Freitag, 16. März 2018

Brief 394 vom 11.3.1943


Mein liebster Schatz !                                                                    11.3.43  
       
Vorhin habe ich wieder ein Päckchen für Dich fertiggemacht. Mein Pullover, denke ich, kann ich wohl jetzt beiseite legen, denn das Wetter ist schon so angenehm, daß man an den hinter uns liegenden Winter bald nicht mehr denkt. Nur noch der Schnee läßt erinnern daran. Das Eis des Stromes bricht schon auf. Am vergangenen Sonntag war ich doch unterwegs. Unter uns lag der Dnjepr. Weit konnte der Blick schweifen.
Teilweise wurde die Eisfläche noch begangen. Aber viele offene Stellen konnte man erkennen. Der Wind kräuselte das Wasser. Trotz der Frische des Windes lag doch ein Ahnen des Frühlings in der Luft. Bald werden die letzten Spuren des Winters verwischt sein. Das Päckchen hat die laufende Nummer 33. Ich habe einige Kleinigkeiten für Euch mit beigefügt, damit Ihr nicht nur eine für Euch fast nichts bedeutende Angelegenheit erhaltet. Freut Euch daran, denn ich habe diese Dinge wieder gern besorgt.
Ich habe hier in einem Geschäft Stoßeisen für die Schuhe bekommen. Mit dem nächsten Päckchen, das ich bald wieder beieinander haben werde, schicke ich diese mit. Nägel dazu waren leider nicht zu bekommen. Ich denke aber, daß Du auch damit wieder zufrieden sein wirst. Dann habe ich aber einen dummen Kauf gemacht. Herumschleppen kann ich mich aber nicht damit, darum schicke ich Dir diesen Einkauf zurück. Was Du damit anfangen kannst, weiß ich nicht. Vielleicht kannst Du sie eintauschen oder verschenken. Mache damit, was Du für richtig findest. Du wirst schon irgendeinen Ausweg finden. Das ist seit langer Zeit, daß ich unüberlegt etwas gekauft habe. Ich werde aber in Zukunft aufpassen. Jetzt bekamen wir auch die Rechnung für die Kiste.
Ich bin froh, daß das hierher gekommen ist. So hast Du doch keine Last und keine Kosten gehabt. Die Anfuhr musstest Du wohl bezahlen, aber das wird die Welt nicht gewesen sein.  Gestern und heute war ich im Kino. Erst hatte ich den Film gesehen, von dem Ihr mir früher einmal geschrieben hattet. „Quax, der Bruchpilot“. Es ist wohl viel Quatsch, aber man muß doch lachen über das dämliche Gesicht von dem Rühmann.
Da sieht man, daß auch Dämlichkeit bezahlt wird, wenn man sie nur richtig anzuwenden weiß. Heute der Film hat mir wesentlich besser gefallen. „Zwei in einer großen Stadt“. Ich habe zwar nicht in Erinnerung, ob Du ihn schon einmal gesehen hast. Ich muß sagen, daß er mir ausnehmend gut gefallen hat. Es ist zwar allerhand, daß einem da Frauen gezeigt werden, die in leichter Unterwäsche herumlaufen. Man wird dabei zu stark an Dinge erinnert, die einem jetzt nicht zugänglich sind. Aber die ganze Art und Weise und der Aufbau des Films ist wirklich sehr angenehm.  Ich habe mich jedenfalls sehr gut unterhalten. Mit der Arbeit sind wir nun nicht mehr eingedeckt. Bald habe ich meinen Kram restlos in Ordnung. Das ist eine Sache, auf die ich früher immer hingearbeitet hatte. Ich dachte immer, das muß doch schön sein, wenn man einmal sagen kann, ich bin fertig. Jetzt ist es nun bald soweit, aber ich könnte nicht sagen, daß das ein Gefühl der Befriedigung ausgelöst hätte. Es liegt wohl daran, daß jetzt nun nichts Positives weiter vorliegt. Man schließt vollkommen eine Sache ab und weiß noch nicht, was sich dann auftut. Zudem war man es fast so gewohnt, daß es im Tempo gehen muß. Jetzt, wo es gemütlicher zugeht, kommt man ganz aus der üblichen Bahn heraus. Es kann einem Menschen gut oder schlecht gehen, nie wird er vollkommen mit seinem Zustand zufrieden sein.  Post kam heute von Dir nicht an. Ich kann ja auch nicht erwarten, daß die Post wie ein Uhrwerk präzise jeden Tag den Brief heranbringt, den Du täglich absendest, abgesehen davon, wo es Dir einmal nicht möglich ist. Die Verbindung klappt ja im allgemeinen gut, darum will ich damit zufrieden sein.  Herzlich grüße ich Dich und die Kinder und bin mit recht vielen herzlichen Grüßen und Küssen Dein Ernst. 

Brief 393 vom 9.3.1943

Mein liebes Mädel !                                                                        9.3.43 
        
Mit einer gewissen Spannung hatte ich schon auf Deine Nachricht über den Empfang der Kiste gewartet. Es interessierte mich sehr, was Du wohl sagen würdest, wenn diese kleine Überraschung eintrifft. Daß es für Euch eine Überraschung war, habe ich aus Deinem Schreiben lesen können. Ich freue mich, daß mir dies auch gelungen ist. Es ist doch ein schönes Gefühl, wenn man sich sagen kann, man hat denen daheim, seiner Familie, wieder helfen können. Daß alles gut angekommen ist, freut mich besonders, denn nun kann ja alles seine vorgesehen Verwendung finden. Die Wurst und das Mehl sowie das Öl werden von Dir schon zweckmäßig eingeteilt werden. Wenn Du auch Dir mit dem Mehl zu helfen weißt, dann bin ich vollkommen beruhigt. Denn es ist doch so, daß man alles unter schwierigen Umständen besorgen muß. Wenn nun der Wunsch bestand, nur weißes Mehl zu beschaffen, so war ich doch froh, als ich das gesandt bekam, weil ich davon überzeugt war, daß Du schon etwas damit anfangen kannst. Daß meine Mutmaßung richtig war, hast Du mir ja schon geschrieben. Das ist mir ein Spaß gewesen. An dem Tag, als ich die Würste eingepackt hatte, schriebst Du mir, daß Du einmal in jener Woche Fleisch eingespart hattest, damit Ihr einmal mehr Wurst essen konntet. Da dachte ich mir, das ist ja günstig. Mit Hilfe dieser kleinen Vorräte kannst Du ja wieder Deine Karten strecken und das ist es ja nur, was ich erreichen will. Den Mehlsack sendest Du mir bei Gelegenheit bald zu. Ich hatte mich hingesetzt und mit viel Mühe diesen Mehlsack fabriziert. Seinen Zweck hat er aber wohl erfüllt. Sorge hatte ich nur mit der Kiste, die war sehr nass, als ich sie mir erbeutet hatte. Darum hatte ich sie reichlich mit Stroh an den Wänden ausgefüttert.
Daß Ihr Zwei wieder Bronchialkatarrh hattet, tut mir sehr leid, ich hoffe aber, daß sich alles wieder gelegt hat in der Zwischenzeit. Auf alle Fälle wünsche ich Euch recht gute und baldige Besserung. Die Anzeige bezieht sich auf unseren früheren Paddelkameraden Haisch. Wenn man das so liest und dann an jene Zeit denkt, wie war man in mancher Hinsicht unbeschwerter wie gerade jetzt. Nach dem Kriege wird man die Reihen ziemlich gelichtet finden und auf die Frage nach dem einen oder anderen beantwortet bekommen, ja, der ist dort und dort gefallen. Es ist schade um ihn, denn er war doch ein flotter Bursche dieser Haisch. Ich sehe ihn noch, wie er mit seinem schmalen Einer loszog, als wir den Rhein hinunterzogen.  Der Zustand der Ungewissheit über unsere Verwendung hält immer noch an. Ich möchte fast sagen, daß sie immer verworrener wird. Gestern kam der Befehl, daß wir hier bei dieser Einheit bleiben. Damit war für den Moment eine Klarheit da, die meine Spannung etwas löste. Ich freue mich schon deshalb, weil nämlich diese Einheit nach Prag kommen soll. Das wäre doch schon ein ganzes Stück der Heimat näher. Aber heute früh scheint die Lage wieder anders zu sein. Wie und was nun los ist, weiß man überhaupt nicht mehr. Darum läßt man vielleicht erst bis zu einer endgültigen Entscheidung den Karren laufen.  Deine Mutmaßung, daß wir inzwischen weiter gerückt sind, stimmt wohl nicht ganz, aber ich denken, daß in den nächsten Tagen dieser Fall nun doch eintritt. Ich grüße und küsse Dich oft und fest und bin in Liebe immer Dein Ernst.

Brief 392 vom 8.3.1943


Meine liebe kleine Frau !                                                                  8.3.43 
     
Gestern Vormittag habe ich an Deinen Vater und an Siegfried je einen Brief geschrieben. Die Durchschläge habe ich Dir wieder beigefügt. Damit habe ich meine Absicht, vor der Entscheidung über meine  weitere Verwendung alle notwendige Post zu erledigen, ausgeführt. Alle anderen Sachen kann ich liegen lassen. Dir am Nachmittag einen Brief zu schreiben, war mir nicht möglich, denn ich hatte mir schon seit Tagen einen Spaziergang  durch die Stadt vorgenommen, denn es kann ja leicht passieren, daß man über kurz oder lang abkommandiert wird. Dann kann man sich sowas nicht vornehmen. Das Wetter war ziemlich kalt und windig, ich kann aber feststellen, daß ich ziemlich ausgelüftet und durchgepustet zurückgekommen bin. Das hat wieder einmal richtig frisch gemacht. Für den Abend hatte ich eine Karte für die kleine Kunstbühne.  Damit fand der Nachmittag einen ganz netten und angenehmen Abschluss. Es wurde ein Programm gezeigt, das sehr abwechslungsreich gestaltet war und wirklich an die bisher gezeigten Vorführungen wenig erinnerte. Es war „Zirkusleben“ betitelt und war in seiner ganzen Aufmachung wie ein Zirkusprogramm aufgemacht. Als ich später nach hause kam, fand ich Deine beiden lieben Briefe vom 26. und 27.2. vor. Ich werde sie anschließend beantworten. Zuvor gebe ich Dir davon Kenntnis, daß die Entscheidung über meine weitere Verwendung gefallen ist. Ich soll hier im Süden verbleiben und zu irgendeiner Kommandantur kommen, während mein Chef und der eine Kollege nach dem Norden versetzt werden. Ich habe das so hingenommen, als ob die Leute unter sich bleiben wollten.  Ich habe hier ja mit am meisten arbeiten müssen, darum wird es wohl nichts schaden, wen ich einmal zu einer Einheit kommen würde, wo ich es einmal nicht so streng habe. Vor wenigen Minuten kam aber schon wieder die Nachricht, daß der Führer unserer Einheit hier nicht mit dieser Änderung einverstanden sei, er will sich dagegen wehren. Ich bin zwar der Ansicht, daß er an dieser Entscheidung nichts mehr ändern wird. Aber man kann daran ermessen, daß er mit unserer Arbeit zufrieden gewesen ist. Denn nur aus diesem Gesichtspunkt heraus stemmt er sich ja gegen die Änderung. Die endgültige Entscheidung muß man nun abwarten. Wenn sich die erstgenannte Richtung durchsetzt, dann ist es Ende der Woche hier zuende. Wenn ich genau weiß, was nun tatsächlich geschieht, dann gebe ich dir schnellstens Nachricht.  Ich freue mich, daß nun nach und nach alle Päckchen bei Dir einlaufen. Jede Bestätigung ist mir dann eine Beruhigung, denn um jedes angekommene Päckchen brauche ich mir nicht mehr sorgen.  Es wäre zu schade, wenn etwas verloren ging. Aber auch bei einem Verlust könnte man nicht viel machen. Jetzt hast du erst einmal allen Honig daheim. Bald wohl auch alles Öl bei Dir eintreffen. Für Dein Päckchen danke ich dir immerhin schon heute. Es ist doch sehr lieb von dir, wenn Du immer noch von dem Wenigen, was Ihr habt, etwas abgibst. Ich hatte Dir doch damals geschrieben, daß Du mit dem Geld anfangen kannst, was Du willst, welches ich Dir zu Weihnachten gesandt hatte. Warum soll ich dann denn einen Kauf nicht billigen, über den Du Dich gefreut hast. Du wirst ihn gut gebrauchen können. Genug bist Du ja herumgesprungen um den zu erstehen. Meinen herzlichen Glückwunsch zu dem neuen Einkaufserfolg. Ja, den Stempel habe ich gleich wieder erkannt, als ich ihn auf dem Briefumschlag sah. Er stammt noch aus der Druckerei der Maschinenbaugesellschaft in Leipzig. Mit der Zusendung der Zeitungen tritt doch einmal etwas kurz solange noch nicht bekannt ist, was mit mir wird. Ich denke zwar nicht, daß die Sperre schon in den nächsten Tagen aufgehoben wird.  Ja  die Sache mit unserem Jungen in der Schule habe ich mir hin un her überlegt und ich habe mich gefragt, was soll man mit ihm anfangen. Man darf nicht vergessen, daß er in den ersten Flegeljahren steckt. Ihm das nun übel anzurechnen, das ist wohl fehl am Platze. Gewiß, man muß ihn die Sache verständlich machen, soweit man sich davon überhaupt eine Wirkung verspricht. Ihn verbläuen darum hat nach meiner Ansicht wenig Zweck. Daß er ein Stromer zur Zeit ist, hängt wohl auch damit zusammen, daß eine Vaterlehand ab und zu über ihn wacht. Ich weiß, daß Du Dir Mühe mit ihm gibst und daß er Dir in dieser Hinsicht Sorge macht. Aber eines ist gewiß, daß unsere beiden Bengel nicht schlechte Kerle sind. Diese Flegelzeiten legen sich wieder, aber man muß ihn etwas in den Bahnen halten. Frech ist er schon, wenn er einfach seinen Namen von der Tafel wegwischt. Aber es ist typisch für einen Jungen; er will sich eben von den Mädchen nichts vorschreiben lassen. Wichtig ist, daß er sich wenigstens während des Unterrichts nichts vergibt und lernt. Das darf er auf keinen Fall versäumen.
Das halte ich für sehr wesentlich. Ich denke, daß man das andere lenken kann. Darum mache Dir nicht soviel Sorge in dieser Beziehung. Es wird sich sicher einrenken. Das war wieder von unserer Gesellschaft sehr lieb, als sie sich gleich um Dich gekümmert haben, als Du Dich nicht ganz frisch fühltest. Ich muß aber auch hierzu ein Wort für Dich sagen. Ich schätze daraus Deinen Willen, mitzuhelfen, wo Du kannst. eines darfst Du aber nicht vergessen, daß Du nicht über Deine Kräfte hinausgehen kannst.
Wenn Du Deine Gesundheit schädigst, dann ist der Schade ungemein größer, wenn Du durch Überanstrengung krank werden würdest. Ich bitte Dich darum, überschätze Deine Kräfte nicht. Das, was Du leisten kannst, billige ich ohne weiteres zu, nur darüber hinaus nicht.  In dem Brief an Deinen Vater habe ich mich ja schon geäußert, was ich denke wegen der Beschaffung eines Grabsteins. Die Sache war doch so, daß Vater erst überhaupt nicht daran wollte. Jetzt durch die Ereignisse scheint es ihm zu eilen.
Wenn dieser Kauf auf Schwierigkeiten stoßen und vor allem wenn man die lange Lieferzeit in Betracht zieht, dann warten wir am besten bis zum Kriegsende. So hat es wenig Wert. Wir werden auch so unsre Pflicht in dieser Beziehung tun.  Eines wundert mich an ihm, daß er jetzt auf einmal Paulas Rat braucht, obwohl er die ganzen Jahre hindurch darauf verzichten konnte. Aus welchem Grund er ihn jetzt wohl braucht ist mir nicht verständlich. Daß ich in dieser Beziehung etwas mitzureden habe, ist wohl sehr klar.
Jedenfalls komme ich in diesem Fall eher zu Wort. Ich bitte Dich, dies Vater gegenüber zu vertreten. Ich muß schon etwas Rücksicht auf uns nehmen.  Selbstverständlich, Paula darf sich an diesen Dingen beteiligen, das ist aber auch alles.  Ich hoffe, daß nun wieder Post bei Dir eingegangen ist. Den Brief vom 1.3. habe ich heute erhalten. Beantwortet habe ich ihn schon mit diesem Schreiben. Ich danke Dir noch für diesen Brief vielmals. Dich und die Kinder grüße ich vielmals und gebe Dir recht viele herzliche Küsse. Dein Ernst. 
8 Einschreibebriefe habe ich heute an Dich abgehen lassen. Hebe bitte die  Marken mit für mich auf.  Heute an Kurts Geburtstag kam mein letzter Brief, den ich an ihn gerichtet hatt, wieder zurück. Immer wieder erinnert man sich seiner und jedes mal kommt einem von neuem zu Bewußtsein, daß es nun doch zuende ist.

Brief 391 vom 6.3.1943


Mein liebster Schatz                                                                       6.3.43        

Seit ich zur Wehrmacht eingerückt bin, hat es mir den Anschein, als ob wir uns jetzt in den einen Fall nicht verstehen würden. Es ist meiner Erinnerung nach seither das erste Mal. Es liegt mir daran, jetzt in dieser schweren Zeit keine Missverständnisse zwischen uns aufkommen zu lassen, denn dafür ist nicht die Zeit am Platze. Wir brauchen unsere Kräfte für andere Dinge. Ich kann verstehen, daß die Ereignisse der letzten Wochen nicht spurlos an Dir vorübergegangen sind. Das zehrt an den Nerven und erfordert viel Energie. Wir müssen dabei aber auch nicht einseitig werden und das Wesentliche dabei nicht aus dem Auge lassen . Bei mir handelt es sich ja nicht darum, daß ich zum Ersatzheer will. Es dreht sich hier darum, daß ich meinen Dienst in der Militärverwaltung weiter verrichte. Ich habe ja nicht die Absicht, mich in die Heimat zurückversetzen zu lassen. Mit meiner Herausziehung, die jetzt bevorstand, wenn ich diese Einwendung nicht gemacht hätte, wäre jetzt zu rechnen gewesen. Ich hätte womöglich meine Ausbildung wieder erfahren, bis die Herausziehungen gekommen wären. Dann würde sich die gleich Frage erheben, die sich jetzt ergeben hat. Was wäre dann dabei gewonnen? Ich hätte mich einige Monate in Deutschland herumgedrückt und das andere Ergebnis wäre, ich würde beim Ersatzhaufen bleiben. Ich schrieb Dir ja schon, daß die Einheitsführer von sich aus darauf hinzuwirken haben, daß letzte Söhne zurückgestellt werden sollen. Nun sage einmal selbst, ist das nicht richtiger, wenn ich jetzt diesen Weg gegangen bin und es nicht weiter hinausgeschoben habe. Ich habe ja nun inzwischen schon gewählt und es läßt sich daran nichts mehr ändern. Ich lege aber Wert darauf, daß auch Du mit mir einig gehst. Ich hoffe, daß Du nach den verschiedenen Erklärungen meinen Schritt verstehst.  Übermorgen hat nun unser Kurt Geburtstag, Ich kann es einfach noch immer nicht fassen. Das Leben geht immer noch weiter, wie wenn nichts gewesen wäre. Beim Aufräumen fiel mir heute wieder die Sache wegen der Rückzahlung der Wehrsteuer, die Kurt geleistet hatte, in die Hand. Weißt Du, ob er diesen Antrag abgesandt hatte, den ich ihm vor einiger Zeit vorbereitet hatte.  Ich sehe nicht ein, daß wir dem Staat etwas schenken sollen und nun gerade für eine Sache, die durch ein solches schweres Opfer noch bezahlt wurde. Vielleicht kannst Du mir darüber Auskunft geben..  Ich freue mich, daß Du Dir für das Weihnachtsgeld wieder einige Kleinigkeiten beschafft hast, an denen Du Deine Freude hast. Trotz aller Ausgabe, hast Du immer noch Geld zur Verfügung. Es ist schon schöner, wenn man etwas Geld in den Fingern hat und sich solche Dinge kaufen kann, die man gerade braucht.  Die Möglichkeiten sind durch die Einschränkung der Produktion von Artikeln, die nicht den täglichen Bedarf betreffen, sehr beschränkt.  Wenn es nicht möglich ist, die Zeitungen z.Zt.  abzuschicken, dann nimmt man das gerne in Kauf, sofern andere Sachen jetzt wichtiger sind. Ich bin ja froh, wenn ich immer noch Post von Dir erhalte.  Für die Besorgung der großen Werte der Briefmarken danke ich Dir vielmals. Nun sind ja die Sätze vollständig.
Das ist sehr lieb von Dir. Ich schicke in diesen Tagen noch einige Einschreibbriefe mit Marken. Hebe sie bitte mit auf.  Zwei Päckchen mit Wintersachen habe ich fertiggemacht. Den Schal, den Kopfschützer und die Handschuhe habe ich eingepackt. Den Pullover packe ich auch noch ein. Die größte Kälte wird wohl nun vorbei sein, so daß ich diese Sachen jetzt nicht mehr brauche. Das eine Päckchen enthält nochmals Bücher und eine Kleinigkeit für Dich. Hoffentlich findest Du Gefallen daran. Zum Pullover lege ich noch etwas für die Kinder bei. Für Jörg habe ich ein Taschenmesser, das er sicherlich „gebrauchen“ kann. Für Helga will ich eine kleine Holzdose, die bunt bemalt ist, kaufen und mitsenden. Die beiden Päckchen tragen die Nummer 31 und 32.  Für heute sende ich Euch recht herzliche Grüße und Dir viele Küsse. Dein Ernst.

Dienstag, 13. März 2018

Brief 390a vom 05.03.1943


Brief 390 vom 05.03.1943


Mein liebster Schatz !                                                          5.3.43   
   
Jetzt werde ich wohl die letzten liegengebliebenen Briefe erhalten haben. Ich bekam heute die Briefe vom 28.1., 2., 5. und 6.2. Außerdem allerhand Zeitungen. Dann lief auf meine Anfrage vom Pfarramt in  Stabitz  eine Antwort ein, daß ich von dort zwei Urkunden erhalten könnte über den Georg Rosche. Es handelt sich um Sterbeurkunden. Die Urkunden über die Geburt können dort nicht festgestellt werden, weil die Bücher nur bis 1706 zurückreichen. Ich habe heute sofort geschrieben, ebenso nach Nimburg wegen Brose. Dem Pfarramt in Nimburg habe ich übrigens geschrieben, daß die Urkunden an Dich gesandt werden sollen. Du mußt dann die Kosten umgehend begleichen. Wenn diese Sachen eintreffen, bitte ich, mir diese Sachen abschriftlich zuzusenden, damit ich meine Unterlagen auch wieder vollständig habe. Über das Fortschreiten der Nachforschungen habe ich mich gefreut. Es ist ja im Kriege mit größeren Schwierigkeiten verbunden, aber man sieht ebenso, was man erreichen kann.  Ehe ich auf Deine Briefe weiter eingehe, will ich gleich noch eine andere Sache erledigen, über die ich Dich nicht im Unklaren sein lassen will. Wie ich Dir schon mitteilte, wird unser Haufen hier wahrscheinlich aufgelöst. Von den fünf Beamten, die wir hier sind, ist einer vorgestern abkommandiert worden. Ich hatte schon so etwas im Gefühl, als ob mir auch etwas blühen würde. Ich fragte schon meinen „lieben Arbeitskameraden“, den ich so ins Herz geschlossen habe. Er wußte von nichts. Ich bin ja schließlich nicht von gestern und merke doch, daß der Betrieb so geheimnisvoll weiterläuft. Heute habe ich nun etwas fester auf den Busch geklopft, und da mußte ich hören, daß ich schon für eine Versetzung ausersehen war, daß diese aber für das erste abgestoppt worden sei. Das besagt nun daß dies nur etwas hinausgezögert worden ist, weiter nichts. Ich muß also damit rechnen, daß ich mich in den nächsten Tagen in Bewegung setzen werde.  Wohin ist noch nicht bestimmt, aber ich glaube nicht, daß ich mich täuschen werde. Ich teile Dir dies mit, damit Du nicht eines Tages plötzlich überrascht wirst. Die anderen Drei, die dann noch verbleiben, wollen dann wahrscheinlich unter sich bleiben. Man wird es mir wohl anders sagen, aber ich habe solche Wechsel schon so oft mitgemacht, daß ich mir da schon bald nichts daraus mache. Ich sende in diesen Tagen noch verschiedene Winterbekleidungsstücke ab, damit ich diese nicht mitschleppen muß.  Den Kindern habe ich vorhin geschrieben. Ich hoffe, daß sie damit zufrieden sein werden. Ich will alle Post, die ich noch zu beantworten habe, noch vor der Veränderung erledigen, damit ich da keine Schulden habe.  Daß Du mit unserem Bengel keinen leichten Stand hast, kann ich mir vorstellen. Denn er stellt doch immer etwas an. Man kann annehmen, daß er se nicht aus Bosheit tut. Aber Kinder handeln in solchen Sachen unüberlegt.  Gerade solch ein Lauser, der denkt doch nicht weiter nach. Er dackelt einfach mit den anderen über die Wiese. Daß er von sich aus Versuche unternimmt, um seine Schuhe wieder in Ordnung zu bringen, will ja schon etwas heißen. Aber nimm sie nur ran. Wenn Du etwas zu besorgen hast, dann spanne sie nur mit an. Im allgemeinen sind sie ja auch ziemlich angespannt. Aber man kann sie wohl nicht herumbummeln lassen. Dagegen muß man ihnen auch wieder etwas Freizeit lassen.  Mit dem Öl, lese ich, hast Du Dir selbst geholfen. Wo hast Du das her, bzw.  wie hast Du das gemacht. Der Satz hat mich auch daran gestört.  Das stimmt, es riecht sehr gut. Es ist ja sehr frisch. Das ist ja aus der Ostukraine, das die Russen jetzt zum Teil wieder besetzt haben. Wahrscheinlich werden diese Sendungen nun für eine Zeit wieder nachlassen, denn man muß sich überall erst eingewöhnen und man kann doch nicht gleich anfangen mit organisieren.  Das Zusammentreffen mit Nannie ist sicherlich nicht leicht gewesen. Man merkt doch den Unterschied im Alter  zwischen ihr und uns. Man muß ja noch berücksichtigen, daß sie auf solch kleinem Kaff sitzt und dort nur ihren Mann hat. Sie lebt ja nur in ihrem kleinen Kreis. Das andere, was sie durch Briefwechsel erfährt und dadurch Anteil am Leben der anderen nimmt, das ist doch im Verhältnis reichlich wenig. Ich glaube, daß ich auch kein Verständnis für ihre Ansicht haben könnte. Dann muß man sagen, daß sie im Leben viele Enttäuschungen erfahren hat, die sie ganz mutlos machen. Ganz abgesehen davon, daß sie kein Riese ist. Wir haben aber immerhin noch eine gewisse Elastizität, die uns diese Dinge besser überwinden läßt. Mit Paula, das ist nun wieder eine Geschichte für sich. Du weißt ja, daß sie auch früher schon kein großer Held im Saubermachen war. Das sich so fadenscheinige Entschuldigungen. Die Äußerungen von ihr sind aber typisch. Ich kenne sie ja. Wenn sie meint, die Soldaten würden auch im Dreck liegen, so liegt das ja nur daran, daß es sich nicht anders einrichten läßt. Ich will Dir einmal sagen, wenn wir nicht immer von uns auf Ordnung halten würden, dann würden wir bald in unsrem eigenen Dreck verkommen. Man gestaltet sich die Bude etwas wohnlich, sobald man merkt, daß man eine Weile im Ort bleibt.  Daß Helga sich zum Ziel gesetzt hat, auch in der Größenlehre eine bessere Note zu erreichen, ist ja ein löblicher Vorsatz. Hoffentlich gelingt es ihr, damit dann ihr Bemühen belohnt wird.  Über die Zeugnisse habe ich ja schon geschrieben, darum brauche ich heute wohl keine Worte weiter verlieren. Es ist nun Mitternacht geworden. Ich möchte nun schließen und beende mein Schreiben mit recht herzlichen Grüßen und vielen Küssen von Deinem Ernst. Etwas muß ich doch immer vergessen. Man merkt, daß man alt wird. Ich habe keine Näh und Stopfnadeln mehr. Ebenso fehlt mir etwas Zwirn. Wenn Du mir wieder einmal Inspiroltabletten besorgen kannst, dann mache das bitte einmal. Wegen der Zusendung mußt Du noch warten bis sich bei mir die Lage geklärt hat.  Nochmals viele Grüße und Küsse von Deinem Ernst.

Brief 389 vom 04.03.1943


Mein liebster Schatz!                                                                  4.3.43      

Ich bin gestern nicht fertig geworden denn ich wurde abgerufen.  Als ich dann wiederkam, war es zu spät zum Weiterschreiben. Heute im Laufe des Tages kam ich auch nicht dazu und nun sitze ich, wie seit langer Zeit üblich, Am Abend hier in meinem Zimmer, das Radio läuft, und ich schreibe dabei an Dich. Wie Du schon gesehen hast, habe ich Dir wieder ein Foto beifügen können, das noch aus unserer Zeit aus Charkow stammt. Es wurde bei uns im Büro aufgenommen und ich muß selbstgefällig feststellen, daß es ganz ordentlich geworden ist. Ich freue mich jedenfalls, Dir wieder einmal ein ordentliches Bild übermitteln zu können. Den Film dazu lasse ich Dir direkt zugehen. Den hat einer unserer Männer von seiner Frau entwickeln lassen und diese wird ihn Dir zuschicken. Vielleicht kann man davon einige Vergrößerungen machen lassen.  Wenn das möglich ist, dann möchte ich davon meinen Kameraden jedem ein Bild geben.  Ich habe heute bei der Dienstpost 5 Einschreibebriefe an Dich aufgegeben. Sie enthalten Briefe von Dir. Ich habe dies aber nur wegen der Briefmarke getan. Auf den Päckchen befinden sich auch Marken mit Aufdruck. Versuche doch diese abzuweichen und diese mit aufzuheben. Heute hatten wir von unserem Stab aus eine Rundfahrt durch die Stadt mit Führung. Ein Wissenschaftler vom Einsatzstab Rosenberg hatte die Führung.  Ich kann nur sagen, das das höchst interessant war. Das wäre gewiß etwas für Dich gewesen. Nach den Schilderungen muß dieses Kiew früher eine ganz fabelhafte Stadt gewesen sein. Über einhundert Kirchen hat es hier gegeben. Die älteste Kirche Russlands ist noch erhalten, sie stammt aus dem 11. Jahrhundert. Sie enthält ganz fabelhafte Fresken und Mosaikbilder aus dieser Zeit, da staunt man, was da um diese Zeit schon für Kulturwerte geschaffen wurden. Gerade diese Sofienkathedrale hat auf mich einen ganz tiefen Eindruck gemacht. Von diesen vielen Kirchen sind nur noch wenige erhalten geblieben. Die Bolschewiken haben sie abgerissen, um an ihre Stelle Parteibauten zu setzen.  Sie sind meinst sehr kläglich ausgefallen. Es gibt wohl einige mächtige Koloßbauten, aber man hat den Eindruck, als sei das Gebäude noch nicht vollendet.  Langsam füllen sich die Lücken, die durch die ausstehende Post entstanden waren. Vorhin erhielt ich Deine beiden lieben Briefe vom 3./4. und 8./9.2. Ich kann also mit der Post im Moment nur zufrieden sein. Mit Freuden habe ich daraus wieder vernommen, daß Dich meine Päckchen 5 und 6 heil und ganz erreicht haben. Du wirst  alles gut gebrauchen ud darum auch entsprechend einteilen und verwerten. Es stimmt, wenn Du schreibst, daß einem das nicht in den Schoß fällt. Aber man streckt sofort die Fühler aus, um irgendetwas Brauchbares zu beschaffen. Daß man nicht immer nur nahrhafte Sachen bekommt, hast du ja aus meinen letzten Briefen gelesen. Ich denke aber, daß Du mir für die Bücher dankbar bist. Es müßte nur sein, daß Du jetzt den Lesestoff auf einmal verachtest.  Aber ich glaube eher, daß du immer dafür noch sehr empfänglich bist. Ich freue mich jedenfalls, wenn ich von Dir lesen kann, daß auch Du merkst, wie ich immer an Euch denke. Das ist mir Dank genug und das spornt mich immer wieder an.  Deine Empfindungen über die Kämpfer von Stalingrad sich auch die meinen. Im Gedächtnis der Deutschen haben diese Kämpfer alle ein Mahnmal. Daß diese Männer alle symbolisch die anderen mit verkörpern, dieser Gedanke zwingt sich einem unwillkürlich auf.  Daß Kurt gerade um diese Zeit fallen mußte, ließ einem diesen Kampf noch spürbarer werden. Ich wußte von diesen Kämpfen ja schon, als die erste Einschließung kam, denn diese Armee gehörte zu unserer Heeresgruppe. Trotz allem nahm man am Anfang das alles nicht so tragisch, weil man sich sagte, die halten sich bis Entsatz kommt. Das Schicksal hat es anders gewollt.  Daß es mir gelungen ist, Dich einmal in Erstaunen zu versetzen, das wundert mich und läßt auch mich staunen. Das war Dir also neu an mir, daß ich solche Märchen schreibe. Wenn ich ehrlich sein soll, dann stammt ja die Idee nicht von mir, sondern von unserem Jungen. Ich habe es nur noch etwas ausgeschmückt, das ist mein ganzer Verdienst. Wenn es Euch allen Freude bereitet hat, dann stimmt es ja wieder einmal. Ich stecke dieses Lob von Dir zwar ohne Gegenleistung ein und bedanke mich dafür. Ich möchte den Kindern schon wieder einmal schreiben, aber erst kommst Du dran. Nun komme ich eigentlich auch erst heute dazu, Deine Frage wegen der Bohnen und des Kakao, den Du an Deinen Vater senden willst, zu beantworten.  Mit dem Kakao tritt doch etwas kurz. Denn Du weißt nicht, was Du noch für die Kinder bekommst. Man weiß ja nicht, wie lang sich der Krieg hinzieht. Wenn Du die Bohnen übrig hast, dann sende sie ihm doch. Man muß ja jetzt mit allen Dingen sehr sparsam umgehen und damit haushalten. Es stimmt schon, daß er zu der Zeit, als Erna noch bei ihm war, manches mehr gehabt hat, das wird er wohl gemerkt haben. Du muß aber immer im Auge behalten, daß Ihr drei Personen seid und seine Frau muß auch an ihn denken. Ich bitte Dich, das zu beachten.  Mit Deinen Zeilen wolltest Du mich anscheinend in Sicherung wiegen, wenn Du mir anrätst, daß ich mit unserem Jungen keine Notgemeinschaft bilden brauche. Die Worte klingen mir zu verdächtig. Ich bin mit Einschränkungen wieder ein frecher Kerl. Du meinst zwar, daß das Wort „Bürschle“ eine Liebkosung sei und keine Herausforderung. Meine Reue fand anscheinend vor Deinen Augen keine Anerkennung. Ich weiß mir nun nicht mehr zu helfen und überlasse alles dem Schicksal, es wird alles zum rechten fügen. Aber wenn man seiner eigenen Frau nicht einmal ein paar Worte sagen kann, die einmal aus dem Rahmen fallen, was kann man dann eigentlich noch machen.  Ich teile vollkommen mit Dir die Einsicht, und ich habe Dir diese Auffassung schon kürzlich selbst mitgeteilt, daß die anderen Menschen eine Nachricht vom Tode eines Anderen wohl hören, dann sagen sie noch, so, so, der und der ist auch tot. Nur eine solche Katastrophe wie Stalingrad läßt sie aufhorchen. Das Leben stellt ja auch viele Anforderungen, darum kann man auch von den anderen nicht verlangen, daß sie nun die Hände in den Schoß legen und mittrauern. Das Leben geht weiter und jeder hat heute viel mit sich selbst zu tun. Wenn das Mädel aus dem Geschäft von Kurt um ihn trauert, dann ist das sehr mitfühlend, aber unseren Kurt bekommen wir dadurch doch nicht wieder zurück. Aber Paula verlangt von andern Menschen mehr, als sie selbst zu geben gewillt ist. An den Oberleutnant habe ich ja inzwischen schon von mir aus geschrieben. Wie sich die Dinge dort gegeben haben, das kann man noch nicht endgültig sagen. Ich hoffe, auf alle Fälle Bescheid zu bekommen.  Bei uns hier im Süden bessert sich nach dem Wehrmachtsbericht zusehends die Lage. Das gibt wieder neuen Mut und man sieht mit mehr Vertrauen in die Zukunft, wenn unsere Lage bisher auch nicht als hoffnungslos zu bezeichnen war, aber es drückt ein Rückzug auf das Gemüt, weil wir ein Volk sind, das auf den Angriff eingestellt ist.  Im Zusammenhang mit der Zurückstellung zum Ersatz bzw.  zum Versorgungsheer benötige ich eine amtliche Bescheinigung, daß ich letzter Sohn bin. Ich denke, daß Du am besten auf das Standesamt gehst mit dem Familienbuch und läßt Dir vom Himmelsbach eine solche Bescheinigung ausstellen.  Daß unsere zwei Lauser Dir Arbeit machen, das ist ja klar. Vor allem, wenn unser Oberstromer die Hosen im Stacheldraht zerreißt. In Friedenszeiten ist das nicht so schlimm, aber jetzt, wo man alles so schlecht wieder beschaffen kann, da ist das schon erheblich schwieriger. Daß unser Junge ein richtiger Rüpel geworden ist, das sieht man daran, wie er sich benimmt, wenn seine Schwester in der Klasse bei ihm Aufsicht führen muß. Daß er sie dabei herausfordert, das ist ja bei diesem Bengel nicht anders denkbar. Ich muß da an die Geschichte von Thoma denken, wo das eine Mädel ihn an die Tafel geschrieben hat und was sich dann für eine große Geschichte daraus entwickelt hat. Hier ist es ja etwas anders. Aber das fiel mir dabei unwillkürlich ein. Wenn er so weitermacht, dann wird er ja ein richtiger Raudi. Nicht einmal vor den älteren Mädchen haben diese Bengels Respekt. Das ist schon unerhört. Das ist geradezu empörend. Man merkt aber, der Vater fehlt daheim. Ich bin auch mit Dir einer Meinung, daß Paula wesentlich an dem Zwiespalt schuld ist, der sich innerhalb der Familie zeitweilig ergeben hatte. Daß Kurt in einer schwierigen Lage war, das war mir immer klar. Mit keinem wollte er es verderben. Wir haben uns jedenfalls bemüht, möglichst wenig über die anderen zu sprechen und wir waren immer froh, wenn wir uns nicht damit beschäftigen mußten. Ich weiß aus der Kenntnis der Mentalität von Paula, daß dieser Fall bei ihr umgekehrt lag. Dies erhellt ja sich wieder daraus, daß sie das Zusammensein mit Vater gleich wieder benutzt hat, über uns  herzuziehen. Ich fühle mich davon nicht beirrt, denn in diesen Dingen habe ich schon eine philosophische Ruhe bekommen. Das kann mich kaum mehr ärgern. Ich weiß, welche Charaktereigenschaften sie hat. Daß sie in Albert einen guten Nacheiferer gefunden hat, das ist Dir und mir ebenso bekannt. Daß dann der Junge nicht anders sein kann, das ist ja vollkommen klar. Gewiß, sie haben vieles für Kurt getan, aber sie hört zu gern dafür ein Lob und sie hat es zu gern, wenn man ihr das immer wieder sagt, was sie damit geleistet hat. Wenn Vater für alles Entschuldigungsgründe findet, dann ist das seine Sache. Wir haben unsere Erfahrungen mit ihr gemacht. Wenn sich eine kleine Änderung in den Beziehungen ergeben hat, so doch lediglich nur im Andenken an unseren Kurt. Er selbst hätte es vielleicht gern zu Lebzeiten gesehen, aber erst sein Tot war stark genug, um über die im Laufe der Zeit entstandenen Schranken hinwegzuhelfen. Daß Paula sich nicht geändert hat, daß sie die gleiche bleibt, das ist auch meine Ansicht. Über das Verhältnis zwischen Kurt und Vater habe ich ja vor einigen Tagen geschrieben. Es war so, daß er sich nie viel bei ihm hat sehen lassen. Er hat auch nicht viel gesprochen, aber wenn ich mich an den Fall mit der Familie Frick erinnere, dann kann ich mir nur sagen, daß er in ehrenhafter Weise an Vater gedacht und von ihm gesprochen haben muß. Das ist schön von ihm gewesen. Er stand ja praktisch zwischen den Fronten, die sich herausgebildet hatten. Er bewegte sich in dem einen wie im andren Lager. Ob er die Meinung von Paula beispielsweise durch irgendeine Zustimmung bestärkt hat, das glaube ich wohl nicht. Es kann sein, daß sich die Beziehungen im Laufe der Zeit wieder von selbst etwas auflösen; festigen werden sie sich wohl kaum. Daß sie gern und auch mit Erfolg organisiert, das weiß ich. Sie ist dann bestimmt nicht kleinlich, das ist vielleicht ihre große Seite. Wie ich aber oben schon schrieb, sie will es immer wieder bestätigt haben und man soll ihr nur deshalb huldigen. Das machen wir nun nicht mit und da wir unsere eigene Meinung in unseren Dingen haben, das ist nun nicht nach ihrer Mütze. Aus all diesen Erwägungen heraus haben wir uns auch aus allem heraushalten wollen. Daß wir immer noch wissen, wer wir sind und daß wir unseren Stolz haben, hat uns ja auch die Spannung, um nicht zu sagen die Feindschaft gebracht. Wir sind aber auch ohne ihren Segen das geblieben, was wir waren, und auch ohne ihren Segen sind wie größer geworden. Das mag auch einen Teil ihres Grolles auf uns ausgemacht haben, daß wir ohne ihre Hilfe so langsam zu etwas gekommen sind. Für heute will ich damit diese Betrachtung schließen. Ich glaube, daß wir wieder einer Meinung sind.  Nun hat Helga auch wieder etwas geerbt. Daß diese Schuhe von Dir in ihren Besitz übergegangen sind, hat ihr wohl gefallen. Das ist nun einmal Kinderart, daß sie sich gern „stolz machen“, wie sie doch immer sagt. Wenn Du sie entbehren kannst, dann soll es ja recht sein.  Die Schuhe waren ja sehr ordentlich. Sie soll sie nur in Acht nehmen. Im allgemeinen leiden sie ja nicht so wie bei unserem Oberstromer.  Die Geschichte mit dem  Chef, an die Du erinnerst, hat insofern einen Haken, als dieser doch mit aus der früheren Zeit bekannt war. Diese Gegend ist ja nicht aus unserer Hand gekommen. Darum ist anzunehmen, daß dieser Mann noch auf seinem Posten sitzt, Also werden sich kaum Änderungen ergeben haben, wenn der Mann seine Pflicht weiterhin getan hat. Was die anderen von uns im vergangenen Sommer besetzten Gebiete anlangt, wie wir jetzt an die Russen wieder abgeben mußten, so kann ich Dir dazu sagen, daß die Landwirtschaft gleich hinter der kämpfenden Truppe mitgeht. Die  Erzeugnisse werden erfaßt und die Gebiete werden sofort für die Truppe nutzbar bemacht. Denn es kommt doch darauf an, daß die Truppe unabhängig von der Heimat ist. Bedauerlich ist, daß wir allerhand Vorräte dort lassen mußten, die wir nicht mehr abtransportieren konnte. Die Getreide mengen, das Öl, die Butter und die Kartoffeln sowie der Zucker und was es so alles gibt, waren nicht unbeträchtlich. Aber wenn wir jetzt wieder zurückschlagen, dann ist es ja  wesentlich, daß es dem Russen nicht zur Nutzung verbleibt. Es ist kaum möglich, daß er das alles in der kurzen Zeit weggeschafft hat. Diesen Brief kann ich einem in Urlaub fahrenden Offizier mitgeben. Ich hoffe, daß er darum recht bald in Deine Hände eintrifft. Sei Du recht herzlich gegrüßte und gib den Kindern viele Küsse von mir, diesen Lausern. Grüße auch bitte Vater von mir und nimm Du persönlich leider nur wieder im Geiste, viele Küsse entgegen. Ich würde zu gern Dich wieder einmal abdrücken. Hast Du etwas dagegen? Kuß, Schluß! Dein Ernst. 

Die verschiedenen Zeitungsausschnitte vergaß ich noch zu erwähnen. Könnte Kur nicht so als Soldat ausgesehen haben. Die Zigarette natürlich weggedacht. Den anderen Bericht über WL kannst Du einmal mit den anderen Sachen aufheben. Dann den Ausschnitt über die Schule sende ich Dir mit, damit Du auch siehst, welchen Weg man mit der Hauptschule zu gehen gedenkt. Wenn das sich einmal eingespielt hat, dann mag das schon recht sein. Ich habe aber immer noch das Empfinden, als ob damit experimentiert wird. Jetzt mache ich aber bestimmt für heute Schluß mit meinem Reimen, darum nochmals wie oben.