Donnerstag, 10. Januar 2019

Brief 510 vom 10.1.1944


Du liebste Annie!                10.1.44 

Für das lange Warten bin ich heute recht belohnt worden. Ich bekam nun Deine Briefe vom 19./20., 21. 31.12 und 3.1. Das war eine Freude und zu lesen habe ich auch daran gehabt. Ich bin aber ganz bestimmt nicht böse darüber, denn ich habe ja schon lange genug danach lechzen müssen. Die Zunge ist mir schon zum Hals herausgehängt. Hast Du das nicht gesehen? Ich habe mir schon fast selbst leid getan.  Dann erhielt ich zwei Päckchen mit Briefmarken, den Brief von der Bausparkasse und die Adventskalender. Ich danke Dir für alles recht herzlich und vielmals. Mit den Briefmarken habe ich Dir viel Mühe bereitet, denn das Abschreiben war doch keine Kleinigkeit. Ich glaube aber, daß Du einen Teil übersehen hast, oder dieser Teil ist in den Briefen, die noch ausstehen. Da will ich erst nochmals den einen fehlenden Brief abwarten. Dafür mußt Du selbstverständlich auch einen Extrakuss bekommen. Den bitte ich auch mit auf das Konto zu setzen. Ich glaube gern, daß Du Verlangen danach hast.  Mir geht es aber genauso. Ich bin froh, daß ich mit den Briefmarken immer abends noch etwas Ablenkung habe. Für alles in allem sage ich Dir nochmals meinen herzlichen Dank.
Einen Teil der Briefmarken habe ich heute umgesetzt. Die anderen muß ich erst abweichen und vorbereiten, dann werde ich sie auch noch an den Mann bringen.  Ich habe bis jetzt ungefähr 250 verschiedene Marken von Griechenland. Das ist doch ganz schön. Daheim habe ich ja auch noch welche im Album, doch die werde ich alle noch einmal in dieser Sammlung mit vertreten haben. Das macht aber nichts.
Doch nun will ich erst einmal auf Deine Briefe eingehen, die ja zum großen Teil schon vor Weihnachten geschrieben sind. Aus allem klingt doch trotz der Schwere der Zeit immer noch etwas Weihnachtsstimmung heraus. Sei es nun, daß Du von dem Weihnachtsverkauf der HJ erzählst, oder wenn Du von den anderen kleinen Vorbereitungen auf das Fest berichtest. Das ist ja nun alles schon hinter uns. Du hast ja auch erfahren, wie es mir gegangen ist und antwortest ja schon in den anderen Briefen darauf. Das Zeugnis von Helga ist also schon vor Weihnachten noch herausgekommen. Die 4 wirkt etwas störend und vor allem auch noch deshalb, weil es in Deutsch ist. Es ist auch mir unerklärlich, daß sie ausgerechnet in diesem Fach schwächer sein soll als in allen übrigen Fächern. Das ist jedenfalls recht auffallend. Wenn dieser Herr meint, er könnte hier mit seinen Lehren herumexperimentieren, dann ist er, wie es scheint, nicht ganz im Bild. Man müßte diesen Bruder einmal in ein Rüstungswerk stecken, wenn er glaubt, er kann hier machen was er will. Wir leben nun einmal nicht mehr in einer Zeit, wo sich jeder nach demokratischen Grundsätzen benehmen kann wie es ihm paßt. Ich will bestimmt nicht den gekränkten Vater unseres Kindes spielen. Ich habe auch nicht die Absicht, aus unserem Mädel mehr zu machen als was in ihr steckt, doch ist es genau so unsinnig, das Gegenteil mit einem Kind anzustellen und etwa zu versuchen, ob man durch Anschnauzen und Anfahren ein Kind zum Lerneifer erziehen kann. Unsere Kinder gehören wahrscheinlich nicht zu der Kategorie Menschen, bei denen man damit etwas erreicht. Vielleicht ist es doch ratsam, wenn Du in der Schule Rücksprache nimmst. Du mußt Dich ja nicht mit diesem Hammel in Verbindung setzen. Das will ja nichts heißen, wenn dieser Schlawiner sagt, die Direktion hat nach den Feiertagen keine Zeit für solche Dinge. Entweder ist ein Kind zu schwach, daß es den Anforderungen dieser Schule nicht gewachsen ist; dann nimmt man es wieder heraus. Ist das nicht der Fall, dann muß man nicht solche Mätzchen treiben. Doch für alle diese Frage ist einmal die Direktion zuständig. Wie sind denn die Zeugnisse in Deutsch der anderen Mädchen? Sind die auch so kraß abstechend.? Du hast ja beabsichtigt, nach Schulanfang dort vorzusprechen. Vom Ergebnis Deines Vorstoßes wirst Du mich ja wieder unterrichten. Ich bin ja gespannt, was dabei herauskommt.
Das mitgesandte Bild von der Theatervorstellung ist ganz nett geworden. Unsere Helga sieht man ganz ordentlich darauf. Da war sie sicherlich stolz in ihrer Rolle.  Das muß ja auch ganz nett gewesen sein, was da vorgeführt wurde. Das andere Bild wird ja in den nächsten Tagen eintrudeln.
Du schreibst, daß Du von Erna keine Nachricht bekommst. Ich habe von Siegfried schon seit Monaten keinen Bescheid. Ich weiß nicht, ob er sich irgendwie auf den Schwanz getreten fühlt. Ich kann mir jedenfalls nicht erklären, aus welchem Grund er nichts mehr von sich hören läßt. Zu einem kurzen Gruß wird es wohl noch langen. Aber ich lasse eben auch solange nichts von mir hören, bis er mir wieder einmal antwortet. Wie sie es mit ihren privaten dingen halten wollen, das ist ja ihre persönliche Angelegenheit. Ich kenne jedenfalls Deinen Standpunkt, wenn jemals die Anfrage an uns gerichtet werden sollte, ob Erna bei uns unterkommen kann. In erster Linie käme ja auch nach meiner Ansicht ihre Mutter für eine Aufnahme in Betracht. Denn zwei Personen in unserer Wohnung brächte doch allerhand Einschränkung mit sich. Ich sage mir aber, liebe gebe ich meine Wohnung auf und lasse auch einige Klamotten kaputtgehen, als dass ich das Leben meiner Familie auf das Spiel setze. Doch die Verantwortung und das Wollen liegt ja in ihrer eigenen Hand.
Die  Spielzeugausstellung der HJ wäre so eine Angelegenheit für unsere Beiden, das kann ich mir vorstellen. Daß man sich aber schon früh um 6 Uhr hinstellt, nur um etwas davon zu bekommen, das kommt wohl für uns nicht in Frage. Ich weiß nicht, die Leute sind jetzt im Kaufen wie toll. Das wird ein schöner Rummel gewesen sein. Bei uns herrscht ja in diesen Dingen kein großer Mangel, so daß Du auf diesen Einkauf angewiesen wärst. Die Kinder waren ja in gewisser Hinsicht entschädigt, daß Du mit ihnen das Theater besucht hast. Sie werden sicherlich ihre Freude daran gehabt haben.
Eines ärgert mich, daß Du meinen Weihnachtsbrief nicht erhalten hast. Denn bis jetzt hast Du noch nichts davon erwähnt, so daß ich annehmen muß, daß er irgendwo hängen geblieben ist, oder daß er verloren ging. Das fände ich recht schade, denn ich hatte allerhand geschrieben und ausnahmsweise wieder einmal in Langschrift. Ändern kann man es auch nicht.  Ich lege Dir heute wieder einige Päckchenmarken bei, aber nicht mit der Absicht, daß Du mir nun eifrig Kuchen senden sollst. Ich habe wieder die Bitte an Dich zu richten, daß Du mir einige Kartons zugehen läßt, damit ich das Brot an Dich auf den Weg bringen kann, was ich hier habe und was ich im Laufe der kommenden Zeit noch abschicken will. Vielleicht packst Du wieder einmal einige zusammen. Ich habe hier Mangel daran und ich denke, daß nicht alle kaputt gegangen sein werden.
Eben haben wir wieder einmal eine Stunde Fliegeralarm gehabt. Es ist nur gut, daß man sich bis jetzt nicht weiter darum kümmern braucht. In der vergangenen Nacht haben sie auf einem in der Nähe gelegenen Flugplatz ziemlich abgeladen. Da lagen schon die ersten Reihen Bomben auf dem Flugplatz, da kam erst der Alarm. Es hat ziemlich gerummst. Bis jetzt findet man nichts dabei. Hoffentlich bleibt es so, denn das wäre ja wünschenswert.
Den angeregten Kauf eines weiteren Schwammes habe  ich heute getätigt. Ich hoffe, daß der groß genug und ordentlich in der Qualität ist. Bei der nächsten Gelegenheit schicke ich ihn mit ab.
Heute hatten  wir Exerzieren. Ich schrieb ja schon einmal davon. Es war ganz nett. Man braucht nicht böse zu sein, wenn man so einmal am Vormittag aus dem Bau und in die Luft kommt. Es ist ein drolliges Bild, wenn man die verschiedenen Bekleidungen der einzelnen Männer, die doch aus verschiedenen Dienststellen kommen, ansieht. Gut ist es ja, daß nicht nur die unteren Dienstgrade, sondern auch die Räte usw. mitmachen müssen. Manchem kommt es sauer an, aber das betrifft ja uns anderen in gleicher Weise.
Heute habe ich einmal das etwas nachgeholt, was ich in den beiden vergangenen Tagen gesammelt habe. Ich hoffe, daß Du mir nicht böse sein wirst, wenn ich einmal etwas ausgesetzt habe. Ich sende Dir und den Kindern viele liebe und recht herzliche Grüße. Dein Ernst.

Brief 509 v0m 7./9.1.1944


Mein liebstes Mädle!               7.1.44 
     
Von gestern muß ich Dir noch berichten, daß wir ja gestern unseren ersten Übungstag von unserer Alarmeinheit hatten. Wir hatten einmal Schießen und nächsten Montag , da haben wir eine Übung im Gelände. Das Schießen ging diesmal wieder. Ich merke, daß ich zu wenig Übung habe. Wenn ich die mehr hätte, wäre ich sicherlich auch kein schlechter Schütze. Aber daran mangelt es bei mir meist. Ich habe gestern bei 3 Schüssen wieder einmal ganz ordentlich geschossen. Erst 8, dann 9 und dann als letzten Schuss 11. Das hat mir in dieser Hinsicht wieder ein wenig Auftrieb gegeben und bei mir die Hoffnung auf eine Besserung nicht ganz verschüttet.
Post ist heute wieder nicht angekommen. Was ich sehr bedauere, denn es könnte sich nun langsam wieder einmal ein regelmäßiger Posteingang zeigen. Aber das sind alles schöne Wünsche, die nicht so gleich in Erfüllung gehen.
Das Schicksal geht manchmal eigene Wege und ich muß gleich dazu setzen, es gibt auch boshafte Menschen. Ich habe schon lange eine Leipziger Zeitung bei mir in der Schublade liegen. Ich kam bisher noch nicht dazu, sie zu lesen. Der Zufall  denn ich wollte sie erst zu Verpackungszwecken benutzen  spielt mir ein Artikel in die Hand, der mich so lebhaft an Dich erinnerte. Nun wäre es ja nicht schön von mir, wenn ich etwas über Dich lese und es Dir nicht selbst zur Kenntnis gebe. Ich füge Dir den Artikel bei. Man könnte fast glauben, er hätte meine Annie gekannt, dieser Zeitungsschreiber und wollte sie nur ärgern. Du mußt nun nicht denken, daß ich gleich zu so drastischen Mitteln greife, wie dieser Mann in der Geschichte. Im Gegenteil, dieser Schreiber hat anscheinend noch nicht erkannt, welche Abwechslung in einer solchen Veränderung der Wohnung liegt. Der Mann hat wahrscheinlich noch nicht gemerkt, was Wohnkultur ist.  Solange ich mich nicht in einem solchen Zustand nach hause bewege, wie in diesen Ausführungen die Rede ist, solange brauche ich ja auch keine Befürchtungen haben, daß mir etwas dabei zustößt. Immerhin, ich glaube, daß auch Du Deinen Spaß an meine Entdeckung haben wirst. Oder bist Du mir etwa böse?
Ich werde mich überhaupt, wie Du das in letzter Zeit schon gemerkt haben wirst, auf die Schreiberei anderer Leute verlassen und damit das ersetzen, was ich selbst nicht kann oder vermiesen lasse. Ich füge Dir noch einen anderen Ausschnitt aus der Zeitung bei, der mit „Geräusche am Morgen“ überschrieben ist. Fast so ähnlich erlebe auch ich jeden Morgen. Ich hätte vielleicht das eine oder andere etwas anders geschrieben, aber das ist ja nicht so wichtig. Der Artikel ist so einigermaßen getroffen, so daß ich ihn Dir zur Erweiterung Deiner Kenntnisse über die hiesigen Verhältnisse beifüge. Auch das Bild, das ich mit dazulege, hat mich an etwas erinnert. Das ist doch richtig beobachtet. So ungefähr muß das aussehen, wenn der Briefträger zu Dir die Päckchen bringt. Meinst du nicht auch? Unsere freundlichen Nachbarn waren doch schon die ganze Zeit so besorgt um uns, daß sie sich schon an die Polizei wenden mußten, weil wir unbedingt Wehrmachtsgut verschieben mußten. Denn wo soll denn das ganze Zeug herkommen. Aber dass wir in dieser Beziehung keine Einzelerscheinung darstellen, das kann man schon daran erkennen, daß sich die Zeichner in den Witzblättern mit diesen Figuren beschäftigen.
Ich wollte Dich wieder einmal bitten, nachzusehen, ob es vielleicht wieder Inspiroltabletten gibt. Meine gehen so mit der Zeit aus. Das ist keine eilige Angelegenheit, darum kannst Du Dir damit schon Zeit nehmen.
Gestern Abend habe ich dem Kino wieder einen Besuch abgestattet. Es wurde ein recht netter Film gespielt, der „Die Gefährtin eines Sommers“ hieß. Im Laufe der Woche hatte ich mir den Film „Großalarm“ angesehen, der nichts Besonderes war. Das ganze Thema war so an den Haaren herbeigezogen. Aber es gibt eben solche und solche Filme. Wenn man dann mit Kameraden spricht, dann merkt man, daß gerade ihr Geschmack auf diese Dinge abgestimmt ist. Die wollen gerade sowas sehen und legen weniger Wert auf Filme, in denen Lebensprobleme berührt werden. Doch das ist ja meist so, auch in Kreisen, die von sich behaupten, sie hätten mehr auf dem Kasten wie andere Leute. Mich selbst stört da ja nicht, denn ich habe in dieser Hinsicht doch meine eigene Meinung.
Hier ist es wieder kälter geworden, nachd em es einige Tage vorher geregnet hat. Die Berge haben wieder Schnee. Aber trotz allem laufen die Karrenfahrer, die „carrozies“, noch barfuss herum. Mich friert es wohl schon an den Händen, aber die sind es anscheinend nicht anders gewohnt, ganz abgesehen davon, daß sie keine Schuhe haben. Heute früh hat es in den Pfützen sogar ganz dünnes Eis gehabt. Das will doch für hier schon etwas heißen. Aber die Wärme wird sich ja bald wieder bemerkbar machen.
Ich grüße Dich und die Kinder recht herzlich. Vater ebenfalls. Lasst Euch recht fest küssen von Deinem Ernst. 

Mein liebster Schatz!               9.1.44. 
     
Ist das nicht empörend? Die ganze Tage schon keine Post. Gestern habe ich schon nicht geschrieben, weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte und heute wird es auch nicht viel sein. Ich kann doch schließlich nicht immer schreiben, ich war im Kino und habe das und das, was ja meist sehr nichtssagend ist, gemacht. Davon hast Du ja nichts. Wenn ich Dir des langen und breiten vorjammern soll, daß ich keine Post von Dir bekomme, so können wir beide doch nichts weiter daran ändern. Ich komme mir im Moment wie leer vor. Ich denke doch, daß ich bald einmal wieder etwas von Dir erhalte, damit ich einige Anregungen bekomme und damit ich weiß, auf was ich eingehen kann. Lasse mich daher mit einem kurzen Sonntagsgruß schließen.
Bleibt mir recht schön gesund und haltet den Daumen, daß unser Briefwechsel von der Postseite etwas mehr Antrieb erhält. Ich gebe Euch allen einen kräftigen Schmatz und grüße Euch dazu vielmals und herzlich Dein Ernst.

Brief 508 vom 5./6.1.1944


Liebste Annie!               5.1.44 
         
Auch heute kam wieder keine Post an. Mit diesem Klagelied fange ich meinen Brief an. Ich hoffe nun wieder zuversichtlich auf morgen, obwohl morgen kein offizieller Posttag ist. Aber das kostet ja nichts, wenn man weiter hofft. _ Ich war heute zu einem Kameraden eingeladen zum Abendbrot. Da habe ich auch wieder ganz ordentlich gegessen. Da gab es recht gute Wurst und Hackbraten kalt. Das war eine ganz ordentliche Sache. Ich kann überhaupt mit ruhigem Gewissen sagen, daß ich seit längerer Zeit nicht mehr hungrig gewesen bin. Ich habe ja auch immer noch das viele Gebäck von Dir da. Das glaubst Du nicht, was das ausmachte. Ich merke das bei mir ja am Brotverbrauch. Ich habe jetzt immer reichlich übrig. Doch sowas ist immer wieder eine willkommene Abwechslung, das kannst Du Dir ja vorstellen. Ja, mit dem Kameraden habe ich mich recht eingehend über Leipzig unterhalten, denn er was jetzt über die Feiertag daheim. Über die Schäden und das Aussehen der Stadt sowie über die Verhältnisse bin ich recht ausführlich unterrichtet worden. Über den Tag habe ich meine übliche Arbeit gehabt, bei der sich nichts Sonderliches ereignet hat, was ich verzeichnen könnte, somit wäre von diesem Tag eigentlich nichts weiter zu berichten.
Ich möchte damit meinen heutigen Gruß abschließen in der Hoffnung, daß ich morgen mehr Stoff zum Schreiben habe. Laßt Ihr Euch recht herzlich grüßen und vielmals küssen von Deinem Ernst.

 Mein liebster Schatz!                  6.1.44

Die Post hat also doch ein Einsehen gehabt und auch an mich einmal gedacht. Dein lieber Brief vom 25./26.12. von den Weihnachtstagen kam vorhin in meine Hände. Ich danke Dir vielmals dafür. Es war mir erstens nach so langer Wartezeit eine Freude, von Euch wieder einmal eine Nachricht zu erhalten. Außerdem konnte ich lesen, wie nett es doch bei Euch daheim zum Weihnachtsfest war. Die Kinder waren also hoch erfreut über die vielen Geschenke, die sie wieder, dank Deiner Bemühungen trotz der Kriegszeit, bekommen haben. Das freut mich ebenso. Ich habe nur mit Bedauern zur Kenntnis genommen, daß mein Brief vom 12.12. nicht rechtzeitig zum Weihnachtsfest angekommen ist. Ich gab ihn extra einem Kameraden mit, damit er beizeiten noch ankommt. Aber das hat anscheinend nichts genutzt. Ich hatte mir das so schön ausgedacht, doch leider ist es anders gekommen. Es tut mir nur leid, daß ich das nicht mehr ändern kann. Doch darüber habe ich ja schon einmal geschrieben.  Ich bin nur gespannt, wann dieser Brief nun eintrifft. Unser Helga-Mädel hat an diesem Bescherungsabend genau das ausgesprochen, was ich mir schon immer gedacht habe.  Bis ich einmal für immer nach hause kommen kann, da sind unser Kinder schon groß und aus der Schule. Man entbehrt sie doch, die Kinder. Was hat man von ihrer Jugend, was hat man überhaupt von ihnen. Wie könnte man in vieler Hinsicht unterstützend eingreifen. Aber es helfen alle Tränen nichts, auch nicht die der Kindern, wir können im Augenblick keine Änderung herbeiführen. Daß alle Beide so eine unbändige Freude gehabt haben, das ist doch sehr schön. Ich höre unsere Helga jubeln und rufen, wie sie sich über alles freut. Unser Bursche hat es jetzt auch sehr schön gehabt. Wenn er so viele Soldaten bekommen hat, dann kann er aber auch stolz und zufrieden sein. Das war ja ein schönes Geschenk für ihn. Auch die anderen Sachen von Deinem Vater sind ja sehr nützlich. Wie gut ist es, daß Du Dich nicht erst um die Besorgung solcher Dinge kümmern musstest. Vater hat sich ja auch wieder nobel gezeigt. Da hat er wieder einmal die Spenderhosen angehabt. Richte doch ihm bitte von mir aus, daß ich von seinem noblen Geschenk gehört habe. und daß ich mich sehr darüber gefreut habe. Ich danke uhm sehr für alles. Einen Kuss kann ich ihm wohl nicht geben, denn das schickt sich nicht in diesem Fall. Da wäre er sicherlich überrascht, als er von Dir einen bekam. Wenn Du aber damit sagen willst, Du bist es nicht mehr gewöhnt, einem Mann einen Kuss zu geben, weil Dir die Lippen von den Bartstacheln weh getan haben, so muß ich schon eine ernste Frage an Dich richten. Tun Dir von mir auch die Lippen weh oder bin ich so gut rasiert, daß Du es nicht merkst, oder willst Du etwa sagen, daß ich keiner wäre?! Oho, das wäre ja noch schöner. Bei passender Gelegenheit muß ich Dir einmal wieder alle Gangarten vorführen, wenn Du Dich nicht zu einer besseren Kritik herbeilässt. Sitten reißen daheim ein, das ist ja schon nicht mehr schön. Man merkt eben doch, wie gleich alles drunter und drüber geht, wenn man einmal den Rücken wendet.  Ich habe gesprochen, how. So steht es doch auch immer in den Karl-May-Büchern. Nur schade ist es, daß Du meine donnernde Stimme nicht dabei vernimmst. Da würdest Du erst zittern.
Eins hat mir aber Freude gemacht. Ich regte doch in meinem Brief an, den ich für Weihnachten geschrieben hatte, daß Ihr einmal in den Wald gehen sollt. Obwohl mein Brief nicht angekommen war, so seid Ihr doch im Wald gewesen, genau wie ich es Euch mitgeteilt hatte. Daß Ihr Euch so schön dabei unterhalten habt, das ist ja wirklich fein. Unserem Helga-Mädel wird es auch Spaß gemacht haben, daß sie sich einmal hat austollen können. Es ist doch so schön, wenn man noch Kind sein kann. Unser Herr Sohn hat sich ja auch entsprechend in seiner Freiheit aufgeführt. Alles in allem besehen, habt Ihr Euch ein paar schöne Feiertage bereitet und das ist recht so.
Fritz Bautz war nun über die Feiertage wieder daheim. Das erinnert wieder so an das vergangene Jahr, als er auch daheim war. Er sprach damals noch mit Kurt, wie ich mich noch aus Deinen Mitteilungen von damals erinnere. Er wird nun auch schlimmsten Anstrengungen der ersten Zeit beim Militär hinter sich haben. Die erste Zeit wird man so oder so sehr geschlaucht. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich an all die Strapazen, ganz gleich, ob sie körperlicher oder seelischer Natur sind. Es ist nett, daß er Dich auch einmal mit besucht hat. Ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört. Er ist ja wieder mit Schreiben dran. Doch ich kann ja nicht immer den Anstoß zum Schreiben geben. Wenn ich einmal dazukomme, werde ich ihm wieder schreiben, doch vorerst muß ich das noch eine Weile zurückschieben.
Den Eingang des Päckchens Nr. 15 habe ich mir vermerkt. Es sind ja alles nur Kleinigkeiten, aber sie sollen Euch ja nicht ernähren, sondern Euren Zuteilungen zur Unterstützung dienen. Darum freut mich jedes mal eine solche Mitteilung, wenn ich weiß, die Sachen sind bei Dir angelangt. Der  Moselkirsch ist aber doch gut. Den hatte ich voriges Jahr noch in Charkow bei meiner Einheit bekommen. Er läßt sich ganz gut trinken. Ich muß immer lachen, wenn Du schreibst, daß es Dir ein bisschen komisch dabei wird. Ja, solche erfahrenen Männer und Trinker wie ich , die finden dabei nichts. Die nehmen sowas auf den leeren Magen vor dem Frühstück. Jetzt wirst Du noch dafür ausgelacht, weil Du Dich so aufgeopfert hast. So geht es nun einmal im Lebwen. Lasse Dich aber nicht verdrießen.
Ich verabschiede mich von Euch allen, meine Lieben, mit recht herzlichten Grüßen und vielen lieben Küssen und bin in treuen Gedanken immer Dein Ernst. 

Brief 507 vom 3./4.1.1944


Mein liebes, gutes Mädel!             3.1.44      
      
Du hast mich mit Hilfe der Post heute aber mächtig überrascht.  Ich wollte mir vor einigen Tagen schon eine Glosse erlauben, es ist gut, daß ich es nicht getan habe. Auf einem Päckchen stand die Nummer 5. Ich dachte, Du hättest Dich damals entschuldigt, weil die Nummern nicht stimmen würden. Als Du mir in Deinem Brief mitteiltest, daß etwas nicht ganz richtig sei. Ich dachte, Du hättest Dich um eine Nummer verhauen. Doch ich befand mich in einem vollkommenen Irrtum. Ich hatte mich über das Gebäck gefreut, was ich von Dir erhalten hatte, doch jetzt bin ich leicht erschüttert über den großen Reichtum. Also heute früh kam ein weiteres Päckchen von Dir an, das seit dem 22.11. unterwegs war. Aber die Überraschung sollte noch gesteigert werden, als mit der Nachmittagpost mir ein 6. Päckchen zugestellt wurde.  Das hatte ich nun aber nicht erwartet. Das ist ja bald des Guten zuviel. Ich komme mir unendlich reich vor. Ich muß sagen, daß ich in letzter Zeit immer vollständig satt geworden bin, denn über die Feiertage und an den Sonntagen habe ich mich richtig genährt, auch unsere Verpflegung ist in den vergangenen Tagen recht ausreichend .  Trotz dr langen Transportdauer ist alles noch schön frisch gewesen. Das feinere Gebäck ist fast kaum zerbrochen. Für alles danke ich Dir recht herzlich. Mehr kann ich leider jetzt nicht tun. Aber ganz leicht darf ich doch drohend den Finger erheben. Erst das nicht ein bisschen über Deine Verhältnisse gegangen, wenn Du gleich 5 Päckchen mit Gebackenem für mich von Euren schmalen Rationen abzwickst? Weil alles für Weihnachten bestimmt war, will ich gerne ein Auge zudrücken, aber sonst bitte ich Dich, etwas kurz zu treten, denn ich versorge mich schon. Wenn es mir wirklich einmal dreckig geht, dann lasse ich es Dich schon wissen. Doch vorläufig ist alles in Ordnung.
In letzter Zeit bekommen wir hier reichlich Apfelsinen zu geteilt, so daß ich schon immer Lust hatte, Euch welche zuzuschicken. Ich habe von Dir aber bis jetzt noch keine Mitteilung erhalten, wie die anderen angekommen sind. Ich mußte hier feststellen, daß sie die lange Reise nicht aushalten. Vor einigen Tagen waren mir schon einige angefault, die nicht lange bei mir gelegen sind. Ich muß daher annehmen, daß die Apfelsinen, die ich Dir gesandt habe, auch schlecht angekommen sind. Wahrscheinlich halten die Mandarinen den Transport besser aus. Aber ich muß schon solange warten, bis ich Nachricht von Dir bekomme. Ich kann gleich bemerken , daß ich Briefpost auch heute nicht erhalten habe. Es ist seit einiger Zeit immer das gleiche Bild. Recht schleppend kommt die Post herein und das ändert sich wohl auch in nächster Zeit nicht weiter.
Ich sende Dir heute einen Brief mit, den ich Dir vor einigen Tagen schrieb. Ich füge Dir außerdem noch einen Durchschlag von einem Brief bei, den ich an Nannie geschrieben hatte. Beides sandte ich noch nicht ab, weil ich erst alles nochmals durcharbeiten und überdenken wollte. Ich habe mir nun alles nochmals überlegt und sende Dir alles erst einmal zur Beurteilung zu. Es ist besser, wenn ich erst einmal mit Dir darüber spreche, denn ich will Dich nicht vor eine vollendete Tatsache stellen. Ich denke, daß Du meine Absicht herausmerken wirst, die ich mit meinem Schreiben bezwecken wollte, so daß ich nicht erst noch weiter erläutern brauche. Wenn Du mit meinem Brief nicht einverstanden sein solltest, dann gib mir Deine Ansicht bekannt, andernfalls müßte ich den Brief auch noch einmal etwas überarbeiten. Denn es sind manche Schönheitsfehler drin, die mir nicht gefallen. Aber das hat ja mit der grundsätzlichen Frage nichts zu tun. Ich mache in dieser Sache, bis ich Deine Antwort habe, nichts.
Vor einigen Tagen befand sich in unserer Zeitung ein Artikel über unsere Stadt. Ich habe ihn Dir aufgehoben, denn er wird Dich sicherlich interessieren. Das Bild vom Omoniaplatz ist direkt aus der Straße heraus gemacht worden, in der mein Hotel sich befindet. Auch die anderen Bilder zeigen die Gegend, in der ich fast jeden Tag durchkomme. Hebe den Artikel bitte mit auf, denn er ist nach meiner Meinung ganz ordentlich geschrieben. Ein weiterer Artikel über den Tempel der Nike ist auch mit angeschlossen. Ich sandte Dir ja einmal ein Foto von meinem Kameraden und mir vor diesem Tempel. Ich denke, daß Du reichlich genug damit zu lesen hast. Das eine Gedicht ist recht treffend. Von den Hähnen habe ich Dir ja auch schon geschrieben, daß die hier die ganze Nacht durch krähen. Es ist daher ganz richtig, daß sie im Topf ganz gut aufgehoben wären.
Doch nun Schluss für heute. Bleibt mir alle gesund und laß Euch recht herzlich grüßen.  Ich drücke Euch allen einen lieben Kuss auf und bin in Gedanken immer bei Euch. Dein Ernst.
Den Brief von Nannie schicke mir doch bei Deiner Antwort wieder mit zurück. Wie auch evtl. den Durchschlag.

Mein herzliebster Schatz !                4.1.44  
 
Leider habe ich auch heute keine Post von Dir bekommen. Aber es hilft ja nichts, wenn ich mich darum gräme, denn warten muß ich doch, bis die Briefe ankommen. Also warte ich weiter und weiter.
Seit Tagen habe ich nun schon nichts zu beantworten. Ich muß dann schon einmal von mir selbst erzählen. Das sogar noch dienstlich. Anderes erlebe ich kaum, darum kann ich mich auch schon dienstlich mit Dir einmal mit Dir unterhalten. Es muß Dir nicht gleich Angst werden, denn so schlimm ist es nun wieder nicht. Ich schrieb Dir doch, daß unser Oberinspektor vor Weihnachten in Urlaub ging. Wir Beide arbeiten doch zusammen. Ich war ihm gewissermaßen als Unterstützung beigegeben. Stellvertreter gab es für ihn keinen, so mußte ich also ran. Ich habe nun alle Sachen, die sich ergaben so schlecht und recht ausgeführt, wie es mir meine Kenntnisse der Dinge im allgemeinen und im besonderen erlaubten. Der Oberrat, der uns vorgesetzt ist, hat ja im allgemeinen recht  wenig Ahnung vom Bau. Ich schrieb Dir doch wohl schon einmal, daß es mich wundert, wie es diese Leute fertig bringen, sich auf solch einer Stelle nicht nur hier, sondern auch im zivilen Leben zu halten. Anscheinend muß es aber in diesen hohen Stellen noch mehr von dieser Sorte geben, weil diese Leute nicht auffallen. Dieser Oberst hatte erst große Bedenken, daß der Oberinspektor in Urlaub geht, weil er doch erst noch neu hier sei und sich in diesen Dingen nicht auskennt. Der Kollege wollte sich seinen Urlaub nun nicht verderben lassen und sagte, ich würde das schon machen. Ich hatte das Gefühl, daß der Oberrat nicht so ganz damit einverstanden war. Nun sind die Ferientage für den Kamera den vorbei. Ich konnte bald wieder meine alte Tätigkeit in früherer Weise aufnehmen. Wir haben zu uns jetzt aber noch einen Beamten bekommen, damit dieser Oberrat nicht gar zu sehr belastet wird. Diesmal und auch schon einmal vorher hat nun mein Vorgesetzter geäußert, daß er mit der Erledigung meiner Aufgaben sehr zufrieden sei und er wäre froh darum, daß das bisher immer so gut geklappt hat. Es ist hier an eine Teilung der Arbeitsgebiete gedacht worden. In diesem Zusammenhang bin ich auch schon gefragt worden, ob ich besondere Wünsche hätte. Ich sagte damals, daß mir das gleichgültig sei, was ich für eine Arbeit zugewiesen bekomme, weil ich mir keine Gedanken zu machen brauche, denn ich könnte sowohl diese wie auch jede Tätigkeit ausüben.  Nach dem Gesicht zu urteilen, meinte dieser Herr, daß ich den Mund wohl etwas zu voll genommen hätte. Ich habe mich deshalb gefreut, daß ich Gelegenheit hatte, ihm das zeigen zu können, was ich kann. Mir liegt ja nicht daran, hier reiche Lorbeeren zu ernten, sondern ich bin ja unter diesen Umständen schon zufrieden, wenn ich meine festumrissene Tätigkeit habe. Doch ein gewisses Gefühl von Genugtuung durchströmt mich, wenn ich ohne große Worte jemand von etwas überzeugen konnte, was  andere zumeist mit dem Mund besorgen. Die Materie ist an sich nicht leicht, die wir bearbeiten, vor allem muß man sehr gewissenhaft dabei sein, aber wenn man erst einmal den Überblick hat, dann ist es nicht so schlimm. Wie ich nun sehe, ist alles auf eine Art Selbstbeweihräucherung hinausgekommen, das wollte ich ja nun auch wieder nicht machen. Ich denke aber, daß Du schon mitkommen wirst, was ich Dir habe erzählen wollen.
Ein kleiner Artikel aus unserer Zeitung liegt auch wieder mit bei. Er behandelt die Gedanken eines Urlaubers, der die Dinge daheim und hier schildert. Diese Gedicht fand ich ganz gelungen, weil an so vieles gedacht ist, was man zwar hier nicht mehr als Mangel empfindet. Das Wasser wird uns am Tag abgesperrt. Es läuft nur früh von 6  10 Uhr. In meinem Hotel ist das ja nicht der Fall, aber in der Stadt sonst allgemein. Ich glaube, daß es Dir ebenfalls, wenn Du auch die hiesigen Verhältnisse nicht kennst, gefallen wird.
Einige Päckchen habe ich wieder fertiggemacht und heute an Dich abgeschickt. Ich hoffe, sie kommen richtig wieder bei Dir an. Meine besten Wünsche begleiten sie jedenfalls wieder. Ich habe mit dem Beginn eines neuen Jahres wieder von vorn angefangen.
Die Nummern lauten 1, 4. Korinthen, die wir zum Weihnachtsfest erhielten, habe ich gesandt. Ein Päckchen Rosinen, die ich mit einmal aufbewahrt hatte, weil ich sie essen wollte, habe ich auch verpackt. Zur Zeit habe ich so viele Sachen, daß sie mir hier nur schlecht werden. Wenn ich welche haben will, dann kann ich mir ja wieder einmal eine Packung kaufen. Dann habe ich das Backpulver und die Gelatine verpackt. Einige Zigarren für Vater und ein paar Haselnüsse für die Kinder habe ich dazugelegt. Ich denke, daß alles eine bereitwillige Aufnahme finden wird.
Ich hoffe nun, morgen wieder einmal einige Zeilen von Dir zu erhalten. Doch wollen wir erst einmal abwarten. Mit vielen lieben Grüßen an Dich und die Kinder und einige herzlichen Küssen bin ich hier wie immer Dein Ernst.

Brief 506 vom 1./2.01.1944


Mein liebster Schatz !             1.1.44 

Nun haben wir es, das neue Jahr. Was uns das alte brachte, das wissen wir jetzt restlos, was uns das neue bringt, das liegt noch im Dunkel. Wir wollen glauben und hoffen, daß es uns Kraft gibt, allen Fairnissen zu begegnen, sie sich uns entgegenstellen. Daß es uns Segen zu unseren Bemühungen gibt, den Sieg zu erringen. Den Glaube an das gute Recht unseres Strebens dürfen wir nicht verlieren.  Doch solange wir nicht die Hand in den Schoß legen und darauf warten und darauf warten, was uns das Schicksal wohl zugedacht haben wird, dann werden wir es schon meistern.
Mein Silvesterabend ist etwas anders ausgefallen, wie ich es mir erst vorgenommen hatte, aber immerhin ich bin nicht unzufrieden, wie er verlief. Wir hatten erst die gemeinsame Feier, die um 11 Uhr abgebrochen wurde, weil allgemein Zapfenstreich auf diese Zeit festgesetzt war. Ich wollte auch erst nach hause gehen, aber ein Kamerad fragte mich, ob ich noch einen anderen Kameraden mit besuchen würde. Weil es mir zu zeitig war, ins Bett zu gehen, habe ich zugesagt. Bis wir an Ort und Stelle waren, hatte sich noch ein Oberstleutnant zu uns gesellt, der auch hier im Stab tätig ist. Er lud uns dann auf sein Zimmer ein. Dort haben wir dann Mitternacht abgewartet. Wir hatten einiges zu trinken da. Auf das neue Jahr haben wir sogar mit Sekt angestoßen. Aber nicht Trinken allen, sondern auch einige Kleinigkeiten zu essen hat es gegeben. In Bezug auf Bewirtung waren wir bestimmt nicht zu kurz gekommen. Allgemein unterhielten wir uns über die Heimat im allgemeinen und im besonderen über die Familie. Es war auch in dieser Beziehung ein ganz harmonisch verlaufener Abend. Bis ich dann nach   hause kam, war es mittlerweile 5 Uhr geworden. Ich muß sagen, daß ich mich trotz dieser kurzen Nacht noch ganz frisch und munter fühle. Am Nachmittag habe ich nun etwas geschlafen. Daraufhin bin ich wieder voll einsatzfähig geworden. Zum Jahresanfang spielt hier das Rundfunkorchester öffentlich. Es gab ein nettes, flottes Programm, das mich voll und ganz befriedigt hat. Mit Tempo und Schwung ist es ins Neue Jahr gegangen. Vom Nachmittag müsste ich noch erwähnen, daß ich im Offiziersheim Kaffee und Kuchen gehabt habe. Ich muß doch meine Vorräte etwas sparen, damit ich recht lange davon habe. Ich komme mir langsam vor wie ein Flegel, der nicht weiß, was sich gehört. Ich bin noch nicht einmal weiter auf die Weihnachtsgeschenke eingegangen. Als das Kleingebäck ist wirklich sehr gut, das kann ich Dir nur vollauf versichern. Die Stolle habe ich nun angeschnitten. Ich muß Dir sagen, das ist ein Gedicht. Die hast Du bestimmt recht fein gemacht. Ich hatte hier doch auch welche bekommen. Die habe ich zuerst gegessen. Die war auch nicht schlecht gemacht, aber da alles mit Öl gemacht worden war, hatte sie einen kleinen Nachgeschmack, doch das ist im allgemeinen für einen Landsermagen bedeutungslos. Dagegen ist es eine Oase der Gaumenreizung, wenn man so etwas von daheim erhält. Es tut mir immer leid, wenn ich davon abschneide, denn schon der Gedanke daran allein ist ein Genuss. Du wirst mich wohl für ein bisschen blöd halten, wenn ich sowas Abwegiges schreibe, aber glaube mir, es ist bestimmt nicht so abwegig, wenn ich mir vorstellen kann, wie gut das schmecken wird. Ist sie alle und man sieht nichts mehr davon, dann hat man auch keinen Grund sich das erst vorzustellen. Für den Beutel für das Schuhputzzeug danke ich Dir, für die Tasche für das Nähzeug ebenfalls. Ist das eine nicht aus dem einen Umhang gemacht, den ich den Kindern einmal aus Frankreich mitgebracht hatte? In den Büchern habe ich schon etwas herumgelesen, sie sind ganz nett, wenigstens das, was ich bis jetzt gelesen habe. Für alles meinen recht herzlichen Dank nochmals, Du hast mir bestimmt eine große Freude damit bereitet.
Ab Montag ist bei uns hier Waffendienst für uns in Aussicht gestellt worden. Für die Beamten ist dies speziell vorgesehen, die zu den hier aufgestellten Alarmeinheiten hinzugezogen werden. Ein Schade ist das gewiss nicht, denn man weiß ja nie, was einem einmal begegnen kann. Ich bin gespannt, wie das alles aufgezogen werden wird. Die verschiedenen Leute müssen ja dabei auch mitmachen.
Weil ich gestern Abend nicht dazugekommen bin, habe ich mir heute die Kerzen auf meinem Kranz angezündet und mich noch etwas dazu hingesetzt. Das Licht und die roten Kerzen sowie das herbe Grün wirken doch recht stimmungsmäßig. Den Kranz lasse ich nun noch bis 6. Januar stehen, wie ich auch den Kalendern unsere Junge solange hängen lasse. Dann ist ja die Weihnachtszeit endgültig vorbei. Den Kalender sehe ich mir jeden Morgen und Abend wieder an, um mich an den Zeichnungen unseres Jörg zu erfreuen.  Mit vielen Grüßen und recht herzlichen Küssen mache ich für heute Schluss. Im Gedanken an Euch, meine Lieben, bin ich Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel!                2.1.44  
 
Pünktlich zum neuen Jahr trafen Deine Glückwünsche zum Neuen Jahr ein. Deine Briefe vom 24. und 27. 12. erhielt ich gestern, doch i vergaß es, sie Dir noch mit zu bestätigen. Ich danke Dir vielmals dafür. Es hat mir recht leid getan, daß ich lese, daß Du keine Post die ganzen Tage über bekommen hast. Anscheinend ist mein Weihnachtsbrief auch nicht rechtzeitig eingegangen. Ich habe ihn noch einem Urlauber mitgegeben, weil ich hoffte, ihn noch rechtzeitig zu Dir hinzubekommen. Doch diese Kombination hat nicht geklappt, wie ich feststellen muß. Aber die Bummelei von der Post ist im Moment allgemein so. Ich bedauere nur, daß ich es nicht mehr ändern kann. .
Für die Kinder hast Du noch einige Kleinigkeiten kaufen können, das ist ja nett.  Ich denke, daß sie dann mit allem schon zufrieden sein konnten. Schön fand ich es von Dir, daß Du mit ihnen im Theater gewesen bist. So hat doch Helga die Dinge auch von der anderen Seite wieder einmal erleben können. Das mag schon sein, daß Dir das KdF besser gefallen hat. Auf die Bilder bin ich ja gespannt. Ich will doch auch einmal unsere große Schauspielerin kennen lernen. Das finde ich lustig. Vor einiger Zeit schrieb ich Dir von Kastanien und Du musstest mir mitteilen, das es keine gibt. Nun haben die Kinder welche zugeteilt bekommen. Hoffentlich haben sie auch geschmeckt.
Ich kann mir denken, daß es dem Bademeister auffällt, wenn ihm die regelmäßigen Badegäste ausbleiben. Aber das war schon ein bißchen Vorweihnachten, daß Ihr wieder einmal über den Bach gesprungen seid.
Für die Neujahrswünsche danke ich Dir nochmals. Das, was ich Euch zu sagen hatte, das habe ich Euch ja in meinen verschiedenen Briefen mitgeteilt.
Wie freut es mich, daß Ihr wieder einmal in unserem Wald gewesen sei. Damit habt Ihr meiner Anregung, die ich in meinem Weihnachtsbrief gab, Rechnung getragen. Ich weiß nun nicht, ist das auf meinen Brief hin geschehen oder seid Ihr so gegangen. Das wäre ja sonderbar, wenn Ihr so gegangen wärt und damit schon im Voraus meinem Wunsch nachgekommen seid. Das kann ich mir vorstellen, was wir für ein wildes Pferd haben. Das ist ja auch zu schön, wenn so ein Füllen auf der Weide herumspringen kann ohne sich um den Zwang der Stadt kümmern zu brauchen. Unser Bengel ist einmal so ein Kerl, der zu allerhand Unfug aufgelegt ist, wenn es sich gerade so schön ergibt. Das sind ja alles so harmlose Vergnügen, die man ihnen schon gönnen kann und soll. Daß auch Di ihnen immer viel Verständnis dafür entgegenbringst, das ist ja keine Frage.  Wie Du mir wieder mitteilst, tauscht Ihr Euch immer unsere Sachen etwas aus. Du bist sicherlich froh über das Mehl gewesen. Vater wird sich dagegen über die Apfelringe gefreut haben. Ich glaube, daß Du in diesem Jahr einen ganz schönen Vorrat gehabt hast, der Dir sicherlich eine ordentliche Hilfe war. Ich denke, daß er von Fricks ab und zu eine Kleinigkeit erhält, denn von den wenigen Zuteilungen kann er Dir ja nichts abgeben. Wegen der 1,60 RM kannst Du schon einmal bei der Stadt anfragen, für was die abgezweigt werden. Es gehört sich zumindest, daß einem mitgeteilt wird, aus welchem Anlass diese Abzüge gemacht worden sind. Wenn man dann 1,60 RM auf den Zettel ohne jede Erklärung schreibt, dann ist das schon allerhand. Es ist kein großer Betrag, aber immerhin, eines Tages gehen die her und ziehen 10,-RM ohne eine Erklärung ab. Die Weihnachtszuwendung für die Kinder ist auch wieder eingegangen. Sie wurde ja bisher an alle die ausgezahlt, die ein Einkommen unter 250,RM haben. Das trifft ja bei mir zu. 
Nach diesem Feiertag war nun heute schon wieder Sonntag. Ich war erst ganz durcheinander gekommen.  Ich hatte nicht gemerkt, daß schon wieder Sonntag war. Ich war heute mit zwei Kameraden in dem schönen Heim in Piräus. Dort haben wir einen netten Nachmittag verbracht. Es gab wirklich schönen Streuselkuchen. Der Kaffee war nicht schlecht. Auf den Tischen standen Kerzen und in jedem Zimmer brannte ein Weihnachtsbaum. Es war wirklich recht heimelig. Über die zwei Tage bin ich mit Kuchen wieder einmal auf meine Rechnung gekommen, das kann ich wohl sagen. Jetzt kann die Woche wieder beginnen, denn jetzt geht nach diesen Feiertagen der gewohnte Alltag los.
Heute sind von Dir einige Zeitungen gekommen. Weitere Post habe ich auch nicht erhalten. Einige Briefe von Dir stehen noch aus. Ich denke, daß sie so nach und nach eintreffen werden.  Über die Feiertage ist manches liegengeblieben. Jetzt wird es auch langsam wieder zivilisiert.  Dir und den Kindern sowie Vater sende ich recht viele herzliche Grüße.  Viele Küsse für ich noch hinzu. In innigem Gedanken bin ich Dein Ernst.

Dienstag, 18. Dezember 2018

Brief 505 vom 30./31.12.1943


Herzliebster Schatz!                                                                            30.12.43  
      
Mit meinem heutigen Schreiben an Nannie wirst Du wohl nicht ganz einverstanden sein, aber es hat einmal sein müssen. Eine Stelle in ihrem Brief gab den Anlass dazu, und ich dachte, daß ich diese Gelegenheit beim Schopfe packe, um einmal Klarheit zu schaffen. Ich weiß nicht, wie sie darauf reagiert und was sie sich dabei denkt. Das betrachte ich aber alles für nebensächlich, denn mich interessiert nun einmal, ob sie sich positiv oder ablehnend dazu einstellt. Ich muß Dir ehrlich sagen, daß mich das schon die vergangenen Jahre immer gestört hat, daß ich in diesem Fall nicht mußte, woran ich bin. Siehst Du, bei Paula, da wissen wir, wie wir uns zu verhalten haben, denn man muß auch einmal den Mut haben, eine Sache radikal anzupacken, um Gewissheit zu bekommen. In einer Form wird sie sich äußern müssen. Wenn sie Dir schreibt, dann kannst du es auch wieder tun, denn von den Kindern gibt es immer wieder etwas zu erzählen und auf andere persönliche dinge brauchst Du ja nicht weiter eingehen. Schreibt sie Dir nicht, dann ist dies der letzte Versuch von mir gewesen, zu einem Einvernehmen in dieser Beziehung zu kommen. Ich hoffe nicht, daß Du Dich gekränkt fühlst, wie ich das nun erledigt habe. Je nachdem wie sie sich verhält, kannst Du ihr dann die in Aussicht gekommenen Korinthen schicken und auch ein Bild könntest Du ihr dann ebenfalls senden. Doch wir wollen hier erst abwarten, wie ich es oben schon angedeutet habe.
Ich habe die Angelegenheit, die mir etwas schwer auf der Seele lag, gleich vorweg genommen. Nun ist es mir wieder leichter und ich kann auf die anderen Dinge zu sprechen kommen, die noch zu erledigen sind.  Die Bilder, die mit unser Jörg gemalt hat, hat es also ganz aus dem Gedächtnis gemacht. Ich muß schon sagen, daß sie nicht schlecht sind. Auch die kleine Zeichnung unserer Helga über die BdM-Mädchen ist ganz ordentlich. Man sieht doch sofort, was sie sagen will. Auch ihr muß ich meine Anerkennung aussprechen. Das freut mich, wenn sie sich immer wieder einmal so etwas vornimmt. Deine Stellungnahme wegen des einen Lehrers ist in Ordnung. Warte also erst einmal ab, wie es mit den Zeugnissen steht und vielleicht kann man noch etwas warten, es ist ja möglich, daß auch dort eine Änderung eintritt. Wie ich aus Deiner Mitteilung über das Gespräch mit dem anderen Mädchen merke, ist das ja allgemein bekannt, daß das solch ein Raudi ist. Die Schule wird ihn jetzt brauchen, weil keine Mensch daheim ist, darum wird er sich auch so stark fühlen. Na, das beruhigt mich, daß Du nun die Bezeichnung „großmächtiger Schwindler“ mit allen Zeichen des Bedauerns zurückgenommen hast. Schon die vergangene Zeit habe ich keine ruhige Minute gehabt, weil ich mir immer vorstellen mußte, wie Du mich einschätzt. Jetzt ist ja alles geklärt und ich kann getrost und ungehindert meinem Tagewerk nachgehen. Aber nicht nochmals etwas sagen Du!
Die Sache mit dem Katalog lasse jetzt nur einmal auf sich beruhen. Lasse ihn ganz, ich werde mich so behelfen. Bei Gelegenheit könntest Du mir einmal aufschreiben, was für Marken ich von den deutschen Kolonien habe. Achte dabei auf die Werte. Denn es gibt Pfennig und Cents.
Es war sicherlich so ein Geschäft für unsere beiden Lauser, beim Backen und beim Ausstechen zu helfen. Da gibt es ja immer wieder einmal etwas Teig zum Probieren; und beim Backen muß doch auch einmal probiert werden, wie alles geworden ist. Jetzt haben sie ja wieder Ferien, das wird ihnen sicherlich gefallen.  Nun, wo Du einen Weihnachtsbaum erhalten hattest, war es doch sicherlich immerhin etwas festlich. Ohne Baum ist es doch trostlos und Weihnachten ist auch nicht richtig. Das hast Du richtig gemacht, daß Du auch für Euch Stollen gebacken hast. Ich weiß ja, daß das Problem immer darin liegt, wo Du das Mehl und den Zucker hernehmen sollst. Doch Kleingebäck habt Ihr ja auch gehabt, so daß Ihr über die Feiertage wohl auch auf Eure Rechnung gekommen seid.
Nett ist es von Frau Dietz, wie sie immer an unseren Jungen denkt. Er könne sich selbst aber auch einmal bei ihr bedanken. Sie würde sich sicher darüber freuen.
Mir fiel vor einigen Tagen ein, daß doch jetzt die kalte Jahreszeit bei uns in Deutschland ist. Ich denke, daß auch die Eisbahnen in Konstanz  wieder aufgemacht worden sind. Wie wäre es, wenn sie unsere Beiden einmal daran machen würden, das Schlittschuhlaufen zu erlernen. Von Kurt sind meines Wissens Schlittschuhe, wenn ich mir nicht irre, sogar zwei Paar da,. Was meinst Du dazu. Die besseren müssen sie aber in Ehren halten. Die anderen müßte man evtl. etwas abschleifen mit Sandpapier, wenn sie etwas verrostet sind. Dann haben wir doch noch eine Flasche mit Öl da, an die wir nicht herangegangen sind. Wenn Du damit die Dinger einmal einölen willst, dann wäre sie auch wieder in Ordnung. Doch darüber kannst Du mir ja einmal Deine Meinung schreiben.
Ich schließe mit den besten Grüßen und mit vielen lieben Küssen. Dein Ernst.

Du mein liebster, bester Schatz!                                                                  31.12.43 
      
Der Dienst ist beendet. die Arbeit für diese Jahr damit auch. Ich sitze nun im alten Jahresabend hier und will Deiner, der Kinder und Vater gedenken.  Was werdet Ihr wohl heute Abend tun? Wahrscheinlich zündet Ihr, wie das immer so üblich war, die Kerzen am Baum an und feiert nochmals still für Euch den Jahresschluss. Vater wird später zu Dir hinaufkommen. Das Radio wird spielen und noch etwas festliche Stimmung verbreiten. Die Rede von Goebbels werdet Ihr auch mit anhören.  Dich ich bin davon überzeugt, daß Eure Gedanken oft bei mir weilen werden. Ihr werdet von mir sprechen und ich werde an Euch denken. die Gedanken gehen somit hin und her, so daß sie sich im weiten Raum treffen. Das Gedenken geht aber auch gerade in diesen Stunden zurück in das abgelaufene Jahr. Nochmals durchlebt man die verschiedenen Dinge, die es uns gebracht hatte an Leid aber auch an Freude. Doch alles das habe ich ja schon einmal behandelt in  meinem Neujahrsbrief. Ich könnte mich höchstens wiederholen, und das ist ja schließlich nicht notwendig. Eines wollen wir aber noch tun, wir wollen dankbar sein für all das, was uns an Schönem gegeben wurde und das Leid, was es uns gebracht hat, wollen wir stolz im Gedanken an ihn tragen, der sich geopfert hat. Ob Ihr nun lange zusammensitzen werdet? Ich weiß es nicht. Doch es ist ja möglich, Die Kinder wirst Du aber, wie wir das auch früher gemacht haben, um Mitternacht wecken und ihnen ein gesundes neues Jahr wünschen. Du siehst, immer und immer kreisen meine Gedanken um Euch und um unser Heim. Immer fällt mir das eine oder andere ein, was sich als Brauch bei uns im Laufe der Jahre her ausgebildet hat.
Hier war wieder, wie alles recht „großzügig“. Ich schreibe ja im allgemeinen nicht darüber. Aber es ist Jahresschluss und da kann man damit viel leicht auch eine solche Sache begraben in der Annahme, daß es im kommenden Jahr besser wird. Im Kasino unserer Offiziere  ist heute Abend wieder ein Abendessen. Für uns hat es anscheinend nicht mehr gereicht, wir bekommen unsere kalte kost in die Hand gedrückt und können uns auf unsere Bude verziehen. Ich habe keinen Groll deshalb, denn dies wird wohl nie anders sein und werden, daß man einen Unterschied macht. Aber immerhin hatte ich erwartet, daß man eine Kleinigkeit macht. Aber solche Gedanken darf man sich beim Barras nicht erlauben, denn das geht meistens schief. Ich gehe aber in das allgemeine Offizierskasino und will dort versuchen, noch etwas zu bekommen. Ich bin im allgemeinen nicht so veranlagt, aber man muß die Ellenbogen benutzen und nur an sich denken, sonst kommt man hier unter die Räder. Wenn ich Dir das schreibe, mußt Du Dir um mich keine Gedanken machen, denn ich helfe mir immer schon so gut es geht. Meist finde ich einen Ausweg und das ist ja wichtig.  Um 8 Uhr findet dann eine gemeinsame Feier statt und um 11 Uhr ist schon allgemeiner Zapfenstreich. Man will damit verhüten, daß irgendwelche Besäufnisse oder sonstige Ausschreitungen stattfinden. Das wird somit ein ganz nüchternes Silvester. Es kann ja nichts schaden. Ich werde mich dann auf meine Bude setzen, mir die Kerzen auf meinem Adventskranz anzünden und mit meinen Gedanken in der Heimat weilen. Die Mitternacht werde ich noch abwarten und dann gehe ich auch schlafen. Morgen will ich am Nachmittag mit dem einen Kollegen in des Offiziersheim, von dem ich Dir früher schon einmal schrieb, das uns so ordentlich bewirtet hat. Wenn es dann noch langt, willen wir das, was wir am heutigen Abend zum Feiern versäumt haben, etwas nachholen, aber es wird schon nicht zu toll werden. Damit sind dann die Feiertage wieder alle abgeschlossen und wir können mit neuer Kraft und mit neuen Hoffnungen in das Jahr gehen, das nun vor uns liegt. Ich wiederhole am alten Jahresabend nochmals meinen Wunsch, den ich im Neujahrsbrief ausgesprochen habe, hoffen wir, daß wir diese Jahr und das Ende des Krieges alle gesund erleben werden. Alles andere wird sich finden und wir werden da, was an uns herankommt, meistern, wie wir das bisher auch getan haben. Nicht wahr, mein Schatz? Wenn uns wieder einige schöne Urlaubstage beschieden werden, dann wollen wir uns wieder unbeschwert dieser Stunden, die uns da gegeben werden freuen. Das sind so meine Gedanken, die mich heute bewegen und ich denke und fühle, daß Du das in gleicher Weise empfinden wirst. Darum Glück auf zum Neuen Jahr mit vielen guten Wünschen für uns alle Dein Ernst.

Brief 504 vom 28./29.12.1943


Mein liebster Schatz!                                                                          28.12.43  
      
Nachdem ich so lange auf Post gewartet habe, bin ich heute wirklich reich entschädigt worden. Von Dir bekam ich den fehlenden Brief vom 9./10.12. und den langen Brief vom 16.12.. Dann trafen Briefe ein von Nannie, von meinem Kameraden Finessen und der Brief von Aretz, den Du mir nachgesandt hast kam ebenfalls an. Vom Evangelisch – Lutherischen Pfarramt zu St. Petri in Bautzen erhielt ich eine Mitteilung, daß die Kosten für die von mir angeforderten Urkunden 9,30 RM betragen und daß ich diese auf das Postscheckkonto Dresden Nummer 22469 einzahlen soll. Mache das doch bitte von dort aus, ich werde entsprechende Nachricht nach Bautzen geben. Wenn die Sachen dann bei mir eingegangen und verarbeitet sind, dann lasse ich sie Dir wieder zugehen. Über alle Post habe ich mich sehr gefreut, auch darüber, daß Du mir Mitteilung gabst, daß ein Bild vom Grab unseres lieben Kurt kam. Mit dem anderen Brief erhielt ich nun schon den Abzug, was mir insofern eine stille Freude war, weil man nun weiß, wie sein Grab aussieht und daß es einigermaßen in Ordnung gehalten war. Daß ein Schreibfehler auf der Tafel vorliegt, hast Du ja schon an den Gräberoffizier mitgeteilt.  Falls er uns eine Berichtigungsfoto einmal zusenden kann, dann wäre das noch besser. aber das wollen wir nur als ein Schönheitsfehler betrachten. Wichtig ist, daß man weiß, wie es sonst aussieht.  Doch nun zu Deinen Briefen selbst. Gefreut hat mich dann Deine Mitteilung, daß Du das getrocknete Brot zu einem vollständigen Essen verwenden kannst.  Das ist selbstverständlich besser wie wenn Du nur Suppe davon bereiten könntest. Ich kann mir vorstellen, daß das ganz ordentlich schmeckt. Ich habe in nächster Zeit wieder einen Karton voll zusammen. Wenn es soweit ist, geht das Brot wieder an Dich ab. Wie Du schreibst, hast Du ja immerhin noch einen kleinen Vorrat. Das eine Päckchen Nummer 9, das Du fälschlich als 8 bezeichnest, enthielt ja auch Brot. Anscheinend ist es geklaut oder verloren gegangen. Wenn es einer geklaut hat, dann wird er wohl keine besondere Freude daran gehabt haben. Es ist kein großer Wert verloren gegangen, aber Euch hätte es doch wieder einmal ein Essen gegeben. Da kann man eben nichts machen.
Über die Urkunden aus Kamnitz hast Du Dich also gefreut. Es ist doch schön, wenn man einmal ziemlich die Sachen zusammenbekommt. Bedenken hast Dun nun also, daß der Branntweinbrenner Samuel geheißen hat. Ein Junge hieß auch David. Ich bin der Meinung, daß es früher recht oft üblich war, biblische Namen zu geben ohne dass das in rassischer Hinsicht etwas zu sagen hat. Der Name allen macht es ja auch nicht. Wir werden ja sehen, was wir für weitere Nachricht bekommen. Immerhin sind wir schon wieder ein Stück weitergekommen, wie ich ja eingangs dieses Briefes schon erwähnte.
Wenn ich nach Deiner Ansicht sooooooooo frech geworden bin und aus den engen mir gesteckten Grenzen gegangen bin, dann bitte ich Dich gütigst zu verzeihen.  Ich bin bestrebt, es nicht so bald wieder zu tun. Wenn Dur mir aber einmal schreibst, ich sei ein elendiger Lausebengel, so stehe ich ganz unerschüttert da, denn über solche profane Ausdrücke bin ich erhaben. Riechst Du nicht die Vornehmheit, mit der ich das wieder gesagt habe. Ich ziehe ein bisschen dabei die Nase hoch und stehe mit verschränkten Armen vor Dir. Jetzt kannst Du Dir das doch ungefähr ausmalen. Nein, meine Liebe. Mir geht es wie unserem Herren Sohn, das macht mir nichts aus, im Gegenteil, das ehrt mich in gewisser Beziehung, denn ich merke doch, daß mein Schreiben richtig verstanden worden ist. Das ist mir die Hauptsache.
Ich kann mir denken, daß Du allerhand Zeit so am Tage verläufst und auch mit den Anstehen und Warten zubringst, wenn man dann noch ab und zu Erfolg hat, wie beispielsweise mit dem Kännchen, dann geht es noch an, aber wenn man dann immer und immer wieder vergebens wegen einer Butterdose anfragt, dann vergeht einem die Lust. Aber ich kann Dir sagen, wenn man etwas bringt oder wenn man sonst Beziehungen hat, dann erhält man sicherlich das, was man haben will auch ohne lange dafür anstehen zu müssen. Denn man hat es ja wieder gesehen, wie es Dir bei Jegglin und Kaltenbach gegangen ist. Denkst Du etwa, die haben nicht gewusst, daß keine Kannen mehr da sind. Nein, man hält die Waren nur künstlich zurück und man verursacht den Kunden nur noch mehr Lauferei. Das ist sehr bedauerlich, aber es ist nun einmal so geworden.  Falsche Bescheidenheit ist heute bestimmt nicht mehr am Platz. Hier muß man zusehen, wie man zu etwas kommt, denn sonst sieht man immer in die Röhre.
Wenn ich auch weiß, daß sie nicht mehr an den Nikolaus glauben, so will ich den Brauch bei uns doch nicht brechen, daß er in jedem Jahr so oder so an sie gedacht hat.
Für heute herzliche Grüße und viele Küsse. Morgen schreibe ich ja gleich weiter. Dein Ernst.

Meine liebe gute Annie!                                                                          29.12.43 

Wie Du mir in Deinem Brief noch mitteilst, hast Du für Euch einige Zwiebeln bekommen. Ich sehe aber weiter, daß Du anscheinend selbst nicht genügend hast. Ich sandte doch vor einigen Tagen welche an Deine Adresse ab, die Du an Vater weitergeben sollst. Wenn Du selbst nicht soviel hast, wie Du brauchst, dann mußt Du ja nicht alle Vater geben, sonder behalte doch Du auch welche. Ich werde schon wieder einmal welche hinschicken, wenn ich genügend beieinander habe.
Dann lese ich, daß Helga mit den vielen Aufgaben Schwierigkeiten hat. Ha, Du mußt sie schon selbst einmal fragen, ob es ihr zuviel ist auf die Dauer. Vor den Weihnachttagen hat es sich ja sehr angehäuft. Aber wir wollen doch erst einmal abwarten, was mit den Zeugnissen wird. Wenn Du aber aus irgendwelchen Gründen Bedenken hast, dann teile mir das nur ungehindert mit, denn es hat andererseits keinen Wert, wenn wir das Kind über die Kräfte beanspruchen und sie liegt uns dann zeitlebens kränklich da. Doch man darf auch nicht zu ängstlich sein. Aber du wirst das schon richtig machen, das weiß ich ja. Wenn Du es für ratsam hältst, dann muß sie eben einmal mit dem turnen aussetzen. Sie ist nun für ihr Alter schon ein langer Ständer. Ich weiß ja selbst, wie ich verwundert war, als ich sie nach meinem Urlaub wiedersah. Aber solange sie noch dabei gesund ist, wird es schon gehen. Mit dem Turnen wollen wir dann auch erst einmal zuwarten, bis es dann Deiner Meinung nach nicht mehr geht.
Ich muß sagen, daß Du es doch fein hast.  Du träumst immer wieder einmal von dem, was Dir angenehm ist. Ich kann mich fast nie darauf besinnen, daß ich träume. Das ist so selten, daß das schon nicht zählt.  Wenn ich dann schon einmal träume, dann ist es meist ein Quatsch, daß ich da nicht erst lange darüber nachdenken brauche. Aber alles kann man eben auch nicht haben, _ Vor 14 Tagen hat es bei Euch nun schon geschneit. In der Zwischenzeit wird das wohl noch einige Male der Fall gewesen sein. Hier ist es so, daß auf den Bergen, die um die Stadt herum sind, ziemlich weit herunter Schnee liegt. Es ist heute auch kühler, so daß ich mir den Mantel hervorgeholt habe, denn es ist ja nicht notwendig, daß ich es kalt habe.
Nun muß ich auch wieder einmal aufgrund Deiner Mitteilung auf die Bausparkasse zurückkommen. Ich will Dir sagen, mir selbst liegt an dem Vertrag nicht soviel, daß ich nun unbedingt Wert darauf lege, ihn auf meinen Namen überschrieben zu erhalten. Mir geht es auch nur in erster Linie darum, daß wir dieser Kasse nicht unnütz das Geld verdienen lassen, sondern wir wollen ja schließlich unseren Nutzen haben. Das bezieht sich in diesem Falle auf Vater und auf uns. Ich würde von mir aus sagen, er soll von sich aus über den ganzen Vertrag verfügen und handeln, wie es ihm recht ist. Aber ich fühle mich immerhin verpflichtet, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ich aus diesen oder jenen Gründen Bedenken habe. Wir wollen nun erst einmal die Antwort der Kasse abwarten. Immerhin bin ich auch mir im Klaren, daß wir dabei nichts herausbekommen, wenn ich in meinem Brief darauf abgehoben habe, daß für Kurt nun der Fall eingetreten sei, daß die Versicherung in Kraft treten müßte. Aber man muß sich manchmal ein bisschen dümmer stellen wie man ist, damit man das herausbekommt, was man gern hören will. Aber ich bin auch der Ansicht, daß wir uns wegen einer solchen Sache mit Vater nicht überwerfen wollen und auch nicht brauchen. _ Ich komme heute nochmals auf die Päckchen zu sprechen. Du schriebst mir, daß 9 und 14 eingetroffen sind, dagegen würde Nummer 8 fehlen. Nach meinen Aufzeichnungen habe ich es am 2.11. abgesandt. Es enthielt doch die Zitronen, Schokolade, Rosinen und Brot, das hast Du mir aber doch bestätigt. Erinnere Dich doch bitte noch einmal. Es handelt sich nur darum, daß ich in meiner Buchführung Ordnung habe und daß man nicht umsonst einen Groll auf ein mehr verloren gegangenes Päckchen hat. Wenn meine Aufzeichnungen richtig sind, dann würde bis jetzt aus der neuen Reihe noch kein Päckchen fehlen. Die anderen beiden Nummern25 und 42 können wir in den Kamin schreiben. Ich dachte, wegen den Korinthen, daß Du an Deinen Vater, an Erna und an Nannie je ein kleines Päckchen schickst. Ich habe ja jetzt hier wieder welche, die ich dann in den nächsten Tagen mit fertig machen werde und an Dich auf den Weg bringe.
Heute ist nun noch keine Post eingetroffen.  Aber ich bin ja schon so zufrieden mit dem, was ich gestern erhielt. Ich sende Dir heute gleich noch die Karte wegen des Betrags für Bautzen mit, dann hast Du alles beieinander. Vergiss nicht, diesen Betrag in dieser Aufstellung mit einzutragen.
Lasse mich bitte wieder mit recht herzliche Grüßen und recht vielen Küssen für Dich und die Kinder schließen. Ich bin immer Dein Ernst.