Samstag, 9. März 2019

Brief 527 vom 02.03.1944


Mein liebster Schatz!                                                                             2.3.44     
      
Nun habe ich noch zwei Deiner restlichen Briefe zu beantworten, was ich jetzt nachholen will. Du bist also auch der Ansicht, daß Dein Vater nicht ganz mit mir zufrieden war, weil ich meine Zustimmung nicht für eine Reise nach Leipzig gab. Nun muß ich aber in seinem letzten Bericht lesen, daß er selbst zu der Überzeugung gekommen ist, daß es so besser wäre. Denn er meint ja auch, daß er sich Vorwürfe machen würde, wenn dann mit Eingeladenen etwas zustoßen würde. Es ist mir gewissermaßen eine Genugtuung, daß sich meine Meinung ohne großen Streit durchgesetzt hat.
Daß unserer Helga die 2,RM Freude gemacht haben, ist richtig. Man kann aber auch einmal Pech habe. Ich nehme es jedenfalls an, daß es wirklich eine Ausnahme war. Wenn ich von ihr auch nicht verlange, daß sie immer eine Eins schreibt, aber wenn sie sich in dieser Nähe hält, dann kann sie damit rechnen, daß es hin und wieder eine kleine Belohnung gibt. Wie ich so sehe, kommst Du auf allerhand Einfälle. Mit dem Brot bist Du nun soweit, daß Du es frisch auflackiert hergeben kannst. Das ist ein ganz origineller Gedanke und wird wohl bei unseren Kindern mehr An klang finden wie das harte Brot. Ich habe wieder ein Päckchen, das ich in diesen Tagen an Dich absenden kann. Gestern habe ich ja zwei Päckchen an Dich abgesandt. Ich weiß nicht, habe ich es schon erwähnt oder vergaß ich es. Es ist die zweite Sendung Zigaretten und Käse und einmal Rosinen. Die Päckchen haben die Nummern 32 und 34, mein Wunsch über guten Empfang begleiten sie jedenfalls wieder.
Daß sich unsere Beiden den Film „Wunschkonzert“ nochmals angesehen haben, hat ja nach Deiner Schilderung seine Begründung gehabt. Die Sportaufnahmen sind ja auch sehr gut. Ich habe hier kürzlich wieder einige Ausschnitte von der Olympiade gesehen. Einmal vom Laufen und dann Kurz und Langstreckenläufer. Das waren sehr nette Sachen, die immer wieder anziehend wirken.
Du schreibst, daß die Entfernung doch ziemlich weit sei von hier bis Saloniki.  Ich teilte es Dir ja in einem meiner letzten Schreiben mit. Da fällt mir im Zusammenhang damit etwas ein, was mir in Rußland noch in den Sinn kam. Ich erhielt von einem Kameraden dort eine Landkarte von Europa, in der er seine sämtlichen Fahrten während des Krieges eingezeichnet hatte. Da war auch die Strecke bis hierher drin.  Ich dachte mir damals, das ist doch eine ganz schöne Strecke, bis man hier unten ist.  Das muß doch ganz interessant sein, war mein nächster Gedanke. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, daß mir eine solche KdF Reise auch noch beschert würde. Nun ist es schon über ein halbes Jahr, daß ich mich hier unten aufhalte. Wenn man es so bedenkt, es hat mich auch schon ziemlich auf unserem Erdteil herumgetrieben. Was einem noch alles bevorsteht, liegt ja noch im Dunkel. Vielleicht ist es gut so, wenn man es nicht weiß, aber Angst braucht man ja deshalb nicht haben, denn ich sage mir, daß man seinem Schicksal nicht entgehen kann.  Ich muß schon sagen, daß Du mir eine ordentliche Standpauke gehalten hast auf meine schüchternen Einwände, die ich mir gewagt hatte, als Du mir die Absendung eines Päckchen ankündigtest. Ich bin mir nun im Zweifel, was ich machen soll. Soll ich das nächste Mal alles ruhig und ohne Widerspruch hinnehmen oder soll ich gleich von vornherein mit stärkerem Kaliber auffahren, um Dir gleich die Möglichkeit einer Einrede wegzunehmen. Befohlen hast Du mir zwar, ich soll ganz ruhig sein, inwieweit das nun klappt, das muß ich erst einmal sehen. Vorbeugend will ich versuchen, mich doch noch im Laufe der Zeit zu bessern. Habe also bitte noch ein wenig Geduld mit mir, es wird schon werden.
Ich freue mich, daß ich Dir heute mitteilen kann, daß ich wieder etwas Öl bekommen werde. Ich weiß ja nicht, wie weit Deine Ölvorräte zusammengeschmolzen sind, aber ich denke, daß eine Auffrischung keinen Schaden anrichten wird. Ich kann Dir gar nicht sagen, was mir das immer für eine Beruhigung bedeutet, wenn ich wieder etwas Fettung für Euch heranbringen kann. Das Wichtigste ist nun noch, daß ich das nun richtig zu Dir besorgen kann. Aber da wird sich sicherlich auch ein Weg finden. Bis man so die einzelnen Etappen dieser Beschaffungskriterien durchschritten hat, gibt es immer verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden, doch das ist ja nicht weiter von Bedeutung. Es braucht ja immer erst einiger Vorarbeit, bis man solch eine Quelle erschließt, manchmal ist es fraglich, ob sie überhaupt ergiebig ist, denn manchmal werden einem nur leere Versprechungen gemacht und man sieht dann hierher in die Röhre. Darum kann man nur über das verfügen, was man tatsächlich in der Hand hat.
Lasse Dich und die Kinder bestens grüßen und nehmt jeder von mir einen recht herzlichen Kuß entgegen. In Liebe zu Euch bin ich immer Dein Ernst.

Brief 526 vom 01.03.1944


Du meine Liebste!                                                                                       1.3.44 

Ich kann ja wieder recht zufrieden sein, denn ich habe vier Briefe gestern von Dir erhalten, die mich recht gefreut haben. Es waren die vom 21.  zwei Stück, 22. und 23.2. Vielen und herzlichen Dank muß ich Dir dafür sagen. Du warst recht in Sorge um unsere Angehörigen in Leipzig, doch nun hat sich ja herausgestellt, daß sie alles glücklich überstanden haben. Ich erhielt auch den Bericht Deines Vaters, in dem er die Bombardierung schildert. Auf der Herfahrt kam ich schon im Zug mit einem Leipziger zusammen, bei dem ich mir insofern einige Beruhigung holen konnte, indem er mir mitteilte, daß vorwiegend der Süden angegriffen worden sei. Das hat sich ja auch nach dem Bericht Deines Vaters alles bestätigt. _ Daß unser Junge das Gedicht vom Büblein auf dem Eise praktisch ausprobieren mußte, das wäre ja nicht unbedingt erforderlich. Es war nur gut, daß es nach der Schule passiert ist, denn sonst hätte er doch dort auch noch Schwierigkeiten bekommen. Ich kann mir nur nicht vorstellen, daß der Bach so tief sein soll, daß er hat schwimmen müssen. Ob er sich da nicht geirrt hat? Immerhin war es ja gut, daß er schwimmen kann, denn es hätte ja leicht Schwierigkeiten geben können für ihn. Sein Freund Richard ist doch immer noch ein spaßiger Geselle, der ja auch bei diesem Streich dabei war. Hat er sich nicht etwa an einem der Ziegeleitümpel aufgehalten? Die ausgestandene Angst wird ihm hoffentlich eine Lehre gewesen sein,. Zweck hat es ja nicht, wenn man des Langen und Breiten redet, denn diese Bengels wollen doch alles erst am eigenen Leib verspüren, bis sie sich von der Rechtmäßigkeit solcher Lehren überzeugen lassen. Ich muß schon sagen, daß Du an dem einen Tag recht fleißig warst und mir gleich zwei Briefe geschrieben hat test. Aber andererseits war es ja auch eine Entschädigung für den ausgefallenen Brief vom Vortag. Dein Besuch beim Zahnarzt hast Du ja nun hinter Dir, und, wie ich lese, hast Du einige Schäden, die beseitigt werden müssen. Was soll dann die Krone kosten, die Du machen lassen mußt? Wenn Dir damit der Zahn erhalten bleibt, dann man zu.
Das hat mich gewundert, daß Dich Resi bat, mit ihr ins Kino zu gehen. Wie es scheint, hat sie jetzt wenig Umgang. Aber wie Familie Bautz auch sein mag, im großen und ganzen gesehen waren sie immer noch die nettesten zu uns. Wenn wir auch mit manchen Eigenheiten nicht konform gehen und wir manches ablehnen, so haben sie doch eine Linie und Art zu leben, die wir für uns selbst auch in Anspruch nehmen. Für Resi selbst ist es ja so, daß ihre Mutter noch stark ihr Wesen beeinflußt. Ich glaube, daß sie sich in mancher Hinsicht anders geben würde, wenn sich ihre Mutter nicht immer in ihrer Nähe aufhalten würde. Doch das sind ja eigentlich keine Sorgen für uns, doch solche Gedanken kommen einem manchmal, wenn man gerade solche Fragen miteinander bespricht. Was nun Deine Kritik an dem Film „Gabriele„ betrifft, so hast Du nicht ganz unrecht. Aber schauspielerisch ist er ganz beachtlich, das läßt sich nicht abstreiten. Auch verschiedene ethische Dinge wurden in diesem Film behandelt, die zum Nachdenken Anlaß geben. Was die Folgerichtigkeit dieses Stoffs selbst anbelangt, so gibt es manche Lücken, die unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich wirken. Daß Du aber einen künstlerisch wertvollen Film auch gern siehst und bevorzugst, das beruhigt mich, denn ich hatte ja von Dir nicht erwartet, daß Du nun mit einem Mal den amerikanischen Kitsch für schön befinden könntest. Daß die Schlittschuhlauferei etwas für sich hat, das kann ich ja nicht verkennen. Aber ich habe hier reine Eislauffilme gesehen, die zum Teil eben weil sie nur Eislauf allein brachten, wirkungsvoller waren.  In diesem Zusammenhang schrieb ich Dir doch kürzlich von Sonja Hennie. Dieser Tage las ich in der Zeitung, daß sie tödlich verunglückt sei. Was nutzen ihr alle diese Weltmeistertitel. Sie hat doch ein ziemlich kurzes Leben gehabt. Wenn jetzt so viele Menschen gewaltsamen Todes sterben, dann fällt das zwar nicht mehr entscheidend ins Gewicht. 
Ich werde nun an die Bausparkasse schreiben, daß die Überschreibung auf beide Namen erfolgen soll, dann sind wir diese Geschichte los. Von mir aus kann es auch auf einen Namen laufen, denn praktisch ist es ja gegenwärtig weiter nichts wie eine Sparkasse. Aber vielleicht ist es doch am besten, wenn wir es so machen. Mir selbst ist das gleichgültig. Was Du jetzt an Geld dafür verwendest, das schreibe doch bitte einmal auf ein besonderes Konto. Es ist nur später einmal wegen der Übersicht. Denn im Lauf der Zeit vergißt man es ja sonst doch. Ich habe ja auch jetzt für die Ahnenforschung wieder nach Polenz ,60 RM bezahlt. Das kannst Du auch in der betreffenden Aufstellung noch eintragen, damit diese auch ihre Vollständigkeit hat. Ich habe mir hier notiert 6.12.43 ,75RM Pfarramt Neusalza, 7.12.43 Standesamt Neusalza ,60RM, 23.1.44 Pfarramt Bautzen Bautzen 7,8oRM, das hat aber nur 7,20 RM gekostet, weil ich 0,60 RM zurückerstattet erhielt. Überprüfe doch bitte unsere Nachweisung und ergänze sie dann bitte entsprechend.
Ich habe hier neue deutsche Luftpostmarken gesehen, die es bei Euch wahrscheinlich noch geben wird, doch nur bis 15. März. Kaufe mir doch bitte von jeder Marke auf mein Konto je ein Viererblock, wenn möglich Eckstücke. Ich lege Dir heute wieder einige Kleinigkeiten von Marken bei, die Du bei Gelegenheit mit einsortieren kannst. Du meinst, ich hätte wieder Glück gehabt, daß ich mir wieder einen Soldaten aufgegabelt habe wegen der Briefmarken. Das kann man wohl sagen, doch jetzt hat sich schon wieder etwas ergeben. Zu uns ist ein Schreiber kommandiert, der anscheinend eine recht bedeutende Markensammlung haben muß, wenn er mir nichts vorgeflunkert. Der will ich Sachen von daheim zum Tauschen schicken lassen. Ich habe mich bei ihm schon angemeldet, damit ich erst einmal abgrasen kann, was er unter seinen Doppelten hat. Ich bin ja gespannt, ob er mich nur angekohlt hat oder ob das Tatsache ist, was er erzählt hat. Dagegen wäre ich ja mit meiner Sammlung nur ein kleiner Pimpf. Den Soldaten habe ich ja schon ausgefleddert, bei dem kann ich nichts mehr erben. Doch mit dem Erfolg kann ich wirklich zufrieden sein.  Es freut mich sehr, daß Du mir die Versicherung abgegeben hast, daß Du mir später mein Album wieder geben willst und daß ich deshalb nicht erst einen Kampf mit Dir ausfechten muß. Schade ist es ja, daß wir um diese Kappelei herumkommen. Du findest ja auch, daß es lustig wäre. Du denkst wohl, daß ich den Kürzeren ziehen werde? Wenn ich mich aber besonders anstrenge, dann würde ja meine Niederlage nicht gar zu schlimm ausfallen.
Heute hatten wir ganz warmes Wetter wie im schönsten Frühling. Man muß sich aber mächtig vorsehen, daß man sich nicht wieder erkältet. Mein letzter Schnupfen hat sich immer noch nicht ganz ausgetobt. Ich kann wohl ohne Übertreibung feststellen, daß ich seit Jahren nicht mehr solch einen Schnupfen aufzuweisen hatte wie heuer. Meine Reise nach Saloniki im kalten Zug und der Aufenthalt während der kalten Tage in der Stadt und im kalten Hotelzimmer haben wesentlich zur Förderung und Entwicklung dieses Prachtschnupfens beigetragen. Ich denke aber, daß ich nun das Dickste doch überstanden habe.
Auf meiner Rückfahrt von Saloniki konnte ich schon beobachten, daß gleich hinter den Thermopylen das Klima freundlicher wurde und daß auch die Natur schon weiter voran war in allem. Das Schönste war aber, daß schon die Aprikosen und die Mandelbäumchen blühen. Im vergangenen Jahr sah ich das, als ich Ostern nach Dnjepropetrowsk reiste und  in diesem Jahr ist es schon im Februar. Man merkt doch, daß ein wesentlicher Unterschied besteht. Heute wurden nun diese Blüten in Massen angeboten. Es ist doch recht erfreulich, aber nicht nur das, sondern schön sind sie auch.
Nun habe ich aber für heute wieder genug geklönt. Grüße Vater recht herzlich von mir und auch die Kinder. Bleibt Ihr alle recht gesund und nimm viele Küsse von mir entgegen. Dein Ernst.

Mittwoch, 6. März 2019

Brief 525 vom 29.02.1944


Mein liebes gutes Mädel!                                                                           29.2.44   
      
Da haben wir ihn, den Schaltjahrestag. Es ist ja immerhin bemerkenswert, denn er kommt ja nur alle vier Jahre vor. Das geht aber auch bald vorbei.  Es ist vielleicht noch insoweit von Bedeutung, als man mit seinem Geld einen Tag länger auskommen muß.
Kino habe ich in den letzten Tagen genug gesehen. Am Samstag war ich im Kino am Sonntag auch und gestern sogar zweimal. Ich habe mir nacheinander angesehen „Herz modern möbliert“, „Akrobat schön“, „Ein Mann mit Grundsätzen“ und „Die geheime Wandlung des Alex Roscher“. Beim ersten Film mußte ich feststellen, daß ich ihn vor längerer Zeit schon einmal gesehen hatte, doch ich war versöhnt, weil ich mir bei dieser Gelegenheit den bunten Zeichenfilm von Fischerkosen mit der Wespe ansehen konnte, der wirklich sehr gelungen ist. Die beiden letzten Filme waren ganz ordentlich; besonders der letzte hatte ganz nette Szenen mit kriminalistischem Einschlag. Es ist nur gut, daß nicht alle neuen Filme so sind, wie ich sie gerne habe, denn sonst würde ich mir mit der Zeit das Kinolaufen doch abgewöhnen. _ Nun will ich noch die unbeantworteten Fragen aus Deinen letzten Briefen erledigen. Du wunderst Dich über die Kleidung der griechischen Soldaten Für uns ist das auch ein ungewohntes Bild. Wir haben eine ganz andere Vorstellung vom Soldatischen. Ich muß sagen, und das wird auch immer allgemein bestätigt, daß sich diese Männer recht gut halten. Im Einsatz gegen die Banden haben sie sich wiederholt bewährt. Für uns und insbesondere für die griechische Regierung sind sie eine beachtliche Hilfe. Ganz abgesehen von den Blutopfern, die diese Einheit schon gebracht hat, sind sie auch so in der Gesamterscheinung recht straff. Die Evzonen sind gewissermaßen eine nationale Garde, das militärische Rückgrad der Regierung. Seit einiger Zeit veranstalten sie jeden Sonntag einen Parademarsch durch die Stadt. Vornweg die Fahne, eskortiert von 5 Evzonen, dann eine Fahnenwache mit einem Kommandeur, der recht wuchtig ausschaut. Diese Leute sind alle rein weiß gekleidet, dazu tagen sie schön gestickte bunte Umhänge. Das sieht alles sehr farbenprächtig aus. Der Führer von dieser Fahnengarde trägt ein Türkenschwert und dazu ein Par gestickte Stiefel, was die ganze Persönlichkeit noch mehr herausstellt. Die anderen sind dann einfacher gekleidet und dann folgt eine Kompanie, die hat dann eine kriegsmäßige Uniform. Aber immer diese engen Hosen und der weite Rock sind immer das Grundlegende für die Bekleidung. Wenn ich die Italiener dagegenstelle, dann ist doch ein wesentlicher Unterschied in der Straffung festzustellen.
Ich bin mit Dir auch einer Meinung, daß es nicht gerade notwendig ist, wenn Erna nun noch jemand mit angeschleift bringt. Ich würde an Deiner Stelle nichts weiter unternehmen. Du weißt ja, was man immer für Dank von solchen Besuchen hat. Erna wird eben auf dies Bekleidung verzichten müssen. Es ist ja dann auch wieder die Verpflegung und was sonst alles noch mit einem solchen Besuch zusammenhängt. Ich kenne doch die Sachsen und die Leipziger im besonderen. Wenn Erna mit dem Kind kommt, dann soll es mir recht sein, denn wir sind nicht so gestellt, daß wir uns solche jungen Gänschen , die uns fremd sind, ins Haus laden können. Wenn dann etwas gezahlt werden soll, dann ist es meist zuviel. Du weißt selbst, was wir schon für Erfahrungen gesammelt haben.  Ich freue mich jedes mal, wenn ich lesen kann, daß Ihr Euch beim Baden immer so schön unterhaltet. Ihr gehört ja mit zu den Stammbesuchern. Bald kommt ja die Zeit, da könnt Ihr wieder im Freien baden, das wird unseren Beiden wieder recht sein, wenn sie sich im Freien tummeln können. Der Lehrgang für Springer wird unser Mädel sicher interessiert haben, denn das ist doch ihr Vergnügen.
Es ist nur gut, daß Du unserem Mädel ein bisschen auf die Finger sehen kannst, gerade in Bezug auf die fremde Sprache. Ich muß mich immer wieder wundern, wie gut die Leute hier Deutsch beherrschen.  Ich komme doch öfter zu einem Jungen, der hat deutschen Unterricht in der deutsch griechischen Schule, aber er kann schon fast fehlerlos Briefe schreiben. Ich habe jetzt bei meinem Besuch in Saloniki sehen können, wie griechische Mädchen, die bei deutschen Dienststellen beschäftigt werden, flott deutsche Korrespondenz erledigen und deutsch sprechen, ohne irgendwelche fremdländische Beilaute. In dieser Beziehung haben uns diese Menschen hier etwas voraus. Bei einer Dienststelle, die ich dort aufsuchte, traf ich ein älteres Fräulein, die konnte sich in 7 Sprachen verständigen und sie sagte, daß sie bedauere, daß es nur 7 wäre. Es liegt hier auch viel mit daran, daß die Griechen immer Handel getrieben haben, sich viel im Ausland aufhalten mussten und daher auf die Fremdsprachen angewiesen waren, wenn sie sich durchsetzen wollten. Schön ist es, wenn man sich in fremder Sprache verständigen kann allerdings nur dann, wenn es notwendig ist. Ich bin schon immer froh, wenn ich mich mit meinem bruchstückhaften Französisch durchhelfen kann. Spaß macht es mit, wenn sich dann andere Leute unterhalten und man kann dem Gespräch folgen und sie sind der Meinung, man versteht nichts.
Daß Du an „Fidelio“ im Rundfunk so Gefallen gefunden hast, das ist ja schön. Du weißt ja, daß ich auch für schöne Musik etwas übrig habe. Ich hörte kürzlich einige Sachen aus „Madam Butterfly“, das hat mich so lebhaft an die Aufführungen in Charkow erinnert und hat mir das Erlebnis dieser Theaterbesuche wieder wachgerufen. Es gibt da so herrliche Melodien, die zu hören wirklich ein Genuss sind.  Wenn Du Dir dazu die passenden Textbücher besorgst, dann hast Du bestimmt mehr davon. Aber auch die Musik als solche ist doch sehr schön. Was haben wir doch für große Tonkünstler gehabt. Es ist nur schade, daß unser Theater in Konstanz nicht so leistungsfähig sein kann. Wenn ich nur an die Ballettszenen denke, die uns in Rußland geboten wurden, und wenn man jetzt diese Hopserei im Film sieht, dann kann einem schon das Frieren ankommen. Ich verstehe nicht, daß man dieses klassische Ballett so in den Hintergrund drängt und dieses „moderne Tanzen“, wie man es so gern nennt, so hervorzieht. Ich glaube ja auch nicht, daß ich mich zu den altmodischen Menschen zählen brauche.  aber diese Richtung, die jetzt angeschlagen wird, entspricht nicht meinem Geschmack. Von meiner Reise nach Saloniki habe ich wieder einige Zigaretten mitgebracht, die ich Dir jetzt mit verschicken werde. Damit das Gewicht etwas ausgeglichen wird, habe ich Dir noch zwei Tuben mit käse dazugepackt, die ich mir aufgespart habe, weil sie mir zu viel in der Marschverpflegung waren. Das Päckchen trägt die Nummer 33 und ich habe es heute abgesandt. Außerdem gingen heute wieder einige Heftchen an Dich ab, die ich ausgelesen habe. Ein Paket mit Rosinen muß ich erst noch umpacken, weil es zu schwer ist. Das wird aber schon bald erledigt sein, so daß ich das auch los werde.
Mit einem festen lieben Kuß und vielen herzlichen Grüßen an Dich und die Kinder, bin ich immer Dein Ernst.

Brief 524 vom 28.02.1944


Mein lieber guter Schatz!                                                                        28.2.44   
     
Wir haben wieder einmal Wochenanfang, doch ich bin gegenwärtig ohne fest Tätigkeit. Ich brauche aber nicht weiter böse darum sein, denn ich kann mich ja auch einmal mit der Arbeit von Weitem beschäftigen. Von mir und vom Sonntag habe ich nichts besonderes zu berichten, aber ich kann mich ja noch auf die Beantwortung Deiner restlichen Briefe beschränken.  Mit der Kinogeschichte hat ja alles seine Erledigung gefunden, nachdem ich kürzlich ausführlich Stellung zu verschiedenen Filmen genommen habe, bist Du doch mit meiner Auffassung bekannt geworden, Ich war gestern auch im Kino und habe mir den Film „Akrobat Schön“ angesehen. Ich finde, dass meine Feststellung, daß wir in Bezug auf Kunst einen Weg gehen, der vor nicht allzu langer Zeit restlos abgelehnt wurde, mit dem Schlagwort „amerikanisches Jahrhundert“ nur immer wieder unterstrichen wird. Da wird eine Tanzkunst gezeigt, die ich wirklich nicht als schön bezeichnen kann. Wenn ich zwar öfter Sachen finde, die mir nicht so gefallen, so kann ich doch immer sehen, wie es nach meiner Ansicht nicht sein soll. Für mich lag ja kein Anlass vor, mich über unsere Auffassung zu ärgern. In dieser Richtung mußt Du Dir keine Gedanken machen.  Wenn Du schreibst, daß die Kinder soviel Hunger haben, so ist das ja ganz erklärlich. Ich kann mich immer noch an die Zeit unserer Kindheit erinnern. Die Nahrungsmittel haben doch nicht mehr den Nährwert wie zu anderen Zeiten. Der Körper selbst ist auch nicht in der Lage von sich aus zuzuschießen, so daß immer ein Hungergefühl vorhanden ist. Das, was auf die Marken abgegeben wird, das ist schon richtig, wenn man damit ein oder zwei Jahre auskommen muß. Aber ganz ohne Zuschuss von anderer Seite durchsteht man diese Zeit nicht, ohne daß der Körper Schaden nimmt. Bei uns Erwachsenen ist das nicht ganz so schlimm aber bei den Kindern, deren Körper noch im Aufbau beschaffen ist, da liegen die Dinge schon wesentlich anders. Gerade aus diesem Grund sehe ich es immer als eine meiner ersten Pflichten an, für Euch daheim zu sorgen, soweit mir das hier unter den jeweiligen Umständen möglich ist. Ich möchte gern manchmal mehr tun, aber es bestehen nun einmal gewisse Grenzen, in denen man sich halten muß. Bei Paula will es jetzt auch nicht klappen. Die Zur-Ruhe-Setzung von Albert und jetzt ein Aufenthalt im Krankenhaus. Auch mit ihrem Kurt muß es anscheinend nicht ordentlich gehen, denn sonst würde er ja nicht vom Wehrdienst entlassen. Wir haben uns nicht in ihre Verhältnisse gemischt, als es ihnen gut ging, wir haben auch keine Veranlassung, uns jetzt ungefragt darum zu kümmern. Ja früher war der Junge bei Häusler. Es kann ja sein, daß die Firma Pintsch irgendwie damit zusammenhängt, oder hat Paula dirt wieder vorgearbeitet? Doch lassen wir das.  Ich habe auch schon daran gedacht, für Vater noch eine Tabakpfeife zu erwerben. Das werde ich in den nächsten Tagen besorgen. Die ich Dir inzwischen schon zugesandt habe, die schickst Du ja Deinem Vater bei Gelegenheit mit zu. Dazu reicht mir das Geld immer noch. Daß das in der Heimat jetzt Schwierigkeiten macht, solche Artikel zu bekommen, das kann ich mir wohl vorstellen.
Du hast Dich ja recht juristisch ausgedrückt, als Du mir klarmachtest, daß die Schuld an mir liegt, wenn die Flasche Moselkirsch ausgetrunken ist. Aber da läßt sich nun leider nichts mehr daran ändern, wenn zwei solche Säufer wie wir beieinander sind, dann wird das Zeug mit der Zeit schon alle. Aber wir haben uns ja dann nichts vorzuwerfen, wenn es nun einmal so ist. Wenn Du auch schreibst, daß Du die Flasche wieder weggestellt hast, nachdem Dein Halsweh vorbei war, so ist mir das keine reine Beruhigung, denn ich überlege mir, ob Du sie nun leer hast oder ob noch die Hälfte drin ist, denn verdächtig ist mir, daß Du mir weiter mitteilst, daß ich mir keine Gewissenbisse machen muß. Wie meinst Du das nun wieder? Daß Du Dich mir nun vollkommen angeglichen hast oder ist etwa doch noch etwas in der Flasche drin? Ja, ich denke, ich werde von Dir darüber noch hören. Jetzt muß ich Dich aber mächtig in die Enge getrieben haben. Ja, das ist nicht so einfach, wenn ich wieder einmal anfange, die verschiedenen Dinge zu zerpflücken.
Ich kann verstehen, daß Du Dich ein zweites Mal hast erweichen lassen und noch einmal Einquartierung angenommen hast. Es ist nicht einfach für die Leute, bei einer solchen Massenbelegung irgendwo unterzukommen. Du hast ja nun für Deinen Teil geholfen, vielleicht ist man auch einmal froh, wenn man irgendwo Entgegenkommen findet. Es kann ja wieder eine ganze Weile dauern, bis ein solcher Fall eintritt, nachdem die Soldaten Euch jetzt wieder verlassen haben.
Vater erhält jetzt zu seiner Rente eine Zusatzunterstützung. Es ist ja zwecklos und es wäre dumm, wenn er diese Möglichkeit nicht in Anspruch nehmen würde. Es ist ja eine Sache, die gerade für diese Leute gedacht ist. Wie kommt er dann mit dem Betrag aus? Was macht er jetzt überhaupt, wo er über seine ganze Zeit verfügen kann? Hat er schon versucht, sich eine neue Beschäftigung zu verschaffen? Ich weiß ja nicht, wie es ihm sonst geht. Ich glaube ja, daß die Beschwerden besser geworden sind, seit er das Bruchband trägt.
Ich muß Dir schon meine Bewunderung und Anerkennung aussprechen, wie Du Dir den Widerstand zurechtgeflickt hast. Du mußt aber Obacht geben, daß der Draht nicht zu kurz wird. Gut wäre es ja, wenn man einen gleichen Draht dazu bekäme. Daß bei dieser Gelegenheit alles andere auch mit auseinandergefallen ist, das ist ja weniger erfreulich gewesen. Das ist schon weniger schön, wenn man ohne Radio daheim sitzen soll. Aber bei Dir kleinem Rundfunkfachmann klappt es ja ohne große Schwierigkeiten.
Ich muß mich schon selbst wundern, daß ich mit meinen Zähnen noch keine Schwierigkeiten weiter gehabt habe. Bis jetzt ist anscheinend noch alles in Ordnung. Ich kann Dir nachfühlen, daß das kein Vergnügen ost, wenn man zum Zahnarzt gehen muß, wenn man schon im Vorgefühl sich sagen muß, es gibt mehr zu machen und es geht nicht ohne Schmerzen ab. Gut ist ja, daß Du die Kinder immer anhältst, daß ihre Zähne immer in Ordnung sind. Auf diese Weise werden ihnen doch die Zähne immerhin länger erhalten, wenn man von Anfang an so aufpaßt, wie es notwendig ist.
Das ist ja interessant, wie sich unser Töchting zusammenreißt, weil sie in Gesellschaft von Jungens kommt bei dem Besuch des Chors.  Es ist nur gut, daß man sich auf sie verlassen kann und man weiß, daß sie sich in allen diesen Dingen vertrauensvoll an Dich wendet. So nach und nach kommt sie nun in das Alter, in dem man aufpassen muß auf sie. Es ist ja kein Schade, wenn sie auf sich hält, weil sich das für ein Mädchen gehört. Sie ist ja auch ein ordentliches und sauberes Mädel und hat wohl Veranlassung, darauf zu sehen, daß sie es auch bleibt. Soweit ist es ja noch nicht, daß man schon weiter denken muß, denn es kommt alles zu seiner Zeit, aber wie schnell vergeht die Zeit. Wenn nicht gerade die Kriegsjahre so hart zeichnen würden, dann könnte man fast meinen, es sei erst vor kurzer Zeit gewesen, als sie noch in der Wiege lag. Als sie ihre ersten Gehversuche unternahm, als sie noch bei Deiner Mutter auf dem Arm war und alle die anderen Besonderheiten, an die man sich so erinnert. Ich muß immer an das graue gestrickte Kleid denken, wie sie damit herumstolziert ist, als wir mit ihr zum Tabor hinübergelaufen sind. Beim Bach bereitete es ihr einen unendlichen Spaß, Steine hineinzuwerfen. Wie im Fluge sind diese Jahre vergangen. Am Anfang ihrer Lebenszeit hat man die Tage halten wollen, weil sich immer wieder etwas Besonderes ergab.
Fein ist es ja, daß Dir unsere Helga schon beim Handschuhstricken behilflich sein kann. Ich weiß ja, daß Du solche Arbeiten gern machst, doch hast Du ja immer nach kurzer Zeit über Kreuzschmerzen zu klagen, weil Du es auf längere Dauer nicht verträgst. Ganz abgesehen davon, wirst Du ja auch schneller fertig.
Das Geld habe ich richtig erhalten, das will ich Dir zur Beruhigung und als Bestätigung noch mitteilen. Sonst habe ich heute weiter nicht zu berichten. Morgen geht es wieder weiter. Recht viele liebe und herzliche Grüße und einen lieben Schmatz dazu sendet Dir Dein Ernst.

Brief 523 vom 27.02.1944


Du mein liebstes Mädel !                                                                          27.2.44         
    
Gestern Nachmittag bin ich, wie vorgesehen wieder hier gelandet.  Es ist alles gut gegangen, nachdem ich einige Unstimmigkeiten vorher noch geradebiegen konnte. Ich habe während dieser Tage einiges gesehen und auch manches hinzugelernt. Was mir nun sehr wichtig war, ich finde von Dir fünf Briefe vor, auf die ich mich schon mächtig gefreut hatte. Sie stammen vom 12. 13. 14. 16. und 17.2. Von Deinem Vater waren inzwischen einige Hefte wieder eingegangen und von Amelshain bekam ich noch einen Auszug aus dem Geburtsregister über Jubisch. Das war alles, was ich an Post vorfand. Das ist doch ganz nett. Interessant ist, daß dieser Jubisch am gleichen Tag geboren wurde wie unsere Helga. Den Auszug sende ich Dir gleich wieder mit, nachdem ich schon meine Unterlagen entsprechend ergänzt habe. Doch nun will ich erst einmal schön der Reihe nach Deine Briefe beantworten.
Gefreut habe ich mich, daß Du mit wieder von Eintreffen verschiedener Päckchen berichten konntest. Das ist immer fein, wenn die Sachen bei Dir richtig ankommen. Wie ich lese, hast Du für diese Sachen immer wieder laufend Verwendung. Daß Dir das getrocknete Brot bei der Fütterung der Kinder zustatten kommt, das freut mich ganz besonders. Ich habe hier und vor allem von meiner Reise her einiges ersparen können, das gibt nun etwas für Euch. Ich kann in diesen Tagen schon etwas zusammenpacken und das geht dann gleich auf den Weg. Daß Du in der letzten Zeit mit Deinem Geld so in Anspruch genommen warst und daher keine Ersparnisse machen konntest, das läßt sich nun einmal nicht ändern. Ich hoffe aber, daß Du doch nicht genötigt bist, Einschränkungen in Eurem Leben vornehmen zu müssen, weil Du Geld auf der Bank liegen hast und Ihr müßtet etwa hungern. Du weißt, ich lasse Dir in diesen Dingen immer freie Hand, denn ich bin davon überzeugt, daß Du keine Ausgabe machen wirst, die nicht notwendig ist. Bei passender Gelegenheit kann man ja wieder etwas einzahlen, doch das gebe ich Dir wieder bekannt. Es ist ja schon ein ganz ansehnlicher Betrag, den wir in den letzten Jahren zusammengespart haben. Wenn ich zwar sehe, was andere Kameraden anstellen, dann hätten wir während dieser Jahre eigentlich nichts erreicht. Aber ich bin kein Freund von dieser Art, das Geld zu erwerben. Ich habe gesehen, wie Soldaten im Zug 50 RM und mehr innerhalb kurzer Zeit mit Karten verspielt haben.  Ich habe mir erzählen lassen, daß Soldaten zehntausend Mark während eines Urlaubs einkassiert haben aus verschiedenen Geschäften, die sie gemacht haben. Aber das soll mich nicht sonderlich kümmern. So, wie wir bis jetzt gelebt haben, werden wir durchkommen und ich hoffe, daß wir es auch in Zukunft schaffen werden.
Ich hatte hier einige Eier durch einen glücklichen Umstand erhalten. Wie ich nun lese, daß Ihr schon länger keine bekommen hattet, da habe ich bedauert, daß ich sie Euch nicht schicken kann. Aber es ist ja ein großes Risiko, von hier aus welche nach hause zu senden, denn der Transportweg ist doch recht weit. Es ist schade, daß man immer nur so wenig von manchen Sachen hat. So auch von der Hirse. Das freut mich, daß sie den Kindern geschmeckt hat. Aber wenn es auch nicht viel ist, so helfen doch die verschiedenen Wenig zu einem Ganzen. _ Mich freut es dann außerdem noch, wie ich von Dir hörte, daß unser Sprößling sich nun über das Schlittschuhlaufen hergemacht hat. Daß unser Mädel dabei Pech hatte und auf den Steiß gefallen ist, das ist schade. Ich weiß, das ist sehr schmerzhaft. Inzwischen hat sich das wohl wieder gegeben und ist sicher schon vergessen.
So intensiv brauchst Du Dich nun nicht mit den Briefmarken zu beschäftigen, daß Du gleich Kopfschmerzen bekommst. Ich kann mir das zwar nicht vor stellen, aber es muß es schon geben, wenn Du davon Schreibst. Mir persönlich macht das nichts aus. Ich bin zwar auch keiner von denen, der nun stundenlang über eine Abart oder irgendeine Änderung an einer Marke diskutieren kann, aber was das Sammeln so im landläufigen Sinn anbelangt, so habe ich einige Kenntnisse. Wenn ich hier zu jemand komme und fange an mit zu sprechen, dann legt man mir schon entsprechende Sachen vor. Habe ich einmal die Absicht, mir etwas anderes anzusehen, was so an die große Masse verkauft wird, dann  heißt es, das sei doch nichts für mich. Ich muß dazu lächeln, denn mich interessieren auch einmal diese Marken. Zu den Landkarten für unseren Sohn bin ich noch nicht gekommen. Ich hoffe aber, daß ich es in diesen Tagen möglich machen kann. Das ist ja ein billiges Vergnügen, das man ihm bereiten kann. Du fragst mich, für wie viel Male das Backpulver ist. Das kann ich nicht genau sagen, denn ich habe doch zwei Sorten geschickt. Das eine ist meines Wissens für 3 und das andere für 4 Pfund Mehl. Ist das nur auf griechisch darauf geschrieben?  Ich glaube, daß Jörg genau so fleißig oder faul in der Schule ist wie ich. Soweit ich mich entsinne, habe ich immer nur das gelernt, was mir ohne große Anstrengung von selbst zugeflogen ist. Dieser Herr macht es wie sein Vater. Aber mit dem Ergebnis kann man trotzdem zufrieden sein. Wenn er sich dann später, wenn es mehr darauf ankommt, in die Dinge hinein kniet, dann kann er schon noch etwas schaffen. Wenn man nur wüßte, wie man seinen Ehrgeiz anspornen könnte. Er frisst eben nicht mehr als er gerade für den täglichen Bedarf braucht, wenn man es einmal grob ausdrücken soll. Daß unser Mädel einmal Pech gehabt hat im Rechnen, das kann sehr schnell passieren. Aber ich will ihr eines raten. Sie soll, wenn sie bei solchen Arbeiten noch Zeit dazu hat, ihre Aufgaben noch einmal richtig ansehen und durchdenken, dann kann sie sich manchen Fehler ersparen. Das ist zwar nicht notwendig, daß man sich nach negativen Beispielen richtet und sagt, andere Kinder haben den gleichen Fehler gemacht. Aber immerhin, ich hoffe, daß dies eine Ausnahme war. Aufpassen ist eben alles in der Schule und besonders in einigen bestimmten Fächern. Daß sie Dir davon erzählt, ist auch richtig, denn so kann man ihr doch nur helfen, wenn es irgendwo fehlt.  Einige Marken, die ich in Saloniki erworben habe, lege ich wieder für meine Sammlung mit bei. Dir und den Kindern viele liebe Grüße und recht herzliche Küsse. Bleibt gesund und denkt an Euer Vaterle. Dein Ernst.

Freitag, 22. Februar 2019

Brief 522 vom 17.02.1944


Du mein herzliebes Mädel Du!                                                                 17.2.44           

Herzlichen und vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 7.2. Er kam heute an und ich habe mich recht über Deine Zeilen gefreut. Einen späteren Brief hatte ich ja schon bekommen. Dieser hat wieder die Lücke ausgefüllt. Deine Mitteilung, daß eine Sendung mit Maismehl angekommen ist, freute mich wieder sehr, denn es ist doch nach hiesigen Geldbegriffen ein kleines Kapital, was man da anlegt. Wenn Du erst nach und nach die Sachen verwenden wolltest, so ist das ja gut, denn so habe ich mir das gedacht. Wie ich Dir ja schon schrieb, habe ich noch weitere Pakete erstanden und Dir zugeschickt. Hoffentlich bekommst Du auch alles.
Nachdem Du nun meine vernichtende Kritik aber den Film „Der weiße Traum“ erhalten hast, musstest Du auch zu einer Erklärung ausholen, die ich an sich voll und ganz verstehe. Du hast recht, daß man in der heutigen Zeit das Verlangen nach einer leichten Unterhaltung hat. Das vertrete ich vol und ganz, daß die Menschen, die heute soviel Schweres miterleben, sich entspannen müssen. Aber Du kennst mich ja, daß ich gegen eine Verpflichtung bin, die aber recht leicht eintritt, wenn man sogenannte Kunstwaren vorgesetzt bekommt, die in einem Stil gehalten sind, den man vor Jahren bei uns vollkommen abgelehnt hat. Man rechnet aber mit der Vergesslichkeit der Menschen. Ich entsinne mich in diesem Zusammenhang an einen meiner ersten besuche in einem französischen Kino. Dort wurde ein amerikanischer Film gezeigt mit einem ganz großen bekannten amerikanischen Filmstar. Da wurde getanzt und es wurden Gesangseinlagen gebracht und die Handlung war gleich Null. Ich habe mir das angesehen und mir gedacht, ist das der Kulturbeitrag, den Amerika liefert? Bei uns in der Presse hatte man vorher auch diese Art der Filmkunst besprochen und abgelehnt. Kurz nach der Olympiade  in Berlin ging die Eiskunstläuferin Sonja Hennie nach Amerika, um ihm Film als Eisstar aufzutreten. Sie verdiente eine Menge Geld damit und man sagte allgemein, das sei doch wirklich erbärmlich, daß man in Amerika keine anderen Filmideale hätte. Nimm Dir diese beiden Beispiele und sieh Dir heute unser Filmschaffen an. Ist das nicht kopiert, was man vor längerer Zeit als Kitsch hinstellte? In unserer Zeit sind wir ja so schnell vergesslich. Gut ist das, denn wir brauchen das, um all das Schwere zu überwinden. Ich kann es aber nicht verstehen, wie man in Bezug auf Kunstgeschmack und Richtung so schnell umschalten kann und wenn man versucht, womöglich einem vorzureden, daß Grün eben nicht mehr Grün sondern rot sei. Ich bin weder ein Kunstbanause noch künstlerisch so vorgebildet, daß ich sagen kann, das muß nun genau so sein, weil die Regeln es so verlangen.  Das kann ich nicht. Aber wenn ich meinen gesunden Geschmack dabei entwickle, so muß ich mir sagen können, das ist gut und das ist flach und seicht. Kannst du Dich noch an die Zeit erinnern, als in Deutschland die Tom Mix Filme liefen? An diesen unwirklichen Sachen konnten sich Tausende von Jungens begeistern. Ich weiß noch, daß Dein Bruder ständiger Zuschauer war, wenn einer dieser Filme gezeigt wurde.  Ich habe diese Filme genauso abgelehnt wie diese Indianerbücher, die die Fantasie in einer unnatürlichen Weise anregen. Warum ging man nicht daran, die Sachen von Karl May zu verfilmen. Wäre das nicht eine dankbare Aufgabe gewesen? Aber die Filme kamen aus Amerika und lenkten den Geschmack in eine Richtung, die ich für mich ablehne. Man könnte dem gegenüberhalten, die Jungens sind alle ordentlich geworden und sind alle gute Soldaten. Das stimmt, aber vielleicht hat hier schon die Erziehung der HJ einer anderen Entwicklung entgegengewirkt. Denn gerade wir haben die Zeit kennen gelernt, in der man zum großen Teil eine Belastung des persönlichen Ich ablehnte.  Wenn man heute mit jungen Menschen über diese Dinge spricht, so kann man die tollsten Ansichten hören. Ich habe vorhin schon betont, daß es nicht meine Auffassung ist, daß man ungehemmt Kritik übt, aber man kann manche dieser Erzeugnisse ohne weiteres in den Ofen stecken, denn der Menschheit fehlt dadurch nichts, im Gegenteil, man hat ihr einen Dienst erwiesen. Ideale muß ein Mensch haben, doch es dürfen nach meiner Meinung keine falschen sein. Ich glaube, daß das eine heitere und beschwingte Angelegenheit genauso zustande bringen kann wie eine Sache mit ernstem Charakter. Es ist nicht notwendig, daß man nur mit ernsten und strengen Themen aufwarten muß. Denn das eine wie das andere kann anregen, aber gleichzeitig Entspannung bringen. Ich kann mir vorstellen, daß man lange Zeit sich über irgendetwas nicht im Klaren ist und sich immer wieder Gedanken macht, ob man in diesem oder jenen Fall richtig gehandelt hat. Diese Unklarheiten bringen gewisse Spannungen mit sich, die aufgehoben werden können, wenn man durch eine Anregung von außen her  in diesem Fall durch den Film oder durch ein Buch oder einen Artikel  klar bewusst wird.  Damit löst sich dann gerade das, was einem auf der Seele gelegen ist. Von Natur aus ist der Mann stärker veranlagt und ich stelle diese Forderung auch in erster Linie an die Männer, denn diese müssen sich eher mit solchen Problemen befassen können. Daß das aber nicht der Fall ist, das ist ein Zeichen der Entwicklung aber auch der Erziehung. Damit wird nun die Kette wieder geschlossen, wenn ich sage, daß die Forderung nach mehr Inhalt notwendig ist. Daß wir nun einmal nicht einer Meinung über eine Sache waren,.  empfand ich in diesem Falle insofern als gut, weil es uns Anregung gegeben hat, um sich einmal über den täglichen Rahmen des Briefeschreibens hinauszugehen. Man ist nicht jeden Tag dazu aufgelegt, daß man sich mit diesen Sachen auseinandersetzt. Immer kann man nicht darum herumgehen. Wenn Du nun schreibst, es sei keine Feigheit, wenn Du die anderen Dinge meidest, so weiß ich das genau. Denn Du bist ja von Natur aus nicht so. Aber wenn man sich manches leichter machen kann, so soll man das tun. Dieser Lebensauffassung stimme ich gerade für Dich besonders zu. Auch ich werde mich nicht offensichtlich in eine Sache hineinbegeben, von der ich weiß, daß der Einsatz sich dafür nicht lohnt und bei der ich voraussehen kann, daß sie zu meinem Schaden ausläuft. Sollte der Einsatz aber in einem Verhältnis zu dem zu erwartenden Erfolg stehen, dann gibt es auch bei mir kein Zögern mehr. Ich bin mir nur nicht im klaren, ob es gut ist, wenn man immer nur die Vernunft walten läßt. Aber eine Frage muß ja immer offen bleiben und sie bleibt immer offen. Doch dazu sind sie ja da, damit man an sich arbeiten kann. Doch eines bitte ich Dich nun, lasse Dich von meinen Gedanken in dieser Beziehung nicht zu sehr gefangen nehmen, denn ich will es nicht haben, daß Du Dich unnötig damit belastest. Ich habe aber angenommen, daß Du meinen Standpunkt in dieser Hinsicht kennen lernen wolltest. Ich bin einmal etwas ausführlicher geworden und über den sonstigen Rahmen hin ausgegangen. Doch wie schon oben erwähnt
Doch wie schon eben erwähnt, bin ich Dir für Deine Fragen dankbar, denn Du hast mir wieder einige Anregungen gegeben, die ich ja in verschiedener Weise wiedergegeben habe.  Ein Teil Marken ist auch wieder angekommen. Wenn Du sie nicht einsortierst, weil Du keine Zeit dazu hast, dann ist das nicht weiter schlimm,.  denn dazu wird sich schon einmal Gelegenheit finden, wenn ich wieder einmal nach hause komme, wenn das auch noch in der grauen Zukunft liegt. Vielleicht schickst Du mir doch noch die beiden hohen Werte der jetzt laufenden Marken mit zu. Das Geld nimmst du aber von meinem Vorrat. Du schreibst, daß Du glaubst, daß mich der Briefmarkenhändler schon als festen Kunden ansieht, so muß ich Dich in dieser Richtungleider etwas verbessern. Du mußt schon sagen, die Briefmarkenhändler, denn wenn ich mich nur an einen halte, so haut der mich übers Ohr. Die eine Sache bekomme ich bei dem günstig und die anderen bei jenem. Das ist recht unterschiedlich. Ab besten ist es, wenn man dem einen sagt, daß der andere die Marke billiger hergibt. Das hilft meist etwas. Damit habe ich schon manches heruntergehandelt. Trotz allem verdient dieser Mann noch schön, aber wenn ich das nicht gemacht hätte, dann hätte ich diesen Betrag auch noch mit dazugezahlt. Das gehört hier mit zum guten Geschäftston.  Heute hatte ich wieder beobachtet, wie sich einige geschäftlich auseinandersetzten. Ich dachte, sie gehem im nächsten Augenblick aufeinander los. Doch als sie sich trennte, schieden sie im besten Einvernehmen lachend voneinander. Daß  ich das kleine Tauschheft schon erhalten habe, das schrieb ich Dir ja schon. Sage einmal, hast Du noch Zulassungsmarken für Päckchen daheim? Wenn ja, dann hebe doch bitte eine für meine Sammlung mit auf. Jetzt kommt nähmlich eine neue Sorte heraus und die gezähnten gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Ich lasse Dir dafür das nächste Mall eine mehr mit zugehen, dann ist ja alles wieder ausgeglichen. 
Daß von Siegfried kein Bescheid kommt, ist wohl langsam besorgniserregend. Ich hoffe aber doch fest, daß inzwischen Erna von ihm wieder Nachricht erhalten hat. Das ist nun nicht immer leicht in solchen ernsten Situationen, zum Schreiben zu kommen. Heute ist es wieder einmal etwas mehr als sonst geworden. Aber ich denke, daß Du daran keinen Anstoß nimmst. Bleibt mir alle recht, recht gesund und laß Euch vielmals küssen in treuen Gedanken, Dein Ernst. 
Einige Marken habe ich wieder mit beigefügt.

Brief 521 vom 15./16.02.1944


Liebester und bester Schatz!                                                                    15.2.44

Heute bekam ich Deinen lieben Brief vom 9./10.2.Ich danke Dir recht dafür. Dann trag noch ein Schreiben vom Pfarramt Bautzen mit den Urkunden ein, von denen ich Dir im gestrigen Brief schon schrieb. Es sind wieder schöne Unterlagen und ein Schritt im Dunkeln hat sich weiter aufgeklärt. Dadurch sind wir in der Linie Miersch 250 Jahre zurück. Wenn auch die Geburtsdaten nicht ganz feststehen, so sind doch die Namen bekannt, die zu jener Zeit geboren worden sind. Ich schreibe wieder die Nummern oben in die Ecke. Du kannst sie ja Deinem Vater auch in Deiner Abschrift wieder mitteilen, dann wird er sich in diesen Dingen dann besser auskennen. Denn wie ich aus seinem letzten Brief zu schließen glaube, wirft er alles durcheinander. Das liegt ihm weniger, sich in eine Sache hinein zu vertiefen. Das ist ja nicht weiter schlimm, wenn man ihm die Sucherei abnehmen kann. Ich hoffe, daß ich auch Dir damit eine Freude bereite. Die Eintragungen bei mir habe ich wieder provisorisch vorgenommen, damit ich jederzeit bei mir weiß, was noch zu machen ist und was erledigt ist. Ich werde ab er nochmals hinschreiben, ob ich von der Nebenlinie Schmied noch etwas erfahren kann. Aber erst mit Deiner Linie ist in diesen Ahnenreihen von diesen alltäglichen und gebräuchlichen Namen in die Linie hineingenommen. So erscheinen jetzt die Namen Meier und Schmied. Aber wie Du weiter aus diesen Auszügen siehst, war der eine wieder Oberältester der Fleischhauer. Das muß sicherlich auch ein angesehener Mann gewesen sein.
Heute erhielt ich auch Dein kleines Päckchen mit dem Einsteckheft für die Briefmarken. Es ist gut angekommen. Ich danke Dir dafür. Ich kann wahrscheinlich noch einige Marken davon verwenden. Es ist also nicht ganz um sonst gewesen, daß Du es mit zugesandt hast. Ich habe Dir ja in den letzten Tagen einige schöne Sachen zugesandt. Jetzt wird für mich die Sache schon schwieriger, meine griechischen Marken zu vervollständigen, denn jetzt fehlen meist nur noch dieselben Marken, aber hin und wieder findet sich die eine oder andere Marke dazu,. Was nun die eine Marke „10 Jahre WHW“ betrifft, so muß ich feststellen, daß ich mich verhau en habe, wenn ich NSV schrieb. Durch meine Unaufmerksamkeit bist Du nun wieder ziemlich rumgelaufen . Es ist aber nicht absichtlich geschehen. Entschuldige bitte darum._ Es ist nicht notwendig, daß Du mir die Durchschläge der Briefe Deines Vaters zusendest, denn ich erhalte sie ja schon immer von ihm mit zugeleitet. Ich bin also über alles im Bild, was zwischen uns allen geschrieben wird, und es hat alles seine Ordnung.
Heute habe ich das Brotpäckchen abgesandt, das ich vorgestern fertiggemacht hatte. Es trägt die Nummer 31. Ich bekomme in den nächsten Tagen wieder eine Kleinigkeit an Rosinen, die ich Dir wieder zugedacht habe. Solche Sachen finden sich immer wieder einmal ein, so daß man die Päckchensendungen nicht ganz und gar aufgeben braucht. Es ist nun schon wieder ein Jahr her, seit wir unseren Rückzug von Poltawa nach Kiew fortsetzten. An diesen Dingen merkt man doch immer besonders, wie die Zeit verrinnt. Damals konnte ich Dir noch eine Kiste fertig machen. Das wäre wieder einmal an der Zeit, daß man sowas bekommen könnte. Ich glaube, Du würdest auch nicht nein sagen. Doch es gibt nun einmal nichts anderes wie Rosinen und Korinthen.  Sie sind ja auch ganz gut, doch die Nährkraft wie in Butter oder Eiern steckt nicht darin. Ich habe in Erinnerung an diesen Jahrestag meinem Freund Finessen den Brief beantwortet. Es ist doch eigenartig, wie solche gemeinsamen Erlebnisse miteinander verbinden. Wie ich Dir schon einmal schrieb, er war mir einer der besten mit, die ich kennen gelernt habe.
Ich bin mächtig müde und muß mein heutiges Schreiben daher beenden. Bleibt mir alle gesund und grüße bitte Vater von mit recht herzlich. Sei Du selbst vielmals geküsst von Deinem Ernst.

Du meine liebste Annie!                                                                           16.2.44 
       
Ich will Dir heute noch meinen heutigen Gruß zugehen lassen, denn morgen reise ich ja, wie ich Dir schon mitteilte, für einige Tage nach Saloniki. Im Getriebe des täglichen Betriebs ist dies eine ganz nette Abwechslung. Die Erlebnisse sind ja bei mir täglich immer fast die gleichen. Früh steht man auf, macht sich fertig und dann geht es zur Dienststelle. Einmal fährt die Straßenbahn und ein andermal muß man laufen. Frühstück wird dann im Hause der Dienststelle eingenommen. Das ist insofern verbessert worden, als wir jetzt in recht angenehme Räume gekommen sind, die Unterbringung bis jetzt war zwar nicht schlecht, aber man hat schnell gegessen und dann ist man aber auch bald wieder abgerückt. Hier haben wir jetzt wirklich nette Räume, wo man gern sitzt. Seit längerer Zeit höre ich wieder einmal Radio. Wenn es auch nur während der Essenszeit ist, so macht das doch Laune. Gestern Mittag oder besser gesagt, kurz vor Mittag, erhielt ich Bescheid, daß der Chef unseres Stabes sich mit uns zusammensetzen will.  um mit uns zu Mittag zu essen. Ich war wie aus allen Wolken gefallen, daß ich ausgerechnet zu den wenigen Auserwählten gehörte, die an seinem Tisch mit Platz zu nehmen hatten. Ich war erst der Meinung, daß ich bei den Offizieren mitessen müßte und habe erst einmal Radau gemacht, weil man mich früher abgelehnt hatte. Es stellte sich dann aber heraus, daß es bei uns sein sollte, was mich dann etwas beruhigte. Ich haben diesen Gnadenbeweis dieses hohen Herrn nun auch gebührend anerkannt. Du kennst mich ja, wie ich sowas immer kritiklos hinnehme.
In den letzten Tagen habe ich immer einige Marken mit beigefügt, die ich mir wieder eingetauscht habe. Auch diesmal kann ich wieder einige Stücke beilegen. Ich kann wohl sagen, daß ich in den vergangenen Wochen meine Sammlung erheblich bereichern konnte. Auch was meine deutschen Marken anbelangt, so konnte ich verschiedene neue Erwerbungen machen, die mir selbst viel Spaß machen, weil verschiedene schöne Stücke dabei sind. Daß das Tauschheft angekommen ist, das habe ich Dir wohl schon mitgeteilt. Sollte das noch nicht geschehen sein, dann ist es ja hiermit nachgeholt. Doch danken muß ich Dir dann noch dafür. Einige Marken habe ich davon auch schon unterbringen könne. Aber auch die griechischen Marken fülle ich so nach und nach auf. Ich kann jetzt schon bald sagen, daß ich die deutschen Marken nicht so komplett beieinander habe wie die griechischen Marken, wenn ich noch Gelegenheit habe, in nächster Zeit einige Sachen zu bekommen.
Mit meiner Fahrt hat es eine kleine Panne gegeben, denn ich sollte mit einem Transportzug reisen, was ich aber abgelehnt habe, denn für diese kurze Strecke hätte ich dann zwei Tage benötigt. Nun mache ich es auf andere Weise und komme am übernächsten Tag doch mit dem Zug weg, den man mir für morgen versagt hat. Mit Schlichen kommt man schon dahin, wohin man will. Vorhin war ich im Kino, um mir den Film „Gabriele Dambronn“ anzusehen. Es ist nun schon 23 Uhr vorbei, doch diesen Brief wollte ich doch noch beenden. Ich bin ja öfter in der Zwischenzeit im Kino gewesen, doch was soll ich immer davon erzählen, denn vielfach trifft man leichte und seichte Filme an, über die man doch nichts erwähnen braucht. Wenn einer bemerkenswert ist und aus dem üblichen Rahmen herausfällt, dann kann man schon eher darüber sprechen. Dieser hat zwar einige Stellen, die mir etwas schwach erscheinen, doch im großen und ganzen gesehen ist er nicht schlecht und es lohnt sich schon, dass man ihn sich ansieht. Auffallend ist, daß ja die Wochenschau jetzt ziemlich vom eigentlichen Kampfgeschehen abrückt und vielfach Bilder von der Ausbildung oder von der Reserve bringt. Das ist auch gewissermaßen ein Spiegelbild der augenblicklichen Ereignisse. Aber ich habe das feste Vertrauen, daß es in diesem Jahr zu einer Entscheidung kommen wir. Wie sie zwar ausgeht, das kann man nicht vorhersagen, doch bin ich auch hier der Überzeugung, daß sich das Gewicht wieder mehr und mehr auf unsere Seite begeben wird. Die Anstrengungen dazu werden nicht klein sein und auch die Opfer, die zur Erkämpfung des Sieges notwendig sind, werden noch erheblich sein, doch am Ende wird wohl doch unser Sieg stehen. Auch die Zuversicht bei unseren Soldaten ist recht groß, denn jeder rechnet mit einem gewaltigen Gegenschlag. Wenn dieser sitzt, dann kann sich unser Schicksal entscheiden.
Post bekam ich heute von Dir keine. Doch es wird schon wieder einmal welche geben. Zeitungen gingen wieder ein. Ich muß schon sagen, daß es jetzt geradezu beängstigend ist. Aber ich werde schon wieder Ordnung in diesen Laden bringen.  Ich bin froh, daß ich jetzt die Zeitung bei Deinem Vater abbestellt habe, denn ich komme doch meist nicht dazu, sie zu lesen. Dann ist es doch hinausgeworfenes Geld.  Jetzt will ich aber für heute schließen. Mit recht herzlichen Grüßen und vielen lieben Küssen für Dich und die Kinder bin ich immer Dein Ernst.