Montag, 22. Mai 2017

Brief 258 vom 22.5.1942


Meinen liebe Annie !                                                  22.5.42    

Posttag war heute und ich hatte mir ganz fest vorgenommen, nicht zu schreiben, weil ich wieder keine Post von Dir bekommen habe.  Wie zum Hohn erhielt ich eine Karte, die ich an Siegfried geschrieben hatte, wieder zurück. Diese war in Berlin am 12. abgestempelt worden, so daß ich mir sagen konnte, bis zu diesem Tag mußtest Du doch schon Post von mir erhalten haben. Ob der Weg nun von Berlin oder von Konstanz weiter hierher ist, weiß ich ja nicht. Jedenfalls war mir das heute früh wie eine kalte Dusche. Wenn man dann sieht, wie die anderen Kameraden alle Post erhielten, dann ist das ziemlich niederdrückend, wenn man leer dabei ausgeht. Immer wenn es dann heißt, morgen früh gibt es Post, dann hat man so eine stille Hoffnung, daß vielleicht auch etwas dabei sein könnte, doch wenn man dann wieder vor die Tatsache gestellt wird, daß dem nicht so ist, dann ist man wieder ziemlich ernüchtert. Doch was hilft da alles Grollen, man ändert daran ja doch nichts.
Ich bin auch davon überzeugt, daß Du mich keine Stunde länger waren läßt als dies notwendig ist. Wenn ich Dir das alles geschrieben habe, dann soll das kein Schuldbeweis für Dich sein. Ich denke aber auch, daß Du Verständnis dafür hast, wenn ich mir irgendwo meinen Groll von der Seele wälzen muß. Nimm dies bitte darum nicht alles so wörtlich wie es geschrieben ist, denn wie gesagt, Dich trifft ja keine Schuld an allem. Ich hoffe also wieder stark auf die nächste Post, die wahrscheinlich am Sonntag eintreffen soll. Die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben und das ist doch auch ein Erfolg. 
Es ist hier davon gesprochen worden, daß es Briefmarken geben soll, die berechtigen, im Rahmen der erteilten Marken die Luftpost zu benutzen. Dann kannst Du ab und zu einmal schneller einen Brief von mir erhalten als sonst. Da wollen wir aber erst wieder warten, bis es soweit ist. 
Wie ich Dir, mir ist es jedenfalls so in Erinnerung, schon einmal mitgeteilt hatte, bin ich bei den hiesigen Verpflegungs- , Einkaufs- und Besoldungsverhältnissen nicht mehr auf die monatlichen Geldüberweisungen angewiesen, wie das bis jetzt der Fall war.  Sobald ich Klarheit habe über die Bezahlung des Restes an den Bekannten in Frankreich, wäre nur noch diese Sache zu klären.
Wenn Dir das Haushaltsgeld nicht reichen sollte, kannst Du ja das abändern. Bei Deiner sonstigen Gepflogenheit nehme ich an, daß Du einen Teil wieder auf die Kante legen wirst. Auf diese Weise hast du ja bald Dein Ziel erreicht, das Du vorhattest. Ich kann nur immer wieder feststellen, daß ich froh bin, daß ich letztes Jahr noch die Schuhe gekauft habe. Stoff hast du auch noch da und Jörg ist mit dem Anziehen auch noch versorgt. Du brauchst ja auch noch nicht gleich Bange haben, daß Du für die nächste Zeit nichts anzuziehen hättest.
Daß ich für zusätzliche Verpflegung für Euch nichts mehr tun kann, macht mir ab und zu Gedanken, vor allem, wenn ich hier immer wieder das viele Brot habe, das ich nicht allein essen kann.  An Siegfried habe ich nun gleich heute noch geschrieben. Den Durchschlag meines Schreibens habe ich beigefügt. Ich wollte nicht, daß er erst lange warten muß. Ich nehme zwar dabei an, daß er Wert auf meine Post legt.  Heute habe ich wieder einmal ein Buch ausgelesen, das nicht gerade so ein Schund war, wie ich ihn in den letzten Tagen oft lesen mußte, nur damit die Zeit herumging. Es kommt auch aus der Bücherreihe des  Verlags, wovon wir schon einige jetzt daheim haben. Mir hat das Büchlein sehr gut gefallen. Vor allem war es wieder eine willkommene Ablenkung. Herzlich grüße ich Dich und die Kinder und sende Euch allen viele Küsse. Dein Ernst.

Brief 257 vom 21.5.1942


Meine liebe Annie !                                                        21.5.42        

Weitere 4 Wochen kann ich nun nicht mehr auf Post von Dir warten und dabei jeden Tag an Dich schreiben, denn ich habe das Gefühl, daß mir dann der Stoff bald ausgehen wird. Soviel passiert hier nicht, daß man jeden Tag davon einen großen Brief schreiben kann.  Daß ich schon so einseitig teilweise bedrucktes Papier verwende, muß nun nicht etwa ein Zeichen dafür sein, daß ich jetzt langsam abbauen will, sondern das ist nur ein Zeichen der Sparsamkeit oder besser gesagt ein Mangel an Papier.
Im vergangenen Jahre hatte ich noch diese Bögen immer weggeworfen, aber da jetzt alles knapp und knapper wird, muß ich den Vorrat, den ich noch da hatte, etwas strecken. Man merkt eben überall, daß der Krieg nun schon länger geht, auch an diesen kleinen Sachen.
Heute ist zur Abwechslung wieder einmal Impfen. Mich trifft es 3 Wochen hintereinander. Es handelt sich um eine Impfung, die ich noch nicht mitgemacht habe und zwar gegen Cholera. Da, wo ich bis jetzt war, hat man das nicht gebraucht, aber hier sind die Verhältnisse so hervorragend, daß man auch dagegen einmal eine Spritze bekommen muß. Einige Kameraden, die selbst als gefährdet angesehen worden sind, haben eine Spritze gegen Fleckfieber erhalten. Fleckfieber tritt hier häufiger bei der Bevölkerung auf und dann wieder vorwiegend bei Kriegsgefangenen. Diese Leute überstehen das noch besser wie wir, darum treten bei den Einheimischen auch im Verhältnis nicht so viele Todesfälle auf wie bei uns hier Zugewanderten. Andere Länder, andere Sitten, aber auch andere Krankheiten.  Man muß sich überall vorsehen, aber trotz aller Vorsicht kann man doch etwas bekommen. Wenn es nur Ungeziefer ist. Aber gerade die Läuse werden als Krankheitsüberträger des Fleckfiebers angesehen.  Bis jetzt habe ich noch kein Ungeziefer gehabt. Ich bin darum nicht traurig und würde froh sein, wenn ich keines auffangen würde. Doch dafür kann man nicht garantieren, vor allem, wenn man auch immer wieder mit Publikum zu tun hat. 
Dieser Tage mußte ich hier einen ukrainischen Friseurladen aufsuchen. Der Haarschneider, der sich bei unserer Einheit bis jetzt befand, ist versetzt worden. Bis er sich dann dazu bequemte, mußte man ihm erst vielmals gute Worte geben und dann kam er immer noch nicht. Das mußte der Mann keinesfalls umsonst machen. Er wurde dafür bezahlt und das war dann sein eigenes Geld. Aber das reizte ihn nicht mehr. Also, wie gesagt, ich suchte diesmal einen ukrainischen Friseurladen auf.
Im Vorzimmer, soweit man überhaupt diesen Raum so ansprechen kann, war schon alles voller Menschen, also ländliche Einwohner. Als ich diese Brüder sah, stieg so ein gewisses Unbehagen in mir hoch. Alle so meist schmutzig und dann einen richtigen Lausepelz auf dem Kopf, daß es einem schon rein aus Einbildung anfing zu jucken. Ich habe mich dann in der Friseurstube gleich auf einen leeren Stuhl platziert. Verwundert war ich, als ich mich umsah und immer den Friseur suchte. Ich sah aber nur 6 Mädchen dabei, wie sie dem einen die Haare schnitten und den anderen rasierten oder was sonst für Anliegen die Leute hatten.
Ich vermißte die deutsche Sauberkeit und die Vielgestaltigkeit der Räume des französischen Friseurs. Schließlich lud mich so ein Mädchen ein, auf dem anderen Stuhl Platz zu nehmen. Ohne viel Umstände ging es dann los. Den Kamm habe ich mir immer erst wieder ansehen müssen, später dachte ich, ich gucke lieber nicht mehr hin, denn der Schmutz, der darin war, ließ mir auch einige Zweifel aufkommen. Doch ehe ich mich versah, waren die Haare heruntergenommen. Wie es mir schien, geht es für hiesige Verhältnisse. Diese Mühe, wie sie sich ein französischer Haarkünstler gibt, macht man sich hier nicht, obwohl die Preise auffallenderweise die gleichen sind. Ich bin dann nach dieser Prozedur gleich nach hause gegangen und habe mir die Birne gewaschen, denn man weiß ja nicht, was sich sonst alles entwickeln kann. Wie Du siehst, hat man in dieser Beziehung immer so seine Sorgen.  Recht herzlich grüße ich Dich und sende Dir dazu recht viele Küsse. Das gleiche gilt für unsere beiden Stromer.  Dein Ernst.  

Brief 256 vom 20.5.1942


Meine liebste Annie !                                                        20.5.42     
  
Ein arbeitsreicher Tag war heute einmal. Arbeiterwerbung und Zusammenstellung von Transporten zum Einsatz in die Landwirtschaft in Deutschland. Der Abtransport von 600 Arbeitern aus unserem Gebiet, dem ein gleicher Transport schon vorausgegangen ist und ein weiterer folgen wird, macht bei den schwierigen Eisenbahnverhältnissen schon manche Mühe. Ich hoffe aber, daß es auch klappt wie die anderen Arbeiten bisher auch geklappt haben. Hier kann man oder vielmehr muß man einen großen Teil der Arbeit telefonisch erledigen. Das spart einesteils viel Zeit, denn man kann das schneller durchführen. Aber alles muß man doch noch schriftlich festlegen, damit jeder weiß, was gemacht worden ist. Schreibkräfte sind sehr rar, so daß alles an einem selbst hängen bleibt.  Machen muß man hier alles. So habe ich schon letzthin und heute auch wieder den Wehrmachtsbericht aufnehmen müssen, weil der andere Mann eine andere Arbeit hatte. Ich scheue mich ja vor keiner Arbeit und mache deshalb auch nicht erst viel Gerede wie andere, nur damit sie nicht zuviel zugeteilt bekommen. Mir ist es jedenfalls lieber so, als wenn keine Arbeit vorliegt und der Tag dann kaum herumgeht.
Ich habe mich nur wieder wundern müssen, mit welch armseligen Gepäck die Leute hier fortfahren. Die Bessergestellten hatten einen kleinen Holzkoffer, die anderen kamen gerade mit dem an, was sie auf dem Leib trugen.  Meist nicht einmal Schuhe hatten sie an. Was für ein armseliger Haufen das so ist, kannst Du Dir dann vorstellen. Der Vornehmste hatte ein Paar weiße Schuhe an, einen Fotoapparat, der aus Großvaters Zeiten stammte. Dann hatte er noch einen Handkoffer bei sich, den er mit Bindfaden zusammengebunden hatte, damit er nicht auseinander fiel. Verschiedene Angehörige waren dann mit an den Zug gekommen. Die Leute wurden vorerst in Güterwagen geladen, weil nichts anderes zur Verfügung stand und dann ging es los bis zur nächsten Sammelstelle. Dort werden nochmals alle untersucht.  Als dann alles anfing zu heulen, habe ich mich dann schnellstens verzogen. Die Leute haben doch bei uns in der Landwirtschaft ein besseres Leben wie hier. Sie werden wohl strenger arbeiten müssen, aber sie können doch ein geordneteres Leben führen wie hier.
Als ich gestern Abend in den Kurpark spazieren ging, mußte ich wieder einmal besonders an Dich denken. Da schwirrten am Abend die Maikäfer, daß die Luft nur so brummte. Ich habe einige mit nach hause genommen und einem Kameraden ins Zimmer getan. Er hat sich dann gewundert, wo die Maikäfer herkamen. Als er das Licht anzündete, schwirrten die um die Lampe herum.  Der ganze Park stand bis vor kurzer Zeit noch unter Hochwasser, aber die Viecher sind nicht versoffen. Das waren ihrer so viele, daß man denken konnte, sie sind unter den denkbar günstigsten Bedingungen groß geworden. Aber auch den Ameisen hat das ganze Hochwasser nicht geschadet. Die bauen an ihren Bergen wieder herum, als wenn nichts gewesen wäre. Man staunt nur, wie sich die Natur auch gegen solche Einflüsse wieder schützt. 
Nächste Woche wird unser Oberst wieder auf Fahrt gehen. Ich nehme an, daß er diesmal den anderen Kameraden mitnehmen wird. So herrscht hier bei uns immer und immer wieder Betrieb. Manchmal etwas mehr und dafür ein andermal wieder weniger. Wenn es dann wenig wird, dann fällt einem das noch mehr auf, denn dann bekommt man gleich Langeweile. 
Herzliche Grüße sende ich Dir und den Kindern und ebenso viele Küsse.  Dein Ernst.

Freitag, 19. Mai 2017

Brief 255 vom 19.5.1942


Mein liebes Mädel !                                                                19.5.42          

Normalerweise hätte ich bis jetzt noch keine Post bekommen und ich werde wohl auf deren Eintreffen noch bis Pfingsten waren müssen. Wenn ich auch gerne weitere Nachricht von Dir hätte, so bin ich froh, daß Du mir dieses Kurzschreiben  auf gut Glück geschickt hattest. Wir bekommen hier ja nicht jeden Tag Post, sondern zwei höchstens dreimal in der Woche. Heute war wieder Posttag, nun kann am Freitag oder erst am Sonntag welche ankommen. Abgesandt wird jeden Tag welche, da entstehen keine Verzögerungen, nur hierher zu dauert es etwas länger. Ich kann mich nur darüber ärgern, daß man die Päckchen in Frankreich nicht weggeschickt hat. Das war doch bestimmt keine Mühe. Man braucht nur noch eine Marke darauf kleben und mit in den Postsack werfen.  Wenn man das aber nicht alles selbst macht, dann muß man immer damit rechnen, daß es nicht gemacht wird. Hoffentlich hat Dein Brief etwas genützt, ich habe bald gute Lust, auch noch einmal zu schreiben. Die Herrschaften sind aber so überbelastet, daß sie keine Zeit dafür haben. Vielen davon würde es nichts schaden, hier auch einmal einige Zeit mitzumachen, dann würde ihnen erst einmal die Augen übergehen und ihre sonstigen Ansprüche müßten sie ein wenig zurückschrauben. Ich hoffe aber, bald günstigere Nachricht in dieser Angelegenheit von Dir zu bekommen. 
Am vergangenen Sonntag hatte ich hier auch zum ersten Mal wieder OvD. Das war ein so anstrengender Dienst, daß ich ihn fast nicht gemerkt habe. In Frankreich war man ja wirklich übereifrig in dieser Beziehung, aber hier ist es so, daß nur ein Schreiber da bleibt und der gibt einem dann Mitteilung, wenn etwas besonderes vorfallen sollte. Wir haben in unserer Unterkunft Telefon, so daß man dann jederzeit erreichbar ist. Man kann also in dieser Eigenschaft ruhig in seinem Quartier schlafen gehen, man ist  also fast nicht gehindert.
Wundern muß man sich nur, welch starker Wechsel zwischen Winter und Sommer hier besteht, bis vor wenigen Tagen konnte ich doch immer noch schreiben, daß es hier sehr kalt sei und daß ich abends nicht einmal warm im Bett wurde. Vom Frühjahr hat man nichts weiter gemerkt, denn jetzt ist eine Wärme, die direkt sommerlich anmutet. Seit Sonntag gewittert es abends immer, so daß es für die Nacht etwas abkühlt, doch das ist fast unwesentlich.
Die Bäume treiben und alles andere auch, was nur möglich ist. Stellenweise blühen die wenigen Obstbäume, das sich in dem vielen jungen Grün ganz gut ausnimmt. Bei uns daheim wird wieder der Apfelbaum blühen oder schon geblüht haben. Das würde ich auch gern wieder einmal daheim erleben. Doch diesen Wunsch muß man auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, wie die vielen andern Wünsche auch. 
Jetzt bin ich nun vollständig ausgerüstet. Gestern habe ich noch ein Gewehr empfangen. Am Pfingstsonntag ist Schießen, dann kann ich gleich einmal sehen, wie das Gewehr schießt. Es ist zwar kein deutsches, aber im Modell ähnlich wie unsere Gewehre. Das ist immer noch besser wie die russischen, die die Leute hier vorher empfangen hatten. Jetzt habe ich dann allerhand zu schleppen, wenn es hier wieder einmal weitergeht. Soweit man alles verladen kann und es nicht zu tragen braucht, dann geht es ja auch wieder, aber an der Schlepperei habe ich keine große Freude. Euch sende ich heute wieder recht herzliche Grüße und viele Küsse. Ich hoffe, daß Ihr alle gesund seid, was ja bei mir immer auch noch der Fall ist.
Es grüßt Dich nochmals herzlich Dein Ernst.

Brief 254 vom 18.5.1942


Meine liebe Frau !                                                                18.5.42                  
                 
In meiner Freude über Deinen gestrigen Brief hatte ich vergessen, von anderen Dingen zu berichten, was ich zwar heute auch noch gut nachholen kann, denn gar so wichtig ist es auch wieder nicht.  Eigentlich hatte ich ja die Absicht, gestern nicht zu schreiben, aber nachdem Dein lieber Brief so erwartet aber doch noch nicht vermutet eintraf, konnte ich nicht umhin, Dir meinen Dank dafür auszusprechen.
Ich muß Dir zwar wieder einmal von unserem Essen berichten, damit Du Dir keine Gedanken machst, daß wir hier etwa hungern müssen. Also gestern früh gab es wieder zwei kräftige Stückchen Kuchen. Die reichten dann gut bis zum Mittagessen. Zum Mittagessen gab es dann wieder sehr reichlich. Zuvor eine Suppe, in die viele Eier reingeschlagen waren. Als Hauptgang Nudeln, Kartoffeln mit Fleisch und Soße. Außerdem noch Roterübensalat.  Als Nachspeise gab es dann noch Grießbrei mit Fruchtsoße. Da staunst Du. Da kommt Ihr daheim nicht mit. Zum Abendbrot bekam jeder ein Stückchen Frischwurst und seine ihm zustehende Butter.  Damit ich aber zum Frühstück auch etwas habe, hatte ich nur ein Teil von der Abendportion gegessen, denn ich muß Dir verraten, daß ich trotz dieses reichlichen Essens noch am Nachmittag im Soldatenheim zum Kaffeetrinken war. Dort bekommen wir auch noch einmal Kuchen. Dann wird es Dir schon verständlich sein, wenn ich am Abend dann nicht so viel essen konnte. Ich will nun nicht sagen, daß das jeden Tag so reichlich zugeht, aber doch sind wir hier meist gut sattgeworden. Vorgestern bekamen wir zu den Bratkartoffeln gekochte Eier, die leider nicht mehr zu genießen waren, weil sie zu lange gelagert hatten. Das kann wohl einmal vorkommen, ist aber ärgerlich, wenn sowas passiert. Heute Mittag hatten wir Erbsensuppe und anschließend gab es zur Vervollständigung noch Eierkuchen. Ich schreibe dies Dir alles nur, damit Du weißt, daß ich hier nicht notleiden muß und daß für uns hier gesorgt wird. Ich bedauere nur, daß ich Euch davon nichts abgeben kann, denn ich weiß, daß Ihr es jetzt manchmal bitter notwendig habt. 
Einige kleine Bedürfnisse haben sich inzwischen eingestellt und ich bitte Dich, mir diese Sachen mit zugehen zu lassen. Da fehlt mir erstens schwarzer Nähfaden, dann einige Sicherheitsnadeln, bitte nicht zu große und nicht zu viele senden.  Dankbar wäre ich Dir, wenn Du mir meine Badehose und meine Sporthose mitschicken würdest, sonst müßte ich mir hier schon wieder eine anfertigen lassen, und das halte ich nicht für notwendig.  Von meiner Feldbluse, die ich Dir mit zugeschickt hatte, kannst Du mir vielleicht noch die Schulterstücke abmachen und mitsenden.  Ich denke, daß ich vielleicht eine Drillichjacke bekommen werde für den Sommer, dann könnte ich die darauf verwenden. 
Die Wärme hat hier seit einigen Tagen mit solcher Macht eingesetzt, daß man sich noch gar nicht so recht daran gewöhnen kann, vor allem, wo noch vor einigen Tagen das Wetter so kühl war, daß man sich abends mit dem Mantel ins Zimmer setzen mußte und soweit künstliche Mittel in Form von Getränken vorhanden waren, damit nachhelfen mußte.
Hier ist man ja der Natur wirklich näher wie in Frankreich. Denn dort hat man sehr wenig von Frühling gemerkt.  Hier, wo man in dieser „Stadt“ so ziemlich auf dem Dorfe lebt, sieht man die Veränderung eher. Durch das junge Grün erscheint das Bild nicht mehr so hart und wird etwas gefälliger. Mein Spaziergang war gestern wieder in den Kurpark, den ich nun einmal richtig bei Tage gesehen habe. Kameraden haben hier im Fluß schon gebadet.  Wie geht es Dir und den Kindern. Ich denke, daß Ihr alle noch wohlauf seid.
Ich sende Dir und den Kindern wieder recht herzliche Grüße und viele Küsse.
Dein Ernst.

Brief 253 vom 17.5.1942


Mein liebes gutes Mädel !                                                     17.5.42                   

Mein Wunsch, den ich in der letzten Woche ausgesprochen hatte und von dem ich glaubte, daß er wahrscheinlich doch nicht in Erfüllung gehen würde, nachdem ich mir im Laufe der Woche nochmals ausgerechnet hatte, daß die Zeit normalerweise dazu nicht langen würde, ist nun in Erfüllung gegangen. Ich erhielt heute den ersten Brief und zwar den, den Du an meine vermutlich neue Feldpostnummer gesandt hast.
Du wirst Dir vorstellen können, wie ich mich freute, von Dir wieder einmal eine Nachricht in Händen zu haben, nachdem ich jetzt seit genau 5 Wochen keine Post mehr von Dir bekommen hatte.
Bei dieser Dienststelle wußte man ja, wo ich stecke, von dort ist auch Dein Brief prompt weitergeleitet worden. Froh bin ich, daß ich jetzt weiß, daß alles daheim gesund ist, obwohl Dein Brief nun doch auch schon vor 15 Tagen geschrieben war. Aber immerhin man weiß doch wieder etwas davon, was daheim los ist.
Wenn Du schreibst, Nachricht hättest Du noch keine von mir bekommen, so meinst Du doch sicher, noch keine Nachricht von hier. Daß Du laufend Deine Post erledigt hast, konnte ich mir vorstellen, wenn dann der erste Brief von Dir eintrifft, werde ich ja viel zu lesen bekommen. Ich bin aber auch froh mit dem, was ich heute erhalten habe. Unerfreulich war, daß Du die von mir in Frankreich fertiggemachten Päckchen noch nicht erhalten hast. Die Feldpostnummer ist schon richtig, denn es ist ja die gleiche, die ich hatte. 
Daß Du von den Entschlüssen Deines Vaters nicht ganz erbaut bist, kann ich mir gut denken.  Ich habe dir ja auch in dem einen Brief geschrieben, was ich ihm zu seiner Stellungnahme in diesem Fall gesagt habe. Daß er damit rechnen muß, daß wir dann auch den Weg gehen, den wir für richtig halten, wenn er seinen eigenen Empfindungen nachgibt, weiß er. Er behauptet ja, daß Deine Mutter ihm noch in der Woche vor ihrem Tode gesagt habe, daß sie ihm das freistelle, sich nach ihrem Tode wieder zu verheiraten. Er behauptet ja sogar, mit Dir darüber gesprochen zu haben.
Daß Du darüber erstaunt warst, daß ich 2 Tage in Leipzig war, wundert mich etwas. Mein Fahrschein ging ja von Marburg nach Krakau. Daß ich da schlecht über Konstanz fahren kann, wird Dir wohl erklärlich sein, denn da hätte ich mit Anständen auf der Bahn rechnen müssen. Wenn ich aber unterwegs irgendwo Halt mache, das schert meist keinen Menschen. Ich habe mir darum auch gedacht, hierher käme ich immer noch zeitig genug.  Daß das der Fall war, hatte ich Dir ja schon mitgeteilt.
Wenn es mir nicht darum gewesen wäre, daß ich verpflegungsmäßig zur Last gelegen hätte, wäre ich vielleicht auch noch einen Tag länger geblieben. Das hätte hier nichts ausgemacht, denn ich wurde hier und auch unterwegs nicht kontrolliert, wie lange ich mich aufgehalten habe.
Diese kurze Unterbrechung war wohl ganz nett, aber wenn man so viel unterwegs ist, hat man auch nicht die richtige Ruhe bekommen.
Daß Du im Garten alles so schön geschafft hast, freut mich sehr und es ist mir eine Beruhigung für Euch,  daß Ihr wenigstens diesen kleinen Rückhalt habt. Daß es mir nicht gar so schlecht geht, hast du ja aus meinen früheren Briefen entnommen. Daß man Stimmungen unterworfen ist, hängt nun einmal wieder mit der Änderung zusammen. Man findet auch nicht immer gleich die passenden Kameraden, die man gern hätte. 
Heute zum Muttertag habe ich fest an Dich gedacht. Ich hoffe, daß die Blumen, die ich bestellt hatte, auch noch rechtzeitig an Dich gelangt sind. Sie sollten Dir ein lieber Gruß sein von mir, obwohl ich nicht da bin.
Heute sende ich Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse,
Dein Ernst.

Brief 252 vom 16.5.1942


Meine liebe Annie !                                                         16.5.42                                                                 

Gestern habe ich Dir ja einen ziemlich langen Brief geschrieben.  Es waren ja alles Dinge, die Dir schon bestens bekannt waren. Ob sie Dich nun in der von mir gegebenen Form nochmals interessierten, weiß ich ja nicht. Mir war es jedenfalls ein Bedürfnis, nach Beendigung „meiner zweijährigen Dienstzeit“ einen Rückblick über den Ablauf dieser vergangenen zwei Jahre zusammenzustellen. Dies ist schließlich ein Tag, der ziemlich entscheidend in unser Leben eingegriffen hat, so daß man ihn nicht so ohne weiteres übergehen kann. Dieser Tag ist nun auch vorübergegangen und das dritte Soldatenjahr ist damit angebrochen. Wenn man diesen Einbruch auch nicht als Festtag begeht, so doch als Gedenktag. Ich bin darum gestern Abend bei uns über den Bach (es ist schon ein Fluß) gegangen.
Auf der anderen Seite ist ein, immer unter dem Gesichtspunkt der hiesigen Verhältnisse betrachtet, großes schönes Kurhaus, dabei befindet sich ein kleines Kiefernwäldchen. Dieses ganze Kurgelände erstreckt sich gewissermaßen auf einer Halbinsel, so daß man immer wieder an den Fluß kommt. Ich habe meinen Spaziergang ziemlich ausgedehnt, so daß es schon anfing zu dämmern.  Es war dann wirklich wunderschön im Wald. Der Kuckuck ließ seinen Ruf als Gute-Nacht-Gruß durch den Wald klingen, ein Vogel, der mir nicht bekannt ist, denn ich habe ihn nur singen hören und sonst habe ich ihn nicht gesehen, sang ein Abendlied, was mich sehr eigenartig berührte, denn es war in seiner Vielgestaltigkeit wirklich sehr schön. Ich nahm an, daß es eine Nachtigall gewesen sein muß.
Sobald ich freie Zeit haben werde, werde ich wieder diesen Park besuchen, denn er ist ja nur wenige Minuten von unserer Unterkunft entfernt. Aber nicht nur die Vögel waren zu hören, sondern die Bewohner des Sumpfes, der ja hier reichlich vorhanden ist, machten sich noch bemerkbar. So vor allem der Frosch, aber dann auch die Unken und dann wieder ein Vogel, der Seerohrsänger. Dieses waren alles Töne, die uns von unseren früheren Aufenthalten bei uns im Ried sehr bekannt waren, an das wurde ich auch dabei erinnert. 
Als ich dann heimkam, wurde mir noch eine Überraschung zuteil, die sich wohl auch auf Geistiges bezieht, aber das Wort Getränk zum Hauptwort hat. Es gab richtigen französischen Cognac. Wenn man hier sonst nichts weiter hat, wie diesen elenden Wodka, dann ist dies schon eine willkommene Abwechslung. Mit den wenigen Mengen, denn ich erhielt immerhin nur soviel, unter Zusammenlegung mit einem Kameraden, daß meine kleine Flasche voll wurde, muß man dann ziemlich haushalten. Aber ich werde sparsam damit umgehen, damit ich lange davon habe. Auf diese Weise kommt man hier zu seinen kleinen Freuden, die dann den Alltag immer wieder etwas abwechselnd beeinflussen.
Als letztes hätte ich noch zu berichten, daß ich einer Einladung gefolgt bin und mit in einen russischen Spielfilm gegangen bin.  Erstens einmal aus Interesse. Ein Kamerad erklärte diesen Film, der nach einem Roman gedreht war, der von einem Schriftsteller aus der zaristischen Zeit geschrieben war. Teilweise ist dieser Roman nach den bolschewistischen Idealen im Film umgeändert worden. Nachdem einem dies vorher erklärt worden war, konnte man der Handlung ganz gut folgen. Welch ein Unterschied aber wieder zu den französischen Filmen. Gesprochen wird nur ganz wenig, was in Frankreich einen großen Teil der Filme ausmacht. Man kann auf diese Art immer wieder vergleiche ziehen. 
Herzliche Grüße ich Dich und die Kinder und sende auch allen viele Küsse.
Dein Ernst.