Donnerstag, 1. Juni 2017

Brief 267 vom 31.5.1942


Mein liebster Schatz !                                                  31.5.42

Ich komme schon ganz außer der Reihe, Heute habe ich schon wieder Post bekommen. Man muß sich erst daran gewöhnen, so viele Nachrichten zu verdauen, wenn man bisher nichts erhielt und jetzt geht auf einmal soviel ein. Von Siegfried erhielt ich noch eine Karte, in der er mitteilt, daß er wieder Post von mir erwartet. Inzwischen hatte ich ihm ja geschrieben, so daß sich das Schreiben mit der Karte gekreuzt hat.
Für Deinen Brief vom 17. danke ich Dir aber erst einmal herzlich. Ich habe daraus gelesen, daß wir Dir zum Muttertag eine Freude bereitet haben. Die Kinder durch ihre Aufmerksamkeiten und ich durch die Überraschung mit den Blumen. Als ich in Deinem anderen Schreiben las, daß  außer dem Flieder noch andere Blumen dabei waren. Es freut mich, daß das ordentlich gemacht war. Auch die Post war diesmal auf Draht.  Daß mein Brief rechtzeitig eintraf hat mir gezeigt, daß alles richtig eingeleitet war. Ich hätte gern noch etwas anderes getan, aber das ist ja jetzt alles so schwer, besonderes zu bekommen.  Die Kinder hatten sich feste Mühe gegeben. Ich muß mich nur immer wieder wundern, wie selbständig sie schon handeln. Auch mit ihren Schreiben und mit der Malerei werden sie Dir wieder gezeigt haben, wie gern sie Dich haben. Ich hätte gerne alles miterlebt, das ist schade, daß man da nicht mit dabei sein kann. Für das gemalte Herz danke ich Helga vielmals. Wie hat sie denn das gemacht. Das ist ja ganz nett.
Daß Du Dir zur Feier des Tages eine Tafel Schokolade genommen hast, ist schon in Ordnung, denn diese Sachen sind ja sehr dünn gesät. Auch Vater hat Deiner gedacht, was doch sehr aufmerksam von ihm ist.
Auf den Brief von Siegfried bin ich gespannt. Daß sich das Fräulein bei uns in Konstanz einfinden wollte, ist wohl nicht notwendig. Ich sehe jedenfalls aus Deinen früheren Schreiben, daß Du Dich dabei mehr aufregen würdest, als ich das für Deine Gesundheit verantworten kann. Wenn Dein Vater ein derartiges Ansinnen noch hat, so werde ich ihm das ganz unverhohlen mitteilen.
Für die gesandte Zeitung danke ich Dir ebenfalls, denn die traf gestern auch noch ein. Du brauchst sie ein andermal nicht so fest verkleben, denn sonst geht sie entzwei, wenn ich sie auseinander mache.
Nun will ich wieder auf die älteren Brief eingehen. Daß Du die Kinder wieder mit neuen Sachen versehen hast, ist mir eine Beruhigung und ihnen wird es eine Freude gewesen sein. Ja ich sehe immer wieder, daß die Sachen erstens  ergänzt werden müssen und daß das Alte eben auch einmal verschleißt. Daß die Kauferei jetzt nicht leicht ist, kann ich mir vorstellen. Aber daß Dein Bedarf bis jetzt noch groß war, sieht man am besten aus Deinen Kleiderkarten.  Deine Ansicht über meine Schilderung der letzten Stunden in Frankreich stimmt wohl zum großen Teil. Man sieht das alles mit anderen Augen an, wie man es anfänglich erst gemerkt und gefühlt hat. Daß sich alles in einem anderen Licht zeigte beim Verlassen des Landes, mag mir symbolhaft sein. Symbolhaft insofern, als die Vergangenheit immer schöner erscheint als die Gegenwart. Jetzt ist es aber tatsächlich so, daß die Gegenwart noch schlimmere Verhältnisse aufzeigt, wie sie in Frankreich schon waren, ganz zu schweigen von den Zuständen, die so geordnet sind bei uns in Deutschland. In Frankreich gab es außer den ganz armen Leuten auch noch Leute, die etwas besser bei Kasse waren und dann die Reichen. Hier hat der Bolschewismus alles gleich gemacht, hier ist alles arm.
Am schlechtesten sind ja wieder die dran, die aus ihren Wohngebieten flüchten mußten. Man kann nicht beschreiben, wie schlecht diese Leute aussehen. Vater und Mutter ziehen einen selbst zusammengebauten zweirädrigen Karren über die Landstraße, auf dem meist einige kleine Kinder sitzen und je nach Alter der Eltern einige weitere hinterherlaufen. Es ist ein Bild des Elends. Auf der Landstraße spielt sich das ganze Familienleben ab. Die Menschen sind gegen alles abgestumpft, auch gegen die regelmäßige Arbeit. Wichtig ist, daß es nur zum Leben reicht für den Tag, den man vor sich hat, das andere wird sich schon finden.  Man hat hier aber auch wenig Empfinden für den anderen. Man erwartet es aber immer von deutschen Soldaten. Hier kommt es nicht darauf an, ob da ein Stück Vieh auf der Landstraße umfällt, oder ob das ein Mensch ist, das spielt hier keine Rolle. In dieser Beziehung finde ich keine Parallelen zum dem, was ich von Deutschland kenne und was ich in Frankreich gesehen habe. Darum scheint mir heute auch alles besser, was ich bisher erlebt habe.  Das ändern wir aber nicht in so kurzer Zeit. Wir werden eben nach und nach wieder aufbauen.  Herzlich grüße ich Dich und die Kinder. Dir sende ich recht viele Küsse. Dein Ernst.

Brief 266 vom 30.5.1942


Mein liebes Mädel !                                                        30.5.42          

In weiterer Beantwortung auf Dein großes Schreiben, denn das habe ich Dir ja schon mitgeteilt, daß ich das nach und nach tun will, gehe ich wieder auf einiges ein. Daß Du Dir die Gartenarbeit immer noch eingeteilt hast, freut mich, denn wie ich beim Überlesen des ganzen Briefes gesehen habe, bist Du auch so fertiggeworden mit der ganzen Arbeit. Daß Dir der Erfolg nicht ausgeblieben ist, konnte ich auch schon ersehen.
Denn daß Ihr schon Spinat, Radieschen und Salat habt, ist doch ganz schön. Ist das eigentlich der Salat gewesen, den wir im letzten Jahr noch gesetzt hatten oder war das neuer, den Du gepflanzt hattest? Die Bohnenstangen haben Dir aber ziemlich Arbeit gemacht. Erst hast du noch einen Teil bei Vater holen müssen. Dann das Nachspitzen und das reinsetzen. Aber wie ich immer wieder feststellen kann, Du findest Dich gut in alles hinein. Daß der Tilli gefallen ist, das wollte mir auch erst nicht in den Kopf. Wenn man so daran denkt, was man mit den Jungen für Fahrten früher gemacht hatte, was er in der Kampfzeit alles erlebte und nun muß er sein junges Leben hier in diesem verdammten Rußland lassen. Man kann es nicht glauben.
Ob Du die Zeitungssendungen von mir vermißt? Das war  doch immer eine gute Zeitung. Wenn ich daran denke, wie wir dort laufen mit Nachrichten versorgt wurden. Dazu hatten wir noch unser Radio. Das fehlt alles hier. Zeitungen sehen wir hier so gut wie kaum. Unser Radioapparat macht nicht mehr mit. Wir sitzen nun ganz ohne irgendwelche Unterhaltung hier. Zum Spieß kann man nicht immer auf das Zimmer gehen, wenn man einmal etwas hören will.
Das mit dem Geldschicken wäre noch gut gegangen, wenn man gewußt hätte, wie lange ich drüben geblieben bin. Das mit der Übersendung des Betrages von 70,-RM an die Dienststelle der Feldpostnummer wäre schon richtig gewesen. Aber wenn Du jetzt erst nochmals an den Kameraden Wittenburg geschrieben hast, dann hoffe ich, daß er Dir auch diese Auskunft gegeben hat. Du hättest nur auf dem Abschnitt hinten vermerken müssen, Zur Weiterleitung  an die von mir angegebene Adresse. So wird es hoffentlich auch so seine Erledigung finden.  Daß sich Helga über mein Lob wegen der Handarbeit gefreut hat, ist ja in Ordnung. Besucht sie denn noch den anderen Unterricht mit, oder braucht sie es jetzt nicht mehr. Sie wird ja durch das KdF-Turnen auch noch in Anspruch genommen. Doch das kann ihr ja bestimmt nur gut tun, wenn sie sich etwas mit betätigt.
Daß Du bei dem Radioapparat jetzt mehr Strom verbrauchst, erklärt sich dadurch, daß dieser Apparat einen Dynamischen Lautsprecher hat, der extra mit elektrischem Strom gespeist werden muß. Das hat man in Frankreich nicht gemerkt, denn da ließ man den Apparat laufen und hat sich nicht um die Stromkosten gekümmert. Da Du aber jetzt in den anderen Tarif eingetreten bist, wirkt sich der verbilligte Tarif bei der Rechnung schon ziemlich aus. 
Jörg sammelt also immer noch tüchtig Patronenhülsen. Für das Sammeln solcher Sachen hätte er hier öfter Gelegenheit, doch ist das immer etwas gefährlich. In verschiedenen Gemeinden sind hier einige Personen ums Leben gekommen. Sie haben an Granaten und Bomben herumgeschraubt, die hier noch herumgelegen haben. Die Leute wollten sich für ihre Zwecke Teile abschrauben. Durch Unvorsichtigkeit der Leute sind die Dinger losgegangen und von den Personen ist nicht mehr viel übriggeblieben. Das sind zwar ganz andere Sachen wie die Patronenhülsen aber man muß immer vorsichtig mit solchen Sachen umgehen. Ob nun wieder einmal eine Sammlung stattfindet für Metalle ist wohl fraglich. 
Du hattest ja auf meine Veranlassung noch einige Zwiebeln zu Samen stehen lassen wollen. Wie ich Dir schon schrieb, habe ich hier noch etwas Zwiebelsamen bekommen, den ich dir bei Gelegenheit mitschicke. Ob dann noch mehr notwendig ist, glaube ich kaum.  Daß sich Helga so fleißig schon in der Küche betätigt und schon Bratkartoffeln selbständig fertiggemacht hat, hat mir bestimmt Freude gemacht, als ich das las. Man wundert sich nur, wie sie das alles richt machen kann, wo sie doch noch keine Anweisung von Dir bekommen hat. Ebenso habe ich mich gefreut, als ich von Dir lesen konnte, daß Helga sich ans Kuchenbacken unter Deiner Anleitung gemacht hat. Das zeugt doch davon, daß sie Interesse an diesen Sachen hat. Ich nehme an, daß sie es richtig getroffen hat. Das Telegramm hatte ich Dir gleich deshalb gesandt, damit Du weißt, woran Du bist. Was sich dann alles daraus ergeben hat , hast du ja aus dem ersehen, was nachher von mir geschrieben worden ist. Herzliche Grüße sende ich Dir und den Kindern und hoffe, daß Ihr alle gesund seid. Richte ebenfalls viele Grüße an Vater aus. Die sende ich noch viele Küsse. Dein Ernst.

Brief 265 vom 29.5.1942


Mein liebes Mädel !                                                      29.5.42

Nachdem ich erst gestern soviel Post bekommen hatte, trafen heute überraschenderweise drei weitere Briefe von Dir ein. Es waren die vom 14.15. und 16. Daß ich darüber sehr erfreut war, kannst Du Dir wohl vorstellen. Wenn man jetzt wieder laufend seine Post bekommt, so ist es mir, als hätte ich erst jetzt wieder Anschluß an die Heimat gefunden und es scheint nicht mehr alles so weit zu sein.
Ich kann Dir sagen, daß das keine Kleinigkeit war, wochenlang ohne Post zu sein. Wenn das nun nicht so weitergeht, daß wir jeden Tag Post erhalten, dann habe ich doch die Gewißheit, daß ziemlich an jedem Posttag etwas für mich dabei ist. Man muß den Verhältnissen entsprechend seine Ansprüche einrichten und zurückschrauben.
Ehe ich aber auf etwas anderes eingehe, muß ich die Angelegenheit wegen Deines Vaters nochmals anschneiden. Was Dein Vater an uns beide geschrieben hat, will ich nicht im einzelnen behandeln und zerpflücken. Daß ihm das Schreiben nicht leicht gefallen ist, sieht man aus seinem ganzen Schreiben. Am Anfang war alles ziemlich überlegt, dann nach der Mitte zu behandelt er alles so wie es sonst seine Art ist und am Ende streift er ein wenig das, was uns ja erst zu unserer Stellungnahme veranlaßt hat. Wenn ich aber alles zusammenfassen soll, kann ich nur eines sagen, es ist die Stellungnahme eines Menschen zu dieser Angelegenheit, der in erster Linie immer an sich gedacht hat solange er gelebt hat. Daß es nun nicht mehr so weitergeht, wie das bisher der Fall war, das will ihm nicht in den Sinn. Daß andere auch recht haben, auch gegen ihn, das will er nicht einsehen. Darum kann er wegen mir schreiben, er ließe sich nichts hereinreden, denn er sei ein freier Mann. Ich habe deswegen doch diesen Standpunkt. Ich sehe nicht ein, daß ich mich nur dem Willen eines egoistischen Menschen immer unterordnen soll. Was die Stellungnahme Siegfrieds Frau gegenüber anbelangt, so kann ich mir wohl vorstellen, daß er sich mit ihr nicht so aussprechen kann wie mit Mama das möglich war, doch sie ist ja schließlich auch nur seine Schwiegertochter. Daß er das Mädchen früher oder später heiraten will, soll uns schließlich gleich sein, nachdem wir ihm unsere Stellungnahme zu der ganzen Angelegenheit geschrieben haben. Daß ihm die Mutter dieses Mädchens gegenwärtig noch im Weg ist, kann uns auch nicht groß interessieren. Ich habe mich auch darum über Deine kurze und sachliche Stellungnahme, die Du in Deinem letzten Brief an ihn zum Ausdruck gebracht hast, gefreut. Dein Schreiben ist ganz in Ordnung. Ich billige es in jedem Punkte. Ich selbst werde dazu nichts mehr schreiben und Dich bitte ich, rege Dich nicht mehr um eine Sache auf, deren Lauf wir nicht aufhalten können und nicht aufhalten wollen. Wir haben das getan, was wir tun mussten. Wir haben einen Versuch unternommen, ihn auf seine Handlungsweise, die nicht richtig ist, aufmerksam zu machen. Wenn er es nicht sehen und einsehen will, muß er es sein lassen. Es hat mir sehr leid getan, daß Du mit der Sache so gequält wirst, aber Du hast ganz recht, Du beißt Dich schon wieder durch. 
Es hat mich darum gefreut, als ich von Dir heute schon die Nachricht bekam, daß mein Strauß zum Muttertag rechtzeitig abgegeben wurde. Daß er die gewollte Überraschung und Freude ausgelöst hat, ist mir ein Zeichen, daß ich es richtig gemacht habe. Denn ich will einmal sagen, was hätte Dir in diesem Falle das Geld gesagt? Nichts!
Jedenfalls würde es nicht die allgemeine Freude hervorgerufen haben, wie sie nun eingetreten ist. Denn die Kinder scheinen auch ganz erfreut gewesen zu sein.  Seht Ihr, so lohnt sich das immer wieder doppelt und dreifach.  Erst die Spannung, die ich hier habe bis es klappt, dann die Freude bei Euch und dann die Genugtuung für mich, daß alles geklappt hat. Was will man eigentlich noch mehr für sein Geld. 
Daß nun Helga sich schon so hauswirtschaftlich betätigt, setzt mich einigermaßen in Verwunderung, aber diesen Ehrgeiz hat sie offenbar von ihrer Mutter. Meinst Du nicht auch. Ich freue mich sehr, daß sie sich solche Mühe gibt und daß sie sich Gedanken macht, wie sie Dir einesteils behilflich sein kann und wie sie Dir damit eine Freude machen kann. Über den Muttertag selbst werde ich ja in Deinem nächsten Brief lesen.
Was die Butterdose anbelangt, so ist sie nicht nötig. Ich hoffe, daß ich hier eine von der Einheit bekomme. Lasse also bitte Deine Nachforschungen deshalb sein. Hast du eigentlich einmal die von mir mitgeschickten Stiefel anprobiert? Wenn sie Dir passen, kannst Du sie behalten. Wie ich Dir ja schon einmal mitteilte, sind sie mir etwas zu klein.  Herzlich  grüße und küsse ich Dich und die Kinder. Dein Ernst 
Schicke mir doch bitte nochmals eine Abschrift des Prüfungsscheines von meinem letztjährigen Kurses mit, soviel ich weiß, ist sogar eine beglaubigte Abschrift vorhanden. 

Brief 264 vom 28.5.1942


Mein liebstes Mädel !                                                       28.5.42
Das war heute aber ein reicher Postsegen. Erstens bekam ich Dein Buch, das Du in der adresselosen Zeit geschrieben hattest. Dann noch die Briefe vom 8. Außerdem erhielt ich einen Brief von Kurt, eine Karte von Deinem Vater und ein Schreiben aus Marburg, wo ich eine Auskunft verlangt hatte. Das ist aber noch nicht alles, denn 9 Päckchen, die Du fertiggemacht hattest sind ebenfalls mit eingetroffen.
Von der SA bekam ich noch eine Zeitung zugesandt. Da kann man doch nur davon reden, daß  man bei so viel Post verwöhnt wird. Ich werde es aber alles verdauen. Glaube mir, daß es mir eine große Freude war, als mir das heute früh auf dem Tisch ausgebreitet wurde. Die Briefe und die Karte habe ich gelesen. Die Päckchen werde ich erst über Mittag auspacken. Die Briefe werde ich Dir nach und nach beantworten , denn es gibt doch auf verschiedenes zu antworten, was dann auf einmal zuviel wäre. 
Die Post nach Frankreich hattest Du ja rechtzeitig abstoppen können. Mir war es recht so, denn ich habe das nicht gern, wenn so Briefe auf dem Geschäftszimmer herumfahren und dann wieder zurückgeschickt werden müssen.
Es freut mich zu lesen, daß Du Dir wenigstens ab und zu eine Kinovorführung ansiehst, denn sonst kommst Du ja ganz und gar aus dem, was so passiert, heraus.  Daß die Kinder dann gern mitgehen, kann ich mir gut vorstellen. 
Da sehe ich Vater so vor mir, wenn er Dir hat den Fisch mitbesorgen können. Denn darauf war er doch gewiß stolz. Es war Dir ja sicher auch eine Abwechslung, nachdem man Fisch so selten bei Euch bekommt. Mit der Übersendung des Verwundetenabzeichens ist das ja schnell gegangen. Das ist alles ganz gut und schön, aber Hauptsache wird sein, daß für Kurt für sein späteres Leben keine nachteiligen Folgen entstehen. Wie ich aus seinem heutigen Brief ersehe, hat die Heilung der großen Wunde keine schnellen Fortschritte gemacht.
Hast Du Dich nicht gewundert, als ich Dir mitteilte, daß ich keinen Käse mehr bekommen hatte und dann kamen zwei Schachteln an. Ich nehme an, daß Du sie gern in Empfang genommen hast. Denn die beiden Kisten hatten ein schönes Gewicht.
Wahrscheinlich wirst Du diese beiden Schachteln mit zur stillen Reserve getan haben. Man muß ja immer wieder was zum Ausgleich haben. Wenn es auch nicht gerade mehr die Friedensware ist, so stopft es doch immer wieder einmal ein Loch zu.
Gefreut habe ich mich, daß Dir Wittenburg so schnell geantwortet hat und Dir mitteilen konnte, daß die Päckchen bereits abgegangen seien. Daß nun alle eingetroffen sind und bis auf zwei Apfelsinen nichts weiter verdorben war, ist mir eine Beruhigung. Daß Du alles zweckentsprechend verarbeiten wirst, darüber brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Ich bin nur immer wieder froh gewesen, daß ich dies alles für Euch noch habe kaufen können.
Schade ist, daß es jetzt nicht mehr möglich ist. Das Geld spielte ja dabei die kleinste Rolle, denn in erster Linie kommt heute die Verpflegung. Ich sehe ja, was das ausmacht, wenn man hier richtig satt wird und wie es dort war, daß man sich unbedingt etwas dazu kaufen mußte, damit man satt wurde. Ich habe hier etwa 35 Eier, die ich Euch gern zukommen lassen würde, aber dies einem drei bis vierwöchigen Transport überlassen, das scheint mir doch zu gewagt. Ich werde sie hier für mich mit verwenden.
Etwas anderes habe ich aber für Dich schon in die Wege geleitet. Ich bekomme wahrscheinlich in den nächsten Tagen 5 kg Mehl, die ich Dir zugehen lassen werde. Es ist nicht viel, aber ich denke, daß Du schon Verwendung dafür hast.  Es freut mich, daß ich habe feststellen können, daß Dich alle meine Briefe, die ich unterwegs teilweise Bahnbeamten und Rot-Kreuz-Schwestern anvertraut hatte, eingetroffen sind. Manchmal hatte ich Bedenken, aber ich habe feststellen müssen, daß sie unbegründet waren.
In Leipzig hatte ich keine Urlaubsmarken abgegeben, denn Erna wollte erst keine haben und dann merkte ich, daß sie in dieser Hinsicht nicht knapp dran sind, weil ihr Siegfried, wie sie mir ausdrücklich sagte, immer wieder aushilft. Darum habe ich mir auch groß keine Gedanken deshalb gemacht. Für heute muß es genug sein. Morgen werde ich wieder etwas aus Deinen Briefen beantworten. Recht herzliche Grüße und ebenso viele Küsse sendet Dir und den Kindern Dein Ernst

Brief 263 vom 27.5.1942


Meine liebste Frau !                                                             27.5.42  

Nun gibt es erst morgen wieder Post. Ich hatte schon die Hoffnung gehabt, daß heute welche eintreffen würde, doch das ist wieder abgeblasen worden. Es bleibt aber nichts weiter übrig als zu warten.  Wenn man keine Post erhält, hat man fast keinen Schreibstoff. Sehr oft kommt es einem so vor, als würde man ins Blaue schreiben und die nötige Resonanz fehlte. Denn schließlich will man ja den Empfänger nicht langweilen mit dem, was man geschrieben hat. Ich bemühe mich deshalb, soviel Leben mitzusenden, daß auch Du als Empfänger meiner Briefe nicht froh sein mußt, daß Du es endlich geschafft hast.
Man ist nicht jeden Tag in der gleichen guten Stimmung, dann gibt es einmal etwas Erfreuliches und dann wieder einmal weniger Erfreuliches zu schreiben. Über beides möchte man doch aber berichten, denn was nutzt es, wenn ich nur schildere, was hier gut ist und das andere lasse ich einfach weg.  Das würde doch ein einseitiges Bild geben. Aber jeder der beiden Stoffe läßt sich nicht gleich gut behandeln. Doch das brauche ich Dir wohl nicht erst lang und breit auseinander zu setzen, denn Du stehst ja am anderen Ende der Leitung und unterliegst ja den gleichen Einflüssen, wenn sie auch von anderer Seite kommen mögen.
Ich hoffe zwar, daß Du bis jetzt immer noch laufend mit Post versorgt worden bist. Man sollte nicht glauben, wie lang einem die Zeit wird, wenn man nun bald 7 Wochen lang nur mit spärlichen Nachrichten versorgt ist. Hoffentlich bekomme ich nun bald den längeren Brief, der vor dem anderen abgegangen sein muß, den ich bis jetzt erhalten habe. 
An diesem Samstag und am 16.  Juni habe ich OvD. So wie der Dienst hier gehalten ist, macht er keine großen Schwierigkeiten und läßt sich schon bewältigen. Man hofft selbstverständlich, daß keine besondere Sachen sich ereignen.  Für die Pfingstfeiertage hatte man höheren Orts auch an uns gedacht. Für jeden Mann war ein gewisses Quantum Kuchen gebacken worden, der aber etwa 80 km entfernt von hier abgeholt werden mußte. Ein Kraftwagen wurde also auf den Weg geschickt. Da aber das Wetter ausgerechnet über die Feiertage schlecht geworden war, haben sich die Landstraßen dementsprechend verändert. Der Wagen bekam einen Achsenbruch und ein Teil dieses Segens ging dabei zum Teufel. Bis dann dieser Wagen ersetzt wurde, waren erstens die Feiertage vorbei und dann noch allerhand verdorben.  Wenn man hier etwas planmäßig abliefern will, muß man immer verschiedene Ereignisse vorher in Rechnung stellen, ehe man die Früchte seiner Bemühungen sehen kann. Immerhin, so kam noch ein schöner großer Kuchen auf jeden Mann und wenn das Zeug auch erst nach den Feiertagen eintraf, so haben wir es doch noch gern genommen. 
Ich sende Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße. Ich hoffe sehr, daß Ihr alle gesund seid und daß es Euch gut geht, soweit es Eure Marken erlauben. Dir sende ich aber, wie immer viele herzliche Küsse.
Dein Ernst.

Brief 262 vom 26.5.1942


Meine liebe Annie !                                                       26.5.42      
  
Die Feiertage, die für uns wieder keine Feiertage waren, sind hinter uns. Bei jeder Einheit ist etwas, was einem das Leben mit den Anderen nicht zu leicht werden läßt. Ich muß sagen, daß die Kameraden ganz nette Kerle sind, wenn ich auch mit ihnen nicht recht warm werde.
Das Essen ist, wie ich Dir schon oft geschrieben habe, in Ordnung. Aber wenn man hier den Dienst betrachtet, so könnte man über die Einstellung des Kommandanten öfter lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Das ist ein Mann, der noch in vergangenen Zeiten lebt und nun meint, mit den alten Anschauungen hört es zeitlebens nicht auf.
Der Mann kommt sonn- wie wochentags nachmittags auf sein Dienstzimmer. Nun meint dieser Mann, die anderen würden ihm zu Gefallen auch hier sitzen und nun warten, bis die Arbeit auf den Tisch geflattert kommt. Dabei vergißt er, daß wir wochentags meist schon bald fertig sind, wenn er erst wieder anfängt und an einem Feiertag will man sich auch etwas Entspannung gönnen, wenn die Leistung einer Arbeit nicht unbedingt nötig ist.
Gestern beispielsweise mußte ich gleich nach dem Mittagessen eine große Sache von unserem Kriegsverwaltungsrat entgegennehmen. Ihm zu Gefallen habe ich sie auch noch schreiben sollen, da war der halbe Nachmittag schon fast vorbei. Ich habe die Sachen aber erst heute fertiggemacht und er mußte damit auch zufrieden sein. Ich war gestern kaum wieder daheim, als es telefonierte, daß mein Arbeitskamerad, der im gleichen Dienstgrad steht, sich sofort beim Obersten zu melden hätte. Den hat er angeschnauzt, weil von uns keiner auf der Dienststelle war.  Unseren Chef hat er dann auch noch auf die Kommandantur bestellt und das alles wegen einer Kleinigkeit. Ja, das sind die Launen eines alten Mannes.
Aber es ist schon so, etwas muß überall sein, damit es einem nicht zu wohl wird.  Uns passieren aber auch lustigere Dinge wie die vorher geschriebenen. Wir haben nette Haustiere. Nicht etwa das Du denkst, das seien Wanzen oder gar Läuse. Nein, mit so kleinem Zeug geben wir uns nicht ab. Aber ich muß Dir erst etwas vorausschicken.
Daß die Wasserverhältnisse hier nicht so einfach sind, habe ich Dir wohl schon einmal geschrieben. Für unsere Unterkunft haben wir jeden Tag eine Wanne, eine echte Badewanne, voll Wasser. Das reicht bei etwas Einteilung für einen Tag. Da schöpft sich jeder, wenn er etwas braucht, heraus und das verbrauchte Wasser, das kippt man dann in den Hof.  Fließendes Wasser gibt es nicht. Ob es früher hier welches gegeben hat, das hat mich bis jetzt noch nicht interessiert.
Doch nun zu unserem Haustier. Es gehört schon richtig mit zu unserer Einheit. Es war im gleichen Haus. Tagsüber ließ es sich selten sehen, dafür trieb es abends in seinem Zimmer meist sein Unwesen.  Denn daß es sich immer ganz ruhig verhält, kann man von einem frischen jungen Tier nicht verlangen. Unangenehm war nur, daß es sich meist die Nachtzeit zu solchem Spektakel aussuchte. Gut war, daß es sich meist in seinem Zimmer, also dem Raum, wo auch unser Bade- und Waschwasser stand, aufhielt. Es suchte wohl ab und zu einmal Unterschlupf in einem der Zimmer der Kameraden zu finden, doch das wurde meist von uns energisch zurückgewiesen. Nun weiß ich nicht, ist es die schlechte Behandlung durch uns oder dass es lebensmüde war, oder hatte es ein so großes Reinlichkeitsbedürfnis und verstand sich nicht darauf, jedenfalls heute früh lag sie ertrunken in unserer Badewanne, die Ratte. Du kannst Dir denken, jetzt herrscht große Trauer um diesen versoffenen Hausgenossen.  Zum Waschen bestand heute früh nicht gerade große Lust, nicht aus Traurigkeit, aber das Badewasser einer Ratte hat keine mehr benutzen wollen.
Gestern Abend war ich einmal im Kino. Zum soundsovielten Male habe ich mir „Ohm Krüger“ angesehen. Mir hat es diesmal besser gefallen wie die anderen Male, die ich ihn schon gesehen hatte. An was das gelegen hat, weiß ich zwar nicht.  Vielleicht muß man so einen Film öfter sehen, um ihn richtig zu verdauen. 
Herzliche Grüße und viele Küsse sendet Dir und den Kindern Dein Ernst.

Brief 261 vom 25.5.1942


Meine liebste Frau !                                                                 25.5.42   

Den ersten Feiertag habe ich schon hinter mir. Den heutigen Feiertag werde ich auch noch herumbringen. Nach der großen Esserei gab es dann auch noch reichlich zu trinken. Den Cognac habe ich mir für stillere Tage aufgehoben. Mit einem Teil der Kameraden bin ich dann noch ziemlich lange beisammen gesessen. Am Nachmittag wurde tüchtig gesungen, so daß die Zeit ziemlich schnell herumgegangen ist.
Bei dem schlechten Wetter konnte man ja doch nichts weiter anfangen als sich ins Bett legen und vielleicht lesen, aber das kann man noch an vielen anderen Tagen machen.
Heute Nachmittag werde ich erst eine Weile schlafen und zum Abend werde ich vielleicht ins Kino gehen, wenn eine Vorstellung geben wird. Das ist nicht jedes mal ganz sicher.
Ihr seid wieder beim Teesuchen gewesen. Ja das haben wir früher immer gemeinsam gemacht. Weiß Du noch, wie wir das erste Mal losgegangen sind, da haben wir hinten im Wald auch Goldnesseln gesucht. Später haben wir unser Lager immer mehr erweitert und uns immer mehr Sorten zugelegt. Wie ich nun lese, habt Ihr jetzt auch noch Gänseblümchen angefangen mit Sammeln. Mit den Schlüsselblumen konntet Ihr Euch wohl diesmal nicht so eindecken. Das war doch immer ein guter Tee. Ich weiß noch, wie wir ihn gern getrunken haben, genau wie auch den Lindenblütentee. Der hatte immer so eine schöne Farbe.
Wir bekommen hier ja auch meist deutschen Tee.  Ab und zu gibt es auch  einmal anderen. Genau wie es hier sonntags auch meist Bohnenkaffee gibt. Das sind immer so kleine Freuden, die uns hier bereitet werden. 
Mit den Eiern ist es hier wirklich so, daß man von einem Überfluß reden kann. Bei uns in der Küche werden sie viel verwendet. Wir selbst aber bekommen außer bei der Verpflegung sonst kaum welche zu kaufen. Solange ich hier bin, habe ich einmal fünf Stück kaufen können. Heute soll ich wohl einmal zwanzig erhalten. Man kann sie leider nicht verschicken, sonst würde ich sie Euch gern senden.
Ja, wenn es so dem Sommer zugeht, ist es überhaupt schlecht mit dem Versenden von Lebensmitteln. Ich mache mir immer Gedanken, wie ich es ermöglichen könnte, Euch von dem, was wir hier manchmal zuviel haben, etwas zu übersenden. Aber der Transport ist so langwierig, daß man immer Angst vor dem Verderben hat.
Wie ist denn die Baumblüte bei unserem Apfelbaum gewesen. War sie in diesem Jahre reichlich und hat es sie nicht verregnet. Das wäre doch schön, wenn Ihr wieder einmal richtig Äpfel bekommen würdet. 
Heute grüße ich Dich und die Kinder wieder recht herzlich und sende Euch allen gleichzeitig viele herzliche Küsse. Dein Ernst.