Sonntag, 30. Juni 2019

Brief 547 vom 18.06.1944


Mein geliebter Schatz!                                                                         18.6.44               

Es ist sonnig, und ich habe wieder einmal die Ehre gehabt, das Pumpwerk der Eisenbahn bewachen zu dürfen. Binnen kurzer Zeit werden wir abgelöst wer den. Vorher will ich aber noch die restliche Zeit dazu benutzen, um meinen Brief an Dich anzufangen. Schön war es heute hier deshalb, weil wir diesmal recht sonniges Wetter hatte, was die ganze Angelegenheit doch viel freundlicher gestaltet. Wenn wir auch unsere Sachen nicht während unserer Freizeit ausziehen dürfen, damit wir jederzeit einsatzbereit sind, do ist das ganze, von der Nacht zwar abgesehen, so eine Art Erholung. Die letzte Nacht war es hier ziemlich unruhig, weil der Iwan verschiedene Städte in unserer Nachbarschaft heimgesucht hat. Unter anderem auch die Großstadt, in der ich mich vor meinem Eintreffen hier aufhielt. Es war wieder einmal ein mächtiger Feuerzauber am Himmel, aber das sind ja Sachen, die in der Heimat zur Genüge bekannt sind. Vielleicht wird diesem Treiben in der Heimat nun auch ein Ende gesetzt. Durch die Ereignisse im Westen ist doch in gewisser Hinsicht eine Minderung der Einflüge zu beobachten. Wie lange das anhält, kann man noch nicht voraussehen. Wie auch alles sei, die jetzt eingeleiteten Kampfhandlungen geben doch allen Deutschen wieder einen neuen Auftrieb und aus dem untätigen Abwarten sind wir doch nun wieder mit Gegenaktionen auf dem Plan.
Du schriebst einmal auf meine Mitteilung, daß Du das nicht verstehen kannst, wenn jemand 75 RM für ein kg Butter bezahlt. Wenn man die Dinge von der Heimat aus betrachtet, dann ist dieser Standpunkt durchaus richtig. Die Verhältnisse im Ausland sind aber kaum mit denen in der Heimat zu vergleichen oder doch nur mit denen, die für den Schwarzen Markt überall gelten. Du mußt hier, wie ich schon einmal schrieb, für ein Ei 1,50 RM bezahlen. Dagegen erhält man für ein Stück Kriegsseife  3 Eier. Die Seife kostet doch daheim etwas über 10 Pfennig. Für ein Brot bekommt 8/9 RM, für eine Rolle Bonbons kann man 2 Eier und für 3 Zigaretten ebenfalls 2 Eier tauschen. Wenn man dann die anderen Preise dafür betrachtet, so hält sich alles in einem gewissen Rahmen. Man kann die Preise aber nur von dieser Seite ansehen, weil schließlich keine geordneten Verhältnisse sind, wie wir sie in der Heimat kennen. Ich dachte, daß ich Dir das einmal mit schreiben muß, auch schon deshalb, damit Du nicht denkst, ich würde diesen Unfug der Preisüberteuerung mitmachen. _ Wenn man hier so draußen ist, dann hat man immer Gelegenheit, etwa das Wachsen zu beobachten. Radieschen gibt es jetzt hier auch. Die Kartoffeln und die Bohnen kommen jetzt heraus. Das Getreide steht dagegen ganz schön da. Hier geht das Wachsen im Grunde genommen schneller vonstatten wie bei und. Die Leute haben vor einigen Tagen hier Kraut gesetzt. Die Stare, die hier in diesem Pumpwerk nisteten, haben ihre Brut inzwischen schon flügge. Die machen sich nicht viel aus den Witterungsgebilden. Die Störche, die es hier wieder in größerer Anzahl gibt, sind mit der Aufzucht ihrer Jungen auch bald soweit. Man lebt in dieser Beziehung noch stärker mit der Natur, doch das hängt wohl mehr damit zusammen, daß man hier mehr Gelegenheit und Zeit zum Beobachten hat.
An Nannie habe ich heute auch geschrieben. Ihren Brief lege ich Dir zur Kenntnis bei. Ich hatte Dir ja schon mitgeteilt, in welchem sinn ich ihr antworten würde. Das habe ich nun heute getan.
Als ich von der Wache heimkam, fand ich auch heute keine Post vor. Es ist zwar allgemein wenig eingetroffen. Das sind aber hin und wieder Störungen, mit denen man rechnen muß.
Ich grüße Dich und die Kinder recht herzlich. Nimm einen recht lieben und herzlichen Kuss entgegen von Deinem Ernst.

Brief 546 vom 17.6.1944


Mein liebstes Mädel!                                                    17.6.44      

Von Dir habe ich keine Post zu beantworten, denn ich habe gestern nichts erhalten. Es ist nun wahrscheinlich, daß mit der morgigen Abendpost etwas ankommt. Ich muß mich darum wieder mehr oder weniger auf das Tagesgeschehen beschränken, denn es liegt sonst nichts weiter vor. Jetzt hatte ich einen Brief an unseren Jungen beendet, denn er soll doch, nachdem er mir pünktlich geschrieben hatte, auch dafür belohnt werden. Mir war es eine Freude, wie er noch in einer kindlichen Art, aber doch schon recht fließend, von dem berichtet, was er auf seiner Fahrt erlebt hatte. Zu der Frage, ob er am Jungzuglager teilnehmen darf, habe ich schon Stellung genommen. Ich schrieb Dir ja schon in einem meiner letzten Briefe davon, wie ich dar über denke. Ich will nur nicht haben, daß er während der großen Ferien überhaupt nicht daheim zu sprechen ist, denn Du wirst auch über ihn mit verfügen wollen. Ich nehme an, daß Du mir darüber noch schreiben wirst. Es braucht ja noch einige Zeit, bis das soweit ist. Wohin soll denn die Fahrt gehen? Das würde mich auch interessieren.
Gegenwärtig haben sich in den letzten Tagen Dinge entwickelt, die für den Ausgang des Krieges nun eine entschiedene Bedeutung haben werden. Die Landung, an die ich immer glaubte, ist erfolgt. Gestern ist nun die Vergeltung oder besser gesagt, die Einleitung dazu gestiegen. Hier bei uns hat das allgemein große Genugtuung hervorgerufen und ich glaube auch an einen Erfolg dieser Maßnahmen. Wenn auch auf der Feindseite jetzt ein grässliches Gezeter anfängt, so werden wir unseren beschrittenen Weg weitergehen und ein Erfolg wird uns dann auch nicht versagt bleiben. Diejenigen, die unter dem Bombenterror gelitten haben, werden wohl sehen, daß ihren berechtigten Rachegefühlen entsprochen worden ist. Dem Glauben an unsere Stärke wird auch hie und da wieder etwas nachgeholfen werden, soweit das in einzelnen Fällen notwendig war.
Ich lege wieder einige Sachen zum Rücksenden bei, damit ich mich hier nicht über ein normales Maß unnötig belaste. Ich habe hier Machorka kaufen können, den ich jetzt mit verpackt habe, um ihn an Deinen Vater abzuschicken. Ich hoffe, daß er diesen russischen Tabak auch rauchen wird, wie ich es im empfohlen habe. Ich habe jedenfalls teures Geld dafür bezahlt. Auch für Dich habe ich ein Päckchen mit verschiedenen Kleinigkeiten vorbereitet. Es ist eine Büchse mit Hautcreme, dann ein Glasteller, etwas Kopfwaschpulver , einen kleinen Blechnapf und einige Zigaretten oder Stumpen.  Hoffentlich kommt dann alles gut an. Es sind alles keine Raritäten, aber ich nehme an,daß Du dafür Verwendung haben wirst.
Mit dem Wetter kann man hier eine große Pleite erleben. Wenn man hier auf Wache oder Streife geht, die sich über einige Stunden erstreckt, dann weiß man nie, ob man noch trocken heimkommt. Es kann aber auch passieren, obwohl wir in der warmen Jahreszeit leben, daß man ins Bett steigen möchte und keine warmen Füße erhält. Dabei haben wir den Pullover an und die dicken Bekleidungsstücke. Außerdem ziehen wir mit Mantel und Zeltbahn los. Klimatisch ist es hier im Gegensatz zur Ukraine ein großer Unterschied. Man kann sich das nicht so recht vorstellen. Seit Tagen dürfen wir hier unsere Sachen nicht mehr ausziehen. Die Kleider und Stiefel müssen wir anbehalten, wenn wir uns auf unsere Falle legen, ein Zustand, den man mit der Zeit auch gewohnt wird. Wie lange das so anhält, müssen wir sehen, aber vorerst wird es wohl so bleiben.
Dich und die Kinder grüße ich recht herzlich. Richte auch an Vater einen herzlichen Gruß aus. Du und die Kinder küsse ich in Liebe, leider nur wieder auf weite Entfernung. Denke du auch, wie sonst, immer an Deinen Ernst.


Sonntag, 16. Juni 2019

Brief 545 vom 16.06.1944


Du mein liebster Schatz !                                         ohne Datum, vermutlich 16.6.    

Das ist doch nahe zu toll mit dem Wetter. Gestern konnte ich Dir doch berichten, daß wir schönes und Sonntagswetter hatte. Über Nacht hat sich das geändert. Auf unserer Streife, die gleich nach Mitternacht anfing, bekamen wir schon das erste Nass ab. Heute über die Mittagszeit waren wir wieder auf Streife, da sind wir so richtig zugedeckt worden. Auch jetzt, in den Nachmittagsstunden, sieht es noch nicht sehr verheißungsvoll aus. Heute Abend get es wieder auf Streife bis gegen Mitternacht und dann morgen am Tage sind wir auch zweimal dran. Die Strecke, die wir immer zu begehen haben, kenne ich nun schon in und auswendig. Das ist aber im Interesse der Aufrechterhaltung der Transportwege notwendig und darum findet man sich auch ohne weiteres hinein. Seit gestern hat sich bei uns eine starke Umstellung des Dienstbetriebs ergeben. Unsere Ausbildung ist für einige Zeit an den Nagel gehängt worden, weil jetzt aufgrund besonderer Umstände verstärkt Streifendienst gegangen werden muß. Mit der Tageseinteilung kommt man dabei ganz aus dem Konzept.  Frühstück haben wir nach 10 Uhr eingenommen und Mittag essen konnten wir gegen 15 Uhr. Das Abendessen ist für uns zur normalen zeit und wie sich das am folgenden Tag gestaltet, das ist immer ungewiss. Das sind aber Sachen, die man vorerst aushalten kann. Wenn sie sich zu einem Dauerzustand entwickeln sollten, dann wird man sich auch daran gewöhnen.
Vorgestern bekam ich meine in Griechenland liegegebliebene Post. Unter anderem die Antwort auf mein Schreiben an Kurts frühere Einheit, die ich Dir gleich beifüge. Nachdem aus seinem Wehrpass hervorgeht, daß er die Ostmedaille verliehen bekommen hat, ist gegenwärtig eine weitere Verfolgung der Angelegenheit nicht erforderlich. Die Stadtverwaltung hat mir auf mein letztes Gesuch hin auch geantwortet. Ich habe nur den ersten und den letzten Satz einer langatmigen Ausführung meines Freundes Lang gelesen, aus der die Ablehnung zu entnehmen ist. Wenn ich einmal mehr Zeit habe, werde ich auch den anderen Teil studieren. Es sind Auszüge aus Bestimmungen des Reichsinnenministers, die mir schon zum Hals heraushängen, wenn ich diesen Mist nur von Weitem sehe. Das ganze hat ja so ziemlich meinen Erwartungen entsprochen, so daß ich nicht weiter überrascht bin. Außer einigen Zeitungen von Deinem Vater und einer Karte von Alfred erhielt ich noch einige Briefe von Dir, die Du noch dorthin gesandt hattest. Damit ist dieser Tisch auch abgeräumt. _ Aus Deinen Briefen, die ich in der letzten Zeit erhielt, konnte ich ersehen, daß Du auch immer Nachtschicht machtest. Du mußt schon an Dich halten und schon täglich mehr Schlaf einschalten, denn sonst kommst Du mir noch ganz herunter. Ich hoffe, daß das kein Dauerzustand bei Dir ist, und daß Du Dich am Tag öfter einmal ausruhst. Also bitte, beachte meine Meinung und übernimm Dich nicht. Unser Gasmaskendienst wurde vor einigen Tagen wieder einmal aufgenommen. Wir mußten bei sonnigem Wetter längere Zeit erst marschieren und dann Sprünge mache, wobei man japsen mußte wie ein alter Hund. Wenn man das nicht gewohnt ist, dieses in Stellung gehen und dann Sprung auf, dann bleibt einem schon manchmal die Luft weg. Weniger schön dabei ist, daß man den Stahlhelm dabei auf haben muß. Mit der Maske sieht man schon fast nichts und unter dem Helm hört man fast nichts. Da kommt man sich ganz hilflos vor.
Eines ist mir in letzter Zeit aufgefallen. Du schreibst sämtliche Post mit der Hand,. Wenn es Dir eine Erleichterung ist, dann benutze doch die Maschine, denn mir macht das bestimmt nichts aus. Das äußere Kleid ist doch nicht maßgebend, wesentlich und von Bedeutung ist der Inhalt. Mit der Zusendung von Feldpostbriefen bitte ich Dich erst einmal zu warten, denn ich habe jetzt einen genügend großen Vorrat, der mir über die nächste Zeit hinweghilft.
Hast Du eigentlich Bilder von Deinem Vater erhalten, die während unseres Aufenthalts gemacht worden sind. Ich würde mich jedenfalls dafür interessieren, wenn sie etwas geworden sind. Deine Frage wegen der Fotoplatten will ich Dir dahingehend beantworten, daß Du die Platten , denen Du weniger Bedeutung zumisst, ruhig wegtun kannst. Andere, von denen Du meinst, daß man sie vielleicht noch einmal verwenden kann, kannst Du ja aufheben. Da werden sicherlich nicht viel mehr zurückbleiben.  Wenn etwas passieren würde, dann hätten wir schließlich auch nicht mehr davon.
Ich grüße Dich heute recht herzlich. Ich gebe jedem von Euch einen lieben und festen Kuss. In Gedanken bin ich sowieso immer bei Euch. Dein Ernst. 

Brief 544 vom 14.06.1944


Mein liebstes Mädel!                                                       14.6.44    

Obwohl ich gestern und vorgestern Post von Dir bekommen habe, war es mir nicht möglich, Dir gestern einen Brief zu schreiben, denn dazu hatte ich keine Zeit. In der Nacht vorher war ich auf Streife. Kam nach Mitternacht nach hause. 6,30 Uhr war Wecken und nach ¾ Stunden Fertigmachen rückten wir ab. Wir nahmen geschlossen an einem Lehrgang für Panzernahbekämpfung teil. Am Vormittag hatten wir theoretischen Unterricht und am Nachmittag hatten wir dann Gelände sprengen.  Es wurden Sprengladungen und Minen zur Explosion gebracht, was recht interessant war. Zu einer anständigen Mittagspause marschierten wir nach hause, und der Nachmittag war dann auch bis 19 Uhr beansprucht. Als wir nach hause kamen, mußte ich dann gleich auf Wache ziehen. Es ist wieder die Wache, die sich über 24 Stunden hinzieht. Ich habe diesmal dabei Glück, denn ich bin von den 4 Mann Wachhabender, so daß ich nur auf Posten sitzen brauche, während die anderen wechselseitig auf Wache stehen müssen. Wenn es auch mit dem Schlaf in diesem Fall knapp bestellt ist, so muß ich doch nicht bei Runden marschieren. Diese günstige Gelegenheit habe ich gleich wieder benutzt und meine Wäsche in Ordnung gebracht. Wir hatten hier eine Art Waschpulver bekommen, womit ich meine Sachen über Nacht eingeweicht hatte. Das hat den Dreck ganz schön gelockert. Da wir hier immer heißes Wasser zur Verfügung haben kommt es ganz gut hin. Gegenwärtig liegt der ganze Kram auf der Wiese zum Trocknen und Bleichen. Die weißen Sachen sind wieder schön sauber geworden. Man kann direkt den Stolz einer Hausfrau nachfühlen, wenn sie auf ihre Sachen so Obacht gibt. Man merkt aber auch, allerdings muß man hier die erschwerten Verhältnisse  berücksichtigen, daß das Waschen  keine Kleinigkeit ist. Ich will deshalb Dein Mitgefühl, bei dem Du ein spöttisches Lächeln nicht ganz unterdrücken könntest, diesmal mehr als ein fachmännisches und als das eines Kollegen betrachten. Die Grenzen dafür wollen wir aber gleich festlegen. Innerhalb Deines häuslichen Kreises will ich Dir die Krone dieser Würde unumstritten lassen, denn in einem Wettstreit bekenne ich mich geschlagen, bevor es überhaupt begonnen hat,. Ich nehme an, daß Du das nicht gleich als Herausforderung betrachtest Eins ist zwar nicht notwendig, daß Du Dich von meiner Kunst gleich hingerissen zeigst, aber ich glaube auch so, Dich zu verstehen. Mit Deinen Briefen habe ich gestern auch den mir zugesandten Zuckerbeutel erhalten, wie auch das Stückchen Wollstoff. Ich danke Dir dafür. Verwendung werde ich wohl bald wieder dafür haben.
Mit dem Garten hast Du, wie ich aus Deinen Zeilen lese, doch viel Freude, vor allem wo Du jetzt verschiedenes ernten kannst, was doch bestimmt eine beachtliche Hilfe bedeutet. Für mich selbst ist das ja auch eine Beruhigung, wenn ich weiß, daß Euch damit noch manches zuwächst, was man jetzt nicht zugeteilt erhält. Gewundert hat mich Deine Mitteilung über die Unverfrorenheit des Rebholz. Nach der sonstigen Einstellung dieser Familie zu uns ist es doch schon ein starkes Stück, an Dich heranzutreten und von Dir den Rhabarber zu verlangen. Ich weiß, daß Du ihn leider nicht selbst ganz verwenden kannst, weil Du nicht genügend Zucker hast. Es ist schließlich auch besser, wenn er unter die Leute kommt, als daß er bei uns wieder eingeht. Das Geld selbst ic ja heute nicht so von Bedeutung, aber immerhin hast Du einen Teil der Pacht damit heraus, die wir für den Garten zahlen. Es ist ja nun nicht so, daß wir für das Herausholen der Pacht arbeiten müssen.
Über den Brief von Jörg, der auch mit ankam, hatte ich mich sehr gefreut. Er schreibt ziemlich ursprünglich und ich muß ebenfalls zu meiner Freude gestehen, fast fehlerlos. Aus Deiner Mitteilung, daß er einmal aus Heimweh geweint habe, kann man sehen, daß er noch ein kleiner Bengel ist.  Dann war es auch das erste Mal, daß er allein von daheim weg war. Das merkt er eben doch, was für ein Unterschied herrscht, wenn man daheim alles vorgesetzt bekommt und wenn man in jeder Hinsicht bereut wird. Es ist schon ein erster Schritt ins Leben und in die Freiheit, aber wie man sieht, ist auch dieser mit Schmerz verbunden wie vieles Schöne im Leben, was man zum ersten Mal erlebt. Ich muß darum erst einmal mit Dir kurz reden, was Du meinst, ob wir ihn zum Lager des Jungenzuges schicken. An sich möchte ich ihm dieses Erlebnis schon gönnen, doch ich müßte wissen, wie lange das dauert. Ich will nicht haben, daß er nun die ganzen Ferien außerhalb des Hauses verbringt. Wenn es 14 Tage geht, dann würde ich meine Einwilligung dazu nicht versagen. Du selbst würdest ihn ja auch vermissen, wenn er zulange von daheim weg wäre.
Du fragst mich, ob ich zu Resi etwas gesagt habe, daß sie sich um Dich mehr oder besser gesagt kümmern sollte. Weder bewusst noch unbewusst glaube ich davon ein Wort gesprochen zu haben. Ich bin selbst verwundert, wie sie sich an Dich in letzter Zeit anschließt. Trotz der verschiedenen Fehler, die sie hat, ist sie mit von allen Bekannten immer noch die liebste. In mancher Hinsicht geht sie nicht immer ganz aus sich heraus, aber das kann man schließlich nicht verlangen. Denn jeder von uns hat sein eigenes Leben und das muß man respektieren. Daß Du ganz gut mir ihr auskommst, sehe ich wieder aus Deinen Zeilen. Du hast doch wenigstens etwas Ablenkung. Im Grunde ist sie ja auch nicht streitsüchtig veranlagt, so daß man in dieser Richtung wohl keine Bedenken haben braucht. Ich schrieb ja auch schon früher einmal, daß mir der Umgang unserer Helga mit Ingrid deshalb recht ist, weil man weiß, wer die Familie ist, und daß dort alles so seine Ordnung hat. Nach den zwei vorangegangenen Einladungen kannst Du selbstverständlich nicht umhin, sie auch einmal zu Dir zu bitten.  Da hat seine Richtigkeit und ich freue mich, daß Du dabei nicht zurückzustehen brauchst.
Unsere beiden Stromer sind nun auch soweit, daß sie allen ins Hornbad gehen.  Ohne Aufsicht gehen sie doch nicht zu weit hinaus. Ich weiß ja, daß sie im Schwimmen recht sicher sind, aber ich habe immer das Gefühl, daß sie übermütig werden wie das nun einmal so ist. Ich weiß allerdings auch, daß unser Mädel so einsichtig ist und weiß, daß sie sich nicht zuviel vornehmen darf. Wenn es ihnen aber Spaß gemacht hat, dann haben sie ja auch etwas davon gehabt. Daß das Wetter bei Euch so schön geworden ist, entspricht ja an sich auch der Jahrezeit. Hier sind wir auch soweit, daß ich heute den ganzen Tag draußen im Freien und in der Sonne sitzen konnte.  Aber solche Unbeständigkeit des Wetters, wie ich sie hier bisher erlebte, ist mir wohl noch nicht begegnet. Man kann fast an jedem Tag mit Regen rechnen. Dies wird aber durch die vielen Wälder und Sümpfe hervorgerufen, die die hohe Niederschlagsmenge bewirken.
Daß dieser junge Emil Leimenstoll solch qualvolles Ende hatte, das ist doch sehr bedauerlich. Wenn es aber so kommen mußte, dann ist es besser, er hat es überstanden. Denn das langsame Dahinsiechen ist doch schrecklich.
Ich schließe nun für heute und hoffe immer wieder, daß auch Ihr gesund seid. Denn das ist für mich das Wichtigste, alles andere kann man wieder ins Geleise bringen. Aber bleiben wir wie immer voller Zuversicht, das andere wird sich von selbst finden. Herzliche Grüße und viele liebe Küsse sende ich Dir und den Kinder. Dein Ernst.

Brief 543 vom 11.06.1944


Mein lieber Schatz!                                                                 11.6.44      

Es ist wieder einmal der Sonntag herangekommen. Diesmal habe ich am Nachmittag frei, während ich am vergangenen Sonntag auf Wache stand. Zu tun gibt es zwar immer etwas und wenn man etwas über Mittag schlafen kann, dann ist man bestimmt nicht böse darum. Gerade bin  ich beim Kartoffelnkochen, damit ich mein Abendbrot strecken kann. Wenn ich auch auf das Feuer Obacht geben muß, so kann ich doch bequem nebenher meinen Brief an Dich beginnen. Die nächste Streife fängt für mich erst um Mitternacht an. Bis dahin denke ich, daß ich einiges geschafft habe.
Du hast wohl geschrieben, daß im Garten alles soweit gemacht sei. Was machen denn die Radieschen, die wir noch längs der Brombeerhecke ausgesät haben? Sind sie etwas geworden und habt Ihr schon davon geholt? Der Spinat muß doch wohl auch soweit sein. Wie haben denn die Johannisbeeren und die Stachelbeeren angesetzt? Ist da eine ordentliche Ernte zu erwarten? Die Erdbeeren müssen wohl jetzt auch schon reif sein. Was machen denn die Setzlinge, die wir noch zusammen hineingetan haben? Es ist nur gut, daß der Stock beim Stachelbeerstrauch noch um die jetzige Zeit weggebrochen ist. Wenn der Beerenbehang dann weiter fortgeschritten ist, dann läßt sich das schlechter machen. Hat sich denn der eine Stachelbeerbusch im Garten, der so mickerig war, wieder erholt oder ist er ganz eingegangen?  Das hätte ich sehen mögen, wie unser Junge mit seinem Affen losgezogen ist. Da muß er ja doch ziemlich zu buckeln gehabt haben. Mit der Verpflegung ist das jetzt nicht so einfach. Im Frieden läßt sich das ohne große Schwierigkeiten einrichten, aber bei der Markenwirtschaft macht das schon einige Kopfschmerzen. Er kann aber nur froh sein, daß sein Mutterle sich so sehr um die Sachen kümmert. Denn er hat doch gleich so ziemlich alles zusammen was er braucht. Erst hatte er gleich eine Uniform bekommen und alles was damit zusammenhängt. Nun hast Du ihm noch den Affen fertiggemacht. Da wird er selbst wohl froh gewesen sein. _ Wie aus dem letzten Brief Deines Vaters hervorgeht, hat Siegfried einmal kurz eine Nachricht an Erna geschickt, aus der hervorgeht, daß er mit Glück der Gefangenschaft entronnen sei. Zwar ist es schon eine Weile her, seit er diese Zeilen geschrieben hatte und wir hoffen, daß er noch gesund bei seinem Haufen ist. Aus Nannies Brief habe ich gelesen, daß der Sohn ihres Mannes auch dort in diesem Abschnitt eingesetzt sei. Auch dessen Sohn, der 18 Jahre alt ist, tut nun schon als Soldat seine Pflicht. Jungens, die in diesem Alter stehen, werden auch hier in unserem Abschnitt eingesetzt. Man merkt aber, daß diese Bengels doch noch die reinen Kinder sind. Nannie hat mich in ihrem Brief eingeladen, anläßlich eines Urlaubs einmal bei ihr vorbeizukommen. Das ist sehr nett, aber die wenigen Tagen, die man dann hat, die will ich dann doch lieber mit Euch verleben. Ihr werde ich das in einer passenden Form mitteilen. Zudem ist es ja so, daß ich vorerst nicht damit rechnen kann, denn nach den Bestimmungen könnte ich frühestens mit Weihnachten rechnen und bis dahin braucht es noch eine Weile.
Gerade in meinen Essensvorbereitungen erhalte ich Deine Briefe vom 29., 30.5. und 2.6. Recht herzlich habe ich mich darüber gefreut, denn wenn man sonst nichts weiter hat, dann wartet man sehr auf die Zeilen, die man von seinen Lieben erhält. Es ist ein richtiger Sonntagsabschluss. Denn heute Vormittag waren wir alle im Wald, Holz holen, damit wir in unserer Küche kochen können. Das geht ja hier in einer Hinsicht recht einfach. Es liegen allerhand Stämme im Wald herum, die man sich nur zurechthauen braucht. Fünf Panjewagen tragen dann schon ein ganz schönen Teil. Was gefehlt hat, das wurde noch gefällt. Nur der Aufzug wirkt recht schlimme. Mit einem MG ausgerüstet und jeder Mann mit seinem geladenen Gewehr. Es ist an sich notwendig, denn man weiß ja nicht, ob sich doch etwas ereignet. Denn die Burschen nutzen doch jede sich bietende Gelegenheit aus, um uns Schaden zuzufügen.  Leichtsinnig kann man dabei nicht sein, denn dadurch hat es schon manches Opfer gegeben. Als wir nach hause kamen, gab es dann Mittagessen. Das war recht sonntäglich.  Kraut und Kartoffeln mit nichts drin. Das hat nun einen langen Magen geben. Unsere Verpflegung war noch nicht angekommen, so daß es ziemlich schmal herging. Dafür habe ich mich heute Abend entschädigt. Ich habe mir Bratkartoffeln und drei Eier gemacht. Das hat wohl gut geschmeckt, aber durch das viele im Freien Herumtreiben hat man dauernd Hunger. Aber wie ich schon früher schrieb, Du brauchst Dir um mich keine Sorgen zu machen, denn ich helfe mir schon. Bald ist nun wieder Nacht. Unser Licht brennt heute wieder einmal nicht. Da muß ich es mit Kerzenbeleuchtung noch etwas halten, denn ich will den Brief Deines Vaters noch beantworten. Deine Briefe kommen nach Möglichkeit morgen dran. Eines kann ich aber gleich noch feststellen, daß Du einen Teil meiner Fragen wegen des Gartens mit Deinen heutigen Zeilen beantwortet hast. Was sonst noch ist, darüber wirst Du mich so nach und nach auf dem Laufenden halten.
Ich grüße Dich, mein liebes Mädel, und gebe Dir sowie den Kindern jedem einen recht lieben Kuss. Bleibt gesund und denkt wie immer an mich. Dein Ernst.

Brief 542 vom 10.06.1944


 Mein liebstes Mädel!                                                                                10.6.44  
 
Meine viele Schreiberei, die ich trotz der eingeschränkten Zeit aufrechterhalten habe, fängt jetzt an Früchte zu tragen. Heute bekam ich von Dir gleich früh drei Briefe ausgehändigt. Es sind die vom 23., 24. und 28.5. Außerdem erhielt ich eine Postkarte von unserem Jungen, über die ich mich auch mächtig gefreut habe. Zuletzt traf dann noch ein Brief vom Gerhard Legler ein. Das war ein erfreulicher Auftakt. Mit der normalen Post erhielt ich nun noch Deinen Brief vom 27., dann kam von Deinem Vater ein Antwortbrief, einige Zeitungen mit einem Rundbrief an alle Kameraden des Elternvereins und Nanni hat mir auf meinen Brief auch geschrieben. Das ist doch für einen Tag eine reiche Ausbeute. Unserem Jörg habe ich vorhin gleich geantwortet, damit er sieht, daß ich seine Briefe auch für voll nehme. Er hat sehr nett ge schrieben. Ich habe vor allem darüber lachen müssen, daß man den Jungens eine Geistergeschichte erzählte, um sie vielleicht zum Fürchten zu bringen. Die muß aber anscheinend so spannend gewesen sein, daß Jörg darüber eingeschlafen ist. Daß diese Erzählungen auf sein Gemüt solchen schwerwiegenden Erschütterungen hervorrufen würde, das war ja nicht zu erwarten. Seine Karte lege ich Dir gleich mit bei. Für das Kleeblatt, was anscheinend unser Helga gefunden hatte, lege ich heute eine Blume bei, die ich gestern gefunden hatte. Sie ist, vornehmlich auf der Rückseite, so schön symmetrisch, daß ich glauben darf, daß auch Ihr Euren Gefallen daran haben werdet. Ihr könnt ja auch weiter daran ersehen, daß ich nicht nur während des Briefeschreibens, sondern auch sonst immer an Euch denke. Ehe ich es vergesse, habe ich gleich noch eine Frage: Hast du mir schon die früher erbetenen Rasierklingen zugesandt? Wenn nicht, dann bitte ich Dich nochmals darum. _ Gefreut hat es mich, daß unsere beiden Stromer so sinnig des Muttertags gedachten. Das haben sie wirklich ordentlich gemacht. Es ist ja jetzt so schwer, etwas zu bekommen. Ich bedauere nur, daß ich nicht, wie in vergangenen Jahren, habe daran denken können. Es ist aber durch die Herumreiserei gekommen, die mich voll und ganz in Anspruch nahm. Ich hoffe auf Dein verständnisvolles Einsehen und nehme an, daß Du mir das nicht weiter übel anrechnest.
Daß Vater über die Reise anderer Ansicht ist wie wir, das ist ja nicht weiter tragisch,. Für uns ist es wichtig, daß wir uns noch eine schöne Tage gemacht haben. Zudem hatten wir Gelegenheit, den Betrieb bei Deinem Vater kennen zulernen. Außerdem war es ja so, das betonte ich schon früher einmal, da wir während meines letzten Urlaub nirgends waren, daß wir nun diesen Betrag mit dafür verwendet haben, das ist nicht nur so in Ordnung, sondern das hatte alles so seine Richtigkeit. Warum sollen wir uns das nicht gönnen, wenn wir die Gelegenheit dazu haben. Anders wäre es, wenn wir um jeden Pfennig  springen müßten, um ihn dazu zusammenzubringen. Du mußt Dir keine Gedanken machen, denn wenn ich immer wieder höre, was die anderen Kameraden während ihres Aufenthalts in Marburg verbraucht haben, so sind wir die reinen Waisenknaben dagegen. Ich glaube nicht, daß sie angeben, wenn sie sagen, das 5 bis 600 RM draufgegangen sind. Wir sparen übrigens das ganze Jahr, so daß wir uns diese einmalige Ausgabe leisten können. Wenn mir das zuviel gewesen wäre, dann hätte ich ja nicht an Dich schreiben brauchen, daß Ihr dorthin kommen sollt. Diese Reise ist nun abgeschlossen, sie war schön und ist als bleibende Erinnerung zurückgeblieben, das ist wesentlich und daran kann niemand mehr rütteln. Die paar Mark mache uns auch nicht glücklicher, das darf man auch nicht außer Acht lassen. Vater fühlt nun einmal in diesen Dingen anders wie wir, daran läßt sich auch nichts mehr ändern.
Meines Briefmarkenalbums hast Du Dich auch wieder besonders angenommen. Ich danke Dir jedenfalls für die Mühe, die Du wieder damit gehabt hast. Dann ist es doch für die nächste Zeit versorgt und aufgehoben. Wenn Du die Aufstellung gemacht hast, dann gib nur eine bei Kuster ab, damit er mir für die griechischen Marken, die ich ihm gab, etwas herausrückt. _ Es ist gut, daß Ihr das getrocknete Brot so gut verwenden könnte. Ich bedaure sehr, daß ich Euch jetzt so gar nichts mehr zukommen lassen kann. Es ist hier aber wirklich unmöglich. Außer den Tabakwaren, die ich nicht für mich verwenden kann, ist hier nichts abzuschicken. Manchmal mache ich mir Gedanken um Euch, ob Ihr auch auskommt. Aber leider kann ich nicht helfend eingreifen.
Wie ich aus Deinem Brief vom 24. entnehme, ist der Verschlag inzwischen fertiggestellt. Es ist mir innerlich eine Beruhigung, daß Du nun so manches aus der Hand bekommst und im Keller einigen Platz erhalten hast. Es war doch gut, daß ich den Anstoß dazu gab, denn nun mußt Du Dich doch nicht gar so sehr herumklemmen. Wie steht es eigentlich mit dem Kinderwagen, den wir tauschen wollten? War es eigentlich nicht noch etwas, was wir lossein wollten? Wenn Du das Leinensäckchen noch nicht abgesandt hast, dann ist das nicht so wichtig, ich habe mir inzwischen anders geholfen. Wenn Du schon etwas mit Zulassungsmarke hersenden willst, dann lasse mir bitte ein Handtuch zugehen. Die Maße davon schreibe ich Dir noch auf. Mir ist hier eine abhanden gekommen, so daß ich nicht ganz klarkomme. Daß das Osterpäckchen an Dich zurückgekommen ist, ist einesteils recht. Andernteils hätte ich es selbstverständlich auch gerne in Empfang genommen, denn von Griechenland aus, also von einer Feldpostnummer zur anderen, kann man ohne weiteres diese Kilopäckchen versenden. Nun soll es aber auch so recht sein. Dass das Geld angekommen ist, ist mir auch eine Beruhigung, damit diese Sache nun auch erledigt ist.. Wozu Dir der Marinesturm gratuliert hat, ist mir nicht ganz erklärlich. Ich nehme zwar an zum Muttertag, doch das geht aus Deinem Schreiben nicht ganz hervor.
Wenn Jörg nach Deinem Dafürhalten soviel mit dem Dienst in Anspruch genommen wird und für Dich keine Zeit mehr hat, dann mußt Du schon einmal eingreifen und den Jungens begreiflich machen, daß er auch ab und zu für Dich da sein muß. Ich pflichte Dir darum in Deiner Ansicht vollkommen bei.
Die Patronenkiste hat nun auch ihre Verwendung gefunden. Hatte ich Dir das gesagt, oder hatte ich es nur gedacht, daß man sie für solche Zwecke verwenden kann. Jedenfalls zeigt sich, daß Du den richtigen Riecher gehabt hast und sie nun so eingerichtet hast.   Meine Erkundigungen wegen Kurts Grab bezogen sich auf Erkundigungen, die ich bei Kameraden eingezogen hatte, die sich in dieser Gegend aufgehalten hatten. Wenn aber diese Nachricht  von dem Gräberoffizier vorliegt, dann läßt sich daran nichts mehr deuteln. Ich bedauere das sehr, denn ich hatte mich im Stillen schon mit dem Gedanken getragen, hier Schritte einzuleiten, die es mir möglich machen sollten, dorthin zu fahren. Wenn der Friedhof aber als solcher noch besteht, dann ist das ja auch eine Beruhigung.
Wenn auch Eure Fahrt zum Hohentwiel nicht so abwechslungsreich und schön war wie unsere gemeinsame Fahrt im vergangenen Jahr, so war es doch immerhin eine Ablenkung. Daß Ihr erst Hemmungen gehabt habt und nicht gleich in das Zentralhotel gegangen seid, ist mir nicht ganz erklärlich. Ihr bezahlt doch Euer Essen genau so wie die anderen Leute auch.  Anscheinend muß es aber ganz ordentlich gewesen sein, was Ihr bekommen habt. Wie hat es denn Resi und ihren Kindern gefallen? Ihr seid ja  schon alte Kämpen dort oben, denn man kann Euch ja nicht viel Neues mehr bieten. Wenn es auch sonst nicht viel anderes zu sehen gibt, als was man schon kennt, dann kann man doch immer wieder in Erinnerungen schwelgen und sie auffrischen. Wenn Ihr Euch einigen Kuchen geleistet habt, dann ist das nicht weiter schlimm. Ich würde es auch so gemacht haben.  Aber hier bietet sich ja nicht die Gelegenheit dazu. Daran kannst Du Dich nicht stoßen, wenn ich das nicht habe. Daß Dir das seltsam vorkommt, wenn unser Junge nicht im Hause ist, das kann ich Dir schon nachfühlen. Das kann in nächster Zeit ab und zu einmal passieren, daß er über die Ferien so auf Fahrt geht. Als ich seine Karte las, mußte ich daran denken, wie Kurt immer davon schwärmte, wenn sie nach Mühlhofen an den Killenweiher gingen. Dort hat es ihm doch immer ausnehmend gut gefallen. Die Pfadfinder hatten doch dort zuerst ihre Zelte aufgeschlagen. Nun macht es die HJ nach. Hauptsache ist, daß es den Jungens gefällt. Ich hatte Kurt einmal ein Bild noch mitgeschickt, das ich in der Zeitung fand. Es war ein Holzschnitt vom Killenweiher. Er hatte sich damals darüber gefreut und bedankte sich extra dafür.  Heute habe ich einmal etwas mehr Zeit gehabt, die ich nun gleich zur Beantwortung Deiner Briefe benutzen konnte. Es gibt doch gleich mehr zu schreiben. Außerdem muß man ja auf einige Dinge besonders eingehen. Ich kann es jedenfalls nicht, daß ich nur so kurz die Sachen hinhaue, denn dann bin ich innerlich nicht ganz zufrieden.
Doch jetzt schließe ich erst einmal ab und komme morgen auf die weiteren unbeantworteten Zeilen zurück. Bis dahin grüße und küsse ich Dich recht herzlich. Bleibt mir gesund, das ist mir von größter Bedeutung. Nehme Du auch noch einen lieben Kuß von Deinem Ernst. 

Brieef 541 vom 08.06.1944


 Meine liebste Annie!                                                                                    8.6.44   
 
 Heute will ich die Beantwortung Deiner beiden ersten Briefe fortsetzen, denn andere Post ist inzwischen noch nicht eingegangen. Wie ich aus Deinen Zeilen entnehme, hast Du Deinen Garten soweit wieder in Schwung. Ich denke, daß alles noch rechtzeitig gemacht werden konnte, trotz der Unterbrechung, die durch die Reise nach Leipzig eingetreten war. Diesmal hast Du Dich ja reichlich mit Tomaten eingedeckt, hoffen wir, daß Du auch einen schönen Erfolg damit hast. Wenn der Baum schon geblüht hat, dann sollte man ja annehmen, daß er doch wieder einiges tragen würde. Bevor man eben die Sachen noch nicht heimgetragen hat, kann man noch nichts sagen. Halten wir alle miteinander den Daumen und im übrigen tut man, was man dabei machen kann.  Die Bestäubung der Blüten findet ja nicht allein durch die Bienen statt, obwohl sie die Bestäubung sehr begünstigen, zum Teil wird sie ja auch durch den Wind bewirkt. Wie machen denn die Kartoffeln, nachdem Du doch einen ganzen Teil von den kleinen verwendet hast? Hoffentlich werden sie kräftig genug. Wenn Du aber mehrere in ein Loch geworfen hast, dann sollte das eigentlich schon reichen.
Die Zigarettenlieferungen an den Gaugel kannst Du schon etwas stärker einschränken. Die Verdienste dieses Mannes um uns sind nicht gerade so hoch, daß wir nun Hauptlieferant werden.
Es hat mich sehr gefreut, als ich las, daß Du nochmals einen Zentner Kartoffeln erhalten hast. Da kommst Du doch wieder ein ganz schönes Stück hin. Du hast in Deinen Briefen noch nichts erwähnt, ob die Kartoffeln, die ich von Marburg abgesandt hatte, bei Dir angekommen sind. Ich nehme das zwar an und vermute, daß Du das nur vergessen hast, mir mitzuteilen. Eins macht mir auch wieder Spaß. Der Kaufladen hat bei Dir wieder neue Ideen entwickelt. Daß Du ihn nun gleich als Bücherregal verwenden kannst, ist ja recht praktisch. Damit sind ja auch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen worden. Das habt Ihr recht gemacht, daß Ihr über die Pfingsttage nicht daheim gesessen seid. Über diesen Ausflug habe ich zwar noch nichts erfahren, aber über die Vorbereitungen. So seid Ihr doch wieder einmal aus der Wohnung herausgekommen. Doch über den eigentlichen Verlauf erhalte ich ja noch Bescheid.
Wie es scheint, ist Jörg durch den Dienst recht in Anspruch genommen. Denn zum mit badengehen hat es ihm auch nicht gelangt. Wir baden hier auch jeden Donnerstag. Bei uns geht das aber gleich am Vormittag vonstatten. Es ist zwar kein Hallenbad, aber immerhin eine heiße Brause. Vorher kann man aber noch in die Sauna  gehen, was sich  recht wohltuend auf den Körper auswirkt. Durch das Schwitzen ist man zwar hinterher recht müde, aber trotz allem fühlt man sich recht frisch.  Das Verhalten von Helgas Lehrer ist doch recht sonderbar. Wenn nun die Tasche  verloren gegangen wäre, dann wäre das diesem Herrn recht gleichgültig gewesen. Ich bedaure, daß ich diesen sturen Bock nicht kennen gelernt habe, es ist nur gut, daß Ihr die Tasche noch vorfandet.
Hat Jörg, als er auf Fahrt ging, schon den Tornister mit genommen? Der muß ihm doch recht schwer geworden sein auf die Dauer. Mein Schienbein ist, nachdem es ziemlich geeitert hatte, jetzt soweit wieder gut geworden, daß nur noch eine Beule zu sehen ist. Ich hoffe, daß dies sich auch nach und nach zurückbilden wird. Ja, mit Wachdienst sind wir reichlich versehen. Seit meiner Ankunft habe ich nur die ersten zwei Nächte durchgeschlafen. seither kenne ich das nicht mehr. Einen Teil der Nacht treibe ich mich entweder auf den Schienen vor unserer Unterkunft oder beim Pumpwerk herum. Ein Unterschied liegt nur darin, daß ich einmal vor Mitternacht oder nach Mitternacht dran bin. Ein Teil fehlt also vom Nachtschlaf immer, aber man gewöhnt sich mit der Zeit wohl auch daran. Zum Abend stehe ich wieder auf 24 Stundenwache. Wie haben ein Pumpwerk, das den Wasserturm für die Eisenbahn speist zu bewachen. Damit von Seiten der Banditen Überfälle abgewehrt werden können. Wenn schönes Wetter herrscht, ist das kein schlechter Dienst. Man kann sich in seiner Freizeit sonnen oder man kann sich sonst im Freien irgendwie beschäftigen. Wenn es regnet, dann ist es schlecht, denn es ist kein Aufenthaltsraum da, wo man sich hinsetzen kann. Mit dem Schlafen ist es etwas primitiv. Auf zwei Holzböcken sind einige Bretter darüber gelegt. Dann legt man sich seinen Mantel unter den Kopf und die Schlafstätte ist fertig. Wenn man müde ist, merkt man nicht, daß es hart zum liegen ist. Nebenan etwas tiefer liegt dann gleich der russische Heizer, der den Dampfkessel während der Nacht zu überwachen hat. Von seiner Schlafstätte kann man gleich zu den Pumpen hinüberreichen. Bezüglich der Unterkunft ist es ja ein himmelweiter Unterschied zwischen Athen und hier. Das ist aber nun einmal unser Soldatenlos. Froh will ich aber noch sein, wenn ich ein Dach über dem Kopf habe. Das ist bis jetzt noch der Fall gewesen, und darum habe ich auch keinen Grund zum Klagen.
Ich sende Dir und den Kindern recht herzliche liebe Grüße und küsse Auch Drei recht fest im Geiste. Denkt auch an mich, wie ich in Gedanken immer bei Euch bin. Dein Ernst.