Donnerstag, 10. Januar 2019

Brief 506 vom 1./2.01.1944


Mein liebster Schatz !             1.1.44 

Nun haben wir es, das neue Jahr. Was uns das alte brachte, das wissen wir jetzt restlos, was uns das neue bringt, das liegt noch im Dunkel. Wir wollen glauben und hoffen, daß es uns Kraft gibt, allen Fairnissen zu begegnen, sie sich uns entgegenstellen. Daß es uns Segen zu unseren Bemühungen gibt, den Sieg zu erringen. Den Glaube an das gute Recht unseres Strebens dürfen wir nicht verlieren.  Doch solange wir nicht die Hand in den Schoß legen und darauf warten und darauf warten, was uns das Schicksal wohl zugedacht haben wird, dann werden wir es schon meistern.
Mein Silvesterabend ist etwas anders ausgefallen, wie ich es mir erst vorgenommen hatte, aber immerhin ich bin nicht unzufrieden, wie er verlief. Wir hatten erst die gemeinsame Feier, die um 11 Uhr abgebrochen wurde, weil allgemein Zapfenstreich auf diese Zeit festgesetzt war. Ich wollte auch erst nach hause gehen, aber ein Kamerad fragte mich, ob ich noch einen anderen Kameraden mit besuchen würde. Weil es mir zu zeitig war, ins Bett zu gehen, habe ich zugesagt. Bis wir an Ort und Stelle waren, hatte sich noch ein Oberstleutnant zu uns gesellt, der auch hier im Stab tätig ist. Er lud uns dann auf sein Zimmer ein. Dort haben wir dann Mitternacht abgewartet. Wir hatten einiges zu trinken da. Auf das neue Jahr haben wir sogar mit Sekt angestoßen. Aber nicht Trinken allen, sondern auch einige Kleinigkeiten zu essen hat es gegeben. In Bezug auf Bewirtung waren wir bestimmt nicht zu kurz gekommen. Allgemein unterhielten wir uns über die Heimat im allgemeinen und im besonderen über die Familie. Es war auch in dieser Beziehung ein ganz harmonisch verlaufener Abend. Bis ich dann nach   hause kam, war es mittlerweile 5 Uhr geworden. Ich muß sagen, daß ich mich trotz dieser kurzen Nacht noch ganz frisch und munter fühle. Am Nachmittag habe ich nun etwas geschlafen. Daraufhin bin ich wieder voll einsatzfähig geworden. Zum Jahresanfang spielt hier das Rundfunkorchester öffentlich. Es gab ein nettes, flottes Programm, das mich voll und ganz befriedigt hat. Mit Tempo und Schwung ist es ins Neue Jahr gegangen. Vom Nachmittag müsste ich noch erwähnen, daß ich im Offiziersheim Kaffee und Kuchen gehabt habe. Ich muß doch meine Vorräte etwas sparen, damit ich recht lange davon habe. Ich komme mir langsam vor wie ein Flegel, der nicht weiß, was sich gehört. Ich bin noch nicht einmal weiter auf die Weihnachtsgeschenke eingegangen. Als das Kleingebäck ist wirklich sehr gut, das kann ich Dir nur vollauf versichern. Die Stolle habe ich nun angeschnitten. Ich muß Dir sagen, das ist ein Gedicht. Die hast Du bestimmt recht fein gemacht. Ich hatte hier doch auch welche bekommen. Die habe ich zuerst gegessen. Die war auch nicht schlecht gemacht, aber da alles mit Öl gemacht worden war, hatte sie einen kleinen Nachgeschmack, doch das ist im allgemeinen für einen Landsermagen bedeutungslos. Dagegen ist es eine Oase der Gaumenreizung, wenn man so etwas von daheim erhält. Es tut mir immer leid, wenn ich davon abschneide, denn schon der Gedanke daran allein ist ein Genuss. Du wirst mich wohl für ein bisschen blöd halten, wenn ich sowas Abwegiges schreibe, aber glaube mir, es ist bestimmt nicht so abwegig, wenn ich mir vorstellen kann, wie gut das schmecken wird. Ist sie alle und man sieht nichts mehr davon, dann hat man auch keinen Grund sich das erst vorzustellen. Für den Beutel für das Schuhputzzeug danke ich Dir, für die Tasche für das Nähzeug ebenfalls. Ist das eine nicht aus dem einen Umhang gemacht, den ich den Kindern einmal aus Frankreich mitgebracht hatte? In den Büchern habe ich schon etwas herumgelesen, sie sind ganz nett, wenigstens das, was ich bis jetzt gelesen habe. Für alles meinen recht herzlichen Dank nochmals, Du hast mir bestimmt eine große Freude damit bereitet.
Ab Montag ist bei uns hier Waffendienst für uns in Aussicht gestellt worden. Für die Beamten ist dies speziell vorgesehen, die zu den hier aufgestellten Alarmeinheiten hinzugezogen werden. Ein Schade ist das gewiss nicht, denn man weiß ja nie, was einem einmal begegnen kann. Ich bin gespannt, wie das alles aufgezogen werden wird. Die verschiedenen Leute müssen ja dabei auch mitmachen.
Weil ich gestern Abend nicht dazugekommen bin, habe ich mir heute die Kerzen auf meinem Kranz angezündet und mich noch etwas dazu hingesetzt. Das Licht und die roten Kerzen sowie das herbe Grün wirken doch recht stimmungsmäßig. Den Kranz lasse ich nun noch bis 6. Januar stehen, wie ich auch den Kalendern unsere Junge solange hängen lasse. Dann ist ja die Weihnachtszeit endgültig vorbei. Den Kalender sehe ich mir jeden Morgen und Abend wieder an, um mich an den Zeichnungen unseres Jörg zu erfreuen.  Mit vielen Grüßen und recht herzlichen Küssen mache ich für heute Schluss. Im Gedanken an Euch, meine Lieben, bin ich Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel!                2.1.44  
 
Pünktlich zum neuen Jahr trafen Deine Glückwünsche zum Neuen Jahr ein. Deine Briefe vom 24. und 27. 12. erhielt ich gestern, doch i vergaß es, sie Dir noch mit zu bestätigen. Ich danke Dir vielmals dafür. Es hat mir recht leid getan, daß ich lese, daß Du keine Post die ganzen Tage über bekommen hast. Anscheinend ist mein Weihnachtsbrief auch nicht rechtzeitig eingegangen. Ich habe ihn noch einem Urlauber mitgegeben, weil ich hoffte, ihn noch rechtzeitig zu Dir hinzubekommen. Doch diese Kombination hat nicht geklappt, wie ich feststellen muß. Aber die Bummelei von der Post ist im Moment allgemein so. Ich bedauere nur, daß ich es nicht mehr ändern kann. .
Für die Kinder hast Du noch einige Kleinigkeiten kaufen können, das ist ja nett.  Ich denke, daß sie dann mit allem schon zufrieden sein konnten. Schön fand ich es von Dir, daß Du mit ihnen im Theater gewesen bist. So hat doch Helga die Dinge auch von der anderen Seite wieder einmal erleben können. Das mag schon sein, daß Dir das KdF besser gefallen hat. Auf die Bilder bin ich ja gespannt. Ich will doch auch einmal unsere große Schauspielerin kennen lernen. Das finde ich lustig. Vor einiger Zeit schrieb ich Dir von Kastanien und Du musstest mir mitteilen, das es keine gibt. Nun haben die Kinder welche zugeteilt bekommen. Hoffentlich haben sie auch geschmeckt.
Ich kann mir denken, daß es dem Bademeister auffällt, wenn ihm die regelmäßigen Badegäste ausbleiben. Aber das war schon ein bißchen Vorweihnachten, daß Ihr wieder einmal über den Bach gesprungen seid.
Für die Neujahrswünsche danke ich Dir nochmals. Das, was ich Euch zu sagen hatte, das habe ich Euch ja in meinen verschiedenen Briefen mitgeteilt.
Wie freut es mich, daß Ihr wieder einmal in unserem Wald gewesen sei. Damit habt Ihr meiner Anregung, die ich in meinem Weihnachtsbrief gab, Rechnung getragen. Ich weiß nun nicht, ist das auf meinen Brief hin geschehen oder seid Ihr so gegangen. Das wäre ja sonderbar, wenn Ihr so gegangen wärt und damit schon im Voraus meinem Wunsch nachgekommen seid. Das kann ich mir vorstellen, was wir für ein wildes Pferd haben. Das ist ja auch zu schön, wenn so ein Füllen auf der Weide herumspringen kann ohne sich um den Zwang der Stadt kümmern zu brauchen. Unser Bengel ist einmal so ein Kerl, der zu allerhand Unfug aufgelegt ist, wenn es sich gerade so schön ergibt. Das sind ja alles so harmlose Vergnügen, die man ihnen schon gönnen kann und soll. Daß auch Di ihnen immer viel Verständnis dafür entgegenbringst, das ist ja keine Frage.  Wie Du mir wieder mitteilst, tauscht Ihr Euch immer unsere Sachen etwas aus. Du bist sicherlich froh über das Mehl gewesen. Vater wird sich dagegen über die Apfelringe gefreut haben. Ich glaube, daß Du in diesem Jahr einen ganz schönen Vorrat gehabt hast, der Dir sicherlich eine ordentliche Hilfe war. Ich denke, daß er von Fricks ab und zu eine Kleinigkeit erhält, denn von den wenigen Zuteilungen kann er Dir ja nichts abgeben. Wegen der 1,60 RM kannst Du schon einmal bei der Stadt anfragen, für was die abgezweigt werden. Es gehört sich zumindest, daß einem mitgeteilt wird, aus welchem Anlass diese Abzüge gemacht worden sind. Wenn man dann 1,60 RM auf den Zettel ohne jede Erklärung schreibt, dann ist das schon allerhand. Es ist kein großer Betrag, aber immerhin, eines Tages gehen die her und ziehen 10,-RM ohne eine Erklärung ab. Die Weihnachtszuwendung für die Kinder ist auch wieder eingegangen. Sie wurde ja bisher an alle die ausgezahlt, die ein Einkommen unter 250,RM haben. Das trifft ja bei mir zu. 
Nach diesem Feiertag war nun heute schon wieder Sonntag. Ich war erst ganz durcheinander gekommen.  Ich hatte nicht gemerkt, daß schon wieder Sonntag war. Ich war heute mit zwei Kameraden in dem schönen Heim in Piräus. Dort haben wir einen netten Nachmittag verbracht. Es gab wirklich schönen Streuselkuchen. Der Kaffee war nicht schlecht. Auf den Tischen standen Kerzen und in jedem Zimmer brannte ein Weihnachtsbaum. Es war wirklich recht heimelig. Über die zwei Tage bin ich mit Kuchen wieder einmal auf meine Rechnung gekommen, das kann ich wohl sagen. Jetzt kann die Woche wieder beginnen, denn jetzt geht nach diesen Feiertagen der gewohnte Alltag los.
Heute sind von Dir einige Zeitungen gekommen. Weitere Post habe ich auch nicht erhalten. Einige Briefe von Dir stehen noch aus. Ich denke, daß sie so nach und nach eintreffen werden.  Über die Feiertage ist manches liegengeblieben. Jetzt wird es auch langsam wieder zivilisiert.  Dir und den Kindern sowie Vater sende ich recht viele herzliche Grüße.  Viele Küsse für ich noch hinzu. In innigem Gedanken bin ich Dein Ernst.

Dienstag, 18. Dezember 2018

Brief 505 vom 30./31.12.1943


Herzliebster Schatz!                                                                            30.12.43  
      
Mit meinem heutigen Schreiben an Nannie wirst Du wohl nicht ganz einverstanden sein, aber es hat einmal sein müssen. Eine Stelle in ihrem Brief gab den Anlass dazu, und ich dachte, daß ich diese Gelegenheit beim Schopfe packe, um einmal Klarheit zu schaffen. Ich weiß nicht, wie sie darauf reagiert und was sie sich dabei denkt. Das betrachte ich aber alles für nebensächlich, denn mich interessiert nun einmal, ob sie sich positiv oder ablehnend dazu einstellt. Ich muß Dir ehrlich sagen, daß mich das schon die vergangenen Jahre immer gestört hat, daß ich in diesem Fall nicht mußte, woran ich bin. Siehst Du, bei Paula, da wissen wir, wie wir uns zu verhalten haben, denn man muß auch einmal den Mut haben, eine Sache radikal anzupacken, um Gewissheit zu bekommen. In einer Form wird sie sich äußern müssen. Wenn sie Dir schreibt, dann kannst du es auch wieder tun, denn von den Kindern gibt es immer wieder etwas zu erzählen und auf andere persönliche dinge brauchst Du ja nicht weiter eingehen. Schreibt sie Dir nicht, dann ist dies der letzte Versuch von mir gewesen, zu einem Einvernehmen in dieser Beziehung zu kommen. Ich hoffe nicht, daß Du Dich gekränkt fühlst, wie ich das nun erledigt habe. Je nachdem wie sie sich verhält, kannst Du ihr dann die in Aussicht gekommenen Korinthen schicken und auch ein Bild könntest Du ihr dann ebenfalls senden. Doch wir wollen hier erst abwarten, wie ich es oben schon angedeutet habe.
Ich habe die Angelegenheit, die mir etwas schwer auf der Seele lag, gleich vorweg genommen. Nun ist es mir wieder leichter und ich kann auf die anderen Dinge zu sprechen kommen, die noch zu erledigen sind.  Die Bilder, die mit unser Jörg gemalt hat, hat es also ganz aus dem Gedächtnis gemacht. Ich muß schon sagen, daß sie nicht schlecht sind. Auch die kleine Zeichnung unserer Helga über die BdM-Mädchen ist ganz ordentlich. Man sieht doch sofort, was sie sagen will. Auch ihr muß ich meine Anerkennung aussprechen. Das freut mich, wenn sie sich immer wieder einmal so etwas vornimmt. Deine Stellungnahme wegen des einen Lehrers ist in Ordnung. Warte also erst einmal ab, wie es mit den Zeugnissen steht und vielleicht kann man noch etwas warten, es ist ja möglich, daß auch dort eine Änderung eintritt. Wie ich aus Deiner Mitteilung über das Gespräch mit dem anderen Mädchen merke, ist das ja allgemein bekannt, daß das solch ein Raudi ist. Die Schule wird ihn jetzt brauchen, weil keine Mensch daheim ist, darum wird er sich auch so stark fühlen. Na, das beruhigt mich, daß Du nun die Bezeichnung „großmächtiger Schwindler“ mit allen Zeichen des Bedauerns zurückgenommen hast. Schon die vergangene Zeit habe ich keine ruhige Minute gehabt, weil ich mir immer vorstellen mußte, wie Du mich einschätzt. Jetzt ist ja alles geklärt und ich kann getrost und ungehindert meinem Tagewerk nachgehen. Aber nicht nochmals etwas sagen Du!
Die Sache mit dem Katalog lasse jetzt nur einmal auf sich beruhen. Lasse ihn ganz, ich werde mich so behelfen. Bei Gelegenheit könntest Du mir einmal aufschreiben, was für Marken ich von den deutschen Kolonien habe. Achte dabei auf die Werte. Denn es gibt Pfennig und Cents.
Es war sicherlich so ein Geschäft für unsere beiden Lauser, beim Backen und beim Ausstechen zu helfen. Da gibt es ja immer wieder einmal etwas Teig zum Probieren; und beim Backen muß doch auch einmal probiert werden, wie alles geworden ist. Jetzt haben sie ja wieder Ferien, das wird ihnen sicherlich gefallen.  Nun, wo Du einen Weihnachtsbaum erhalten hattest, war es doch sicherlich immerhin etwas festlich. Ohne Baum ist es doch trostlos und Weihnachten ist auch nicht richtig. Das hast Du richtig gemacht, daß Du auch für Euch Stollen gebacken hast. Ich weiß ja, daß das Problem immer darin liegt, wo Du das Mehl und den Zucker hernehmen sollst. Doch Kleingebäck habt Ihr ja auch gehabt, so daß Ihr über die Feiertage wohl auch auf Eure Rechnung gekommen seid.
Nett ist es von Frau Dietz, wie sie immer an unseren Jungen denkt. Er könne sich selbst aber auch einmal bei ihr bedanken. Sie würde sich sicher darüber freuen.
Mir fiel vor einigen Tagen ein, daß doch jetzt die kalte Jahreszeit bei uns in Deutschland ist. Ich denke, daß auch die Eisbahnen in Konstanz  wieder aufgemacht worden sind. Wie wäre es, wenn sie unsere Beiden einmal daran machen würden, das Schlittschuhlaufen zu erlernen. Von Kurt sind meines Wissens Schlittschuhe, wenn ich mir nicht irre, sogar zwei Paar da,. Was meinst Du dazu. Die besseren müssen sie aber in Ehren halten. Die anderen müßte man evtl. etwas abschleifen mit Sandpapier, wenn sie etwas verrostet sind. Dann haben wir doch noch eine Flasche mit Öl da, an die wir nicht herangegangen sind. Wenn Du damit die Dinger einmal einölen willst, dann wäre sie auch wieder in Ordnung. Doch darüber kannst Du mir ja einmal Deine Meinung schreiben.
Ich schließe mit den besten Grüßen und mit vielen lieben Küssen. Dein Ernst.

Du mein liebster, bester Schatz!                                                                  31.12.43 
      
Der Dienst ist beendet. die Arbeit für diese Jahr damit auch. Ich sitze nun im alten Jahresabend hier und will Deiner, der Kinder und Vater gedenken.  Was werdet Ihr wohl heute Abend tun? Wahrscheinlich zündet Ihr, wie das immer so üblich war, die Kerzen am Baum an und feiert nochmals still für Euch den Jahresschluss. Vater wird später zu Dir hinaufkommen. Das Radio wird spielen und noch etwas festliche Stimmung verbreiten. Die Rede von Goebbels werdet Ihr auch mit anhören.  Dich ich bin davon überzeugt, daß Eure Gedanken oft bei mir weilen werden. Ihr werdet von mir sprechen und ich werde an Euch denken. die Gedanken gehen somit hin und her, so daß sie sich im weiten Raum treffen. Das Gedenken geht aber auch gerade in diesen Stunden zurück in das abgelaufene Jahr. Nochmals durchlebt man die verschiedenen Dinge, die es uns gebracht hatte an Leid aber auch an Freude. Doch alles das habe ich ja schon einmal behandelt in  meinem Neujahrsbrief. Ich könnte mich höchstens wiederholen, und das ist ja schließlich nicht notwendig. Eines wollen wir aber noch tun, wir wollen dankbar sein für all das, was uns an Schönem gegeben wurde und das Leid, was es uns gebracht hat, wollen wir stolz im Gedanken an ihn tragen, der sich geopfert hat. Ob Ihr nun lange zusammensitzen werdet? Ich weiß es nicht. Doch es ist ja möglich, Die Kinder wirst Du aber, wie wir das auch früher gemacht haben, um Mitternacht wecken und ihnen ein gesundes neues Jahr wünschen. Du siehst, immer und immer kreisen meine Gedanken um Euch und um unser Heim. Immer fällt mir das eine oder andere ein, was sich als Brauch bei uns im Laufe der Jahre her ausgebildet hat.
Hier war wieder, wie alles recht „großzügig“. Ich schreibe ja im allgemeinen nicht darüber. Aber es ist Jahresschluss und da kann man damit viel leicht auch eine solche Sache begraben in der Annahme, daß es im kommenden Jahr besser wird. Im Kasino unserer Offiziere  ist heute Abend wieder ein Abendessen. Für uns hat es anscheinend nicht mehr gereicht, wir bekommen unsere kalte kost in die Hand gedrückt und können uns auf unsere Bude verziehen. Ich habe keinen Groll deshalb, denn dies wird wohl nie anders sein und werden, daß man einen Unterschied macht. Aber immerhin hatte ich erwartet, daß man eine Kleinigkeit macht. Aber solche Gedanken darf man sich beim Barras nicht erlauben, denn das geht meistens schief. Ich gehe aber in das allgemeine Offizierskasino und will dort versuchen, noch etwas zu bekommen. Ich bin im allgemeinen nicht so veranlagt, aber man muß die Ellenbogen benutzen und nur an sich denken, sonst kommt man hier unter die Räder. Wenn ich Dir das schreibe, mußt Du Dir um mich keine Gedanken machen, denn ich helfe mir immer schon so gut es geht. Meist finde ich einen Ausweg und das ist ja wichtig.  Um 8 Uhr findet dann eine gemeinsame Feier statt und um 11 Uhr ist schon allgemeiner Zapfenstreich. Man will damit verhüten, daß irgendwelche Besäufnisse oder sonstige Ausschreitungen stattfinden. Das wird somit ein ganz nüchternes Silvester. Es kann ja nichts schaden. Ich werde mich dann auf meine Bude setzen, mir die Kerzen auf meinem Adventskranz anzünden und mit meinen Gedanken in der Heimat weilen. Die Mitternacht werde ich noch abwarten und dann gehe ich auch schlafen. Morgen will ich am Nachmittag mit dem einen Kollegen in des Offiziersheim, von dem ich Dir früher schon einmal schrieb, das uns so ordentlich bewirtet hat. Wenn es dann noch langt, willen wir das, was wir am heutigen Abend zum Feiern versäumt haben, etwas nachholen, aber es wird schon nicht zu toll werden. Damit sind dann die Feiertage wieder alle abgeschlossen und wir können mit neuer Kraft und mit neuen Hoffnungen in das Jahr gehen, das nun vor uns liegt. Ich wiederhole am alten Jahresabend nochmals meinen Wunsch, den ich im Neujahrsbrief ausgesprochen habe, hoffen wir, daß wir diese Jahr und das Ende des Krieges alle gesund erleben werden. Alles andere wird sich finden und wir werden da, was an uns herankommt, meistern, wie wir das bisher auch getan haben. Nicht wahr, mein Schatz? Wenn uns wieder einige schöne Urlaubstage beschieden werden, dann wollen wir uns wieder unbeschwert dieser Stunden, die uns da gegeben werden freuen. Das sind so meine Gedanken, die mich heute bewegen und ich denke und fühle, daß Du das in gleicher Weise empfinden wirst. Darum Glück auf zum Neuen Jahr mit vielen guten Wünschen für uns alle Dein Ernst.

Brief 504 vom 28./29.12.1943


Mein liebster Schatz!                                                                          28.12.43  
      
Nachdem ich so lange auf Post gewartet habe, bin ich heute wirklich reich entschädigt worden. Von Dir bekam ich den fehlenden Brief vom 9./10.12. und den langen Brief vom 16.12.. Dann trafen Briefe ein von Nannie, von meinem Kameraden Finessen und der Brief von Aretz, den Du mir nachgesandt hast kam ebenfalls an. Vom Evangelisch – Lutherischen Pfarramt zu St. Petri in Bautzen erhielt ich eine Mitteilung, daß die Kosten für die von mir angeforderten Urkunden 9,30 RM betragen und daß ich diese auf das Postscheckkonto Dresden Nummer 22469 einzahlen soll. Mache das doch bitte von dort aus, ich werde entsprechende Nachricht nach Bautzen geben. Wenn die Sachen dann bei mir eingegangen und verarbeitet sind, dann lasse ich sie Dir wieder zugehen. Über alle Post habe ich mich sehr gefreut, auch darüber, daß Du mir Mitteilung gabst, daß ein Bild vom Grab unseres lieben Kurt kam. Mit dem anderen Brief erhielt ich nun schon den Abzug, was mir insofern eine stille Freude war, weil man nun weiß, wie sein Grab aussieht und daß es einigermaßen in Ordnung gehalten war. Daß ein Schreibfehler auf der Tafel vorliegt, hast Du ja schon an den Gräberoffizier mitgeteilt.  Falls er uns eine Berichtigungsfoto einmal zusenden kann, dann wäre das noch besser. aber das wollen wir nur als ein Schönheitsfehler betrachten. Wichtig ist, daß man weiß, wie es sonst aussieht.  Doch nun zu Deinen Briefen selbst. Gefreut hat mich dann Deine Mitteilung, daß Du das getrocknete Brot zu einem vollständigen Essen verwenden kannst.  Das ist selbstverständlich besser wie wenn Du nur Suppe davon bereiten könntest. Ich kann mir vorstellen, daß das ganz ordentlich schmeckt. Ich habe in nächster Zeit wieder einen Karton voll zusammen. Wenn es soweit ist, geht das Brot wieder an Dich ab. Wie Du schreibst, hast Du ja immerhin noch einen kleinen Vorrat. Das eine Päckchen Nummer 9, das Du fälschlich als 8 bezeichnest, enthielt ja auch Brot. Anscheinend ist es geklaut oder verloren gegangen. Wenn es einer geklaut hat, dann wird er wohl keine besondere Freude daran gehabt haben. Es ist kein großer Wert verloren gegangen, aber Euch hätte es doch wieder einmal ein Essen gegeben. Da kann man eben nichts machen.
Über die Urkunden aus Kamnitz hast Du Dich also gefreut. Es ist doch schön, wenn man einmal ziemlich die Sachen zusammenbekommt. Bedenken hast Dun nun also, daß der Branntweinbrenner Samuel geheißen hat. Ein Junge hieß auch David. Ich bin der Meinung, daß es früher recht oft üblich war, biblische Namen zu geben ohne dass das in rassischer Hinsicht etwas zu sagen hat. Der Name allen macht es ja auch nicht. Wir werden ja sehen, was wir für weitere Nachricht bekommen. Immerhin sind wir schon wieder ein Stück weitergekommen, wie ich ja eingangs dieses Briefes schon erwähnte.
Wenn ich nach Deiner Ansicht sooooooooo frech geworden bin und aus den engen mir gesteckten Grenzen gegangen bin, dann bitte ich Dich gütigst zu verzeihen.  Ich bin bestrebt, es nicht so bald wieder zu tun. Wenn Dur mir aber einmal schreibst, ich sei ein elendiger Lausebengel, so stehe ich ganz unerschüttert da, denn über solche profane Ausdrücke bin ich erhaben. Riechst Du nicht die Vornehmheit, mit der ich das wieder gesagt habe. Ich ziehe ein bisschen dabei die Nase hoch und stehe mit verschränkten Armen vor Dir. Jetzt kannst Du Dir das doch ungefähr ausmalen. Nein, meine Liebe. Mir geht es wie unserem Herren Sohn, das macht mir nichts aus, im Gegenteil, das ehrt mich in gewisser Beziehung, denn ich merke doch, daß mein Schreiben richtig verstanden worden ist. Das ist mir die Hauptsache.
Ich kann mir denken, daß Du allerhand Zeit so am Tage verläufst und auch mit den Anstehen und Warten zubringst, wenn man dann noch ab und zu Erfolg hat, wie beispielsweise mit dem Kännchen, dann geht es noch an, aber wenn man dann immer und immer wieder vergebens wegen einer Butterdose anfragt, dann vergeht einem die Lust. Aber ich kann Dir sagen, wenn man etwas bringt oder wenn man sonst Beziehungen hat, dann erhält man sicherlich das, was man haben will auch ohne lange dafür anstehen zu müssen. Denn man hat es ja wieder gesehen, wie es Dir bei Jegglin und Kaltenbach gegangen ist. Denkst Du etwa, die haben nicht gewusst, daß keine Kannen mehr da sind. Nein, man hält die Waren nur künstlich zurück und man verursacht den Kunden nur noch mehr Lauferei. Das ist sehr bedauerlich, aber es ist nun einmal so geworden.  Falsche Bescheidenheit ist heute bestimmt nicht mehr am Platz. Hier muß man zusehen, wie man zu etwas kommt, denn sonst sieht man immer in die Röhre.
Wenn ich auch weiß, daß sie nicht mehr an den Nikolaus glauben, so will ich den Brauch bei uns doch nicht brechen, daß er in jedem Jahr so oder so an sie gedacht hat.
Für heute herzliche Grüße und viele Küsse. Morgen schreibe ich ja gleich weiter. Dein Ernst.

Meine liebe gute Annie!                                                                          29.12.43 

Wie Du mir in Deinem Brief noch mitteilst, hast Du für Euch einige Zwiebeln bekommen. Ich sehe aber weiter, daß Du anscheinend selbst nicht genügend hast. Ich sandte doch vor einigen Tagen welche an Deine Adresse ab, die Du an Vater weitergeben sollst. Wenn Du selbst nicht soviel hast, wie Du brauchst, dann mußt Du ja nicht alle Vater geben, sonder behalte doch Du auch welche. Ich werde schon wieder einmal welche hinschicken, wenn ich genügend beieinander habe.
Dann lese ich, daß Helga mit den vielen Aufgaben Schwierigkeiten hat. Ha, Du mußt sie schon selbst einmal fragen, ob es ihr zuviel ist auf die Dauer. Vor den Weihnachttagen hat es sich ja sehr angehäuft. Aber wir wollen doch erst einmal abwarten, was mit den Zeugnissen wird. Wenn Du aber aus irgendwelchen Gründen Bedenken hast, dann teile mir das nur ungehindert mit, denn es hat andererseits keinen Wert, wenn wir das Kind über die Kräfte beanspruchen und sie liegt uns dann zeitlebens kränklich da. Doch man darf auch nicht zu ängstlich sein. Aber du wirst das schon richtig machen, das weiß ich ja. Wenn Du es für ratsam hältst, dann muß sie eben einmal mit dem turnen aussetzen. Sie ist nun für ihr Alter schon ein langer Ständer. Ich weiß ja selbst, wie ich verwundert war, als ich sie nach meinem Urlaub wiedersah. Aber solange sie noch dabei gesund ist, wird es schon gehen. Mit dem Turnen wollen wir dann auch erst einmal zuwarten, bis es dann Deiner Meinung nach nicht mehr geht.
Ich muß sagen, daß Du es doch fein hast.  Du träumst immer wieder einmal von dem, was Dir angenehm ist. Ich kann mich fast nie darauf besinnen, daß ich träume. Das ist so selten, daß das schon nicht zählt.  Wenn ich dann schon einmal träume, dann ist es meist ein Quatsch, daß ich da nicht erst lange darüber nachdenken brauche. Aber alles kann man eben auch nicht haben, _ Vor 14 Tagen hat es bei Euch nun schon geschneit. In der Zwischenzeit wird das wohl noch einige Male der Fall gewesen sein. Hier ist es so, daß auf den Bergen, die um die Stadt herum sind, ziemlich weit herunter Schnee liegt. Es ist heute auch kühler, so daß ich mir den Mantel hervorgeholt habe, denn es ist ja nicht notwendig, daß ich es kalt habe.
Nun muß ich auch wieder einmal aufgrund Deiner Mitteilung auf die Bausparkasse zurückkommen. Ich will Dir sagen, mir selbst liegt an dem Vertrag nicht soviel, daß ich nun unbedingt Wert darauf lege, ihn auf meinen Namen überschrieben zu erhalten. Mir geht es auch nur in erster Linie darum, daß wir dieser Kasse nicht unnütz das Geld verdienen lassen, sondern wir wollen ja schließlich unseren Nutzen haben. Das bezieht sich in diesem Falle auf Vater und auf uns. Ich würde von mir aus sagen, er soll von sich aus über den ganzen Vertrag verfügen und handeln, wie es ihm recht ist. Aber ich fühle mich immerhin verpflichtet, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ich aus diesen oder jenen Gründen Bedenken habe. Wir wollen nun erst einmal die Antwort der Kasse abwarten. Immerhin bin ich auch mir im Klaren, daß wir dabei nichts herausbekommen, wenn ich in meinem Brief darauf abgehoben habe, daß für Kurt nun der Fall eingetreten sei, daß die Versicherung in Kraft treten müßte. Aber man muß sich manchmal ein bisschen dümmer stellen wie man ist, damit man das herausbekommt, was man gern hören will. Aber ich bin auch der Ansicht, daß wir uns wegen einer solchen Sache mit Vater nicht überwerfen wollen und auch nicht brauchen. _ Ich komme heute nochmals auf die Päckchen zu sprechen. Du schriebst mir, daß 9 und 14 eingetroffen sind, dagegen würde Nummer 8 fehlen. Nach meinen Aufzeichnungen habe ich es am 2.11. abgesandt. Es enthielt doch die Zitronen, Schokolade, Rosinen und Brot, das hast Du mir aber doch bestätigt. Erinnere Dich doch bitte noch einmal. Es handelt sich nur darum, daß ich in meiner Buchführung Ordnung habe und daß man nicht umsonst einen Groll auf ein mehr verloren gegangenes Päckchen hat. Wenn meine Aufzeichnungen richtig sind, dann würde bis jetzt aus der neuen Reihe noch kein Päckchen fehlen. Die anderen beiden Nummern25 und 42 können wir in den Kamin schreiben. Ich dachte, wegen den Korinthen, daß Du an Deinen Vater, an Erna und an Nannie je ein kleines Päckchen schickst. Ich habe ja jetzt hier wieder welche, die ich dann in den nächsten Tagen mit fertig machen werde und an Dich auf den Weg bringe.
Heute ist nun noch keine Post eingetroffen.  Aber ich bin ja schon so zufrieden mit dem, was ich gestern erhielt. Ich sende Dir heute gleich noch die Karte wegen des Betrags für Bautzen mit, dann hast Du alles beieinander. Vergiss nicht, diesen Betrag in dieser Aufstellung mit einzutragen.
Lasse mich bitte wieder mit recht herzliche Grüßen und recht vielen Küssen für Dich und die Kinder schließen. Ich bin immer Dein Ernst.

Brief 503 vom 26./27.12.1943


Meine liebe, gute Annie!                                                                         26.12.43  
     
Ist das nicht wie verhext, daß keine Post mehr eintrifft? Da dieser Stand aber allgemein vorherrscht, will ich keine größeres Klagelied anstimmen, denn ich habe doch meine Weihnachtssachen alle pünktlich erhalten. Ein großer Schwung Päckchen trifft jetzt immer noch ein, die auch für Weihnachten bestimmt waren. Aus diesem Grund will ich ganz ungern schweigen. Wenn ich diese Sachen von Dir nicht erhalten hätte; auch die Briefe nicht, so wäre es ja ganz trostlos gewesen.
Nun gehen die Feiertage auch wieder ihrem Ende entgegen. Wie ich schon schrieb, hat man bei der Bevölkerung nicht viel von den Feiertagen bemerkt. Verschiedentlich sah ich Leute, die hatten einen Tannenbaum. Sie sind ja hier sehr selten. Andere hatten einen kleinen Lebensbaum. Doch auch anderes Grün von Sträuchern oder sogar Palmzweige wurde auch verkauft. Einige Geschäfte und bei den Händlern auf dem Markt hatten billiges Spielzeug, das bei uns in Deutschland in Friedenszeiten wohl kaum einen Abnehmer finden würde,. Die Läden hatten auch die Feiertage über offen, und es standen auch ziemlich viele Leute vor den Läden, um sich die Sachen zu besehen. Andere wieder kauften auch. Das ist hier anders, wie bei uns daheim. Es wird anscheinend auch in keinem Land das Weihnachtsfest so ausgeprägt als Familienfest begangen wie bei uns daheim. Ich habe zwar keinen Einblick, wie es in den Familien hier ist, doch kann man wohl annehmen, daß man nicht sehr viel macht. Was wird doch für Geld bei uns in ruhigen Zeiten zu diesem Fest ausgegeben. Hier sieht man von alldem fast nichts.  Der Betrieb auf den Straßen und besonders vor den Kinos ist gleich rege wie an anderen Sonntagen, auch in den Tavernen und Cafes ist der Betrieb unverändert wie an Sonntagen. Das Wetter macht auch keinen weihnachtlichen Eindruck, es kommt daher auch nicht so das Gefühl auf, mit dem man bei uns in Deutschland das Fest der Familie begeht. Man ißt einmal etwas mehr, weil man gerade wieder etwas Besonders da hat. Mit dem Wein ist man einmal weniger sparsam, weil man sich sagt, daß dieses Fest nur einmal im Jahre begangen wird, aber das übrige Esse ist trotz wochenlanger Einsparung bei der Einheit gleich gut oder schlecht. Fein ist ja, daß man sich den Magen nicht verrenkt und man braucht auch nach den Feiertagen nicht umstellen. Es ist nicht so, daß wir etwa Hunger leiden müßten, nein, aber das, was geboten wir, das sind bestimmt keine Raritäten. Das Maulen über das Essen gehört nun einmal zum guten Ton. Aber es ist so, daß es manchmal schon angebracht ist. Wenn es am Tag zweimal Eintopf gibt, dann würde man sich schon einmal auf ein ordentliches Abendessen freuen. Ich habe mir ja immer noch helfen können, indem ich im Offiziersheim gegessen habe, was mir schon recht viel geholfen hat. Wenn man allein auf die Verpflegung angewiesen wäre  dann ginge es schon manches Mal hart her.
Ich habe schon verschiedene Einheiten kennen gelernt, aber diese hier gehört mit zu den Seltenheiten in jeder Beziehung. Bei meiner letzten Stelle stand ich fast mit allen Kameraden recht gut. Hier sind die meisten Kameraden von der Luftwaffe, und mir ist diese Rivalität noch nie so zu Bewusstsein gekommen wie hier. Die Kameraden von der Luftwaffe haben wirklich die Meinung von sich selbst, daß sie mehr wie andere Soldaten gelten würden. Das sind so kleine Plänkeleien, die mich rein äußerlich nicht interessieren, weil ich in einem ziemlichen Abstand gerade von diesen Unteroffizieren lebe, um keinen Anlass zu irgendwelchen Reibereien zu geben. Das ganze Leben ist hier überhaupt so unpersönlich. Ich gehe früh von meinem Hotel weg zum Dienst. Dort hat man recht wenig Gelegenheit, sich einmal über persönliche Dinge mit Jemandem zu unterhalten, weil sich keiner dieser Herren dafür interessiert. Das liegt aber nach meiner Ansicht daran, daß der ganze Apparat, wie ich schon einmal schrieb, kolossal überaltert ist.  Die meisten Beamten haben das 35. Lebensjahr schon einige Zeit überschritten. Zum großen Teil sind es eben auch richtige Beamte, die kein großes Interesse für andere Dinge haben, als gerade die, die ihnen täglich im Dienst begegnen. Alles was außerhalb dieses Gesichtsfeldes liegt, dafür besteht kein Interesse, oder sie unterhalten sich eben nicht „mit jedem“. Abends geht man dann, wie auch über Mittag, auseinander. Das einzige, was bindet, das ist, daß man miteinander arbeitet. Das ist aber auch alles.  Aber auch damit habe ich mich abgefunden. Ich gehe ab und zu einmal mit einem der Kollegen ins Kino, aber dieses Erlebnis ist hohl, weil kein großer Gesprächsstoff mit diesen Männern aufkommen kann. Wie dem auch sei. Ich habe mich damit abgefunden und mich auch schon an diese Lebensgewohnheit gewöhnt.
Meinen Klagegesang von heute will ich trotz allem mit recht herzlichen und lieben Grüßen beschließen, die Dir mein liebes Mädel und den Kindern gelten. Bleibt gesund und nehmt einen herzlichen Kuss entgegen von Deinem Ernst.

Bester liebster Schatz!                                                                             27.12.43 
 
Wenn das so weitergeht, dann ist das nicht gerade sehr erfreulich. Heute hat es widerum keine Post gegeben. Ich kann mir nicht mehr erklären, an was das liegt. Gestern kam eine Zeitung von Deinem Vater. Heute kam erst eine Karte von ihm die am 4.12. nach dem Angriff geschrieben war. vo Dir erhielt ich auch eine Zeitung, aber ich warte ja auf einen Brief. Doch ich kann machen wie es will, auch auf diese Weise werde ich die Post nicht herzwingen.
Vorweg will ich gleich wieder berichten, daß ich zwei Päckchen heute an Dich abgesandt habe. eins enthält Zwiebeln und das andere nochmals Rosinen. Die Nummern sind 27./28. Ist das nicht eine Leistungssteigerung in diesem Jahre? Im vergangenen Jahr konnte ich Dir 100 Päckchen schicken.  In diesem Jahr habe ich es bis jetzt auf 128 gebracht. Das ist doch eine ganz stattliche Anzahl. Für die meisten Sachen hast Du sicherlich gute Verwendung gehabt. Ich bin nur immer darauf bedacht, daß ich etwas zu Futtern bekomme, denn das ist nach meiner Meinung recht wichtig. Wenn Du dich etwas rühren kannst und nicht ganz so eingeengt bist, dann ist es Dir ja auch leichter und wohler. Ich mache das auch recht gern, weil ich Dir gern helfen möchte. Zwei weitere Päckchen habe ich heute fertiggemacht, die morgen abgesandt werden. Es sind die Nummern 29 und 30. Das eine enthält Zitronen und in dem anderen ist wieder Maismehl und Zigaretten habe ich auch noch mit beigepackt. Ich wünsche nur, daß alles richtig in Deine Hände kommt. Es wäre ja ärgerlich, wenn es geklaut würde, wenngleich man sich deshalb auch nicht die Haare ausraufen braucht. Es ist nur so, die Sachen kauft man für teures Geld und daheim kann man das Gekaufte gut verwenden. Die Kartons mit dem Maismehl habe ich geöffnet, um zu sehen, was drin ist. Man muß hier sehr vorsichtig sein, weil man hier mit diesen Dingen gern mit unehrlichen Mitteln arbeitet. Wie es mir aber schien, ist das Mehl richtig.
Jetzt scheinen wir doch noch in die Regenzeit hineinzukommen. Gestern regnete es und heute regnet es mit kleinen Unterbrechungen fast den ganzen Tag. Alles läuft mit Regenschirmen herum, große Pfützen stehen auf den Straßen. Ein Bild, was man die ganze Zeit vorher nicht weiter beobachten konnte. Es kann ja sein, daß es sich bald wieder aufklärt, doch da wollen wir erst einmal den kommenden Tag abwarten.
Ich habe mir hier, wie ich Dir schon einmal mitteilte, einige deutsche Marken gekauft. Sie waren sehr günstig zu kaufen, weil wir durch die Kursänderung doch nur die Sachen zum Teil bezahlen. Da ergibt sich jetzt folgendes interessante Bild. Wir bekommen unsere Wehrsold zum Kurs 1,-RM = 7200 Drachmen. Die Händler rechnen aber zur Zeit immer noch die Mark zu 2000 Drachmen. Andere nehmen den französischen Franc als Grundlage, dabei fährt man dann nicht so günstig. Aber immerhin ist anzunehmen, daß die Händler in wenigen Tagen die Umrechnung ändern, aber bis dahin muß man das abgegrast haben, was einem notwenig dünkt. Mit anderen Waren ist es ja das gleiche. Man muß springen, das Geld an den Mann zu bringen, weil man damit rechnen muß, daß man in einigen Tagen dann nur noch ein Teil von dem erhält, was man jetzt noch bekommt. Hebe die Marken in meinem Album bitte mit auf. Ich werde sie dann einmal einordnen, wenn ich wieder einmal in Urlaub komme. In den nächsten Tagen schicke ich noch andere.
Heute weiß ich aber tatsächlich nichts mehr zui schreiben,. Ich bitte Dich daher, schließen zu dürfen. Bleibt alle gesund, munter und frisch. Lasst Euch recht herzlich grüßen. Viele Küsse füge ich hinzu. Dein Ernst. 

Brief 502 vom 23./25.12.1943


Mein liebster Schatz!                                                                        23.12.43  
     
Heute jährt sich wieder der Geburtstag meiner Mutter, sie wäre nun auch schon 62 Jahre alt geworden. Das Schicksal hat sie uns früher genommen, so daß wir Kinder sie schon recht bald entbehren mussten. Auch hieran merkt man, wie die Jahre enteilen. Ich kann mich noch gut entsinnen, wie ich an jenem Vormittag meinem Vater Bescheid geben sollte, und ich wusste nicht, wie ich es anfangen sollte.  Alles stürzte so plötzlich damals auf mich ein, daß ich keiner Handlung fähig war. 24 Jahre sind darüber schon vergangen, wenn der Jahresschluss herantritt.
Gestern habe ich meinen Brief für Neujahr abgesandt. Ich hoffe, daß er noch rechtzeitig eintrifft, aber das ist ja alles so unsicher bei den unregelmäßigen Postverbindungen. Ab heute kann ich wieder meinen normalen Briefwechsel beginnen. Denn erst vor kurzem mußte ich ja den Weihnachtsbrief abfassen, der ja etwas mehr Konzentration erforderte, wie die anderen Briefe, bei denen ich meist auf etwas antworten kann, wie zum Beispiel heute auf Dein Schreiben vom 17./18., das ich gestern bekam. Es fehlen zwar noch einige Briefe zwischendrin, aber ich freue mich ja auch so, wenn ich wieder ein Lebenszeichen von Euch erhalte. Als nächstes muß ich Dir gleich mitteilen, daß meine Uhr hier glücklich eingetroffen ist. Der Unteroffizier ist heute aus dem Urlaub zurückgekommen und hat sie mir übergeben. Ich habe ihm einige Zigaretten dafür gegeben, nun geht alles wieder glatt. Dir sage ich nun nochmals herzlichen Dank für die Besorgung. So hat es doch wenigstens geklappt. Das Päckchen Nr. 13 ist also auch wohlbehalten bei Dir angekommen und wie ich lese, hast Du schon eine nützliche Verwendung für die Zitronen gehabt.  Ich habe hier wieder einige mit der Verpflegung bekommen. Damit das Gewicht voll wird, werde ich noch einige dazu kaufen, dann gibt das wieder ein Päckchen für Euch. Heute habe ich an Euch wieder zwei Päckchen abgesandt. Das eine enthält Mandarinen und das andere wieder einmal Feigen. Die Nummern lauten 24/25, dies nur wieder zu Deiner Unterrichtung. Ja Deine Schilderung über unsren Lauser mit meinem Schlafanzug, die ist nett. Da muß ich immer an die Geschichte denken, als ein junger Mann vor Gericht geladen wird. Die Kleidung hängt ihm nur so am Körper herunter, weil ihm alles zu groß ist. Als er vor den Richtern erscheint, fangen die Leute an zu lachen über diese witzige Figur. Die Richter sind über diesen Aufzug empört und fragen ihn, wieso er dazu kommt, in diesem Aufzug zu erscheinen. Er antwortet darauf, daß er doch nur so gehandelt hätte, wie es von ihm verlangt wurde, denn diese Kleidung sei ihm nicht nur hinderlich sondern sogar sehr peinlich. Als er daraufhin gefragt wird, weshalb er dann so erscheine, antwortet er, sie schrieben doch selbst, daß ich in Sachen meines verstorbenen Vaters zu erscheinen habe. Es muß schon putzig ausgesehen haben , wenn ihm die Sachen so am Körper herumhing und er meinte, daß er schon soweit passt.
Bei unseren Beiden wird ja nun die Spannung bald auf ihren Höhepunkt gekommen sein. Ja, man sollte es miterleben können. Aber alles Seufzen hilft hier nichts, und es muß gehen, wie es die Jahre vorher auch gegangen ist. Es ist nur ein kleiner auserwählter Teil, der dieses Glück hat, daheim zu sein.  Meist sind es immer die gleichen, die unter irgendwelchem Vorwand nach hause fahren. Aber es hat auch keinen Zweck, daß man sich darüber ärgert, weil man die ganze Geschichte damit auch nicht ändert.
Heute erlebte ich ein seltenes Zeichen der Gastfreundschaft. Ich hatte mir vorgestern einige Marken gekauft und besuche nochmals den Laden, um mir verschiedene Stücke anzusehen.  die ich vielleicht noch gebrauchen könnte. Als ich mir die Sachen ansehe, kommt ein Junge und sagt, daß die Marken, die ich ansehe, ihm gehören würden. Wir unterhalten uns ein Weilchen und im Laufe des Gesprächs sagt er, daß er daheim noch mehr Marken habe, die ich vielleicht gebrauchen könnte. Wenn ich Lust hätte, dann soll ich doch mit zu ihm nach hause kommen. Ich ging also mit. Als ich dort hinkam, sitzt die Familie beim Essen. Ich entschuldige mich, denn ich war ja überrascht und hätte nicht erwartet, daß die Leute noch essen. Aber ohne viel Umstände baten mich die Leute, ohne mich weiter zu kennen, doch Platz zu nehmen und mitzuessen.  Ich lehnte das erst höflich ab, aber schließlich nötigte man mir doch einige Fische auf und der Junge war eifrig bemüht, mir immer noch mehr aufzureden. Ich konnte mich auch so ziemlich herauswinden und nahm dann nur noch eine süße Speise, eine Art Pudding, an. Ich wurde dann gleich zum Abend eingeladen, und über die Weihnachtstage müsse ich doch auch kommen, aber das kann ich nicht machen, denn man fühlt sich dann in irgendeiner Weise verpflichtet, sich zu revanchieren, was mir nicht möglich ist. So freigiebig man mich auch erst bewirtet hat, so genau war man dann nachher bei der Behandlung der Geschäfte. Das, was man mir angeboten hatte, hat bei weitem mehr gekostet, als was ich bezahlen musste für die Marken, die ich mitnahm. Doch das spielt anscheinend eine unwesentliche Rolle. Ich fand diese Beobachtung recht interessant. Die Leute selbst machten einen anständigen Eindruck und es sah alles wirklich ordentlich aus. Wir Deutschen sind ja in unseren Gewohnheiten ganz anders.
Doch für heute lasse mich bitte schließen mit recht lieben Grüßen an Dich und die Kinder und mit dem herzlichen Wunsch, daß Ihr alle gesund und wohlauf seid. Dein Ernst. 

Meine liebste Annie!                                                                                 25.12.43  
       
 Gestern haben wir nun Weihnachten gefeiert. Zum Schreiben bin ich nicht gekommen, den für mich war gestern bis zur Weihnachtsfeier voller Dienst und heute bin ich den ganzen Tag angespannt. Wir haben hier etwas Besonderes zu erledigen, was gerade über die Weihnachtstage gemacht werden soll. Aber ich habe ja so und so nicht von den Feiertagen. Viel macht es mir nicht aus. Aber man kommt nicht so richtig zur Besinnung. Morgen wird es wohl ziemlich gleich sein mit dem Dienst. Aber wahrscheinlich drücke ich mich, denn etwas will ich auch einmal an mich denken.  Doch ich will erst einmal schön der Reihe nach erzählen.  Unsere Weihnachtsfeier fing um 6 Uhr an. Um mich trotz allem noch ein bisschen auf unser Zuhause zu konzentrieren, habe ich mich über die Mittagszeit, das war bis 4 Uhr, an die lieben Sachen gemacht, die Du mir geschickt hast. Erst habe ich einmal Eure Briefe gelesen, die mich sehr gefreut haben. Auch die Kindern haben sehr lieb geschrieben. Als ich dann die Päckchen auspackte, m habe ich mir ein Gläschen Wein dazugestellt und habe dann probiert, was Deine Backkunst machte. Ich kann Dir nur mein uneingeschränktes Lob aussprechen.  Das sind wirklich prima Sachen, die Du wieder gebacken hast. Das ist ja ganz anderes Gebäck, wie Du es sonst machst. Mit reiner Butter hast Du auch gebacken, das schmeckt man gleich heraus. Ich hätte mich bald hingesetzt und hätte mich damit vollgenudelt, aber ich habe ja dann denken müssen, daß wir noch unser Abendbrot bekommen würden, das mit Rücksicht auf das Fest doch ganz ordentlich ausfallen mußte.  Es gab dann Kartoffelsalat, doch dazu haben sie Bratlinge gemacht, die nun nichts Festliches an sich hatten. Ich habe mir dann den Bauch Kartoffeln geschlagen und sagte mir, es sei besser wie nichts. Die Feier selbst war von Kameraden gestaltet worden, die sich ziemliche Mühe gaben. Aber es ist doch alles recht bescheiden. Ich weiß nicht, stelle ich zu große Anforderungen, oder was ist es. Mir war es aber auch so, als hätten die anderen Kameraden das gleiche Gefühl. Die meisten Kameraden brachen dann auch bald auf. Nur dem Umstand, daß ich sitzen blieb, habe ich es zu verdanken, daß ich noch etwas Wein zu trinken bekam. Dadurch war es dann auch etwas später geworden, bis ich in mein Hotel kam. Die ganze Feier war ohne jedes Gefühl aufgezogen worden. Erst bringt man schöne Musik. Schubert und Beethoven. Aber kein Weihnachtslied. Als dann der gesellige Teil anfängt, hat man eine Tanzkapelle aufmarschieren lassen, die ein Schlager nach dem anderen herunterhaut. Das sind dann fröhliche Weihnachten. Bei solchen Entgleisungen muß man dann beide Augen zudrücken. Vielfach habe ich gedacht, was Ihr wohl machen werdet. Mit meinen Gedanken war ich die meiste Zeit unterwegs.  Nur recht wenig bei der Feier selbst. Als in einigen Gedichten, die vorgetragen wurden, von unseren Gefallenen die Rede war, da wanderten meine Gedanken zu unsrem Kurt. Im Gedenken an Euch und an ihn kehrte eine wehmütige Stimmung in meinem Herzen ein, denn hier in diesem Kreise merkte ich wieder, wie einsam ich bin und wie man keinen Menschen hat, mit dem man sich besprechen kann. Aber weich werden darf man nicht, weil man sich nicht  unterkriegen lassen darf. _ Ja, dann sollte ich wohl noch berichten, was wir zum Fest bekommen haben. Ich hatte Dir ja schon einmal mitgeteilt, was es geben soll. Das hat sich auch so ziemlich bewahrheitet. Die Nüsse wurden nicht gegeben, weil kein Vorrat da war. Immerhin war es eine ganz ordentliche Tüte voll. Dazu bekam jeder von uns noch einen Karton Korinthen und eine Stolle. Ich bin ja zufrieden mit all dem, aber das wollte ich ganz gerne hergeben, wenn ich hätte bei Euch sein können. Heute ist nun der erste Feiertag. Das Wetter ist wieder ziemlich warm geworden. Von Winter ist keine Spur mehr zu merken. Gestern regnete es zur Feier des Tages, aber das hat sich auch schon wieder gegeben. Die Straßen sind wieder trocken, wie wenn nichts gewesen wäre. Ob daheim nun Schnee liegt, das weiß ich ja nicht, und das kann man sich unter diesen Verhältnissen nicht so richtig mehr vorstellen, aber ich male mir doch einmal in Gedanken ein richtiges winterliches Bild aus, vielleicht wird mir bei diesem Gedanken dann etwas wohler. Ich habe mir einen Kranz besorgt, der künstlerisch gemacht ist. Dazu habe ich die vier Kerzen genommen, die Du mir geschickt hast. Nun ist doch etwas weihnachtlicher Glanz in meinem Zimmer. Etwas Gebäck habe ich mir auch hergeholt, und ein Schluck Wein habe ich mir eingegossen. So sitze ich allein auf meinem Zimmer, aber etwas will ich doch noch mit dir besprechen. Du sollst nun nicht etwa denken, daß ich nun miesepetrig bin, weil es nicht nach meinem Wunsch geht. Nein, durchaus nicht, ich will nur meiner Stimmung etwas Luft machen, dann überwinde ich das noch besser. Bis Du in den Besitz dieses Briefes kommst, ist das ja alles schon überstanden. Post habe ich auch schon seit einigen Tagen nicht mehr. Die kommt so unregelmäßig, so daß man ganz und gar aus der Reihe kommt. Ich hoffe nun, in den nächsten Tagen einmal auf einen größeren Schwung.
Ich vergaß Dir in meinem letzten Brief mitzuteilen, daß ich wieder einige Sachen beschafft habe, die ich Dir mit zuschicken werde. Von den Feigen und Rosinen hatte ich wohl schon geschrieben. Aber einige Backpulver habe ich hier bekommen. Ich lasse sie Dir in den nächsten Tagen bald zugehen. Eine Packung davon soll für 3 Pfund Mehl reichen. Ich schreibe dies nur, damit Du weißt, wie Du es verwenden kannst.  Dann habe ich etwas gekauft, auf das Du vielleicht nicht so leicht kommen wirst. Ich will dich aber auch nicht lange raten lassen. Es sind 10 Gelatineblätter, die kannst du doch sicherlich verwenden, wenn Du eine Art Sülze oder ähnliches machen willst.  Ich habe es mit gekauft, weil Du schon Verwendung dafür haben wirst. Auch von dem Maismehl habe ich einige Packungen erstanden, damit Du Deinen kleinen Vorrat nicht gleich verbrauchen mußt. Ich denke, daß Dir das alles eine Hilfe mit sein wird. Für Vater habe ich jetzt einen Karton voll Zwiebeln beieinander. Da kann ich in den nächsten Tagen wieder einige Päckchen abrollen lassen. Aber auch Kopfwaschpulver habe ich besorgt. Ich denke, daß das besser ist, wie wenn Du Seife nehmen mußt. Auch das geht in den kommenden Tagen an Euch mit ab. Da fällt mir noch etwas anderes bei dieser Gelegenheit ein. Du hast doch ab und zu über wunde Zehen geklagt.  Ich hatte das bis vor einigen Tage auch. Immer und immer habe ich versucht, das loszuwerden. Jetzt hatte ich mir „Gehwohl“ besorgt. Ich habe die wunden Zehen damit täglich eingekremt und gepudert. Ich muß sagen, daß das sehr gut geholfen hat, denn jetzt ist alles wieder in Ordnung. Fußpuder kannst Du von mir auch haben, denn davon habe ich noch einen reichlichen Vorrat. Wenn du noch unter diesen Sachen zu leiden hast, dann kannst Du es ja auch einmal versuchen, ob Du es wegbekommst, wenn Du regelmäßig das einreiben würdest.
Da muß ich heute nochmals auf eine Sache zurückkommen, die wir vor einigen Tagen schon besprochen hatten. Du schriebst mir doch, daß Du glaubst, daß die Korinthen nach Deiner Ansicht haltbarer wären, weil sie ja viel fester sind. Ich habe hier ganz zufällig einen Fachmann sprechen können, der früher in Deutschland den Import von Südfrüchten usw. hatte. Der sagt mir nun, daß man Rosinen etwa 3 Jahreaufheben kann, dann sind sie immer noch verwendbar, wenn sie nicht gerade die Maden verderben. Dagegen hätten Korinthen schon nach einem Jahr ihre Haltbarkeit so gut wie eingebüßt. Ich schreibe Dir dies nur mit, weil ich glaube, daß Dich das selbst interessiert, denn ich glaube nicht, daß unsere Rosinen solange liegen bleiben und auch die Korinthen nicht.
Diesen Brief schließe ich wieder ab mit recht herzlichen und lieben Grüßen an Dich und die Kinder. Bleibt schön gesund und grüße auch Vater von mir. Dir, mein bestes Mädel, gebe ich recht liebe Küsse. Dein Ernst. 

Brief 501 vom 22.12.1943


Mein liebstes Mädel, liebe Annie!                                                          22.12.43 
          
Wenn Du es nicht schon selbst geraten hast, was mein neues Sigel auf diesem Brief bedeuten soll, dann muß ich es Dir doch noch mitteilen, denn es gehört schon etwas Phantasie für einen Außenstehenden dazu. Auf unseren Weihnachtsbriefen hatten wir bisher immer WB signiert. Sollte ich nun auf diesen Brief NB setzen? Nein, ich dachte, daß wir da etwas kräftiger antworten müssen und habe die Anfangsbuchstaben von Prosit Neujahr hingesetzt. Jawohl, ein frohes Prosit Neujahr, das wünsche ich Dir und den Kindern. Ich wünsche es aber nicht nur Euch, sondern auch Vater und uns allen. Hoffen wir, daß sich das Jahr, nachdem es seine Tore uns aufgetan hat, uns alle nur Gutes bringen möge. Alles liegt noch im Dunkeln vor uns, doch was sich dann im Laufe der kommenden Tage vor uns ausbreitet, das wird hoffentlich uns recht oft Anlass zu frohen Stunden sein. Gerade am Jahresanfang, da eilen die Gedanken aus und sie suchen zu ergründen, was sich wohl alles ereignen mag. Das ging schon Jahr für Jahr so. War es nun in Friedensjahren oder in Kriegszeiten, man versuchte schon immer, über die Gegenwart hinauszublicken und weiter zu denken. Neues Planen beginnt schon immer mit dem Jahreswechsel, aber die augenblicklichen Zeiten zwingen uns, den Gedankenzügel anzulegen, damit sie nicht zu schnell vorwärts schießen. So kann daher nur ein Wunsch  wie immer vorherrschend sein, und das ist der, daß wir alle miteinander gesund bleiben. Ich betone dies immer wieder in allen meinen Schreiben aus irgend solchen Anlässen, denn ich schätze die Gesundheit über alles, weil ich genau weiß, was man als gesunder Mensch alles aushalten kann und daß das viel mehr ist, wie das, was einem kranken oder einem angekränkelten Menschen. Mit dem Neuen Jahr beginnen wir nicht nur einen neuen Zeitabschnitt, sondern wir beenden damit auch eine Reihe von Feiertagen. Ich will damit sagen, daß nun die Tage der Besinnung und des Ausruhens wieder vorüber sind, und mit dem Neuen Jahr kann dann auch die Arbeit wieder ihr altes Anrecht auf uns erheben. Vieles wird es uns wieder bringen; es wird nicht immer eitel Freude sein, denn manches Unangenehme, Herbe und Bittere werden wir auch in dem vor uns liegenden Jahr durchzumachen haben, aber wie gesagt, wenn wir gesund sind, dann werden wir das auch überstehen. Darum wollen wir trotz allem mit stolzem Herzen dieses Neue Jahr beginnen, denn wir hoffen zuversichtlich, daß es uns manchen entscheidende Tat bringen wird. Man sieht am Jahresanfang nicht nur voraus und versucht zu ergründen, was das Neues Jahr wohl bringt, sondern es ist genau so wichtig, wenn man einmal auf das vergangene Jahr zurücksieht. Man zieht gewissermaßen, wie ein Kaufmann am Jahreschluss, Bilanz. Was hat es nun uns gebracht. Zuerst müssen wir eine ganz schmerzliche Nachricht vermerken.  Unser lieber Kurt, er kommt nicht mehr wieder. Der Auftakt des Jahres begann damit für uns sehr traurig. Auch heute will es mir immer noch nicht glaublich erscheinen, daß ihn Rußlands Erde nicht mehr hergeben will. Frisch stand er vor mir, als ich ihn das letzte Mal sah und als Ihr ihm zum Abschied die Hand gabt, da war er wieder neu gestärkt, um seine Pflicht als Soldat mit neuen Kräften erfüllen zu können.  Doch kurz darauf hat das Schicksal schon hart zugepackt. Wir können ihn in bester Erinnerung behalten, diesen guten Jungen, das ist alles, was uns verbleibt. Ich denke dann an unser Rückzugstage, die wir im Osten mitmachen mußten, ich denke aber dann auch daran, wie froh ich im Herzen wurde, als es hieß, wir rücken wieder vor. Vielleicht gehen wir neuen Siegen und entscheidenden Schlägen entgegen. Leider mußten wir manche Gebiete aufgeben, die mit deutschem Blut und Leben erworben wurden. Unser Glaube an den Sieg hat aber trotz allem keine Erschütterung erfahren, weil wir wissen, daß unsere militärische Kraft trotz aller Anstrengungen unserer Gegner kaum zu schlagen sein wird. Das Vertrauen auf unsere Führung und an den Führer läßt uns nicht weich werden, denn eines Tages werden auch wir aus unserer Reserve herausgehen. Was werden sich unser Feinde wundern, was noch alles in uns steckt. Weiter denke ich an die mit meinen Kameraden in Kiew verbrachten Tag und auch mancher schönen Stunden. Die Verlegung nach Deutschland ließ dann neue Hoffnungen in uns aufkommen, denn wir dachten zuerst, unsere Familie wiederzusehen und hofften auf einen anderen Einsatz. Beides hat sich dann für mich nicht erfüllt. Schöne Urlaubswochen haben wir zusammen verbracht.  Was gab es alles zu erzählen und wie froh waren wir, daß ein jeder noch gesund und munter war. Die schöne Fahrt nach dem Hohentwiel mit Euch und Vater werde ich nie vergessen können, wie auch die herrlichen Badetage bei uns daheim. Der Freude des Wiedersehens folgt aber leider auch die Stunde des Abschiednehmens. Ich schätze mich aber heute noch glücklich, wenn ich daran denke, wie ich Dir die Nachricht geben konnte, daß Du mich zwar nur für kurze Zeit in München aufsuchen solltest. Der erste Trennungsschmerz wurde Dir auf diese Weise erleichtert und nach Deiner Rückkunft nahmen Dich die häuslichen Aufgaben so in Anspruch, daß Du nicht so zur Besinnung kamst, ganz abgesehen davon, klang ja die gemeinsam verbrachten Tage auch noch in Dir nach. Mich trieb es nun seit dieser Zeit auf dem Balkan herum, Serbien und Griechenland habe ich kennen gelernt. Wenn ich das so überblicke,  es ist doch allerhand für ein Jahr. Ziehe ich nun den Strich, um festzustellen, was hat mir das vergangene Jahr gebracht, so muß ich feststellen: viel, sehr viel. Es ist ja nicht das, was man sieht und was man fassen kann, es gibt ja schließlich auch andere Kräfte, die in uns wirken und auf die kommt es wohl mit in der Hauptsache an.
Nach den Vorausschauen ud dem Rückblich muß ich aber auch noch einmal persönlich an uns denken. Nachdem abgeschlossenen Jahr sind wir ja auch wieder ein Stückchen älter geworden, aber bis jetzt macht uns da ja nichts, denn wir erleben das alles noch so wie früher, wenn wir unseren Jahresschluss gemeinsam begingen. Wir saßen zusammen in unserem kleinen gemütlichen Zimmer. Der Ofen hatte es angenehm erwärmt. Der Tannenbaum gab noch den weihnachtlichen duft, auch alles andere hatte noch den Geschmack von Feiertagen an sich. Der Baum erstrahlte noch einmal im Lichterglanz. Als dann die Kinder zu Bett gingen, dann machten wir uns eine Kleinigkeit zu trinken fertig. Aber nicht vergessen darf ich den traditionellen Heringssalat. Ja, weiß Du, das kommt einem alle in den Sinn, denkt man an die gemeinsam verbrachten Jahre zurück. Das Radio verkürzte uns die Stunden bis zur Mitternacht. Vater war bei uns und las, wie meist, die Zeitung, oder wir unterhielten und über die frühere Zeit. Das Anwünschen von Glück zum Neuen Jahr begann dann und für uns war dann ein herzhafter Kuss fällig. Ja, ich glaube, nichts vergessen zu haben. Oder doch? Am Neujahrsmorgen war dann noch ein Stückchen Stolle fällig. Es war doch schön, wenn man sich das alles so überlegt. Aber auch diese Zeiten werden für uns wiederkommen. Die Jahre, die uns dann noch bevorstehen, die wollen wir so verleben, daß wir sagen können, daß wir wissen, warum wir gelebt haben.
Doch nun zum Schluss möchte ich noch einmal das sagen, was ich Euch  im Anfang des Briefes zugerufen habe. Prosit Neujahr! Es wird glückhaft für uns heraufsteigen, denn wir glauben an unser Zukunft,. Ich wünsche Dir, mein liebster Schatz, nur recht viel Gutes zum kommenden Jahr. Ich hoffe, daß unsere beiden Lauser gesund bleiben und daß sie in der Schule ihre Pflicht tun. Wenn sie das machen, dann reicht es ihnen zu dem, was sie brauchen. Auch Vater wünsche ich auf diesem Wege im kommenden Jahre eine gute Gesundheit und daß es ihm möglich ist, noch einige Jahre des Friedens mit uns zu verbringen.
Bleibt recht gesund und rutscht richtig hinüber, das wünscht Euch mit vielen Grüßen und Küssen verbunden und umbunden Dein Ernst.


Brief 500 vom 20./21.12.1943


Mein liebstes Mädel!                                                                      20.12.43   
        
Über die Mittagszeit habe ich für Euch wieder ein Päckchen fertiggemacht mit einigen Apfelsinen und Mandarinen. Es hat die Nummer 23. Die Apfelsinen erhielt ich mit der Verpflegung und die Mandarinen habe ich gekauft, damit sich das Päckchen auch lohnt. Ich hoffe, daß es gut ankommt und daß Euch die Früchte schmecken. Die nächsten Apfelsinen  esse ich wieder selbst, damit Du nicht schimpfst. Du mußt mir einmal mitteilen, wie diese Sachen angekommen sind, damit ich sehe, ob es sich verlohnt. Die Abschrift des Geburtsscheins habe ich erhalten. Es ist also gut möglich, daß die Louise Mirsch an einem anderen Tag geboren ist, als es Dein Vater aufgeschrieben hatte. In dieser Beziehung ist er etwas oberflächlich, denn er ist da der Ansicht, da kommt es doch nicht mehr darauf an. Ich werde ja sehen, was ich wieder für Antwort erhalte. Das Pfarramt von Dittersbach hat bis jetzt noch nichts hören lassen. Wenn noch einige Zeit hingegangen ist, dann mahne ich an. Die können mir ja immerhin Bescheid geben, ob sie es machen oder nicht. Ich kann ja noch warten.
Gestern bin ich noch mit einem Soldaten zusammengekommen, mit dem ich jetzt öfter Briefmarken tauschen will. Ich habe schon wieder einige bekommen, so daß diese Spezialsammlung schon ganz schön anläuft. Die Marken von der Ukraine haben kein großes Interesse bei den Händlern hier gefunden, dagegen war der Soldat wieder froh darum. Was meinst Du, ob ich einmal Kuster schreibe, ob ich ihm hier Marken besorgen oder gegen deutsche doppelte von ihm tauschen soll? Ganz umsonst sollte ich es auch nicht machen, denn dafür müssten wieder einige für mich abfallen. Du kannst mir ja schreiben, was Du davon hältst. An diesen Mann hier kann ich noch allerhand deutsche Marken loswerden, die ich reichlich doppelt habe. Ich denke doch, daß Du mir einmal mehrere zuschickst, damit ich hier weiter operieren kann. Siehst Du, nun fange ich schon an zu drängen und bin nicht einmal dankbar für Deine treue Mithilfe. Ich schreibe Dir auch einmal eine Widmung in mein Album, weil Du mich so schön jetzt unterstützt hast. Ist das nicht fein? Da freust Du Dich doch sicherlich darauf. Na, höre einmal, das ist doch auch etwas.
Der Weihnachtsbrief der Kinder gin auch schon ein.  Ich hebe ihn ebenfalls auf. Ich werde mich dann schön still in meine Bude setzen und alle Sachen von daheim mit zu Gemüte ziehen. Dazu werde ich mir Eure Bilder hinstellen, damit Ihr mit mir hier auch zusammen seid.
Mit Arbeit bin ich ja reichlich eingedeckt. Was ich vorher wenig zu tun hatte, das liegt jetzt zuviel da. Ich kann ja nur eins nach dem anderen machen. Ich denke auch nicht daran, nur allein für andere hier den Dackel zu machen, weil sie zu faul sind, selbst etwas mitzuarbeiten. Unser Oberinspektor ist doch jetzt im Urlaub, nun habe ich meine Arbeit und seine auch noch mit zu erledigen. Wie ich Dir schon einmal kurz andeutete, hat diese Mann große Pläne im Kopf und denkt, die anderen sollen sie nur ausführen. Diese Brüder sind ja ängstlich und auch zu unselbständig, um etwas selbst zu machen. Aus diesem Grund wälzen sie dann die ihnen unangenehmen Sachen auf uns ab, weil wir ja wissen müssen, wie es gemacht wird. Ich frage mich manchmal, wie kommen solche Menschen in solche hohe Regierungsstellen. Wenn es vertrocknete Beamte gibt, dann sind es aber diese Herren. Nach meiner Ansicht müsste da nach dem Krieg ein frischer Zug durch diese Amtsstuben wehen, damit sich diese faulen Gesellen verziehen. Von Kameradschaft oder persönlicher Anteilnahme ist aber auch keine Spur vorhanden. Mag der Oberst Claßen in Charkow gewesen sein wie er will, aber in dieser Richtung hat er sich auch einmal um andere Dinge angenommen, die er hätte nicht machen müssen. Das ist aber alles nicht so tragisch, es kommt ja doch mit der Zeit alles einmal anders.
Jetzt hat man erkannt, daß die Teuerung im Lande soweit gestiegen ist, daß man unseren Index wieder einmal erhöhen muß. Bisher waren es 3600, mit der morgigen Auszahlung erhalten wir den Wert einer Mark mit 7200 Drachmen rückwirkend ab 1.12. Das wird aber alles nicht viel nützen, denn sobald die hiesigen Kreise merken, daß wir den Index erhöht haben, werden die Preise erneut steigen. Wir sind eben gezwungen, diese Stufenleiter mitzuklettern, wir haben ja die feste Zuversicht, daß alles zu einem guten Ende führt und das ist die Hauptsache.
Lasse Dich, mein liebstes Mädel, vielmals herzlich grüßen.  Grüße die Kinder ud Vater ebenfalls herzlich von mir. Dir gebe ich wieder einen Kuss und bin wie immer Dein Ernst.

Meine liebe, gute Annie!                                                                                 21.12.43  
 
Ich schrieb Dir doch gestern, daß wir wieder eine Erhöhung unsere Index erfahren haben. Heute bin ich nun gleich über die Mittagszeitlosgeschoben und habe mein Geld an den Mann gebracht, damit ich nicht allzu große Verlust erleide. Sobald die Griechen merken, daß wir wieder etwas mehr Spielraum haben, dann fangen die Preise wieder an rapid zu steigen. Ich habe wieder einmal Rosinen gekauft und ausnahmsweise ein Paket Feigen. Die schicke ich Dir wieder mit zu. Außerdem habe ich noch einmal Maismehl gekauft, das ich jetzt bei diesem Index mir wieder leisten konnte. Aber nun ist das meiste Geld schon wieder flott. Einige kleine Briefmarken habe ich mir auch erstanden, die mir zur Ergänzung meiner deutschen Briefmarken dienen.  Schreibe mir doch bitte einmal. was ich von den deutschen Kolonien an Marken habe. Da teilst Du mir den Wert und das Land mit. Bei einigen , da unterscheidet man zwischen Cents und Pfennigen. Ja siehst Du, Mädel, jeden Tag habe ich in dieser Beziehung neue Wünsche. Ich hoffe aber, daß sie Dich nicht allzu sehr in Anspruch nehmen.
Für diesen Satz werde ich ja wieder eins auf den Deckel kriegen. Aber gesprochen ist gesprochen und geschrieben ist geschrieben, da läßt sich nichts mehr daran ändern. Ich werde aber diesen Schlag mit Würde hinnehmen und ihn zu tragen wissen.
Post ist auch heute wieder noch nicht eingetroffen. Vielleicht kommt am Nachmittag welche, aber man wagt ja schon nicht mehr zu hoffen, weil man sich doch nur noch überraschen lassen kann. Es wird aber schon wieder werden. Mit dem Wetter war das heute komisch.  Als ich früh aufstand, da hatte ich das Empfinden, daß es noch erheblich kälter geworden sein mußte. Als ich dann auf meinen Balkon heraustrat, da schien es mir wärmer.  Ich dachte erst, ich hätte mich getäuscht. Es war aber dann doch wärmer geworden. Das merkte ich dann, als ich auf die Straße kam. Über Mittag war es geradezu angenehm warm, daß man hätte fast den Pullover ausziehen können. Am Abend vorher hatte ich mir erst vorgenommen, nun den Mantel hervorzuholen. Da kannst Du sehen, wie schnell das Wetter wechselt. Man würde das alles besser verdauen, wenn man überall geheizte Räume vorfinden würde. Ich bin aber schon froh, daß die Büroräume, in denen ich mich ja die längste Zeit aufhalte, daß die durchheizt sind. _ Gestern war ich in dem Film „Anuschka“, der mir ganz gut gefallen hat. Vielleicht hast Du auch schon davon gelesen. Man kann ihn wirklich empfehlen. Auch der film „Großstadtmelodie“, den ich mir vor einigen Tagen ansah, war sehr ordentlich. In beiden Filmen spielt die Hilde Krahl die Hauptrolle. Wie es mir vorkommt, fange ich an, mir auch einige Schauspieler zu merken. Das ist ja sonst nicht meine Stärke bisher gewesen.
Bis gestern stand noch nicht fest, wo ich Weihnachten feiern werde. Hier wird es nicht geschlossen von der ganzen Einheit, sondern getrennt begangen. Da feiern die Soldat en und die Offiziere getrennt. Dann noch eine andere große Abteilung, die feiert ebenfalls für sich. Nachdem ich aber zu allen drei Gruppen nicht gehöre, wirft sich für mich die Frage auf, wo bekomme ich meine Sachen her, die mir schließlich, wie jedem anderen Soldaten, zustehen. Das ist immer so eine heikle Frage für die maßgebenden Herren. Mir ist es ja an sich gleichgültig, denn ich habe nicht die Absicht, mit in irgendeinen Kreis hineinzudrängen. Nachdem ich im vergangenen Jahr in Charkow so schlechte Erfahrungen gemacht hatte, habe ich mich hier nun gleich erkundigt, damit man mir dann nicht sagen kann, es sei keinem etwas bekannt gewesen. Also der langen Rede kurzer Sinn. Ich feiere nun mit unseren Männern von der Stabskompanie. Die Feier selbst findet, soviel  bis jetzt bekannt ist, am Heiligabend selbst statt. Ich denke aber, daß ich vorher noch Gelegenheit habe, mir eure Päckchen aufzumachen und Eure Briefe zu lesen. Viel werde ich mit meinen Gedanken nicht bei dieser Feier sein, den ich werde wohl immer wieder an Euch denken, wie Ihr wohl daheim beieinander sitzen werdet.
Ich schicke Dir heute einige Briefmarken mit, die Du mir mit in mein Album legen kannst. Ob ich die eine blaue mit dem Kopf schon habe, weiß ich nicht. Sieh doch bitte einmal nach, wenn ja, dann hebst Du mit die bessere auf und die weniger gute schicke wieder mit hierher. Die anderen habe ich ja noch nicht, soviel mir in Erinnerung ist.
Ich grüße Dich, mein liebster Schatz, recht herzlich.  Komm, lasse Dich wieder im Geiste küssen und gemeinsam verbrachter schöner Stunden gedenken. Nimm  mit den Kindern recht viele schöne Grüße entgegen von Deinem Ernst.