Dienstag, 13. März 2018

Brief 388 vom 03.03.1943


Mein liebes Mädel !                                                                          3.3.43       

Zuerst möchte ich Dir Deine lieben Briefe vom 31.1., 20. bis 24.2. bestätigen. Die ersten vier bekam ich gestern und der letzte traf heute ein. Für alle danke ich Dir sehr. Die laufende Post geht nun wieder ziemlich regelmäßig, die letzte Post kommt so nach und nach heran. Ich will noch vorwegnehmen, daß ich gestern zwei Päckchen an Dich abgesandt habe. Eines enthält Bücher und das andere eine Flasche deutschen Sekt. Die Nummern lauten 29 und 30. Jetzt habe ich für noch ein Päckchen Bücher hier, das mache ich fertig, sobald ich mir die Sachen angesehen bzw. gelesen habe. In Deinem letzten Brief behandelst Du gerade die Frage, die ich in meinem gestrigen Brief nochmals angeschnitten und die ich heute erledigt habe.  Deine Worte sind vollkommen richtig, und ich verstehe Dich auch. Bemerken will ich aber, daß sich solche Sachen besser mündlich regeln lassen, weil sie sehr heikle Probleme sind, die man am besten in Rede und Gegenrede behandelt. Ich will aber nochmals versuchen, Die die Dinge in der Form klar und verständlich zu machen, wie ich sie sehe und wie ich glaube, sie innerlich vor mir und dann vor Dir und den anderen vertreten zu können. Seit Jahren bestehen verschiedene Führererlasse, die Dir im Groben gesehen bekannt sein werden. Diese Erlasse wurden im vergangenen Jahre einer Verfügung ausgearbeitet. Darin heißt es unter anderem, daß letzte Söhne usw. auf Antrag des Disziplinarvorgesetzten von der kämpfenden Truppe zurückzustellen sind. Wenn solche Fälle in Erscheinung treten und ein Angehöriger aus der kämpfenden Truppe will sich trotzdem nicht zurückversetzen lassen, dann muß von ihm eine Erklärung aufgenommen werden, daß er keinen Gebrauch von diesem Erlass machen will. Diese Erklärung gilt dann für die Dauer dieses Krieges. Umgekehrt ist es, wenn dieser Fall eintritt, daß dann der Betreffende in seiner Wehrstammrolle keinen Eintrag erhält, daß er einziger Sohn ist. Du siehst daran, daß man diesen Dingen von höherer Stelle schon einige Bedeutung beimisst. Du weißt, daß ich den Dingen bisher ihren Lauf gehen ließ. Ich habe, wenn man hier so sagen muß, das Schicksal in keiner Weise zu beeinflussen versucht. Ich habe mir die Dinge bis gestern reiflich überlegt und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich Euch und der Familie gegenüber die Verpflichtung habe, diesen Schritt zu tun. Es ist nicht gesagt, daß einem durch die Versetzung zu einer anderen Einheit gleich etwas zustoßen muß. Es kann sein, daß einem hier, gerade wie jetzt die Dinge liegen, unter Umständen noch eher etwas zustoßen kann. Ich will mir aber dann sagen können, ich habe das, was ich im Interesse der Familie tun mußte, getan. Geht es dann anders, dann kann ich es nicht ändern. Wenn ich von den anderen Männern geschrieben habe, die sich aus allem heraushalten, so habe ich es das bewußt getan, um Dir zu zeigen, was zum Teil für Elemente hier bei einem solchen Stab herumlaufen. Ich nehme sie  mir bestimmt nicht als Vorbild, aber bei einer solcher Entscheidungsfrage muß man sich alle Dinge vor Augen halten und kann diese Dinge nicht unbesprochen lassen. Es ist ein äußerst schwieriges Problem und gerade für Menschen, wie wir sie sind, ist eine solche Angelegenheit nicht leicht zu lösen. Ich will kein Geschäft mit dem Tode meines Bruders machen, und ich will sie als das erkennen, was sie sind und dabei immer wieder die Tatsachen als Tatsachen betrachten.  Ich komme dabei immer wieder zu dem Schluß.  Ich bin nun fast seit Anfang im Einsatz. Dieser Einsatz war zum Teil nicht ungefährlich. Manchmal schwerer, als ich es Dir schreiben konnte. Vielfach hat man die Dinge auch nicht so geachtet. Ich will mich auf diesen erworbenen Lorbeeren nicht ausruhen, aber immerhin kann ich mit einer gewissen Berechtigung sagen, daß andere erst das hinter sich bringen sollen, ganz abgesehen davon, und das ist immer wieder das Entscheidende, die Verpflichtung Euch gegenüber. Ich denke, daß Dir jetzt mein Schritt etwas verständlicher geworden ist, wenn noch Unklarheiten bestehen, dann will ich sie Dir gern beseitigen, soweit das notwendig sein sollte.  Die Schlammperiode hatte ja schon ihren Anfang genommen, als wir unsere letzte Umsiedlung vornahmen. Wir sind ja die meiste Zeit von einer Seite auf die andere geschlittert. Das ist ein wenig angenehmes Gefühl, aber man gewöhnt sich nach einiger Zeit daran. Ich habe Dir ja geschrieben, wie oft wir unseren Wagen herausgeschoben haben. Diejenigen, die die russischen Straßen verhältnismäßig kennen und die das schon erlebt haben, die nehmen das mit der erforderlichen Ruhe hin und machen sich mit der gleichen Ruhe daran, den Wagen wieder flott zubringen. Andere wieder mit weniger Erfahrungen, die fangen an zu schimpfen und zu fluchen. Das hilft ihnen aber wenig dabei .

Donnerstag, 1. März 2018

Brief 387 vom 01.03.1943


Meine liebste Annie, liebe Frau !                                                      1.3.43       

Deine weiteren Zeilen, die Du im Anschluss an Deinen Luftpostbrief vom Tode unseres Kurt geschrieben hast, sind genau 4 Wochen nach Eintreffen des Luftpostbriefes eingegangen. Das liegt nun an den Frontverschiebungen, die sich seit der Zeit ergeben hat. Heute gehe ich hier zur Frontbuchhandlung, auf einmal ruft mich hier ein Zivilist an. Ich bin erst verwundert, dann stellt es sich heraus, daß es einer unserer Dolmetscher war, die wir bei unserer früheren Einheit hatten. Ich war erfreut und zugleich verwundert, diesen Mann hier zu treffen. Ich erfuhr dann, daß die Kameraden von dem Ort, an dem ich auch war, gerade noch so weggekommen sind, bevor die Russen kamen. Sie waren über drei Wochen mit Schlitten unterwegs. Es haben sich manche Unliebsamkeiten ergeben, über die man hier nicht gut schreiben kann, über die man später vielleicht besser einmal spricht. Der eine Rat, der mit auf dem Bild ist, das ich Dir kürzlich sandte  er sitzt zwischen mir und Drechsler  wird mit noch einigen Kameraden vermisst.
Es kann sein, daß sie sich in den nächsten Tagen noch einfinden werden. Solche Meldungen wird man in diesen Tagen verschiedentlich hören. Es ist eine harte Zeit für uns. Wenn das der Höhepunkt all dieser Kriegsereignisse ist, wenn das wirklich die letzten Anstrengungen der Russen sind, und wenn wir diesen Schwerpunkt überwunden haben, dann könnte man mit mehr Zuversicht für die nächste Zeit in die Zukunft sehen. Aber dür den Fortgang der weiteren Dinge kann man noch keine schlüssigen Erklärungen abgeben, denn Aktion löst eine Gegenaktion aus. Wir werden keine Mittel unversucht lassen, um all das einzusetzen, was unserem Siege dient. Hoffen wir darum, daß wir dem Abschluss der Kämpfe hier im Osten näher sind, wie wir es vielleicht ahnen, immerhin so nahe, wie wir es erhoffen.  Als ich damals von Dir die Mitteilung erhielt, daß Kurt in Urlaub gekommen ist, da hatte ich mich so für ihn gefreut. Du schriebst mir damals, daß er entgegen seiner Gewohnheit erzählt habe. Ich betrachtete das als eine angenehme Veränderung ins einem Wesen. Du hattest Dich anscheinend auch darüber gefreut, denn Du schriebst mir noch besonders davon. Ihr hattet nun erst noch vor kurzer Zeit mit ihm gesprochen, für Euch war der Eindruck vielleicht noch lebendiger. Ihr konntet euch aber immer noch damit trösten, daß Ihr ihn noch einmal gesehen hattet, dies war ja bei mir schon lange nicht mehr der Fall. Ich kann mir gut vorstellen, daß Vater ganz niedergeschlagen war, als er Dir diese Nachricht überbrachte. Daß er das alles miterleben musste, ist hart, doch man weiß ja nicht, was die Vorsehung alles für uns noch aufgespart hat. Nach menschlichem Ermessen und nach dem normalen Ablauf des Lebens rechnet man ja, von seinem Standpunkt aus gesehen, nicht mit solchen Ereignissen. Wenn etwas Zeit darüber hingegangen ist, wird er auch wieder etwas mehr Ruhe finden. Es ist ja für uns alle nicht leicht. Wenn Ihr um ihn weint, dann kann man sagen, daß er diese Tränen verdient hat. Es stimmt, er war nicht so wie die Menschen so landläufig sind, aber ein guter Kerl war er doch. Wenn ich nur so daran denke. Wenn er daheim war, so hat er doch mit Vater nicht viele Worte gemacht. Er hielt sich nur ganz kurz immer bei ihm auf, wenn er schon hinunterging. Aber wie ich aus dem Verhalt der Frau Frick entnehmen muß, hat er doch dort sicherlich über ihn gesprochen, denn sonst würde diese Frau ihm nicht immer wieder etwas geschickt haben. Ich betrachte dies immer wieder unter diesem Gesichtspunkt und ich glaube, daß dies auch bestimmt so war. Im Zusammenhang mit dem Tod von Kurt erinnere ich mich an due Stimmung, die zuhause bei uns herrschte, als wir die Nachricht bekamen, daß Walter wahrscheinlich tot sei. Wir saßen daheim. Vater kam und erfuhr davon. Walter war früh weggegangen wie immer. Kaum, daß man ihm etwas angemerkt hatte. Später hat man dann versucht, alles zu rekonstruieren. Man hatte wohl seine Mappe am Ufer gefunden. Ein Bootsfahrer will gleich hinausgefahren sein und versucht haben, mit Stangen nach ihm auf dem Grund zu fühlen. Ergebnis zwecklos.  Ungewiss war noch alles. Alle Fragen blieben offen. Ist er tot oder lebt er noch. Bis dann nach langen Wochen die Gewissheit kam. Das war viel, und doch erlebte ich das damals alles nicht in dem wachen Bewusstsein, denn ich war ja immer noch ein Kind. Aber die Erwachsenen machten das damals alle mit durch. Das war schon eine starke Belastung. Das ist nun mit Kurt wieder ein ganz anderer Fall. Aber wenn man sich so sagt, er hat das Leben noch vor sich gehabt, dann bedeutet das schon etwas für die Eltern und für die Anverwandten. Daß er mit der Familie Frick über Tod oder Verkrüppeltsein geredet hat, das ist mir noch in Erinnerung, denn die Frau sprach bei meinem Besuch davon. Ich hoffe, daß nun der Brief eingegangen ist, in dem ich Euch meine ersten Eindrücke davon geschrieben habe, denn ich denke, daß auch diese Post inzwischen wieder losgeeist worden ist.  Die zwei anderen Briefe sind vom 25.1. und vom 18.2. Du siehst, sehr durcheinander. Ich freue mich aber trotzdem über jede Zeile. Über Deine Ansicht über das Nähen und im besonderen darüber, daß nun auch die Damen der sogenannten besseren Gesellschaft von Konstanz teilnehmen, wie Stromeier und Wernhahn  habe ich mich gefreut. Es würde mich aber noch mehr freuen, wenn tatsächlich alle die Frauen, die nichts zu tun und nichts zu versorgen haben, auch hinzugezogen werden. Ich sträubte mich nicht dagegen, daß Du dort Deiner innerlichen Pflicht nachkamst, sondern nur dagegen, daß eine gewisse Bevölkerungsschicht glaubt, nicht dazu aufgefordert zu sein. Darum ist schon besser, wenn etwas Schwung dahinter kommt.  Daß Helga die Gemeinschaft anderer Schulkameradinnen sucht, ist schon recht. Wenn sie sich dazu welche aussucht, die ihr mindestens charakterlich etwa gleichwertig sind, so ist das nur zu begrüßen, denn in diesem Alter brauchen sie Austausch und Anerkennung. Wenn dieser Klub noch einen solch ideellen Zweck hat, dann ist das doch sehr schön und nett.  Über etwas in Deinen letzten Schreiben hatte ich mich gewundert. Wie kommst du darauf, daß sich Göbbels mit P schreibt.  Im ersten Brief hatte ich es für einen Schreibfehler gehalten, aber auch im anderen darauffolgenden Brief hast Du es gleich geschrieben. Ärgere Dich bitte nicht darüber, wenn ich Dich darauf aufmerksam mache, aber Du wirst verstehen, daß ich das nicht durchgehen lassen kann. Solange das mir gegenüber passiert, ist das auch noch nicht so schlimm. Ich möchte nur nicht, daß Dir dieser Schnitzer anderen gegenüber auftreten würde.  Jörg geht anscheinend nicht so forsch wie Helga beim Schwimmen ran.  Aber es  soll nicht übers Knie gebrochen werden. Er soll sich Sicherheit verschaffen. Wenn er diese hat, dann aber richtig ran. Am besten ist, man geht systematisch vor und baut nach und nach auf. Wenn er erst einmal Vertrauen zu sich hat, daß er es kann, dann wird er sich schon selbst mehr zutrauen. Nur mit Üben soll er  nicht nachlassen. Aber da siehst Du schon von selber drauf, darum brauche ich Dich nicht erst darauf hinweisen. Über Deine Überraschung mit dem Schlauchboot hat er sich sicherlich sehr gefreut. Daß die Baumwolle noch solch nützliche  Verwendung gefunden hat, hatte ich mir nicht gedacht. Ja er kann schon froh sein, daß er so ein Mutterle hat, die ihm solche Sachen macht. Das glaube ich gern, daß ihm die Laubsäge gefallen hat.  Wenn er aber was haben will, so weiß er sich schon zu helfen. Er hat sich also gleich solch Sägeblatt verschafft, damit er sie auch verwenden kann. Die Ausbesserung des Stuhlbezuges war bestimmt notwendig. Während des Krieges geht auch ein solcher Stoff. Was man dann nach dem Kriege macht, das muss man dann sehen.  Feststellen muss ich leider, daß es mir anscheinend nicht mehr gelingt, Dich zu fuchsen. Also, wenn Du Dich so umstellst und mir das billige Vergnügen nicht mehr lässt, dann fuchse ich Dich überhaupt nicht mehr. Das ist Dein eigener Schade. Findest Du nicht auch? Aber ich werde schon wieder bei Gelegenheit etwas finden, dann kannst Du Dir aber gratulieren. Ich bin durchaus Deiner Ansicht, daß die Kinder Dich nach Möglichkeit unterstützen müssen, denn sie sind ja jetzt schon groß. Sie können nicht alles allein auf Dir lasten lassen, und ich denke, daß sie es auch gern tun werden.  Sieh nur zu, daß Du Dich aus dem Streit im Haus heraushältst, denn abgesehen davon, daß jeder weiß, was für ein Pack diese Leute sind, hat man doch nur Auseinandersetzung , Ärger und Verdruss, am Ende noch Lauferei. Zuletzt bekommt man dann tatsächlich recht, aber was ist denn schon dabei, denn dieses Pack macht ja nach wenigen Tagen doch wieder die alte Tour. Wenn einem allerdings die Ehre angegriffen und abgeschnitten wird, dann muss man schon zupacken. Aber dann möglichst so, daß dieses Dreckvolk einen Denkzettel bekommt.  Ich denke, daß nun in den nächsten Tagen unser Schicksal für die nächste Zeit entschieden wird. Schreibe aber nur vorerst noch weiter an meine gegenwärtige Adresse, denn ich kann ja noch nichts Bestimmtes sagen. Ich habe jetzt Einwände geltend gemacht, daß ich der letzte Sohn der Familie b in. Es wäre sonst damit zu rechnen, daß ich in wenigen Tagen nach Marburg müsste. Was das bedeutet, weißt Du ja noch vom vergangenen Jahr. Du weißt, daß ich keiner von denen bin, der sich drücken will. Ich habe bisher immer meine Pflicht getan und ich werde ihr auch weiterhin in gewohnter Weise und in Treue nachkommen. Wenn ich aber sehe, wie man hier teilweise sehr junge Männer bei unserem Haufen herum laufen sieht, davon wieder vorwiegend Offiziere, dann sehe ich nicht ein, daß ich mich nun vordrängen soll und daß ich von einem Recht, das uns nun einmal eingeräumt worden ist, nicht Gebrauch machen soll.  Ich habe Dir das kürzlich schon einmal erklärt und ich bitte Dich, mich nicht falsch zu verstehen. Ich habe keine Angst und ich nehme das auf mich, was von mir verlangt wird, aber im Interesse der Familie und in unserem Interesse hielt ich es für notwendig, daß ich diesen Schritt getan habe. Wie nun darüber entschieden wird, teile ich Dir noch mit. Ich will um diese Dinge nicht herumreden, sondern sie klar beim Namen nennen, denn dann werden wir am besten damit fertig werden. Ich denke, daß ich auch damit Dein Einverständnis finde. Ich bitte Dich jedenfalls hierzu zu äußern. In den letzten Tagen habe ich allerhand Bücher gekauft. Die Kosten dafür betragen rund 50,RM. Einen Teil habe ich Dir gestern schon zugesandt. Den anderen Teil werde ich in diesen Tagen mit absenden. Es sind auch drei Bücher für die Kinder dabei. Wenn auch einige davon für welche jüngeren Alters sind, so denke ich, daß sie doch Gefallen daran haben werden. Eine schöne Entdeckung hatte ich gemacht, als ich ein Buch fand, das von Nordfrankreich handelt. Fast alle Bilder, die darin enthalten sind, kenne ich auch aus eigener Anschauung, darum ist es mir, wie es schon darauf heiß, ein  Kriegserinnerungswerk. Die geschichtlichen Abhandlungen, die dabei sind, werden auch Dich sicherlich interessieren. Ich denke, daß die anderen Bücher ebenfalls Deinen Beifall finden werden. Ich hatte diesen Brief schon gestern Abend angefangen. Ich war aber sehr müde, so daß ich mich ins Bett gelegt habe mit dem Vorsatz, heute früh zeitiger aufzustehen Das habe ich dann auch getan. Ich bin schon ½ 6 Uhr aus der Falle, damit ich diesen Brief fertig schreiben konnte. Jetzt habe ich es geschafft und ich bin froh, daß ich Dir alle mir wichtig erscheinenden Dinge schreiben konnte, so daß somit wieder alles erledigt ist.  Sei vielmals und recht herzlich gegrüßt und nimm Du, sowie mit den Kindern recht viele Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Brief 363a vom 01.01.1943











Brief 386 vom 28.02.1943


Meine liebste Annie !                                                                          28.2.43          

Allerhand Post ist mir heute in die Bude geschneit. Von Dir bekam ich drei Briefe 14. bis 16.2. Dann schrieben der Tommi und Alfred sowie der Marinesturm. Für Deine lieben Briefe danke ich Dir vielmals. Ich glaube, Du kommst nicht mehr ungestraft aus dem Kino. Das ist ja weniger schön, wenn Du einen solchen Besuch mit Kopfschmerzen büßen mußt. Ich nehme an, daß Du über all das unterrichtet bist, was bei uns sich hier abgewickelt hat. Weiteres
brauche ich wohl nicht mehr dazu erklären. Wie ich immer auch heute feststellen kann, ist über unseren weiteren Einsatz noch nichts heraus.
Der Dienst wurde ja etwas weniger straff gehalten. Ein Teil der bei uns beschäftigten Mannschaft wird zu den früheren Einheiten zurückversetzt. Der Rest wird nach Möglichkeit beschäftigt. Aber es geht nicht sehr stramm her dabei. Für mich hat sich wieder eine interessante Sache ergeben. Wie ich Dir früher schon einmal mitteilte, musste ich aus dem Offizierkasino verschwinden, weil ich rangmäßig nicht dorthin gehöre. Ich hatte mich damit abgefunden. Es hatte sich alles eingerenkt. Heute kommt eine ?  für den OvD heraus. Auf diesem Plan stehen nur Herren, die im Offiziersrang stehen. Ich als einziger stehe aber noch mit darauf verzeichnet. Kein Feldwebel befand sich drunter. Mir ist das vollkommen gleichgültig. Es berührte nur etwas eigenartig, daß ich zum Dienst jetzt wieder als dazugehörig betrachtet werde. Ich habe gleich meinen Chef darauf aufmerksam gemacht, der für entsprechende Abhilfe sorgen will. Findest Du das auch nicht komisch?  Daß sich die weiteren Einziehungen zur Wehrmacht in der Heimat weiter spürbar bemerkbar machen, das kann ich mir schon denken. Aber es ist schon besser, man macht nun radikal Schluss, als daß man alles weiter hinauszögert. Nach dem sich hier in diesem Abschnitt die Lage wieder etwas gefestigt hat, ändert sich nicht nur die Meinung der Bevölkerung, sondern das Vertrauen in die eigene Kraft wächst allgemein wieder. Das ist viel wert für uns und sehr notwendig.  Aus dem Brief Deines Vaters habe ich gelesen, daß es ihm nicht ordentlich ist und daß er über seinen Magen klagt. Er sieht sich aber schon bald unter der Erde liegen. Seit Jahren spricht er schon davon. Ich will gern glauben, daß er auch das Alter spürt, aber immerhin muss man bei ihm solche Äußerungen mit einigem Vorbehalt aufnehmen. Hoffen wir, daß dies nicht bald der Fall ist, denn ich wünsche es ihm bestimmt nicht. Aus seinem Brief merkte ich, daß ihm der Tod von Kurt nahegegangen ist. Er ist ja im allgemeinen etwas weich veranlagt, besonders in einem solchen Fall.  Den Tommi hatte ich darum gebeten, daß er mir Radioröhren schicken sollte. Er hat mir versprochen, zu versuchen, diese Röhren zu besorgen, aber er teilt mit, daß Radioteile nicht mehr hergestellt würden. Wir müssen also abwarten, was sich ergibt. Auf alle Fälle werde ich nochmals wegen des Widerstands schreiben. Er schreibt sehr nett und ich habe mich gefreut über seine Anhänglichkeit. Der Müller, der bei uns in Douai war, will ihn als Schulungs- und Sozialreferenten einsetzen. Für die Volksdeutschen. Er hat aber abgelehnt, weil ihm das ein zu unsicheres Geschäft ist. Er bleibt jetzt lieber Sonderführer und später Studienrat.  Daß auch der Cognac und der Likör gut angekommen sind, freut mich sehr. Du kannst den Likör für Dich verwenden, wenn Du Geschmack daran hast. Ich habe ja wieder eine kleine Flasche vor wenigen Tagen abgesandt, die Du ebenfalls für Dich in Anspruch nehmen kannst, wenn Du willst. Du brauchst aber keine Angst zu haben, daß ich Dich nun zu einer Trinkerin ausbilden will. Du kannst also darüber verfügen. Ich habe heute wieder ein Päckchen Nr. 28 fertiggemacht. Es enthält einmal etwas geistige Nahrung. Ich denke, daß Du auch daran Gefallen haben wirst.  Nimm viele herzliche Grüße und Küsse entgegen und grüße Vater vielmals von mir. Dich mein liebes Mädel küßt vielmals Dein Ernst. 

Montag, 26. Februar 2018

Brief 385 vom 26./27.2.1943


Mein liebes Mädel !                                                                   26.2.43  
     
Heute kam einmal keine Post von Dir an. Ich habe aber nun die letzte Post herausgesucht, die ich in Poltawa noch erhielt. Davon habe ich noch einige Sachen zu beantworten bzw. ich kann auf diese eingehen.  Am heutigen Tage jährt es sich, daß Kurt verwundet wurde. Ich war damals im Urlaub, als uns diese Nachricht erreichte. Vor einem Jahr war mir auch anders zumute. Da stand ich kurz vor meinem letzten Urlaub aus Frankreich. Ich hatte meine Kiste noch nicht und war in großer Sorge, wie ich meine Sachen weg bekam. Es hatte dann mit etwas Druck doch noch gelangt. Ich weiß, wie auch Du froh gewesen bist, als ich dann wieder mit einer Kiste antrabte. Es hatte sich immerhin gelohnt. Von hier habe ich zwar noch nicht eine solche feudale Kiste schicken können, aber ich bin immerhin froh gewesen, als ich kürzlich noch die verschiedenen Sachen an Dich abschicken konnte. Davon Feldpostpäckchen machen hätte doch viel Arbeit gemacht. Ich hatte Dir wohl schon geschrieben, daß Du den von mir eigenhändig genähten Sack zurückschicken musst, weil das ein Handtuch ist. Wenn Du so oft mit Feldpostpäckchen bedacht wird, dann erweckt das nur den Neid der lieben Mitbewohner. Mir macht es aber bestimmt nichts aus, denn ich sage mir, Du brauchst es genau so sehr wie die Kinder. Die Anforderungen sind groß, die heute an alle gestellt werden. Die zugeteilten Lebensmittel haben doch nicht die Kraft, wie zu anderen Zeiten.  Darum sollen auch diese Sachen als Ergänzung dienen.      Anmerkung : Wir sind einmal angezeigt worden und die Gestapo ist gekommen. Meine Mutter konnte nachweisen, daß es nur abgesparte oder mit eigenem Geld bezahlte Dinge waren und der Kommentar dieser Männer war „Sie haben halt sehr nette Nachbarn“ . Sie sind dann unverrichteter Dinge wieder gegangen. Wann das war, weiß ich nicht mehr.    Hier fange ich wieder an mich für Kunst zu interessieren. Für morgen habe ich mir für die hiesige Oper eine Karte besorgt und auch für den folgen den Tag. Morgen wird „Koppelie“ und übermorgen „Madame Butterfly“ gespielt. Das letztere hatte ich ja in Charkow gesehen. Ich denke aber, daß mir das nichts schaden wird, wenn ich hier nochmals hereingehe. Ich kann damit besser Vergleiche ziehen. Doch damit nicht genug. Ich wollte heute hier Dienst machen, da kam mein Chef und bat mich ins Theater zu gehen, damit seine Karte nicht verfällt. Es wurde die IX. von Beethoven gegeben. Ich erinnerte mich an die Aufführung damals in Konstanz, als ich dieser Aufführung im Konzil beiwohnte. Das Orchester und der Chor waren wirklich gut besetzt, und was mich verwunderte, die Leute sangen in deutscher Sprache. Auf diese Weise kam ich nun dreimal ins Theater.  Unsere beiden Stromer können aber froh sein, daß ihre Mutter so gut basteln kann. Ich kann mir denken, daß Helga erst in großer Sorge war, wie sie ihren Kasper fertig bringt, dann aber sicher großen Eifer entwickelte, als sie sah, daß Du ihr wieder auf die Sprünge geholfen hast. Ich kann Dir nur wieder mein Lob aussprechen. Nach der Zeichnung sind sie ja ganz nett geworden. Ich denke, daß die Kinder ihre Freude daran haben werden. Wenn den Kindern meine Briefe zusagen, dann bin auch ich zufrieden, denn sie sollen ja mit Freude lesen, denn was nütze ihnen ein Brief von ihrem Vater, der sich nie oder sehr selten blicken lässt, wenn er sie nur immer wieder ermahnt oder ihnen wegen jeder Kleinigkeit Vorhaltungen machen würde. Wenn man so wenige mit diesen Stricken zusammen ist, dann sollen sie doch nicht nur mit Bangen an ihren Vater denken müssen. Es genügt schon, wenn er daheim ist und teilt dann Senge aus. . Es ist etwas spät geworden, darum möchte ich jetzt schließen. Von Deinem Vater kam heute der Brief vom 1.2. an, den Du ja wohl auch erhalten hast. Über all das werde ich Dir wahrscheinlich morgen schreiben. Herzliche viele Küsse und Grüße sendet Dir in Liebe Dein Ernst. 


Meine liebe Annie !                                         27.2.43          

Vor wenigen Minuten kam ich vom Theater zurück. Es ist nicht mehr zeitig am Tag, aber Deinen lieben Brief vom 17.2. will ich Dir doch gleich noch beantworten. Du sollst doch nicht warten müssen. Als Du diesen Brief schriebst und als Du in der Zeitung lesen konntest, daß an meinem früheren Aufenthaltsort schwere Kämpfe stattfinden, da hattest Du ja schon meine Nachricht von unserer Verlegung. Zum gleichen Zeitpunkt befand ich mich nun am jetzigen Ort. Wenn man so sagen soll, haben wir uns rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Das alles hängt aber mehr oder weniger davon ab, daß wir ziemlich auf die Seite gestellt worden sind. Über unsere weitere Verwendung hat man uns noch nichts gesagt. In einigen Tagen kann man evtl. schon darüber etwas mehr wissen. Wie früher schon immer festgestellt, sage ich immer wieder „abwarten“. Irgendwie wird man uns schon verwenden. Wenn wir so gewissermaßen weniger Strenge  ?  haben müssen, so wird das hoffentlich nichts schaden.  Durch die Ereignisse mit unserem Kurt, versucht nun Paula sich mit Vater wieder etwas anzubiedern wie es scheint. Er wird wohl nicht ganz umhin können, das kann ich verstehen, aber ich glaube kaum, daß das Verhältnis ganz in Ordnung kommen wird. Vater verharrt dann zu sehr in seiner Reserve. Er wird sie reden lassen. Sie soll reden, was ihr gefällt. Es ist schon am besten, man hört nicht darauf. Wenn sie über uns etwas zu sprechen hat, dann soll es uns auch recht sein, beschäftigen wir sie doch auf diese Art etwas geistig. Nimm es nicht so tragisch. Du weißt ja, daß wir doch immer wieder allein dagestanden sind, wenn es darauf ankam. Die anderen solle es besser machen, dann ist es zu ihrem eigenen Vorteil. Wenn ich früher schon einmal schrieb, sind wir das, was wir sind, aus uns selbst heraus. Keiner hat uns dabei unterstützt. Wir hatten keine Protektion, wir hatten nichts, kaum einen Pfennig Geld, darum können die anderen ruhig den Schnabel halten. Wir brauchen uns deshalb auch nicht ärgern, wenn sie über uns reden. Das, was sie reden, kann nur Neid sein, und dann ist das nur ein Zeichen dafür, daß wir unsere Sache gutgemacht haben und daß die anderen merken, daß wir vorwärts gekommen sind. Soweit sind wir noch gesund, darum wollen wir zufrieden und froh sein, da‘ es uns noch so get. Wenn sie Dir gegenüber harmlos tut, so behandle sie gleicher Weise. Du weißt ja, was du von mir zu halten hast. Das ist sehr bedauerlich, daß ich das von meinen eigenen Verwandten so schreiben muß, aber Tatsachen muß man wohl ins Auge sehen, und man soll nicht versuchen, sie zu verwischen, denn sie würden sich dann doch irgendwie bemerkbar machen.  Daß der Paul von Hagnauers auch gefallen ist, das kann man sich nicht vorstellen, wie alle die jungen Menschen dahingeopfert werden müssen. Weißt Du noch, wo wir einmal mit den Kindern im Klausenhorn waren und er kam dort auf dem Pferd angeritten. Ich kann mich an ihn noch gut erinnern. Früher sagte alle, er sei falsch und verschlagen. Wir kamen aber später zu einer anderen Ansicht. So kann sich in der nächsten Zeit manches über Bekannte herausstellen, die ihr Leben gelassen haben. Daß das für Webers keine Kleinigkeit ist, kann ich mir denken. Erst haben sie den Jungen großgezogen und dann bleibt so ein junger Kerl hier draußen. Das Leben stand noch vor ihm und dann womöglich ist alles aus. Man kann das erst mitfühlen, wenn es einem schon selbst so ergangen ist, daß man hat jemand hergeben müssen.  Über die Dinge im Haus mußt Du Dich nicht ärgern. Das wäre ja unsinnig. Du siehst, daß man nichts machen braucht, so sorgen schon andere dafür, daß solch einem Bengel das Fell etwas kurz gehalten wird.  DAß die Frau nicht in der Lage ist, die Kinder so zu erziehen, wie sie es nötig hätten, das ist ja vollkommen klar. Wenn die Angelegenheiten sich persönlich auswirken sollten, dann muß man diese Gesellschaft auf die frechen Fingen klopfen. Im übrigen ist es besser, man kümmert sich nicht um sie.  Ich habe mich wiederum gefreut, als ich von dem Eintreffen eines meiner Päckchen wieder lesen konnte. War nichts beschädigt? Der Transport ist ja ziemlich lang und geworfen werden diese Sachen auch tüchtig. Mit Flaschen ist ja auch nicht zu spaßen. Ich habe durchaus nichts dagegen, wenn Du etwas Öl an Vater abgegeben hast. Er hat ja jetzt auch nichts. Ich dachte auch schon von mir aus, daß Du ihm etwas abgeben kannst, wenn Du es für notwendig hältst. Nun bist Du ja schon mir zuvorgekommen. Ich schrieb vorgestern, daß ich nicht mehr zu schicken hätte. Es hat sich aber ergeben, daß ich zwei Flaschen, die ich hier hatte, verpacken konnte. Die kleine Flasche ist Likör. Er ist hier hergestellt und schmeckt ganz ordentlich. Der Alkoholgehalt ist gering und den kannst Du ohne weiteres trinken, wenn er Dir schmecken sollte. Die andere Flasche enthält Sekt. Ich hoffe auch da wieder, daß diese Sachen gut ankommen. Aber heute konnte ich schon wieder zwei Päckchen fertig machen Das eine enthält eine Flasche Cognac und in dem anderen habe ich Haarwasser, Hautcreme und Zahnpasta sowie etwas Tabak verpackt. Diese vier Päckchen haben die Nummern 24 bis 27. Soweit Du diese Sachen nicht verwendest, hebe sie bitte auf. Ich glaube, daß wir eine ganz ansehnliche Flaschensammlung da stehen haben.  Wenn wir gesund bleiben, und das hoffen wir ja alle ganz fest, dann haben wir für ab und zu einen Tropfen stehen. Es kann sein, daß Du noch Porto nachzahlen musst.  Es ist zwar nicht statthaft, daß die Päckchen mehr wiegen, aber solange die Kameraden hier die Sachen abnehmen und befördern, dann bin ich froh darum. Es wäre dann schwierig, das Zeug mit herumzuschleppen. Ich bin froh, wenn ich es immer wieder aus der Hand habe. Zwei kleine Päckchen mit Briefumschlägen habe ich auch mit fertiggemacht, die ich mit an Dich abschicke. Du kannst sie mit aufheben, denn ich denke, daß Du schon Verwendung dafür haben wirst. Dich und die Kinder grüße und küsse ich recht herzlich und bin immer wieder Dein Ernst.

Samstag, 24. Februar 2018

Brief 384 vom 23./25.02.1943


Mein Liebling, meine lieber Annie !                                                23.2.43         

Vielen Dank für Deinen schönen Brief vom 14. Ich freue mich, daß ich wieder ziemlich regelmäßig Post bekomme. Es ist doch schön, wenn man mit ziemlicher Sicherheit auf das Eintreffen eines Briefes rechnen kann. Das Warten ist dagegen weniger angenehm.
Aber das lässt sich noch aushalten, wenn man etwa die Gewissheit hat, daß daheim alles gesund ist. Es beruhigt jedenfalls ungemein, wenn man wieder über alles im Bild ist.  Vom heutigen Tage kann ich noch berichten, daß unser Gepäck am frühen Morgen eingetroffen ist. Jetzt kann man sich wieder richtig bewegen. Als erstes habe ich einmal die Päckchen fertiggemacht. Ich habe es lieber, wenn die für Dich bestimmten Sachen auf dem Wege sind, das mit Herumschleppen ist wenig nützlich und behindert sehr. Dann hatte ich noch die Butter im Koffer. Sie ist noch sehr frisch, aber es kann nichts schaden, wenn sie nunmehr an Dich auf den Weg kommt. Es hat ein schönes Päckchen abgegeben. Das Mehl, von dem ich noch in Poltawa schrieb, konnte ich heute auch mit fertig machen. Das sind wieder 3 Päckchen geworden. Sie haben die Nummern 19 bis 21. Vorhin habe ich noch die 2 Flaschen Öl verpackt. Ich habe damit wieder das Möglichste getan. Hoffentlich kommt nun alles gut in Deine Hände. Die 2 Flaschen haben die Nummern 22 und 23. Wenn diese gut ankommen sollte, hast Du wohl einen ganz netten Vorrat? Ich sehe zu, daß ich für Euch bei Gelegenheit etwas erwerben kann. Es nimmt Dir doch manche Sorgen ab. Es wird sich hoffentlich bald etwas bieten. Mit dem Erfolg in diesem Jahr in dieser Hinsicht bin ich zufrieden. Ich wäre froh, wenn ich Euch immer einmal etwas packen hätte.  Das ist weniger schön, so wie Du auszurutschen. Das geht einem durch und durch. Ich kenne das.  Hoffentlich hat es keine weiteren nachteiligen Folgen gehabt.  Mit den Erhebungen für den Garten ist das wohl sehr praktisch. Ich möchte nur wünschen, daß es nicht nur bei den Feststellungen bleibt, sondern auch die praktische Tat folgt. Ich muß in diesem Zusammenhang daran denken, wie im letzten Herbst die Kinder und die Namen der Kinder und die Namen der Kinder von den Veteranen festgestellt wurden, damit diesen zum Weihnachtsfest etwas geschenkt werden sollte. Ich bin gewiss nicht darauf erpicht und angewiesen sind wir auch nicht darauf. Aber ich bin der Ansicht, daß man nicht so großspurig solche Ankündigungen machen soll, wenn man nichts unternimmt. Es ist aber recht, daß Du Dich dort gemeldet hast. Man muß ja um alles froh sein, was man heranbekommt, denn es wird ja von Jahr zu Jahr schwieriger.  Von den Erinnerungen, wie Du sie aus der früheren Zeit schilderst, kann ich nur erwidern, daß es mir genau so geht wie Dir auch. Wenn ich nocht einigermaßen Muße dazu habe, dann lass ich mir diese Dinge alle durch den Kopf gehen, und ich freue mich jedes mal, wenn mir irgendein nettes Erlebnis einfüllt. In letzter Zeit habe ich mir die letzten Fahrten, die ich mit Kurt noch gemeinsam unternommen hatte, durch den Kopf gehen lassen. Einmal war ich mit ihm im Hegau und das letzte Mal auf dem Haldenhof. Das Zusammentreffen während des gemeinsamen Urlaubs und die Fahrt nach Hagnau habe ich mir ebenfalls ins Gedächtnis zurückgerufen.  Ich freue mich, daß Dich die Kinder so schön unterstützen. Du kannst ihnen deshalb mein Lob aussprechen und ihnen sagen, daß es schön ist, wenn man sein Versprechen einhält. Denn das haben sie mir ja in meinem letzten Urlaub versprochen. Daß man Kinder nicht so dressieren kann, daß sie sich nicht mehr mucksen, das wäre ja auch nicht richtig. Wenn sie sich aber in Gegenwart von anderen Leuten ordentlich aufführen, dann kann man schon zufrieden sein, denn man müsste sich ja schämen, wenn man mit ihnen auffallen würde. Zuletzt fiele es doch wieder auf die Eltern zurück, weil sie sich der Kinder nicht pflichtgemäßerweise angenommen hätten. Das braucht man erfreulicherweise hier nicht zu sagen. Das ist ein schönes Gefühl, wenn man sich sagen kann, man hat das getan, was notwendig war. Du siehst es ja bei den Nachbarskindern, welche Unarten sie an sich haben.  Unsere sind bestimmt auch keine Engel. Das sollen sie ja auch nicht sein, denn das wäre ja nicht unser Erziehungsziel.  Die Kapuze von meiner Nikolausverkleidung hast Du nun auch wieder nützlichen Zwecken zugeführt. Daß Helga ihre Freude daran hat, ist ja mehr wie recht. Es kommt alles wieder an den Mann oder besser gesagt, an unser Mädel.  Ich habe nun gesprochen! Hug! Es stand doch immer in den Indianergeschichten. Ich möchte deshalb nicht gleich als Indianer angesehen werden, der sich auf dem Kriegspfad befindet. Lasse dich, mein liebes Mädel, vielmals grüßen und küssen von Deinem immer an Dich denken Ernst.

Mein liebster Schatz                                                                           25.2.43 
              
Ich habe mich heute sehr gefreut, als ich von Dir wieder 3 Briefe erhielt. Die passen zwar nicht ganz in die zeitliche Reihenfolge, aber man kann sich nun nach und nach das, was man wissen will, zusammenkonstruieren. Gestern erst schrieb ich, daß ich von den Kindern seit einiger Zeit nichts Geschriebenes bekommen hätte, und sprach die Vermutung aus, daß das mit dem Ausbleiben der anderen Post zusammenhängen würde. Das war ja nun auch der Fall. Ich erhielt nun auch die Zeugnisse unserer beiden Stromer, und ich kann nur feststellen, daß sie wieder ganz ordentlich sind. Daß bei Helga gerade Schönschreiben, Zeichnen und Größenlehre ein „befriedigend“ erhalten hat, ist ein Zeichen dafür, daß dies auf eine gewisse manuelle Veranlagung zurückzuführen ist. Alle anderen Fächer, auf die es ankommt, wie auf das Mündliche und Schriftliche sind ja gut, und das ist sehr wesentlich. Ob uns der Pfarrer mit dem „sehr gut“ in Religion ärgern wollte. Das ist doch interessant, daß sie in diesem Fach, auf das von uns aus kein Einfluss weiter ausgeübt wird, eine solche Note zustande kommt. Mit dem Zeugnis von unserem Borzel, ist er, wie er in seinem Schreiben anführt, noch   ? , geht es auch ganz in Ordnung. Daß er für seinen Gesang ein „befriedigend“ geerntet hat, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler. Mit der Schrift ist das bei uns so eine Sache. Das weißt Du ja schon von meinem Erzählen aus meiner Schulzeit.  Ich muß zwar zu ihrer Entlastung sagen, daß sie besser schreiben wie ihr Vater damals geschrieben hat. Wenn Du ihnen für ihre Arbeit ein Belohnung hast zukommen lassen, so kann ich das nur unterstützen, denn das habe sie sich damit verdient. Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert, sagt man doch, so auch diese. Es soll ihnen ja nur eine Anerkennung und ein Ansporn sein. Ich werde ihnen noch selbst dazu schreiben. Daß sich unser Junge so verschiedene Wunden und Verletzungen zugezogen hat, das ist doch richtige Bubenart. hat er dann etwa geheult, als er damit nach hause kam? Das mit dem Schleuderbrett hat er mir aber ziemlich verständlich erklärt. Das ist schön, wenn er das kann. Es ist noch kindlich, aber das kann man nicht anders verlangen.  Bei den eingegangenen Schreiben handelt es sich um Deine Briefe vom 27.1., 7.2. und 10.2. Ich muß immer wieder feststellen, daß Du ein richtiger Bastler geworden bist. Nun hast Du Dir den Vorschaltwiderstand zurecht gemacht. Ich habe die Bestellung noch nicht vergessen. Ich warte aber immer noch auf Nachricht von Thomas. Ich werde ihm dann gleich meine Bitte mitteilen. Ich hoffe, daß er dann meinem Wunsch nachkommen kann. Der Blumenstock zeigt sich also immer noch dankbar. Ich glaube, daß er Dir eine schöne Erinnerung an den letzten Urlaub ist, und zwar eine ziemlich nachhaltige. Von dem Eintreffen weiterer Päckchen habe ich auch wieder erfahren. Das freut mich immer. Gleichzeitig ist mir das eine Beruhigung, weil ich dann weiß, daß nicht mehr soviel unterwegs ist. Daß Helga von der Hautcreme probiert hat, ist ja so recht weiblich. Darum auch entschuldbar. Oder hörst Du das nicht gern, wenn ich das sage.? Es würde mich interessieren, wie viel Honig dann das zusammen gewesen ist.  Kannst Du das etwa feststellen? Auch das Öl, das ich gesandt habe, würde mich mengenmäßig interessieren. Man sieht dann erst, was und wie viel es gewesen ist. Wenn man so nach und nach die Sachen absendet, kann man das nicht so übersehen. Bei den Flaschen mit dem Honig handelt es sich um Milchflaschen.  Ich schließe heute wieder in der Erwartung, daß Ihr alle gesund und munter seid und gebe Euch im Geiste recht herzliche Küsse und grüße Euch vielmals. Dein Ernst.

Brief 383 vom 22.02.1943


Mein liebstes Mädel !                                                                       22.2.43 
        
Die Woche nimmt wieder ihren Anfang. Ausnahmsweise bin ich fast ohne Arbeit. Man kommt sich ganz eigenartig vor. Man ist an das Gleichmaß und an das tägliche Tempo der Arbeit gewöhnt, so daß man sich direkt faul vorkommt. Unser Gepäck ist immer noch nicht eingetroffen. Wenn das der Fall wäre, hätte ich immerhin schon einige Arbeit. Du siehst aber wieder daraus, daß der Mensch nie zufrieden ist. Hat er viel Arbeit, dann klagt er; hat er dagegen keine, dann ist es ihm auch nicht recht.  Gestern bekam ich als einzigen Brief ein Schreiben von der Stadtverwaltung. Es war die Antwort auf mein Gesuch vom 10.1. Wie nicht anders zu erwarten, wurde mein Gesuch wieder abgewiesen. Es wurde damit begründet, daß die in diesem Erlass angeführten Anwärter diejenigen Bewerber und Dienstanfänger sind, die bei der Einberufung zum Vorbereitungsdienst unter Berufung in das Beamtenverhältnis zum Anwärter ernannt werden. Ich sei aber kein Anwärter, sondern bereits Beamter. Das stimmt teilweise. Ich finde, daß dies wieder mit Absicht auf ein anderes Gleis geschoben worden ist, denn die Auslegung ist engherzig und zwar nach meiner Ansicht so engherzig wie nur möglich Von nationalsozialistischer Auffassung keine Spur. Durch meine Meldung zum Vorbereitungsdienst für die höhere Beamtenlaufbahn, bin ich doch immerhin wieder Anwärter für diesen Dienst. Dies wird aber absichtlich umgangen und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß mein „Freund“ bei der Personalabteilung sich wieder ein Glanzstück geleistet hat. Ich ärgere mich schon nicht mehr über diese Sachen, sondern ich versuche meine Gegenmaßnahmen einzuleiten. Ich gebe nicht Ruhe, bevor ich davon überzeugt bin, daß ich überhaupt nichts mehr machen kann. Ich habe zwar meine sämtlichen Unterlagen in meinem Koffer, der noch unterwegs ist. Wenn diese Sachen da sind, will mein Chef sich dieser Sache insoweit annehmen, als er diesen Fall unserer höchsten Dienststelle mit einer Klarstellung der ganzen Angelegenheit vorlegen will. Wenn von dort aus nichts getan werden kann, dann werden meine Bemühungen vorerst wohl zwecklos sein. Aber ich werde weiterhin nach neuen Mitteln zu trachten, die mir zu meinem Recht verhelfen. Ich stehe sonst den Dingen ziemlich kühl gegenüber, doch muss ich darauf sehen, daß uns nichts verloren geht, denn ich sehe nicht ein, daß ich den anderen gegenüber ins Hintertreffen kommen soll. Es wäre ja nur zu unser aller Nachteil.  Sonst sieht man darauf, daß die Mahlzeiten richtig eingehalten werden und daß man dabei nicht zu kurz kommt.  In Poltawa war es in dieser Hinsicht nicht gut gewesen. Hier bekommen wir ein kräftiges und ausreichendes Essen. Wenn man das wieder hat, dann sieht die Welt gleich ganz anders aus. Ansprüche an Einrichtung und Komfort stellt man ja schon nicht mehr. Man ist ja froh, wenn man sein Bett hat, einen ordentlichen Strohsack drin und die notwendigen Decken dazu. Dann hat man eigentlich alles, was man bei bescheidenen Verhältnissen haben sollte. Manchmal geht es zwar noch einfacher zu, doch bis jetzt ist es bei uns noch nicht soweit. Unsere Betten haben wir immer noch mit verladen können und das hat sich bisher als sehr nützlich erwiesen. Man ist doch am anderen Tag einigermaßen ausgeruht. Vielleicht würde man sich an einen anderen Zustand auch gewöhnen, wenn es aber noch nicht notwendig ist, dann lässt man das sein.  Das lange Warten ist nun doch belohnt worden. Mit der Abendpost habe ich wieder Verbindung mit Dir bekommen. Deine beiden Briefe vom 11. und 12. trafen ein. Ich habe daraus lesen können, daß daheim wenigstens noch alles gesund ist. Die dazwischenliegende Post von bald drei Wochen erwarte ich noch. Aber ich bin schon froh um das, was ich erhalten habe. Wie ich aus dem ersten Schreiben entnehmen kann, war Nannie in Konstanz. Dein Vater hat uns auf diesen Fall hin auch geschrieben, wie ich aus dem Durchschlag gelesen habe. Was sonst noch geschehen ist, werde ich wohl in Kürze aus den nun wohl langsam eintreffenden Briefen ersehen. Die Zeitung vom 13.2. habe ich auch erhalten. Die Danksagung habe ich gelesen.
Ich sehe, daß alles auch ohne meine Mithilfe ganz gut gegangen ist. Die Anregung wegen des Grabsteines waren auch schon meine Gedanken. Ich matte mich auch schon gefragt, in welcher Weise wir ihm noch etwas tun können. Ich bin gleichfalls auf diese Idee verfallen. Ich glaube, aus Deinem Brief entnehmen zu können, daß Du mit Nannie und Paula während des Aufenthalts von Nannie in Konstanz zusammen gewesen bist. Ich bedauere nur, daß Du Dich wieder hast ärgern müssen.  Aber auch die Rederei von Vater, die nach Deiner Ansicht auf meine beiden Tanten zurückzuführen ist, muß man allgemein unter das traurige Ereignis stellen. Man macht sich Gedanken und sagt immer wieder, hätte man und würde dies und jenes getan worden sein. Damit ändert man aber an der nun einmal bestehenden Tatsache leider nichts mehr. Ich habe schon viel über dies geschrieben, doch werde ich das Schicksal nicht anklagen, denn wir müssen immer wieder an die Lebenden denken und das Leben für die Lebenden einrichten. Das ist kein Fatalismus, sondern eine hart Notwendigkeit. Du hast schon früher immer gewusst, daß ich viel für Kurt, trotz seines manchmal eigenartigen Wesens, übrig gehabt habe. Daß dies vielleicht aus meinen letzten Briefen besonders hervorgegangen ist, hängt mit der Erinnerung zusammen, die an vielem hängt, das man mit ihm erlebte. Daß Dich ein Teil meiner Päckchen ordentlich erreicht hat, war mir wieder eine besondre Freude. Daß in dem Verpackungsmaterial noch Gebäck dazwischengekommen ist, ist auf einen Fehler von mir zurückzuführen. Ich habe es jedenfalls übersehen. Daß Di alles bei Deiner Haushaltsführung mithelfen wird, ist mir eine große Beruhigung.  Aus den vorangegangenen Briefen hast Du ja lesen können, wie wir inzwischen weitermarschiert sind. Gesund bin ich bisher immer noch geblieben, und ich hoffe auch, es weiterhin gut durchzustehen. Du brauchst Dir bestimmt keine Sorgen machen.  In unserem Interesse werde ich mich, soweit es mir möglich ist, gesund erhalten.  Dein Päckchen habe ich wohl noch nicht bekommen, ich hoffe es aber in den nächsten Tagen mit der anderen Post zu erhalten. Du mußt Dir nichts absparen, denn ich habe wirklich ausreichend zu essen. Wenn es tatsächlich einmal knapp zugehen sollte, dann ist das meist nur vorübergehend, und da helfe ich mir schon wieder.  Mit dem Arbeiten von Vater stimmt es ja schon, daß es nicht mehr so wie in früheren Jahren geht. Wichtig ist ja, daß er seine Beschäftigung hat und daß er sich dabei nicht o kaputtmacht, daß es ihm schadet. Daß das alles nicht mehr so wie früher geht, ist ja vollauf erklärlich. Unser Junge ist doch ein Schlingel. Dem muß man mit allen Kniffen beikommen, wenn man bei ihm etwas erreichen will. Wenn sein Kollege Richard dabei ist, dann läßt er sich zum Turnen verleiten. Das ist doch ein Schlawiner. Ich freue mich, daß Ihr immer ziemlich regelmäßig zum Baden geht. Dies ist doch Eurer Gesundheit nur zuträglich, ganz abgesehen davon, daß man dabei auch noch sauber wird.  Ich grüße Dich und die Kinder vielmals und sende Dir wieder besonders herzliche Küsse. Mit viel Liebe bin ich immer Dein Ernst.  Den Zeitungsausschnitt hebe bitte mit auf und lege ihn zu den Sachen, die wir von Kurt haben.