Samstag, 24. Februar 2018

Brief 382 vom 21.02.1943


Mein liebster Schatz !                                                                     21. 2. 43         

Der Sonntag liegt hinter mir und zur Abendstunde möchte ich mich mit Dir noch über den heutigen Tagesverlauf unterhalten. Wir hatten uns schon Ende letzten Jahres am Sonntag etwas Ruhe gegönnt wie beim Eintritt bei meiner jetzigen Dienststelle. Wir fangen immer erst gegen 9 Uhr an und besetzen dann die Dienst stelle am Nachmittag
nur noch mit einer Telefonwache. So halten wir es auch jetzt noch. Man merkt dann doch etwas den Unterschied zwischen Wochen und Sonntag. Nach dem üblichen rituellen Waschungen habe ich meinen Vormittagsdienst versehen. Nach dem Mittagessen hatte ich mich ein Weilchen ausgeruht. Anschließend daran habe ich dann einen ausgedehnten Spaziergang unternommen, um wenigstens die Stadt, die ich im letzten Herbst schon besuchte, näher kennen zu lernen. Trotz der Wetterstimmung, die zwischen Winter und Frühjahr liegt und verhältnismäßig wenig Reize bietet, konnte ich einen angenehmen Spaziergang machen. In den kahlen Bäumen rauschte der Wind, den nahen Vorfrühling ankündend. Die Äste schlugen aneinander. Der teilweise weggeschmolzene Schnee hatte sich in Eins verwandelt und machte die Wege zu wahren Schlittschuhbahnen. Das Laufen war stellenweise schwierig, aber wenn man richtig warm angezogen ist, dann ist nach dem dauerndem Stubenhocken der frische Wind direkt eine Wohltat.  Der Park geht bis an die steilen Hänge, die zum Dnjepr abfallen. Ein herrlicher Weitblick eröffnet sich, der im   Frühjahr oder im Sommer, wenn alles grün ist, noch schöner sein muß.
Zu den Füßen liegt der Dnjepr. Der Strom, der sich vielmals teilt und viele kleine oder größere Inseln bildet. Noch ist er im Eis gefesselt: Menschen wandern über ihn hinweg. Von den Russen beim Rückzug gesprengte Brücken stören die Landschaft. Brückenpfeiler ragen trägerlos aus dem Strom. Es fehlt etwas. Es ist ein Bild des Krieges. Daneben sieht man den Wiederaufbau. Neue Verkehrswege wurden über den Strom gelegt. Verbesserte wurden vorbereitet und befinden sich in der Ausführung. Weit kann der Blick von diesem Punkte gleiten. Es ist eine Wohltat, wenn man aus den engen Mauern einer anderen Großstadt kommt. Du weißt ja, wie ich mich an der Landschaft laben kann.
Es ist nicht die Heimat, aber immerhin ein Ersatz, der sich auf seine Art lohnt. Mein heutiges Ziel war aber das in ganz Rußland berühmte Kloster, das sich hier befindet. Das Kloster Lawra ist eines der ältesten russischen Klöster. Wenn man vom jenseitigen Dnjeprufer kommt, kündet schon der hohe Glockenturm von der früheren Mächtigkeit und Größe. Heute ist alles öde und leer. Bei ihrem Abzug hatten die Russen einen großen Teil noch in die Luft gesprengt. Die Jahre vorher hatten sie sich nicht getraut außer die Menschen daraus zu vertreiben, etwas an den Gebäuden zu tun. Bei ihrem Abzug hatten sie das, was sie nach ihrer Meinung während der Jahre vorher versäumt hatten, nachgeholt. Die Zellen müssen anscheinend schon vorher von der Bevölkerung zu Wohnzwecken benutzt worden sein. Das hat die Bolschwisten trotz allem nicht daran gehindert, diese Sprengung vorzunehmen. Große Schutthaufen liegen jetzt da, wo sich früher die Kirchenräume befunden haben. Die Ausdehnung dieses Klosters war immerhin derart groß, daß von ihnen nur ein kleiner Teil zerstört werden konnte. Was nicht der Zeit durch die Nichtinstandsetzung zum Opfer gefallen ist, wurde auf diese Weise vernichtet. Schöne Fresken, wie ich sie hier im Osten noch nicht gesehen habe, waren an den Trümmern, die stehen geblieben waren, zu sehen. An Mächtigkeit und an Ausdehnung haben wir in Deutschland wohl in dieser Hinsicht nicht gleich etwas Ähnliches aufzuweisen. Denn das Klostergelände ist direkt als Stadt für sich zu bezeichnen. Man kann aber auch daraus schließen, welchen Einfluss solch ein Kloster auf das gesamte Leben ausgeübt haben mag. Verschiedene Räume wurden als Lehrhallen für die von den Bolschewisten verwendeten Gipsfiguren verwendet. Von diesen Figuren berichtete ich Dir schon am Anfang meines Aufenthalts in Rußland. Alles war zerschlagen. Von Kunst kann da keine Rede sein. Dagegen sind sämtliche Einrichtungen aus der Kirche geräumt worden. Ich habe immerhin von allem einen gewissen Eindruck mitgenommen.
Mit diesem Spaziergang war der ganze Nachmittag ausgefüllt. Ich habe mit diesem Besuch aus der  vorbolschewistischen Zeit eine der wenigen zum Teil noch erhaltenen Einrichtungen kennen gelernt.  Ich habe Dir nun in dem ganzen Brief nur etwas von diesem Spaziergang erzählt. Es war aber auch so erfrischend, und die Sonne meinte es schon so gut und gab allem ein freundliches Gepräge, so daß es direkt eine Freude war, wieder einmal draußen zu sein. Post habe ich von Dir immer noch nicht erhalten. Ich hoffe aber fest, bald wieder etwas von Dir zu hören. Ich hoffe gleichfalls, daß Ihr alle gesund seid, denn ich mache mir nun doch bald Gedanken, ob irgendetwas daheim vorgefallen ist.  Ich sende Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse. Dein Ernst.

Brief 381 vom 18./20.02.1943


Meine liebste Annie !                                                                         18.2.43 
          
Wieder bin ich in einer neuen Umgebung und doch kann man sagen, es ist jedes mal dasselbe. Erst erscheint einem alles neu und verändert. Man richtet sich danach ein und bald hat man sich an die neue Tapete und alles, was drum und dran gehört gewöhnt. Ich kann nur immer wieder feststellen, ich wundere mich, wie ich mich an diesen ganzen Rummel so gewöhnt habe. Ich war früher kein so großer Freund vom vielen Wechsel. Aber durch die Notwendigkeit und durch den Zwang, der sich daraus ergibt, murrt man am Anfang innerlich und dann findet man sich damit ab, weil es einfach nicht anders geht. Bei dem letzten Wechsel war ich gerade im Begriff, mich einer Errungenschaft des Westens mit vollstem Genuss hinzugeben, als mich der Befehl des Packens und des Abmarsches erreichte. In einem der Quartiere eines Kameraden befand sich ein Wannenbad, das richtig in Betrieb war. Ich gedachte ein Vollbad zu nehmen, weil ich das hier im Osten noch nie auskosten konnte.  Ich hatte alles soweit vorbereitet, als eine Ordonanz von uns kam und mich mit dem Befehl überraschte. Trotz allem habe ich mich aber dann doch nicht davon abhalten lassen und habe mich erst einmal in die Wann heißen Wassers gestürzt. Ich musste feststellen, daß das wirklich eine Wohltat war. Bisher konnte man sich immer nur in der Waschschüssel „baden“ oder besser gesagt, abwaschen. Wenn man auch nicht ganz sauber wurde, so hatte man doch das Gefühl, daß wieder einmal Wasser an den Körper gekommen war.  Man hilft sich, so gut man kann und freut sich, wenn man von unserer Kultur etwas abbekommt. Trotz allem, so komisch einem das selbst in den Ohren klingt, aber ist es einem nicht so ganz einerlei, daß jetzt die Russen wieder in der Stadt Charkow sind.  Man hat doch ein Stückchen Arbeit dort hinterlassen. Monatelang war ich dort tätig, und es ist einem damals nicht so bewusst worden, wie es einem zumute wäre, wenn man die Stadt für den Russen wieder räumen müsste. Dieser Fall ist ja inzwischen eingetreten. Es wäre anders, wenn man dort weggegangen wäre, und die anderen deutschen Kameraden hätten den Betrieb übernommen. Nur die völlige Aufgabe, die bedrückt etwas. Wie ich gestern schon schrieb, ist es ja nicht so, daß wir daran glauben, daß uns die einmal eroberten Gebiete für immer wieder entrissen sind, sondern daß es uns vielleicht durch einen Großen Gegenschlag gelingt, endlich einmal mit den Russen Schluss zu machen.  Ich habe vorhin ein Päckchen gepackt. Mit den Nummer bin ich nicht ganz im Bilde, weil meine sämtlichen Unterlagen sich im Koffer befinden. Ich habe darum die Nummer 18 genommen, da ich annehme, daß diese richtig ist. Es ist etwas Speck, den ich von der Marschverpflegung überbehalten habe. Du wirst ihn sicherlich gut gebrauchen können. Mit der Post bei uns ist es noch das alte Lied. Wir sitzen wieder auf dem Trockenen und warten. Man kommt so ganz aus der gewohnten Reihe. Ich gebe aber trotzdem die Hoffnung nicht auf.  Ich sende Dir recht viele herzliche Grüße und küsse Dich, mein liebes Mädel, vielmals. Dein Ernst.


Meine liebe Frau, meine liebe Annie !                                              20.2.43 
        
Nun sitzen wir schon den vierten Tag hier und warten auf die Entscheidung, was mit uns geschehen soll. Unsere ganze Einheit wird aufgelöst und auseinandergerissen. Wir wollen unsere uns verbliebenen Geschäfte abwickeln, können dies aber deshalb nicht tun, weil unsere sämtlichen Schriften unterwegs sind. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Sachen nach Deutschland rollen.  Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß wir diese Sachen doch noch erhalten werden. Es geht jetzt etwas durcheinander. Es ist jedoch bestimmt zu erwarten, daß sich die Lage bald stabilisieren wird. So ein Rückzug ist keine Kleinigkeit. Wenn man bedenkt, daß unser Apparat nun vorher monatelang immer an einem und demselben Fleck gesessen ist und der sich nun ziemlich plötzlich nach rückwärts in Bewegung setzen muß, so ist das keine Kleinigkeit. Wie ich schon oben erwähnte, hat sich unser Verein aufgelöst und existiert als solcher in der früheren Form nicht mehr. Die Männer werden zu anderen Einheiten kommandiert und versetzt. Über unser Schicksal ist noch nicht entschieden. Ich mache mir deshalb aber keine Sorge, denn es wird schon wieder in irgendeiner Form klappen. Ich werde mich dann schon wieder einrichten.  Charkow ist ja nun, wie Du aus dem Wehrmachtsbericht gehört hast, wieder in russischer Hand. Die letzten Wochen war es ja nicht mehr schön dort. Am Tage und mit Eintritt der Dunkelheit fing der Fliegeralarm an und die Bombardierungen. Diese wiederholten sich durch die ganze Nacht, so daß wir meist, 8, 10 und 12 mal geweckt wurden bzw. in den Keller mussten. Am Ende  hatte man sich schon daran gewöhnt. Auf unseren Geschäftsräumen ging automatisch das Licht aus. Man kam schon ganz aus der Ordnung, wenn der sich mit ziemlicher Genauigkeit entwickelte Fahrplan nicht eingehalten wurde. In den späten Nachtstunden war man dann meist so müde, daß man den Alarm nicht mehr gehört hat und die eine oder andere Warnung überhört hatte.  Ich hatte Dir damals ja schon geschrieben, daß wir sehr stark in der Arbeit drinstecken.  Wir hatten für den Abtransport der für uns arbeitenden einheimischen Kräfte und vor allem für die Deutschen und Volksdeutschen zu sorgen. Das war keine kleine Aufgabe. Die Einheimischen wurden aufgefordert, freiwillig mit zurückzugehen. Ein großer Teil hat wohl von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, ein zwar nicht unbeträchtlicher Rest ist zurückgeblieben. Was aus diesen Leuten geworden ist, kann man nicht sagen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß ihnen der Russe jetzt nichts tut, da er selbst die Leute brauchen wird. Auch die Künstler und die Wissenschaftler wurden von uns mit zurückgenommen. Es war keine Kleinigkeit, diese Leute dazu zu bewegen, denn auch sie hängen ja an ihrer Heimat. Wann sie jemals wieder zurückkommen können, das steht doch noch dahin. Man kann es noch nicht übersehen, aber ich bin überzeugt, daß in dieser Richtung das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Es ist das beste, wir hoffen und vertrauen und stellen sämtliche Zweifel beiseite. Wenn man bedenkt, was dort schon alles unter deutscher Führung aufgebaut war, so kann man es erst nicht fassen, daß wir das alles verlassen mussten.

Brief 380 vom 17.02.1943


Mein liebstes Mädel !                                                                      17.2.43  
   
Ganz plötzlich bekamen wir Befehl zum Weitermarsch. Ich hatte Dir ja schon geschrieben, wo es hingehen wird und dort sind wir auch nun gelandet. Dadurch die inzwischen eingetretene Schneeschmelze war das keine so leichte Angelegenheit. Die Straßen befanden sich in einem Zustand, der mich auffallend an die Fahrt erinnerte, die ich im Sommer einmal unternommen hatte. Da war ein Gewitterregen eingetreten, der die Straße in ein Schlammbad verwandelte. So war das hier auch. Unser Kraftwagen tänzelte auf der Straße hin und her, das war geradezu gefährlich. Am ersten Tag waren wir etwa 15 mal im Graben gelandet. Vielfach lag das auch an unsrem Fahrer, der sich bald einen Spaß daraus gemacht hat. Er hat nach den verschiedenen Möglichkeiten gesucht, wie man einen Kraftwagen aus der Bahn bringen kann. Zum Glück ist, außer verschiedenen Schönheitsfehlern am Weg, nichts weiter passiert. Einiges Blech haben wir unterwegs liegen lassen müssen, weil der Wagen auf eine solche Beanspruchung nicht eingerichtet war. Ich muß schon sagen, daß ich mich eines eigenartigen Gefühls nicht erwehren konnte, als wir durch das Gebiet unseres ersten Kommandanturbereichs fuhren.  Es war ja schon ein andres Gefühl, als wir im letzten Sommer auf Vormarsch waren und uns beispielsweise in Mirgorod verabschiedeten. Durch Mirgorod selbst sind wir nicht gekommen, aber wir waren nicht weit davon weg. Die Fahrt von unsrem alten Ort nach hier haben wir in 1 ½ Tagen bewältigt. Froh waren wir, als wir am Bestimmungsort ankamen. Obwohl das Wetter nicht ungünstig war, so war es doch immerhin reichlich kalt. Eine Scheibe im Wagen war kaputtgegangen, so daß es ganz ordentlich hereinzog. Trotz der verschiedenen Hindernisse sind wir gestern glücklich gelandet. Unseres Bleibens wird aber auch nicht lange sein. Wahrscheinlich wird es so gehen, daß wir uns erst wieder komplett einrichten und nebenbei unseren Dienst tun, und wenn wir dann soweit sind, dann geht es wieder weiter. Ob das der Fall sein wird, kann  man aber noch nicht genau sagen. Unsere gegenwärtige Unterbringung ist ausgezeichnet. Wir befinden uns im großen Gebäude von Kiew.  Das Haus hat zehn Stockwerke. Eine große Hauptfront und zwei große Nebenflügel. Wir wohnen im 5. Stock und haben Zimmer 540 usw. Daran kannst Du ersehen, was für ein Komplex das ist. Vor unsrem Büro hat man bei klarem Wetter einen schönen Blick über die Stadt und den Dnjepr und weit hinaus in die Steppenlandschaft. Wie auch gegenwärtig die Dingen liegen mögen, so habe ich doch keine Bange, daß dieser Feldzug schief gehen würde. Mit einem Hin und Her wegen der Fronten muß man vor allem bei diesen Entfernungen rechnen. Es wird sich nur zeigen, wer den längeren Atem hat. Ich hege keinen Zweifel daran, daß wir das sind. Es ist ein äußerst harter und zäher Gegner, davon haben wir uns inzwischen in jeder Weise überzeugen können. Die Opfer, die dieser Krieg bis jetzt von uns gefordert hat, sind ja auch ungleich höher, als die anderen geführten Kriege bisher. Wir dürfen aber trotzdem nicht verzagen und klein beigeben. Wir haben ja auch schon unser Opfer, unser großes Opfer gebracht. Hoffen wir, daß sein Opfer nicht umsonst gegeben wurde und uns die Früchte bringt, die dieses Opfer wert war. Die Entbehrungen sind ja im Vergleich zu dem so bescheiden und gering, daß man in keiner Weise davon sprechen kann. Wenn ich mir das Bild von Kurt ansehe, auf dem er doch sehr lebendig aussieht, dann glaube ich immer noch, daß es nicht möglich ist, daß er hat von uns gehen müssen. Es ist zu schade um ihn. Wir müssen uns aber mit diesem Gedanken abfinden, so hart es auch ist, daß er nicht mehr wiederkommt. In Poltawa habe ich noch verschiedenes für Dich, mein liebes Mädel, organisieren können.  Wir hatten Gelegenheit mit Frachtgut eine Kiste in die Heimat zu senden. Ich habe diese Gelegenheit wahrgenommen und ich hoffe, daß sie gut ankommt. Der Kiste habe ich ein Inhaltsverzeichnis beigefügt. Es ist etwas Mehl dabei. Es ist kein weißes Mehl, aber ich denke, wenn Du es mit anderem mischst, dann kannst Du es sicher noch gut verwenden. Eine kleine Flasche Öl hatte ich auch noch beigefügt. Ich glaube, daß Du für alles schon Verwendung finden wirst. Wie wir das organisiert haben, das muß ich Dir später einmal erzählen, denn das war wieder einmal ein ordentlicher Streich. Hier habe ich noch Butter und Öl, das ich alsbald auf den Weg bringen möchte, damit Du einige kleine Vorräte hast und nicht auf das angewiesen bist, was Euch nur zugeteilt wird.  Von unserer Marschverpflegung habe ich mir noch Speck aufgespart, den Ihr auch noch bekommt. Ich weiß, daß Ihr es brauchen könnt.  Ich will dafür zwar keine Lobeshymnen hören, Du sollst aber daran sehen, wie ich immer an Euch und für Euch denke. Zwei weitere Päckchen kann ich noch mit Mehl fertig machen. Das ist aber gutes Mehl. Dazu brauche ich wohl nicht weiter erwähnen wie oben. Ich muß nur noch abwarten, bis unser Waggon mit unserem Gepäck hier ankommt, dann geht es los. Auf Deine Briefe kann ich jetzt nicht weiter eingehen, denn die habe ich in meinem Koffer eingepackt, auf die ich auch noch warte.  Gesundheitlich geht es mir ganz ordentlich. Ich hoffe, daß Ihr alle auf der Höhe seid, denn ich hätte zu gern die nächste Post wieder von Dir in Händen. Man macht sich doch immer Gedanken, wie alles daheim steht. Ich grüße Dich, mein liebstes Mädel.  Du entschuldigst bitte, daß ich Dir die vergangenen Tage nicht schreiben konnte, aber in diesem Trubel war es bestimmt nicht möglich. Ich hoffe, daß ich es jetzt, wenn alles etwas abklingt, wieder eher kann. Voraussetzung dazu ist, daß wir nicht gleich weiter müssen.  Ich grüße und küsse Dich, mein liebster Schatz, vielmals herzlich und bitte Dich, den Kindern jedem einen Klaps von mir zu geben und sage zu ihnen, daß ich in Liebe an sie denke, wie auch an Dich. An Vater richte herzliche Grüße aus und denke Du an Deinen Ernst.

Dienstag, 13. Februar 2018

Brief 379 vom 10./12.02.1943


Mein liebster Schatz !                                            10.2.43   
    
Es geht wieder dem Abend zu. Die Karbidlampe steht auf meinem Schreibtisch und meine Gedanken eilen zu Euch, meine Lieben. So langsam fängt man sich in diesen Betrieb einzugewöhnen. Durch solch eine Wechsel wird man aus dem alltäglichen Betrieb herausgerissen. Anfänglich geht es etwas durcheinander und bald geht der Apparat auf alten Touren. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich umstellt und in alles hineinfindet. Es renkt sich aber alles mit der Zeit ein und dann geht es weiter wie es vorher war.  Man kann sagen, dass das ein Zeichen unserer deutschen Schule und unserer Ausbildung ist, die sich dann immer wieder bewährt, wenn es darauf ankommt. Jetzt, seit ich diesen Brief schreibe, hat sich schon wieder etwas eingerichtet, wir haben unsere Karbidlampen ausmachen können, denn das elektrische Licht ist nun intakt.  Es war auch nicht so einfach mit dieser Karbidlampe. Entweder hatte sie zu wenig Wasser, dann spendete sie ein trübes Licht, bei dem man sich die Augen verderben konnte. Ließ man dagegen das Wasser stark tropfen, dann lief man Gefahr, daß einem das ganze Ding in die Luft flog. Dieser Zustand ist ja nun auch behoben.  Post ist uns wohl zugesichert worden, doch es kann wohl noch eine Weile gehen, bis wir sie bekommen. Ich bin ja sehr in Sorge, was sich nun nach unsrem Trauerfall ergeben hat, denn ich weiß ja nichts weiter, als die kurze Nachricht, die ich noch von Euch bekam. Seither ist ja alles wie abgeschnitten. Wie ich weiß, ist diese Post wohl alle gerettet, aber bis sie zur Verteilung gelangt, vergeht schon noch einige Zeit. Ich hoffe, daß Dich mein Luftpostbrief bald erreicht hat.  Wie ich Dir wohl schon mitteilte, ist es sehr wahrscheinlich, daß wir uns hier nicht lange aufhalten werden. Es kann sein, daß wir noch im Laufe dieser Woche hier weiterrücken. Wenn das der Fall ist, dann wird es nach Kiew gehen. Zu gegebener Zeit werde ich Dir darüber dann schreiben. Ich habe das in bestimmter Absicht geschrieben, damit Du Dir keine Sorge machst und damit Du weißt, wo ich stecke. Ich nehme an, daß Ihr über die Entwicklung der Lage immerhin einigermaßen unterrichtet seid. Weniger angenehm ist, das „Aus dem Koffer leben“.  Alles, was man hat, befindet sich immer im Koffer. Jedes Stück, das man braucht, muß man erst heraussuchen. Damit es nach dem Gebrauch nicht herumliegt, packt man es wieder weg. Nach kurzer Zeit ist alles durcheinander. Dann fängt das Aufräumen an, denn die Unordnung kann man nicht bleiben lassen. Das geht ja schon seit Charkow her. Dort habe ich die meisten Sachen ja auch im Koffer aufbewahrt, weil ich noch keinen Schrank hatte. Mit der Zeit bekommt man einigermaßen Geschick. Aber es ist doch nicht das Richtige.  Mit unserer Verpflegung kommen wir auch langsam wieder in Ordnung. Die vergangenen Tage hatten wir reichlich Anlass zur Klage. Heute bekommen wir sogar Bohnenkaffee und das Mittagessen war immerhin soviel, daß man sich den Bauch voll schlagen konnte. Wenn der Magen beruhigt ist, kann man über alle Dinge, die einem nicht angenehm sind hinwegsehen.  Ich habe Dir heute nur so von den kleinen Sorgen des Alltags berichtet. Ich denke, daß Du aber dadurch auch Anteil an dem hast, was einem so am Tage begegnet und berührt.  Ich grüße Dich und die Kinder recht herzlich und bin der festen Zuversicht, daß Ihr meine Liebe, alle gesund seid. Dir, mein liebes Mädel, sende ich recht herzliche Küsse und bin mit viel Liebe Dein Ernst.

Mein liebster Schatz !                                             12.2.43   
      
Ich komme heute auch nicht so richtig zum Schreiben. Gestern hatte ich keine Zeit, denn ich war dienstlich äußerst in Anspruch genommen. Ich bin wieder, wie die meisten Nächte vorher, erst nach Mitternacht ins Bett gekommen. Soweit ich zwischendurch Zeit dazu hatte, musste ich verschiedenes verpacken, das ich an Dich abschicken will. Daß das alles viel aufhält, das kannst Du Dir wohl denken. Was und wie ich das alles gemacht habe, das kann ich Dir erst schreiben, wenn ich wieder eher dazukomme. Wie es scheint, werden wir bald wieder hier aufbrechen, darum soll noch verschiedenes herauskommen.  Bei dieser Gelegenheit will ich Dir gleich noch mitteilen, daß es seit gestern wieder Post gibt. Die Enttäuschung war insoweit groß, als ich gestern Abend einen Brief vom 4.1. erhielt. Heute wurde es aber schon bedeutend besser, denn vorher kamen Deine Briefe vom 18. und 19. an. Der Brief von Helga vom 19.1. und ein Brief Deines Vaters trafen auch ein. Eine Stelle aus dem Brief Deines Vaters hat mich insofern tief berührt, als da von unserem Kurt die Rede ist, der an diesem Tage schon nicht mehr unter uns Lebenden weilte. Es ist doch etwas Großes um das Leben und gleichfalls auch um den Tod. Jedes mal, wenn von ihm die Rede ist, muß ich mir immer wieder sagen, was hat der arme Kerl eigentlich vom Leben gehabt.  Viel Freude wurde ihm nie geschenkt. DAß er uns so verschlossen war, darüber habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben, und ich habe damals auch gesagt, wie tief ich es bedauere, das dies der Fall ist.  Vorhin wurde ich abgerufen, denn ich hatte verschiedenes in der Stadt zu erledigen. Jetzt ist es Abend und es geht bald auf Mitternacht zu. Ich habe nun noch mehr Post bekommen.  Von Dir trafen noch die Briefe vom 23. und 24.1. ein und von Nannie erhielt ich ein Päckchen mit Kuchen und etwas Wurst.  Außerdem erhielt ich von Dir noch die Zeitungen. Ich kann mich heute nun bestimmt nicht beklagen. Nannie schreibt noch am 14. 1.  zu ihrem Päckchen, daß sie von Kurt nach seinem Urlaub einen Brief erhalten hätte und sie hoffte, daß er nur gesund bleiben würde. Weißt Du, wenn man das ja so liest, dann macht man sich immer so seine Gedanken. Man möchte das Schicksal anklagen über die Härte und über die Unerbittlichkeit, doch hilflos steht man dem gegenüber und kann nichts hindern und ändern. Aus einer Zeitung, die mir heute in die Hände kam, habe ich wieder einen kleinen Artikel ausgeschnitten über die Kämpfe. Ich habe die Stellen, die für uns in dieser Hinsicht etwas wichtig sind, unterstrichen. Hebe sie bitte mit auf. Uns bleibt nichts weiter übrig als mit Ausdauer unsere Pflicht zu erfüllen und zu verharren, bis uns das Schicksal unsere Aufgabe stellt. Es wird noch eine Weile brauchen, bis ich über diesen Verlust hinwegkomme. Was mich noch so betrübt ist die Tatsache, daß man keine Möglichkeit hat, jemals dorthin zu kommen, denn gegenwärtig hält es ja der Feind wieder besetzt. Ich kann nicht anders, aber ich muß immer wieder darauf zurückkommen. Ich weiß, daß das mit der Zeit verebben wird, aber ich kann dies ja doch nur mit Dir so bereden, wie mir ums Herz ist. Die Kameraden nehmen wohl davon Notiz, denn es hat jeder seine eigenen Interessen. Ich weiß aber auch, daß Du Verständnis dafür hast, wenn ich um meinen Bruder traure. ER wird uns allen unvergessen sein.  Ich hatte erst keine große Lust noch zum Schreiben. Wie ich aber höre, geht morgen früh die Post wieder weg. Ich habe doch Kameraden, die hier bei der Feldpost tätig sind, die mich immer auf dem Laufenden halten und mir meine Briefe immer mit wegbesorgen. Das ist immer sehr nützlich. Ich will Dich darum nicht länger warten lassen mit der Bestätigung, daß ich wieder Verbindung mit Dir bekommen habe. Lasse Dich, liebes Mädel, vielmals grüßen. Ich bin der festen Hoffnung, daß Ihr alle gesund seid. Nimm Du recht viele Küsse entgegen von Deinem Dich immer liebenden Ernst.

Brief 378 vom 08./09.02.1943


Mein liebster Schatz !                                                   8.2.43      
Vor zwei Tagen sind wir hier nun angelangt. Es war sehr windig und kalt. Wir waren aber gut mit Kleidung versorgt, so daß es einigermaßen auszuhalten war. Ich hatte mir noch einen Übermantel besorgt und dann ein Paar Filzschuhe, die dann die Füße schön warmgehalten haben. Über die Einzelheiten dieses Rückmarsches kann ich hier nicht viel schreiben. Es ist jedenfalls keine erhebende Angelegenheit. Ob und wann wir nun hier im Ort bleiben, das ist noch nicht klar. Wir richten uns jedenfalls nicht erst sehr groß ein, ausgepackt wird nur das Notwendigste, denn wir sind ja erstens im Platz sehr beschränkt, und dann zum zweiten müsste man das dann alles erst wieder verpacken. Mit der Arbeit geht es so hin. Wir haben durch die Veränderung mancherlei andere Sachen zu tun, was sonst nicht durch uns erledigt würde.  Nachtarbeit gehört zu den täglichen Dingen. Es wird oft nachts zwei Uhr, dagegen haben wir am Tage nicht gerade viel Arbeit.  Doch man muß immer hier sitzen und der Dinge warten, die da kommen. Da ja die Feldpost von hier aus nicht weggeht, denn es sind vorerst wichtigere Dinge zu erledigen, habe ich es unterlassen, die vergangenen zwei Tage zu schreiben. Ich war auch tatsächlich durch die Ereignisse nicht in der Stimmung, Dir etwas Ordentliches zu schreiben. Heute bin ich schon etwas abgeklärter, und man sieht schon eher über die Vorkommnisse hinweg. Gesundheitlich ist alles in Ordnung. Ich wohne zur Zeit auf meinem Büro. Daß man da nicht zum Schlaf kommt, wird Dir wohl dadurch erklärlicher sein. Man muß sich aber einrichten. Warm ist es zwar nicht sehr, doch dafür behält man eben den Mantel an, wenn es einem mit der Wärme nicht ausreicht. Der Schreibtisch ist Waschtisch, darauf wird gefrühstückt und gearbeitet. Es sind bald solche Verhältnisse, wie wir seinerzeit in Kschen hatten. Den Vorteil haben wir hier zwar, daß wir unser Bett mitgenommen hatten und daß wir Fensterscheiben in den Räumen haben. Wie dem auch sei, man ordnet sich den Verhältnissen unter. Eine andere Lösung bleibt einem ja nicht übrig. Durch die    ?  eines anderen Postweges mußt Du Dich nicht beeinflussen lassen, denn meine Anschrift bleibt wie bisher bestehen.  Ich bin für heut am Ende meiner Weisheit und bitte Dich, mit diesem verhältnismäßig kurzen Gruß vorlieb zu nehmen, denn ich möchte Dich nicht solange ohne Lebenszeichen lassen. Bleibe gesund und sei mit den Kindern vielmals gegrüßt und geküßt von Deinem viel an Dich denkenden Ernst.
Schon wieder hat sich die Situation geändert. Ich kann also doch diesen Brief über Feldpost an Dich auf den Weg bringen. Ich hoffe, daß er Dich nun auch so erreichen wird. Zwei Päckchen habe ich an Dich fertiggemacht. Eines enthält eine Büchse Fleisch und eines eine Büchse mit Fisch. Ein paar Bonbons habe ich beigefügt. Die Päckchen haben die Nummer 16. und 17. Ich hoffe, daß Euch die Sachen richtig erreichen und wünsche, daß Ihr sie bei guter Gesundheit verzehren könnt. Nochmals recht herzliche Grüße und viele Küsse sendet Dir Dein Ernst.


Meine liebste Annie !                                       9.2.43       
Seit über einer Woche habe ich von Dir keine Post bekommen. Wie lange dies noch anhalten wird, ist nicht abzusehen. Es kann sein, daß es vielleicht schnell geht, doch das Gegenteil kann auch der Fall sein. Am besten wird sein, ich wappne mich mit Geduld und lass mich im Glücksfall überraschen. Ich sitze nun wieder an meinem pompösen Schreibtisch aus Urvaters Zeiten, der durch den langen Gebrauch etwas schwach auf den Füßen geworden ist. Er kommt mir vor wie ein Storch, wenn er auf einem Bein müde geworden ist, zieht er es ein. Er wackelt hin und her und es ist nicht leicht, in diesem Tempo mitzuwiegen. Mit den Knien muß man immer etwas abbremsen und festhalten. Soweit man keine Beschäftigung hat, ist das ja eine ganz nette Unterhaltung. Mit der Zeit wirkt sie nur etwas einseitig. Wenn man ihn an ein anderes Möbelstück anlehnt, steht er sogar von selbst. Aber auch gutes Zureden soll etwas helfen.  Nach tagelang bewölktem Himmel, hat sich die Sonne wieder durchgesetzt. Der frisch gefallene Schnee und der blaue Himmel gäbe einen schönen Kontrast und es erweckt den Anschein, daß es nicht mehr weit zum Frühjahr ist. Dieser Anschein wird ja auch durch den Kalender bestätigt. Bald haben wir Mitte Februar und im Februar gibt es schon die ersten warmen Tage. Soweit ich freie Zeit dazu hatte, habe ich wieder einmal ein größeres Buch ausgelesen. Es handelt sich um das Schicksal eines jungen Menschen, der in einem Jesuiteninternat erzogen wurde. Es war als solches, vor allem in Bezug auf das Leben in diesem Internat, interessant zu lesen. Aber ich muß sagen, es ist mir selten so oft vorgekommen, daß meine Gedanken abschweiften, wie gerade in diesen Tagen. Immer und immer wieder mußte ich an das Schicksal unseres Kurt denken, sobald sich in irgendeiner Beziehung eine Parallele ergab. Vielfach ertappte ich mich dabei, wie ich wohl lese, aber mit meinen Gedanken beim diesem traurigen Geschehen war. Es ist einfach zu hart, was einem damit wiederfährt. Da wir nun schon solange keine Post mehr erhalten habe, bin ich auch nicht im Bilde, was Ihr weiter zu diesem so in das Familienleben einschneidenden Vorkommnis sagt. Ich komme hier auch vorerst nicht dazu, an die Familie Frick zu schreiben.  Vielleicht es es schon von Euch geschehen. Ich werde noch etwas abwarten.  Etwas anderes muß ich in diesem Zusammenhang mit Dir besprechen. Vor längerer Zeit wurde bei uns, wie im letzten Jahre auch, zusammengestellt, welche von den jungen Kriegsverpflichtungsbeamten für die Truppe herausgezogen werden. Ich habe Dir mit Absicht davon nichts geschrieben. um Dich nicht zu beunruhigen. Denn ich weiß, daß Du Dir bestimmt mehr Gedanken gemacht hättest, als es erforderlich wäre. Bis vor wenigen Tagen wäre das auch wirklich nicht notwendig gewesen, denn der Einsatz von Beamten hier im Osten, die geeignet sind, stießen auf gewisse Schwierigkeiten, so daß man doch nur auf die erfahrenen Kräfte zurückgreifen konnte. Durch die veränderte taktische Lage kann es möglich gewesen sein, daß man uns jetzt doch herauszuziehen beabsichtigt. Mit meinem Jahrgang schneidet es ja ab. Alles, was älter wie 08 ist, kommt dafür nicht mehr in Frage. Ich sehe aber gerade hier bei diesem Stab, mit welchen Mitteln gearbeitet wird, sich aus allen diesen Dingen herauszuhalten. Es werden Mittel angewendet, die einem lächerlich erscheinen müssen, vor allem, wenn man dabei berücksichtigt, daß es sich teilweise um junge Gesellen handelt und ähnlichen unglücklichen Figuren, die man immer noch mit aushalten muß. Wenn sich schon diese Herrschaften unbegründeter Weise von ihren Pflichten drücken wollen und wie ich sie kenne auch drücken werden, so halte ich es Euch allen gegenüber als meine Pflicht, meine Gesundheit so weit es möglich ist, für Euch und vor allem für später zu erhalten. Ich betrachte dies im weiteren Sinn als den Erhalt des großen Opfers, das Kurt uns allen gebracht hat, wenn ich jetzt auf den Führerbefehl abheben werde, wenn die Sache wegen des Austausches an mich herantreten wird. In diesem Befehl ist davon die Rede, daß letzte Söhne aus einer Familie, die bei zwei Söhnen einen in diesem Kriege verloren haben, aus der kämpfenden Truppe herauszuziehen und zum Ersatzheer zu versetzen sind. Dies soll nicht erst auf besonderen Antrag geschehen, sondern die Einheitsführer sollen schon von sich aus diese Aussonderung vornehmen. Dieser Fall trifft ja bei uns nun zu. Du weißt, daß ich kein größerer Held wie die anderen bin, ich bin aber auch noch nie ein Feigling gewesen. Ich habe mich bisher ohne irgendwelche Gegenmaßnahmen zu ergreifen, immer in das hineingeschickt, was sich gerade ergab. Aber, wie ich Dir schon in meinen vorliegenden Zeilen erklärt habe, werden Dir die Gründe verständlich erscheinen, die ich im Interesse der Familie zu unternehmen gedenke. Ich weiß zwar nicht, ob Du dies mit Vater besprechen willst. Diese Entscheidung liegt ja zuletzt bei uns.  Wenn Du es aber von Dir aus für notwendig hältst, dann überlasse ich es vollkommen Dir, diese Unterrichtung vorzunehmen. Wie gesagt, ich werde erst abwarten, denn die Meldung ist vor einiger Zeit herausgegangen. Ich bin kv geschrieben wie die anderen Herren auch, aber ich kenne diese Brüder alle, sie wehren und stemmen sich dagegen, wenn es dann darauf ankommt, und wenn es dann hart auf hart geht. Wenn ich also von hier weggenommen würde, dann müsste ich beim Ersatzheer verwendet werden. Dies ist zwar noch nicht dem gleichbedeutend wie meine augenblickliche Tätigkeit. Ich habe auch das Empfinden, daß ich hier nützlicher eingesetzt bin, wie gerade beim Ersatzheer, wo ich dann vielleicht auf eine Schreibstube gesteckt würde. Im Endeffekt käme ein Minus dabei heraus. Schreibe mir bitte umgehend Deine Ansicht darüber, damit ich sehe, ob wir uns einig sind.  Mit der Beleuchtung ist es im wahrsten Sinne des Wortes sehr trüb. Wir haben, wie es bei vornehmen Leuten üblich ist, elektrisches Licht. Das brennt aber so hell, daß es kaum Helligkeit einer Kerze ausmacht. Auf dem Tisch steht eine Karbidlampe, die ihre Macken hat. Lässt man zuviel Wasser hinein, dann fliegt sie einem bald in die Luft und Flammen schlagen aus allen Löchern entgegen, das geradezu gefährlich ist, daneben zu sitzen. Das sicherste ist immer noch die Kerze. Wenn  da der Wind nicht gerade dazwischenbläst, dann brennt sie in einer regelmäßigen Stärke, die gerade zum Schreiben ausreicht. Denn die Karbidlampe ist so launisch und verbreitet nicht die Helle, die wünschenswert wäre. Es geht sehr kriegsmäßig zu, aber damit hat man sich schon längst abgefunden.
Einen dicken Schnupfen habe ich wieder einmal im Gesicht, das ist zwar weniger schön, doch bei mir gehört das sonst normalerweise zu den Erscheinungen des Winters. Das kennst du ja schon zur Genüge an mir. Ich hoffe, daß er bald abklingen wird, dann geht es auch wieder.  Wichtiges habe ich nicht weiter zu erwähnen. Ich möchte darum meinen heutigen Brief abschließen. Sei recht herzlich gegrüßt und vielmals geküßt von Deinem Dich fest liebenden Ernst.

Montag, 5. Februar 2018

Brief 377 vom 03./04.02.1943


Meine liebste Frau, liebe Annie !                                                           3.2.43  
       
Durch das tragische Ende unseres Kurt sind wir noch enger zusammengerückt. Ich kann es immer noch nicht fassen, daß ein solch junger Mensch ausgelöscht sein soll. Wenn er auch in seinem Wesen sehr zurückhaltend war, so weißt Du, daß er mir immer leid getan hat, weil er so wenig Glück hatte. Ich habe darum immer wieder versucht, ihm nahe zu kommen, doch es ist nie so recht gelungen. Daß er aber auch an uns hing, das haben seine Besuche bei uns und seine ganze Aussprüche klargelegt. Daß wir ihm in gewisser Weise eine Heimstatt bieten konnten, das ist mir immer noch tröstlich. Durch dieses bittere Ereignis und auch durch die gegenwärtige starke Beanspruchung im Dienst, habe ich Tage härtester seelischer Belastung hinter mir. Ich hoffe aber, alles durch die Arbeit wieder überwinden zu können. Zu gern wäre ich jetzt mit Euch zusammen, aber man muß hier aushalten und zusehen, wie man mit allem fertig wird. Es ist eine Belastung, die auch an starken Nerven zerrt. Ich glaube, daß Ihr Euch gegenseitig doch unterstützen könnt. Heute kann ich erst richtig nachspüren, was es beim Tod Deiner lieben Mutter für Dich bedeutet hatte, wenn ich nicht zuhause gewesen wäre. Wenn man mit allem allein fertig werden muß, das ist äußerst hart und schmerzlich. Du brauchst Dich aber bestimmt nicht um mich sorgen, denn wie ich schon schrieb, die Arbeit nimmt mich sehr stark in Anspruch, so daß ich nur abends, wenn ich auf meinem Zimmer sitze, Zeit habe zum Nachdenken. Ich bleibe aber auch nur solange munter, bis ich meinen Brief an Dich geschrieben habe. Ich versuche mich in den Schlaf zu retten und dort zu vergessen, denn sonst kommt man aus dem Nachdenken nicht heraus. Ich bin aber schon so müde, daß ich bald einschlafe.  Ich will noch an die Einheit von Kurt schreiben, daß man mir ein Bild vom Grab unseres Kurt beschafft. Wenn es durch die Einheit nicht gemacht werden kann, so soll es der Gräberoffizier machen.  Hoffentlich erreiche ich etwas.  Für Euch meine Lieben, habe ich wieder ein Päckchen beieinander. Die Dose Fisch, die ich mitgesandt habe, muß aber warm gegessen werden. Ein Glas Honig und einige Bonbons füllen das Päckchen noch auf. Das Päckchen bekommt die Nummer 16. Jetzt habe ich alle Kartons wieder zurück und alles, was mich irgendwie belastet, habe ich auch aus der Hand Den Honig habe ich mir von der Verpflegung aufgehoben. So brauche ich doch das Glas nicht leer nach hause schicken. Eine Zahnbürste habe ich auch noch beigefügt. Wenn Du sie nicht brauchst, so kannst Du sie ja noch aufheben. Vielleicht kann ich sie dann später wieder verwenden. Ich hatte sie schon einmal in Benutzung, aber ich habe noch eine andere bekommen, die ich nun erst noch aufbrauchen will. Du muß sie aber nicht für mich aufheben, denn ich erhalte schon wieder etwas.  In der festen Zuversicht, daß Ihr, meine Lieben, alle gesund seid, bin ich mit vielen herzlichen Grüßen und recht herzlichen Küssen Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel !                                                                      4.2.43  
        
Ich sitze heute nur noch auf Kisten, denn wir haben uns zum Rückmarsch vorbereitet. Morgen geht es zurück. Post wird wohl nicht mehr angenommen, aber ich will Dir diese Nachricht wenigstens soweit schreiben, damit ich sie dann gleich aufgeben kann. Ich weiß ja nicht, wie ich dann gleich dazukomme. Wir ziehen uns an den Ort zurück, an den ich vorher hätte kommen sollen. Er fängt mit P an. Wenn wir von hier weggehen, so liegt da noch lange kein Anlass zu irgendwelchen Befürchtungen vor, denn eine solche Verlegung hängt mit der Eigenart unserer Dienststelle zusammen. Wie lang wir dort bleiben, hängt ganz und gar von der weiteren Entwicklung der Lage ab. Ich bin froh, daß ich in der vergangenen Zeit noch die verschiedenen Sachen nach haus gesandt habe, denn sie wären mir sonst eine Belastung. Das Päckchen, das ist noch an Dich absenden wollte, konnte ich nicht mehr aufgeben, weil die Annahme von hier aus gesperrt ist. Ich werde es aber bald von der neuen Stelle aus absenden.  Durch den starken Betrieb habe ich wohl etwas Ablenkung, ich kann es aber immer noch nicht fassen, daß Kurt nicht mehr sein soll. Trotzdem wir nicht viel miteinander gesprochen hatten, ist mir sein Tod sehr nahe gegangen. Ich kann es kaum glauben.  Post bekommen wir ja schon seit Tagen nicht mehr. Es werden auch noch einige Tage vergehen, bis uns wieder welche zugestellt wird. Doch solange man gesund ist, kann man es noch hinnehmen, denn man weiß, daß es jetzt nicht anders geht. Körperlich geht es mir auch ganz gut, ich kann in dieser Hinsicht bestimmt nicht klagen.  Nimm heute mit diesem kurzen Gruß vorlieb, denn ich wollte Dich doch nicht längere Zeit ohne Nachricht sein lassen. Sei Du, mein liebes Mädel, vielmals herzlich gegrüßt. Grüße auch Vater von mir und sage ihm, daß ich gerne daheim wäre, um Euch allen die Stütze zu sein, die ich sonst sein könnte, wenn ich zuhause wäre.  Lasse Dich und die Kinder vielmals küssen von Deinem so viel an Dich denkenden Ernst.

Brief 376 vom 29./31.1.1943


Meine liebste Annie !                                                                           29.1.43   
    
Auch dieser Monat neigt sich seinem Ende zu. Viele ernste Meldungen hat er uns gebracht. Hoffen wir, daß uns die folgenden Monate bessere Nachrichten für uns bringen. Die neue Verordnung über die Arbeitspflicht hat ja manche Änderung in der Heimat geschaffen.  Vielleicht bekommt man auch mit dieser Sache die „feinen Leute“, die bisher nur die anderen schaffen ließen, dran. Wahrscheinlich werden die Ärzte gegenwärtig sehr in Anspruch genommen, um die vielen Zeugnisse auszustellen für die, die sich nun ihre Leiden bescheinigen lassen müssen, um eine begründete Ausrede für irgendein Leiden zu haben, was schnell beschaffen worden ist.  Nachdenken darf man darüber nicht, denn sonst müßte man sich erst noch ärgern. Ich glaube kaum, daß die Arbeitseinsatzbehörden das restlos durchdrücken werden.  Die in Aussicht gestellte Verlegung ist im Moment etwas in den Hintergrund getreten durch die Stabilisierung der Front. Es kann aber sein, daß durch andere Ereignisse eine Veränderung unserer Unterbringung vorgenommen wird. Das  ?    bin ich ja gewohnt worden, so daß man vor keine neue Aufgabe gestellt ist.  Dein Vater kann aber unter den schwierigen Verhältnissen, die jetzt herrschen, mit den Geschenken, die Du ihm zu seinem Geburtstag gemacht hast, sehr zufrieden sein. Diese Sachen sind doch alle schwer zu bekommen. Ich nehme an, daß er das auch richtig zu schätzen weiß. Vor allem sieht er aus diesem Geschenk, daß sich durch die Veränderung zuhause trotz allem gegen ihn nicht geändert hat. Du hast mit dieser Aufmerksamkeit die nun eingeführte Tradition fortgesetzt. Ich stimme dieser Sendung in jeder Beziehung zu, denn er sieht daraus den guten Willen.  Für die Zuteilung von Mandarinen werden die kinder wohl ganz besonders dankbar sein. Das hätte ich vor einem Jahr auch noch aus Frankreich schicken können, doch von hier aus läßt sich das nicht machen.  Daß sich Jörg während Deiner Abwesenheit seine Schuhe selbst vorgenommen hat, finde ich sehr nett von ihm. Er versucht wenigstens, sich selbst zu helfen und nicht nur Dir alles zu überlassen. Ob er nicht auch vielleicht ein bisschen Dampf davor gehabt hat, daß Du ihm deshalb Vorwürfe machen könntest, weil er sie schon wieder kaputt hat. Wie dem auch sei, er hilft sich wenigstens selbst und das wird Dir auch recht sein, vor allem wenn er es richtig anpackt. Daß er es nun mit dem Schwimmen doch geschafft hat, das macht mir viel Spaß. Er hat doch noch etwas Ehrgeiz in sich, denn er würde es sonst nicht von sich aus probiert haben, das Gelernte und vor allem das nun gewonnene Selbstvertrauen in sich zu stärken. Diesen Funken von Ehrgeiz muß man meiner Erachtens nähren bei jeder sich bietenden Gelegenheit, denn ich weiß wohl, daß er gern nach der anderen Richtung neigt. Daß er sich sehr wichtig dabei vorkommt, das ist nun einmal kindlich und dafür hast Du ja volles Verständnis.  Wegen der Vorschaltwiderstände ist das so eine Sache. Du weißt ja, wie die Kameraden dort drüben mit ihrem Geld immer so knapp daran sind. Meist reicht ja das Kontingent nicht aus von dem, was sie sich schicken lassen können. Es wird darum nicht daran liegen, daß man einfach das Geld nur 2 X schickt, sondern das geht von dem ab, was sie sich dann schicken lassen können. Ich denke aber trotz allem, daß ich einen gangbaren Weg finde, um den notwendigen Kauf möglich machen zu können. Wenn Du den Apparat nicht mehr benutzen könntest, wäre das schon ein großer Ausfall für Dich. Ich hoffe darum selbst, daß ich diesen Kauf erledigen kann. Anscheinend kommen meine Briefe im Vergleich zu früher doch etwas schneller an. Daß einer einmal hinterherhinkt, das läßt sich nun einmal nicht vermeiden. Durch solche kleine Erleichterungen hoffe ich Dir entgegenzukommen und eine kleine Freude zu machen. Solange das sich einrichten läßt, mache ich die auch sehr gern; brauchst Du doch dann nicht gar zu lange warten.  Ich grüße Dich, mein liebster Schatz und bin mit vielen, vielen lieben Küssen Dein Ernst.

Mein liebster Schatz !                                                                   31.1.43    
     
Zum Schreiben bin ich gestern leider nicht gekommen, aber heute zum Sonntag klappt es schon eher. Zuerst vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 17.  Wie ich sehe, hast Du Dich angestrengt und das Maschineschreiben aufgegeben um mit zu beweisen, daß Du das Handschriftliche auch noch beherrschst. Ich hätte es Dir aber auch so geglaubt. Dieser Brief hat gerade zwei Wochen gebraucht bis er ankam. Das ist doch eine erheblich länger Zeit als früher nach Frankreich. Da könnte man unter normalen Umständen innerhalb einer Woche wieder Bescheid haben. Dieser Traum ist ja nun aus. Dem Sonntagsessen würde ich gerne zustimmen. Vom Stachelbeerkompott wäre ich auch nicht abgeneigt. Ich kann aber im allgemeinen jetzt über die Verpflegung nicht klagen, ich schrieb ja schon, daß sie besser geworden ist. Vorgestern Abend gab es Kartoffelsalat mit deutschem Beefsteak. Zum Frühstück bekommen wir meist Butter oder Margarine mit Honig oder Marmelade. Auch das Mittagessen ist immerhin ausreichend. Man braucht wenigstens keinen Kohldampf zu schieben, denn so ein starker Esser bin ich nicht, daß ich nicht satt werden würde.  Wie ich lese, hast Du für Vater wieder allerhand Aufträge auszuführen.  Mit dem Anstricken der Strümpfe hat er Dich in ausreichendem Maße beschäftigt. Solange Du noch Zeit dazu hast, geht das noch an.  Ich habe auch ohne weiteres Verständnis dafür, weil er niemand weiter hat, der ihm das übernehmen kann, aber ich bitte Dich immer wieder, nimm Dir nicht allzu viel vor, denn so ein Riese bist Du nun einmal nicht, daß Du tagaus tagein die Nacht über sitzen kannst. Du mußt Dich auch wieder einmal ausruhen und Dich schonen. Ich lege großen Wert darauf, daß Du Dich etwas hier nachrichtest. Du mußt Dir ja schließlich für uns gesund erhalten.  Das mag etwas egoistisch klingen, doch ist dieser Wunsch sicherlich nicht unberechtigt. So alt bist Du und ich auch noch nicht, daß wir schon zum alten Eisen gehören, denn wenn wir gesund bleiben, haben wir noch ein Stück Leben vor uns. Dies wollen wir im Auge behalten und darnach richten. Wenn Du Dich im Rahmen des Möglichen beschäftigst, habe ich bestimmt nichts einzuwenden, nur solltest Du über diesen Rahmen nicht hinausgehen. Beachte das bitte auch dann, wenn irgendwelche Anforderungen an Dich herantreten. Da denke ich gerade an Vater in Bezug auf die neue Arbeitspflichtverordnung. Nach dieser Verordnung ist er ja nicht mehr verpflichtet, Arbeit zu leisten. Im übrigen soll hier nach jedem Wunsch nach Möglichkeit Rechnung getragen werden. Ich an seiner Stelle würde beim Arbeitsamt vorstellig werden und darauf hinweisen, daß er mit Rücksicht darauf, daß er trotz seines Alters seine Kräfte noch zur Verfügung stellt, wenigstens fachmäßig beschäftigt und auch dann den tarifmäßigen Lohn bekommt. Es ist doch eine große Gaunerei, wenn ihn der Strohmeier wieder als Hilfsarbeiter bezahlt und doch seine Vorbildung als Facharbeiter ausnutzt. Er soll ruhig mal einen Vormittag opfern und sich vom Dienst freimachen. Das kann ihm niemand verübeln, wenn er sich sein Recht holen will.  Wie Du mir schreibst, hast Du Dir von Vater einige Bücher mit zum Lesen heraufgenommen. Ja, als ich die Widmung in das Buch hineinschrieb, war Kurt 11 Jahre alt und jetzt ist Helga schon wieder in dem gleichen Alter. Bei solchen Rückblicken sieht man erst, wie die Zeit verrinnt. Man kann sie nicht halten, denn sie geht unentwegt weiter.  Ich der gegenwärtigen Zeit ist es auch gut so, denn das wäre ja nicht auszudenken, wenn sie stillstehen würde. Die schon vielfach erwähnte Laubsäge hast Du Dir nun auch mitgenommen. Hoffentlich bekommst Du auch die Sägeblätter dazu, die notwendig sind. Ich kann von mir nur sagen, daß ich kein großes Geschick dazu gehabt habe. Allerdings habe ich auch nicht viel geübt. Es lag aber auch daran, daß ich von meinem Vater Holz dazu bekam, das für diese Zwecke zu stark war. Am besten ist doch Sperrholz und das stand mir nicht zur Verfügung oder Zigarrenkistenholz. Ich werde ja bei Gelegenheit v on den in Angriff genommenen Arbeiten hören.  Daß Jörg so ein Heidenrespekt vor dem Friseur hat. Wie soll denn das einmal später werden. Ich glaube, er ist der Ansicht daß der Friseur noch gewalttätiger vorgeht, wenn die Mutter schon jedes Haar einzeln herauszieht. Ist es nicht so ? Hoffentlich habe ich nun mit meiner Anpöbelung nicht erreicht, daß Du unserem Jungen die Haare überhaupt nicht mehr schneidest. Ich kann mir aber gut vorstellen, daß er froh ist, wenn diese Tortur vorbei ist. Daß er sich darüber freut, daß es wieder ordentlich aussieht, ist doch mehr oder weniger eine Nebenerscheinung? Oder bist Du anderer Ansicht?  Von Siegfried muß ich ja sagen, daß er bis jetzt Glück während seiner ganzen Militärzeit gehabt hat. Es kann wohl sein, daß er bei dem großen Einziehen neuer Leute nochmals eine Weile in der Heimat verwendet wird, allerdings kann es ihm jetzt auch blühen, daß er aus dem Heimatkriegsgebiet herausgezogen und auch in unsere herrliche Gegend versetzt wird. Im allgemeinen haben es aber auch die Unteroffizierdienstgrade nicht gerade schlecht bei den Sanitätseinheiten. Also ich denke, daß sich da Erne keine großen Sorgen um ihn machen braucht. Aber er kann froh sein, daß es bei ihm immer noch so geklappt hat. Denn es ist ihm doch schon oft gelungen, einige Tage daheim zu verbringen, was den anderen Kameraden nie möglich ist. Im allgemeinen wird Erna jetzt mit sich zu tun haben, denn wenn auch die ersten Monate in mancher Beziehung Beschwerden mit sich bringen, so kommt ja nun in der jetzt folgenden Zeit in mancher Hinsicht eine Erleichterung. Sie wird es auch überstehen wie Millionen andere Mütter auch.  Für die übersandten Zeitungen danke ich Dir vielmals. Ich erhielt sie gestern mit und habe sie zum Teil gelesen, Den Rest werde ich mir heute vornehmen.  Recht viele herzliche Sonntagsgrüße sende ich Dir und übermittle gleichzeitig viele herzliche Küsse, die ich gern einmal selbst einlösen würde. Dein Ernst.