Freitag, 9. Juni 2017

Brief 274 vom 8.6.1942


Meine liebe Annie !                                                               8.6.42    
 
Gestern war Sonntag. Am Vormittag hatten wir wie üblich gearbeitet. Der Rest war dann regelrecht verregnet. Da kannst Du Dir denken, wie schön das hier war. Unser Radio macht ja schon lange nicht mehr mit. Es war einfach wundervoll. Nach dem Essen habe ich mich erst einmal schlafen gelegt. Dann habe ich eine Weile gelesen, später habe ich mich an das Briefeschreiben machen wollen. Ich hatte aber keine rechte Lust, so daß ich nur an den Tommi geschrieben habe.
Ein Kamerad hat mich dann mit ins Kino geschleppt. Wir sind trotz des starken Regens , der die Straßen wieder unergründlich gemacht hat, losgezogen. Als wir hinkamen, konnte wegen Unterbrechung der Lichtleitung erst nicht gespielt werden. Aber auch nach längerem Warten wurde nichts daraus. Dann sind wir wieder heimgegangen. Daheim brannte auch kein Licht. Es war ein ausgesprochen trostloser Sonntag. Heute regnet es zwar nicht, aber der Sturm, der seit gestern herrscht, hat noch nicht nachgelassen.
Heute früh erhielt ich nun Deine Briefe vom 13., 25.und 26.5., für die ich Dir wieder recht herzlich danke.  Obwohl Du den ersten Brief noch abends zur Post getan hast, hat es bald einen Monat gedauert, bis er ankam. Bei diesen Entfernungen hat das nicht viel zu bedeuten. Ich denken, daß es deshalb nicht notwendig ist, daß Du extra nachts noch los gehst, um den Brief wegzuschaffen. Ich weiß zwar, daß man erst froh ist, wenn der Brief fort ist.
Ich bin ja schon so lange Zeit von Deutschland weg. Ich weiß, wie wir nach Frankreich kamen, wie wir immer wieder feststellen mußten, das und das ist schöner, und das und das ist ordentlicher bei uns. Hier fängt man nun an zu vergleichen und sagt, dieses und jenes war sogar in Frankreich besser wie hier und in Bezug auf Kultur oder sonstige Einrichtungen war es sogar dort drüben noch anders. Man wird es als eine Wohltat empfinden, wenn man wieder einmal in Deutschland leben und arbeiten kann. Es wird zwar nach dem Krieg auch manche Widerwärtigkeiten geben, doch mit diesen wird man auch wieder fertig werden.
Daß Du mir jetzt immer Briefumschläge mitschickst ist sehr nett von Dir. Solange ich aber noch das Papier dazu habe, werde ich diese verwenden, denn Du wirst auch nicht gleich welche daheim bekommen. An die 60 Stück habe ich noch da, das reicht noch ein Weilchen. Die gesandten hebe ich mir noch für später auf.
Wegen des Geldes haben wir uns schon recht verstanden. Ich weiß ja, daß Du das Geld bisher für mich immer zur Verfügung hattest. Das ist aber, bis auf die Bezahlung der Schulden an Henkes nicht mehr notwendig, denn ich komme reichlich mit dem aus, was ich habe. 
Daß Du die Kohlen jetzt bestellen kannst, ist ja wieder fein. Die Bezahlung macht ja keine Schwierigkeiten mehr, wie in den früheren Jahren. Daß Ihr nicht einmal mehr Süßstoff bekommt, ist ja bedauerlich. Das war Dir doch bisher immer zur Zuckerung eine gute Hilfe. Dann bin ich doppelt froh, daß ich Euch die kleine Reserve mit schaffen konnte. 
Daß Ihr bei Eurem Ausflug hinter den Fürstenberg und auf den Fürstenberg am 2. Feiertag an mich so lieb gedacht habt, hat mich sehr gefreut. Den Ausblick über das Ried bis über den See an die Schweizer Buckel habe ich plastisch vor mir. Ich sehe genau, wie von Singen her die Eisenbahn kommt. Oder eine andere dampft ihr aus der Stadt entgegen. In der Ferne blauen die Alpen mit ihren schönen Firnen. Über allem hängen flockige Wolken. Ja und dann der Blick hinunter zum Hegau.  Ach, wie habe ich früher immer diesen Blick genossen. Zwischen der Schweiz und dem Hegau liegt zur Teilung des ganzen der See mit der Insel Reichenau. Wenn man auf der Fahrt nach Hegne aus dem Wald herauskommt, ist am frühen Morgen auch so ein schöner Ausblick. Auf den freute ich mich auch immer so und ich bin manchmal, wenn ich auch nicht ganz so weit zu fahren hatte, besonders nochmals an diese Ecke gefahren. Jetzt habe ich die Bilder bei mir hängen. Sie zeigen mir aber immer wieder, wo meine Gedanken auch suchen sollen. Auf dem einen Bild ist der Bodanrück drauf, dann kann ich mir immer sagen, hinter dem Buckel, da steht das Haus.  Die Wirklichkeit wäre mir zwar lieber. 
Einige Sachen habe ich mit beigefügt, die Du mit aufheben kannst. Es macht ja ein bißchen mehr oder weniger Papier auch nicht mehr aus.

Brief 273 vom 7.6.1942


Mein liebes Mädel !                                                                          7.6.42     
         
Zum Wochenende erhielt ich gestern Abend einen Brief von Dir vom 24.5.
Wegen des festen Arbeitsgebiets hatte ich Dir ja schon gestern noch einmal geschrieben. Das hat sich also schon wieder erledigt mit der Bearbeitung der Steuersache, aber während dieses einen Monats habe ich es zur Zufriedenheit erledigt, das genügt mir.
Was Deine Frage wegen des Wetters betrifft, so kann ich sie nur dahin beantworten, daß es von einigen heißen Tagen abgesehen ziemlich normal ist. Seit gestern regnet es, und damit ist die Hitze schon wieder weg. Wir haben einige Tage wohl ziemlich schwitzen müssen. Aber man gewöhnt sich an alles, selbst in der für diese Jahreszeit dicken Uniform.
Bis meine Post bei Euch eintrifft, hat sich ja immer verschiedenes geändert, sobald der Regen vorbei ist, wird es gleich wieder recht warm sein. Das Wetter ist so richtig zum Wachsen geeignet. Die Sachen schießen nur so aus dem Boden. Ich habe jetzt beobachtet, wie jemand vor wenigen Tagen ein Stück Feld fertiggemacht hat. Schon nach kurzer Zeit kamen da die Bohnen heraus. Was dann aber herausgekommen ist, das schießt nur so in die Höhe.
Bis zum Abgang Deines Briefes hast Du noch keine neue Anschrift von Kurt gehabt.
Daß das Pfingstwetter bei Euch auch so unfreundlich war wie hier, ist weniger schön. Wenn Du aber etwas zu lesen bekommen hattest, dann ging es ja noch. Dein Vater hat also die beiden Bücher, die ich in Leipzig gelesen hatte, auch noch mit zurückgesandt. Nun wäre also soweit alles angekommen, was ich dort drüben gehabt hatte.  Hoffentlich sind sie noch in Ordnung, denn ich hatte sie ihm noch ganz sauber übergeben. Für das Buch werde ich mich auch bei Siegfried noch bedanken. Daß Erna Dir noch schreiben will, ist ja recht.
Doch nun sind wir wieder bei dem leidigen Thema, Deines Vaters Heiratsangelegenheit. Du bist also nochmals darauf eingegangen, und ich sehe wieder, daß sich unsere Ansichten genau decken. Ich habe genau das gleiche empfunden, als ich den Brief Deines Vaters las. Aber noch krasser kommt alles zum Ausdruck in dem Brief vom 25.5., den er an Dich gerichtet hat. Mir gegenüber hat er ja auch geäußert, und das habe ich Dir auch in meinem ersten Schreiben an Dich, als ich mit ihm darüber gesprochen hatte, erwähnt, daß er nicht vor Ende des Krieges heiraten würde, weil er Siegfried die Gewißheit lassen wollte, daß seine Sachen in Ordnung gehen. Aber aus allem lese ich immer wieder heraus, dieses Fräulein hat schon so einen großen Einfluß auf ihn gewonnen, daß Erna ganz und gar an die Wand gedrückt wird. Daß sie sich mehr und mehr von ihm abwendet, halte ich für ganz selbstverständlich. Ich versuche, die Dinge ohne Voreingenommenheit zu betrachten, komme aber immer wieder zum gleichen Schluß, daß Dein Vater die Ursache  der Entfremdung bei sich suchen muß. Ich kenne zwar Erna zu wenig, um mir über sie ein endgültiges Urteil machen zu können, ich denke aber, daß meine Einschätzung  richtig ist. 
Die Widersprüche Deinem Vater auseinander zu setzen, hat wirklich keinen Wert denn ich sehe auch, daß es hier besser ist, wenn der Klügere nachgibt. Wenn Dein Vater die Absicht hat, nach Konstanz zu kommen und Dir es recht ist, soll es mir auch gleich sein, aber das kommt nur in Frage, wenn er ohne diese Fräulein kommt. 
Daß er sich mir gegenüber früher in so scharfer Form und so ablehnend verhalten hat, hat er scheinbar vergessen und ich habe das bisher ganz außer Acht gelassen. Wenn er außerdem noch mitteilt, daß er die Entwicklung der Dinge damals noch nicht überblicken konnte und deshalb diese Entschlüsse habe fassen müssen, wer sagt dann, daß er bei anderer Gelegenheit nicht andere Ansichten bekommt, wenn die Zeit weitergegangen ist. Da wir keinen besonderen Wert auf die Erbschaft legen und daß wir vielleicht deshalb uns so gegen alles wehren würden, haben wir ihm oft genug auseinandergesetzt, daß dafür gar keine Gründe von unserer Seite vorhanden sind. Denn wir sind nicht darauf angewiesen. 
Daß das erste Päckchen gut eingetroffen ist, freut mich, hoffentlich kommt das andere Zeug auch gut an. Herzliche Grüße und viele Küsse sendet Dir und den Kindern Dein Ernst.

Brief 272 vom 6.6.1942


Meine liebe Frau !                                                               6.6.42   
         
Bald bin ich mit der Beantwortung Deiner Briefe durch. Gestern bekam ich Deinen lieben Brief vom 23.. Herzlichen Dank dafür.
Daß Du Dich gewundert hast, daß es hier sogar WC gibt, kann ich mir wohl vorstellen. Wie ich aber bei meinem letzten Besuch feststellen konnte, ist es dort auch bald aus mit der Herrlichkeit, denn die meisten sind unbrauchbar. Nicht etwa, weil deutsche Soldaten diese sonst so praktische Einrichtung benutzen, sondern weil alles durchgerostet ist. Das Erlebnis, das Du da von anderen Soldaten gelesen hast, kann also dort auch eines Tages raue Wirklichkeit werden. Darüber habe ich mich nun nicht mehr gewundert, daß es anderen so unglücklich ergangen ist. 
Waren das die Briefmarken vom Generalgouvernement, die ich Dir gesandt hatte, oder sind die nicht eingetroffen. Die Butter ist hoffentlich nun bei Dir eingetroffen. Gespannt bin ich, in welchem Zustand.
Daß Du in letzter Zeit wieder besonders das Verlangen gehabt hast, Dich auszusprechen, kann ich Dir nachfühlen, denn die Geschichte mit Deinem Vater macht mir ja schon Sorgen.
Die Storchennester muß ich wieder einmal besuchen, denn ich war in den letzten Tagen nicht wieder dort. Vielleicht haben sie schon Junge. Daß die Beschaffung der Zeitungen nicht ganz so einfach ist, weiß ich, denn die Händler bekommen über das Kontingent der Abonnenten hinaus nur noch eine bestimmte Anzahl. Wenn Du mir nun nicht laufend Zeitungen schickst, so habe ich ja schon Verständnis dafür. Ich werde sowieso einen Kameraden in Frankreich bitten, mir ab und zu eine Brüsseler Zeitung und eine französische Zeitung zu senden. Ich bin dann voll mit Lesestoff versehen, wenn ich da auch noch etwas bekomme. Ich will darum auch nicht schimpfen, wenn jetzt von Dir einmal mehr Zeitungen kommen. Ich glaube aber, daß es nicht nötig ist, wenn Du die „Bodenseerundschau“ für den nächsten Monat wieder voll bestellst. Es genügt mir, wenn Du in der Woche ein oder zwei Zeitungen schickst.
Dein Vater hat ja auch etwas tun wollen, wie er es in seinem letzten Brief angedeutet hat. Ich werde ihm schreiben, daß er mir „Das Reich“ senden soll, dann bin ich aber wirklich restlos eingedeckt. 
Wie ich sehe, hast Du schon ganz nette Ersparnisse gemacht. Das macht Dir Freude, wie ich aus Deinem Brief entnehme. Im allgemeinen ist meine Arbeit bis jetzt hier schon anerkannt worden. Durch das Eintreffen eines neuen Inspektors muß ich jetzt wieder die Bearbeitung der Steuersachen abgeben. Ich habe während dieser Zeit gezeigt, daß ich mich vor keiner neuen Aufgaben fürchte und daß ich sie immer zur Zufriedenheit erfüllt habe, ein Zeichen dafür, daß ich es weitermachen muß.
Wegen der Flugfeldpost hatte ich Dir schon geschrieben. In den nächsten Tagen werde ich einmal einen Brief absenden, denn wir bekommen bald wieder neue Marken. Ich hatte nur gedacht, wenn man einmal etwas Eiliges mitzuteilen hat, dann ist das gerade recht.
Daß die Ferien so gekürzt sind, wird den Kindern wohl nicht ganz in den Kram passen, aber ich denke, daß es notwendig ist, nachdem sie den ganzen Winter über nichts gelernt haben. Den Garten hast Du ja gut in Schuß, wie ich aus Deinen Zeilen immer wieder lesen kann. Mit den Setzlingen bist Du offenbar auf dem Laufenden.
Das hat mir gefallen, daß Ihr am Pfingstsamstag einmal ausgegangen seid. Das kannst Du Dir doch schon einmal leisten im Monat. Den Kindern hat das sicherlich zugesagt. Ich bin wohl erstaunt aber gleichzeitig auch erfreut über dich, aber böse bin ich deshalb bestimmt nicht. Daß Du die Übermittlung der üblichen Grüße für die Feste des Jahres unterläßt, wird mir ja langsam zur Gewohnheit . Ich nehme sie als gegeben hin. Ob das wieder anders wird?
Daß der Brief dieses Mannes vom Vater von Alice kam, erfuhr ich durch Erna in Leipzig, doch ich hatte es wirklich vergessen, Dir mitzuteilen. Daß das Dein Vater nicht gewußt hatte, war mir nicht bekannt. Daß Dein Vater mit ihr gleich Schluß macht, entspricht seinem Wesen. Es hat deshalb keinen Zweck, ihm da hineinzureden. Uns kann das nicht kümmern, wir müssen das tun, was wir für richtig halten.
Über den Wiesenstrauß von Jörg wirst Du Dich sicher gefreut haben. Ich weiß, daß ich das auch immer gern getan habe, als ich Junge war, doch bei uns hatte man nicht so die Möglichkeit dazu. Ich wollte doch früher immer einmal Gärtner werden.
Nun bin ich aber wo anders gelandet und fülle meinen Poste auch aus.  Nun bin ich wieder am Ende des Briefes und fast am Rande meiner Weisheit für heute.  Recht herzliche Grüße und viele Küsse sende ich Dir und den Kindern. Dein Ernst.

Brief 271 vom 5.6.1942


Meine liebste Annie !                                                                           5.6.42        
 
Bevor ich mich an die Beantwortung des ganzen gestrigen Postsegens mache, will ich Dir erst einmal kurz von gestern hier berichten. Unser Oberrat hat uns gestern Abend, also den anderen Assistenten und mich, zu sich eingeladen. Ich fand das sehr nett von ihm. Er hat dann eigens zu diesem Besuch seine Flasche Benediktiner geöffnet, die eigentlich erst für einen anderen Zweck gedacht war. Wenn man sonst hier nichts weiter hat als die Arbeit, dann freut man sich, wenn man sich nett unterhalten kann und dabei auch etwas Angenehmes zu trinken bekommt. Wir sind sogar über den Zapfenstreich ausgeblieben, was hier im allgemeinen nicht so einfach ist, wie das in Frankreich der Fall war. 
Heute komme ich erst am Abend dazu, Dir weiter zu schreiben, was bis jetzt immer im Dienst so nebenher möglich war. Ich bin aber gegenwärtig so mit Arbeit zugedeckt, daß mir die Zeit nicht mehr reicht. Man hat mir noch mehr Sachen übertragen, doch jetzt muß ich einmal Halt sagen, sonst wird es zuviel.
Neben der Bearbeitung der Steuern, die mein Vorgänger ausschließlich allein bearbeitet hat, habe ich jetzt noch die Arbeitertransporte nach Deutschland, dann Erfassung der Handwerker und die weitere Behandlung und Durchführung der Verordnungen, dann Überwachung der Druckereien. Es ist viel damit zu tun, aber der Tag geht wenigstens dabei herum.
Mit dem Schuhausbessern hast Du auch immer wieder Deine Arbeit. Die Kinder sind immer fleißig, damit die Sachen kaputtgehen. Aber auch mit dem Garten kommst Du in Bezug auf Arbeit nicht zu kurz. Tomaten hast du nun auch gesetzt; hoffentlich bekommt Ihr dann auch entsprechend eine große Ernte.
Daß Jörg so das Zeug verkitscht zeugt ja davon, daß er ziemlich lebhaft ist, doch es ist schon gut, daß Du ihn dabei etwas überwachst, denn alles soll er nun nicht vertauschen, sonst führt das zu weit. Die Zankangelegenheit wegen der Gardinen ist schon ärgerlich, ebenso mit dem Schwer. Die Brüder sollten sich doch einmal jahrelang hier draußen herumdrücken müssen, dauernd weg von ihrer Familie, dann wollten wir einmal sehen, wie sie ihre Schnauze verreißen würden. Aber ich sage mir, wir haben uns dafür angestrengt, bis wir das erreicht haben, was jetzt daheim ist.  Daß es immer wieder Neider gibt, das kann man nun einmal nicht ändern. Wir für unseren Teil haben uns immer bemüht, anderen das neidlos zu lassen, was sie hatten. Am besten ist es wohl, man hört nicht darauf, denn wenn man diese Leute gerichtlich belangen will, kommt man doch nicht zu dem Ziel, daß sie ihre Schnauze für immer halten, und man hätte nur noch die Kosten und den Ärger dazu. Darum ist es am besten, man läßt die Leute ganz beiseite liegen und sieht sie nicht. Bei dem Geisteszustand und der Primitivität dieser Menschen kann man da nicht viel anderes verlangen, aber machen wir es deshalb umgekehrt wie sie es wollen, freuen wir uns über ihren Ärger, denn das ist uns ein Zeichen dafür, daß wir unsere Sachen in Ordnung haben.
Die Schrift von Helga unter den Briefen ist nicht gerade schön. Schreibt sie denn auf Linien besser und liegt es nur daran, daß sie noch nicht das richtige Größenverhältnis zueinander herausbekommt. Es sieht alles so wacklig aus. Du brauchst ihr es nicht zu sagen, wenn es bei ihren Arbeiten nicht der Fall ist, denn ich weiß, daß sie sich dann grämt. Daß sie aber mit ihren Grüßen mir eine Freude gemacht hat, kannst Du ihnen beiden sagen. 
Für Feuerzeugsteine danke ich Dir recht herzlich. Bis jetzt habe ich sie noch nicht umgewechselt, denn ich will nicht besonders darauf ausgehen. Bis jetzt habe ich gerade noch genug Eier bekommen. Heute Abend habe ich für ein Stückchen Briot vier Eier bekommen, damit leide ich keinen Mangel. Ich werde schon noch Verwendung dafür haben, darauf kannst Du Dich verlassen. 
Die Geschichte mit meiner Beurteilung ist schon eigenartig, doch wenn ich mir das alles nochmals durch den Kopf gehen lasse, so komme ich immer wieder zu dem Ergebnis, daß alles nur persönlicher Haß war, anders kann ich es mir nicht erklären. 
Die Abschriften der Familienforschung „Michel“ habe ich auch erhalten. Ich danke Dir dafür. Ob mir das aber so reicht, weiß ich noch nicht, darüber werde ich in den nächsten Tagen schreiben, teilweise habe ich schon Antworten von den Pfarrämtern erhalten. Wenn Dein Vater die Sachen, die er noch hat, nicht herausgibt, können wir es, so leid es mir darum tun würde, auch nicht ändern.
Für das übersandte Besteck danke ich Dir recht vielmals. Jetzt kann man doch wieder richtig essen. Mit diesem kombinierten Löffel-Gabel-Instrument geht es so zur Not, doch es geht entschieden besser so, da alles nichtrostend ist.  Hast Du schön gemacht, denn man muß sonst so Obacht geben. Das geht manchmal nicht immer so wie man möchte. Wegen der Butterdose hatte ich Dir ja schon geschrieben, daß Du diese nicht mehr kaufen brauchst. 
Wegen der Radioröhren für unseren Apparat muß ich Dir mitteilen, daß ich diese nicht mehr kaufen konnte. Ich glaubte, ich hätte das schon getan. Du kannst aber einmal, soweit das möglich ist, die Nummern und Bestimmungen, die auf diese Röhren aufgedruckt sind, feststellen. Ich werde dann versuchen, mir diese beschaffen zu lassen. Besser ist es schon, wenn noch Ersatzröhren vorhanden sind. Du mußt eben zusehen, wie sich das machen läßt.
Eines bitte ich Dich heute nochmals. Bei den Zeitungssendungen brauchst Du nicht soviel Kleberei zu machen, denn ich zerreiße mir dadurch meist immer die Zeitungen. Daß Du mir gleich für einen Monat die Zeitung bestellt hast, ist wirklich nett, aber mir genügt es schon, wenn ich ab und zu eine von Konstanz bekomme. Es muß nicht sein, daß ich sie laufend erhalte.
Für die anderen Zeitungssendungen ebenfalls herzlichen Dank. Da habe ich wieder etwas zu tun. Für die gesandten Postkarten danke ich Dir ebenfalls. Sie prangen schon über meinem Bett. Da habe ich sie immer vor mir, wenn ich bei uns in der Unterkunft bin.
Daß Ihr an Deinem Ehrentag etwas besser gelebt habt, das kann ich nur verstehen. Wenn Ihr dauernd Eure Lebensweise besser gestalten würdet, hätte ich auch nichts dagegen, wenn es Euch nur die Karten erlauben würden. Daß Du Deine Freude immer an der eigenen Ernte hast, ist auch mir immer wieder eine Freude. Vor allem, wenn ich bedenke, daß wir den Garten noch vor dem Kriege uns zugelegt hatten. Der Ertrag aus dem kleinen Garten hinter dem Haus ist eben doch nicht so groß, daß man den großen Bedarf selbst decken kann. Durch die Erweiterung hast Du doch wieder ein schönes Stück gewonnen, denn dort wird es sicher gut wachsen.  Freie Zeit gönnst Du Dir aber so gut wie gar nicht. Wenn Du nicht im Garten zu tun hast, dann springst Du mit den Kindern in den Wald, um noch Zapfen zu suchen oder Tee zu holen. Ich weiß wohl, daß das unseren früheren Gepflogenheiten entspricht, ich will aber nicht haben, daß Du Dich kaputt machst. Ich will Dich immer und immer wieder mahnen, das Du für uns da bist und Dich auch entsprechend halten mußt, daß Du uns gesund bleibst. Wenn Du aber Freude an den Waldgängen hast, dann mache sie bitte weiter, ich will Dir nur nichts in den Weg legen.
Daß Ihr die Beobachtung im Wald machen konntet, ist ja auch interessant für die Kinder gewesen. Wenn man diese Sachen in der Natur sieht, prägt sich das viel besser ein, wie wenn sie ihr Wissen aus Schulbüchern allein sammeln müssen.
Für die mitgesandten Grüße aus dem Wald danke ich Euch recht herzlich. Der Waldmeister duftet jetzt noch ganz stark.  Warm muß es doch einmal werden. Man meint aber immer, es muß erst eine längere Übergangszeit kommen. Wenn aber der Winter solange angehalten hat, dann hält die Übergangszeit nicht in der Ausdehnung an. Hier ist das ja ganz besonders krass. Hier war es noch längere Zeit kalt und dann war auf einmal der Frühling da, der aber gleich eine Wärme mitbrachte, die schon stark an den Sommer gemahnt.
Daß die Kinder jetzt barfuß laufen, ist ja auch eine gewisse Entlastung für Dich, denn jetzt brauchen sie dann nicht so viele Schuhe und die Reparaturen fallen dann auch nicht so in dem Maße an. Daß sich Jörg so selbständig betätigt und sich Verschiedenes selbst baut, macht mir Spaß, das regt ihn doch immer wieder an. Wenn er aber bei den Soldatenspielen so viel schießen muß, dann werden seine Zündplättchen bald alle sein. 
Als ich die Antwort auf meinen Bericht von der Dienstreise erhielt, war ich schon wieder auf Dienstreise in den gleichen Ort. Man merkt dann erst, wie lange eigentlich die Post braucht, bis sie hin und her befördert ist.
Daß Kurt aus dem Lazarett entlassen wird, ist ja nach seinen Äußerungen über den Zeitpunkt der Genesung, an der Zeit gewesen. Ich hoffe und wünsche es ihm von Herzen, daß er nun einige Wochen sich erholen darf und nach Konstanz kommen kann.  Daß die Wunde aber immer noch nicht zu ist, bedauere ich sehr, denn ich denke mir, daß er teilweise hat ziemlich viel mitmachen müssen. Nur daß er es nicht schreibt. 
Heute habe ich wieder genügend geschrieben. Ich mußte aber einmal mehr schreiben, damit ich mit der Beantwortung nachkomme. Jetzt habe ich wieder einige Wünsche. Kannst Du mir vielleicht bei Gelegenheit eine Kerze mitsenden, denn man kann sie einmal brauchen, wenn das Licht ausgeht. Ich weiß nicht genau, habe ich schon um Rasierklingen gebeten. Wenn nicht , dann kaufe doch einmal welche, aber nicht zu teure.
Herzlich grüße und küsse ich Dich und bitte Dich , den anderen ebenfalls herzliche Grüße zu bestellen. Viele Küsse sendet Dir außerdem nochmals Dein Ernst.

Sonntag, 4. Juni 2017

Brief 270 vom 4.6.1942


Mein liebes, gutes Mädel !                                                     4.6.42         
   
Heute wurde ich mit reichlich Post überschüttet, worüber ich sehr erfreut war. Päckchen, Zeitungen und Briefe von Dir, dann ein Brief Deines Vaters, ein Brief und eine Karte in der Familienforschungssache und eine Postkarte von Alice.
Es trafen ein Deine Briefe vom 18., vom 19. und der mit den Blumen vom 20./21. und vom 22.5.
Wenn ich mich auch über alle freuen könnte, so macht mir eines doch Sorge und das ist die Sache mit Deinem Vater. Ich hatte erst die Absicht, nichts mehr von allem zu schreiben, doch durch die Art und Weise, wie Dein Vater das leidige Thema behandelt, tut er, wie wenn wir die Schuldigen wären. Ich billige in jeder Beziehung das, was Du geschrieben hast, denn wenn ich diesen Brief nochmals überlese, kann ich bei Ausschaltung einer Voreingenommenheit Dir gegenüber nichts feststellen, was irgendwie beleidigend sein könnte. Dein Schreiben ist offen und sachlich und entbehrt jeder Spitze ihm gegenüber.
Ich kann auch nicht verstehen, daß uns Dein Vater dieses Fräulein aufzwingen will.  Auch die Art, wie er am Rande uns gewissermaßen droht, daß er mit allen Schluß machen will, ist nicht dazu angebracht, die ganze Angelegenheit zu vereinfachen.
Auf sein Schreiben an mich  werde ich ihm in dieser Angelegenheit nochmals antworten und ihn bitten, daß er mit dieser Stellungnahme die ganze Sache für abgeschlossen betrachtet, denn ich habe den Eindruck, und das nach öfterem, wiederholtem Überlegen, daß dieses Fräulein ihm den Kopf schon so voll gemacht hat und ihm jetzt alles mögliche verspricht. Wie die Dinge jetzt  liegen, scheint ja alles schon soweit entschieden zu sein.
Ich bitte Dich aber, lasse den Dingen ihren Lauf, denn auch Siegfried hat sich entsprechend eingerichtet, wie ich aus seinem Schreiben lese. Wer von beiden die Schuld trägt, daß das Verhältnis zwischen Deinem Vater und Erna nicht mehr so ist, wollen und können wir nicht nachprüfen. Das ist auch nicht unsere Sache, ich kann mir aber denken, daß Erna sich auch schon Gedanken gemacht hat, wie es wird, wenn dieses Fräulein einmal in die Wohnung einrückt. Daß sie durch das Verhalten Deines Vaters gleichgültig werden kann, kann ich mir vorstellen.  Doch die Beweggründe dafür zu suchen, liegt ja nicht bei uns.
Daß es nicht schön ist, ihn von Fall zu Fall warten zu lassen, kann ich wohl verstehen, doch ich habe das Gefühl, als wenn das Fräulein da auch noch etwas nachhilft. Wie dem auch sei, ich dulde nicht, daß Dein Vater Dich durch seine Briefe in Gewissenskonflikte bringt. Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich ihm etwa scharf schreibe, im Gegenteil, ich werde mich bemühen und rücksichtsvoll wie nur irgend möglich zu schreiben; wenn auch die Briefe Deines Vaters, alle, die ich bis jetzt in dieser Beziehung bekommen habe, nicht gerade von Rücksichtnahme auf den Empfänger strotzen. Hoffen wir, daß es möglich ist, diese Geschichte zu einem ordentlichen Abschluß zu bringen. 
Heute sende ich die Päckchen 4 und 5 an Euch ab. In dem einen sind 4 Tafeln Schokolade, die wir hier empfangen haben und die ich für Euch aufgehoben habe. Dann hatte ich auf meiner Dienstfahrt für Marschverpflegung 2 Käse bekommen, die habe ich ebenfalls mit eingepackt, weiterhin bekamen wir hier Fisch, den ich gleichfalls für Euch gedacht hatte. Für Vater sind einige Stumpen und Zigarren dabei. Den Zwiebelsamen habe ich auch gleich mitgesandt. Das ist alles. Hoffentlich kommt alles gut an, daß Ihr Eure Freude daran habt und auch mit verwerten könnt.
Nun wieder zu den letzten Briefen. Über die Möglichkeit, sich etwas auf der Messe zu kaufen, haben sich die Kinder sicher wieder gefreut und sie werden es auch mit Stolz getan haben. Dazu hat ja Vater auch noch verholfen. Der Messebetrieb ist ja jetzt nicht so groß, aber das geht nun einmal nicht im Kriege. Du fragst, warum ich jetzt die Feldflasche und die anderen Ausrüstungsgegenstände hier brauche und in Frankreich nicht.
Ja weißt Du Mädel, hier sind die Verhältnisse etwas anders. Man hat hier ja nichts zur Verfügung. In Frankreich gab es ein Bett und das dazu nötige Zeug. Es gab ordentliche Waschgelegenheiten, Eßgeschirr usw. usw.
Das fehlt hier alles. Hier muß man sich schon etwas militärisch einrichten.  Man muß hier ein Eßgeschirr und Besteck mitbringen bzw. verabfolgen lassen. Zeltbahn und Decken muß man haben, sonst läuft man Gefahr, eines Tages auf nacktem Boden schlafen zu müssen. Man weiß ja nicht, in welche Situation man kommen kann. Darum brauchst Du nicht gleich Angst zu bekommen. Aber es ist besser, man hat das, als wenn man im Bedarfsfalle ein langes Gesicht machen müßte. Es gibt hier nun auch einmal Überängstliche, die so übertreiben oder die sich hier wichtig machen wollen. Das ist aber alles sinnlos.
Auf die anderen Briefe gehe ich in den kommenden Tagen wieder ein. Herzlich grüße ich Dich und die Kinder. Halte Dich weiter gut und mache Dir keine Sorgen mehr in der Geschichte wegen Deines Vaters, denn es hat doch wenig Wert. Nimm aber recht viele herzliche Küsse entgegen von Deinem immer an Dich denkenden Ernst.

Brief 269 vom 3.6.1942


Meine liebe Annie !                                                            3.6.42     
 
Überraschend mußte ich gestern eine Dienstreise antreten, so daß ich nicht dazu kam, Dir zu schreiben. Unser Kriegsverwaltungsrat sprach schon kürzlich davon, daß ich wegen Fragen des Arbeitseinsatzes und der Arbeiterwerbung für Deutschland mit dem zuständigen Arbeitsamt sprechen sollte. Gestern gab sich gerade die Gelegenheit, daß ein Kraftwagen nach Lubenie (?) fuhr, das ist übrigens der Ort, wo ich kürzlich mit unserem Oberst schon war.  Man muß diese Gelegenheit ausnützen, denn sonst kommt man nicht so schnell vorwärts. Das habe ich bei meiner Heimreise gut feststellen können. Die Rückreise konnte ich gestern Nachmittag um 5 Uhr antreten und heute früh um 4 Uhr bin ich wieder hier eingetroffen. Die gleiche Fahrt hat mit dem Kraftwagen etwas über eine Stunde gedauert. In Bezug auf die Beförderung spielt Zeit hier keine Rolle. Wenn man hier so über Land fährt, gewinnt man den Eindruck, als erholt sich alles wieder nach und nach. Man merkt aber auch überall die ordnende Hand der Deutschen, die Straßen bekommen langsam das Aussehen, das man schlechthin erwarten kann.  Man sieht wohl am Straßenrand noch einmal ein Gerippe liegen von einem verwundeten Pferd oder einer verendeten Kuh. Doch im großen und ganzen wird alles soweit aufgeräumt. Die Kraftwagen, die auf der Strecke geblieben waren und nicht mehr verwendet werden konnten, sind so ziemlich ausgeschlachtet. Da bleibt nicht mehr viel abzutransportieren.
Das ist das gleiche Bild wie in Frankreich auch. Die Felder sind schon zum großen Teil bestellt und die Saat kommt schon heraus.  Das ist ja hier nicht so, daß man erst lange den Boden bearbeiten muß, damit überhaupt etwas wächst. Hier pflügt man den Boden um, sät aus und läßt das ganze festwalzen, dann ist die ganze Frühjahrsbestellung schon getan. Der Boden ist so fruchtbar, daß man sich nicht wundern braucht, daß die Leute hier so bequem sind. Es wächst den Leuten hier alles zu, es geht ja alles so mühelos. Die Erde hat keine Steine und ist ganz schwarz. Man macht auch nicht, wie bei uns, den Fruchtwechsel, sondern macht gedankenlos jahraus jahrein das selbe und denkt, es wird schon wachsen.
Ich habe dann gestern noch eine Weile im Soldatenheim in Lubie gesessen.  Dort saßen Kameraden und spielten Musik. Der eine sang dazu mit wirklich schöner Stimme „S‘ ist Feierabend“. Erst habe ich dabei wieder an Deine liebe Mutter denken müssen und an Dich im besonderen. Aber noch eine weitere Sache erlebte ich gestern, an der man feststellen konnte, wie klein die Welt ist. Wenn man auf der Reise mit anderen zusammenkommt, dann fragt man meist, aus welchem Landstrich sie in Deutschland kommen. So traf ich gestern bei der Fahrt mit einem Transportzug einen Soldaten, der einen auffallenden Klang in seiner Haltung und Sprache hatte, die darauf schließen ließen, daß er nicht weit von unserer Gegend sein kann. Er sagte mir dann auch auf meine Frage, daß er aus dem Allgäu und zwar aus der Bodenseegegend stamme. Als er mich dann fragte, ob ich Lindenberg kenne, konnte ich ihm  da mit einer Gegenfrage auf Alfred Seifert beantworten. Worauf er dann entgegnete, daß er ihn schon kenne, denn er sei ja verwandt mit ihm. Ist das nicht eigenartig? Die letzte Nacht verbrachte ich dann auf dem Bahnhofsgelände, weil ich mich nicht der Gefahr der Ratten, Läuse und anderen Ungeziefers aussetzen wollte. Es dauert aber doch lang, bis man so eine Nacht im Warteraum herumbringt.  Der Mond schien schön hell, die Sterne sahen herab, der Große Wagen, unser heimatliches Sternbild, grüßte und ließ mich an Euch denken. Gegen 2 Uhr fing dann der Tag schon an zu grauen und ½ 4 Uhr stand schon die Sonne am Himmel. 
Daß  Du noch einen Kofferschlüssel hattest, wußte ich nicht mehr genau, darum hatte ich Dir meinen Schlüssel  zugesandt. Daß alles gut angekommen ist, freut mich, vor allem, da Du Gelegenheit hattest, alles gleich zu versorgen. Es war noch ziemlich Wäsche, die ich drüben hatte. Hier habe ich ja nicht mehr viel dabei. Außer 3 eigene Hemden, 2 Paar eigenen Strümpfen und 3 Unterhosen, habe ich alles zu Dir geschickt, damit ich mich hier nicht unnötig belaste.
Mit meiner Ankunft hier weißt Du ja Bescheid. Das war nun nicht ganz so schlimm wie es bei Euch scheinen konnte, denn von der Schneeschmelze habe ich nicht mehr viel gemerkt. Es waren im Verhältnis nur wenige Tage, die ich hier mit kaltem Wetter erlebt habe.  Jetzt ist es ja schwül und fast hochsommerlich, die Sonne meint es sehr gut und mit Gewitter wird auch nicht gespart. Gestern und vorgestern hat es ziemlich gewittert. Das muß aber auch sein.
Die Erkältung haben die Kinder auch wieder gut hinter sich gebracht.  Man ist immer wieder froh, wenn es weiter nichts Ernstliches ist.  An sich ist es aber ein gutes Zeichen ihres Gesundheitszustands, daß sie alles so gut überhauen. Sie verhalten sich ja meist auch brav, wenn sie etwas haben. Das hilft selbstverständlich  auch die Arbeit dabei erleichtern. Daß Du wieder eigene Früchte aus dem Garten holen kannst, wie beispielsweise Rharbarber, das ist Dir wieder so das richtige. Ich sehe Dich im Geiste im Garten, wie Du wieder erntest. Der Kuchen wird sicher wieder geschmeckt haben.
Über die Arten der Maikäfer war ich noch nicht unterrichtet. Daß es Schornsteinfeger dabei gibt, ist mir neu. Bei uns gab es nur gewöhnliche Maikäfer und Könige. Hier habe ich nur die letzteren gesehen. Wahrscheinlich kommt das daher, daß man hier vor Jahren die Monarchen und Adlige abgesetzt hat. Daß sich Helga nicht fürchtet, sie anzufassen, ist schon gut, denn ich weiß, wie Du immer darunter zu leiden hast. Daß das ja etwas besser ist, ist mir auch eine gewisse Beruhigung. Es ist nur gut, daß es die Viecher nicht das ganze Jahr über gibt. Daß ich mich gefreut hatte, daß Du mir unter der mutmaßlichen Feldpostnummer einen Brief geschickt hast, teilte ich Dir schon seinerzeit mit. Es war schon richtig, daß Du es gemacht hattest.
Die Karte von Wittenburg sende ich Dir heute wieder mit zurück. Ebenso einen Brief der Stadt., der gleichzeitig ein Schreiben von Rickert enthielt, der es mit seiner Tätigkeit sehr wichtig nimmt. Manchmal möchte ich das auch so machen können, wie diese Leute. Dann ist noch ein Brief dabei aus Marburg, der von mir irrtümlich dorthin gerichtet wurde. Ich merkte diesen Irrtum erst später, habe darum diesem Schreiben seinen Lauf gelassen.  Jetzt habe ich so ziemlich alles aus Deinem großen Brief beantwortet. Es sind noch einige kleine Sachen aus anderen Schreiben, die ich morgen mit erledigen werde. Ich hoffe zwar, daß ich morgen wieder Post von Dir bekomme. Heute grüßt und küßt Dich recht herzlich und die Kinder. Dein Ernst.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Brief 268 vom 1.6.1942


Meine liebe Annie !                                                        1.6.42  

Der Monat hat wieder einmal gewechselt. Geändert hat sich zwar nichts weiter, denn die Dinge gehen so und so ihren Lauf. Ich habe das Gefühl, es ist zwar noch von keiner Seite bestätigt worden, daß es hier nicht mehr lange geht und wir weiter rücken.  Ob es sich bestätigt, wird sich ja herausstellen.
Als Du mir in Deinem letzten Brief, der gestern hier eintraf, mitteiltest, daß bei dem Strauß außer dem Flieder noch Tulpen dabei waren, konnte ich mir das genau vorstellen. Mein Kamerad hatte hier auch einen Fliederstrauß bekommen, in dem noch Tulpenknospen gesteckt waren.  Daß Dein Strauß wahrscheinlich schöner gewesen ist, will ich nicht in Abrede stellen, doch auch im Kochgeschirr kann man Blumen auf den Tisch stellen, wenn man genug hat, damit man von der „Vase“ nicht zuviel sieht. 
Der Abfallkorb, der im Vorraum stand, ist nun auch beseitigt. Ich glaube gern, daß jetzt wieder richtig Platz ist und daß es sauberer aussieht. Wenn Dir der Wickenkaste im Wege sein sollte, dann mache ihn nur auch mit weg.  Ich sehe, daß es keinen Zweck hat, soviel Zeug herumstehen zu lassen. Wenn man einmal so etwas anfangen wollte, könnte man ja sich wieder diese Sachen zulegen.
Daß Du mir in erster Linie von Deinen täglichen Arbeiten berichtet hast, ist ja nur erklärlich, denn das ist doch das, was jetzt bei Dir den Tag ausfüllt.  Mir ist darum auch alles nicht langweilig oder gar nüchtern. Ich denke, daß wir uns, obwohl wir doch jetzt schon eine ganze Zeit getrennt voneinander sind, zu gut kennen. Ich weiß genau, was bei Euch los ist und fühle doch aus Deinen Briefen, wie Du für  uns und für mich lebst. 
Was nun Deine Ansicht über die Urlaubsangelegenheit vor meiner Versetzung hierher anbelangt, so will ich Dir folgendes noch mitteilen. Als ich noch in Douai war und man mir sagte, daß ich für einen Tag noch nach hause fahren könnte, lagen die Dinge so, daß man mir einen Schein mitgeben wollte, auf dem vermerkt worden wäre, daß ich mich an dem und dem Tag in Marburg zu melden hätte. Wenn ich zwar vorher gewußt hätte, mit welcher Ungeduld ich dort erwartet worden bin, dann wäre ich eben einen Tag später dort eingetroffen. Wo ich dann aber in Marburg erfuhr und gesehen hatte, mit welchem Tempo man die Dinge dort betrachtet und dann weiterhin, nachdem man mir meinen Antrag wegen eines kurzen Urlaubs nach hause abgelehnt hatte, faßte ich schon in Marburg den Entschluß, in Leipzig zu bleiben, wenn es irgend mit der Zugverbindung ging. Das hat ja dann auch geklappt und wie ich Dir schon mitteilte, war ich auch hier wieder zu zeitig angekommen. Ich hätte also ruhig noch einen weiteren Tag bleiben können, dann hätte sich niemand darum geschert. Die Möglichkeit hatte ich zwar nicht, mit meinem Fahrschein, den ich von Marburg bekam, nach Konstanz zu fahren, denn er lautete nach Krakau, und daß ich dann auf der Bahn Anstände erhalten hätte, entweder schon auf der Hinfahrt oder auf der Weiterfahrt, das ist Dir wohl verständlich. Wenn das Konstanz nicht gerade zu sehr abgelegen sein würde, dann hätte ich das schon gemacht. Es ist also nicht so, daß ich lieber nach Leipzig gefahren bin, sondern es ging einfach nicht anders. Glaube mir, ich hätte gern die Gelegenheit wahrgenommen, Euch vor meiner Reise hierher noch einmal zu sehen. Aber ich nehme an, daß Dir nach meinen Ausführungen die Dinge klarer sein werden. 
Über die gute Obstblüte in unserem Garten habe ich mich auch sehr gefreut, denn ich bin auch wie Du der Ansicht, daß man das sehr brauchen kann. Wie nun die Erdbeeren blühen und tragen werden, vor allem die , die jetzt hinter dem Haus angepflanzt sind, wirst Du ja sehen. Wie die Brombeeren nach dem radikalen Schnitt sich verhalten, würde mich auch interessieren. Ich denke, daß sie bald anfangen zu blühen, wenn mein heutiger Brief bei Dir eintrifft.
Am Ende habe ich wieder einige Wünsche anzubringen. Ich muß Dich jetzt mehr in dieser Beziehung in Anspruch nehmen, wie das bisher der Fall war.  Aber bitte, das will ich gleich von vorneherein wieder betonen, immer mit Maß diese Wünsche erfüllen. Ich glaube, daß ich Fliegenfänger benötige. Schicke mir doch einmal einige mit zu.
Dann wegen der Inspiroltabletten. Wenn Du die nicht bekommst, so hätte ich gern nochmals die Emser Pastillen oder wie sie sich nennen. Die waren auch gut.  Jetzt sendet Dir und den Kindern wieder recht viele herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst. 

An Kurt habe ich heute auch noch geschrieben, damit der Junge nicht so lange warten muß. Leite bitte diesen Brief weiter.