Donnerstag, 12. April 2018

Brief 417 vom 12./14.4.1943


Meine liebste Annie !                                                                        12.4.43 
              
Bei der Postverteilung wurde ich nicht mit einem Brief von Dir bedacht. Eine Anfrage in der Ahnensache kam wieder mit einer Mitteilung zurück, die keine größere Bedeutung im Moment hat, die ich aber vielleicht später ganz gut verwerten kann. Es handelt sich hier um die Nachforschung in Großmieglingen.  Dort steht nur fest, daß der Vater Johann Caspar Rosche dort zugezogen ist und das letzte Kind 1735 geboren wurde.
Daraus konnte man entnehmen, daß er seinen Schuhmacherberuf dort nicht lange ausgeübt hat. Auf so einem kleinen Kaff waren sicher die Verdienstmöglichkeiten nicht gerade glänzend. Aber wenn man alles so überblickt, dann kann man feststellen, daß fast alle erstens einmal Handwerker waren, aber nirgends richtig ansässig gewesen sind. Auf was das zurückzuführen ist, das kann man noch nicht so ohne weiteres beurteilen.
Vielleicht läßt sich das später einmal ergründen. Ich will dann einmal sehen, ob das bei den weiteren Nachkommen auch der Fall ist, denn bis jetzt ist nur einer  bekannt und da steht noch nicht einwandfrei fest, ob er nicht noch einen anderen handwerklichen Beruf hatte. Auch von den anderen Linie der Sippen, die in unsere Familie münden ist das ziemlich gleiche Bild. Wenn ich dann dies nach Eurer Linie zu betrachte, so ist das fast dasselbe. Findest Du das nicht auch eigenartig? Je mehr man sich in diese Dinge vertieft, desto interessantere Sachen kommen dabei zum Vorschein. Zwar muß man dazu genügend Material sammeln, um das richtig übersehen und einschätzen zu können. Ich hoffe, bald noch einige Antworten zu bekommen. Zu gern hätte ich das Problem gelöst, ob wir wirklich mit den Hugenotten etwas zu tun haben, oder ob sich alles als ein Märchen, eine Vermutung herausstellt. Du weißt ja, wie der eine Mann, der mir einmal auf meinen Brief geantwortet hatte, die gleiche Überlieferung, die er von seiner Mutter erfahren hat, mitteilte. Man kann solche Mitteilungen, die durch ganze Generationen weiter erzählt werden, nicht so ohne weiteres von der Hand weisen. Aber ich nehme an, daß sich diese bei den nächsten zwei Generationen schon herausstellen würde, wenn die Unterlagen bei den Pfarrämtern vorhanden wären.  Im Kino war ich heute auch wieder. „Die große Nummer“ wurde gespielt. Ich glaube, Du hattest ihn auch gesehen. Er ist ganz nett, aber etwas Besonderes ist er nicht.
Ich habe schon bessere Zirkusfilme gesehen. Vor allem gefällt mir der Schluß mit der Schaukel nicht, weil das zu unwahrscheinlich ist. Aber sonst ist er ganz unterhaltsam.
Dann wurde auch die Wochenschau von Charkow gezeigt. Für denjenigen, der die Stadt nicht kennt, bieten die Bilder wohl nichts besonderes, aber durch den Aufenthalt dort kennt man das eine oder andere Stück davon. Nach den Bildern zu schließen, hat es doch allerhand Zerstörungen gegeben. Im allgemeinen hatte diese Wochenschau sehr eindrucksvolle Bilder. So vor allem vom Heldengedenktag. _ Das Wetter ist bei uns jetzt so komisch. Früh am Morgen strahlt die Sonne hell und klar, und wenn man dann über Mittag ein Stückchen an die Luft gehen will, dann ist es bewölkt. Das ist aber schon seit einigen Tagen der Fall. Das Schlimme ist dabei, man kann nirgends reklamieren. Aber im allgemeinen sehr trocken. Ich denke, daß das für die Landwirtschaft sehr gut und nützlich ist. Man kann doch jetzt nun die Äcker gut bestellen. Das macht doch viel aus, wenn die Arbeiten ungehindert durchgeführt werden können. Aber nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die Vorbereitung der kommenden Operationen hat das seinen Vorteil.  Dir mein Schatz, viele Grüße. Ebenso den Kindern und Vater. Was macht er eigentlich ? Recht herzliche Küsse für Dich und die Kinder füge ich noch bei. Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel !                                                                      14.4.43 
              
Schöne Tage sind nun wirklich angebrochen. Das Wetter ist wunderbar, daß man schon Lust bekommt, einmal zu baden. Ich war auch schon am Dnjepr unten, aber so verlockend es auch von oben aussieht, so wenig einladend ist es auch jetzt schon, zu baden.
Es ist noch verdammt kalt. Aber es scheint im Sommer sich sehr schön baden zu lassen.  denn auf dem jenseitigen Ufer ist ein wunderbarer Strand. Wenn man hinüber will, muß man zwar eine Fähre benutzen, aber das geht verhältnismäßig flott. Die Strömung ist zwar sehr stark und wird etwa der Strömung bei uns an der Rheinbrücke entsprechen.
Bis dies ausgenutzt werden könnte, brauchen wir nicht zu hoffen, noch hier zu sein.
Die allgemeine Tendenz geht ja schon wieder darauf hinaus, daß sich alles langsam verschiebt. Das wird auch bei uns nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. _ Ich lege Dir wieder ein Programm bei von meinem heutigen Theaterbesuch. Es war insoweit interessant, als diese Vorstellung halb deutsch und halb ukrainisch gesprochen wurde. Die Kräfte im allgemeinen sind hier nicht besonders Klasse. Das Singen liegt ihnen nicht gerade sehr. Wenn dann ein ganzes Stück deutsch gesprochen wurde, dann kommt man auf einmal ganz durcheinander, weil man glaubt, man versteht es nicht richtig, und dann merkt man, daß wieder die andere Sprache dran ist. Die Leute können hier doch keine Umlaute und sehr schlecht, und dann vor allem, was am Anfang eines Wortes ein h hat, sprechen. Das klingt dann etwas komisch und regt zum Lachen an, wenn sie zum Beispiel sagen „ginter“ für „hinter“ und zum „Frühling „Fruhling“ Die Leute geben sich bestimmt große Mühe mit dem Sprechen, aber es ist auch nicht einfach, gleich ungeteilten Beifall zu ernten. Die Ausstattung ist hier wesentlich besser , ebenso die Oper selbst , wie in Charkow. Aber rein künstlerisch betrachtet, stand das Schaffen in Charkow auf einer höheren Stufe. Übrigens wurde die Oper in Charkow kurz nach der Einnahme durch uns wieder von uns in Betrieb genommen, nachdem sie in der Zwischenzeit während der Besetzung durch die Russen von diesen bespielt wurde. _ Post habe ich auch heute keine von Dir erhalten. Ich habe darum auch nichts zum Beantworten. Lasse mich deshalb bitte meinen Brief zum Abschluss bringen. morgen werde ich Dir sicherlich wieder mehr schreiben. Ich grüße Dich recht herzlich und verbinde damit recht, recht fest Küsse für Dich und die Kinder.  Dein Ernst.

Mittwoch, 11. April 2018

Brief 412a vom 04.04.1943



Brief 376a vom 02.02.1943







Brief 416 vom 09./11.04.1943


Meine liebste Frau !                                                                           9.4.43 
    
Heute hatte ich mich dazu aufgeschwungen, um endlich den Antrag an das Wehrbezirkskommando wegen Zurückstellung zu schreiben. Ich hatte es fertig und hatte auch schon eine Bescheinigung vorbereitet, die mir meine Chef unterschreiben sollte. Ich hatte dies mit ihm so besprochen. Er ist heute nicht anwesend, so daß ich diese Angelegenheit mit seinem Vertreter erledigen wollte. Zu meiner angenehmen Überraschung sagte er mir, daß er dies mit dem Chef inzwischen nochmals besprochen hat und daß die ganze Angelegenheit nicht von mir aufgenommen werden soll, sondern daß die Dienststelle von sich aus die Sache behandelt. Er sagte noch dazu, daß das insofern besser für mich sei, weil dann dabei nicht der Eindruck erweckt würde, daß ich mich etwa drücken wolle. Denn den Leuten sei ja nicht bekannt, daß meine Dienststelle an meinem Verbleiben hier ein großes Interesse hätte. Mit dieser Wendung dieser Angelegenheit bin ich wirklich sehr zufrieden, denn dadurch komme ich dann ganz aus dem Spiel.  Ich hatte das immer etwas hinausgeschoben, weil mir das selbst etwas peinlich war.  Jetzt habe ich nur noch eine Sache zu erledigen, und das ist wieder einmal etwas mit der Stadt. Den Brüdern kann ich keine Ruhe geben. Ich sprach kürzlich mit meinem Chef die ganze Angelegenheit wieder einmal durch. Er gab mir vor einiger Zeit einige Unterlagen über die Laufbahnvorschriften für Beamte der mittleren und gehobenen Laufbahn. Ich hatte mir das durchgesehen und mußte feststellen, daß es keine großen Möglichkeiten mehr gibt. Ich kann nur noch folgendes tun, ich kann jetzt an die Stadt herantreten und darum nachsuchen, daß ich zum Inspektoranwärter ernannt werde.  Dies müßte an sich nach diesen Bestimmungen vorgenommen werden. Die Stadt muß sich nun entscheiden, ob ich jetzt für diese Laufbahn vorgesehen bin oder nicht. Wenn sie nämlich dann zustimmt, dann kann ich auch ohne Prüfung im kommenden Jahr zum Inspektor ernannt werden. Das will ich aber noch dabei betonen, mir wäre ja viel lieber, wenn ich endlich einmal die Prüfung machen könnte. Aber, wie ich jetzt erst in unserem Verordnungsblatt gelesen habe, wird jetzt durch den totalen Kriegseinsatz keine Lehrgänge mehr stattfinden.
Schon deshalb müßte ich in dieser Hinsicht etwas unternehmen. Das sind alles so Sachen, die man nicht gern macht, aber die sich eines Tages doch nicht mehr verschieben lassen.  Weil ich gerade vom Totalen Krieg spreche, so macht sich dies auch bei uns jetzt hier bemerkbar. Wir bekamen dieser Tage den Befehl, daß jeder von uns, ob Offizier oder Mann, vollkommene Ausbildung mit dem Gewehr und dem MG bekommen soll. Die MG Ausbildung würde mir wieder einmal Spaß machen, weil ich das ja von meiner Ausbildungszeit habe noch können. Täglich soll mindestens eine Stunde geübt werden. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob es nun tatsächlich so strikt eingehalten wird, wie es angekündigt wurde. Das geht ja beim Barras meist so, daß immer viele von diesen Brüdern vorher geredet wird und dann kommt es meist anders. Wie gesagt, mir macht das nichts weiter aus.  Für unsere Kinder füge ich jetzt eine Osterkarte bei, die ein Kamerad hier bei uns gemacht hat. Sie sehen ganz lustig aus. Ich denke, daß sie den Kindern Spaß machen wird. Das wäre für heute einmal wieder alles. Ich grüße Dich mein liebes Mädel vielmals. Grüße auch bitte Vater herzlich  von mir und unsere beiden Stromer auch. Dich küßt viel, vielmals Dein Ernst.

Meine liebste Annie !                                                                     11.4.43        
     
Ich danke Dir vielmals für Deine beiden Briefe vom 2. und 4.4., die mich wieder recht gefreut haben. Ich muß aber schon wieder sehen, daß Du Dir den Tag über viel vornimmst.
Meist kommst Du erst am Abend, wenn  nicht gar erst in der Nacht dazu, mir zu schreiben.
Ich glaube, ich komme doch bald nicht umhin, mit Dir einmal zu schimpfen. Das geht doch nicht, daß Du bei Deinem Kräftezustand immer bis spät in ie Nacht hinein tätig bist. Sei doch vernünftig und gib auf Dich und Deine Gesundheit obacht. Ich muß Dir das immer und immer wieder erklären, bis Du es so verstehst, wie ich das meine und wie ich das will. Ich habe nicht das geringste dagegen, wenn Du Dir das Sofa in die Küche nimmst. Im Gegenteil, es ist ja recht so, daß Du es zur Schonung für Dich brauchst, ist ganz klar und Du weißt, da verliere ich keine Worte darüber. Was damit später wird, darüber lassen wir uns jetzt noch keine grauen Haare wachsen, denn die kommen bei mir schon sowieso ganz von selbst. Zwar nicht davon, daß Du mir Sorge machst, sondern ganz ohne Zutun. Das ist aber eine Alterserscheinung, die sich nun nicht mehr verheimlichen läßt. Nein, nein, ich will dafür keine Komplimente haben.
Das ist nun einmal so.  Es freut mich, daß Du meinen Gedanken, die ich in meinem Brief am Heldengedenktag schrieb, zustimmst und daß sie Dir in vieler Beziehung entgegen gekommen sind. Die ganzen Ereignisse lassen einem manche Dinge in einem ganz anderen Licht erscheinen, wie sie vielleicht vor Jahren aussahen. Aber es wird sich auch einmal sicher wieder die Gelegenheit ergeben, daß man darüber sprechen kann.  Man schreibt wohl darüber, doch es ist immer nur ein Schatten von dem, was man eigentlich sagen will.
Zudem ist man nicht immer in der Stimmung, über solche Probleme zu schreiben.
Es ist zu schwierig und bestimmt nicht einfach zu behandeln.  Das wird für unsere Helga ein Spaß gewesen sein, als sie Dich zum Aprilanfang angeführt hat. Die Gesellschaft achtet ja darauf und sinnt nur darauf, uns „alten Leute“ anzuführen. Aber trotz allen Erscheinungen , die sich nach außen hin bemerkbar machen, fühlen wir uns noch sehr frisch. Darauf kommt es ja schließlich an. Unsere Helga hat es also auch Spaß gemacht, nun den Hund höchstpersönlich auf dem Bild kennen zu lernen. Nach den Geschichten, die ich ihnen geschrieben habe, ist das für sie schon interessanter. So hätte sie ihn vielleicht nicht weiter beachtet. Wenn wir eine größere Wohnung hätten und wenn wir nicht gerade jetzt im Kriege leben würden, hätte ich mir zu gern einen Hund gehalten. Aber aus den angeführten Gründen muß man sich diesen Gedanken aus dem Kopf schlagen. Das wäre sicherlich ein Spaß für die Kinder. Es ist doch für die Kinder nett, wenn sie mit Tieren aufwachsen. Aber es läßt sich nun jetzt einmal nicht durchführen.
Daß die Bilder nicht besser geworden sind, ist sehr schade.  Dieser Film ist hier entwickelt worden. Aber man versteht es hier nicht so wie bei uns in der Heimat. Die Bilder von Weihnachten sind ganz und gar verpfuscht worden. Daß der Film von dem einen Bild bei Dir eingetroffen ist, freut mich. Ich h hoffe, daß er sich zur Vergrößerung eignet. Ich werde ja wieder von Dir hören. Hier einmal ein Foto im Geschäft anfertigen zu lassen, möchte ich deshalb nicht, weil ich nach den anderen Erfahrungen glauben muß, daß das auch nichts wird, und das teure Geld ist dann draußen. Es wäre mir bestimmt nicht leid um die paar Mark, sondern wenn ich mir sagen müßte, es ist für nichts. _ Das ist recht, daß Du am Tag der Wehrmacht wieder aus dem Bau gegangen bist. Ihr habet doch dann etwas gesehen. Bei uns ging das hier verhältnismäßig ruhiger zu. Man hat hier nur fest gesammelt. Im allgemeinen sind wir ja davon verschont worden. Wegen Spenden sind wir noch nicht stark angegangen worden. Ich habe darum auch einige Mark gegeben, weil man ja schließlich auch nicht hintan stehen will. Es kommt ja auch bestimmt nicht auf den Pfennig heute mehr so an, wie bei uns in früheren Jahren. In dieser Beziehung hat sich für uns die Situation geändert.
Ein Schade ist das aber wirklich nicht.  Ich schicke Dir, mein Schatz, recht viele Grüße und Küsse und hoffe mit Zuversicht, daß es Dir nun gesundheitlich wieder so geht, daß Du ohne große Schwierigkeiten Deinen täglichen Aufgaben erledigen kannst.
Recht, recht herzlichen Kuß nochmals zum Schluß von Deinem Ernst. 

Sonntag, 8. April 2018

Brief 415 vom 08.04.1943


Mein liebstes Mädel !                                                                      8.4.43   
         
Ich erhielt gerade Deinen lieben Brief vom 1.4. und ich danke Dir wieder recht dafür.
Vom letzten Schreiben fällt mir aber ein, daß ich noch auf etwas eingehen wollte.
Du schriebst von der Ahnenforschung, daß man nur die Daten hat.  Man schreibt sie wohl hin und zwischen Geburts- und Sterbedatum liegt ein ganzes Leben. Das stimmt und das ist eigentlich alles, was man bis jetzt von diesen Vorfahren weiß. Wenn ich einmal diese große Zusammenstellung habe, dann habe ich ja die Absicht, etwas mehr in die Tiefe zu gehen. Erst vielleicht einmal die Kinderzahl feststellen. Dann müsste man sich einmal mit der dortigen Heimatliteratur beschäftigen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der eine oder andere Name auftaucht. Ich denke beispielsweise nur an die Familie Wahrlich. Wenn dieser Mann die Fähre über die Elbe hatte, dann ist das gerichtlich irgendwie eingetragen. Wann man dies erforscht, so bekommt man schon ein Stück Leben dieses Mannes und dieser Familie. Dann müßte man versuchen, in den Registrierungslisten der Soldaten einmal aus der dortigen Gegend nachzuschlagen. Wie Du weißt, hatte ich ja immer die Absicht, mir eine Landkarte aus dieser Gegend zu beschaffen, um einmal die Wanderung dieser Leute in irgendeiner Form festzuhalten. Es gibt noch verschiedene andere Möglichkeiten, aber erst muß man einmal das Gerippe beieinander haben, ehe man auf die anderen Dinge eingehen kann. Mir macht es ja auch Freude, wenn ich dies so nach und nach zusammenbekomme. Mich kränkt nur, daß es in der Linie meiner Mutter nicht vorwärtsgeht.. Vielleicht kannst Du mir bei Gelegenheit einmal eine Abschrift des Ahnenpasses von Deiner Familie zuleiten, dann werde ich versuchen, in dieser Linie weiter zu suchen. Ich habe schon gesehen, wenn ich den mir  von  Deinem Vater empfohlenen Hugo Michel vor mir habe. Wenn man nicht jemanden hat, der sich wirklich in die Sache hineinkniet, dann hat es keinen Zweck.
Da hat man mehr Schreiberei, und es kommt Am Ende nichts dabei heraus. Ich habe das doch schon verschiedentlich erlebt. Du weißt doch noch, wie ich mit dem Kupfer korrespondiert habe, und wie er mich mit seinen Ratschlägen immer auf die falsche Fährte gelenkt hat. Mit meiner Methode habe ich entschieden bis jetzt mehr erreicht.  Ich vergaß Dir gestern noch mitzuteilen, daß ich von Deinem Vater zwei Sendungen mit Zeitungen erhielt. Die eine Sendung war ein Rundbrief an die Männer vom Elternverein. Davon bekam ich noch von den gebrannten Mandeln mit ab und Rasierklingen. Da sieht man, was es heißt, wenn man einen Schwiegervater hat, der Vereinsführer in einem Elternverein ist. Ich fand es ganz nett, daß er auch an mich gedacht hat, darum will ich nicht spotten. Man sieht den guten Willen. Ich weiß ja, daß es daheim auch nichts gibt.
Aber nun zu Deinem letzten Brief. Ich muß schon sagen, daß Du wegen des Gartens bzw. wegen des Düngens allerhand Lauferei hattest. Ärgerlich dabei ist nur noch, daß die ganze Springerei ohne Erfolg bisher war.  Die Anmeldung von Helga bei den Jungmädels ist nun auch vollzogen. Es entwickelt sich alles so nach und nach und so zwangsläufig, daß man eines Tages nur verwundert ist, wie es doch alles geht, ohne daß man daheim ist. Man ist nicht so notwendig daheim, wie es immer aussieht.
Das ist eine Erkenntnis des Krieges.  Daß Jörg sich allein fertiggemacht hat und ins Bett gegangen ist, das ist bestimmt lobenswert. Sie sind alle beide liebe Kerle Man sieht es an der einen wie an der anderen Äußerung. Sie sind willig und helfen auch, soweit man es eben in diesem Alter verlangen kann. Es sind eben noch Kinder, die man nicht wie Erwachsene behandeln kann.  Ich muß schon sagen, daß das Sparkonto ganz nett angewachsen ist. Es ist doch ein beruhigendes Gefühl, wenn man sich sagen kann, man hat eine Rücklage. Wenn ich Dir den Betrag zugehen ließ, dann kann ich Dir zu Deiner Beruhigung sagen, daß ich nicht auf dem Trockenen sitze. Du kannst mir glauben, daß ich mir schon durchhelfe.  Ich habe ja nichts gegen den Jungen von Paula, aber da sieht man, diese Jungens kommen einmal von dem Tisch ihrer Mutter weg. Die Ernährung ist hier wesentlich anders wie daheim. Man muß dabei noch berücksichtigen, daß Paula doch noch allerhand dazu besorgt hat. Damit hat sie doch das Essen anders gestalten können, wie wenn sie nur auf die Marken angewiesen wäre. Das fehlt selbstverständlich einem solchen Kerl. Dieser Unterschied ist eben kraß. Wir machen das aber schon jahrelang mit. Ich will einmal sagen, ich habe mich schon daran gewöhnt, mir macht das nichts mehr aus. Ich muß wohl nicht exerzieren, aber wie viele Nächte bin ich schon hier gesessen und habe durchgearbeitet. Dann lebt man doch hier draußen in jeder Beziehung unter anderen Bedingungen. Ich denke, daß er sich schon hineinfinden wird. Das geht den meisten so, die hier in den Osten kommen. Bei einem ist es schlimmer und beim anderen wirkt es sich weniger schlimm aus. In dieser Beziehung sehe ich schon mit Bangen dem Sommer entgegen. Man wird das aber auch wieder überstehen, wenn es einem dabei auch manchmal hundeelend ist.  Die Bücher sind ja inzwischen an Dich abgegangen. Vielleicht hast Du diese bald erhalten. Ich habe aber schon wieder welche bekommen. Ich sandte Dir doch kürzlich ein Bilderbuch mit den Menschen von Flandern. Gestern erhielt ich aus dieser Sammlung Köpfe von Schleswig Holstein. Es wird Dir sicher auch sehr gut gefallen. Es ist eine sehr schöne Ergänzung dazu. Du hast ja in letzter Zeit verschiedenes zu lesen bekommen. Ich denke, daß ich Dir damit eine Freude bereitet habe. Früher hast Du ja nicht gern gelesen, das müßte sein, daß Du es Dir in letzter Zeit angewöhnt hast. !! Ich glaube aber, das nicht annehmen zu müssen. Das ist ja kein Schade, wenn das der Fall sein sollte, denn es trägt ja zur Weiterbildung in irgendeiner Form bei. Das kann Dir ja nichts schaden, denn Du wirst es nötig haben, wenn Du auf einmal so wissensdurstig geworden bist. Das war wieder einmal eine willkommene Gelegenheit, Dir eines auszuwischen und Dir die Meinung zusagen. Findest du nicht auch? Ich kann eben einfach nicht davon lassen.
Also bitte nicht krumm nehmen, wenn es zu grob sein sollte. Es fehlt einem ja das richtige Maß dafür.  Ich habe einige Kleinigkeiten, die man so mit verwenden kann, besorgt. Ich denke, daß Du für solche Sachen schon Verwendung hast. Man muß ja in jeder Beziehung auf lange Sicht rechnen, darum muß man sich jede sich bietende Gelegenheit wahrnehmen und das kaufen, was man nützlich verwenden kann. Es sind zwar Kleinigkeiten, aber mitunter fehlen sie einem doch.  Mein heutiges Schreiben möchte ich nun abschließen. Nimm bitte recht viele liebe Grüße entgegen und sei nochmals geküßt von Deinem Ernst.

Brief 414 vom 06./07.04.1943


Meine liebe Annie !                                                                            6.4.43    
     
Vorhin erhielt ich Deinen lieben Brief vom 29.3. Ich danke Dir sehr. Den beigefügten Artikel „Sonderführer und Beamte an die Front zurück“ wurde mir schon bekannt gegeben, als unser Rat vom Urlaub zurückkam. Er war auch aufgrund dieser Schreiberei der Ansicht, daß das für alle zutreffen würde. Wir hatte aber noch nicht davon erfahren.
Wenn etwas derartiges geplant und durchgeführt wird, dann müssen wir hier doch etwas davon wissen. Am vergangenen Samstag war nun der Chef von der gesamten Kriegsverwaltung in allen besetzten Ländern bei uns hier. Dem wurde dieser Artikeln, der mir am gleichen Tag in die Hände fiel, vorgelegt und er sagte, daß das ein Quatsch sei. Die Beamten, die jetzt hier sind, sollen nicht mehr abgelöst werden, weil er sonst für das Funktionieren des gesamten Verwaltungsapparats Befürchtungen haben müßte.
Damit wäre wohl Deine Frage wegen dieses Artikels schon beantwortet.  Das war aber recht, daß Ihr einmal in den Wald gegangen seid. Grüßt ihn von mir, wenn Ihr das nächste Mal hingeht. Ich habe ja gestern in meinem Brief von diesen Spaziergängen von früher geschrieben. Da passte mir das heute noch gerade so. Es ist doch immer schön gewesen. Der Weg nach dem Exerzierplatz oder nach Katherinen oder der Mainau.
Glühbirnen habe ich inzwischen zwei aufgegabelt. Ich weiß zwar nicht, ob sie die richtige Spannung haben. Ich werde sie Dir mit zusenden, dann kannst du ja sehen, ob sie Verwendung bei Dir finden können.  Das war ist aber nett von den Kindern gewesen, wenn sie Dir während Deines Einkaufs in der Stadt alles so schön vorbereitet hatten. Das war sicher lieb gemacht, wenn sie die Blumen um den Teller und die Tasse gruppiert hatten. Es sind doch ganz  aufmerksame Kerlchen, das muß man ihnen schon lassen. Sie erhalten ja keine Anweisung dazu und tun es ganz aus sich selbst heraus.  Uns macht diese Stunde beim Vorrücken der Uhr nun nichts aus. Im Gegenteil.
Abends ist es schön, wenn es ½ 7 Uhr noch hell ist. Früh steht ja hier schon kurz nach 5 Uhr die Sonne am Himmel. Zwar auch nur, wenn sie scheint.  Für uns ist dies wirklich angenehmer. Bei Euch und noch mehr weiter im Westen ist das etwas anders.
Aber in wenigen Tagen werdet Ihr auch darüber hinweggekommen sein.  Daß beim Finger von Jörg keine Komplikationen eingetreten sind, ist ja beruhigend. Aber, wie ich gestern schon schrieb, hoffe und wünsche ich, daß es ihm nunmehr eine Lehre ist. Denn er sieht doch, was er sich mit der Fingerbeißerei angerichtet hat. Man kann dies ja nur wieder Deiner führsorgenden Art zuschreiben.  Mein Brief von gestern habe ich unseren Urlaubern mitgegeben, die ihn dann in Deutschland in den Kasten werfen.
Die Marken kannst Du dann mit aufheben. Es sind welche mit dem Aufdruck von hier gewesen. Bei uns passiert hier eigentlich nichts weiter, was Dich interessieren könnte. Ich habe hier meinen Kameraden, den Sonderführer, darum angehalten, Daß er mich einmal in die Künste des Autofahrens einweihen soll. Da werde ich mich an einigen Mittagen dahinter setzen, damit ich da auch einmal hinter mich bringe. Ich denke, daß das nichts schaden kann.  Für heute, mein lieber Schatz, herzliche Grüße und unseren Kindern einen kräftigen Kuß von ihrem Vaterle. Dir gebe ich ihn zwar nur im Geiste, aber darum nicht minder kräftig. In Liebe zu Euch, Dein Ernst.

Mein liebster Schatz !                                                                   7.4.43  
  
Ich danke Dir sehr für Deinen Brief vom 30.3., den ich heute erhielt. Es hat mich vor allen Dingen gefreut, als ich lesen konnte, daß Dich die Kinder bei der Gartenarbeit so fleißig unterstützt haben. Das bedeutet schon eine Hilfe, wenn sie Dir das Zeug zugetragen haben. Ich weiß, daß Dir die Schlepperei nicht zuträglich ist. Das Umgraben an sich ist ja schon eine Arbeit, die an einen gesunden Mensch Anforderungen stellt.
Wie ich aus dem Durchschlag Deines Briefes an Deinen Vater ersehe, bist Du immer noch nicht vollkommen auf dem Damm. Ich muß Dich wiederum mit aller Bestimmtheit darauf hinweisen, daß Du dich sehr vorzusehen hast und mit Deiner Gesundheit nicht so umspringen kannst, wie Du es wohl gerne möchtest. Ich glaube Dir gern, daß es Dein Wunsch wäre, so arbeiten zu können, wie Du es Dir vorstellst., aber du mußt weise gegeneinander abwägen, was Du tun mußt und was Du leisten kannst. Wenn sich das gerade ausgleicht, dann ist es gut. Fällt aber mehr Arbeit an, als Du zu leisten imstande bist, dann mußt Du wohl oder übel das eine oder andere aus Deinem Programm streichen. Kannst Du dagegen mehr tun, das heißt, sind Deine Kräfte größer als die anfallende Arbeit, dann kannst Du das eine oder andere noch vornehmen. Nur wenn Du die Dinge so betrachtest, nutzt Du Dir und uns. Es ist nicht damit getan, daß nun Deine Kopfschmerzen vorbei sind. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, daß die anderen Organe vollkommen intakt sind. Du bist ja kein Kind, dem man das im einzelnen auseinandersetzen muß. Du bist doch immerhin eine Frau, die in die Welt passt und die auf den verschiedensten Lebensgebieten hat Erfahrungen sammeln können. Darum appelliere ich heute nochmals an Deine Einsicht und hoffe, daß Du auch in allen Punkten danach handelst. Daß Du einsiehst, daß ich recht habe, das weiß ich auch so, ohne daß Du mir das bestätigst. Ich habe Dir früher in den verschiedensten Fällen schon geschrieben, daß Du nicht für Dich allein da bist, sondern daß Du auch für uns lebst.
Das klingt wohl von uns aus gesehen etwas egoistisch, aber in diesem Fall muß man so sein, denn es dreht sich ja eben mehr als Deine Gesundheit allein. Besser wäre es ja, ich könnte Dir persönlich den Kopf waschen und in dieser Beziehung zurechtsetzen.
Glaubst Du, daß das notwendig ist? Man macht sich schon oft Gedanken über unsere beiden Lauserle und damit noch nicht genug, fängst Du Lauser auch noch an. Also sei bitte lieb und mache mir die Freude und halte Dich an das, was ich Dir geschrieben habe.  Das ist gut, was Dir Helga erzählt hat, ich hätte ihr gesagt, daß sie die Steine nehmen dürfe. Das ist wohl ein kleiner Irrtum. An sich ist es aber recht, wenn sie sich bei diesen Gelegenheiten daran erinnert und sich die Sachen ansieht. Ich habe nichts dagegen. Ich erwarte nur, daß sie die Sachen so wieder mitbringt, wie sie sie mitgenommen hat. Und daß sie nicht mutwillig kaputtgemacht werden. Ich bin gar nicht so böse, wie ich ausschaue. Unsere Große ist nun schon so alt, daß sie zu den Jungmädeln einrücken muß. Die Jahre vergehen, das glaubt man nicht, und eines Tages gehen einem wieder die Augen auf. Wenn sie sich mit Ingrid abgibt und sich mit ihr in der gleichen Gruppe meldet, Man kennt die Familie und die Verhältnisse daheim, man weiß dann, wen man vor sich hat. Das ist doch für die Entwicklung der eigenen Kinder immerhin von Bedeutung.  Daß der Blumenstock so fleißig blüht, hatte ich damals doch nicht gedacht. Mit diesen Primeln hat man sonst Pech. Sie blühen ab und dann ist es aus.
Das macht aber sicher auch die liebevolle Pflege von Dir. So sind sie Dir eine liebe Erinnerung, wenn Du sie siehst und ich denke auch immer wieder daran, wenn Du mir davon schreibst.  Wegen des Fahrrads mache dir nur keine Gedanken. Das ist ja für Dich lebensnotwendig. Bei der eigenartigen Verlegung der Einkaufsmöglichkeit in Konstanz kann man dir ja nicht zumuten, daß Du Deine Wege zu Fuß erledigst und damit den halben Tag verläufst. Wegen eines Rades für Helga würde ich doch einmal etwas unternehmen. Du brauchst ja nur eine kleine Anzeige aufzugeben. Etwa folgender Art: „Damenfahrrad, neu oder gebraucht sofort zu kaufen gesucht. Angeboten unter ....“ Für das erste braucht es nicht mehr zu sein. Wenn das nichts hilft, muß man etwas anderes erfinden. Bezahlung spielt ja keine Rolle, denn das kann ja bar bezahlt werden.  Wie steht es eigentlich damit. Vater muß doch nach einem neuen Wohnungsgesetz beim zuständigen Bürgermeisteramt seine Wohnung anmelden, weil er sie ja allein bewohnt. Das ist schon ein komplizierter Fall.  Ich weiß zwar nicht, was man damit beabsichtigt, aber ohne irgendwelche Absicht wird man dies ja nicht verlangen.  Dir und den Kinder wieder viele liebe herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst.

Brief 413 vom 05.04.1943


Mein liebster Schatz !                                                               5.4.43       
                  
Vielen Dank für Deinen Brief vom 28.3. Ich erhielt ihn gestern.  Sehr habe ich mich über ihn gefreut. vor allem, als Du mir schriebst, daß die Kinder mit ihrem Vater wieder einmal in den Wald gehen würden. Ich kann dazu sagen, ich würde es auch gern tun, Wenn man es richtig nimmt, so könnte ich im Moment gut hier weg, denn die Betätigung ist nicht so wichtig, als das ich hier jetzt nicht entbehrt werden könnte.
Du weißt ja, wie das beim Barras ist, da muß man auf seinem Platz sitzen, ob es einen Sinn hat oder nicht. Deshalb denkt man am besten nicht erst extra nach, denn mit solchen Gedanken macht man sich das Herz nur schwer. Besser ist es dann schon, wenn man sich auf diese Anregung hin im Geiste in die Gegend des Riesenbergs oder unseres Hausberges, des Tabor, versetzt. Wie oft sind wir zu allen Jahreszeiten dort herumgetippelt. Vor 14 Jahren waren wir das erste Mal gemeinsam dort oben. Seither sind wir so oft und auch so gern, dort oben gewesen. Was haben wir dort schon für nette Stunden mit den Kindern verbracht. Einmal war ich mit unserer Helga allein im Winter oben. Durch das Gehölz sprangen ein paar Rehe. Ihr war das noch ganz fremd. Sie machte ganz große Augen und war verwundert, mit welcher Schnelligkeit diese Tiere verschwanden. Dann muß ich vor allem an den Bach denken, über den wir immer hinweg mussten. Das war doch jedes mal ein willkommener Anlass, Steine hineinzuwerfen. Wie schwer waren sie dort wegzubekommen. Im Winter sind wir von unseren bewaldeten Buckeln hinuntergerodelt. Fast jede Jahreszeit kann man herausgreifen, immer wird einem etwas einfallen. Im zeitigen Frühjahr haben wir die sonnigen Wege aufgesucht und wenn es zu warm wurde, dann haben uns die kühlenden Schatten des Waldes aufgenommen. Dort haben wir uns am Sonntag Kraft für die kommende Woche gesucht, und wenn wir dann womöglich einen Rucksack voll Tannenzapfen oder eine Tasche voll Tee mit nach hause brachten, dann waren wir mit uns zufrieden. Meist fanden wir noch ein Stückchen Kuchen, den wir für den Nachmittag aufgehoben hatten, vor. Dieser bildete so den Abschluss des Sonntagnachmittagsvergnügen. Es war aber schön, das läßt sich nicht bestreiten.  Auch die Bestätigung des Empfangs von 3 weiteren Päckchen hat mich gefreut. Es ist zwar schade, wenn eines wieder einmal nicht angekommen ist, aber bei einem solchen Großversand, wie ich ihn in der letzten Zeit hatte, kann das schon einmal passieren. Wichtiger ist dagegen bestimmt, daß mein Pullover eingetroffen ist, denn in der jetzigen Zeit ist er unersetzlich.  Daß unserem Jungen von seiner Fingerkauerei der kleine Finger schlimm geworden ist, wird ihm wohl eine Lehre hoffentlich gewesen sein. Das wird schon schmerzhaft gewesen sein. Aber das viele Reden hat ja nie etwas geholfen. Ich würde es wünschen, wenn er sich nach diesem Ereignis die Folge etwas merken würde. Er kann nur froh sein, daß Du ihm wieder so behilflich gewesen bist. Das Schneiden beim Arzt wäre sicherlich unangenehmer gewesen. Vorsichtig muß man schon sein, denn mit einer Blutvergiftung, von der Du sprichst, kann man schon rechnen. Damit ist eben nicht zu spaßen.
Im Garten hast Du nun mit den ersten Arbeiten angefangen und erste Aussaaten gemacht. Ich wünsche Dir viel Glück zu allem und eine gute Ernte. Sie wird wohl auch nicht ausbleiben, wenn Du Dir soviel Mühe damit gibst. Es gibt zwar unvorhergesehene Fälle, an denen man nichts ändern kann, aber was die aufgewendete Mühe und Liebe anbelangt, so wirst Du Dir immer wieder sagen können, daß Du Deine Pflicht getan hast. Auf das andere hast man ja keine  Einwirkung.  Daß Du Dir die Wochenschau mit der Einnahme von Charkow ansehen willst, das kann ich schon verstehen. Manches wirst Du gesehen haben, wo ich schon herumgestiegen bin. Gestern habe ich die ersten illustrierten Zeitungen erhalten davon. Manches habe ich wiedergesehen. Man interessiert sich doch, wenn man sich solange dort aufgehalten hat.   Daß man Dir vom Luftschutzbund aus noch besonders ein Dankschreiben für Dein erfolgreiches Sammeln geschickt hat, finde ich sehr nett, denn damit hebt man ja unbedingt die Lust, sich bei anderer Gelegenheit wieder einzusetzen. Ich kann Dir sagen, daß mich das genau so freut, wie es Dich gefreut haben mag.  Ich habe ein kleines Osterpäckchen für Euch fertiggemacht. Es ist bestimmt nicht viel. Ich sage das deshalb, damit Du nicht etwa denkst, ich hätte wieder Gelegenheit gehabt, etwas zu organisieren. Ich weiß, daß Du keine Ansprüche stellst, aber ich will Dir andererseits keine Bilder vorgaukeln, die ich wohl gerne in Wahrheit umsetzen würde. Was aber jetzt im Moment leider nicht möglich ist. Ich weiß, daß wir uns in dieser Hinsicht verstehen. Ich habe da einige von mir verfassten Sachen beigelegt. Sie liegen lose bei. Wenn es Dir gefällt, kannst Du dies dort einkleben, wo ich sie eingefügt habe. Wenn nicht, dann lege sie beiseite, oder mach damit, was Du denkst. Ich erwarte dann jedenfalls Deine Meinungsäußerung.  Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich mein Möglichstes getan habe, diesem Missgeschick aus dem Wege zu gehen.  Heute bekam ich gerade die Nachricht, daß die Kameraden, die von den Beamten wieder zur Truppe kommen, schon fast alle herausgezogen worden sind und nach Marburg in Marsch gesetzt wurden. Weil bei mir der Antrag läuft, ist ja davon nun Abstand genommen worden. Ich schreibe Dir das nur, um Dich zu informieren, daß es verhältnismäßig schnell gegangen ist. Das Schreiben werde ich nun machen, damit auch diese Sache klargeht. Ich kann mir denken, daß Du nicht gerade der besten Stimmung gewesen bist, als man Dich so lächelnd abwies. Wie dem auch sei, so kann man nur sagen, daß das typisch ist. Erst bekommt man eine halbe Auskunft, und wenn man dann die Gegenbeweise beibringt, dann fangen die Brüder an, das große Maul zu haben und wenn sie auch dann nicht mehr weiter können, dann fangen sie an zu lächeln, um sich über ihre eigene Hilflosigkeit hinweg zu helfen. Das werden wir auch nicht so schnell aus der Verwaltung herausbekommen, weil wir immer wieder unfähige Menschen bekommen, die es nicht verstehen, sich durchzusetzen. Was gerade den Metzler anbelangt, so mag der Mann früher ein guter Friseur gewesen sein. Als Beamter ist er nach einer bestimmten Seite ein Arschkriecher, um dann auf der anderen Seite seinen Kollegen schlecht zu machen. Das sind Charaktere !  Lassen wir die Sache begraben sein, ich hoffe, die Sache schon noch hinzubiegen.  Was meinst du eigentlich dazu. Ob ich den Fotoapparat von Kurt nehme. Es gab hin und wieder einmal Bilder zu machen, die man später gern einmal hervorholt. Kurt hat ihn ja immer auch so verwendet, und ich finde, daß es schade wäre, wenn man ihn nun herumliegen läßt und kein Mensch sieht ihn mehr groß an. Ich habe mich wohl gefragt, was Kurt dazu sagen würde; denn wie es auch sei, man betrachtet es doch immer als sein Eigentum.
Ich glaube, daß er, wie ich ihn gekannt habe, mir zustimmen würde. Ich bitte dich aber, mir Deine Ansicht darüber mitzuteilen, was Du denkst. Diese Übersendung muß natürlich nicht sofort sein, ich habe nur kürzlich diesen Gedanken gehabt und wollte darum mit Dir darüber sprechen.  Heute habe ich nun mein Pensum erledigt, denn ich habe nichts weiter auf Lager. Sei Du mit den Kindern recht herzlich gegrüßt und viel, vielmals geküßt von Deinem immer an Dich denkenden Ernst.