Du mein liebstes Mädel! 22.6.44
Recht mächtig habe ich mich gefreut, als ich heute früh
Deine beiden Briefe vom 6. und 7.6. sowie Deine drei Zeitungssendungen erhielt.
Ich habe wieder aus Deinen Zeilen ersehen können, daß Ihr wohlauf seid und daß
es Euch den Zeitumständen entsprechend geht. Von Deinem Vater erhielt ich den
Rundbrief 14. Das war alles zusammen eine willkommene Abwechslung. Ich hatte
zwar reichlich Beschäftigung, denn wie ich Dir gestern schon mitteilte, ist für
mich wieder einmal der Waschtag herangekommen. Das muß nun einmal sein. wenn
man nicht ganz und gar verludern und verdrecken will. Es ist nur schade, daß
man die Sachen nicht bügeln kann. Wenn ich die Sachen auch nicht kochen kann,
es hilft mir das heiße Wasser doch recht viel. Wenn, wie heute, die Sonne
scheint, dann kann ich die Sachen bleichen lassen, dann kommt das schon so
einigermaßen hin. Das Wetter ist seit einigen Tagen etwas beständiger geworden,
so daß man tagsüber recht ins Schwitzen kommen kann. Nachts ist es aber trotz
der Wärme am Tage beträchtlich kühl. Man muß sich öfter umziehen, um die
jeweils gemäße Kleidung anzuhaben. Der laufende Dienst zwingt ja dazu, daß man
auch damit seine Ordnung hat, denn am Tage kann man die dicke Feldbluse nicht
ragen, da nimmt man dann den Drillichrock, für die Nacht braucht man schon die
dicke re Bluse und den Pullover.
Ich kann Dir nur sagen, daß ich über das Verhalten von Resi sehr erstaunt bin.
Die Bindungen waren früher nicht schlecht, aber doch recht lose und das
besonders in letzter Zeit. Jetzt mit einem Male läßt sie das aufleben, was
einem schon in Verwunderung versetzen kann, weil es so plötzlich geht. Mit
selbst ist das schon wegen Dir sehr recht, wenn Du dadurch etwas Ablenkung und
Abwechslung erfährst. Daß sie Dich zum Strümpfe stopfen einlädt, ist doch ganz
nett. So sitzt du doch nicht Abend für Abend allein daheim oder hast als
einzigen Unterhalter Vater da. Etwas kannst Du Dich doch bei den Arbeiten auch
unterhalten. Was vor allem gut ist, ist, daß sie nicht so weit weg von uns
wohnt, dann bist Du doch bei Alarm oder überhaupt bald wieder daheim. Helga und
Ingrid sind ja z.Zt. so Clowns, die ich mir gut vorstellen kann, wenn sie ihren
Verkleidungsnachmittag haben. Ich denke nur daran, wie wir sie im Wagen nach
Wollmatingen fuhren und wie sie immer etwas zu ? hatten, und wie plötzlich trat die Ernüchterung ein, als sie aus
dem Wagen fielen, als er umkippte. Daß Vater sich über meinen Brief gefreut
hat, ist ja recht und das sollte ja schließlich auch der Zweck sein. Du erwähnst, das Wollgras in Deinem letzten
Brief. Ich habe schon einige Tage wieder ganz aufgeblühtes Wollgras in meinem
Notizbuch, das ich Dir heute mit zusenden kann. Es sieht sehr schön aus. die
Wiesen haben große weiße Flecken, wo das Gras blüht. Es sieht schön aus. Mit dem zusätzlichen Essen hast Du ja
vollkommen recht. Es ist wiederholt vorgekommen, daß wir hier Quark erhalten
haben. Den kann man mit Ei und Zucker anrühren, dann hat man ein kräftiges
Zubrot, damit kann man wieder seine Butterration sparen und man hat doch etwas
anderes im Magen. Jetzt haben wir wieder Gelegenheit gehabt, Öfter Magermilch
zu bekommen. Das trifft dann fest einen Liter pro Mann. Ich habe mir jetzt
einige Male die Hälfte davon sauer werden lassen, das ist dann auch ein prima
Essen mit trockenem Brot. Man muß sich die Sachen nur recht einteilen.
Wie ich aus Deinem Schreiben entnehme, sind die großen Ferien diesmal recht
reichlich bemessen, allerdings unter der Berücksichtigung dessen, daß die
Pfingst- und Herbstferien ausfallen. Wenn das so ist, dann kann Jörg wohl
getrost einige Zeit mit zu dem Lager nach dem Vorarlberg gehen, denn dann hast
Du ihn ja noch eine Weile daheim. Der Auszug aus Doberlug ist nun doch noch angekommen. Das Geld ist
allerdings schon von mir ausbezahlt worden. Ich sandte es seinerzeit von Athen
nach dorthin. Wir müssen einmal sehen, daß wir vielleicht dort noch eine
Urkunde anfordern können. Ich nehme jedenfalls an, daß Du das Geld inzwischen
nach dort gesandt hast.
An Deinen Vater habe ich vor einigen Tagen ein Päckchen mit Tabak und heute
auch wieder eins abgesandt. Das hat mir 10,RM gekostet. Nun habe ich hier
wieder eine Menge Tabakwaren, die mir viel Geld kosten, was ich nicht habe. Ich
habe vielleicht an 60,RM ausgegeben, die ich mir besser für Verpflegung kaufen
einsetzen könnte. Ich kaufe diese Sachen gern, weil ich weiß, daß ich damit
jemand eine Freude bereiten kann. Aber hier ist das doch schwierig mit dem
Geld, vor allem, wo doch mein Wehrsold jetzt sowieso viel knapper bemessen ist
wie früher. Denn ich erhalte ja jetzt nur noch die Hälfte von dem, was ich
früher bekam. Ich weiß nun nicht, soll ich das Deinem Vater in Rechnung stellen
oder was rätst Du mir zu tun. Auf alle Fälle bitte ich Dich, daß Du mir so nach
und nach 30/40 Rm zusendest. Stecke sie in Deine Briefe in Raten, denn auf die
Dauer komme ich sonst nicht aus. _ Ich lege Dir heute einige Marken mit bei,
die Du jetzt nach Belieben verwenden kannst. Ich glaube, daß das so ziemlich
alles wäre, was ich Dir heute zu erzählen hatte. Ich hoffe Euch meine Lieben
immer gesund und füre meinen Zeilen wie immer recht herzliche Grüße und viele
liebe Küsse bei. In treuem Gedenken Dein Ernst. Liebste Frau, meine liebste
Annie! Auch der heutige Sonntag hat wenig Änderung in unserem täglichen leben
gebracht. Nach Mitternacht kan ich von der Streife nach hause und um 4 Uhr
mußte ich schon wieder auf Posten stehen. Das geht hier so hier wie an
Wochentagen. Kleine Erlebnisse und Beobachtungen bringen hier eigentlich die
Abwechslung im täglichen Einerlei. Radio oder Kino haben wir ja nicht, was uns
etwas ablenken könnte. Andererseits ist
es so, daß man froh ist, wenn man sein Bisschen Freizeit dazu verwenden kann,
um die immer anfällige Post zu erledigen und daß man das, was noch übrig bleibt
in Schlaf anlegt. Bei der Eigenart des Postenstehens läßt es sich einrichten,
daß man hin und wieder aus der Zeitung einen Abschnitt lesen kann, doch diesen
Posten steht man ja nicht regelmäßig, aber man hat immerhin Zeit, daß man sich
darauf einrichten kann. Heute früh hatte ich von meinem Standort aus
beobachtet, wie ein Elsternpaar (denkst Du noch an die Libelle, wie jener kluge
Leipziger einmal sagte ?) in meiner Nähe immer hin und herflog und ihr nicht
gerade schönes Gekreisch ertönen ließ. Diese Biester gibt es hier ja in rauen
Mengen. Außerdem sind sie ja im Zusammenleben mit der anderen Vogelwelt nicht
besonders nützlich. Bekanntlich sind sie ja Nesträuber. Als die eine der Beiden
in Schussnähe kam, hatte ich erst einmal angelegt, um sie abzuschießen, doch
bis ich mein Gewehr entsichert hatte, flog sie wieder weg. Doch kurze Zeit danach kam sie noch näher zu
mir heran und sie setzte sich auf ein Telegrafenmast. Ich hatte mein Gewehr sofort
in Anschlag gebracht und Knall, hatte ich sie getroffen. Sie kugelte durch die
Luft und plumpste herunter. Das war auf eine Entfernung von 30 m. Wie es
scheint, ist es mit meiner Schießerei doch nicht so schlecht bestellt, wie ich
mir immer einbilde. Es ist dies mein erstes Tier, das ich abgeschossen habe.
Man spricht von einem Jagdfieber, was einem da packt. Wenn das die Spannung
ist, die einem packt zwischen Anlegen und Abschießen, so muß ich sagen , daß
das ein eigenartiges Gefühl ist, denn wenn man sich schon einmal dazu
entschlossen hat, zu schießen, dann will man ja auch treffen. Man lebt dann in
dem Glauben, daß der Vogel gerade in dem Moment wegfliegt, wenn man abdrückt.
Ich weiß nicht, ob das allen Menschen so geht, doch ich konnte mich dieses
Gefühls nicht erwehren. Vor einigen Tagen saß etwas weiter von diesem Standort
aus ein Hase in meiner Nähe. Ich hatte auch die Absicht, ihn zu schießen, damit
man einmal seine Mahlzeit strecken kann. Aber von mir aus gesehen kam
unglücklicherweise ein Schienenfahrzeug, so daß ich diesen Schuss unterlassen
mußte. Du mußt nun nicht denken, daß mich jetzt die Jagdleidenschaft packt.
Aber immerhin, für mich war es ein Erlebnis. Schade ist nur, daß man die Elster
nicht essen kann, oder besser gesagt, daß es sich nicht lohnt, sie fertig zu
machen. Am Vormittag war ich nun noch arbeiten und über die Mittagszeit hatte
ich wieder Streife und nachdem ich mein Mittagessen fertiggemacht hatte, habe
ich seit etwa 16 Uhr Freizeit. Um 20 Uhr geht es wieder auf Streife, so daß ich
auch diesen Sonntag herumgebracht habe.
Ich habe wieder einige Kleinigkeiten bekommen, so daß ich in meinem Päckchen
Nr. 3, was ich schon seit einigen Tagen vorbereitet habe, einige kleine
Umgruppierungen vorgenommen habe Ich habe zwei Zahnbürsten erhalten und auch
etwas Zahncreme. Eine von den Bürsten hebe bitte für mich auf. Die andere
kannst Du bei Eintreffen und Bedarf verwenden. Es mangelt mir nur an Bindfaden,
dann könnte es schon längst weggehen. Ich denke aber, daß von Deinem Vater bald
etwas ein treffen wird, denn ich hatte ihm kürzlich darum geschrieben. Ich habe
auch noch allerhand Rauchwaren hier liegen, die ich gern lossein will. Man weiß
ja nicht, was plötzlich kommen kann, dann möchte ich mein Lager gern geräumt
haben. Die Ereignisse hier in unserer Gegend sind ja nach dem Wehrmachtsbericht
auch nicht gerade rosig anzusehen. Das Gedonner ist ja auch seit einigen Tagen
recht deutlich zu hören, doch die Zuversicht brauchen wir trotz allem noch
nicht verlieren. Ich grüße Euch Drei und auch Vater recht herzlich. Laßt es
Euch wohl gehen und bleibt nur immer gesund. Meine Gedanken lenke ich täglich
zu Euch, denn mit Eurer Umgebung bin ich so vertraut und verwachsen, daß mir
alles gegenwärtig ist. Dir mein Schatz schnipse ich einen lieben Kuss zu und
gebe noch einen festen Schmatz drauf, den Kindern ebenfalls. Das ist immer Dein
Ernst.