Sonntag, 16. Juni 2019

Brief 540 vom 07.06.1944


Mein liebster Schatz!                                                                              7.6.44   
                    
Wie ich in meinem Brief von gestern noch kurz erwähnen konnte, habe ich nun nach langer Wartezeit Briefe von Dir erhalten. Wenn im Verhältnis zu der Zeit gesehen, die ich in Griechenland auf die erste Post gewartet habe, der Zeitraum bei weitem nicht so lang gewesen ist, so mußte ich mich dort auf längere Zeit einstellen. Nach den Berechnungen zu schließen, die die Postbeförderung braucht von hier zur Heimat und zurück, hätte ich ja schon längst Bescheid von Dir haben müssen. Nachdem ich nun den Anschluß zu Euch wieder gewonnen habe, hat ja nun auch alles seine Klärung gefunden. Andere Befürchtungen, die durch das lange Ausbleiben Deiner Antwort sich eingestellt hatten, haben sich, darum bin ich froh, als nichtig erwiesen. Ich weiß ja, das teilte ich Dir ja schon kürzlich mit, daß Du mir alsbald schreiben würdest, wenn Du im Besitz meiner Feldpostnummer bist. Meine Stimmung war in den letzten Tagen sehr gespannt und gedrückt. Jetzt fühle ich mich wieder einigermaßen erleichtert, wo ich nun weiß, daß alles daheim in Ordnung ist. Über die Vorgänge, die sich hier immer ereignen, habe ich Dich immer unterrichtet, diesmal kann ich nun auf Deine Schreiben eingehen.
Aus dem einen Brief Deines Vaters hatte ich ja erfahren, daß Ihr gesund daheim angekommen seid. Die Bestätigung habe ich nun auch von Dir persönlich erhalten. Ich hatte mich nur etwas gewundert, daß Du diesmal nicht, wie sonst früher, täglich einige Zeilen niedergelegt hattest, die Du mir dann geschlossen zugehen ließest. Das ist aber an sich nicht weiter schlimm, denn ich nehme an, daß Du genügend Arbeit daheim vorfandest. Ich weiß, daß auch Du nicht immer die Zeit oder den Stoff zum schreiben hast, , wenn ich vielleicht nicht mehr so ganz regelmäßig schreibe, aber an eine gewisse Regelmäßigkeit wollen wir uns doch halten. Bei mir ist es ja so, daß ich meist die Mittagsruhe zum Schreiben verwende, weil ich sonst ja keine Möglichkeit am Tage mehr habe.
Die Entwicklung der Krankheit bei dem Jungen aus dem Haus ist sehr schmerzlich für die Eltern. Ich weiß mich noch so gut zu erinnern. mit welcher Hoffnung der Junge nach Ostern daheim nach Heiligenberg ging.  Bedauerlich ist nur, daß man die Ursache so spät erkannt hat. Wenn ihm dieses Schicksal einmal bestimmt ist, in diesem jungen Alter zu sterben, dann wäre es gut, wenn er es bald überstehen könnte.
Daß die beiden Briefe an den Obergefreiten Hirscher wieder zurückgekommen sind, bedauere ich selbst. Ich habe aber nur die Feldpostnummer, die ich Dir seinerzeit angegeben hatte. Es bleibt daher nichts weiter übrig, als die Sachen vorerst aufzuheben. Vielleicht gibt es irgendeine Regelung.
Daß der Verschlag von Vater so ordentlich gemacht wird, das gibt mir eine gewisse Beruhigung. Wenn er fertig ist, hast Du doch die Möglichkeit, einige Sachen aus der Hand zu bekommen und im Keller bekommst Du damit einigen Platz. Wie hat das mit dem Holz geklappt. Hast das überhaupt gereicht, oder hast Du noch welches heranholen müssen? Dadurch, daß Du Vater so verschiedene Handreichungen gemacht hast, wird ihm die Arbeit auch etwas schmackhafter gewesen sein. Ich bin wirklich froh, daß ich während meines Urlaubs dazu noch die Anregung gab. Du wolltest Vater zwar nicht gern in Anspruch nehmen, aber ich denke, daß Du mit dem Erfolg zufrieden sein wirst.
Daß sich Paula in so gehässiger Weise über uns äußert, ist nun einmal ein Charakterfehler von ihr, den wir aber schon immer erkannt haben. Da wir das wissen, ist es für uns ja ein Leichtes, uns darauf einzurichten und innerlich dagegen Stellung zu nehmen. Daß aus allem nur der Neid blickt, ist klar erkenntlich. Ein gewisser Ärger geht auch aus allen ihren Handlungen hervor, der sich bei der Behandlung irgendwelcher Fragen unserer Familie ergibt.  Wir tun so, als ging uns das alles nichts an. Wenn sie sich einmal soweit vergessen würde, was ich zwar nicht annehme, daß das öffentlichen Charakter annehmen würde, dann müßte man allerdings etwas dagegen unternehmen. Wenn sie will, soll sie ihren inneren Ärger haben, wir haben sie nicht dazu angehalten. Das muß sie mit sich selbst abmachen. Wenn sich die Dinge zwischen Vater und ihr wieder zu zuspitzen, so tut mir eigentlich nur Vater leid, daß er wieder unter ihrem „anmaßenden Wesen“, wie er immer sagt leiden muß. Denn auch an ihm geht doch diese Reiberei nicht spurlos vorüber. Wenn Du Dich nicht weiter gerührt hast zu ihrer Silberhochzeit, so ist das für Dich nicht grundlos gewesen. Die Dinge liegen hier nun einmal so, daß wir keine Bindung mehr zu ihr haben, nachdem sie sich in einer solchen falschen Weise uns gegenüber gezeigt hat. Was sie sonst über mich zu sagen hat, läßt mich im allgemeinen ganz kalt, wenn ich es weiß oder nicht weiß.  Wie hat denn Jörg seine Pimpfenprobe bestanden? War er ein Scheißkerl oder ein ganzer Kerl? Ich hoffe, daß das letzte der Fall war. Hat es ihm denn auf Fahrt gefallen. Dazu kann er sich einmal persönlich äußern. Er soll nur auch dort auf sich halten und Obacht geben, daß ihn die anderen nicht an die Wand drücken. Aber nicht nur dort, sondern auch in der Schule. Im allgemeinen habe ich zwar bei seiner Veranlagung wenig Angst, denn ich glaube, daß er sich seiner Haut wehren wird.
Ich schicke Dir noch ein Bild mit, daß ich mir in Marburg hatte machen lassen. Es sieht zwar sehr finster aus. Aber vielleicht hängt das mit der damaligen Umstellung zusammen. Euch Drei grüße ich recht herzlich. Ich bitte Dich, auch Vater einen herzlichen Gruß auszurichten. Ihr, meine drei Trabanten, bekommt aber jeder einen lieben Kuß, denn ich denke immer an Euch. Dein Ernst.   
Die Blumen heißen Katzenpfötchen und wachsen hier im Sumpfgebiet.

Brief 539 vom 01.06.1944



Meine liebe, gute Annie!                  (Datum unklar, aber wohl Anfang Juni 1944)

Mit dem heutigen Tag liegen schon 23 Tage hinter mir, seit ich Dir den ersten Bescheid von hier aus zugehen ließ. Von Deinem Vater habe ich schon zwei Briefe erhalten, auch von Marburg erhielt ich gestern meine angeforderten Bilder zugesandt, obwohl ich dorthin einige Tage später geschrieben hatte. Ich finde keine Erklärung für das lange Ausbleiben Deiner Antwort. Von einem Abend hoffe ich auf den anderen und bis jetzt bin ich leider immer enttäuscht worden. Heute hoffe ich auch wieder auf einen Brief von Dir, ob sich die Hoffnung aber bestätigen wird, das wird sich erst heute Abend herausstellen.
Bei uns sind einige Veränderungen eingetreten. Unser bisheriger Ausbilder, der sich teilweise in einer üblen Form aufgeführt hatte, ist, nachdem er letzte Woche uns in besoffenem Zustand ins Gelände führen wollte, plötzlich von uns versetzt worden. Er hatte sich zu diesem Ausmarsch ein Pferd besorgt und wollte wie ein Offizier vor uns herreiten. Unser Oberleutnant kam rechtzeitig dazu, um diesen Unfug abzustellen. Der Mann, der uns verschiedenes unserer Verpflegung vorenthalten hat, hat damit ein schönes Leben aufgeben müssen. Unser neuer Lehrgangleiter, ein Oberfeldwebel, gibt sich nun richtige Mühe mit uns, nur wie das sich auf die Dauer auswirkt, werden wir ja sehen. Der Dienst ist seither strammer geworden und er nimmt auch den ganzen Mann mehr in Anspruch wie das schon vorher der Fall war. Mit etwas gutem Willen und zwar auch etwas Zusammenreißen wird es schon gehen. Eins ist jedenfalls festzustellen, das ist nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Kameraden der Fall, daß die zurückliegenden vier Jahre spürbar werden. Wir sind älter geworden und dieses unstete Leben und alles andere, was damit zusammenhängt, wirkt sich eben doch auf den Körper aus. Ob man nun wieder so elastisch wird, wie man es mit 25 Jahren war, das ist wohl kaum zu glauben. Dieses dauernde Herumtreiben Nacht für Nacht auf den Eisenbahnschienen merkt man selbstverständlich auch. Aber es heißt hier nur, die Zähne zusammenbeißen, denn einmal wird sich dieser Zeitabschnitt hinter uns liegen.
Mein langes Warten ist nun heute mit zwei Briefen von Dir belohnt worden. Es sind Deine beiden Briefe vom 22. und 26.5., der erste war ja reichlich lange unterwegs. Nun weiß ich doch wieder, was daheim während der vergangenen Zeit los war. Ich hatte mir schon Gedanken in jeder Richtung gemacht und konnte keine Erklärung finden, an was das liegen konnte. Zwischendurch fehlen ja noch einige Briefe, aber das ist ja nicht so entscheidend. Der Tag des Anfangs der Invasion findet damit für mich einen schönen Abschluß. Zur Beantwortung der einzelnen Sachen komme ich jetzt nicht mehr, das werde ich mir für morgen aufsparen. Ich grüße Euch recht herzlich. Hoffentlich bringt uns der heutige Tag den Anfang einer entscheidenden Wendung um gegenwärtigen Geschehen. Euch allen einen herzlichen Kuß in Liebe von Deinem Ernst.

Sonntag, 2. Juni 2019

Brief 538 vom 31.05.1944


Mein liebstes Mädel!                   31.5.44  /angekommen 9.6.44/10    

Als erstes muß ich wieder den Schwanengesang anstimmen. Es ist noch keine Post von Dir eingegangen. Ich kann mir das nur damit erklären, daß von uns aus die Briefe irgendwie hängenbleiben. Denn der Kamerad, der aus Bregenz ist, hatte zehn Tage auf Post waren müssen, bis er wieder Nachricht von daheim erhielt. Ich gebe aber die Hoffnung und das WArten nicht auf, denn einmal muß es ja doch klappen. Dagegen kam gestern ein Brief Deines VAters an, dem ein Durchschlag eines Schreibens an Dich mit beigefügt war. Mein erstes Schreiben traf danach am 23.  in Leipzig ein. Aus diesem Schreiben habe ich immerhin ersehen, daß Ihr gesund nach unseren gemeinsamen Aufenthalt in Leipzig nach Konstanz gekommen sei. Daß es mit dem Platz für Euch geklappt hatte, war ja recht erfreulich. Der Brief Deines Vaters ist ja in dem üblichen Ton gehalten. Es klingt diesmal nur daraus hervor , daß er an sich froh ist, daß ein gewisser Trennungsstrich , der zwischen uns und ihm stand , etwas verblaßt ist. Er gab ja selbst zu, daß das Verhältnis zu ihr nicht das sein kann, wie es zwischen uns allen bestand, als Deine Mutter noch lebte. Er meinte ja auch, daß ihm in erster Linie daran gelegen ist, daß er versorgt ist. Er behauptete ja, daß dies der Fall sei. Er mußt sich sein Leben so einrichten, wie er es haben will. Das war ja auch früher unser Standpunkt und daran hat sich für uns nicht geändert. Daß wir ohne weiteres einen Pflock zurückgesteckt haben und die Lotte als eine Haushaltsführerin anerkennen, das ist eine Notwendigkeit, die sich im Rahmen dieser Erkenntnis ergibt. Entsprechend ihrer charakterlichen Veranlagung hat sie sich Mühe geben, um uns den Aufenthalt immerhin angenehm zu gestalten. Daß ihr dieser ungewohnte Betrieb am Anfang schwer gefallen ist, ist verständlich. Mit meinem Eintreffen hat sich das ja insofern gebessert, daß es Dir nicht weiter spürbar war. Lachen muß ich im Stillen noch, wie Du gemeutert hattest, als wir Beiden entgegen dem früher gefaßten Plan umquartiert werden sollten. Du hattest Dich, das muß ich mit Anerkennung geststellen, gegen diesen in Deinen Augen teuflischen Pöan mit Erfolg durchgesetzt. Ich hatte zuerst nicht die Absicht erkannt, doch Dich versetzte Ansinnen in einen Zorbn, der in dieser Art lange Jahre in Dir geschlummert hatte und bei dieser Gelegenheit zum Ausbruch kam. Für mich war das ein köstlicher Spaß, Dich in Deiner zu sehen. Meine Anerkennung habe ich Dir ja schon im voraus gegeben. so ist es mit wohl gestattet, daß ich im Hintergrund ein wenig lächle. Oder darf ich das nicht? Trotz all diesen Widerwärtigkeiten bist Du ja zu Deinem Recht gekommen. Deinem Vater habe ich seinen Brief gestern auf Wache gleich erledigt, damit sich nicht erst Postschulden anhäufen. Heute lese ich nun im Wehrmachtsbericht, daß Leipzig angegriffen worden sei. Nun bin ich wieder in Sorge, bis die Eilnachricht hier eintrifft. Daß auch von Siegfried keine Nachricht eintrifft, gibt einem immer Anlaß zur Sorge. Hoffentlich ist alles gut vorübergegangen. Daß es dem Emil von Leimenstolls so schlecht geht, tut mir sehr leid. Dieser Junge ging doch mit solch einer Zuversicht nach Heiligenberg, um die neue Kur anzutreten. _ Meinem heutigen Brief füge ich das Wollgras mit bei, das ich in einem meiner letzten Briefe mit erwähnte. Betrachtet es als einen Gruß an Euch und des Gedenkens der schön verbrachten Stunden während des letzten Urlaubs. _ Bei uns geht an sich alles seinen gewohnten Gang. Ich mußte heute zur Abwechslung mit noch mehreren Kameraden zum Impfen marschieren. Ich habe es diesmal mit Helga gehalten, die ja auch erst kürzlich gegen Pocken geimpft worden ist. Um aber dazu zu kommen, mußten wir erst 12 km marschieren. Das ist mir auch das erste Mal passiert.  Aber das sind nun einmal alles so Kleinigkeiten, um uns zu zeigen, wie klein wir hier geworden sind. Mich selbst kann man mit diesen Sprüchen nicht aus dem Konzept bringen. Ich gehe meinen Weg, wie ich ihn für richtig finde und alles andere kann mich gern haben. _ Haltet mir den Daumen, daß ich nun bald con Euch Nachricht erhalte. Sonst wünsche ich Euch alles Gute. Ich hoffe, daß Ihr gesund seid und gebe Euch in dieser Erwartung jedem einen herzlichen und kräftigen Kuß verbunden mit vielen lieben Grüßen von Deinem Ernst. Meine liebe, gute Annie!                  13                     38 Mit dem heutigen Tag liegen schon 23 Tage hinter mir, seit ich Dir den ersten Bescheid von hier aus zugehen ließ. Von Deinem Vater habe ich schon zwei Briefe erhalten, auch von Marburg erhielt ich gestern meine angeforderten Bilder zugesandt, obwohl ich dorthin einige Tage später geschrieben hatte. Ich finde keine Erklärung für das lange Ausbleiben Deiner Antwort. Von einem Abend hoffe ich auf den anderen und bis jetzt bin ich leider immer enttäuscht worden. Heute hoffe ich auch wieder auf einen Brief von Dir, ob sich die Hoffnung aber bestätigen wird, das wird sich erst heute abend herausstellen. _ Bei uns sind einige Veränderungen eingetreten. Unser bisheriger Ausbilder, der sich teilweise in einer üblen Form aufgeführt hatte, ist, nachdem er letzte Woche uns in besoffenem Zustand ins Gelände führen wollte, plötzlich von uns versetzt worden. Er hatte sich zu diesem Ausmarsch ein Pferd besorgt und wollte wie ein Offizier vor uns herreiten. Unser Oberleutnant kam rechtzeitig dazu, um diesen Unfug abzustellen. Der Mann, der uns verschiedenes unserer VErpflegung vorenthalten hat, hat damit ein schönes Leben aufgeben müssen. Unser neuer Lehrgangleiter, ein Oberfeldwebel, gibt sich nun richtige Mühe mit uns, nur wie das sich auf die Dauer auswirkt, werden wir ja sehen. Der Dienst ist seither strammer geworden und er nimmt auch den ganzen Mann mehr in Anspruch wie das schon vorher der Fall war. Mit etwas gutem Willen und zwar auch etwas Zusammenreißen wird es schon gehen. Eins ist jedenfalls festzustellen, das ist nich nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Kameraden der Fall, daß die zurückliegenden vier Jahre spürbar werden. Wir sind älter geworden und dieses unstete Leben und alles andere, was damit zusammenhängt, wirkt sich eben doch auf den Körper aus. Ob man nun wieder so elastisch wird, wie man es mit 25 Jahren war, das ist wohl kaum zu glauben. Dieses dauernde Herumtreiben Nacht für Nacht auf den Eisenbahnschienen merkt man selbstverständlich auch. Aber es heißt hier nur, die Zähne zusammenbeißen, denn einmal wird sich dieser Zeitabschnitt hinter uns liegen. _ Mein langes Warten ist nun heute mit zwei Briefen von Dir belohnt worden. Es sind Deine beiden Briefe vom 22. und 26.5., der erste war ja reichlich lange unterwegs. Nun weiß ich doch wieder, was daheim während der vergangenen Zeit los war. Ich hatte mir schon Gedanken in jeder Richtung gemacht und konnte keine Erklärung finden, an was das liegen konnte. Zwischendurch fehlen ja noch einige Briefe, aber das ist ja nicht so entscheidend. Der Tag des Anfangs der Invasion findet damit für mich einen schönen Abschluß. Zur Beantwortung der einzelnen Sachen komme ich jetzt nicht mehr, das werde ich mir für morgen aufsparen. Ich grüße Euch recht herzlich. Hoffentlich bringt uns der heutige Tag den Anfang einer entscheidenden Wendung um gegenwärtigen Geschehen. Euch allen einen herzlichen Kuß in Liebe von Deinem Ernst.

Brief 537 vom 15.05.1944


 Mein liebster Schatz !                                                                        15.5.44 
          
Mit dem heutigen Tag habe ich ein neues Jahr meinr Soldatenzeitbegonnen. Aber das ist nicht nur ein Tag der Erinnerung, sondern das macht sich auch nach aussen hin bemerkbar. Heute früh ½ 6 Uhr war Wecken und vorhin 18 Uhr ist Dienstschluß. Mittags wird der Dienst 12 Uhr abgebrochen. Bis 14 Uhr war dann dienstfrei. Ich muß schon feststellen, dass das einen langen Tag gibt. Aber es hilft alles nichts, ich muß mich hineinfinden, wenn auch die Kameraden keine Stimmung dazu machen. Ich darf mich aber nicht so sehr darum scheren, denn sonst mache ich mir das Leben schwerer. Die Anfeindungen sind selbstverständlich größer wie in früherer Zeit, denn es ist ja hier nich nur am Tage Dienst zu machen, sondern nachts muß Streife gegangen werden. Morgen früh bezw. über Nacht habe ich 2 Stunden Wache, die auf den normalen Dienst keinen Einfluß haben. Mit der Zeit werde ich hier in den Apparat eingeschaltet sein, ohne daß ich dass ich da ernstlich mich dagegegn wehren kann und ohne daß ich etwas machen kann,. Man muß alles wieder von Anfang an lernen, denn die vielen Jahre, die dazwischenliegen haben fast alles in Vergessenehti geraten lassen. Ich glaube aber, daß ich es schaffen werde, wenn ich dabei aufpasse. Wenn ich heute noch schreiben kann, so bin ich wirklich froh, denn ich hoffe, ihn etwas länger gestalten zu können, wie es während der meisten Zeit nicht möglich sein wird. Aber Du wirst schon so zzfrieden sein, wenn Du hin und wieder von mir Nachricht erhältst, denn Du weißtja, daß ich schreibe, sobald ich irgendwie Gelegenheit dazu habe. Ich hoffe zwar, daß das Dein Briefschreiben nicht beeinträchtigt und Du mir auch weiterhin Deine Nachrichten zukommen läßt. Wenn ich auch nicht immer gleich zum Lesen kommen werde, ich werde mich so oder so schon dazu schlängeln. Für mich ist es hier ja auch in dieser Hinsicht nich so einfach, denn wir sind zu 8 Kameraden auf einer Stube, die etwas größer und höher ist wie unser Schlafzimmer. Schränke usw. sind nicht vorhanden. Alles ist äußerst primitiv. Dann sitzt alles um den Tisch herum, zum Teil essend und dann spricht alles durcheinander. Man kann sich nicht sammeln, um einen richtigen Gedanken zu fassen. Ich sage ja, Umstellung auf der ganzen Linie.  _ Vor einer Woche haben wir uns nun bald trennen müssen. Wie schön waren doch diese Tage, die wir beieinander waren. Ich wünschte mir nur, daß ich sie bald wieder erleben könnte, denn es ist doch merklich anders, daheim zu leben auch unter heute nicht so einfachen Umständen, als hier diesen Rummel mitzumachen. Unsere Spaziergänge, waren sie auch nicht immer von so schönem Wetter begünstigt, sie haben doch manche alte Erinnerung wachgerufen. Ausserdem konnten wir wieder einmal die Gräber unserer Lieben besuchen, was mir wieder eine innere Beruhigung war. Ich glaube auch, daß Dein Vater sich gefreut hat, daß wir mit ihm zusammen waren. Er ist manchmal nicht einfach zu verstehen aber ich glaube, daß ihn die letzten Jahre etwas weicher gemacht haben, ich habe das auch an seinem letzten Brief gemerkt, den er uns beiden geschrieben hat. Ich habe ihm gestern gleich geschrieben. Einen langen Brief kann ich ja nicht schreiben, denn sonst komme ich nicht herum. Auch an meine alte Dienststelle, damit ich evtl.  dort eingegangene Post hierher kommen lassen kann. _ Hast Du den Ölkanister abgesandt? Auch die Marken sind wohl an den Kameraden abgegangen. Ich werde von hier aus noch kurz schreiben, damit diese Sachen in Ordnung gehen. Aber allzuviel darf ich mir nicht vornehmen. Ich muß eben eins nach dem anderen tun, je nachdem, wie ich dazu komme. _ Gestern war gleich nach meiner Ankunft Kinobesuch. Die Räume sind hier nun wenig prunkvoll. Zum wiederholten Male sah ich den Fihlm „Hab mich lieb“, der auch während meines Urlaubs daheim lief. Dieser Filmbesuch wurd aber als Dienst angesehen, da kann man nichts dagegen machen. Eine Wochenschau lief dazu, die vom Sommer vergangenen Jahres stammte. Sie ist zwar nicht mehr aktu ell, aber für die Soldaten geht ja so etwas. Für die besten Soldaten der Welt müssen auch die besten Filme sein.Mich stört das ja nicht weiter, ich denke, daß ich ein dickes Fell mit der Zeit bekommen werde. _ Mein liebes Mädel! Herzlich will ich Dir, wie ich schon in meinem Brief nach dem ersten Abschied von Konstanz erwähnte, für all die Liebe danken, die Dur mir während der Urlaubstage zukommen ließest. Heute will ich die schönen Tage von Leipzig nich mit einschließen. Ich hoffe, daß wowohl Du als auch die Kinder mit allem zufrieden waren. Ich von mir aus habe versucht, alls das zu tun, was mit möglich war, um Euch eine kleine Freude zu bereiten. Wenn ich auch unserem Mädel einmal etwas näher treten mußte, wie ich es sonst nicht beabsich tigt hatte, so glaube ich, daß sie es mir nicht nachtragen wird. Grüße sie alle Beide von mir, unsere beiden lieben Stromer. Du selbst nim ware viele liebe Grüße und Küsse entgegen. Es ist jetzt 21 Uhr und wir müssen ins Bett gehen, denn es ist für uns Zap fenstreich. Schlaf auch Du schön und lasse Dich herzlich küssen von Deinem im Geiste immer bei Euch weilenden Ernst. _ Luftpostbriefe senden hat hier wenig Zweck nach Aussagen der Kameraden, weil die Post nicht schneller geht wie die übrige Post. Einige Marken lege ich wieder mit bei. 

Montag, 13. Mai 2019

Brief 536 vom 13.05.1944


Du mein gutes, liebes Mädel !                                                                     13.5.44    
      
Gestern war ich den ganzen Tag auf Achse und kam deshalb nicht zum Schreiben. Ich fuhr von Brestlitowsk nach Beranowitsch, um dort die gesuchte Einheit zu finden. Der Zug hielt dort ziemlich lange, so daß ich mir meine Auskunft holen konnte und zur Weiterfahrt nach Minsk in meinen vorherigen Zug einstieg.  Gegen 7 Uhr erreichte ich nach 13 Stunden Fahrt diese Ziel. Es ist an sich eine langweilige Angelegenheit, es ist jedoch anzunehmen, daß mir die kommenden Tage ziemlich kurzweilig gestaltet werden, dafür werden dann die Vorgesetzten schon sorgen. Ich muß es eben hinnehmen, wie die anderen Soldaten, auch wenn es schwer fällt. Der Unterschied macht sich allenthalben bemerkbar. Wenn ich den Unterkünften gedenke und die anderen Vorzüge, die ich bisher genaß trotz aller kriegsnotwendigen Erscheinungen, so kann ich nur feststellen, daß es ein schlechter Tausch ist, den ich eingegangen bin. Hier gab es anscheinend Wanzen im Quartier, doch ich glaube annehmen zu dürfen, daß mir diese Biester nichts machen, denn die anderen Kameraden jammerten alle, während ich nichts merkte. Ich wünsche mir nur, daß es auch ferner so bleibt. Es ist jetzt Frühkonzert.  Die Zeit bis zur Öffnung der Dienststellen benutze ich gleich, um Dir diesen Morgengruß zu senden. Ob die Einheit nun hier liegt, weiß ich noch nicht genau, das erfahre ich erst später. Wenn ich dann meine neue Anschrift bekommen sollte, dann lasse ich sie Dir gleich wissen, damit auch ich nicht allzu lange auf Nachricht von Dir warten muß.  Es interessiert mich ja auch, wie Ihr zurecht gekommen seid, wenn ich auch fest hoffe, daß alles geklappt hat. Da habe ich bei Durchsicht meiner Papiere noch einige Marken gefunden, die Du mir in Leipzig gabst zum Einkauf von Schwarzgebäck. Du kannst sie sicherlich gebrauchen und mir sind sie hier im Wege. Soweit ich Zeit dazu habe, begleiten Euch stets meine Gedanken. Sicherlich seid Ihr schon baden gewesen.  Das Wochenende wird nun noch Zeit und Gelegenheit geben, manches, was aus dem Geleise gekommen war, in Ordnung zu bringen. Die Kinder sind jetzt wahrscheinlich auf dem Wege zur Schule und Du hast Deine eigentlichen Arbeiten, die ja immer wieder anfallen. Im Garten wirst Du nun auch langsam die Übersicht wieder bekommen haben, was am vordringlichsten zu machen ist. Aber immer schön eins nach dem anderen.
Da fällt mir noch etwas ein. Vater hatte ein Feuerzeug, bei dem er nicht wußte, wie es aufgeht. An der einen Seite befindet sich ein Druckknopf, den muß er nur niederdrücken, dann kann er die Hülse herausziehen. Ich habe es mir von einem Kameraden zeigen lassen, als ich das gleiche Feuerzeug sah.
Jetzt habe ich wieder eine neue Auskunft in der Tasche. 40 km in westlicher Richtung heißt es nach dem neuen Marschbefehl, Koidanow nennt sich das neue Nest. Ich werde wohl auch dort nicht endgültig bleiben. Morgen früh setze ich mich in Marsch. Das ist alles nicht so einfach, aber mit der Zeit werde ich es schon noch schaffen. Ich habe im Gefühl, daß wir für die Bewachung der Bahnlinie Beranowitsch/Minsk verwendet werden. Aber erst heißt es abwarten, bis alles soweit ist. Ich habe mir vorhin noch einen Satz Briefmarken besorgt, den ich Dir gleich mit zuleite. Du hebst ihn bitte für mich mit auf.
Das Wetter ist auch hier recht heiß geworden, obwohl die Bäume, Wiesen und Felder noch einen Zustand aufweisen wie bei uns, als ich in Urlaub kam. Mir kommt es so vor, als wenn ich dem Frühling nachreise. Der Hahnenfuß streckt hier erst seine Blüten heraus und auch die Küchenschelle blüht wunderbar.
Doch das ist alles kein Anlaß, mich über meine gegenwärtige Lage hinwegzutäuschen. Ich bin zwar nicht trostlos, aber immerhin innerlich wenig zufrieden, wenn ich es auch nicht so schlecht habe, daß es nicht zum Aushalten wäre. Denn ich werde es schon schaffen, darauf kannst Du dich verlassen.
Bleibt mir, Ihr meine Lieben, ganz fest gesund und denkt wie immer an mich, wie ich das jederzeit an Euch tue. An alle anderen werde ich erst schreiben, wenn ich meinen neuen Aufenthaltsort habe.
Lasse Du Dich und die Kinder vielmals grüßen und recht herzlich küssen von Deinem immer im Geiste bei Euch weilenden Ernst.

Brief 535 vom 02.05.1944


Du mein ganz lieber Schatz!                                                                               2.5.44  
      
 Manchmal kann ich es mir nicht so richtig zusammenreimen, daß nun tatsächlich schon wieder eine Woche vergangen ist seit ich mich nach dem letzten Urlaub von Euch trennen mußte. Doch wenn ich in meinem Kalender nachsehe, dann ist doch so. Ich muß aber außerdem noch feststellen, daß ich heute vor einem Monat bei Euch ankam. Was war das für ein Jubel und für eine Freude bei uns allen. Aber es ist nun einmal alles vergänglich und leider auch jeder Urlaub. Hoffen wir, daß es mit dem Kriege auch bald soweit sei wird. Wunderbar ist es, wenn man immer mit einer stillen Freude an die herrlichen Tage zurückdenken kann, die wir miteinander verbracht haben und das ist es schließlich immer wieder, was mich hochhält, wenn ich mir sage, daß ich dafür all dieses auf mich nehme, wenn es in der Hauptsache auch durchaus nicht erfreulich ist. Das sind aber Dinge, an denen wir nicht viel ändern können, darum müssen wir ihnen im großen und ganzen ihren Lauf lassen.  Aber auch die Angelegenheiten die hier abzuwiegeln sind, gehen, ich möchte schon fast sagen, grundlegend einen anderen Lauf, wie ich sie mir anfänglich ausgemalt habe. Heute will es mir fast scheinen, als sei ich etwas voreilig gewesen, als ich Dir am 27. das Telegramm sandte, denn ich sitze vorerst noch hier, und ich kann heute immer noch nicht absehen, wie sich alles regelt. Ich kam hierher und wurde gleich aufgefordert, mich mit einer neuen Kluft zu versehen. Das ist ja inzwischen geschehen. Aber wie das nun einmal so ist, es zeigen sich so Dinge, die man jetzt noch erledigen kann, wozu ich bisher immer keine Zeit hatte, weil ich mir meinen Urlaub dachte nicht verlaufen wollte und andernteils, weil man mir dafür auch sonst keine Gelegenheit gegeben hätte.  Ich will mir hier noch meine Zähne nachsehen lassen. Vor allem vielleicht auch die Krone, die mir vor einiger Zeit zersprungen war. Ob das möglich ist, das stellt sich erst morgen heraus Davon hängt wohl dann auch die Dauer meines weiteren Aufenthalts hier ab. Wenn das nicht so geht, wie ich mir das vorstelle, dann kann es sein, daß ich noch im Laufe dieser Woche von hier abrolle, andererseits kann es erst im Laufe der kommenden Woche soweit sei. Ich hatte nach meinem letzten Schreiben die Absicht, Dir heute zu telefonieren. Nach Lage der Dinge ist es aber so, daß ich heute nicht gewußt habe, was ich Dir heute hätte sagen sollen. Außerdem bestehen große Schwierigkeiten mit der Erreichung der Anschlüsse, so daß man sich fast den halben Tag versitzt. Mit einem Telegramm ist meist auch fast nichts erreicht, so daß ich mir dachte, ich werde Dir die gegenwärtige Lage doch schriftlich auseinandersetzen.   Es ist gleich Mitternacht. Ich komme gerade vom Luftschutzdienst zurück. Es war jetzt nur kurz und wir können froh sein, daß wir in den letzten beiden Nächten verschont wurden. Aber man ist oben keine Minute sicher ob es wieder anfängt. Das ist an sich auch gleichgültig, denn ich will auf die Dinge zurückkommen, die uns berühren.
Wenn ich noch einige Tage hier bleibe, dann wollte ich Dich erst bitten, daß Du von Leipzig zu mir herüberkommst. Es besteht aber eine Schwierigkeit und das ist die der Quartierbeschaffung. Wenn ich etwas mehr über meine Zukunft weiß, dann könnte ich über die hiesige Dienststelle wahrscheinlich eine Unterkunft erhalten. Wenn ma nso ein Bett erhält, dann hat man das einem großen Zufall zu verdanken. Ich frage mich nur, soll ich Dich weiter in Leipzig lassen, oder bist Du dort im Wege? Du kannst mir an die Adresse nach hier Post senden, die wird mir schon ausgehändigt. Ich hätte Dich gerade in diesen Tagen gern bei mir gehabt, um mich mit Dir über verschiedene Dinge zu besprechen, die mir sehr am Herzen liegen. Da dies aber nicht geht, so muß ich mich schon selbst entscheiden und allein mit allem Drumrum. Sobald alles einigermaßen durchsichtiger wird, dann gebe ich Dir weiteren Bescheid. Ich habe hier sonderbaren Dienst zu versehen. Ich mußte heute beim Major im Garten Misthaufen umsetzen. Das ist doch eines Soldaten durchaus würdig. Mit etwas muß man ja wiederum beschäftigt werden. Aber ich muß mir auch sagen, daß ich vielleicht um jeden Tag froh sein kann, den ich noch hier sein kann.
Rosig wird es im Osten wohl auch nicht sein. Als ich mit der Frau sprach, kam auch auf die mangelnden Kartoffeln die Rede. Sie erbot sich gleich bereit, mir einen Karton voll abzugeben. Ich habe ihn ohne große Widerrede angenommen. Ich weiß nicht, wie weit Du durch mein plötzliches Telegramm mit den Gartenarbeiten weitergekommen bist. Ich denke, daß Du sie vielleicht noch mit verwenden kannst. Ich habe alles eingepackt und werde vorsichtshalber das Paket an Vater senden, damit er es vorläufig in Empfang nimmt. Ich gebe ihm von mir aus noch Bescheid. Morgen will ich das Paket als Express aufgeben, dann wird es bald daheim sein. Wenn Du die Kartoffeln nicht für den Garten brauchst, dann kannst Du sie ja zum sonstigen Gebrauch verwenden.
Das wäre heute so alle, was ich Dir erst einmal mitzuteilen hätte. Sei mir bitte nicht böse, daß ich immer noch im negativen Sinne schreiben muß, aber ich komme selbst nicht umhin. Lasse Dich recht herzlich grüßen. Küsse die Kinder fest von mir und grüße Deinen Vater, sowie die anderen alle. Dir gebe ich einen ganz festen lieben Kuss und bin in treuem Gedenken an schöne Tage Dein Ernst. Wir waren nach Leipzig gefahren und haben dann auch unseren Vater noch getroffen. Der Aufenthalt war ein wenig schwierig, weil die zweite Frau meines Großvaters mit uns nichts anfangen konnte. Wir sind dann praktisch den ganzen Tag in dem zerstörten Leipzig herumgelaufen und haben auch ein paar Verwandte oder Bekannte besucht.

Brief 534 vom 26.04.1944


Du mein liebster Schatz, mein liebes gutes Mädel!                                         26.4.44 
     
Herrlich schone und harmonische Urlaubstage liegen wieder hinter mir, in denen ich mich wohl nicht gerade körperlich aber doch innerlich seelisch bei Dir habe ausruhen können. Wenn ich so zurückdenke, muß ich mich selbst wundern, wie viel ruhiger ich doch gelebt habe in all diesen schönen Tagen als die Wochen und Monate vorher. Für alles das, was Du mir geboten hast, muß ich Dir hiermit schriftlich noch einmal meinen herzlichen und innigen Dank sagen, was ich bereits mündlich getan habe. Auch das Verhältnis zu den Kindern war wieder voll von aufrichtiger Freude, die wir uns gegenseitig versuchten zu machen. Die kleinen Streiche gehören nun einmal zu ihrem Leben wie alle anderen Notwendigkeiten und Bedürfnisse. Ich hatte mich darum gefreut, als ich Euch Euren kleinen Wunsch auf Mitfahrt bis nach Singen erfüllen konnte, denn wie ich Dir gestern schon sagte, seid Ihr doch im Moment nicht so vom Eindruck der neuerlichen Trennung gepackt, wie wenn Ihr in Konstanz geblieben wärt und vom Bahnhof hättet nach hause gehen müssen. Im Geiste sehe ich Euch Drei noch auf den Bahnsteig in der Spätnachmittagssonne stehen und winken. Im Hintergrund stand Vater, der sich auch nicht nehmen ließ, mitzufahren. Obwohl das Wetter vorher und auch hinterher wenig schön und einladend war, so standet Ihr Drei verklärt im Sonnenlicht und symbolhaft für die vergangenen Urlaubstage sowie als Überleitung in eine mir zwar noch unbekannten Zukunft. Wenn sie etwas von der Helle und von dem Licht hat, das Ihr mir nachwinktet, dann will ich sehr zufrieden sein. Bis jetzt habe ich aber immer noch Veranlassung, mich der Liebe und der treuen Sorge zu erinnern, mit der Du mich während der vergangenen Wochen umgeben hattest. Leider konnte ich mit meinen Gegenbeweisen nicht in gleicher Weise aufwarten, wie ich es gern gewollt hätte. Ich bin aber davon überzeugt, daß auch Ihr mit diesen Erholungswochen zufrieden seid, was dadurch noch verschönt wurde, das unsere beiden Lauser auch gerade Ferien hatten. Ich hoffe nun, daß Ihr auch bald wieder in den normalen Kriegsalltag einlebt und daß Ihr die Spannung der Trennung überwindet, ohne daß Ihr es Euch zu schwer werden läßt.
Ich bin trotz einer Verspätung des Zuges unterwegs, die mir das Verpassens des Anschlusszuges in Fulda einbrachte, hier wohlbehalten und fahrplanmäßig angekommen. Ich habe alles gut überstanden. Ich sitze jetzt hier zum Mittagessen in einer Gastwirtschaft und gehe am Nachmittag zu der Dienststelle, um mir neue Order zu holen. Ich bin also noch im unklaren, was sich ergibt. Ich habe aber das Bedürfnis, Dir erst einmal meine Gedanken mitzuteilen. Der kleine Rest Papier, der sich in meiner Brieftasche befand, muß dazu herhalten. Ich glaube aber, daß das ja nicht entscheidend ist. Sobald ich Genaues weiß, werde ich Dir gleich Mitteilung darüber zukommen lassen, denn ich will Dich ja auch nicht länger warten lassen, als notwendig.
Es ist nun inzwischen Abend geworden und ich will Dir noch mitteilen, was ich nun zu erfahren bekommen habe. Meine Vermutung, daß wir in den Mittelabschnitt kommen, hat sich also bestätigt. Von hier aus erhalte ich Marschbefehl nach Warschau zu Frontleitstelle, wenn ich hier umgekleidet worden bin. Es ist anzunehmen, daß dies bald geschehen sein wird. Ich sehe nur noch nicht klar, aber ich denke, daß ich es ermöglichen kann, daß ich in Leipzig wieder einige Tage Zwischenaufenthalt machen kann und ich würde dann rechtzeitig versuchen, Dir telegrafisch davon Bescheid zukommen zu lassen. Vielleicht kannst Du dann für diese zwei Tage ebenfalls dorthin fahren. Für hierher zu kommen, lohnt es sich nicht, weil hier alles so ungewiß ist. Ich hatte an diese Möglichkeit nicht gedacht, als ich noch daheim war, sonst hätte ich davon gleich in Kenntnis gesetzt. Ob nun dieser Brief eher ankommt wie meine evtl. beabsichtigte Nachricht, das kann ich ja noch nicht sagen, aber auf jeden Fall teile ich Dir dies heute noch mit.  Wie sich hier noch alles entwickelt, kann ich erst so nach und nach in Erfahrung bringen. Das ist vorerst das Wichtigste.
Es ist für mich nach der durchwachten Nacht schon recht spät. Die Fahrt steckt mir noch etwas in den Gliedern. Ich bin in der Kaserne untergekommen und werde mich nun in die Falle hauen. Morgen früh muß ich mich bald wieder melden, und ich denke doch, daß ich dann wieder einiges erfahren werde.
Gute Nacht und schlafe Du auch gut. Ich hoffe, daß Ihr, meine liebe Gesellschaft, alle gesund seid. Grüße Vater von mir recht herzlich und sage ihm auch, daß ich ihm für alles nochmals herzlich danke. Ihr selbst nehmt wieder recht viele liebe und herzliche Grüße entgegen von Deinem Ernst.