Mein
liebster Schatz !
16.3.43
Zwei
Tage bin ich nicht zum Schreiben gekommen. Durch die verschiedenen
Abschlussarbeiten, die sich durch die Umänderung bei uns ergeben haben, war ich
ziemlich in Anspruch genommen. Ein Schreiber ist seit einigen Tagen in Urlaub
gefahren. Ich muß daher, wenn es sich um große Sachen und Dinge von wichtiger
Natur handelt, selbst schreiben. weil
unser Chef noch einige Angelegenheiten zum Abschluss bringen wollte, ehe er von
uns versetzt wird. Dies hat dazu geführt, daß ich mit dem Schreiben nicht so
konnte, wie ich wollte. Die neueste Situation ist jetzt für mich, daß unser
Chef versetzt wird mit dem Oberinspektor. Ein neuer Oberrat tritt an seine
Stelle. Es verbleiben dann noch ein Kriegsverwaltungsrat, der Sonderführer und
ich. Wie und wo wir dann verwendet werden, das liegt noch im Dunkel . Durch die
Versetzung eines neuen Oberrats zu uns scheint man uns als Gesamtes doch
bestehen lassen zu wollen. Innerhalb der Einheit gehen ja die tollsten Gerüchte
herum. Eines davon war ja, daß wir nach Prag oder nach Breslau kommen sollten.
Jetzt habe ich meinen Laden vollkommen in Ordnung.
Die wenigen Sachen, die noch eingehen, sind ja ohne Bedeutung. Es ist ein
angenehmes Gefühl, wenn man einmal sagen kann, man ist fertig mit einer Arbeit.
Der Zustand des Untätigseins darf allerdings nicht allzu lange anhalten. Daß
wir etwas Abwechslung haben, dafür wird in anständiger Weise gesorgt. Neulich
war ja die Stadtführung. In dieser Woche ist eine besonders für uns eingerichtete
Führung durch ein kunstgeschichtliches Museum angesetzt worden, das noch nicht
wieder eröffnet ist. In der letzten Woche war ich ja im Theater und im Kino.
Schießen hatten wir kürzlich, für diese Woche ist es auch angesetzt. Du kannst
daraus ersehen, daß man versucht, uns zu beschäftigen.
Immerhin lernt man das eine wie das andere kennen. Man bekommt doch wieder
etwas mit. Wir haben uns ein Schachspiel zugelegt und wollen damit in der Zeit,
in der nicht vorliegt, uns beschäftigen. Das ganze sieht zwar nicht sehr nach
Einsatz aus, aber wie schnell ändern sich die Dinge. Morgen kann schon alles
wieder anders aussehen, darum kann man sich als Soldat keine Gedanken machen,
weil ja alles letzten Endes doch gelenkt und geleitet wird. Das Ganze ist eine Bereitschaft.
Es ist daher am besten, Befehle an uns hinzunehmen, dann geht es eben wieder
los. – Ich will mich aber nun erst einmal für Deine lieben Briefe vom 3., 4.
und die zwei vom 6. mit den Fotos bedanken. Die Bilder vom letzten Urlaub geben
ja ein sehr finsteres Bild von mir wieder.
Wenn ich Dich damals so angesehen habe, dann muß es Dir ja schon Angst geworden
sein. Es sollte ja nur Erinnerungsbilder sein. Du kannst in diesem Fall
sicherlich nichts dafür. Ich will damit sagen, es liegt nicht am „Künstler“.
Die anderen Bilder von unseren beiden Stromern sind ordentlich geworden. Unser
Junge steht wie ein richtiger Frechdachs da und Helga wie eine angehende kleine
Dame. Ich muß Dir mein Kompliment machen.
Die Jacke, die Du ihr gemacht hast, steht ihr, nach dem Bild zu urteilen, sehr
gut.
Sie sehen alle Beide gesund aus. Du hast mir eine große Freude mit den Bildern
bereitet und ich danke Dir dafür sehr.
Ich hatte erstgeglaubt, daß mein Brief vom 2.2. verloren gegangen ist.
Nun ist er nach Deiner Mitteilung, doch noch eingetroffen. Weil er für Vater
mitbestimmt war, ist es mir eine gewisse Beruhigung. Man gewinnt Abstand und
man wird innerlich wohl etwas ruhiger, aber trotz allem ist es einem noch hart
genug. Daß Du nun keine schwarzen Kleider trägst, ist wohl nicht unbedingt
notwendig.
Es war aber wohl auch nicht notwendig, Dich darauf hinzuweisen, daß Du dies
nach außen hin zum Ausdruck bringst, denn das ist ja eine Sache, die Du von Dir
aus selbst machst, denn soweit kenne ich Dich doch. Das ist ein
Schönheitsfehler von mir, ich bitte Dich, das zu entschuldigen. Daß dies an
Vater nicht spurlos vorübergegangen ist, das kann man klar daraus erkennen,
wenn er, wie Du schreibst, nicht einmal mehr Lotterie spielt. Er hat ja viel an
ihm gehangen. Daß er für uns nichts in der Lotterie gewinnen braucht, ist ja
vollkommen klar. Das, was er für seinen Lebensunterhalt bracht, hat er ja. wir
haben ja beide unsere unzweideutige Stellungnahme in dieser Beziehung zur
Kenntnis gebracht. Da Du in diesem Zusammenhang die Unschlüssigkeit Vaters
schilderst, was er mit der Bausparkasse machen soll, so denke ich, daß es auch
im Sinne unseres Kurt ist, wenn wir diese weiter bestehen lassen. Vielleicht könnten wir dann die Raten übernehmen.
Ich will aber gleich von Anfang an erklären, daß ich nicht auf die Raten
spekuliere, denn es ist ja alles so unklar, was dann nach dem Kriege wird. Ich
denke da in erster Linie daran, ob es überhaupt möglich ist, in Konstanz zu
bleiben. Aber wenn jemals aus diesem Bausparvertrag etwas werden sollte, dann
kann man immer noch eine Entscheidung treffen. Ich will jetzt noch keine
endgültigen Entschlüsse fassen, sondern Deine Meinung darüber hören. Vielleicht
hältst Du es nach Sachlage nicht für richtig, dann gib mir entsprechend
Bescheid.
Daß das nicht schön ist, wenn man diese Geldzuwendungen für diesen traurigen
Fall bekommt, ist auch mir vollkommen verständlich, aber es handelt sich da um
Beträge, die gesetzliche Zahlungen von Reichs wegen sind und die man nicht
einmal als solche zurückweisen kann.
Wieder kommst Du in Deinen Briefen auf die Angelegenheit wegen meiner
Zurückstellung zu sprechen. Die Sache ist ja wohl nun geklärt. Dein Ton klang
wohl etwas schärfer als er gemeint war. Ich habe darum Dein Schreiben auch nur
so auffassen können, wie Du es gemeint hattest, denn ich kenne ja schließlich
auch ein bisschen mein Mädel, wie sie sich in diesen Dingen verhält. Ich habe
Dir ja auch meine Ansicht mitgeteilt und ich nehme an, daß dieser Fall wohl nun
bereinigt ist. Aus Deinem letzten Brief glaube ich doch wohl eine ziemliche
Sorge herauslesen zu können, als Du schreibst, was nun werden wird, wenn unsere
Einheit aufgelöst wird. Soweit ich darüber unterrichtet bin, habe ich Dir ja
immer Mitteilung darüber gegeben. – Gern habe ich auch die Mitteilung entgegen
genommen vom Eintreffen weiterer Päckchen. Daß Du den Fisch gleich in ein
Mittagessen verwandeln konntest, war doch sehr schön. Es bedeutet doch für Euch
eine Abwechslung aus dem sonst üblichen. War denn der Speck noch gut oder hat
er durch den Transport gelitten? Es wäre schade. Ich dachte aber, Ihr bekommt
wohl daheim nicht gleich welchen. Ich selbst bekomme zu meiner Verpflegung
ausreichend Butter, so daß ich ganz gut darauf verzichten konnte. Warum soll
ich dann mehr essen, als notwendig. Euch ist das jedenfalls mehr von
Nutzen. Ich hatte schon einmal darauf
hingewiesen, daß Dein Wille zum Mithelfen, wo Du es kannst, in jeder Beziehung
lobenswert ist, so darfst Du auf keinen Fall außer acht lassen, daß Du nicht über Deine Kräfte gehen darfst. Du
weißt, wie es Dir vor zwei Jahren gegangen ist, als Du nicht richtig Obacht
gegeben hast. Ich bin ja nicht daheim, um das notwendige Gegengewicht zu geben,
wenn Du einmal meinst, Du könntest über Deine körperliche ? mehr tun. Vergiss das bitte nicht. In
solchen Fällen muß ich auf Dich sehr aufpassen. Ich denke aber, daß Du selbst
so vernünftig sein wirst, das selbst einzusehen, daß Du für die Familie in
erster Linie zu leben hast. Es ist bestimmt ein Zeichen der Schwäche gewesen,
wenn es Dir nach diesem Grippeanfall beim Nähen schlecht wurde. Ich bitte Dich
in diesem Zusammenhang aber gleichzeitig, nun nicht einen anderen Weg
einzuschlagen und mir dies nicht mitzuteilen, denn es wäre mir noch bitterer,
wenn ich dann eines Tages mit einer schlimmeren Nachricht überrascht
würde. Ich habe mich gefreut, daß Du
nun Sämereien für den Garten bekommen hast. Denn der Garten Euch doch eine
Hilfe, wie er uns in früheren Jahren auch schon genutzt hat. Ich war auch schon
bemüht, hier welchen zu erhalten, aber bis jetzt erfolglos. Etwas hast Du ja
noch da und wenn Du Setzlinge erhältst, dann geht es ja auch. Wenn Du mit den Kindern in der Konditorei
warst, dann ist das durchaus nicht so verwerflich, wie Du das ansiehst. Soviel
kannst Du ja schon „verschwenden“, denn knapp bist Du doch wohl mit Geld nicht.
Also, ich wünsche Euch noch nachträglich guten Appetit dazu. Du bist doch die
ganze Zeit tätig und immer unterwegs, warum sollst Du Dir da nicht einmal etwas
gönnen. Wenn die Kinder immer ihre Sache machen, dann kann man ihnen auch
einmal eine Freude machen. Das ist schon recht. Was die Leute anbelangt, die
mit uns gegangen sind und die, die zurückgeblieben sind, so fängt man langsam
an, diese Dinge zu überblicken. Nach den Mitteilungen, die man hier bekommt, ist
ja fast alles, was mit uns zusammengearbeitet hat, erschossen worden. Der Teil,
der übrig blieb und noch arbeitsfähig war, ist von den Russen mitgenommen
worden bzw. in die Armee eingereiht
worden. Recht viele herzlich Küsse
verbunden mit vielen Grüßen sendet Dir Dein Ernst.