Donnerstag, 29. März 2018

Brief 401 vom 22.3.1943


Mein allerbestes Mädel !                                                                  22.3.43 
          
Dem Kalender nach befinden wir uns nun seit gestern im Frühling.  Das Wetter ist aber schon seit längerer Zeit so warm, sonnig und angenehm. Es ist eine Freude, hinauszusehen. Schöner wäre es zwar, wenn man draußen herumspazieren könnte, wenn man wollte. Weißt Du noch, wie wir früher um diese Jahreszeit mit dem Fahrrad hinausfuhren.
Die Kinder aufgepackt und dann ging es los. Einmal waren wir einen ganzen Tag am Mindelsee. Die Sonne meinte es so gut. Man konnte sich schon so schön im Freien aufhalten. Fast kein Mensch störte uns dort. Hinter uns war der Wald und vor uns lag im herrlichen Sonnenlicht gleißend der See. Die Tannenzapfen knisterten von der Sonnenwärme. Der Wald mit seiner Kühle nahm uns auf, als es uns über die Mittagszeit zu warm wurde. Wie viele Jahre ist das schon her? Aber auch auf unserer Schlüsselblumenwiese haben wir uns im zeitigen Vorfrühling aufgehalten. Dort kann man den Blick so schön schweifen lassen. Im Hintergrund die Schweizer Anhöhen. Davor liegt der See mit der Reichenau im schönsten Sonnenschein. Der See glitzert herauf.  Neben uns ist die eine kleine Hecke. Es raschelt darin. Eine kleine Schlange oder sind es nur Mäuse? Dunkel steht zu beiden Seiten der Wald. Der Frühlingswind geht mutwillig durch die Äste eines kleinen Bäumchens und läßt die frischtreibende Rinde aufglitzern. Es ist doch zu wunderschön im Frühling, im Frühling vor allem in der Heimat.  Wie oft sind wir den Weg gegangen unterhalb des Tabors. Der Schlehdorn blühte dort so schneeweiß.
An seinem sonnendurchwirkten Hang blühten die ersten Veilchen und die Gänseblümchen reckten sich schon zeitiger als sonstwo. Es gibt so viele schöne Fleckchen, die wir gemeinsam besuchten und an die man immer gern und mit Freude zurückdenken kann.
Mit der gestrigen Abendpost bekam ich Deine beiden Briefe vom 8. und 9.3 sowie den Brief von Helga. Ich habe mich über alles wieder sehr gefreut. Ich habe nach Deiner berichtigenden Mitteilung über den Friedhof, auf dem Kurt beigesetzt ist, nochmals auf unseren Karten nachgesehen. Ich kann diesen Ort aber nicht finden. Auf die verschiedenen Schreibarten kann man nicht immer gehen. Man hätte gern einen festen Punkt, um den die Gedanken dann kreisen könnten. Ich hoffe aber, noch dahinter zu kommen.
Helga hat sich durch meine Mahnung aufrütteln lassen und hat mir nun gleich geschrieben.
Inzwischen ist ja auch mein alter Brief an unsere beiden Schlingel bei Euch eingegangen.
Ich nehme es ihnen bestimmt nicht übel, denn sie sind ja noch Kinder und wollen ihre Freiheit haben und genießen. Man kann sie jetzt noch nicht in eine Zwangsjacke stecken. Das spätere Leben wird sie bald genug in die Zange nehmen.  Es ist mir eine große Freude, wenn ich von Dir hören kann, daß Dir meine Sendungen nützlich gewesen sind. Das ist mir der beste Dank. Ich weiß ja auch, daß Du diese Sachen einteilst und sparsam verbrauchst. Darum freut es mich, wenn ich beispielsweise lesen kann, daß Ihr Euch wieder einmal Bratkartoffeln mit Speck machen konntet. Ich bin zwar nicht genau im Bilde, was Ihr immer zugeteilt erhaltet, es ist mir nur bekannt, daß Ihr gerade Speck nicht oder sehr selten erhaltet. Daß dir der Kümmel ausgegangen ist, so daß Du nichts mehr zu trinken im Haus hattest, das war ja sehr bedauerlich.
Ich will darum bemüht sein, vielleicht noch einige Flaschen Kirsch zu bekommen. Ich habe wohl Allisch  hier, den ich Dir mit zusenden will, aber ich glaube nicht, daß er Dir im Geschmack zusagen wird. Es ist wohl auch süß, aber es kommt ja aufs Probieren an. Ich habe wirklich keine Angst, Daß Du Dich dem Saufe hingibst wie die Fromme Helene. Es soll ja nur den Gaumen anregen, wenn man nichts anderes bekommt. Sekt haben wir jetzt wohl verschiedene Flaschen daheim.  Interessiert hat mich die Zusammenstellung der Öl und der Honigsendungen. Wenn man liest, was Ihr daheim auf Eure Marken bekommt, dann ist das im Vergleich dazu herzlich wenig.
Ich möchte heute nun schließen. Die anderen Tage habe ich ja mehr geschrieben. Dies ist ja sonst mein altes Maß. Nimm recht viele liebe und herzliche Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Brief 400 vom 21.3.1943


Meine liebste Annie !                                                                    21.3.43   
      
Soeben komme ich von der heutigen Heldengedenkfeier zurück.  Diesmal ging ich ja aus besonderem Anlass hin, denn ich hatte ja den Tod meines lieben Bruders zu ehren.
Es wird einem doch weh um das Herz, wenn bei präsentiertem Gewehr das Lied vom guten Kameraden gespielt wird. Es ist alles noch zu frisch. Wer hätte das im vergangenen Jahr von uns allen geahnt. Keiner. Erschrocken wäre man bei dem Gedanken. Es ist etwas ganz Großes um den Tod. Aber wenn man sein Leben als ideeller Mensch, wie er es war, für seine Heimat und seine Familie oder seine Angehörigen gibt, dann ist dies nicht abzuschätzen in seiner Größe. Ich will gewiss nicht jetzt ihm etwas andichten, was vielleicht nicht vorhanden war. Ich kann, soweit ich als Bruder sein Wesen erfasst habe, nur ehrend seiner gedenken, denn er war ein redlicher und braver Kerl. Erinnerungen steigen auf aus den verschiedensten Zeiten, die ich mit ihm in Verbindung war. Eines hat mir immer an ihm gefallen, daß er Dir in so kameradschaftlicher Weise entgegen kam. Ich habe das jedes mal an ihm zu schätzen gewusst, weil es so gut in den Rahmen unseres Familienlebens hineinpasste. Umso schmerzlicher habe ich es empfunden, als ich von Euch las, wie schwer es von seinem letzten Urlaub von daheim geschieden ist. War es nur die Erkenntnis, in das nicht gerade schöne Land zurück zu müssen, oder war es schon eine Vorahnung. Wer kann das erfassen, wer kann es nachempfinden.
Wir haben ihn hingegeben und wir werden ihn nun deshalb nicht vergessen, weil er nicht mehr unter uns Lebenden weilt. Im Gegenteil, sein Tod soll uns Mahnung und Verpflichtung sein, wie ich es schon einmal schrieb. Ich weiß nicht, wie es kommt. Ich komme erst heute dazu, richtig Deinen Brief vom 1.2. zu lesen, den ich vorgestern erhielt. Es scheint  mir, als sollte ich ihn erst heute gerade an diesem Tage lesen.  Manches ist schicksalhaft, so dies vielleicht auch. Es ist das Schreiben, in dem Dur mir mitteilst, daß in der Firma ein Betriebsappell zu seinem Gedenken abgehalten wurde. Ich kann mir vorstellen, daß es für Dich ein eigenes Gefühl gewesen ist, ihn inmitten eines so feierlichen Rahmens im Bild zu sehen.  Du schreibst weiter von dem ersten Zusammentreffen mit Nannie und mit Paula. Nannie war verzweifelt und sagte, wie das die ganze Art von dieser Seite ist, von der ich wohl auch mit etwas abbekommen habe, daß von ihm nun alles ausgelöscht sei. Du wirfst nun ganz richtig die Frage auf, was denn mit der Seele sei. Ich las gerade in diesen Tagen einen schönen Artikel. Vielleicht kennst Du ihn auch. Es spielt aber keine Rolle. Darin heißt es: „Es ist eine letzte Begier des Menschengeschlechts darüber nachzudenken, was das „menschliche“ des Menschen ausmache, was ihn heraushebe als „Menschen“ aus der Nachbarschaft jedweden anderen lebenden Wesens.
Der Mensch ist Blut und Fleisch, ist Stoff  man kann diesen Stoff zerlegen und anatomieren bis zur letzten Muskel  und Nervenfaser, und findet doch nicht das, was alle die tausende Fasern lenkt, regiert, zusammenhält“. Mir hat diese Definierung gut gefallen. Man erkennt aus ihr, wie wertvoll und doch wie unfassbar dieser Begriff ist. Er macht das Höchste im Menschen aus. Er ist erst das, was ihn eigentlich erst zum Menschen prägt. Darum finde ich auch die Worte, die Du mir aus der Grabinschrift von Kepler mitteilst so passend.: Modert der Leib auch, so so schaut selig sein Urlicht der Geist.“. Darum stimme ich auch mit Dir in der Meinung überein, daß es nicht zuletzt der Körper ist, sondern der Geist, der unseren Kurt uns so wertvoll erscheinen läßt. Wir neigen wohl alle dazu, dies uns alles zu körperlich vorzustellen. Es ist nicht greifbar und doch weiß man, daß es vorhanden ist. Es ist uns verständlich, daß der Körper vergeht, aber wir wissen und fühlen vor allem, daß die Seele nicht vergangen sein kann, weil uns ja auch noch das Ethische, was uns einen bestimmten Menschen als wertvoll erscheinen ließ, noch in uns Nachgebliebenen nachlebt. Es verbinden sich hier wohl schon die Begriffe von der Materie und dem Wesenlosen.  Wo das eine anfängt und das andere aufhört, das werden wir in seiner Endform wohl nicht fassen können.
Ob wir damit auf dem rechten Wege sind, wenn wir uns daran halten, daß die Seele irgendwie im Weltall weiter existiert oder auf einem der vielen unzähligen Sonnensysteme, das kann keiner sagen. Wir Menschen müssen aber etwas haben, an das sich unser Geist halten kann, weil mit dem Unvorstellbaren das Unfassbare so nahe zusammenrückt, daß wir eines Tages nicht mehr imstande sind, es mit der erforderlichen Ehrfurcht an die Größe der Schöpfung und alles das zu denken, was das Leben ist. Es ist leichter über diese Dinge zu sprechen als darüber zu schreiben, weil man befürchten muß, nicht so verstanden zu werden, wie es gemeint ist.  Es wäre wohl gut, wenn er außer dem guten Andenken, das er uns hinterlassen hat, auch noch ein Stück von ihm verblieben wäre. Was aber nutzt, streng genommen, ein uneheliches Kind. Es würde in ihm fortleben.
Wer sagt aber, daß die Eigenschaften, die wir an ihm schätzten, von der Kindesmutter geduldet und gefördert würden. Das sind Dinge, an die man in diesem Zusammenhang auch denken muß. Daß dies nun nicht so ist, war wohl auch Bestimmung des Schicksals.
Wollen wir es so nennen. Probleme habe ich heute mit Dir angeschnitten, Fragen sind offen geblieben und vieles habe ich uns zu klären gesucht. Ob und wie weit mir das gelungen ist, das kann ich nicht von mir aus beurteilen. Ich hoffe, daß ich Dir keine schweren Gedanken gemacht habe.  Ich habe nun nicht Lust, große Sachen in diesem Brief weiter zu erledigen. Das werde ich für den nächsten aufsparen. Die anliegenden Bilder stammen von unserem Rückzug. Das ist unser Kreis. Die Bilder sind nicht gerade gut geworden. Es kann sogar sein, daß es Schwierigkeiten bereitet, mich aus dem Gedränge herauszufinden. Diese Bilder wurden in einem russischen Geschäft gemacht, daher kommt es, daß die Sachen so undeutliche geworden sind. Zur Erinnerung an eine Zeit, die uns ernste Sorge gemacht hat, sind sie aber immerhin für mich wertvoll. Ich grüße Dich, mein liebstes Mädel und hoffe zuversichtlich, daß es Dir wieder gesundheitlich leidlich ordentlich geht. Ich wünsche Dir jedenfalls das Beste dazu. Nimm viele herzliche Küsse in Liebe entgegen und küsse gleichzeitig die Kinder von Deinem Ernst.

Brief 399 vom 20.3.1943


Mein liebstes Mädel !                                                                     20.3.43 
       
Dein Luftpostbrief vom 15. traf gestern bei mir ein. Ich danke Dir vielmals dafür, Mit dem von mir gegebenen Auftrag habe ich Dir viel Lauferei gemacht. Es tut mir vor allem leid, daß Du diese Besorgung hast machen müssen, als Du nicht ganz wohl auf gewesen bis. Daß diese lächerlichen Zwerge, meine Herren Kollegen nicht auf dem Teppich waren, das haben sie wieder einmal vollauf bewiesen.  Diese Schlawiner sollen, wenn sie schon einmal ein solches Gebiet bearbeiten, sich etwas genauer mit den einschlägigen Bestimmungen vertraut machen. Diese Heimatkrieger wollen anderen nur noch Schwierigkeiten machen. Du kannst diesem Herren nur meine größte Verwunderung ausdrücken über die Behandlung von Frauen eines Kollegen. Ich werde das diesem Herrn nicht so leicht vergessen. Ich weiß wohl, ob da eine Berechtigung vorliegt oder nicht. Da haben sich schon andere Männer darüber den Kopf zerbrochen wie solche Heinis. Das ist ja geradezu lächerlich, wie sich diese Brüder aufführen. Wenn die noch einmal solchen Mist machen, dann werde ich mich beschweren. Ich ärgere mich nicht über die Ablehnung als solche, sondern darum, daß die Kerle so dämlich sind und Dich unnütz herumgeschickt haben.
Ich will nicht alles das niederschreiben, was ich in dieser Sache auf dem Herzen habe, sonst denkst Du, ich sei wer weiß wie verroht. Es ist aber doch tatsächlich so, daß man sieht, was das für Leuchten sind, die noch daheim zurückgeblieben sind. Ich möchte nun einmal sehen, wie sich diese Schlawiner hier draußen durchsetzen könnten. Die wären bald aufgeschmissen. Ich habe Dir heute aus dem Heeresverordnungsblatt einen Auszug gefertigt. Damit gehst Du nochmals hin und sagst, wenn sie noch nicht im Bilde sind, dann wollen wir etwas nachhelfen. Du kannst sagen, daß dieser Antrag nicht von mir gestellt wird, sondern daß er von meinem Einheitsführer gemacht wurde. 
Aber das brauchst Du nur zu sagen, wenn überhaupt der Anschein entstehen würde, daß man die ganze Angelegenheit auf ein bestimmtes Gleis schieben will. Wenn das diesen „Herren“ noch nicht genügt, dann sollen sie sich das ganze Blatt zu Hilfe ziehen.
Ich erwarte, daß Du nicht nochmals deshalb durch die ganze Stadt geschickt wirst.
Ich bitte, Dich deshalb nicht zu ärgern, denn das ist ja eine Angelegenheit, die ganz und gar in Ordnung geht. Es wäre doch etwas anderes, wenn man etwas Ungerechtfertigtes verlangen würde. Ich denke, daß Du diesmal etwas weiter damit kommen wirst. Wenn ich das geahnt hätte, dann hätte ich Dir ja gleich diesen Auszug damals gemacht.
Ich hatte aber doch gedacht, daß diese Brüder so beschränkt sind.
Leider habe ich aus Deinem Schreiben weiter lesen müssen, daß Du noch nicht ganz von einer Grippeerscheinung mit Herzbeschwerden genesen bist. Ich bekam mit diesem Brief leider das bestätigt, was cih dieser Tage in einem meiner Briefe als Vermutung aussprach. Du mußt Dich viel mehr schonen, denn ich sagte schon, du bist kein Riese. Was nutzt es allen, wenn Du Dich in kurzer Zeit ausgibst und dann uns daliegst. Ich weiß, daß Dir das mit das Schlimmste wäre. darum bitte ich Dich heute nochmals, nimm Dich mit Deiner Gesundheit mehr in Acht. Ich hoffe, daß Du es nicht so weit kommen läßt, daß ich Dir solche   ? verbieten muß. Es kann passieren, daß man einmal krank wird, aber Du weißt, daß Du gerade mit Deinem Herzen etwas Obacht geben mußt.
Ich führte schon einmal an, daß Du doch Deinen körperlichen Zusammenbruch, den Du vor zwei Jahren hattest, nicht vergessen darfst. Nimm Dich also in Acht und besorge Dir das, was Deiner Gesundheit dient.. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die ganze Ernährung auch eine gewisse Rolle spielt. Bevor Du nicht wieder ganz auf der Höhe bist, machst Du nichts weiter als was unbedingt notwendig ist. Die Kinder wollen ihre Ordnung haben, das stimmt. Aber sie sind ja verständig genug, um einzusehen, daß etwas Besonderes vorliegt und daß es dann nicht immer so geht, wie man es gern wünscht. Sie werden Dich wohl auch etwas unterstützen, denn ich weiß, daß sie es gern tun, wenn sie sehen, daß Du nicht so kannst, wie Du es gern willst.  Deine Mitteilung über das Eintreffen verschiedener Päckchen hat mich gefreut, denn nun brauche ich mich ja nur um die anderen wieder zu sorgen. Vor allem weiß ich ja, daß Du das Öl, alles erhalten hast und das ist ja sehr wichtig. Auch die Bücher und der Sekt sind bei Dir angekommen. Dis ist ja schön. Aber wichtiger ist mir immer, wenn ich weiß, daß die Sachen zum Futtern in Deine Hände gelangt sind. Darum bin ich auch immer so scharf darauf bedacht, wenn ich irgendetwas für Euch besorgen kann. Die Einschreibebriefe sind aber bald schneller gegangen wie die der Feldpost. Wenn das der Fall ist, dann werde ich, solange wie noch hier sind, diese benutzen. Das macht ja nichts aus, die Paar Pfennig.  Was die andere Angelegenheit anbelangt, so will ich Dir nochmals bestätigen, daß ich mich nicht darüber geärgert habe, wie Du vielleicht vermutet hast.
Es ist ja nicht notwendig, daß ich hier in dieser Sache ein Gesuch einreiche. Ich will doch keinen Gnadenerweis haben , sondern das, was mit zusteht.  Wenn ich sowas tun wollte, dann brauchte ich diese „Helden der Heimat“ bestimmt nicht dazu, denn dann würde ich andere Wege gehen. Mich vor diesen Kerlen kleine machen, das kommt nicht im Entferntesten in Frage, denn das habe ich bestimmt nicht nötig. Ich bin mir jedenfalls viel zu gut dafür, um mir später einmal etwas von dieser Seite sagen lassen zu müssen.
Ich bitte Dich, ärgere Dich nicht mehr darüber und lasse Dir nur nichts gefallen und nicht Unrecht tun. Dich und die Kinder grüße ich fest und recht herzlich. Dir wünsche ich volle Gesundung und wiederhole nochmals meine Bitte, sieh Dich vor. Mit vielen lieben Küssen bin ich immer Dein Ernst. 

Brief 398 vom 18.3.1943


Mein liebster Schatz !                                                                     18.3.43    
    
Das Päckchen, das Du am 14.1. für mich aufgegeben hattest und das ich durch den Rückzug in die Hand der Bolschewisten gefallen glaubte, kam gestern doch noch an.
Ich wollte schon in diesen Tagen Dir mitteilen, daß wir wohl das Päckchen abschreiben können wie auch den Brief von mir, der so lange an Dich unterwegs war. Vor wenigen Tagen teiltest Du mir nun den Empfang mit, darum unterließ ich es, Dir meine Vermutung mitzuteilen. Wie ich sehe, war es auch besser so. Manchmal soll man doch solchen inneren Eingebungen, die man im Unterbewusstsein spürt, folgen. Es war ja durchaus möglich, daß durch die großen Verschiebungen etwas verloren gegangen ist, trotz der Versicherung, die ich hier von der Feldpost bekam. Aber bei unserer deutschen Gründlichkeit muß schon etwas ganz besonderes eintreten, ehe da etwas verloren geht. Gestern traf beispielsweise ein Telegramm, das am 18.1. in Deutschland aufgegeben wurde, hier ein.
Das ist ja nicht der normale Fall und nur auf die Ereignisse zurückzuführen. Ich danke Dir sehr für die gesandten Sachen. Der Ständer für den Halter steht schon auf meinem Schreibplatz. Das Heft habe ich schon angefangen zu lesen. Das Gebäck ist noch nicht verdorben, trotz der langen Reise.  Mit dem Päckchen traf gleichzeitig Dein lieber Brief vom 7.3. ein. Vielen Dank dafür. Ich gratuliere Dir zu Deinem schönen Sammelergebnis.
Die Kinder haben Dich ja tatkräftig dabei unterstützt. Es ist aber doch nicht so leicht, diese Summe zusammenzubringen ohne irgendwelche Abzeichen. Bis auf wenige Ausnahmen ist sich ein jeder wohl über den Ernst der Lage bewusst.  Wenn man einen netten Erfolg dabei sieht, dann macht das Sammeln bestimmt Spaß.  Wie Du mitteilst, gibt es vorerst keine Glühbirnen mehr daheim. Ich will einmal nachsehen, ob ich nicht irgendwo einige locker machen kann. Das wäre ja nichts, wenn Ihr ohne Licht daheim sein müßtet. Wenn ich etwas bekomme, geht es umgehend an Dicht ab. Ihr habt, wie ich lese, genau so an den Geburtstag von Kurt gedacht, wie ich auch. Der arme Kerl hat ihn nun nicht mehr erlebt. Es ist äußerst schmerzlich, wenn man daran denken muß.  Ich schreibe nun am Nachmittag weiter. Am Vormittag war ich schießen. Das Wetter ist schon sehr schön, so daß einem dieser Spaziergang zum Stand Spaß macht.
Man merkt die Sonne schon sehr und daß es sehr stark ins Frühjahr hineingeht. Vor einem Jahr kam ich nach  Frankreich aus dem Urlaub zurück und erhielt die Nachricht, daß ich mich abmarschbereit halten müßte. Ich fuhr ja damals in dieser Erwartung zurück. Es ging ja damals noch etwa vier Wochen, bis ich dann abfuhr. Aber immerhin, es war ein komisches Gefühl, die ganze Zeit so auf dem Stängelchen zu sitzen. Bis Du diesen Brief erhältst, sind dann 11 Monate vergangen, die ich mich schon hier in Rußland herumtreibe. Eines steht aber fest, daß wir in diesem Jahr mit dem Wetter genau so weit sind wie im vergangenen Jahr, als ich hier herüberkam. Das ist immerhin sehr günstig für uns, denn von der Witterung ist ja schließlich das Einsetzen unserer Operationen zu einem wesentlichen Teil abhängig. Hoffen wir auf eine weitere günstige Entwicklung. Nachdem ich solange nicht geschossen habe. Das war hier die zweite Übung seit langer Zeit. Man merkt, daß es nicht klappt. Wir hatten eine Schnellfeuerübung, die ich nicht ganz erfüllte. Man müßte öfter schießen, dann käme das besser heraus.
Gleich nach dem Essen fuhr das gesamte Unteroffiziercorps ins Theater. Welche Geltung ich hier nun erlangt habe, kann man daraus schließen, daß ich tatsächlich mit dazuzähle.
Es war eine nette Ballettaufführung. Das Programm liegt bei. Ich dachte schon letzthin, als ich hier in einer solchen Aufführung war und ich fand es auch bestätigt, als ich die Bilder jetzt von unseren Kindern bekam. Helga ist nun schon so alt, daß man mit ihr sich eine solche Aufführung ansehen könnte. Dir selbstverständlich würde sowas auch Freude bereiten so wie ich Dich kenne. Es ist doch etwas anderes wie Kino.
Du kennst ja meine Einstellung zum Kino. Ich gehe wirklich auch gern hinein, aber sowas wirkt doch persönlicher, das läßt sich einfach nicht leugnen. Ich würde zu gern einmal mit Euch zu einer solchen Vorstellung gehen, um zu sehen, was Ihr sagt. Aber ich glaube, mich nicht zu täuschen, wenn ich mir vorstelle, daß Ihr Euren Gefallen daran finden würdet. Das sollte man einmal machen können. Ich hatte früher in Deutschland ja noch nie Gelegenheit, eine Ballettaufführung zu sehen. Im allgemeinen legt man bei uns auch nicht so großes Gewicht darauf wie hier. Wenn man klassische Kunst bietet, dann bringt man eben eine Oper. Dies ist hier wohl auch der Fall, aber das Ballett ist hier von ziemlicher Bedeutung bei allen Aufführungen.
Um nun das Maß noch voll zu machen, findet heute ein Unteroffizierabend mit Essen und, was für die meisten das Wichtigste ist, mit Trinken statt. Ob ich zwar so richtigen Kontakt bekommen werde, das muß ich erst einmal sehen. Allzu viel Hoffnung verspreche ich mir nicht davon. Aber auf uns Beamte sieht man ja auch immer besonders hin und ganz besonders, wenn eine solche Gelegenheit kommt, finden die anderen es immer passend, irgendwelche Angriffspunkte zu finden. Wenn man keinen Streit haben will. muß man geschickt operieren. Kürzlich hätte ich bald Schlägerei mit einem dieser Brüder gehabt. Wenn diese Kerle etwas getrunken haben, dann bekommen sie Mut und dann gehen sie aus sich heraus. Das gehört nun einmal mit dazu und mir ist das schon zur Genüge bekannt.
Wie dem auch sei, ich habe vor keinem Angst und Kneifen gibt es auch nicht in diesem Falle. Das sind so Erscheinungen, von denen man nicht immer spricht, weil man vielleicht nicht gerade dazu aufgelegt ist und die passenden Worte findet. Ich denke aber, daß Dich auch sowas einmal interessiert, was außerhalb des Alltäglichen liegt. Zwar diese Dinge sind für mich schon alltäglich geworden. Ich nehme sie aber nicht mehr so tragisch, wie ich sie am Anfang immer aufgenommen habe. Mit der Länge der Dienstzeit bekommt man doch etwas Routine und nimmt vieles nicht mehr so ernst wie am Anfang.
Denn Herumhetzen läßt man sich nach bald 3 Jahren nicht mehr. Da muß schon etwas ganz Besonderes kommen.  Recht viele herzliche Grüße sende ich Dir, mein liebes Mädel, und bitte Dich, nimm im Geiste viele liebe Küsse entgegen.  Manchmal möchte man etwas mehr sagen. Du weißt ja, daß wir beide in dieser Hinsicht wohl etwas steif sind. Das ist aber nun einmal unsere Art, die wir voneinander kennen und die wir voneinander gewohnt sind. Du weißt jedenfalls, wie sie gemeint sind wie ich es auch weiß, was Du mir zu sagen hast. Bleibe gesund und schone Dich in der Weise, wie es Deine Gesundheit erfordert. Grüße Vater bitte recht herzlich von mir und sage ihm bitte, daß ich oft an ihn denke. Unseren beiden Lausern einen herzlichen Kuß und nimm Du viele herzliche Küsse entgegen von Deinem viel an Dich denkenden Ernst.

Samstag, 17. März 2018

Brief 397 vom 17.3.1943

Meine liebste Annie !                                                                     17.3.43  
     
Es hatte gestern keinen Wert, diesen Brief abzusenden, denn ein Kamerad fährt heute in Urlaub und will ihn mitnehmen. Diese Beförderung geht ja dann doch schneller, so daß es mir ratsam erschien, beide Briefe zusammen mitzugeben. Ich will gleich eingangs auf die Päckchen zu sprechen kommen, die wieder an Dich abgegangen sind. Wir hatten früher für unsere Unterkunft in Charkow Mull gekauft, den wer als Gardinen verwenden wollten. Es kam durch die ewigen Quartierverlegungen nicht dazu, daß wir diese Sachen fertig machen lassen konnten. Wir haben das Zeug immer mit uns herumgeschleppt. Jetzt, wo wir nun auseinandergerissen werden, hat sich die Frage erhoben, was wir damit machen. Als sich niemand bereit erklärte, habe ich mich entschlossen, einen Teil davon zu nehmen. Ich habe ihn nun gekauft und Dir gleich zusammengepackt. Ich dachte, Du wirst schon eine Verwendung dafür haben. Mir kam dabei in den Sinn, daß Erna diese Sachen für das Kind als Unterlage verwenden könnte. Wenn Du anderer Meinung bist und wenn Du zweckmäßigere Verwendung dafür hast, , dann verbrauche dies, wie es am nützlichsten ist. Einige Zigarren und etwas Tabak habe ich auch wieder beieinander gehabt. Dazu habe ich die Stoßeisen für die Schuhe gelegt. Das hat auch wieder ein Päckchen gegeben. Mit der Zeit wirst Du wahrscheinlich Angst bekommen, wenn ich Dir jetzt dauernd Sekt schicke. Ich habe wieder zwei Flaschen bekommen. Ich muß zwar mit den Jungens von der Feldpost verhandeln, daß sie mir diese schweren Päckchen abnehmen, weil sie fast alle überwiegen. Mußt Du eigentlich immer Nachporto bezahlen? Ich habe keinen großen Appetit, diese Sachen hier zu trinken, ich denke, daß ich daheim das einmal in angenehmer Weise und angenehmer Gesellschaft tun kann. Du wirst diese Sachen schon irgendwie aufbewahren können.  Das sind Zuteilungen, die wir erhalten haben, die ich aber nicht einfach mit Gewalt hinterkippen möchte.
Die Nummern lauten 34 bis 37.  Mit dem Verhältnis, das wir gegenwärtig zu Paula einnehmen, habe ich schon einmal kürzlich Stellung genommen. Ich kann Dich durchaus verstehen, denn sie ist nicht die Frau, mit der Du auf die Dauer harmonieren könntest, weil Ihr in Euren Anschauungen so grundverschieden seid. Wenn durch den Tod unseres Kurt ein Zustand eingetreten ist, den er vielleicht im innersten angestrebt hat, nämlich der, daß wir nicht so ablehnend zueinander stehen, so wollen wir in seinem Sinn dieses Opfer auf uns nehmen. Ich will damit sagen, daß wir keinen Verkehr zu pflegen brauchen, der uns in so starkem Maße zueinander bringt, daß sich dadurch innerhalb womöglich Komplikationen entwickeln könnten. Wir müssen dabei in erster Linie im Auge behalten, was unserer Familie nutzt. Was ihr schadet, muß gemieden werden. Das muß bei diesen Betrachtungen oberstes Grundgesetz sein. Ich denke, daß Du in dieser Beziehung mit mir einig gehst. Wenn sie kommt, kann man ja auf ihre Fragen eine belanglose Antwort geben, soweit es sich um Dinge von Bedeutung handelt. Denn Ausfragen und dann später gegeneinander ausspielen, das gilt nicht mehr bei uns. Daß Vater seine Einstellung in mancher Hinsicht gegenüber früher wesentlich revidiert hat, wollen wir seinem Alter zugute rechnen. Ich wünschte ihm nur, daß er nicht noch mal eine grobe Enttäuschung erfährt. Wir werden mit ihr schon fertig werden, darum habe ich keine Bange. Wenn Du deshalb mit Deinen Äußerungen etwas vorsichtiger wirst, dann handelst Du ganz recht, denn das berührt ja das. was ich gerade gesagt habe.  Ausspielen lassen wir uns gegenseitig nicht. Wir wollen jedenfalls nicht von uns aus den Anlaß dazu geben, wenn Vater wegen eines Bildes von mir mit Dir gesprochen hat, dann will ich das unter dem Gesichtspunkt des Auflockerns der strengen Trennung und des Handelns im Sinne von Kurt betrachten. Wir bewahren nach außen hin den Burgfrieden, der jetzt eingetreten zu sein scheint. Wir wollen ihn nicht brechen.  Es tut uns nicht weh.
Welches Bild Du geben willst, das überlasse ich vollkommen Dir.  Ich schlage von mir aus vor, daß das letzte Bild, das ich Dir zugehen ließ, und von dem Dir noch der Film zugehen wird. Wenn es sich machen läßt, dann bitte ich Dich, daß Du eine entsprechende Anzahl von Vergrößerungen machen läßt, damit ich verschiedenen Kameraden einmal ein Bild zukommen lassen kann.  Das hat mir an unserem Jungen wieder gefallen, wie er ohne Hemmungen einfach zu seiner Lehrerin gegangen ist mit der Sammelbüchse.
Man sieht, daß er ein Kerle ist. Er kann das schon, wenn er will. Ich habe auch keine allzu großen Bedenken, daß man nicht in der Lage ist, ihn zu leiten. Es müßten schon ganz außergewöhnliche Umstände eintreten, wenn sich dies ereignen sollte.  Ich denke,  daß ich alles wieder geschrieben habe, was zu schreiben war. Vom Wetter kann ich noch berichten, daß wir seit längerer Zeit schönes sonniges Wetter haben. Das wirkt sich, im Verein mit den Erfolgen in Charkow und überhaupt in unserem Abschnitt, ungemein auf die Stimmung aus.  Ich sende Dir, mein lieber Schatz und den Kindern recht viele liebe Küsse. Vater bitte ich von mir zu grüßen. Dich grüße ich wieder besonders herzlich und bin immer Dein Ernst. 



Freitag, 16. März 2018

Brief 396 vom 16.3.1943


Mein liebster Schatz !                                                                  16.3.43  
       
Zwei Tage bin ich nicht zum Schreiben gekommen. Durch die verschiedenen Abschlussarbeiten, die sich durch die Umänderung bei uns ergeben haben, war ich ziemlich in Anspruch genommen. Ein Schreiber ist seit einigen Tagen in Urlaub gefahren. Ich muß daher, wenn es sich um große Sachen und Dinge von wichtiger Natur handelt, selbst schreiben.  weil unser Chef noch einige Angelegenheiten zum Abschluss bringen wollte, ehe er von uns versetzt wird. Dies hat dazu geführt, daß ich mit dem Schreiben nicht so konnte, wie ich wollte. Die neueste Situation ist jetzt für mich, daß unser Chef versetzt wird mit dem Oberinspektor. Ein neuer Oberrat tritt an seine Stelle. Es verbleiben dann noch ein Kriegsverwaltungsrat, der Sonderführer und ich. Wie und wo wir dann verwendet werden, das liegt noch im Dunkel . Durch die Versetzung eines neuen Oberrats zu uns scheint man uns als Gesamtes doch bestehen lassen zu wollen. Innerhalb der Einheit gehen ja die tollsten Gerüchte herum. Eines davon war ja, daß wir nach Prag oder nach Breslau kommen sollten. Jetzt habe ich meinen Laden vollkommen in Ordnung.
Die wenigen Sachen, die noch eingehen, sind ja ohne Bedeutung. Es ist ein angenehmes Gefühl, wenn man einmal sagen kann, man ist fertig mit einer Arbeit. Der Zustand des Untätigseins darf allerdings nicht allzu lange anhalten. Daß wir etwas Abwechslung haben, dafür wird in anständiger Weise gesorgt. Neulich war ja die Stadtführung. In dieser Woche ist eine besonders für uns eingerichtete Führung durch ein kunstgeschichtliches Museum angesetzt worden, das noch nicht wieder eröffnet ist. In der letzten Woche war ich ja im Theater und im Kino. Schießen hatten wir kürzlich, für diese Woche ist es auch angesetzt. Du kannst daraus ersehen, daß man versucht, uns zu beschäftigen.
Immerhin lernt man das eine wie das andere kennen. Man bekommt doch wieder etwas mit. Wir haben uns ein Schachspiel zugelegt und wollen damit in der Zeit, in der nicht vorliegt, uns beschäftigen. Das ganze sieht zwar nicht sehr nach Einsatz aus, aber wie schnell ändern sich die Dinge. Morgen kann schon alles wieder anders aussehen, darum kann man sich als Soldat keine Gedanken machen, weil ja alles letzten Endes doch gelenkt und geleitet wird. Das Ganze ist eine Bereitschaft.
Es ist daher am besten, Befehle an uns hinzunehmen, dann geht es eben wieder los. – Ich will mich aber nun erst einmal für Deine lieben Briefe vom 3., 4. und die zwei vom 6. mit den Fotos bedanken. Die Bilder vom letzten Urlaub geben ja ein sehr finsteres Bild von mir wieder.
Wenn ich Dich damals so angesehen habe, dann muß es Dir ja schon Angst geworden sein. Es sollte ja nur Erinnerungsbilder sein. Du kannst in diesem Fall sicherlich nichts dafür. Ich will damit sagen, es liegt nicht am „Künstler“. Die anderen Bilder von unseren beiden Stromern sind ordentlich geworden. Unser Junge steht wie ein richtiger Frechdachs da und Helga wie eine angehende kleine Dame. Ich muß Dir mein Kompliment machen.
Die Jacke, die Du ihr gemacht hast, steht ihr, nach dem Bild zu urteilen, sehr gut.
Sie sehen alle Beide gesund aus. Du hast mir eine große Freude mit den Bildern bereitet und ich danke Dir dafür sehr.  Ich hatte erstgeglaubt, daß mein Brief vom 2.2. verloren gegangen ist. Nun ist er nach Deiner Mitteilung, doch noch eingetroffen. Weil er für Vater mitbestimmt war, ist es mir eine gewisse Beruhigung. Man gewinnt Abstand und man wird innerlich wohl etwas ruhiger, aber trotz allem ist es einem noch hart genug. Daß Du nun keine schwarzen Kleider trägst, ist wohl nicht unbedingt notwendig.
Es war aber wohl auch nicht notwendig, Dich darauf hinzuweisen, daß Du dies nach außen hin zum Ausdruck bringst, denn das ist ja eine Sache, die Du von Dir aus selbst machst, denn soweit kenne ich Dich doch. Das ist ein Schönheitsfehler von mir, ich bitte Dich, das zu entschuldigen. Daß dies an Vater nicht spurlos vorübergegangen ist, das kann man klar daraus erkennen, wenn er, wie Du schreibst, nicht einmal mehr Lotterie spielt. Er hat ja viel an ihm gehangen. Daß er für uns nichts in der Lotterie gewinnen braucht, ist ja vollkommen klar. Das, was er für seinen Lebensunterhalt bracht, hat er ja. wir haben ja beide unsere unzweideutige Stellungnahme in dieser Beziehung zur Kenntnis gebracht. Da Du in diesem Zusammenhang die Unschlüssigkeit Vaters schilderst, was er mit der Bausparkasse machen soll, so denke ich, daß es auch im Sinne unseres Kurt ist, wenn wir diese weiter bestehen lassen.  Vielleicht könnten wir dann die Raten übernehmen. Ich will aber gleich von Anfang an erklären, daß ich nicht auf die Raten spekuliere, denn es ist ja alles so unklar, was dann nach dem Kriege wird. Ich denke da in erster Linie daran, ob es überhaupt möglich ist, in Konstanz zu bleiben. Aber wenn jemals aus diesem Bausparvertrag etwas werden sollte, dann kann man immer noch eine Entscheidung treffen. Ich will jetzt noch keine endgültigen Entschlüsse fassen, sondern Deine Meinung darüber hören. Vielleicht hältst Du es nach Sachlage nicht für richtig, dann gib mir entsprechend Bescheid.
Daß das nicht schön ist, wenn man diese Geldzuwendungen für diesen traurigen Fall bekommt, ist auch mir vollkommen verständlich, aber es handelt sich da um Beträge, die gesetzliche Zahlungen von Reichs wegen sind und die man nicht einmal als solche zurückweisen kann.
Wieder kommst Du in Deinen Briefen auf die Angelegenheit wegen meiner Zurückstellung zu sprechen. Die Sache ist ja wohl nun geklärt. Dein Ton klang wohl etwas schärfer als er gemeint war. Ich habe darum Dein Schreiben auch nur so auffassen können, wie Du es gemeint hattest, denn ich kenne ja schließlich auch ein bisschen mein Mädel, wie sie sich in diesen Dingen verhält. Ich habe Dir ja auch meine Ansicht mitgeteilt und ich nehme an, daß dieser Fall wohl nun bereinigt ist. Aus Deinem letzten Brief glaube ich doch wohl eine ziemliche Sorge herauslesen zu können, als Du schreibst, was nun werden wird, wenn unsere Einheit aufgelöst wird. Soweit ich darüber unterrichtet bin, habe ich Dir ja immer Mitteilung darüber gegeben. – Gern habe ich auch die Mitteilung entgegen genommen vom Eintreffen weiterer Päckchen. Daß Du den Fisch gleich in ein Mittagessen verwandeln konntest, war doch sehr schön. Es bedeutet doch für Euch eine Abwechslung aus dem sonst üblichen. War denn der Speck noch gut oder hat er durch den Transport gelitten? Es wäre schade. Ich dachte aber, Ihr bekommt wohl daheim nicht gleich welchen. Ich selbst bekomme zu meiner Verpflegung ausreichend Butter, so daß ich ganz gut darauf verzichten konnte. Warum soll ich dann mehr essen, als notwendig. Euch ist das jedenfalls mehr von Nutzen.  Ich hatte schon einmal darauf hingewiesen, daß Dein Wille zum Mithelfen, wo Du es kannst, in jeder Beziehung lobenswert ist, so darfst Du auf keinen Fall außer acht lassen, daß  Du nicht über Deine Kräfte gehen darfst. Du weißt, wie es Dir vor zwei Jahren gegangen ist, als Du nicht richtig Obacht gegeben hast. Ich bin ja nicht daheim, um das notwendige Gegengewicht zu geben, wenn Du einmal meinst, Du könntest über Deine körperliche ?   mehr tun. Vergiss das bitte nicht. In solchen Fällen muß ich auf Dich sehr aufpassen. Ich denke aber, daß Du selbst so vernünftig sein wirst, das selbst einzusehen, daß Du für die Familie in erster Linie zu leben hast. Es ist bestimmt ein Zeichen der Schwäche gewesen, wenn es Dir nach diesem Grippeanfall beim Nähen schlecht wurde. Ich bitte Dich in diesem Zusammenhang aber gleichzeitig, nun nicht einen anderen Weg einzuschlagen und mir dies nicht mitzuteilen, denn es wäre mir noch bitterer, wenn ich dann eines Tages mit einer schlimmeren Nachricht überrascht würde.  Ich habe mich gefreut, daß Du nun Sämereien für den Garten bekommen hast. Denn der Garten Euch doch eine Hilfe, wie er uns in früheren Jahren auch schon genutzt hat. Ich war auch schon bemüht, hier welchen zu erhalten, aber bis jetzt erfolglos. Etwas hast Du ja noch da und wenn Du Setzlinge erhältst, dann geht es ja auch.  Wenn Du mit den Kindern in der Konditorei warst, dann ist das durchaus nicht so verwerflich, wie Du das ansiehst. Soviel kannst Du ja schon „verschwenden“, denn knapp bist Du doch wohl mit Geld nicht. Also, ich wünsche Euch noch nachträglich guten Appetit dazu. Du bist doch die ganze Zeit tätig und immer unterwegs, warum sollst Du Dir da nicht einmal etwas gönnen. Wenn die Kinder immer ihre Sache machen, dann kann man ihnen auch einmal eine Freude machen. Das ist schon recht. Was die Leute anbelangt, die mit uns gegangen sind und die, die zurückgeblieben sind, so fängt man langsam an, diese Dinge zu überblicken. Nach den Mitteilungen, die man hier bekommt, ist ja fast alles, was mit uns zusammengearbeitet hat, erschossen worden. Der Teil, der übrig blieb und noch arbeitsfähig war, ist von den Russen mitgenommen worden bzw.  in die Armee eingereiht worden.  Recht viele herzlich Küsse verbunden mit vielen Grüßen sendet Dir Dein Ernst.

Brief 395 vom 12./13.3.1943


Mein liebstes Mädel !                                                                     12.3.43 
        
Post habe ich weder heute noch gestern erhalten. Ich wußte gestern aber auch nichts zu schreiben. Heute kann ich es aber nicht unterlassen, denn sonst bekommst Du längere Zeit keine Nachricht von mir. Das soll nun auch wieder nicht sein.  Von mir könnte ich Dir berichten, daß ich mich gesund fühle und es auch bin. Daß unser Dienst hier bedeutend ruhiger geworden ist, das schilderte ich ja schon kürzlich. Anfänglich ist das ganz nett, aber auf die Dauer ist das nicht gut. Ich denke aber, daß nun doch bald über unseren weiteren Einsatz entschieden wird. Vor einer Woche ist ein Teil in Urlaub geschickt worden, trotzdem das Urlaubssperre besteht. Man hat es getan, weil keine Beschäftigung für die Leute da war. Falls ich hier bei dem Haufen bleiben sollte, wäre das für mich immerhin sehr günstig, denn dadurch rücke ich ja weiter in der Reihe vor. Ich kann wohl noch nicht daran denken, aber solche Dinge sind beachtlich.
Das muß man ja selbst zugeben, daß es nicht allein das ist, daß die anderen in Urlaub fahren, denn dazu ist jeder Mensch zuviel Egoist, daß er nicht in dieser Beziehung an sich denkt. Man darf diesem Gefühl aber nur soweit Raum lassen, daß man in seinen Gedanken nicht gehemmt wird.  Es ist doch eine schöne Erfolgsserie mit den U-Booterfolgen. Wenn man bedenkt, daß an drei Tagen hintereinander solche Meldungen durchgegeben werden konnten. Das muß sich ja mit der Zeit beim Feind bemerkbar machen. Wenn die Aushöhlung auch nur langsam vor sich geht, so muß sie mit der Zeit spürbar werden. Wenn auch die Engländer diesen Mangel in letzter Linie ihrem eigenen Volk das spüren lassen werden, damit die recht lange bei der Stange halten, aber mit der Zeit kann das sich auch nicht mehr verdecken lassen.  Den Engländern kommt es ja nicht darauf an, das ihren Verbündeten und ihren Hilfsvölkern aufzubürden, was sie nicht zu tragen gewillt sind. Wollen wir den Daumen steif halten, daß wir weiter solche Erfolge erringen können. Was die Operationen um Charkow anbelangt, so interessieren die mich besonders,  weil ich mich lange dort aufgehalten habe. Man kennt die Gegend und man weiß Bescheid über die ganze Lage.  Ich bitte dich, mit diesem Gruß heute vorlieb zu nehmen. Bleibe gesund und lasse Dich grüßen und küssen von Deinem immer an Dich denkenden Ernst.  

Meine liebe, gute Annie !                                                             13.3.43 
       
Dein guter Wille, mich möglichst bald mit Deiner Ansicht auf meine Frage wegen meiner Zurückstellung bekannt zu machen, wurde von der Post leider sehr schlecht belohnt.
Dein Luftfeldpostbrief vom 24.2. hat sehr lange gebraucht und ist erst nach dem anderen zuerst geschriebenen Brief eingetroffen. Du hast ja später Deine Stellungnahme in Deinen folgenden Schreiben verfeinert und ich denke, daß mein Antwortschreiben zur Klärung der ganzen Angelegenheit beigetragen hat. Meine Entscheidung hast Du wohl erhalten , Ich hoffe, daß nun damit die ganze Angelegenheit ihre Klärung und Erledigung gefunden hat. Es ist eine heikle Angelegenheit, die man sehr schlecht mit der erforderlichen Präzision schriftlich behandeln kann. Ich glaube aber, daß Du mich trotzdem verstanden hast, warum ich dies getan habe. Ich glaube auch, daß ich mir später immer wieder sagen kann, ich habe meine Pflicht dort getan, wo mich das Schicksal hingestellt hat.
Und ich werde deshalb den Kopf genau wie jeder andere auch oben tragen können.
Das ist keine Drückebergerei, und ich betrachte das auch nicht als ein aus dem Wegegehen von Tatsachen. Aber es ist wohl nicht notwendig, daß ich all diese Dinge nochmals aufrühre. Sofern Du anderer Ansicht bist, wirst Du schon von selbst darauf zurückkommen.
Ich teile auch mit Dir die Meinung, daß man gern manchmal Worte schreiben möchte, die man nur zueinander spricht. Es handelt sich nicht darum, daß man es nicht schreiben könnte. Aber den Platz halte ich immer noch für ungeeignet. Vielleicht würden diese Dinge für den Empfänger doch etwas fad klingen. Du weißt aber doch trotz allem, was Du mir bedeutest und was Du mir bist. Es ist für uns, die wir uns nun so lange hier draußen im Feindgebiet herumtreiben, keine Kleinigkeit. Man stumpft gegen viele Dinge ab. Gewiß, ich bewege mich immerhin noch in Kreisen, wo etwas mehr Kultur herrscht, wie beispielsweise im Graben. Manche Einrichtung, die man aus dem Westen kennt, kann man hier noch genießen. Wir haben unser Bett. Es ist zwar ein Strohsack, aber immerhin , wie haben frische Bettwäsche, die wir sauber halten können. Unsere einige Wäsche können wir wechseln, wenn der Sonntag herankommt.
Fließendes Wasser kann man entnehmen. Trotz allem ist es nie so wie zuhause, denn es ist doch alles behelfsmäßig. Ich nehme das dankbar hin gegenüber anderen Kameraden, die in primitiven Verhältnissen hausen müssen. Aber trotz allem ist das Leben zwischen daheim in Friedenszeiten und dem gegenwärtigen Leben sehr unterschiedlich. Darum wird bei Eintritt von Friedensverhältnissen immerhin eine Umstellung eintreten, wenn man wieder so in das zivile Leben gesteckt wird. Das sind zwar Dinge, an die in naher Zukunft wohl noch nicht zu denken ist, aber man merkt an sich, daß man aus der ruhigen Bahn des Alltags herausgekommen ist. Das bedeutet nun nicht etwa, daß man keine Verbindung mit seinem Heim hätte.
Ganz im Gegenteil will ich behaupten, daß mir die daheim verbrachten Urlaubstage immer wieder Beweis dafür waren, daß sich zwischen uns nichts verändert hat. Die Tage verliefen immer so harmonisch und es hatte immer den Anschein, wie wenn keine langen Tage der Trennung dazwischen gelegen hätten. Daraus kann man wohl ohne weiteres schließen, daß es nicht allzu langer Zeit bedürfen wird, bis man wieder in dem Geleise ist, in das man in normalen Zeiten hineingehört. Dies wird umso leichter gelingen, wenn ich dank Deiner verständnisvollen Fürsorge in all diese Dinge wieder hineingeleitet werde. Man muß sich aber einmal mit diesen Dingen befassen, denn sie liegen einem so nahe, daß sie es schon der mühe wert sind, darüber einmal zu sprechen.
Ich grüße Dich, mein liebes Mädel, und sende Dir recht viele liebe herzliche Küsse.
Unseren beiden Stromern gib bitte wieder welche ab davon. Es denkt immer an Dich Dein Ernst.