Mittwoch, 13. Juni 2018

Brief 431 vom 11./12.06.1943


Mein liebster Schatz !                                                                         11.6.43    
        
 

Bei Deinem Streuselkuchen wäre ich ganz gern dabei gewesen. Daß man das normalerweise in der gegenwärtigen Zeit nicht machen kann, ist ja klar. Ich kann mir auch vorstellen, daß es Dich eine kleine Überwindung gekostet hat, Dich zu diesem Entschluss durchzuringen. Daß Du aber nicht verschwendest, das ist mir bewusst, und weil man jetzt von solchen Ausnahmen zehrt, dann ist das nicht gerade schwerwiegend, wenn Ihr Euch diesen Genuss bereitet habt. Dafür müßt Ihr eben wieder einmal eine Weile warten, bis ihr Euch dieses erlauben könnt. Einmal soll man schon etwas besonde res haben. Wie aus Deinem Schreiben zu entnehmen ist, hat er ja allgemeinen Anklang gefunden. Auch ich werde wohl Gelegenheit haben, wieder einmal an einem solchen Genuss teilzunehmen. Ich für meinen Teil will dabei zusehen, daß Deine Butter- oder Fettreserven nicht gar zu sehr angegriffen werden. _  Günstig ist es für Dich, daß die Kinder jetzt schon allein zum Baden gehen können, denn es ist doch schon etwas wert, wenn man sich sagen kann, sie sind den Dingen soweit gewachsen, daß ihnen unter normalen Umständen nicht zustoßen kann. Und daß sie vorsichtig sind, das glaube ich wohl annehmen zu dürfen. Aber sage einmal, das läßt sich doch machen, wenn Ihr mit dem Omnibus bis Staad fahrt, dann ist es doch nicht so weit zum Laufen.  Überlege Dir das einmal. Praktischer wäre es allerdings, wenn Ihr alle Räder hättet, dann könntet Ihr zusammen hinausfahren. Ich denke aber, daß das schon eine ziemliche Er leichterung bedeutet, wenn Ihr bis dorthin fahren könnt. Zudem habt Ihr dann ganz schön Zeit für Euch. Das war für die Kinder wohl ärgerlich, daß Ingrid hat auf sich warten lassen. Vielleicht wird sie aber nichts dafr gekonnt haben. Du hast sie aber durch begießen vom Fenster aus entschädigt. Das hat ihnen sicherlich auch Freude gemacht. Da fällt mir gerade ein, daß Ihr schon bis zum Tannenhof ein schönes Stück Weges gespart habt, wenn Ihr bis dorthin fahren wollt. Das mußt Du aber selbst genau wissen, was Ihr machen könnt und wollt. Ich kann in diesen Fällen ja nur raten, denn die Ausführung von Entschlüssen liegt ja ganz und gar in Deinen Händen, weil Du Dich immer nach den jeweiligen Umständen richten musst. Das Geld spielt doch keine entscheidende Rolle und diese Kosten sind ja auch nicht so groß, daß man sie scheuen müßte. Ich denke gerade jetzt daran. Ich halte es für günstig, wenn unsere beiden Stromer sich einmal ans Radfahren lernen machen würden. Es ist ja nicht nötig, daß sie nun jeden kleinen Weg mit dem Rad zurücklegen müssen, aber es kann ihnen nichts schaden. Ich bin der Ansicht, daß ihnen ein späteres Lernen die Sache schwieriger macht. Besser wäre  es zwar, ich könnte mich mit dahinterklemmen. Das soll von mir nur eine Anregung sein, die nun nicht gleich durchgeführt werden muß. Wie die Sportwettkämpfe im Stadion verlaufen sind, hast Du mir noch nicht mitgeteilt. Die würden mich interessieren, wie unser Mädel dabei abgeschnitten hat. Was Helgas Wunsch anbelangt, ein Instrument zu erlernen, so habe ich ja schon bereits meine Zustimmung in meinem Wunsch dazu gegeben. Vielleicht bekommst Du irgendwie eine Blockflöte oder eine Harmonika. Da sie sich beim Mundharmonikaspielen schon ganz anstellig gezeigt hat, glaube ich, daß sie schon etwas Geschick dazu hat. Mit unserem Jungen mache ich mir so meine Gedanken. Ich glaube, daß er bei einiger Anleitung zum Malen und Zeichnen schon etwas Talent entwickeln würde. Ich habe auch grundsätzlich nichts dagegen.  Aber der Junge muß einen Ausgleich haben. Ich kann ihn nicht nur allein seinen Neigungen leben lassen, denn er braucht etwas Härte. Die kann er in diesen Jahren nur durch Turnen oder etwas Sport erwerben. Versuche doch einmal, ihm das Turnen in Verbindung mit dem Zeichenunterricht schmackhaft zu machen. Daß er jetzt ein Instru ment erlernen soll, ist nicht ganz so wichtig. Ich will nur, daß er etwas erfüllt bekommt, was er schon gerne tut, damit er sieht, daß wir Verständnis für seine Wünsche haben. Wir wollen da elastisch genug sein, denn verweichlichen soll er uns ja nicht. Es dreht sich schließlich nicht um uns, denn er hat ja das Leben vor sich und soll doch von uns so viel wie möglich mitbekommen. Wir wollen uns auch nicht eines Tages sagen lassen, daß wir dies oder jenes versäumt hätten. Welche Entwicklung er nun endg ültig nehmen wird, das stellt sich ja erst in einigen Jahren heraus, denn seine eigentlichen Stärken kenne ich noch zu wenig. Ich hoffe, daß ich Dir mit meiner Darstellung die Dinge etwas klarer gemacht habe, und daß Du in der Lage bist, unseren beiden Stromern damit auch weiter zu helfen. Nimm Du mein liebes Mädel viele herzli che Grüße und Küsse entgegen und sei versichert, es denkt an Euch Drei immer Dein Ernst. 

Mein liebes, gutes Mädel !                                                                     12.6.43
        


Heute haben wir nun Pfingstsamstag und ich muß so an die Zeit in  Friedensjahren  denken. Was hat man da alles für Vorbereitungen getroffen, um  über die Feiertage  ins Freie zu kommen. Seit Ausbruch des Krieges sind wir nie an  diesem Feiertag beieinander  gewesen. Wir gaben aber die Hoffnung nicht auf, daß uns dieses  Glück wieder einmal  beschieden wird. Aber legen wir diese Gedanken beiseite und  hoffen weiterhin auf eine  Besserung der Lage zu unseren Gunsten. Gestern traf mit reich licher Verspätung  der letzte Rundbrief Deines Vaters bei mir ein. Ich war etwas in  Schreibstimmung  und habe ihn darum gleich beantwortet. Es ist etwas reichlicher ausgefallen, als ich mir vorgenommen hatte. Ich hoffe darum, daß er damit zufrieden sein wird. Was sein Schreiben an Dich anbelangt, so wundere ich mich ja nicht, wel chen Ton er anwendet um seiner Lotte die herrliche Gegend zu zeigen und sich an ihrer Freude zu erfreuen. Was zwar die Anfrage wegen des Kochens anbelangt, so muß ich nochmals auf meinem Standpunkt bestehen bleiben. Es geht nicht, daß Du nun die Kochfrau machst, damit die Frau Lotte spazieren gehen kann. Ich kann das nicht dulden, daß Du Deine Freizeit und vor allem Deine Gesundheit noch stärker beanspruchst. Ich warte nur Deine Antwort ab auf meinen letzten Hinweis. Wenn er selbst etwas auf Deine Antwort schreibt, was mir nicht paßt, dann werde ich ihm ganz unverblümt schreiben, was ich als Mann die Pflicht habe. Du wirst verstehen, daß ich eine Verantwortung habe, die ich nicht übersehen darf. Gefreut hat mich die Fürsorge von Helga für Dich. Daß sie sich  schon mit der Zubereitung des Essens als so geschickt erweist.  Das ist für mich in mancher Hinsicht eine Beruhigung, denn wenn es einmal notwen dig wäre, dann kann sie Dir doch zur Hand gehen. Ich muß ihr mein aufrichtiges Lob aussprechen. Wenn sie schon Strümpfe stopfen erlernt hat, dann kann sie mich einmal besuchen und sich ab und zu darüber hermachen. Ich selbst habe es zwar noch nicht machen brauchen, aber hier haben die Leute ihre eigene Methode. Noch interessanter war es zwar auf dem Land. Ich kann Euch nur sagen, daß Ihr diesen gegenüber noch weit im Nachteil seid. Man macht es hier viel geschickter. Stopfen ist gar nicht notwendig, man schneidet einfach die Löcher heraus und schon ist der Strumpf wieder ganz.  Ich glaube mich entsinnen zu können, einen Strumpf mit Hacken gesehen zu haben, die sind gleich herausgeschnitten. Das sieht sehr vorteilhaft aus und kann nicht mehr kaputtgehen. Ja, das staunst Du. Ich hatte aber doch einige Bedenken, meine Strümpfe dort in Arbeit zu geben. Die Leute haben dafür kein Verständnis. Mit mühe und Not können sie höchstens ein Stück darüber nähen oder das ganze Loch zusammennähen. Das klingt unglaublich, aber es ist so. Die Angelegenheit mit dem Bett hat also auch ihre Erledigung gefunden. Aber mein Trick ist mir gelungen und Du bist darauf hereingefal len. Mehr wollte ich ja auch nicht. Du wirst sagen, das ist doch ein schadenfroher Kerl. Ist halb so schlimm. Was macht denn das „Leistungsabzeichen“ von unserem Jungen? Hat er es denn nun erworben? Es schadet nichts, wenn sich die Jungen mit solchen Dingen beschäftigen. Ich finde es ganz nett, wenn sich die Jungen gegenseitig kamerad schaftlich helfen. Das hat alles für unseren Jörg auch den Rahmen der Freiwillig keit, darum ist er sicher auch ganz gerne dabei. Freude macht es mir vor allem, weil sie sich etwas mit Sport beschäftigen. Das Laufen und Weitspringen soll er nur fest mitma chen. Gegen diese Dinge habe ich nichts dagegen, denn sie sind noch rein kindlich und solange sie sich in diesem Rahmen beschäftigen, ist er keinen anderen Gefahren ausgesetzt. Der andere Speck und der Zucker ist also auch eingetroffen. Dann sind alle Päckchen, die ich vom Land geschickt hatte in Deinen Besitz gelangt. Ich weiß, daß Du für alles Verwendung hast und daß alles seinem Zweck zugeführt wird. Es ist mir immer eine Genugtuung, Euch diese kleinen Freuden zu bereiten. Bleibt mir, meine Lieben, alle gesund und verlebt die Pfingsttage froh und gesund, wie ich es Euch bereits gewünscht habe. In Gedanken bin ich bei euch. In Liebe mit vielen Grüßen und Küssen bin ich Dein Ernst.

Brief 430 vom 09./10.06.1943


Meine liebste Annie !                                                                            9.6.43      
  
 

Zuerst vielen Dank für Deine beiden Briefe vom 28. und 30.5., die mir gestern zugingen. Meine Post vom Land trifft also nach und nach bei Dir ein. Das freut mich. Du mußt zwar immer etwas länger warten, aber ich hatte Dir ja geschrie ben, daß es unzweckmäßig wäre, wenn ich jeden Tag meinen Brief abgesandt hätte. Sie wäre doch zur gleichen Zeit in Deinen Besitz gekommen. Jetzt ist es ja wieder anders, und ich hoffe, daß Dich nun wieder laufend meine Briefe erreichen. Die Verpackung der Eier hat mir diesmal einige Schwierigkeiten gemacht, weil ich kein geeignetes Packmaterial da hatte. Ich habe sie aber heute an Dich abgesandt. Glücklicherweise hatte ich noch zwei Kartons von Dir, die habe ich dazu verwendet. Ich will hoffen, daß sie alle gesund in Deine Hände kommen. Die Päckchen tragen die Nummern 12 und 13. Für die nächsten Eier habe ich wahrscheinlich wieder Kisten, so daß es etwas einfacher ist. Man muß sich immer erst die Sachen besorgen, aber das ist ja nicht so schlimm. In den letzten Tagen war ich ziemlich mit Dienst in Anspruch genommen, so daß ich nicht einmal dazu gekommen bin, an Siegfried zu schreiben. Ich will aber versuchen, es heute noch nachzuholen. Seit ich vom Land zurück bin, war ich dienstlich ziemlich in Anspruch genommen. Wahrscheinlich wird sich das nun bald ganz geben, denn über unserem Einsatz liegt noch tiefes Dunkel, obwohl die verschiedensten Parolen herumgehen. Danach werden wir vom Mittelmeer bis nach Norwegen eingesetzt. Das sind ja weiter keine Entfernungen. Aber nicht nur die vertikale sondern auch die horizontale Richtung erfreut sich großer Beliebtheit. Vom Atlantik bis zum Osten ist kein Ort sicher, an dem wir verwendet werden sollen. Ich mache mir vorerst keine Gedanken, denn ich muß mich schließlich doch mit dem abfinden, was sich ergibt. Deine Frage, ob mir es nicht langweilig wirkt, wenn du mir von Eurem Tagesgeschehen erzählst kann ich nur dahingehend beantworten, daß ich mich immer freue, wenn ich lese, was Ihr den Tag über angestellt habt. Du kannst mir aber auch einmal speziell von den Kindern schreiben, was sie erzählt habe, wie Du das schon oft getan hast. Nein, mache nur so weiter und es ist bestimmt nicht am Platz, daß Du jetzt etwa Deinen Stil und Deine Art  änderst. Gefreut hat mich Deine Nachricht, daß wieder zwei Päckchen eingegangen sind. Es ist täglich immer eine kleine Sorge: Mit Schokolade von hier hatte ich ja noch kein großes Glück. Umso mehr hat es mich deshalb gefreut, daß diese eine Sendung richtig eingetroffen ist. Daß die Kinder Abnehmer für die gefüllte sind, das konnte ich mir denken, denn von der anderen waren sie von je nicht groß einge nommen. Es hat mich gefreut, Euch damit eine kleine Abwechslung zu bieten, und ich lese, daß alles bei Euch auch vollen Anklang gefunden hat. Die Tabakwaren verwende dann so, wie Du es mit mitgeteilt hast. _ Was macht Ihr denn nur für Sachen. Wenn man nicht daheim ist und auf Euch obachtgibt, dann klappt es nicht. Das kann man wieder einmal ganz klar ersehen. Früher, wo ich daheim war, hat bei uns doch die Erde nie gewackelt. Jetzt fangt Ihr nun mit solchen Mätzchen an. Ist das notwendig? Ich glaube wohl nicht, daß Ihr Euch aber innerhalb so kurzer Zeit gleich zwei Erdbeben leistet, das ist doch zuviel. Wichtig ist nur, daß kein Schaden dabei entstanden ist. Aber das ist bei uns dort unten für Deutschland ein Gebiet, was darunter zu leiden hat. Vor allem  in der Gegend des Untersees und dann das ganze Gebiet hinunter bis nach Heidelberg. Voreilige Leute werden und wieder Gelegenheit haben, dies als bestimmtes Vorzeichen zu werten. Mich würde es jedenfalls nicht wundern. Ich grüße Euch, meine Lieben, alle recht herzlich und bin mit vielen Küssen an Dich und die Kinder Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel !                                                                          10.6.43    
       


An Post erhielt ich gestern Deinen Brief vom 31.5. und eine Karte von der Taufe der kleinen Ursula. Ich muß schon sagen, daß ich etwas erstaunt war, nachdem ich von der Einstellung Siegfrieds zu den kirchlichen Dingen glaubte, anderer Meinung sein zu müssen. Überhaupt hat die Karte, so kurz wie sie ist, sehr interessante Punkte. Da waren also alle beieinander. Dein Vater und Alice, seine Frau und die Frau Kühn, sogar der Herr Pfarrer hat unterschrieben. Ich muß nur feststel len, daß wir ganz schlechte Christen im Laufe der Jahre geworden sind. Was da für bewegende Gründe vorliegen weiß ich ja nicht, und ich werde von mir aus nichts dazu schrei ben. Ich will da keine Kritik üben, denn wenn wir tatsächlich noch einmal in diese Lage kommen sollten, dann könnten wir nicht viel anders handeln. Den christlichen Schliff zu verabreichen müssten wir zwar in diesem Fall den Pfarrern überlassen, weil wir von uns aus keinen so großen Wert darauf legen. Es steht zwar ziemlich eindeutig bei uns fest, daß wir keine Heiden sind. Aber es ist ja genau so klar, daß wir keine Kirchenchristen sind, wie sie sich die Pfarrer gern wünschen. Lassen wir das, denn wir sind uns ja darüber einig, wie wir in dieser Beziehung mit unseren Kindern vorgehen wollen, und wir glauben auch zu wissen, was ihnen zuträglich ist. Denn unserer Verantwor tung, sie in diesen jungen Jahren zu leiten, sind wir uns wohl bewusst. Später gehen sie doch ihre eigenen Wege, die wir dann nicht mehr in diesem Maße beeinflussen können.   Ich wünschte  nur, daß ich ihnen auch dann immer noch so viel geben könnte, um  ihnen den richtigen  Weg zu weisen. Meist ist es ja so, daß die Kinder sich selbst  durchbeißen müssen,  um zu den Erkenntnissen zu gelangen, die wir ihnen durch Erfah rung wohl mitteilen  könnten, die sie aber ihm Moment nicht als solche erkennen,  sondern dies als Schulmeisterei  betrachten. Darum ist mein Wunsch, ihnen in diesen Jahren später  immer soviel Freund  zu sein, daß ich für ihre Belange genau so ein Verständnis habe,  wie sie auch erfahren  müssen, da es im Leben nicht immer so geht, wie man sich das  immer erst so gern  vorstellt. Ihnen hierbei Helfer zu sein, ist wohl eine der  schwierigsten Aufgaben, die  einem Erziehungsberechtigten auferlegt wird. Das sind zwar Dinge,  die jetzt noch nicht  spruchreif sind, aber wenn ich die anderen Jahre jetzt zurück blicke, dann sind diese  so schnell vergangen, so daß man sich jetzt schon bald langsam  damit beschäftigen  muß. Ich bin heute auf ganz anderes Sachen gekommen, als ich erst  eigentlich beabsichtigt  hatte. Aber es ist kein schade, wenn man sich einmal darüber  unterhält. Was Du  nun in dem einen Brief schreibst, daß es angenehmer sei, in der  Sporthose herumzulaufen  als in dieser dicken Kluft, das ist wohl wahr. Ich habe das jetzt  besonders wieder  gespürt, denn bei uns herrscht jetzt eine Hitze wie in den Hunds tagen. Jeden Tag  bin ich ein paar mal durchgeschwitzt. Das ist schon nicht mehr schön. Wenn ich dann etwas freie Zeit habe, dann greife ich gern auf die Sporthose zurück, denn das ist schon wesentlich angenehmer. Die Speisezubereitung würde auch bei Dir weniger Anklang finden. Das kann ich mir vorstellen. Aber für saure Gurken wärst Du zu haben. Das wäre ja auch zu ertragen. Mit den Sonnenblumenkernen ist das so eine eigene Sache. Diese werden doch etwas geröstet, und dann schmecken sie wie andere Nüsse. Es  ist zwar eine mühevolle Arbeit, aber immerhin, wenn man wie dort keine Beschäftigung hat, dann kann man diese Betätigung sogar als unterhaltsam und angenehm empfinden, vor allem, wenn man nichts anderes hat. Das Spucken der Schalen macht ja den meisten Spaß. Aber das ist nicht so einfach wie das aussieht. Ich bekenne ehrlich, daß ich mich noch zu den Laien zähle und noch kein Spezialist geworden bin. Was nun Deinen Durchmarsch anbelangt, so sehe ich schon, daß ich Dir für solche Fälle einige Opiumtabletten beschaffen muß. Aber auch Kohletabletten , die in jeder Apotheke erhältlich sind, helfen dagegen. Ich schreibe Dir das nur, damit Du Dir einmal helfen kannst, wenn Du jetzt wieder in diese Verlegenheit kommen würdest. Wie ich habe lesen können, hast Du so den richtigen Geschmack wegbekommen, wie einem dabei zumute ist. Das kann einem schon ziemlich anhängen. Ich hoffe aber fest, daß es Dir inzwischen wieder gut geht. Mit vielen herzlichen Grüßen und Küssen für Dich und die Kinder und auch Vater bin ich immer Dein Ernst.

Brief 429 vom 07./08.06.1943


Meine liebste Annie !                                                                             7.6.43    
      
Als Neuerung ist heute zu verzeichnen, daß wir nicht mehr Kriegsverwaltungsbeamte sondern Militärverwaltungsbeamte geworden sind. Es ist mir noch nicht ganz klar, ich glaube aber, daß diese Änderung eine Stärkung unserer Verhältnisses bedeutet. Die ganze Veränderung stellt jetzt einmal ziemlich klar fest, was wir sind und welche Dienststellung wir einnehmen. Eines ist zwar immer noch nicht geklärt und das ist das, ob wir bei dieser Tätigkeit Kriegsdienst leisten wie die anderen Soldaten oder nicht. Diese Entscheidung hat sich der Führer vorbehalten bis zum Kriegsende. Warum dieser Unterschied gemacht wird, ist mir noch nicht ganz klar, denn sonst ein Unteroffizier oder Mann , der während des ganzen Krieges auf einer Heimatdienststelle tätig ist, für den steht das klar und eindeutig fest, daß er Kriegsdienst leistet. Wir, die wir uns nun schon jahrelang in aller Herren Länder herumdrücken, wir sollten nun nicht die gleichen Rechte haben, das kann ich kaum glauben. Es hat aber jetzt keinen Zweck, wenn man sich um des Kaisers Bart streitet, aber es ist unvermeidlich, daß einem in diesem Zusammenhang sich unwillkürlich derartige Gedanken aufdrängen. Du kommst noch einmal auf die Antwort von Dr. Bundschuh zurück, die er Dir auf Deinen Frage gegeben hat, wegen der Gesichtsflecken. Das mag wohl sein, daß der Ton die Musik macht. Aber trotz allem , oder gerade deshalb, weil wir nicht so zufällig zu ihm hinkommen, hätte ich eine andere Antwort von ihm erwartet. Er hätte Dir klipp und klar sagen können, daß Dir dies nicht zuträglich ist oder was sonst der Fall ist. Wenn Du schreibst, daß der eine Fleck sich verringert, dann ist es eben so, daß sich auch ein Arzt irren kann. Also ist mein Einwand nicht ganz unbegründet. Aber ich habe ja bestimmt nicht die Absicht, deshalb einen Streit vom Zaune zu brechen. Was Deine Klage wegen der Päckchenmarke anbelangt, so ist dieser Schmerz inzwischen wohl beseitigt, weil wir diese ja doppelt bekommen haben. Andererseits gibt es ja doch nicht soviel zu schicken, so daß Du damit wieder reichlich auskommen wirst. Du fragst bei mir an, wie man eine Dichtung an den Wasserhahn anbringt. Das ist an sich nicht schwierig. Erst muß man einmal im Keller abstellen. Dann schraubt man oben auf und nachdem unten die Mutter gelöst ist, hebet man den ganzen Teil heraus.  Ich weiß aber, daß ich damit kein großes Glück hatte, denn bei der einen Schraube hatte sich so viel Rost angesetzt, daß mir die Schraube zum Teil wegbracht. Ich halte es daher für sehr zweckmäßig, wenn da ein Fachmann kommt und dies richtig in Ordnung bringt. Er hat das richtige Handwerkszeug dabei und kennt sich zudem besser aus. Außerdem hat er alle Ersatzteile bei sich, die wir ja erst kaufen müssen.  Darum lasse deshalb die Finger davon und mache es, wie ich Dir rate. Ja, mit dem Durchmarsch, das ist eine unangenehme Geschichte. Ich kenne da. Daß Du aber nun den Ehrgeiz besitzt, um auch gleich fotografiert zu werden, das grenzt doch an Eitelkeit. Musst Du denn auch alles haben, was mit wiederfahren ist? Ich hoffe aber, daß alles auch ohne Fotografieren vorübergegangen ist. Ich kann Dir verraten, daß das auch nicht dagegen hilft. Aber ich kann mir denken, wie Du gesprungen bist. Die Geldangelegenheit geht nun vollkommen in Ordnung. Ich denke, daß Vater nun befriedigt ist. Ich konnte es mir ja denken, aber nun hat Vater wenigstens die Bestätigung und seine Ruhe auch wieder. Mit war das deshalb unverständlich, weil ich mir sagte, daß man doch von dortiger Seite damit rechnen muß, daß die Angehörigen sicherlich genau darauf achten, daß alles in Ordnung geht. Daß Du auf die Zeitungsanzeige keine Antwort bekommen hast, ist nicht so schlimm. Man hat diesen Versuch unternommen, und man kann sich dann mit ruhigem Gewissen sagen, daß man das  getan hat, was zu tun möglich war.  Sonst hätte man sich im Stillen immer wieder gesagt, hätte man doch eine Anzeige aufgegeben. Nun geht alles wieder klar. Vielleicht kann sie dann auch ab und zu mit dem Omnibus fahren, wenn es notwendig ist. Recht viele liebe Grüße und herzliche Küsse Dir und unseren beiden Stromern. Dein Ernst.  

Mein lieber Schatz !                                                                                  8.6.43  
           
Regelmäßig treffen von Dir die Briefe ein. Heute bekam ich die vom 28. und 30.5. Vielmals danke ich Dir dafür. Ich bin zwar mit den anderen noch nicht ganz auf dem Laufenden. Ich hoffe aber, daß ich es heute schaffen werde. Darum nehme ich auch gleich die Anregung auf, die Du  mir wegen unserer Helga gegeben hast. Ich kann Dir nur zustimmen, wenn Du Ihr ohne weiteres behilflich ist und ihr sagst, daß sie mit ihrer übertriebenen Wahrheitsliebe sich selbst ins Unrecht setzt. Es handelt sich doch darum, daß sie nun tatsächlich am betreffenden Tag diese oder jene Aufgabe gelernt hat. Es kommt doch in diesem Fall darauf an, daß sie das beherrscht, was von ihr verlangt wird. Sie lügt ja dann auch nicht, denn es ist doch nicht notwendig, daß sie eine Sache, die sie kann, nochmals intensiv lernt. Wenn sie sich gewiss ist, daß sie das kann, braucht sie ja nur nochmals darüber hinwegsehen, dann hat sie ihrer Pflicht unbedingt genügt. Sie muß deshalb ihr Vertrauen zu sich selbst nicht verlieren, dann klappt es schon. Das ist sogar sehr wesentlich. Vielleicht noch wichtiger ist dies als das übermäßige Lernen, denn davon paukt man sich nur den Kopf voll und man verliert die Klarheit. Sage ihr das nur einmal, wie ich darüber denke. Ich will ihr doch nach Kräften nur behilflich sein. Interessant finde ich den Ausspruch von Ingrid, daß sie es nicht nötig hätte, aufs Land zu gehen, denn sie ginge ja auf die Höhere Töchterschule. Du wirst da wohl ja recht haben, daß sie das von ihrer Großmutter abbekommen hat. Unserem Mädel hast Du ja gleich einen ordentlichen Dämpfer aufgesetzt.  Ich glaube aber auch so, daß sie uns in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten bereitet. Ich halte das bei ihrer sonstigen Veranlagung für ausgeschlossen. Aber ein solcher Aufenthalt könnte ihr nichts schaden. Du kannst aber immer noch in Erwägung ziehen, was ich wegen Nannie vorgeschlagen habe. Aber man sieht aus der ganzen Art, wie man ein Kind zu ganz falschen Anschauungen verhilft, denn dieser Einfluss ist doch nicht geeignet, ihr das Leben nahe zu bringen, wie es sich für einen Erziehungsberechtigten gehört. Ob da Fritz damit einverstanden sein wird? Aber ich glaube, daß er gegen die Schwiegermutter nicht viel sagen wird, weil er deshalb nicht mit ihr in Zwist kommen will. Mit der Schwächlichkeit von Ingrid ist es doch halb so schlimm. Das ist doch nur eine Finte. Aber die Ansicht von unserem Mädel ist gesund und ich freue mich darüber. Sie wird es darum auch schaffen, da habe ich keine Bedenken. Im übrigen soll sich die Lehrerin nicht so aufblasen. Denn  das „In-die-Schule-Bestellen“ ist nicht so einfach. Sie muß nämlich damit rechnen, daß die Eltern auch noch ein kleines Wort mitreden. Schließlich kennen wir ja unser Kind und dessen Veranlagungen besser. Im allgemeinen soll sie sich aber zusammennehmen, damit sie keine Anstände hat. Heute habe ich mir eine große Ausgabe erlaubt, rein für mich persönlich. Ich habe mir bei uns hier eine Brieftasche gekauft. Was sagst Du dazu? Sie ist aus Leder und schwarz. Ich halte sie für zweckmäßig und ordentlich. Der Preis ist den gegenwärtigen Preisen entsprechend.  Ich habe 17,-RM dafür bezahlen müssen. Aber das ist ja nicht so schlimm. Ich habe bestimmt meine Freude daran, denn bisher habe ich solch Instrument noch nicht besessen. Es ist zu schade, daß man das Boot nicht verwenden kann, denn die Lagerung ist doch auf die Dauer auch nichts. Man müsste es wieder einmal einwachsen.  Aber diese Sachen bekommt man ja jetzt nicht mehr. Ganz abgesehen davon, kann man jetzt auch schlecht auf dem See fahren. Meines Wissens kann man ja nur den Überlinger See benutzen. Aber zu einem Verkauf kann ich mich auch nicht entschließen. Die paar Mark könne uns auch nichts nutzen, denn darauf sind wir bestimmt nicht angewiesen. Ob sich das machen läßt in der gegenwärtigen Zeit weitere Abzüge zu fertigen. Du wirst ja sehen. Welches Bild beabsichtigst Du dann hinzugeben? Man sollte aber doch einmal hinsehen, ob das Boot noch an Ort und Stelle ist und daß es nicht von anderen Leuten benutzt wird. Man hat so gar keine Ahnung. Es wäre ja äußerst zweckmäßig, wenn Man hat so gar keine Ahnung. Es wäre ja äußerst zweckmäßig, wenn ich mir das einmal selbst ansehen könnte. Du wirst mir ja schon schreiben, was inzwischen geschehen ist. Recht viele herzliche Grüße und Küsse sende ich Dir und den Kindern und bin immer Dein Ernst.

Brief 428 vom 05./06.06.1943


Mein liebster Schatz !                                                                            5.6.43  
      
Vor lauter Trubel und Änderungen und rückliegender Arbeit, die noch erledigt werden muß, weil ich doch die ganze Zeit weg war, habe ich ganz vergessen, daß ja die Pfingsttage herankommen. Ich hätte es bald übersehen. An solchen Tagen will ich Dich und die Kinder nicht ohne Gruß lassen. Darum wünsche ich Dir und den Kindern einige schöne und ruhige Tage, an denen Du Dich erholen kannst. Läßt es sich dann nicht ermöglichen, daß Ihr einmal wegfahrt und unterwegs irgendwo esst? Das macht doch nichts aus, wenn das auch etwas kostet. Dann wäre doch für Dich einmal Feiertag. Sollte Dich mein Schreiben noch rechtzeitig erreichen, dann überlege Dir das einmal. Ich glaube aber schon, daß Du allerhand gewichtige Gründe entgegenzusetzen hast. Entspanne Dich und wenn es das Wetter nicht zulassen sollte, dann ruhe Dich schön aus. Ich kann Euch heute leider nichts weiter dazusenden, was ich aufrichtig bedauere. Verlebt die Tage so schön wie möglich und bleibt mir immer gesund, das ist mein oberster Wunsch, den ich für Euch immer habe. Auf Deine weiteren Schreiben eingehend kann ich heute erst mich einmal zu Deinen Bemerkungen über den Garten und den Baum äußern. Das mit den Blättern wird auch durch Ungeziefer hervorgerufen. Man sollte wohl dagegen spritzen, aber wie ich gelesen habe, gibt es nur Ersatzspritzmittel, und diese in beschränktem Maße. Dieses Erscheinen des Viehzeugs ist aber durch die Witterung bedingt und wird entweder gefördert oder nicht. Gegenwärtig kann man also nicht weiter viel dagegen machen. Über die Brombeeren kann man sich dann wieder freuen. Es hat vielleicht doch etwas genutzt, daß man sie in diesem Jahr kürzer gehalten hat. Denn wenn sie Jahr für Jahr so lange Schösslinge treiben, dann werden sie nicht die Kraft haben, diese auch noch zur Blüte zu bringen. Also weiter guten Erfolg. Die Anzeige in der Zeitung habe ich gelesen. Ich schließe mich auch ganz Deiner Meinung an, daß man sie vielleicht später einmal wiederholen kann, falls sich kein Erfolg zeigen sollte. Für Helga wäre es entschieden günstiger, wenn sie eines hätte, denn sie könnte sich viel Zeit ersparen. Wenn es sich jetzt nicht ermöglichen läßt, dann ist das doch nicht so schlimm. Wie ich aus Deinen verschiedenen Briefen feststellen kann, ist sie doch ziemlich durch den HJ-Dienst in Anspruch genommen. Das ist eine der Eigenarten , die unser Junge an sich hat, dieses abends Herumbummeln beim Ausziehen. Wenn er später einmal zum Militär kommt, da wird ihm das aber gründlich abgewöhnt werden. Da wird es manchen Sonderdienst hageln, wenn er sich nicht an die Zeiten hält, die verlangt werden. Das ist nicht so einfach für ihn, wenn er das nicht kann. Ich werde ihn einmal zur HJ stecken, daß er das schon früher lernt. Ich glaube jedenfalls nicht, daß ihm das behagen wird, wenn er dort gehänselt wird. Da muß er sich schon noch tüchtig aus die Hosen setzen. Früher war das ja mit dem Essen bei ihm auch so. Ist das eigentlich besser geworden? Sollte das der Fall sein, dann gebe ich das andere noch nicht auf und hoffe, daß er auch dafür noch das notwendige Verständnis bekommt. Er ist ja in anderen Dingen nicht gerade bummlig, so daß man die Hoffnung nicht ganz aufzugeben braucht. Mit Vater bist Du wieder einmal wegen eines kleinen nichtssagenden Meinungsunterschieds hintereinander geraten. Das kann ich mir denken, wenn Vater da anderer Auffassung ist, wenn es sich gerade um Dinge handelt, die das Land anbetreffen. Aber es ist ja so, daß wir uns jetzt noch nicht darum zu sorgen brauchen, ob Helga zum Landdienst geht oder nicht. Das ist ja nicht das Ausschlaggebende, daß ein Kind einmal Heimweh bekommt, wenn es einmal für eine kurze Zeit aus dem Haus kommt, dann kann es nichts schaden, denn dann lernt es erst, das Elternhaus und das, was damit zusammenhängt, zu schätzen. Wie Du auch ganz richtig schreibst, kommt für ein Kind und für die Eltern doch einmal der Zeitpunkt der Trennung. Wenn dann ein Kind diesen Zustand schon einmal kennen gelernt hat, dann wird es ihn umso leichter ertragen können. Man soll und muß ein Kind zur Härte erziehen, umso besser wird es den Lebenskampf dann bestehen. Eine verweichlichte Pflanze, die dann dem Sturmwind der Zeit ausgesetzt wird, kann diesen dann nicht so leicht wider stehen. Aber lasse Dich nur nicht ärgern, denn Du weißt ja, daß wir die gleichen Grundsätze in der Erziehung unserer Kinder haben. Mit einem Erholungsaufenthalt von Helga wäre ich an sich einverstanden, wenn wir sie irgendwo unterbringen könnten. Ih dachte, ich würde einmal an Nannie schreiben. Es wäre für Helga einmal eine andere Umgebung und sie könnte dann auch manche Eindrücke sammeln. Ich habe Nannie zwar lange nicht gesehen, aber ich sage mir immer wieder, sie ist nicht Paula. Du mußt Dich nun nicht darüber ärgern, wenn ich mit dieser Anregung komme, aber ich kenne niemand weiter und habe sonst auch keinen Bekannten, wo wir sie hintun könnten. Wenn Du anderer Ansicht bist, dann teile mir das umgehend mit. Für Dich wäre das evtl. auch für einige Wochen eine kleine Entlastung, aber wie gesagt, teile mir Deine Ansicht mit und ich werde dann sagen, was wir dann machen. Ich sehe, mit Alice geht es also wieder in Ordnung. Meine Befürchtungen sind also nicht eingetroffen. Geantwortet habe ich ihr ja bereits wieder, so daß alles glatt ist von meiner Seite aus. Was Vaters weitere Tätigkeit anbelangt, so muß er schon selbst wissen, was er zu tun gewillt ist. Man kann ihm ja nur zu dem oder jenem raten. Entscheiden muß er sich selbst. Wenn er sich noch die Urlaubstage verdienen will, dann soll er es machen. Ich denke, daß ich von Dir schon wieder hören werde. Aber ich denke, daß er nicht so auf den Pfennig angewiesen ist, und bei der halben Tagesarbeit auch noch auf seine Kosten kommt. _Für diesmal soll es nun wieder genug sein. Ich bitte Dich, recht viele herzliche Grüße und Küsse entgegen zunehmen. Es denkt in Liebe an Dich und die Kinder immer Dein Ernst.

Mein liebes, gutes Mädel !                                                             6.6.43   
        
 So nach und nach werde ich mit dem Beantworten meiner Post doch durchkommen, wenn ich mich daran halte. Aber ich will jetzt nicht von den Dingen erzählen, die hier so täglich passieren, wie ich das manchmal auf dem Dorf machen mußte, sondern ich habe ja noch reichlich Stoff, der erst verarbeitet werden muß. In gewissen Abständen erhältst Du auch Post, und ich denke, daß sich das jetzt wieder bessern wird, denn von hier aus geht ja die Post regelmäßig weg. Aus solch einem Ort spielen ja die Wegeverhältnisse keine wesentliche Rolle, denn ich denke nur an uns, was wir für Schwierigkeiten hatten nur aus diesem Kaff herauszukommen. Die Post wird ja meist mit diesen schweren Omnibussen befördert, und für die aufgeweichten Landstraßen sind sie nicht zugelassen, denn die Straßen würden sich durch ein Befahren in einem Zustand befinden, der soviel Arbeitsaufwand kostet, was wir uns hier nicht leisten können. Dann stellt man diese Fahrten solange ein, bis es das Wetter gestattet. Auf die Urlaubsangelegenheit Deines Vaters bin ich ja schon eingegangen.  Deine Antwort ist treffend und ich bitte Dich nochmals, bürde Dir nicht zuviel Arbeit auf, denn Du muß Dich schonen und und erhalten. Es geht nicht an, daß sich diese Frau auf Kosten Deiner Gesundheit erholt, denn Du bist viel notwendiger, weil Dir noch Aufgaben harren. Das Leben dieser Frau ist durch die Heirat ja bereits erfüllt, weil ja doch keine Kinder mehr zu erwarten sind. Das klingt vielleicht sehr nüchtern, aber es ist doch so. Wir können diese Angelegenheit aber nur so betrachten. Schließlich ist mir die Erhaltung Deiner Gesundheit wichtiger als die Erfüllung eines Vergnügens Deiner Verwandten oder dieser fremden Frau. Ich bitte Dich, dies immer so zu betrachten. Ich will von mir aus vorerst davon absehen, an Deinen Vater persönlich zu schreiben, solange dies nicht einen Rahmen annimmt, dr mich noch mehr stören würde. Mit unserer Verpflegung ist es hier jetzt so, daß ich es nicht alles schaffe, so reichlich ist es. Noch dazu jetzt in diesen heißen Tagen isst man doch nicht so viel. Darum brauche ich mit gewiss nichts abzusparen, wenn ich Dir Zucker oder die anderen Kleinigkeiten nach hause schicke. Du kannst dies alles getrost verwenden und Dir keine Gedanken zu machen, ob ich auch hier genügend zu essen hätte. Bis jetzt habe ich an meiner Sommerfarbe noch nichts eingebüßt; im Gegenteil, bei der gegenwärtigen Witterung lege ich mich in die Sonne, so oft es nur möglich ist. Das macht mir besonders Spaß. Heute war ich wieder zum Baden. Diesmal aber im Dnjepr. Ich kann Dir sagen, daß hier ein wunderbarer Strand ist. Herrlich feiner Sand, der sich überall dazwischensetzt. Zieht man sich die Hosen an, dann rieselt Sand heraus, nimmt man das Taschentuch in die Hand, dann ist gewiss Sand drin, beißt man die Zähne aufeinander, dann knirscht es bestimmt nach Sand. Kämmt man sich die Haare, dann spürt man, daß man Sand auf dem Kopf hat. Sand, nicht wie Sand. Sich aber dort hineinlegen ist wirklich sehr schön. Aber noch schöner war heute, daß ich den Fluss bezwungen habe. Ich habe ihn in beiden Richtungen durchquert. Ich kann Dir nur berichten, daß mir das wieder einmal ein richtiges Vergnügen war. Teilweise herrscht eine ziemliche Strömung, so daß man ziemlich abgetrieben wird. Ich schwamm mit noch einem Mann, der mir vorher sagte, daß er diese Strecke zurückgelegt hätte. Ich sagte ihm darauf, daß ich das auch können müßte. Als ich dann losschwamm, schloss er sich mir nochmals an. Das macht dann mehr Vergnügen. Du weißt ja, wie das bei uns früher immer war. Bei passender Gelegenheit muß ich das noch einmal probieren. Du brauchst wirklich keine Bedenken haben, denn das ist mich keine Gefahr, weil ich mich dem bestimmt gewachsen fühle. Das ist auch mit der einzige Sport, den ich mit großer Liebe ausübe. Aber jetzt will ich doch Schluss machen mit meiner Schwimmerei. Bleibt mir alle gesund und lieb. Seid recht herzlich gegrüßt und vielmals geküßt von Deinem Ernst.

Brief 427 vom 04.06.1943


Mein liebstes Mädel !                                                                         4.6.43  
         
Ich muß direkt schaffen, um alle die zurückgebliebene Post noch zu erledigen, weil ja laufend von Dir weitere Briefe eingehen. Zwar gestern ist keiner eingegangen, dagegen liegt der von vorgestern und die anderen alle unbeantwortet da.  Aber soweit nicht dabei vordringlich ist, werde ich sie der Reihe nach beantworten.  Daß die Kinder ein Verlangen nach einem Tief haben, finde ich sehr schön, denn das halte ich für eine schöne Veranlagung. Aber wie ich Dir schon einmal mitteilte, liegt es ja im wesentlichen daran, daß unsere Wohnung das nicht ermöglicht. Du weißt ja selbst, daß ich einen Hund gern leiden möchte. Wenn sich unser Junge eine Katze halten will, dann ist das so eine Sache. Bei einer Katze muß man damit rechnen, daß sie doch verschiedenen Schaden anrichten kann, solange sie sich in der Wohnung ausschließlich aufhält. Das liegt nun einmal in der Natur dieser Tiere und da kann man nichts daran ändern. Ich würde ihm gerne diesen Wunsch erfüllen, denn wenn Kinder mit Tieren aufwachsen, dann kann ihnen das nie etwas schaden. Diesen Hund kann ich insofern auch nicht mitnehmen, weil ich ja hier nicht weiß, was mit uns wird, und dann habe ich das Tier bei mir und muß es dann womöglich seinem Schicksal überlassen. Es ist eine Art russischer Schäferhund. Man trifft sie bei uns selten an, aber ich habe schon bei meiner alten Kommandantur einen solchen gesehen, und ich weiß, der war sehr treu und anhänglich. _ Unsere Wasserratte möchte ich jetzt gern einmal im Wasser herumtummeln sehen. Da sieht man erst wieder, was es bedeutet, wenn ein Mensch das Gefühl der Sicherung gewonnen hat, was anzustellen er in der Lage ist. Ich sehe sie noch bei meinem letzten Urlaub neben mir stehen und wie ich ihr zeige, sie soll ins Wasser springen. Wie sie mich immer wieder fragt: “Vaterle soll ich?“ Als ich dies bejahte, wie sie am Anfang zurückschreckte und dann, als ich nicht hinsah, hat sie es doch gewagt. Ich glaube, daß sie seither allerhand Fortschritte gemacht hat. Das ist schön, daß sie sich da so austollen kann. Ich denke, daß es unser Junge ab er auch noch schaffen wird. Er ist eben doch zwei Jahre jünger wie sie. Wenn er fleißig weitermacht, wird es schon zum Klappen kommen. Wenn er dann das Sicherheitsgefühl erlangt hat, dann wird er auch auf den Geschmack kommen und Freude daran haben. Das Bild an Deinen Vater habe ich ja bereits abgesandt. Das andere Bild für Vater werde ich in diesen Tagen für Vater abziehen und Dir dann mit zugehen lassen. Vielleicht kaufst Du einen Rahmen, denn sonst liegt es bei ihm erst herum.  Ich dachte  an solche einfachen Rahmen, denn es soll ja nur aufgehängt werden. Ich weiß zwar nicht, ob es noch sowas zu kaufen gibt. Daß ich die freie Zeit genießen soll, wie Du schreibst, das ist schon recht. Aber ich sagte Dir ja, daß ich mir eben doch Gedanken gemacht habe, daß ich daheim nützlicher gewesen wäre, um dort zu helfen, als hier herumzubummeln. Es ist eben nicht so einfach, und ich kann mich nicht über solche Dinge so leicht hinwegsetzen. Allerdings kann ich es nicht ändern, denn ich muß eben doch herumsitzen, wenn es befohlen wird. Lieb finde ich es von den Kindern, daß sie immer so schön an Dich denken. Diese kleinen Blumensträuße sind doch schöne Zeichen der Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht, ob es andere Kinder auch tun, das spielt dabei ja auch keine Rolle, aber man sieht doch, daß sie an ihr Mutterle denken und sie gern haben. Mit dem Garten hast du auch insoweit Sorgen, daß der Regen nicht so kommt, wie er nötig wäre. Ja, wenn man nicht auf diese Weise interessiert daran wäre, würde man das nicht einmal so beachten und vielleicht manchmal dies nur feststellen, wenn es zu warm wird. Klagen würde man dann, daß man so schwitzen muß. Aber so ist das doch anders, da geht es einem ja um den Erfolg der Arbeit. Wie ich aber aus den späteren Briefen sehe, hat es erst ein wenig geregnet und dann ist es doch noch richtig zum Regnen gekommen. Das Gießen ersetzt eben den Regen bei weitem noch nicht. Das sieht man schon daran, wenn Du schreibst, daß die Stachelbeeren trotz allem abgefallen sind. Ich denke aber, daß noch genügend daran hängen. Wenn die Johannisbeeren schön tragen, dann hast Du ja ganz schön Obst für Euch. Das ist eben auch etwas. Was den Rundbrief Deines Vaters anbelangt, so teilte ich Dir schon mit, daß ich ihn nicht erhalten habe. Wie ich nun weiter von Dir lese, hat er nun direkt bei Dir angefragt, ob Du ihn aufnehmen kannst. Aus Deinem Durchschlag habe ich auch Deine Antwort daraufhin ersehen.  Mit dem Mittagessenkochen muß das schon so gemacht werden, daß diese Frau sich in irgendeiner Form an der Arbeit mit beteiligt. Ich dulde es jedenfalls nicht, daß Du Dich als Bedienung hergibst und diese Frau sich dann auf Kosten Deiner Gesundheit von „ihren großen Strapazen“ erholt. Diese Frau hat nur den Mann zu versorgen und nichts weiter daheim zu tun. Dann geht das auf keinen Fall an, daß Du neben Deinen vielen Arbeiten auch noch diese dazu übernimmst. Wie ich aus Siegfrieds Brief ersehen konnte, soll sie nach seinen Beobachtungen nicht gerade sehr kinderlieb sein und die Kinder, die sich im Hause dort befinden, würden schon von sich aus ihr alle aus dem Wege gehen. Sollte dies zutreffen, dann sehe ich allerdings schwarz, denn wir sind nicht darauf angewiesen, diese Frau kennen zulernen. Ich hoffe nicht, daß es zu irgendwelchen Komplikationen kommen wird. Denn es liegt größte Veranlassung vor, daß Du Dich nicht noch extra ärgerst und daß Du jede  unnötige Aufregung von Dir fernhältst.  Die Art und Weise, wie Du ihm das mitgeteilt hast, ist richtig, und er soll sich daran halten. Wenn ihm etwas nicht passt, dann muß er sich ganz und gar selbst verpflegen, denn Du bist nicht in der Lage, ihnen dort ?   zu bieten, die Ihr alle selbst sehr nötig hättet. Das mag wohl sehr egoistisch klingen, aber in der gegenwärtigen Zeit ist das Notwehr, weiter nichts. Vor allem ist Dein Vater auch nicht so schüchtern, um in dieser Hinsicht seiner Meinung Ausdruck zu verleihen. Wenn er auch einmal schrieb, daß seine Frau die ganze Zeit keine Erholung gehabt hätte. Wer fragt denn danach, ob du welche hast, und Du bist doch bestimmt mehr angestrengt, wie diese Frau. Du kennst ja nun meine Meinung in dieser Richtung und weißt, wie Du Dich in der Hinsicht zu verhalten hast. Jetzt habe ich meinen Briefwechsel, wie Du schon festgestellt hast, wieder auf Handbetrieb umgestellt. Aus dem vorhergehenden Schreiben wird Dir aufgefallen sein, daß ich meine Unterschrift jetzt vollständig in Langschrift ausschreibe. Ich halte es doch für vernünftiger, denn ich denke, daß das doch persönlicher wirkt. Das sind also nur noch kleine Erklärungen zu meinen jetzigen Briefen. _ Bleibt mir gesund, meine Lieben. Ich grüße und herze Euch alle und bin mit vielen Küssen in Liebe Dein Ernst.

Brief 426 vom 03.06.1943


Meine liebe, gute Annie !                                                            3.6.43        
   
Heute will ich Dir, nachdem ich gestern wieder einen Brief vom 23.5 erhielt, Deine anderen Schreiben beantworten, soweit mir das heute möglich ist.  Zuerst will ich aber noch meine Päckchen ankündigen, die ich heute an Dich abgeschickt habe. Es sind zwei große Büchsen Fleisch. In einer kleinen Büchse ist wahrscheinlich auch Fleisch oder Wurst. Dann sende ich noch eine Büchse mit etwas Butter. Den Zucker habe ich auch mit verpackt. Das kleine Säckchen musst Du mir wieder mit zurücksenden, weil ich das wieder brauche. Das Gebäck in der Tüte gehörte zu meiner eisernen Ration, die ich mit gefasst hatte, Ich lasse sie auch mit zugehen und verzehrt sie mit wie auch die Bonbons, und für das Brausepulver wirst Du schon Verwendung haben.
Die Päckchen haben die Nummern 8 bis 11. Ich hoffe, daß Dich alles gut erreicht.
Ich habe mich riesig gefreut, als ich von Dir las, wie die Kinder Dir den Muttertag gestaltet hatten. Das war sehr lieb von ihnen, wie sie an alles gedacht hatten. Wie sind sie denn zu dem Teller gekommen? Das hat ihnen doch ganz schön Geld gekostet, wenn sie diese Sache alle gekauft haben. Ich wundere mich nur, wie sie sich das alles zusammengespart haben. Es sind doch sehr liebe Kerle. Mit den Tomaten wirst Du wohl auskommen, denn das ist ja ein ganz schöner Schwung. Das habe ich hier auch kennen gelernt. Man macht hier die Tomaten ein wie die Salzgurken und verwendet sie dann mit zum Kochen. Ich glaube, daß das Verfahren das gleiche ist. Womöglich kennst Du es schon selbst und ich erzähle Dir damit nichts neues. Aber bei uns ist es ja so, daß sie auch ohne Einmachen alle werden. Ich wünsche Dir jedenfalls recht guten Erfolg damit. Die kleine mitgesandte Marke ist eine Briefverschlussmarke, die ich von Deinem Vater zugesandt bekam. Ich Schlauberger wollte sie auf den Brief zum Muttertag verwenden und hatte sie mir im Umschlag bereitgelegt.
Als ich dann den Brief soweit hatte, habe ich es dann vergessen, sie zu nehmen. So geht es, wenn man nicht richtig aufpasst. Du schreibst mir, daß Du im vergangenen Monat 15 Eier bekommen würdest. Ich habe hier auch 20 Stück erhalten, die ich Dir mit zusenden werde. Ich wünschte nur, sie kommen alle ganz an. Ich werde mich bemühen, sie richtig zu verpacken, denn dann kannst Du Dir die, die Dir normalerweise zugeteilt werden, einlegen und diese für den täglichen Bedarf verwenden. Deine Mitteilung, daß Du mit der Lehrerin von Helga gesprochen hast, hat mich sehr interessiert. Ich ging ja schon aufgrund Deines letzten Hinweises auf diese Angelegenheit ein. Es tut mir für Helga leid, daß sie in dieser Hinsicht nicht so flott ist. Daß sie richtig rechnet, das kann ich mir denken. Sie macht es aber anscheinend nur deshalb langsamer, um evtl. Irrtümern aus dem Wege zu gehen. Ich kann mir darum nicht vorstellen, daß das nun auf die Note etwas ausmachen soll. Es kommt doch ihm wesentlichen nicht darauf an, daß es fix geht, sondern daß es richtig ist. Die Äußerung, daß das Leben hart sei, stimmt durchaus, und ich weiß auch, daß man draußen im Leben nicht auf jeden Rücksicht nimmt und nehmen kann. Aber wenn sie Helga Fehler vorwirft, dann wird sie bei ihrer Veranlagung verwirrt und kommt durcheinander. Sie muß erst noch etwas gefestigt werden, um diese Dinge zu erkennen. Ich glaube, daß sie später darüber dann besser hinwegkommt.
Man braucht und muß sie darum nicht verhätscheln, aber es lassen sich nicht alle Menschen über einen Leisten festigen. Das ist ja entscheidend.  Wie Du mir nun mitteilst, ist es nach Deinem Besuch wieder besser geworden, und ich glaube, daß wir vorerst keine Schwierigkeiten weiter haben werden. Das wir nicht alles von der Schule verlangen könne, das ist ganz klar, aber die Schule muß auch ihren Teil tun, wie wir es ja auch zu tun gewillt sind. Helga muß selbstverständlich auch an sich arbeiten und das wird sie ja auch tun, wenn man es ihr recht vor Augen hält.  Wenn es ihr hier nur zu einer 3 langt, dann ist das nicht weiter so schlimme. Es stört wohl das Gesamtbild, das so ausgeglichen aussieht, aber es lässt sich nicht ändern.  Wenn unser Mädel so weichherzig veranlagt ist, dann ist das eine Sache des Gemüts und eine reine Veranlagungssache.
Wenn sie später einmal mit dem Leben in Berührung kommt und auf sich angewiesen sein wird, dann glaube ich fest, daß sie sich dann auch zurechtfindet, denn wir haben es ja auch alle. Ein Angsthase ist sie ja auch nicht, denn das kann man ja daran sehen, wie sie beispielsweise im Wasser sich bewegt. Das Hineinspringen und Unsinnmachen erscheint zwar beim bloßen Zusehen als Unsinn, aber alles, was man in dieser Beziehung neu dazu lernt, kostet doch eine neue Überwindung und verlangt von Fall zu Fall eine Mutprobe, bis eben das Sicherungsgefühl kommt. Und das sie kein Feigling ist, das erkläre ich mir aus diesen Lebensäußerungen. Hoffen wir das beste für sie, damit sie weiter gut vorwärts kommt unser lieber Kerle. Schönen Dank für die Übersendung des Ahnenpasses. Ich habe ihn mir durchgesehen und ich hoffe, daß ich bald zum Schreiben komme. Sofern ich Antwort erhalte, glaube ich, daß sich noch verschiedenes feststellen läßt. Es genügt vollkommen, daß Du mir das in das Schreibheft geschrieben hast. Nimm es bitte genau mit der Kur, die zum Aufbau Deines Körpers notwendig ist. Man muß schon in normalen Zeiten auf seine Gesundheit immer acht geben, aber in der gegenwärtigen Zeit ist dies besonders notwendig, weil man sich doch nicht so ernähren kann, wie das  im Frieden möglich ist. Sobald Deine Tabletten alle sind, gehe nur gleich wieder zum Arzt, damit nichts versäumt wird.
Wichtig ist ja dabei, nach meinem Dafürhalten, daß Du Dich schonst, soweit sich das irgendwie einrichten Läßt. Ich freue mich immer wieder, wenn Dur mir von Deinen eingeschobenen Ruhepausen schreibst. Ich kann doch daraus ersehen, daß Du Dich doch ein bisschen an meine Weisungen hältst Der  Garten nimmt Dich ja auch immer wieder in Anspruch, denn das Unkraut ist schneller und zahlreicher wie die Kulturpflanzen, aber Helga und Jörg sind ja schon groß genug, um Dir bei der Vertilgung behilflich zu sein. Auch sonst bist Du stark im Garten beschäftigt. Ich habe immer so das Gefühl. daß Dich die Gartenarbeit zu sehr in Anspruch nimmt. Du selbst schreibst es mir ja nicht, aber ich merke es manchmal so aus den Zeilen, oder sollte ich mich täuschen? Unsere Gartenanlage ist auch für eine Frau allen zu groß zu bearbeiten. Ich mache mir darum schon immer Gedanken, daß ich Dir diese ganze Last aufbürde und Dich dabei nicht unter stützen kann. Lasse mich mein heutiges Schreiben bitte abschließen. Ich wünschte nur für Dich, daß Du Dich genügend kräftigen möchtest und dann auch wieder besser den Anforderungen gewachsen wärst. Denn ich kenne Dich zu genau, weil ich weiß, wie gern Du selbst diesen Zustand herbeiwünschst. Ich hoffe, daß Ihr den Umständen entsprechend wohlauf seid. Ich selbst kann das von mir auch sagen. Recht herzliche  und viele liebe Grüße und Küsse sendet Dir und den Kindern Dein Ernst.

Brief 425 vom 02.06.1943


Mein liebster Schatz !                                                                          2.6.43   
          
Meinen letzten Brief wirst Du wohl erhalten haben, in dem ich Dir über unseren Kummer vorgejammert habe. Wir sind nun am 31.5. dort weggerollt und gestern hier angekommen.
Es war ziemlich Mitternacht, so daß ich am Tage nicht einsatzfähig war. Ich hätte Dir gern gleich geschrieben. Ich hole es also hiermit eiligst nach und bitte Dich um Entschuldigung. Es ging dort ziemlich plötzlich weg. Wie ich Dir schon schilderte, hielt uns das Wetter zurück, und es war jeden Tag sehr bedenklich. Am Samstag bekamen wir dann Befehl, daß wir am Sonntag morgen 5 Uhr nach Charkow rollen und von dort, nachdem verladen, mit der Bahn heimwärts fahren. Sollte sich das Wetter noch wesentlich bessern, dann würden wir wahrscheinlich unterwegs mit unseren Wagen von den Waggons herunter und dann weiterfahren. Erst allgemeines Gemurre. Wir waren aber dann doch froh, daß wir verladen hatten, denn unterwegs fing es dann so stark an zu regnen, daß es ganz aussichtslos gewesen wäre, auf der Landstraße zu fahren.
Diese Fahrt bot ohne weiteres eine Neuigkeit, als wir auf der offenen Güterlore unseren Kraftwagen stehen hatten und wir dann draußen frei promenieren konnten und bei Regen waren wir doch trocken untergebracht. Obwohl wir am Anfang sehr gemurrt hatten, waren wir dann doch froh, daß wir auf diese Weise gereist sind, denn wir wären unweigerlich unterwegs stecken geblieben. Wir haben es also geschafft und befinden uns an unserem Standort. Eine Nacht habe ich mich in unserem Kraftwagen zum Schlafen gelegt. Es war nicht gerade sehr bequem. Hinter dem Steuerrad habe ich mich dann hingelegt, die Füße dann über die Sitze. Ich war froh, daß ich nicht gar zu groß bin, denn sonst hätte ich keinen Platz gehabt. Es ist dies die Art der Kraftfahrer, zu schlafen, darum dachte ich, daß ich das auch einmal probieren muß, denn sonst kennt man sich doch in solchen Dingen nicht aus. Nach Mitternacht ist dann der Zug, der über Poltawa fuhr, weitergerollt und das ging auch ganz gut.  Etwas 20 km vor der Stadt fing dann die Bummelei an. Wenn wir so weitergefahren wären, wie am Anfang, wären wir am späten Nachmittag an Ort und Stelle gewesen.  Das hat aber nicht geklappt, und wir sind dann in der Nacht gegen 3 Uhr nach hause gekommen.
Ich fand dann einen ziemlichen Stoß Post vor, der sich angesammelt hatte. Nachdem ich mich erst einmal gesetzt und ausgeruht hatte, habe ich mich dann ans Lesen gemacht.
Über alles habe ich mich sehr gefreut. Diese Briefe werde ich nun nach und nach mit der laufend eingehenden Post beantworten. Recht vielen Dank auch für das Päckchen, das auch mit auf dem Tisch lag. Ich habe mich gleich des Inhalts bemächtigt; allerdings habe ich einen Teil noch da, aber ich hatte einen mächtigen Appetit. Das Brötchen hat die richtige Größe und den Schleier werde ich dann wieder benutzen, sobald die Notwendigkeit dafür vorliegt, mit dem Schal werde ich es genau so machen. Ich komme mir aber bald wie ein Offizier vor, die sonst mit Vorliebe weiße Schals tragen. Das macht ja nun nichts weiter, und ich danke Dir nochmals für alles.
Bei dieser Gelegenheit hätte ich noch eine Bitte an Dich. Schicke mir doch bitte eine Badehose bei einer Deiner nächsten Sendungen mit. Aber bitte nicht die graue, denn mit der kann ich nicht richtig schwimmen, die dehnt sich so sehr. Da fällt mir gerade ein,. Wie war das, hatte ich auch schon meinen Badeanzug vermacht. Wenn das noch nicht geschehen sein sollte, dann kannst Du ihn Helga geben, wenn er ihr passt oder wenn er sich nach entsprechender Umarbeitung für sie verwenden lässt. Auch mit der Badehose kannst Du es für Jörg so machen. Ich hatte doch noch Sporthosen oder auch Badehosen für mich bekommen. Das wäre also diese Angelegenheit.  Erwähnen möchte ich noch, daß von Siegfried ein sehr ausführlicher Brief vorlag und von Deinem Vater die Karte mit der Geburtsanzeige. Siegfrieds Brief lasse ich Dir zugehen nach dessen Beantwortung.
Er hat sehr nett geschrieben. Ich konnte eine ziemliche Übereinstimmung unserer Ansichten über verschiedne Dinge feststellen. Dies hat mich vor allem an seinem Schreiben gefreut.
Daß mit Erna alles gut gegangen ist, beruhigt mich, denn es besteht doch immer eine gewisse Spannung, solang dies nicht vorbei ist. Es ist wohl ein sehr natürlicher Vorgang, aber immerhin ist es keine Kleinigkeit. Nun hat sie es ja geschafft und ich denke, es werden beide froh darüber sein. Von Deinem Vater erhielt ich außerdem noch ein kleines Schreiben, in dem er mir den Empfang des Bildes von mir bestätigt. Dagegen ist der eine Rundbrief noch nicht bei mir eingetroffen und ich glaube wohl, daß er unterwegs verloren gegangen ist. Man kann sich nun deshalb nicht auch den Kopf wegreißen. Ich werde ihm das dann mitteilen. Ich will diesen Brief gleich für heute abschließen, denn durch die Verlegung hast Du einige Tage keine Post bekommen.
Ich sende ihn gleich mit der Luftpost ab, damit die Lücke nicht allzu groß wird. Nimm viele liebe Grüße und recht herzliche Küsse entgegen und teile dies auch unseren beiden Stromern mit. In Liebe Dein Ernst.