Montag, 15. Mai 2017

Brief 251 vom 15.5.1942


Liebste Annie, meine liebe Frau !                                    15.5.42                                                                                 
Zwei Jahre sind es heute her, daß ich von Euch fort mußte. Was hat sich alles in diesen zwei Jahren ereignet. Manchmal meint man, es sei noch nicht solange her, doch wenn man sich alles wieder durch den Kopf gehen läßt, was man in dieser Zeit erlebt hat, dann scheint es viel länger her zu sein. Es war ein Tag mit genau so herrlichem Wetter wie heute. Wir gingen noch zusammen zur Bahn. Das erste Mal, daß wir uns für längere Zeit verabschieden mußten. Ich weiß, daß es für Dich keine Kleinigkeit war, nachdem wir die ganzen Jahre unserer Ehe, abgesehen von kleinen Dienstreisen, die ich manchmal machen mußte, immer zusammen waren. Dies sollte der erste längere Abschied, die erste längere Trennung sein. Damals ging die Reise nach Göding (?) Mit welchen Vorstellungen ist man seinerzeit zum Militär gegangen.  Was ist davon in Erfüllung gegangen und was nicht. Ich sehe Euch noch mit mir am Bahnhof stehen. Dich und die Kinder. Die letzten Minuten vor der Abfahrt waren so voller Spannung. Ihr standet auf dem Bahnsteig. Ich sehe das alles heute noch so vor mir. Der Zug fuhr dann los. Ihr seid noch neben dem Zuge hergelaufen. Als dann der Zug beim Konzil vorbeigefahren war, sah ich Auch nochmals winken und dann sah ich nicht mehr von Euch. Die Fahrt ging durch die Stadt hinaus nach Petershausen. Oben sah ich nochmal unser Haus und unsere Wohnung. All dies sind Dinge, die Dir und mir so bekannt sind. Straßen, die wir gemeinsam so oft gegangen sind, Erinnerungen tauchten auf, als wir am See lang fuhren, von gemeinsam erlebten Spaziergängen und Fahrten. Ich weiß noch, alle Kameraden waren frohen Muts, denn wir waren ja noch in der Heimat und die strammen Gewohnheiten des Militärs schienen ja noch so fern. Ich weiß aber auch noch, wie ich seinerzeit fortfuhr und den See und die Reichenau sah, wie ich dachte, wie lange wird es dauern, bis ich das alles einmal wiedersehe. Ob ich es gesund erleben werde oder wie. Diese Gedanken und diese Gemütsbewegungen habe ich seither nun schon viele Male durchlebt. Für mich war es in einer Hinsicht immer noch leichter, denn ich war meist im Kameradenkreise oder ich kam wieder zu Kameraden zurück. Euch mußte ich zurücklassen in einer Umgebung, die immer wieder daran erinnerte, daß ich diesen oder jenen Platz ausgefüllt habe.  Dieses Platz war aber nun nicht mehr besetzt, der war leer. Ich weiß genau, wie schwer es Dir dabei jedesmal gefallen ist, diesen Abschied zu überwinden. Ich muß aber sagen, Du hast Dich jedesmal tapfer gehalten und jedesmal, wenn ich Gelegenheit hatte, nach hause zu kommen, konnte ich mich freuen, wie Du Dir Mühe gegeben hast, alles zusammenzuhalten und zu ordnen.  Nach verhältnismäßig kurzer Zeit konnte ich meine militärische Laufbahn unterbrechen. Ich selbst konnte es erst nicht glauben, daß ich schon nach so verhältnismäßig kurzer Zeit Euch wiedersehen durfte. Welche Spannung war das, als ich von Salzburg über München kommend in Lindau eintraf. Ich konnte Euch keinen Bescheid zukommen lassen, weil alles so überraschend kam. Die Fahrt über den See werde ich nie vergessen. Als nach einem schweren Gewitterguß Konstanz in der Ferne auftauchte, war ich voller Freude. Ich kam dann bei uns oben an. Gepäck hatte ich ja nicht viel. Die Kinder waren auf der Straße und kannten ihren Vater nicht mehr, weil er in Uniform auf einmal so unvermutet auftauchte. Welche Freude war das bei uns allen, dieses erste, kurze Wiedersehen. Es gab wieder einen Abschied, der aber durch den Trost des kurzen Wiedersehens gemildert wurde. Diesmal ging die Fahrt nach Köln mit dem weiteren Ziel Lille. Auch da wieder alles so neu. erst noch die wenigen Tage Zivilleben in Köln, bis ich neu gekleidet war. Sobald dies aber durchgeführt war, ging es ab nach Frankreich über Brüssel.
Überall auch neue Eindrücke, die ich Dir ja auch schon früher immer, meist im einzelnen geschildert hatte. Lille bot mir in vieler Hinsicht allerhand Neues. Wenn ich mich nur daran erinnere, wie ich erst mit der Sprache nicht zurechtkam und mein erster Quartiergeber mir immer etwas erzählen wollte und ich keine Lust hatte, mir das anzuhören, weil ich doch nichts davon verstand.  Die schönen Büroräume und die spätere gute Unterbringung, abgesehen von dem anfänglich doch erst guten Essen. Alles in allem gesehen war doch eine schöne Zeit, wenn man sich in erster Linie vor Augen hält, daß man sich bei dem Wiederaufbau der öffentlichen Einrichtungen und der Organisation hat mitwirken können, doch hat man sich in anderer Beziehung nicht wohl gefühlt, weil man wußte, das ist nicht das eigentliche Aufgabengebiet, das einem zusteht. Darum habe ich mich auch immer bemüht, bald in Urlaub zu kommen. Im Oktober des gleichen Jahres gelang mir dies und kurz darauf zum Weihnachtsfest wieder. Jedesmal war es eine große Freude für uns alle. Im Oktober traf ich ja Kurt auch noch und sah ihn seither das letzte Mal. Nach meiner Rückkehr vom Weihnachtsurlaub im Jahre 1940 war ich noch einige Monate tätig und konnte dann wiederum nach Deutschland zurückkehren. Im Februar konnte ich Dir mitteilen, daß ich die Genehmigung erhielt, an einem 3monatigen Lehrgang in Karlsruhe teilzunehmen. Dir war das eine Beruhigung, mich in unserer Nähe zu wissen. Es war uns doch auch Gelegenheit gegeben, einige Male wiederzusehen. Der Abschied war dann noch so schwer, weil die Gewißheit eines baldigen, wenn auch kurzen Wiedersehens bestand. Aber auch diese Beurlaubung ging wieder zuende und durch die Auflösung meiner vorhergehenden Dienststelle, wußte ich nicht, wo geht es jetzt hin. Wieder einmal nahm ich den Stuttgarter Zug, den ich so oft benutzte. Das war wieder schwerer, weil Du Dir auch Sorge machtest, was nun werden würde. Weit kam ich von Lille nicht weg, doch damals schien es mir schwerer, als ich es bei meiner heutigen Lage ansehe. Schließlich hatte ich mich auch in Douai eingelebt und meinen Posten ausgefüllt. Eine Sorge und viel Kopfzerbrechen machte mir Deine Erkrankung. Ich wußte doch, daß Du ziemlich darniederlagst und keine Hilfe und Unterstützung hattest. Dazu waren noch die Kinder zu versorgen. Schließlich setzte sich die Gesundung doch wieder durch und ich konnte dann wieder lesen, daß Du es wieder geschafft hast. Da Ihr dann Gelegenheit hattest, nach Leipzig zu fahren, war wohl eine neue Belastung für Dich, aber auch ein Zeichen dafür, daß Du alles gut überstanden hast. Daß mir das außerdem noch eine Freude war, dieses letzte Wiedersehen mit Deiner lieben Mutter zu begehen, habe ich Dir früher schon öfter erklärt und brauche das heute nicht weiter besonders betonen.  Nun stand schon länger ein weiterer Urlaub von mir in Aussicht.  Dieses Wiedersehen war durch einen Schmerz überschattet, der die Freude nicht in dem Maße aufkommen ließ wie bei früheren Gelegenheiten. Andererseits war ich so froh, bei Dir sein zu können, damit Du über den ersten Schmerz, der Dir durch den Tod Deiner lieben Mutter entstanden war, hinwegkommen konntest. Daß ich Dir dabei eine Stütze sein konnte, bedeutet mir heute noch eine Genugtuung. Obwohl ein Wiedersehen für Weihnachten  oder Neujahr 1941 in Aussicht zu stehen schien und schließlich auch möglich gewesen wäre, es mußte leider unterbleiben. Mit Ungeduld wartete ich diesmal dar auf, Euch noch einmal sehen zu können. Ich wußte ja schon von der bevorstehenden Versetzung. Da ich Dir dies lieber persönlich sagen als schreiben wollte, lag darum nur zu nahe. Ende Februar dieses Jahres ging dann dieser Wunsch auch in Erfüllung. Obwohl ich Dir diese Mitteilung machen mußte, konnten wir bei diesem letzten Male ungetrübte Tage verleben. Die Bilder, die wir während dieses Urlaubs machen konnten, zeugen davon, daß wir die Tage unbeschwert hingenommen haben. Das Bild von Dir, das wir in Kathrinen aufnahmen, steht jetzt mit auf meinem Schreibtisch. Wenn ich Dich ansehe, scheint es so, als wolltest Du lachen. Es ist aber mehr ein Lächeln. Ich freue und erinnere mich dabei jedesmal an jenen Samstagnachmittag, wo wir dort draußen waren.  DAß ich die mir gebotene Gelegenheit für den kurzen Urlaub, den man mir von Douai aus gewähren wollte, nicht benutzte, wirst Du wohl einesteils verstehen. Wie Du meinen Entschluß aufgenommen hast, weiß ich noch nicht, denn ich habe ja schon solange keine Nachricht von Dir. Mir scheint, daß der Abschied, den wir diesmal gehabt hatten, verhältnismäßig schwerer geworden wäre, weil feststand, daß etwas Leichteres nicht kommen würde.  DAß ich Dir dann die immerhin erleichternde telegrafische Mitteilung machen konnte, daß ich nicht zur kämpfenden Truppe zurückkäme, wird Dir, das nehme ich an, das alles nicht ganz so schwer sein lassen, wie es früher erst schien. Ich weiß, Du hättest auch das getragen, weil Du dieses Los nicht allein getragen hättest, sondern ungezählte deutsche Frauen unter dem gleichen Schicksal wußtest. Nun sitze ich hier seit bald 3 Wochen auf der neuen Dienststelle. Habe wohl meine Arbeit, die aber doch nicht den Tag und vor allem den Abend voll ausfüllt. Manchmal kommt man sich vor wie ein Gefangener und möchte gerne ausbrechen, doch wo dann da Mauern zu sein scheinen, sind keine. Man stößt ins Leere. Ich hoffe,, über diesen scheußlichen Zustand hinwegzukommen, wenn ich mir etwas Arbeit mache. Vorwiegend beschäftige ich mich ja mit Briefeschreiben, das ist mir gewißermaßen Erholung.  So sind nun die vergangenen zwei Jahre hingegangen. Ausgefüllt mit Arbeit, mit der Umgewöhnung und Anpassung an neue Lebensverhältnisse, Aber auch mit dem Warten auf neuen Urlaub und damit auf eine Entspannung und Herauslösung aus dem bisherigen Leben. Wie lange dies nun noch so weitergeht, ist ja noch nicht abzusehen. Hoffen wir, wie ich das in verschiedenen Briefen zum Ausdruck gebracht habe, daß dieser Krieg einmal ein baldiges Ende nehmen möge.  Anläßlich dieses Jahrestages habe ich heute nun in großen Zügen einmal das noch einmal geschildert, was sich in meinem Soldaten  Beamtenleben an wesentlichen Dingen ereignet hat. Alle diese Dinge sind Dir ja samt und sonders bekannt, aber ich habe sie uns in dieser Zusammenfassung vor Augen führen wollen, denn erst so merkt man, was sich alle in dieser Zeit ereignet hat und wie lange doch eigentlich diese Zeit schon her ist, seit ich das erste Mal meine Lieben, von Euch Abschied genommen habe.  Ich will bei dieser Zusammenfassung nicht bleiben, ohne dem Wunsch und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß wir den Rest dieses Krieges genau so gesund überstehen wie bisher, damit wir in dem dann auch wieder einmal kommenden Frieden noch viele Jahre gemeinsam all den Verpflichtungen nachgehen können, die das Leben von uns fordern kann.  Ich grüße Dich und die Kinder heute recht herzlich. Bitte Dich, an Vater ebenfalls herzliche Grüße auszurichten. Euch Dreien sendet aber recht herzliche Küsse Dein Ernst.

Brief 250 vom 12./14.5.1942


Mein liebes Mädel !                                                           12.5.42                                                 

Wie sich das Wetter entscheidet, steht immer noch nicht fest.  Wird es nun Frühjahr oder bleibt es Winter. Der Wechsel ist immer so stark, daß man fast Zweifel hegen könnte, wie es sich entscheidet. Heute ist es draußen wohl wieder etwas wärmer, aber das ist meist nicht von langer Dauer. Durch Zufall erfuhr ich gestern von unserem Oberinspektor von einem Arbeitskameraden, der mit mir beim Stadtkommissar in Lille tätig war. Dieser Oberinspektor hat mit diesem Mann in Griechenland zusammengearbeitet. Heute höre ich nun, daß dieser Mann kürzlich auch in Krementschuk war, wo ich doch zuerst hingeleitet wurde und das nur rund 200 km südöstlich von hier eingesetzt ist. Man sieht doch daraus, wie klein die Welt eigentlich ist. Es hätte eigentlich erst so kommen sollen, daß dieser Mann hier eingesetzt werden sollte. Jetzt ist er aber zu der anderen Dienststelle gekommen. 
Vorhin ist mein neuer Zimmergenosse aus dem Urlaub zurückgekommen. Den ersten Eindruck, den ich von diesem Mann gewonnen habe, ist nicht der, daß ich mir sagen könnte, es wäre mir zeitlebens ein Vergnügen mit ihm zusammen sein zu können. Vielleicht bessert sich dieses Bild im Laufe der Zeit, das läßt sich nun einmal nicht so machen, daß man sich die Mitmenschen bestellt, wie man sie gern haben möchte. Man kann sich ja schließlich trösten, daß der Krieg nicht ewig dauert. 
Bettzeug habe ich jetzt also auch bekommen. Nun sieht das alles schon etwas menschlicher aus. Man muß immer Ausdauer haben in der Verfolgung seiner Ziele, denn sonst erreicht man hier nichts. 
Von unserer Dienstreise fällt mir noch etwas ein, was Dich vielleicht interessieren wird. Die Leute, die draußen auf den früheren russischen Staatsgütern eingesetzt waren, leben ja ziemlich einsam draußen, doch sie sind gewissermaßen die Herrscher aller Heerscharen. Daß die Leute mit Einrichtungsgegenständen nicht gerade überhäuft sind, nachdem die Russen all das zerstört haben, was ihnen noch möglich war, das läßt sich wohl denken. Bei einem dieser Bezirkslandwirte wurden uns dann Kinderteller vorgesetzt. Auf diesen waren Kinder abgebildet, wie es wohl der Wunschtraum der früheren Machthaber gewesen sein mag, viele auch nicht, denn das kann man ja auch nicht kontrollieren.
Die darauf abgebildeten gesunden Kinder, verdankten ihren Eindruck nur einem Spruch, der darüber stand, denn der hieß: „Iß und trinke, damit du kühn und stark wirst wie Woroshilow“. Soweit ging also schon die Sowjetpropaganda, daß man auf den Kindertellern seine Parolen anbringen mußte. Spaßiger war es bei dem anderen Landwirt, der hatte für 6 Mann nur 2 Trinkgläser und 4 Eßgeräte zur Verfügung. Das ist aber nun wieder weniger schlimm, indem man sich hilft und wartet, bis die anderen fertig sind. Das sind so kleine Episoden, die sich unterwegs hier ereignen können. 
Wenn Du mir ab und zu eine Zeitung schicken könntest, ganz gleich, ob es eine Illustrierte oder eine andere Zeitung ist, würdest Du mir eine Freude bereiten. Aber bitte sei so lieb, nicht zuviel. Tageszeitungen bekommen wir hier nicht.  Unser Radioapparat tut z.Zt. nicht, so daß man auch nicht immer auf dem Laufenden ist. Man erfährt dann doch wieder einmal, was in der übrigen Welt draußen vorgeht, wenn es meist auch schon überholt ist, aber das macht ja nichts, denn man ist ja in dieser Beziehung so anspruchslos geworden. 
Wie Du aus dem Durchschlag schon siehst, habe ich heute auch an Helga und Jörg geschrieben.  Ich weiß ja nicht, ob beide Briefe zu gleicher Zeit eintreffen.  Für heute Euch allen recht herzliche Grüße und Dir viele Küsse sende Dein Ernst. 
Sende mir doch bitte auch nochmals die Postkarten mit, die Du mir einmal nach Frankreich gesandt hattest. Es sind die vom Bodensee, die Nachbildungen des Malers Dieter sind.  Ich möchte sie mir hier an meine kahle Wand machen, damit es ein wenig freundlicher aussieht.

Mein liebstes Mädel !                                                           12.5.42           

Ich bin immer froh, wenn wieder so ein Tag herumgegangen ist. Man hat dann doch einmal ein wenig Zeit und kann sich dann zu Bett legen, so daß man von allem eine ganze Weile nichts mehr hört und sieht. Der Tag hatte ja heute nicht schlecht angefangen. Ich bin zwar kein Freund davon, daß man schon am frühen Morgen Lorbeerkränze überreicht bekommt. Der Oberst traf mich heute früh und bedankte sich bei mir für den Bericht von der Dienstreise und sagte, daß ich diesen sehr gut gemacht hätte und vor allem nur das kurz und knapp beschrieben hätte, was wesentlich sei. Mir ist es bei solchen Sachen immer etwas peinlich zumute. Ich bin dann immer froh, wenn diese Dinge wieder vorbei sind. Andere würden natürlich ein großes Gegacker mache, wie eine Henne, wenn sie ein Ei gelegt hat. Manchmal bedauere ich, daß ich das nicht auch in der Weise kann. Andererseits bin ich aber auch wieder froh darum, daß ich mich in dieser Hinsicht immer noch nicht geändert habe.  Wenn es die Leute von selbst merken, soll es mir recht sein, die, die es nicht merken oder nicht merken wollen, sollen es bleiben lassen. 
Jetzt wird es vielleicht doch warm werden. Heute Abend ist es nicht einmal kalt draußen, wie es in den letzten Nächten immer noch der Fall war. Als ich vorhin draußen war, denn wenn man hier etwas verrichten muß, muß man erst ein Stück über den Hof laufen, konnte ich feststellen, daß eine ganz linde Luft ging. Der Sternenhimmel war schön zu sehen. Der Große Wagen stand direkt über unserem Haus. Die Grillen zirpten und die Frösche im nahen Sumpf quakten. Es war eine fidele Abendstimmung, die die Nähe des Krieges nicht verspüren ließ. Hoffen wir, daß es bald wieder weitergeht, damit wir die Nähe des Friedens merken können. 
Denn sobald der Vormarsch wieder einsetzt, kommen wir ja dem Frieden und damit dem Kriegsende näher und näher. Ich hoffe, daß Dir die Blumen, die ich zum Muttertag in Konstanz bestellt und bezahlt hatte, von dem Geschäft Stadtmüller am Sonntag rechtzeitig zugestellt werden. Ich konnte ja nichts weiter tun, denn hier kann man ja rein nichts kaufen. Das war im letzten Jahre in Frankreich im bescheidenen Maß möglich. Zum Geldausgeben hat man fast keine Gelegenheit. Du brauchst mir hier also keine Zuschüsse mehr leisten, wie das bisher in Frankreich der Fall war. Wenn ich aber bedenke, was ich habe alles für Euch kaufen können, so bin ich wirklich froh darum, daß ich die Gelegenheiten, die sich im letzten Jahre noch boten, ausgenützt hatte. Mit manchen Sachen kannst Du Dir doch heute noch helfen und ich glaube mit manchen Bekleidungsstücken wärst Du schlecht bestellt. Darum tut mir auch das dort verwendete und ausgegebene Geld in keiner Weise leid, im Gegenteil freut es mich, wenn ich weiß, daß Du  Dir manchen Weg dadurch ersparen konntest und damit manche Erleichterung hattest. Die Kosten, die mir jetzt bei der Wiederaufnahme der Familienforschung entstehen, kann ich alle jetzt selbst bestreiten. Dafür habe ich noch immer Geld zur Verfügung. Du wirst also von mir dafür nicht in Anspruch genommen. Wenn Du Dir also Rücklagen machen willst, so hast Du ja jetzt Gelegenheit dazu. Ich weiß ja, daß auch Ihr keine großen Sprünge machen könnt, weil Euch in jeder Beziehung die Flügel beschnitten sind.  Ich bedaure es, daß ich Euch von dem überschüssigen Brot, das ich jeden Tag habe, nichts schicken kann, entweder wird es zu trocken oder es wird schimmlig. Du siehst daraus, daß wir hier bestimmt nicht knapp leben. Ich sende Dir und den Kindern recht viele und recht herzliche Grüße und Küsse. Bleibt mir gesund und denkt auch immer wieder an Euren Vater. Ernst. 

Mein liebstes Mädel !                                                          14.5.42   

Um einen Tag hatte ich mich gestern geirrt. Ich nahm an, daß erst der 12. sei, doch wie ich heute feststellen konnte, waren wir schon einen Tag weiter. es soll auch so recht sein. Meinen gestrigen Brief konnte ich gleich einem Kameraden mitgeben, der nach Deutschland auf Urlaub fuhr. Wenn ich diesen Brief noch rechtzeitig fertig bekomme, geht dieser vielleicht auch noch mit. Ich weiß ja nicht, in welcher Weise und in welcher Reihenfolge Dich meine Post erreicht, ich hoffe aber, daß Du mir nicht böse sein wirst, wenn Du einmal einen Brief früheren Datums erhältst. Heute haben wir richtiges Himmelfahrtswetter, das war in früheren Jahren immer Anlaß gewesen zu einem Ausflug, soweit das Wetter dies zuließ. Vor Jahren fuhren wir mit dem Rad in die Gegend. Ich kann mich gut erinnern, wie wir Pfingsten mit den Kindern einmal nach Lindau fuhren. Wenn die Fahrt auch anstrengend war, so war sie doch schön. Heute müßten ja unsere Beiden selbst mitstrampeln, wenn sie mitkommen wollten, denn jetzt könnte man sie schlecht noch auf längere Strecken mitfahren, weil sie zu schwer sind.  Pfingsten rückt nun immer näher. Eine andere Fahrt kommt mir da in den Sinn. Diese machten wir mit dem Faltboot und zwar war das unsere erste große Unternehmung. Wir waren ja noch Neulinge und wollten nach Schaffhausen fahren. Wenn man sich das überlegt, dann kann man sich nur wundern, mit welcher Einfalt man damals einfach loszog. Die Rückfahrt hat uns dann auch entsprechend belehrt. Aber als dann alles gut gegangen war, hat man sich doch gefreut, daß alles doch noch so geklappt hatte. Auch dieses Geschehnis liegt jetzt genau 10 Jahre zurück. Diesmal hockt man nun in dem lausigen Rußland und hofft, daß dieser ganze Krieg bald einmal ein Ende nehmen wird. Eine freudige Meldung konnten wir ja gestern schon hören, daß es im Südenden Russen bei unserem ersten größeren Angriffsunternehmen ziemlich Verluste an Gefangenen und Material gekostet hat. Bald wird dann auch die Zeit kommen, wo es an anderen Stellen weitergehen wird.  Daß unsere Küche sehr erfindungsreich ist, wenn es sich um die Namen der Speisen handelt, habe ich Dir ja schon einmal geschrieben.  Neulich stand auf dem Speisezettel „Spätzle mit Fruchtsaft“.  Obwohl ich nun nicht gerade ein Verfechter für sämtliche Spätzlegerichte bin, hatte ich mich doch gefreut, wieder einmal etwas vorgesetzt zu bekommen. Meine Überraschung war dann aber doch ziemlich groß, als mir dann, als mir dann lauter gekochte Mehlkugeln serviert wurden, die man alle einzeln zerbeißen mußte. Ich weiß nicht, wie man das sonst näher bezeichnen sollte. Alle waren wie Kaugummi. Gegessen hat man sie dann doch, wenn es auch alles andere war wie Spätzle. Im großen und ganzen  ist das Essen hier bestimmt in Ordnung und satt bin ich bis jetzt noch jedesmal geworden. Die ländlichen Einwohner stellen ja meist hier weniger Ansprüche. Von früh bis Abend kannst Du die Leute hier sehen, wie sie Sonnenblumenkerne kauen. Ich nehme an, daß sie auch noch anderes essen, aber auf der Straße und wo sie sonst noch herumstehen, sie beißen. Meist haben sie dann die Schalen  der Kerne auf den Lippen und dann muß man aufpassen, daß sie einem die Schalen nicht in das Gesicht spucken. Die Leute sind aber zufrieden und kennen das nicht anders. Große Bedürfnisse haben sie hier nicht, darum ist auch der Lebensstandard bedeutend niedriger wie bei uns. Ich schrieb Dir ja schon einmal man wundert sich, mit wie wenig ein Mensch auskommen kann. Ich will aber dabei betonen, daß ich mich, nachdem ich es nun einmal anders kennen gelernt habe, bestimmt nicht dabei wohlfühle, wenn ich hier so leben muß.
Recht herzlich grüße ich Dich und die Kinder. Ich wünsche Dir und den Kindern ein gesundes Pfingstfest, ich wünschte mir, daß wir einmal die Möglichkeit hätten, bald einen dieser Feiertage gemeinsam verleben zu können. Bleibt mir vor allem gesund, das ist heute alles, was ich als erstes wünschen kann. Nimm Du aber recht viele Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Brief 249 vom 10./11.5.1942


Meine liebe Frau !                                                       10.5.42                                               

Den dritten Sonntag habe ich nun schon hinter mir in diesem Dorf.  Für deutsche Begriffe ist dies schon zuviel gesagt. Unterschiede hat man ja keine weiter zwischen Sonntag und Werktag, das habe ich Dir ja gestern schon geschrieben.
Wenn einem früh Kuchen auf den Tisch gestellt wird, dann weiß man, daß nur am Vormittag gearbeitet werden soll. So haben wir es auch heute gehalten. Nach dem Mittagessen habe ich mich eine Weile länger umgelegt. Ein Kamerad hat mich dann abgeholt zum Spazierengehen. Die Strecken sind ja hier so kurz, daß man bald seinen Spaziergang beendet hat. Man ist, wenn man etwas weiter geht, gleich aus der „Stadt“ draußen. Zum Kaffeetrinken sind wir dann in das Soldatenheim gegangen, ebenfalls zum Abendessen. Es gab da Bratkartoffeln und Rührei. Den Nachmittag habe ich also hinter mich gebracht.
Ich hatte erst die Absicht, an die Kinder einen Brief mit Maschine zu schreiben, aber heute Nachmittag war die Maschine besetzt, so daß ich das zu einem anderen passenden Tage nachholen werde.  Heute habe ich einen anderen Wunsch auf dem Herzen. Schreibe mir doch bitte einmal aus dem Anstellungsschreiben zum außerplanmäßigen Assessor die in diesem Schreiben festgelegten Artikel heraus, auf die das Anstellungsverhältnis begründet ist. Ich will mich vielleicht einmal an Pfluger wenden, wenn der noch auf dem Amte ist, daß er mir einmal diese Auszüge aus den entsprechenden Bestimmungen verschafft. Ich will einmal wissen, ob sich die Möglichkeit bietet, daß man, nachdem ich jetzt bald ein Jahr diesen hohen Dienstrang versehe, wieder anhaken kann. Ich wollte Dich erst bitten, auf das Rathaus zu gehen und dies dort zu besorgen, aber das wirst Du nicht gern wollen, darum wähle ich diesen Weg. Daß ich die Inspektorprüfung beim letzten Lehrgang nicht mitmachen konnte, ist ja nicht auf mein Verschulden zurückzuführen. Mein Chef hat mich sowieso schon gefragt, warum ich noch nicht Sekretär bin, wenn ich diese Prüfung schon hinter mir habe. Ich denke, wenn man sich nicht rührt, kümmert sich kein Mensch mehr um diese Sache. Ich will aber nicht, daß das in Vergessenheit gerät. 
Einen weiteren Wunsch habe ich dann noch. Besorge mir doch bei Gelegenheit Inspiroltabletten, die, die ich da habe, gehen so langsam dem Ende zu. Ich denke, daß Du mir diese Wünsche erfüllen kannst, ohne daß Du besonders große Schwierigkeiten dadurch hast.
Mit dem Garten wirst Du jetzt auch schon viel Arbeit haben, hoffentlich geht es Dir in diesem Jahr nicht so wie es im vergangenen Jahre war. Denn ich würde mir deshalb große Sorgen machen.  Ich bitte Dich darum, nimm Dir nicht gar zuviel vor. Ich will zusehen, daß ich hier noch einmal Samen von Möhren und Zwiebeln bekomme, damit Du diesen im nächsten Jahr hast. Die anderen Sachen, die ich in Frankreich noch besorgt hatte, hast Du hoffentlich erhalten. Diese Arbeit wird Dich sehr in Anspruch nehmen. Die Kartoffeln werden ebenfalls viel Arbeit gemacht haben.  Bei uns ist es ja nicht so wie hier, daß man dem Boden nachhelfen braucht, weil er an sich schon fruchtbar ist, sondern man muß doch immer etwas dazutun.
Es hat mir leid getan, daß ich nicht noch ein paar Tage hatte heimkommen konnte, denn dann würde ich wenigstens gerade die Arbeit mit dem Setzen der Kartoffeln übernommen haben. Ich bitte Dich darum nochmals, nimm Dir nicht zuviel von der Arbeit vor und lasse lieber etwas liegen, als daß Du mir dann wieder auf der Nase liegst. 
Denk einmal an, welchen Sonntagsgenuß ich heute noch hatte. Vorhin habe ich mein Monatsquantum französischen Rotwein ausgeschenkt erhalten. Davon habe ich mir ein Teil genommen, und damit ich noch einige Tage etwas davon habe, habe ich mir den Rest aufgehoben. Ist das nicht etwa etwas Festtägliches.
Ich grüße und küsse Dich und die Kinder nun recht herzlich. Dein Ernst.

Meine liebe, gute Annie !                                                     11.5.42         

Meinen Bericht über unsere Dienstreise hatte ich unserem Oberkriegsverwaltungsrat vorgelegt, bevor ich ihn unserem Oberst weitergab. Heute hat er mir nun gesagt, daß es gut sei. Aus seiner Äußerung merkte ich heraus, daß er das nicht erwartet hatte. Denn als ich ihm sagte, daß ich das von meinen Aufzeichnungen glatt in die Maschine geschrieben hatte, sagte er mir nochmals, daß das schon so an sich gut sei. Heute habe ich nun das Arbeitsgebiet unseres Oberinspektors übernommen. Der Oberst hatte ihn heute gefragt, ob er der Ansicht sei, daß ich diese Arbeit wohl machen könnte. Er hat ihm darauf geantwortet, daß der Assistent schon in Ordnung sei nach dem, was er bis jetzt gesehen habe und im übrigen soll man den Leuten nur Gelegenheit geben zum Arbeiten. Der Oberst hat ihm darauf geantwortet, daß er auf der Reise gemerkt hat, daß ich schon brauchbar sei. Diese beiden Sachen, die zwar wie Eigenlob erscheinen, habe ich heute vorausgenommen, denn ich denke, daß Dich auch einmal sowas interessiert, nicht nur immer meine Klagen von den letzten Tagen. Mit der anderen, mir jetzt übertragenen Arbeit, werde ich mich  in den nächsten Tagen soweit als möglich vertraut machen, denn Angst habe ich auch nicht vor etwas Neuem, denn ich werde mich schon irgendwie hineinfinden. 
Freuen würde ich mich, von Euch bald einmal wieder Post zu erhalten. Ich denke, daß es in einer Woche bald soweit sein wird. Ja, die Geduld darf man da nicht verlieren. Das Wetter ist hier immer noch sehr wechselhaft. Warum will es auch in diesem Jahre nicht recht werden. Ich kann mich entsinnen, daß es im letzten Jahr genau so kühl war. Ich weiß, ich hatte da mein Zimmer und konnte weder im Zimmer noch nachts im Bett recht warm werden Die einzige Gelegenheit zum Aufwärmen hatte ich auf dem Büro. Aber das ist hier nicht einmal der Fall. Ich nehme alles, was einigermaßen in der Nacht zum Zudecken geeignet erscheint, denn es ist ziemlich kühl. Beim Mittagessen muß man zusehen, daß man möglichst heiß ißt, sonst kommt man überhaupt nicht zu Wärme. Gestern habe ich zwar etwas Zuteilung an Wein bekommen. Es soll französischer sein, er scheint wohl etwas getauft zu sein, aber wenn man so Tag für Tag allein ist ohne richtigen Kameraden, so ist auch ein getaufter Rotwein etwas ganz besonderes. 
Ich will noch an Kurt heute schreiben, denn ich weiß ja auch noch nicht, wo er sich jetzt befindet. Darum bitte ich Dich wieder, diesen Brief an ihn weiterzuleiten. Außer dem Brief, den ich an die Kinder schreiben will, habe ich jetzt keine Verpflichtungen mehr. Ich habe zwar Deinem Vater und an Siegfried nur eine Karte geschrieben, wenn es mir anfällt, werde ich ihnen auch noch einen Brief zukommen lasse, aber das hängt ganz und gar von meiner Stimmung und Laune ab.  Der andere Assistent soll auch in diesen Tagen zurückkommen, Ich muß mir deshalb wieder ein Bett suchen, denn bisher habe ich in dessen Bett geschlafen. Ich denke, daß ich vielleicht auch etwas Bettzeug bekomme, obwohl ich keinen Anspruch darauf habe. Um jedes Stück, was man braucht, muß man erst ewig reden und jedes Mal kämpfen, bis man das endlich bekommt. Auch dann ist es meist noch nicht sicher, daß man es erhält.  Ich hoffe, daß Ihr, meine Lieben, alle gesund seid, was ich ja von mir auch mitteilen kann. Denn den Schnupfen den ich habe, werde ich bei dieser Witterung nicht so schnell loswerden.
Das ist ja auch nicht so schlimm. Ich sende Dir und unseren Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse und bin immer Dein Ernst

Brief 248 vom 8./9.5.1942


Mein liebes Mädel !              8.5.42                                                                                  

Heute sind wir wieder glücklich und sogar ohne Zwischenfall hier gelandet. Wir sind wieder mit dem Lastkraftwagen gefahren. Diesmal hatte ich mir aber einen Staubmantel besorgt, der mir gute Dienste geleistet hat. Es drang doch der Staub nicht bis auf den Körper durch. Die Wege waren durch den Wind schön abgetrocknet, so daß das Fahren schon ganz gut möglich war.
Man kann sich immer nur wieder wundern, wie schnell die Straßen nach dem vielen Schlamm befahrbar werden. Wenn man hier von schönen Straßen spricht, so sind das nach unseren Begriffen immer noch Feldwege, aber nur etwas breiter wie diese, sonst besteht da wirklich kein Unterschied. Nachdem ich mich wieder gesäubert hatte, habe ich mein Mittagsmahl wieder hier eingenommen. Am Nachmittag habe ich dann meinen Dienst aufgenommen, so daß alles soweit im alten Geleise ist. Ich habe gestern noch ein Kilo Butter besorgen können. Die habe ich vorhin noch verpackt und schicke sie Dir mit zu. Sie wird sich nach der langen Reise sicher nur noch zum Kochen verwenden lassen. Ich denke, wenn Du sie ausläßt und dann mit verwendest, kannst Du Dir doch auch wieder etwas damit helfen. Ich habe hier mein Teil, Du brauchst Dir deshalb keine Sorge zu machen, wenn ich sie nicht für mich hier behalte. Die Päckchen laufen unter der Nummer 2 und 3. Hoffentlich treffen sie gut bei Dir ein. 
Ich bin heute etwas übermüdet und will darum schon meinen Brief beenden. Bleibt mir nur gesund und nimm Du sowie auch die Kinder recht herzliche Grüße und viele Küsse entgegen von Deinem Ernst. Ich erhielt vorhin noch einige Briefmarken, die ich zum Aufheben mit beifüge.

Meine liebste Annie !             9.5.42              

Morgen ist schon wieder Sonntag und ich bin bereits 14 Tage hier.  Dann sind auch 4 Wochen vergangen, seit ich aus Frankreich weggefahren bin. Wenn man solche Zeitabschnitte übersieht, merkt man erst, wie eigentlich die Zeit vergeht. In diesen Tagen, am 15. sind dann genau zwei Jahre vergangen, daß ich beim Militär bin.  Meine ordentliche Dienstzeit habe ich trotz meines Alters, denn über das dienstpflichtige Alter wäre ich ja in normalen Zeiten hinaus gewesen, abgeleistet. Damals glaubten wir nicht, daß man solange mitmachen müßte. Man wächst ja aus allem heraus, wenn man dieses Landeserleben weiterführen muß. Heute hier und morgen da.  Nirgends gehört man hin und doch hat man schließlich ein Zuhause, das ein Anrecht auf einen hat. Aber was nützt das Hadern mit dem Schicksal, man muß immer wieder abwarten und hoffen, daß dieser Kampf auch einmal ein Ende hat. Wenn es nur einmal wieder weitergehen würde, damit man sich sagen kann, das ist wieder ein Stückchen dem Endziel näher. Wie gesagt, man muß ausharren und darf den Mut nicht verlieren.
Hier merkt man ja keinen Unterschied zwischen Samstag, Sonntag und den übrigen Wochentagen. Heute war wieder Dienst bis 6,30 Uhr. Morgen wird bis Mittag gearbeitet.  Als besondere Vergünstigung muß man ansehen, daß man nicht zum Wehrdienst eingeteilt wird. Wenn man wenigstens einen Erfolg bei der ganzen Sache sehen würde, dann hätte man doch eine Befriedigung. Man kommt aber abends heim und fragt sich, was man so den Tag über geleistet hat. Am Ende ist es nichts. So geht das dann tagaus tagein. Solange ich in Frankreich war, konnte ich doch immer noch sagen, in diesem oder jenem Arbeitsgebiet habe ich das und das zu tun gehabt, das ist aber bis jetzt hier noch nicht der Fall. Ich hoffe, daß dies jetzt anders werden wird.
Unser Oberinspektor wird von uns versetzt, jetzt soll ich hier das Sachgebiet der Steuern bearbeiten. Das eigenartige ist dann immer, daß man dann nur Arbeiten hat, die dann für hohe Tiere vorgesehen sind. Ich denke aber, daß ich durch die Übertragung eines selbständigen Arbeitsgebiets etwas mehr von der Arbeit habe wie bisher.
Heute habe ich noch an unserem Reisebericht zu schreiben gehabt. Morgen werde ich mich dann in das neue Arbeitsgebiet knien. Die Menschen sind hier meist sehr nett und ich komme auch soweit gut mit ihnen aus. Genau so ging es mir, als ich dieser Tage auf Dienstreise war, ich traf da einen Hauptfeldwebel, der mich gleich nach dem ersten Essen, bei dem er mich sah, zu sich einlud. Es war ein Wiener und ein wirklich netter Mensch. Auch hier kenne ich einige Kameraden, die mir anständig entgegenkommen. Aber denkst Du, daß ich ihnen irgendwie in einer Beziehung näher kam wie meinetwegen früher in Lille oder gar in Douai.
Ich weiß, daß ich mich nicht gleich mit jedem anfreunden und nicht jedem gleich vertrauen kann. Es waren nur wenige, mit denen ich mich verstand, die habe ich aber alle hergeben müssen.
Wenn man nicht so bei seiner Familie sein kann und dann auch von den Kameraden, die man im Laufe der Zeit gefunden hatte, wieder weg muß, dann erscheint einem alles doppelt schwer. So hat man doch immer jemand gehabt, mit dem man über verschiedene Sachen reden konnte.
Die Postverbindung mit Dir ist auch so langwierig, so daß man ganz im Leeren sitzt. Ich weiß, ich habe Dir vor einem Jahre etwa ähnlich geschrieben. Ich glaube aber auch, daß ich zu sehr an dem Alten, nun einmal angewohnten, klebe, es ist aber  so schwer, wenn man gern aus seiner Haut heraus möchte und kann nicht so wie man will. Du wirst denken, das ist heute ein ganzer Jammerbrief, nimm mir das bitte nicht übel, denn ich muß mir das einmal herunter schreiben, weil ich sonst doch keine Möglichkeit habe, es jemandem zu sagen. Dagegen helfen auch alle Kraftausdrücke nichts, die man sonst bei solchen Gelegenheiten beim Militär anzuwenden pflegt. Ich frage mich nur immer, wie mache ein Glück haben und andere die treibt es nur so herum.
Ich kann schließlich nicht in dem Maße klagen, wie viele andere dazu Veranlassung hätten. Aber ich denke in diesem Falle an die zwei Arbeitskameraden, die mit mir auch beim Stadtkommissar tätig waren und heute noch in Lille sitzen. Sie führen ein ruhiges und gleichmäßiges Dasein und wissen nicht, wie gut es ihnen geht. Ich werde mich durch alles auch wieder durchbeißen, das weißt Du und darum brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Nur wenn man darüber nachdenkt, dann muß man sich immer nur wieder wundern.
Ich weiß auch, daß ich hier immer noch ein besseres Leben habe, wie bei der Truppe, wenn ich zu dieser hätte zurückkehren müssen.  Doch nun genug davon. Hoffen wir eines, daß bald alles zu einem glücklichen Ende führt. Da ich Dir nun genug von diesen Sachen vorgeheult habe, möchte ich doch noch von etwas anderem schreiben, damit Du nicht denkst, ich sei ganz und gar verbiestert. 
Gestern Abend bin ich ein Stück an die frische Luft gegangen. Als ich so die Dorfstraße, denn viel anderes kann man dazu hier nicht sagen, entlangging, entdeckte ich auf einem der Bäume ein Storchennest. Unweit davon war noch ein zweites. Beide waren bewohnt.  Ich muß sagen, so ein großer Vogel sieht doch schön aus, wenn er so dahin streicht. Bei uns sind sie ja so gut wie vertrieben. Hier in diesen ausgedehnten Sumpfgebieten finden sie ja ein reiches Nahrungs- und Betätigungsfeld. Es hat direkt Spaß gemacht, wie eines der Ehegesponste auf dem Nest saß und dann feste klapperte, wenn der andere zum Nest zuflog. Ein weiterer Vogel, der bei uns sehr selten auftritt, ist mir hier sehr zahlreich begegnet, das ist die Nebelkrähe. Sie ist hier fast zahlreicher wie die andere Krähe. In Krakau hatte ich mich schon gewundert, daß in den Parkanlagen einige Bäume waren, auf denen sich rund 10 solcher Krähennester befanden. In der Stadt, in der wir dieser Tage waren, fiel mir das wieder besonders auf, daß da Krähen sich in einer Anzahl aufhielten, wie ich dies bisher noch nicht beobachtet hatte. Einen weiteren Vogel habe ich unterwegs auf der Fahrt gesehen, der mir aber bis jetzt noch nicht bekannt ist, der aber auch durch seine Größe und sein schönes Gefieder, das an das des Eichelhähers stark erinnerte, mir besonders auffiel. Elstern halten sich auch ziemlich viele in den niederen Gebüschen, das sich längs der Bahn hinzieht, auf. Schwalben konnte ich trotz der kalten Witterung, die immer noch herrscht, vergangenen Sonntag schon beobachten. Ihr Tisch wird bei den vielen Fliegen und Mücken während der wärmeren Jahreszeit auch reichlich gedeckt sein. Die Spatzen darf ich in dieser Aufstellung nicht vergessen.  Sie sind genauso frech wie bei uns und wie ich sie in Frankreich angetroffen habe. Sie sind fast überall zuhause und lassen sich in ihren Streitereien nicht weiter stören. Die Krähen sind mit den Tieren hier sogar so vertraut daß sie den Panjepferden auf dem Rücken sitzen und ihnen das Ungeziefer vom Buckel herunterlesen. Jetzt im Frühjahr, wo die Pferde viel Haare lassen, zupfen sie ihnen auch die Haare aus dem Fell, um damit ihr grobes Nest, das sie bauen, auszupolstern. Jetzt habe ich Dir also noch von etwas anderem berichtet. Ich hoffe, daß Du nun mit mir zufrieden bist. Nimm mir das andere, was ich heute sonst noch geschrieben habe, nicht übel, aber auch nicht so schwer, denn ich mußte mich wieder einmal entlasten. 
Sei Du recht herzlich gegrüßt und ich hoffe, daß Du mit den Kindern vollauf gesund bist.
Ich sende euch auch noch recht  viele Küsse und bin immer Dein Ernst.

Sonntag, 7. Mai 2017

Brief 247 vom 6./7.5.1942


Meine liebste Frau !                             auf Dienstreise, den 6.5.42                                                    

Ein weiterer Reisetag ist nun bald wieder herum, da ich jetzt eine kleine Weile Zeit habe, will ich gleich die Gelegenheit ausnutzen, um Dir wieder vom Tagesablauf zu erzählen.  Heute früh sollten wir um 6,15 Uhr marschbereit sein. Die Nacht hatte ich sehr gut geschlafen, nur der Mond, der zum Fenster herein schien, machte mich einmal munter. Da es hier viel zeitiger Tag wird, kommt man ganz aus den Geleisen. Meine Uhr, die schon seit einer ganzen Weile verstaubt ist und die ich hier nicht in Reparatur geben will, konnte mir deshalb auch nicht anzeigen, wie spät es sei. Als es ein wenig im Bau unruhig wurde, bin ich aufgestanden. Ich habe mich dann reisefertig gemacht, um den Kameraden nicht zu stören, der hier auf der Kommandantur tätig ist.
Ich habe nach langer Zeit wieder einmal eine Falle bauen müssen, was mir auch einigermaßen gelungen ist. Als ich schon ziemlich fertig war, wurde der Kommandant munter und sagte, daß ich noch eine Stunde Zeit hätte. Ich habe mich dann ganz gemütlich fertig gemacht. Wir sind dann mit dem Wagen zum Zuge gefahren. Dort haben wir wie üblich fast eine Stunde auf den Zug warten müssen. Das war auch wieder eine Lokomotive und ein Packwagen. Er hat dann die Strecke abgerollt. Am Bahnhof wurden wir wieder mit dem Kraftwagen abgeholt. Es war ein ziemlich kalter Wind, von dem wir ziemlich durchgefroren waren. Die Sitzung wurde gleich abgehalten, die dann bis gegen Mittag ging. Auffallend war, daß diese Sonderführer, die von allen Soldaten entweder Kartoffelleutnant oder Kartoffelführer genannt werden, auch unsere Mannschaften und Unteroffiziere sich sehr reserviert verhalten haben. Also von Kameradschaft keine Spur.
Nach der Sitzung wurden wir doch noch zum Essen eingeladen. Nachdem man uns vorher sowie in Bezug auf Essen versprochen hatte, waren wir doch eigentlich verwundert. Es gab wohl Suppe und dann etwas Kartoffelbrei mit Fleisch und Soße. Hinterher gab es Kompott. Da es aber im ganzen Hause durch den Sturm überall zog und es nicht geheizt war, waren unsere Wärmereserven bald wieder verschwunden. Bald fuhren wir wieder nach unserem Standort. Wir fuhren mit einem ukrainischen Fahrer. Ich habe nur gestaunt, wie dieser Kerl bei diesen Wegen gefahren ist. Wagenspuren, Dreck, Schlamm, Acker usw. wechselten in bunter Folge. Zeitweise wußte man überhaupt nicht mehr, wo Straße aufhörte und Acker anfing. Schließlich bei einem großen Schlammloch blieb der Wagen stehen. Erst ging es noch ein wenig vorwärts und dann noch ein paar Mal rückwärts, dann war es endgültig aus. Ein paar Bauern, die zufällig mit ihren Pferden in der Nähe waren, mußten anspannen. Wenn man die mageren Pferde sah, bekam man geradezu Angst, daß sie einem auf der Strecke bleiben würden. Mit vereinten Kräften haben wir schließlich den Wagen wieder flott bekommen. Ein anderer blieb dann wieder stecken, so daß wir bis zu einem anderen Wagen eine große Strecke zu Fuß laufen mußten. Der andere Wagen hat uns dann nach hause gebracht. Hier gehören solche Zwischenfälle aber zu einer Reise, sonst ist sie nicht richtig verlaufen. Daß sie zünftig war, kannst Du ja aus dem etwa entnehmen, was ich Dir geschrieben habe.  Heute küsse und grüße ich Dich sowie unsere beiden Kinder recht herzlich.  Dein Ernst.

Meine liebe Annie !                                  auf Dienstreise, den 7.5.42        

Nach dem heutigen Reisetag muß ich Dir erst noch berichten, was ich gestern Abend getrieben habe. Ich wurde von dem Spieß hier zum ukrainischen Theater eingeladen. Dieser Einladung habe ich gern Folge geleistet. Von Theaterräumen kann ja keine Rede sein, aber die Leute haben sich sehr viel Mühe gegeben. Zuerst gab es ein Theaterstück in ukrainischer Sprache. Vorher wurde eine Kurze Inhaltserklärung in deutscher Sprache gegeben, um den vielen deutschen Zuhörern gerecht zu werden. Anschließend wurden gesangliche, artistische und andere musikalische Darbietungen gebracht. Vorher Vorträge in deutscher Sprache wurden geboten, die durch die Ausdrucksweise teilweise belustigend wirkten. Ich habe mich also ganz nett unterhalten. Damit ich zur heutigen Fahrt wieder frisch bin, habe ich mich bald zu Bett gelegt, denn ich möchte da in keiner Weise auffallen. 
Heute früh ging es wieder mit Kraftwagen in anderer Richtung zu einer Versammlung. Die Straßen waren innerhalb der letzten Nacht gut abgetrocknet. Man muß staunen, wie schnell die Straßen verschlammt sind und wie schnell sie wieder befahren werden können. Ein kräftiger Wind hatte ja auch gut nachgeholfen. Ich mußte heute mich auf den Lastkraftwagen setzen, der offen war. Als wir nach unserer Reise von rund 20 km ankamen, waren wir vor Staub nicht wieder zu erkennen. Bei diesen Landwirtschaftsführern wurden wir besser aufgenommen, wie am vorher vergangenen Tage. Dort bekamen wir wenigstens nach dieser Rumpelei etwas zu essen, nach der Sitzung, die wie die anderen verlief, wurden wir noch zum Mittagessen eingeladen, um dann schon wieder gegen 1 Uhr zurückzufahren. Zuhause kamen wir wieder genau so verstaubt und verdreckt an, aber wenn man Gelegenheit hat, sich wieder zu reinigen, dann geht es schon. Dies ist ja hier in besserem Maße vorhanden, wie bei uns. Denke Dir, hier gibt es sogar fließendes Wasser.
In dem Kommandanturgebäude befinden sich Einrichtungen höchsten Kulturfortschrittes  ein Wasserklosett , diese Errungenschaft der Menschheit habe ich hier wieder einmal ausnutzen dürfen. Das ganze Gebäude hat Dampfheizung. Ja, Dir wird es genau so gehen wie mir es gegangen ist, man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Das war ein Gebäude der russischen Staatsbank, das noch nicht sehr lange steht. In Frankreich habe ich schon Gelegenheit gehabt, lotterige Arbeit zu sehen, hier bei diesem neuen Gebäude war durch den Regen die ganze Decke in der großen Empfangshalle versaut. Ein weiterer Fortschritt zu uns bedeutet, daß hier das Licht sogar fast die ganze Nacht brennt, wo es bei uns doch schon gleich nach 10 Uhr ausgeht. Man kann also immer noch Wunder erleben. Morgen werden wir wieder mit Kraftwagen zurückfahren, wie mir bekannt gegeben worden ist. Ich bin gespannt, welche Hindernisse dabei auftreten werden. Ich bin jedenfalls auf alles gefaßt. 
Als ich Dir kürzlich von den Schriftstücken schrieb, die sich noch bei Deinem Vater befinden, wird Dich etwas ganz besonders interessieren und Dir Freude bereiten. Es ist ein Rezeptbuch Deines Großvaters. Es stehen manche nette Sachen darin, doch die dazu benötigten Mittel sind für den heutigen Vorrat an Eiern beispielsweise unmöglich, aber das macht ja nichts, es kann ja sein, daß auch wieder einmal andere Zeiten kommen. Herzlich grüße und küsse ich Dich.  Ich hoffe, daß Ihr alle gesund seid.
Man hört immer wieder von englischen Fliegerangriffen auf Südwestdeutschland, so daß man immer in Sorge ist, vor allem, wenn man immer solange auf Nachricht waren muß. Ich werde mich aber dreinschicken müssen, denn ich kann leider nichts dazu tun. Gib unseren beiden Stromern jedem einen recht herzlichen Kuß, Du selbst sei aber nochmals recht fest geküßt von Deinem Ernst.

Brief 246 vom 4./5.5.1942


Meine liebe Annie !                                                    4.5.42                                                    

Gestern Abend habe ich mich einmal an unsere Familienforschung gemacht, um diese Sache wieder in Schwung zu bringen, solange ich jetzt Zeit dazu habe. Von Deinem Vater erhielt ich die Adresse eines unserer Verwandten, an den ich gestern auch geschrieben habe. Ich müßte aber von Dir einmal eine Abschrift über die Dinge erhalten, die aus Deiner Familie schon vorhanden sind, damit ich entsprechend weiterarbeiten kann, wenn ich von diesem Herrn Nachricht bekommen sollte. Erna zeigte mir noch verschiedene Sachen anläßlich meines Besuches in Leipzig, die mir Dein Vater versprochen hat. Unter anderem alte Schulzeugnisse aus dem Jahre 1810 usw., außerdem eine alte Zeichnung von irgendeinem der Michel. Wenn Du es siehst, wirst Du sicher auch Deine Freude daran haben. Dein Vater sagte mir, daß dieser Hugo Michel, der Tierarzt in Nixdorf bei Seveniz (oder Sebeniz) ist, ziemlich den Stamm Michel hat zurückverfolgen können. Dein Vater und auch Siegfried haben anscheinend nicht das Interesse daran wie wir, jedenfalls nicht über das hinaus, was sie unbedingt wissen müssen. Darum wird bei uns das alles auch am besten aufgehoben sein, was noch in Leipzig an Unterlagen vorhanden ist. Ich habe gestern außerdem noch nach Zerbst und nach Köthen geschrieben, damit einmal die Lücken, die noch verschiedentlich bestehen, ausgefüllt werden. Was ich in der Hauptlinie von mir weiter unternehmen kann, weiß ich noch nicht. Sieh doch bitte nach, wenn Du Zeit dazu hast, was ich da aus Groß Rosenburg usw. für Nachricht bekommen hatte und was zu tun für Möglichkeiten nach Deiner Ansicht bestehen. Soviel ich in Erinnerung habe, war dort nichts mehr zu machen. Evtl. müßte ich doch noch einmal in Groß Rosenburg nachfragen, ob das der letzte „Rosch“ ist, der dort aufzustöbern ist oder ob aufgrund noch älterer Unterlagen festgestellt werden kann, wo die Familie hergewandert kam. 
Gestern hatten wir wieder bis Mittag Dienst. Nach dem Mittagessen habe ich mich erst eine Weile umgelegt, dann bin ich in das Soldatenheim zum Kaffeetrinken gegangen. Anschließend war ich, wie ich Dir ja schon mitgeteilt hatte, zu einer Veranstaltung. Kameraden haben einen Bunten Nachmittag veranstaltet. Verschiedentlich wurden ganz nette Sachen geboten, vor allem wenn man berücksichtigt, mit welch einfachen Mitteln mitunter gearbeitet werden muß. Nach Ende der Vorstellung bin ich wieder zum Soldatenheim zum Abendessen gegangen. Meine eigentliche Abendportion habe ich mir aufgehoben, so daß ich immer eine kleine Reserve habe. Von meiner Marschverpflegung aus Krakau habe ich immer noch Käse da. Außerdem hatte ich ein Paket mit Dauerbrot erhalten. Da wir hier reichlich mit Brot versehen sind, habe ich es gestern noch verpackt und schicke es Euch mit zu. Es ist nicht viel, aber es ist schade, wenn ich es so mit verbrauche und das mir zugeteilte Brot trocken werden lasse oder verschenke.  Heute Abend steigt nun unsere Reise. Wie lange sie dauert ist  noch nicht bestimmt. Ob ich unterwegs Gelegenheit zum Schreiben habe, kann ich Euch noch nicht sagen.  Ich hoffe, daß alles unterwegs klappt. Ich werde Dir dann wieder umgehend schreiben, sobald es mir möglich ist. Für heute sende ich Dir und  unseren beiden Stromern recht herzliche Grüße und jedem ebenso herzliche Küsse. Dein Ernst.

Mein liebes, gutes Mädel !                                auf Dienstreise, den 5.5.42  

Gestern Abend sind wir nun von unserem Standort weggefahren.  Genau mit dem gleichen Zug, mit dem ich meine endlose Reise vor über einer Woche beendet hatte. Nur mit dem Unterschied, daß wir diesmal zu einem offenen Waggon einen Packwagen hatten. Bis zur Umsteigestation ging dann die Reise ganz gut vonstatten. Gegen 11 Uhr kamen wir dort an. Am Zuge wurden wir gleich vom Ortskommandanten empfangen, der sich nun mit seinem Vorgesetzten große Mühe gab, um nicht ein Mißfallen zu erwecken. Wir wurden dann gleich zu bereitstehenden Wagen begleitet, die uns dann in die Nähe unseres Quartiers brachten. Wegen des schlechten Straßenzustands konnten die Wagen nicht direkt vorfahren, sonst wären die Wagen im Dreck stecken geblieben. Die Leute wurden dann noch herausgetrommelt, obwohl sie wußten, daß in dieser Nacht noch jemand zur Übernachtung kommt. Ich bekam mit der Ordonanz, zu Deutsch, dem Burschen des Obersten, ein Zimmer angewiesen, weil ich darauf bestand, daß wir zusammen wohnen und nicht gerne habe, daß man so die Dienstgrade hervorhebt, wenn es nicht notwendig ist. Das Lager war etwas hart aber, was mir die Hauptsache war, es gab kein Ungeziefer.
Man staunt, wie wenig ein Mensch braucht, schon in Bezug auf Wohnkultur, um leben zu können. Was mich belustigte: Die Leute hatten ein Stücken von einer Schokoladenpackung, auf der einige Kühe und ein paar Berge darauf waren, die man in Friedenszeiten auf jeder billigen Schokoladepackung sieht, in einen Bilderrahmen gesteckt und aufgestellt. Heute früh mußten wir unser Frühstück schon früher aufhören, weil der Zug früher abging wie angesagt war. Das ist hier so üblich, da man nie weiß, wann die Züge abgehen. Man kann also geradezu von Glück reden, wenn es hier pünktlich weitergeht, doch damit rechnet man schon gar nicht mehr. Auch hier sind wir vom Ortskommandanten abgeholt worden. Wir wurden mit Kraftwagen zur Kommandantur geführt, wo wir auch unser Quartier haben. Die Unterkunft ist hier besser wie bei uns. Die Soldaten und Unteroffiziere sind sehr nett zu mir und es macht eben viel aus, wenn man mit einem hohen Tier reist, man sollte es nicht glauben.
Vorhin war nun die Versammlung für den hiesigen Kreis. Unser Oberst hat an die Bevölkerung eine Rede gehalten, die ich in Stenogramm aufgenommen habe, ebenso die Wünsche, die die Bevölkerung d.h. die Vorsteher der Gemeinden, des Gesundheitswesens usw. hatten. Das ist hier im Wesentlichen meine Tätigkeit.
Im Übrigen muß ich für sämtliche schriftliche Arbeiten und Formalitäten da sein, die sich nun einmal bei solchen Gelegenheiten ergeben. Die Leute machen teilweise einen gemischten Eindruck, aber schließlich muß man mit ihnen zusammenarbeiten. Interessant war noch, daß die Ukrainer ebenfalls jemand da hatten, der alles im Stenogramm aufgenommen hat. Über meine gesamten Eindrücke werde ich Dir nach Abschluß dieser Reise gesammelt berichten. Mir bleibt sonst zum Schreiben nicht viel übrig. Morgen geht es wieder weiter.
Wahrscheinlich kommen wir wieder an diesen Ort zurück. Wo wir hinfahren, ist noch nicht ganz fest, fest steht nur, daß es um 7 Uhr weitergeht mit einer Lokomotive oder mit einer Draisine.  Für heute grüße und küsse ich Dich und die Kinder vielmals. Dein Ernst.

Brief 245 vom 1./3.5.1942


Mein liebes Mädel !                                              1.5.42                                                                                                       
Meine Anfänge haben wir wieder. Vor einem Jahr befand ich mich bei Dr. Thomas. Ich weiß noch, daß ich mich in dieser Zeit in einer unglücklichen Stimmung befand. Ich war froh, daß ich über die ersten Tage hinwegkam, um mich wieder an die Verhältnisse zu gewöhnen. Es waren doch ganz veränderte Verhältnisse, die ich dort vorfand, die ich in dieser Form im Vergleich zu meiner Tätigkeit beim Stadtkommissar noch nicht kannte. Die Auswirkungen machen sich jetzt noch bemerkbar.
Heute sprach ich mit meinem Chef über diese Dinge, weil er mir sagte, daß die Beurteilung, die ich von meiner letzten Dienststelle habe, so eigenartig sei.  Über meine dienstlichen Leistungen konnte man mir nichts nachsagen. Diese Beurteilung ist auch gut. Man hat mir aber in anderer Hinsicht noch eins ausgewischt, indem man hineingeschrieben hat, ich sei unkameradschaftlich.
Ich habe dies auch meinem Kriegsverwaltungsrat erklärt, auf was das zurückzuführen ist. Daß das an dem Kleinkrieg liegt, der dort geherrscht hat. Er meinte auch, daß er auf solche Beurteilungen keinen besonderen Wert legt und daß er das dem Obersten auch mitgeteilt hatte. Ich hätte hier nun Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, daß es nicht an dem sei, was man mir da angehängt hat. Ich habe hierzu noch bemerkt, daß ich mich beispielsweise noch mit Kameraden schreibe, mit denen ich in Lille vor über einem Jahr zusammen gewesen sei.
Da kannst Du aber einmal sehen, wie weit der Haß der Herren Führer gehen kann und wie sie jeden Sinn für Objektivität dabei verlieren.  Bei dieser Gelegenheit machte mich mein Chef noch darauf aufmerksam, daß unser Oberst großen Wert auf strammes militärisches Auftreten legt. Das habe ich hier ja schon allenthalben gemerkt. Was mich selbst betrifft, so wird von Seiten der Mannschaften und Unteroffiziere streng auf den Rang geachtet. Hier heißt es nur Herr Assistent innerhalb der Diensträume und auf der Straße wird genau auf das Grüßen geachtet. Dieses Theater macht man eben mit, weil es verlangt wird. 
Morgen wird bei uns der erste Mai gefeiert. Für ordentliche Verpflegung ist gesorgt worden. Ab 14 Uhr gibt es sogar Bier, was hier eine ganz große Seltenheit ist. Heute Mittag gibt es Graupensuppe und zum Abendessen Bratkartoffeln und für jeden Mann zwei Eier. Morgen gibt es aber Suppe, Hauptgang und Nachspeise. Zum Abendessen geht es auch groß zu. In dieser Beziehung habe ich es hier ganz gut getroffen.
Dies wird sich zwar auch ändern, wenn wir den Platz hier wechseln.  Gestern Abend habe ich nach längerer Zeit wieder einmal eine Flickerei selbst vornehmen müssen. Meine Handschuhe hatten schon wieder die Nähte entzwei, so daß ich selbst nähen mußte. Das macht mir wohl etwas Mühe, aber jetzt habe ich meine Freude daran, daß sie wieder ganz sind. Andere kleine Arbeiten an meiner Bluse und an meinem Mantel muß ich auch noch vornehmen, damit man hier nicht noch verlottert.  Bis jetzt habe ich immer noch Zeitungen zum Lesen, die Kameraden hier liegen haben, im Übrigen steht bei meiner Freizeitgestaltung an erster Stelle „Schreiben“. Denn ausgehen kann man hier nicht. Nach Dienstschluß ist man einzig und allein auf sein Zimmer angewiesen, weil etwas anderes nicht vorhanden ist. Kino soll es wohl auch geben, aber die Vorstellungen sind so selten, daß man das kaum in Betracht ziehen kann. Zeitungen, wie wir sie in Frankreich bekamen, gibt es hier nicht. Man ist immer wieder auf sich selbst angewiesen.
Herzliche Grüße sendet Dir, mein liebes Mädel und unseren Kindern verbunden mit vielen Küssen Dein Ernst.

Mein liebstes Mädel !                                                   3.5.42            

Gestern habe ich einmal nicht geschrieben. Am Vormittag hatten wir wieder gearbeitet und am Nachmittag war für uns frei. Wir hatten erst ein gutes Mittagessen. Erst gab es eine schöne Suppe, dann Kartoffeln, Soße, Braten. Wer wollte, bekam noch Nudeln dazu. Als Nachspeise gab es dann Grießauflauf mit einem Obstsaft.  Vor längerer Zeit war schon Bier beschafft worden, das nun zur Feier des Tages ausgeschenkt wurde.
Ich hatte mich an der Bezahlung mit beteiligt, weil ich schließlich meinen Einstand geben mußte. Das war eine günstige Gelegenheit dazu. Zum Abendessen war eine internationale Speisekarte zusammengestellt worden. Bratwurst (ukrainisch) mit Kartoffelsalat (deutsch) und italienischem Salat und russischen Eiern, chinesischer Tee, Butter, die man des Wechsels wegen holländisch getauft hatte. Außerdem gab es noch deutsche und russische Zigaretten. Ist das nicht abwechslungsreich? Das Essen war wirklich gut und mit gutem Geschmack zubereitet worden. Die Tische waren sogar weiß gedeckt worden, man kommt sich ganz komisch dabei vor, wenn man sonst alles so schmutzig hier vorfindet.  Nach dem Essen habe ich mich erst einmal schlafen gelegt und dann bin ich noch eine Stunde spazieren gegangen. Nach dem Essen und Trinken, das wir gestern hatten, war das schon notwendig. Am Abend habe ich mich dann bald zu Bett gelegt, habe aber nicht besonders gut geschlafen.
Heute zum Sonntag haben wir am Vormittag erst wieder Dienst, denn nur in dieser Hinsicht unterscheidet sich der Sonntag von den Wochentagen. Arbeit habe ich so gut wie keine, also sitzt man seine Zeit auf dem Büro ab, damit der Tag vergeht. Manchmal kommt es einem wie eine Sünde vor, so den ganzen Tag herumzusitzen und den Tag totzuschlagen. Unsere Fahrt nach auswärts, die gestern Abend schon steigen sollte, ist auf morgen Abend verschoben worden.  Heute Nachmittag ist für uns eine Veranstaltung, die ich besuchen will, damit man sich ein wenig vergißt, denn es ist doch alles zu eintönig. Gestern auch. Die Kameraden können sich da vergnügen und haben ihre Freude an den lächerlichsten Sachen. Ich kann da nicht so mitmachen. Ich sehe zu und freue mich, daß die anderen ihren Spaß daran haben. 
Als ich gestern heimging, kam ich an der Kirche vorbei. Ich habe einen Blick hineingetan. Es war ziemlich dunkel. Die Leute sangen, was ich mir eine Weile mit angehört habe. Ich habe nur die schönen Stimmen bewundern können.  Ganz fabelhafte waren dabei. Man staunt nur darüber, wie klar und hell diese Menschen singen können. 
Heute früh wurde ich stark an zuhause erinnert. Zum Frühstück gab es Kuchen. Die Kameraden hatten genau so einen Zopf backen lassen, wie Du auch immer backst mit Marmelade. Der Teig ist zwar etwas anders, aber es ist doch schön, wenn man auf eine solche Art an zuhause erinnert wird.  Bis Dich mein Brief erreicht, wird ziemliche Zeit vergehen. Ich will Dir darum für den Muttertag meine besten Wünsche übermitteln. Ich hätte Dir gern selbst wieder ein paar Blumen in die Vase gestellt, aber das läßt sich ja alles nicht machen. Ich hoffe aber, daß Dir trotzdem welche beschert werden. Unsere Kinder werden sich sicher wieder Mühe geben, um Dir mit ihren bescheidenen Mitteln diesen Tag zu einem Ehrentag zu gestalten.  Ich entsinne mich noch gut des einen Muttertags, an dem ich Dir die schöne Vase schenken konnte. Ich weiß noch gut, welche Freude Du daran hattest. Ich hoffe fest, diesen wie verschiedene andere Familientage wieder einmal mit Dir und den Kindern feiern zu dürfen. Manchmal kann man es nicht begreifen, dass man nicht daheim sein kann und daß man noch kein Ende dieser Zeit absehen kann, aber man darf sich von diesen Tatsachen nicht überwältigen lassen.
Ich danke Dir auch heute wieder recht herzlich für all die Treue und für all die Liebe, die Du mir in all den Jahren unseres Zusammenlebens bewiesen hast. Ich danke Dir aber auch für all die Aufopferung und für die Pflichttreue, die Du der Familie gegenüber entgegengebracht hast. Mir ist es immer eine Beruhigung, wenn ich Dich gesund daheim weiß, weil ich dann die Gewißheit habe, daß daheim alles seinen geregelten Gang geht und daß alles seine Ordnung hat. Die Kinder bedürfen während dieser harten Kriegszeit einer besonderen Betreuung und die Versorgung daheim ist nicht so einfach wie in normalen Zeiten. Daß das aber immer noch soweit geklappt hat, rechne ich immer noch als Dein Verdienst an. Ich danke Dir darum nochmals für alles recht herzlich und wünsche Dir für das kommende Jahr wieder ganze Gesundung.  Verlebe diesen Tag gesund und sei überzeugt, daß ich an diesem Tage besonders in Gedanken bei Euch sein werde. 
Ich denke, daß Du nun im Laufe dieser Woche doch meinen ersten Brief von hier bekommen wirst, damit Du mir dann auch bald wieder schreiben kannst. Es ist eine lange Zeit, seit ich nichts mehr von Dir bekommen habe. Heute sind es bereits 3 Wochen her und bis ich Nachricht bekomme,. werden noch weitere 14 Tage vergehen.  Dir und unseren beiden Lausern sende ich recht viele und herzliche Grüße und Küsse. Dein Ernst.