tagen ist es nicht mehr so kalt, was allgemein dankbar verspürt wird. Heute scheint es sich nun einregnen zu wollen. Es regnet zwar nich heftig, aber dauerhaft. Ein Teil der Kameraden befindet sich bei der Kartoffelernte und ich halt e die Stellung in unserem Bunker. Die Fliegen treiben ein schlimmes Spiel mit uns. Man darf sich nicht bewegen, denn sonst treibt man dieses lästi geVolk auf und dann ist ein Summen in der Luft, als seien einige Kampfgeschwader in der Luft. Vorhin haben wir wieder einmal Zeitungen bekommen. Wenn man so den Wehrmachtsbericht und die anderen Artikel liest, dann erfährt man leider wenig erfreuliche Dinge. Auch sonst ist alles auf Zähnezusammenbeißen ausgerichtet. Aber trotz allem darf man das VErtrauen nicht verlieren und man muß sich immer wieder sagen, daß man eine Familie daheim hat, für die man hier draußen seine Pflicht tut. Es ist schon viel Besonderes vom deutschen Volk verlangt worden. Hoffen wir darum, daß dieser Einsatz nicht umsonst ist, und daß wir dies alles gesund überstehen. Die Zeiten bringen den Menschen soweit, daß man erst an sich und seine Familie denkt. Wenn auch das Denken für den Staat heute als das oberste Gesetz halten soll, so kann ich mich gerade aus meiner Gedankenwelt, wie ich sie eben angedeutet habe, schlecht herauslösen.  Post habe ich gestern keine erhalten, doch gar zu lange wird es wohl nicht dauern, bis ein lieber Brief von Dirangeflattert kommt. Gern hätte ich gewußt, was Dir eigentlich mit Deinem Fuß passiert ist, um mir ein Bild von dem machen machen zu können, wie groß die Verletzung gewesen ist. Daß die Mitteilung von der Besserung im Voraus gekommen ist, hat zweifellos etwas für sich, doch in gewisser Hinsicht trappe ich immer noch im Dunkeln. Daß die Tage bei uns wenig Abwechslung bringen, das kannst Du Dir ja selbst vorstellen. Stoff zum Schreiben ist deshalb sehr knapp. Ich schließe deshalb für heute wieder mit recht lieben Grüßen. Einige Küsse füge ich für Dich und die Kinder bei und bin immer Dein Ernst.    Die Karte an Siegfried bitte ich mit seiner Feldpostnummer zu versehenund abzusenden. Deinem Vater habe ich heute ebenfalls eine Karte geschrieben. Einige Bilder, die mir im Weg waren, sende ich mit einigen Briefen ebenfalls zurück. Nochmals lieben Schmatz.