Sonntag, 7. Mai 2017

Brief 244 vom 30.04.1942


Meine liebe Annie !                                                           30.4.42        
Wieder ist der Tag zu Ende gegangen und ich will mich nun an meinen Tagesbrief setzen. Meine Briefeschreiberei war heute bald in Frage gestellt, weil ich keine Briefumschläge mehr da hatte.  Wie Du aber siehst, habe ich eine Eigenfabrik aufgemacht. Ich denke, daß diese auch ihren Zweck erfüllen werden. Nur die russische Tinte, die ich zum Schreiben habe, sagt mir noch nicht zu. Ich muß sehen, wo ich andere organisieren kann. Das ist hier eben alles schwieriger wie in Frankreich, denn sowas zählt ja schon zu den Kulturgütern.  Gestern bekam ich den Befehl, mich heute beim Oberst, unserem Kommandanten, zu melden. Als ich mich meldete, eröffnete er mir, daß er sich am Samstag oder Sonntag für 4 bis 5 Tage auf Dienstreise begibt und daß ich ihn als Protokollführer begleiten soll. Die Reise wird auf das Land gehen innerhalb unseres Verwaltungsbezirks. Bei dieser Gelegenheit werde ich die Möglichkeit haben, einmal mit der Bevölkerung näher bekannt zu werden. Die Wegeverhältnisse sind durch die Schneeschmelze und den Eisgang auf den Flüssen, der die meisten Brücken zerstört hat, jetzt noch mit einigen Hindernissen verbunden, doch über die Eindrücke, die ich dabei gewinnen konnte, werde ich Dir dann zu gegebener Zeit berichten.
Ob ich während dieser Tage viel zum Schreiben kommen werde, kann ich jetzt noch nicht sagen, doch wenn es sich ermöglichen läßt, schreibe ich regelmäßig weiter.  Daß ich in einem russischen Kurort gelandet bin, habe ich Dir ja schon geschrieben. Was für einer das ist, habe ich Dir auch schon etwas geschildert. Heute will ich Dir aber von etwas anderem berichten. In diesem Ort ist eine Mineralquelle, die früher von den Bonzen und den Juden in Anspruch genommen werden konnte, weil die arbeitende Bevölkerung sich das nicht leisten konnte und auch nicht hierher kam. Jetzt genießen wir die Segnungen dieser Quelle. Das hiesige Wasser, das wir für den täglichen Bedarf haben, weist ziemlich die gleichen Bestandteile auf wie das eigentliche Mineralwasser. Wenn man eine Flasche von diesem Wasser aufmacht, so knallt das, wie wenn man eine Sektflasche aufmacht. Das kommt von den natürlichen Gasen, die in dem Wasser enthalten sind. Die ersten Tage wußte ich von der Zusammensetzung des Wassers noch nicht viel, doch jetzt kann ich mir erklären, warum ich die erste Nacht solche Blähungen hatte, daß es mir schien, ich hätte Durchfall. Da war mir so schlecht, daß ich munter wurde. Das sind aber nur die Gase, die sich im Körper noch auswirken. Für was das nun gut ist, weiß ich noch nicht. Eines habe ich festgestellt, daß es mir bis jetzt noch nicht geschadet hat, das ist ja die Hauptsache. Salze, die in dem Wasser noch enthalten sind, geben ihm einen unangenehmen Beigeschmack, der sich aber beim Tee, den wir meist mit wenig Zucker bekommen, auswirkt. Man kann sich da nur helfen, indem man dem Tee etwas Wodka beifügt, solange man den noch hat, dann läßt er sich auch ganz gut trinken. 
Das Wetter ist hier auch sehr wechselhaft. Heute hat es wieder geregnet, daß die Straßen mit dickem Schlamm bedeckt waren. Ich sende Dir und unseren Kindern  viele herzliche Grüße und viele Küsse. Dein Ernst. 

Donnerstag, 27. April 2017

Brief 243 vom 26.4.1942


Meine liebe, gute Annie !                                                26.4.42                                                                                
Heute habe ich nun meinen neuen Einsatzbefehl bekommen. Ich bin zu einer Feldkommandantur etwa 80 km nördlich von hier beordert worden. Meine neue Feldpostnummer habe ich schon auf dem gestrigen Brief draufgeschrieben, sie lautet 23 552. Nun kannst Du doch wieder an mich schreiben, worauf ich bestimmt warte, denn jetzt bin ich schon lange Zeit ohne Nachricht von Euch. Morgen sind schon 2 Wochen vorbei.  Wie lang wir an dem neuen Ort bleiben, hängt ganz und gar von den Verhältnissen ab und wie lange es noch dauert bis es wieder vorwärts geht, dann rücken wir auch wieder weiter. Ich sollte erst hier vorerst am Ort bleiben, doch die Einheit behauptet, keine Arbeit für mich zu haben, darum hat sich diese Sache zerschlagen.
Nachher ½ 4 Uhr fahre ich wieder ein Stück weiter. Wahrscheinlich werde ich nicht ganz an den Ort kommen und muß evtl. noch einmal übernachten, um dann mit einem Kraftwagen oder sonstwie weiter zu kommen.  Vorhin habe ich noch den Kameraden getroffen, der vorher in dem Zimmer gewohnt hat. Er fragte mich, ob ich habe schlafen können, denn in dem Bett wären Wanzen gewesen. Ich muß sagen, in der Nacht habe ich nicht gemerkt, aber seit man mir das gesagt hat, beißt es mich am ganzen Körper. In der vergangenen Nacht hatten wir hier Fliegeralarm.  Ich habe zwar nur die Flak schießen hören, so daß ich annehmen mußte, daß welche da waren.
Hier ist eine große Brücke über den Dnjepr, die schon ein lohnendes Ziel bieten würde. Für uns sind das immerhin ein ziemlicher Ausfall, wenn sie getroffen würde.  Wie es mir scheint, sind aber keine Bomben geworfen worden.  Heute schreibe ich nicht mehr, weil ich dann fort muß. Ich sende Dir und den Kindern viele Grüße und vor allem sehr viel Küsse.  Dein Ernst.

Meine liebe, gute Annie !                                                        26.4.42             

Innerhalb 14 Tagen sollen zu normalen Zeiten schon Menschen eine Weltreise unternommen haben und auch fest herumgekommen sein. Ich habe es nur von Nordfrankreich bis hinter den Dnjepr während dieser Zeit geschafft. Also ich bin gestern in Krementschug weggefahren, denn dort erhielt ich noch den Befehl, von dem ich Dir gestern schon schrieb. Etwa 80 km konnte ich dann in einem Stück mit der Bahn fahren. Als ich dann in der Umsteigstation eintraf, sagte man mir, ja, die Strecke ist wohl fertig bis zu dem Ort, wo ich hin will, doch für Zwecke des Weiterausbaus und zur Fertigstellung der ganzen Strecke fährt heute Nacht wahrscheinlich ein Bauzug zwischen 1 und 2 Uhr. Ich habe mich dann in den Wartesaal gesetzt, soweit man unter den hiesigen Verhältnissen überhaupt davon reden kann und habe mich auf einer Bank eingerichtet. Den Koffer als Kopfkissen und die Gasmaske als Zwischenstück, damit man nicht ein gar zu hohles Kreuz bekommt. Es kam dann noch ein größerer Haufen Landser, die für reichlich Radau sorgten. Der Ofen, der zum Heizen bestimmt war, konnte seinen Zweck aber nicht erfüllen, weil er nur zum Qualmen kam.  Durch solche Erlebnisse wird man nach und nach aber mit Nachdruck an die hiesigen Verhältnisse gewöhnt. In der Verpflegungsstelle habe ich mir noch Tee gekocht, dort liefen die Ratten durch die Stube, daß es direkt eine Freude war. So habe ich dann die Wartezeit zwischen Dämmern und Wachen zugebracht. Verschiedentlich habe ich mich nach dem Zuge erkundigt, wurde aber immer wieder vertröstet, bis der Zug dann tatsächlich gegen ½ 5 Uhr hier wegfuhr. Etwas erschrocken war ich schon, als ich diesen „Zug“ stehen sah. Eine Lokomotive und ein offenere Wagen, das war der ganze Zug. Mit den anderen Soldaten und den Russen, die auch an meinen Bestimmungsort wollten, habe ich mich dann auf diesen seltenen Wagen geschwungen und los ging die Fahrt. Fast eine Stunde sind wir dann in diesem Expreß durch die Gegend gebraust und nun bin ich endgültig bei dem Haufen gelandet, bei dem ich jetzt bleiben soll.
Erst heute früh erinnerte ich mich, daß ja eigentlich Sonntag sei. Ich hatte erst Bedenken, ob überhaupt jemand auf der Dienststelle sei. Auf dem Bahnhof traf ich dann gerade einen Soldaten, der auch zur Feldkommandantur gehörte und der auf einen Lastkraftwagen wartete, weil der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur auch fast drei km weit weg ist. Zu so früher Stunde traf ich nur den Unteroffizier vom Dienst, den ich aus dem Schlaf wecken mußte. Der nahm mich dann mit bis zur Unterkunft für die Einheit. Das sieht nun alles hier wesentlich anders aus wie in Frankreich. Diese Vergleiche zwingen sich dann gleich unwillkürlich auf und das wird mir noch eine ganze Weile so gehen. Ein anderer Assistent, der jetzt zwar in Urlaub ist, wird mit mir das Zimmer teilen. Die Hauptsache ist mir ja, wenn die Zimmer hier ungezieferfrei sind, das andere wird dann schon gehen. Das scheint hier nun der Fall zu sein.
Erst habe ich Frühstück mit eingenommen. Das war sehr ordentlich. Kaffee und Kuchen gab es. Was will man noch mehr. Weil ich gerade beim Essen bin, das Mittagessen war auch sehr gut, das kann ich wohl sagen.  Es gab erst eine kräftige Suppe, hinterher Kartoffeln, Fleisch und gemischten Salat. Als Nachspeise Pudding mit Erdbeersoße. Das war doch prima. Wenn das Essen immer so ist, kann man es ja aushalten. Nach dem Frühstück bin ich dann mit auf die Dienststelle. Nach längerem Warten kam dann der Oberkriegsverwaltungsrat, der mir nach dem ersten Eindruck zu schließen ein ordentlicher Mann zu sein scheint. Dem habe ich mich dann vorgestellt.  Ich habe mich dann später dem Kommandanten, einem Oberst, vorgestellt, der ein älterer Herr ist und einen etwas verschrobenen Eindruck macht. In irgendeiner Form wird sich schon auskommen lassen. Man kann eben nicht alles nach Wunsch haben. Was ich nun für ein Arbeitsgebiet bekomme, weiß ich noch nicht, doch darüber schreibe ich Dir dann später. Morgen werde ich erst einmal meine Ausrüstung vervollständigen, denn wie ich sage, reicht diese für die hiesigen Verhältnisse bei weitem nicht aus.  Heute möchte ich Dich nun bitten, mir aus meinen mitgebrachten Sachen, die ich mir früher schon einmal zugelegt hatte, Messer, Gabel und Löffel zu senden. Wenn Du es ermöglichen kannst, so kaufe mir doch eine Butterdose aus Bakelit, wenn Du sie nicht bekommen kannst, ist es auch nicht schlimm. Wie das mit dem Gewicht sich machen läßt, mußt Du Dich einmal erkundigen. Kuchen oder ähnliches zum Essen schicke mir bitte nicht und zwar deshalb, weil der Transport so lange dauert, daß dann alles nicht mehr verwerten ist, wenn es hier ankommt. Auch Cognac oder ähnliches lasse bitte dort, denn man weiß nicht, wie und wann man das bekommt. Wie lange wir hier noch am Ort bleiben, hängt ja ganz von den Verhältnissen ab, wie sie sich hier weiter entwickeln. Sollte ich in dieser Beziehung noch etwas brauchen, gebe ich Dir noch Mitteilung. 
Am Nachmittag habe ich mich erst einmal eine Stunde schlafen gelegt. Dann haben wir die Führerrede angehört. Radioapparat, denke einmal welcher Komfort, ist sogar auf dem Zimmer vorhanden. Es ist zwar etwas schwach auf der Brust, aber die Rede des Führers haben wir ganz gut gehört. Anschließend sind wir in das Soldatenheim gegangen, das einen ganz sauberen Eindruck macht und haben dort auch Kaffee und Kuchen bekommen. Beide waren ganz ordentlich. Der Preis dafür war 30 Pfennig. In dieser Beziehung habe ich es sicherlich ganz gut getroffen hier.  Das Licht geht abends im ganzen Ort um 10 Uhr aus. Ich kann das heute ganz gut vertragen, denn ich bin nach der langen Reiserei und dem Spaziergang von heute Nachmittag ziemlich müde. Über alles Wichtige habe ich Dich heute nun unterrichtet, was sonst noch zu schreiben ist, hebe ich mir für morgen und die anderen Tage auf. Hoffentlich hast Du alle meine andere Post auch bekommen und meine Nummer kennst Du ja. Mit der schlechten Unterbringung und der Fahrerei heute früh mit dem Expreß habe ich mich etwas erkältet, so daß ich auch davon müde bin.  Ich sende Dir und den Kindern recht viele Grüße und ebenso viele Küsse. Dein Ernst. 
Briefumschläge fehlen mir auch sehr.  Schicke mir diese doch bitte umgehend, denn sonst hänge ich fest mir meiner Schreiberei und das willst Du doch auch nicht haben.  Feldpostnummer 23 552.

Sonntag, 23. April 2017

Brief 242e vom 24.4.1942


Mein liebes, bestes Mädel !                                          24.4.42                                                  

Nach nochmaligem Umsteigen in Suamenke und Übernachtung soll es heute wieder weitergehen. Ich hoffe, daß es nun endgültig bis zum Bestimmungsort reichen wird. Das Nachtlager war reichlich primitiv, aber unter diesen Verhältnissen kann man nicht mit etwas Besonderem rechnen. Wenn man die immerhin ordentliche Unterbringung in Frankreich zum Vergleich heranzieht, dann kommt einem das schon etwas eigenartig vor. Schließlich ist aber Krieg und man muß sich dann damit abfinden.
Gestern Abend hatte ich noch ein drolliges Erlebnis. In der Unterkunft hieß es, im hiesigen Theater würde ein Filmlaufen. Ich ging also auch hin, um mir das einmal anzusehen. Von Theater kann keine Rede sein, das war ein ganz primitiver Saal. Eintritt kostete 70 Pfennige, was mich schon verwunderte. Erst ging mindestens 15 Mal das Licht aus und an. Alles hoffte, daß es dann auch einmal anfangen würde. Dann sprach eine Dolmetscherin über den Inhalt des Films, der in russischer Sprache lief. Schließlich fing er doch an. Der Film war aber so dunkel, daß man kaum etwas sah. Trotz Geschrei, Getrampel und Pfeiferei wurde es aber nicht besser. Daß ich da feste mitgemischt habe, kannst Du Dir wohl denken. Das war aber auch kaum zum Ansehen. Eine Frechheit war es ohne Zweifel für unser teures Geld, uns so was vorzusetzen. Mit einem Male war allgemeiner Aufbruch. Am meisten Spaß hat es mir gemacht, wie dann die Kasse gestürmt wurde und jeder sein Geld wiederhaben wollte.
Nach diesem unterhaltungsreichen Zwischenfall bin ich dann in das Soldatenheim, habe dort für 50 Pfennig Rührei gegessen und noch etwas Tee dazu getrunken, bin ich dann auf direktem Wege bei stockdunkler Nacht in die Unterkunft, um mich dann auf mein Strohlager zu legen. Ohne Decke war es etwas kühl, aber überstanden habe ich es auch.  Genau um 2 Uhr traf ich nun an meinem Bestimmungsort ein. Bei der Dienststelle habe ich mich nun vorgestellt, wo mir mitgeteilt wurde, daß ich morgen nun zu einer anderen Dienststelle weitergeleitet würde. Wohin es dann geht, weiß man noch nicht. Ich habe mir hier ein Quartier für diese Nacht gesucht. Die Leute leben ja mehr wie einfach, aber ich denke, daß es für diese Nacht gehen wird. Sollte ich tatsächlich noch einen weiteren Tag hier bleiben müssen, werde ich mich schon einzurichten wissen. 
Im Sowjetparadies sieht es wirklich fabelhaft aus. Die Straßen verwahrlost. Anfang von öffentlichen Anlagen, die in den Anfängen steckengeblieben sind. Man kann es nicht beschreiben. Auch die Häuser, die als besser angesehen werden können, im Gegensatz zu den anderen, sind genau so verlottert wie alles andere auch. Es ist fast undenkbar, wie es hier aussieht, man kann nur  staunen, wenn man das gesehen hat.  Ich hatte doch noch Geld an jemand zu schicken. Ehe ich nun noch weiter warte, bis ich weiß, wohin ich komme und bis ich rückgefragt habe, was meine Schulden machen, wird zuviel Zeit vergehen. Ich glaube darum, Du sendest an meine alte Feldpostnummer etwa 68,-RM mit der Bitte um Weiterleitung an L. Henkes, Montignyen Ostrevent, rue de la Chapelle. Ich werde dann mit ihm weiter abrechnen, was dann noch offen steht und wie ich das noch regeln kann.
Die Pakete hast Du sicherlich alle bekommen. Hoffentlich auch die aus Frankfurt und den Koffer, den ich von Leipzig ab gesandt habe.  Wenn man so lange ohne Nachricht ist, macht man sich Gedanken, was nun daheim los ist. Deine letzten Briefe an mich hast Du wohl auch zurückbekommen. Den Schlüssel zum Koffer konnte ich immer noch nicht mit senden, weil ich keinen festen Briefumschlag habe. Denn ich möchte doch nicht, daß er verloren geht. Wenn Du aber doch noch einen anderen Schlüssel gefunden hast, dann hast du ja den Koffer noch auspacken können, damit die Wäsche wieder herauskommt.
Hier soll es auch ein Kino geben. Ich will einmal sehen, ob ich hier auch einen Reinfall erlebe wie gestern. Aber die Zeit muß man doch irgendwie herumbringen. Gegenwärtig sitze ich im Soldatenheim und habe eine „ganz kräftige“ Wassersuppe zu mir genommen. Der Kaffee ist genau so dünn wie die Suppe, aber es war etwas Warmes. Das Quartier habe ich nun doch allein. Ich habe auch noch einen festen Briefumschlag gefunden, so daß ich Dir heute den Schlüssen doch noch mitschicke.
Es ist hier ja schon bedeutend zeitiger dunkel, dafür aber umso eher hell. Gegen 7 Uhr wird es schon langsam Nacht und früh gegen 5 Uhr fängt es schon wieder an zu dämmern. Auch in dieser Beziehung muß man sich umstellen. Entgegengesetzte Tageseinteilung wie in Frankreich.  Ich will versuchen, mich bald schlafen zu legen, wenn es geht, denn ich bin von den vielen Reisetagen sehr müde. Bis jetzt war es immer nur halbe Sache. Ich schließe deshalb für heute mit vielen und recht herzlichen Grüßen für Dich und die Kinder Dein Ernst.

Brief 242d vom 21.4.1942


Mein liebes gutes Mädel !     unterwegs, den 21.4.42                                                                            

Gestern kam ich nicht zum Schreiben, dafür hatte ich Dir vorgestern schon zwei Briefe geschrieben. Also um Mitternacht bin ich in Krakau weitergefahren. Ich hatte erst gehofft, ein Großstück weiter zu kommen, doch daraus wurde nichts. Bis nach Lemberg hat es nun gelangt und hier sitze ich wieder fest. Schließlich muß man sich an dieses Tempo gewöhnen. In Frankreich war es bestimmt schon gemächlich, aber doch immer noch ging es dort schneller vorwärts wie hier. Ich bin nun zwar durch ganz Polen durchgefahren und stehe nun nahe der früheren russischen Grenze. Wohin es geht, habe ich Dir ja schon mitgeteilt, ob ich zwar dort bleibe, ist noch nicht ganz raus, denn hier muß man ja immer mit Änderungen rechnen.
Gestern habe ich Dir irrtümlich mitgeteilt, daß es westlich Kiew liegt. Das stimmt aber nicht, denn ich habe jetzt gesehen, daß es etwa 200 km westlich Chrakow am Dnjepr liegt. Hoffentlich kommst Du mit diesen schwierigen Namen zurecht, die sich so schlecht schreiben lassen, wenn nicht, so kannst Du mir das ja dann mitteilen.  Die Fahrt ging anfangs vorwärts. Der Zug kam schon überfüllt in Krakau an, mit etwas Glück hatte ich noch einen Platz bekommen. Eine Luft war zwar in dem Abteil, da wäre man fast drin stecken geblieben, und dick war sie. Einige Soldaten hatten ihre Stiefel ausgezogen, so daß ihre Füße ganz wunderbar ausdünsten konnten. Ich dachte mir, das ist immerhin schon ein Vorgeschmack von dem, was noch kommen kann. Es war aber auch so, je weiter man nach Osten kommt, desto schlimmer wird es. 
Bevor ich in Krakau wegfuhr, sah ich einen Transport von Flüchtlingen. Woher sie kamen, weiß ich nicht. Der Anblick war jedoch erschütternd. Man kann es gar nicht beschreiben, wie elend die Leute angezogen waren. Einige haben Pelzmäntel an, andere eine gefütterte Weste. Alles schon lange nicht mehr gewaschen oder gereinigt. Manche haben Schuhe an, andere nur Lappen um die Füße und welche gehen sogar barfuß.
Männer, Frauen und Kinder, alles liegt beieinander. Die Frauen schleppen das Wenige, was sie mitgenommen haben. Ich kann nur sagen, was sind das für Verhältnisse. In dieser Beziehung ist es hier nun noch schlechter.  Auffallend sind hier die vielen Juden, die alle durch Armbinden gekennzeichnet sind, die früher einmal weiß waren. Diese Armbinde trägt einen blauen Zionsstern. Man hat sie teilweise zu Arbeiten eingesetzt, sofern sie Wert auf zu Essen legen. So was Ungeschicktes und so was Dreckiges beim Arbeiten hast Du sicher noch nicht gesehen. Zusehen kann man nicht, denn sonst läuft einem die Galle über. Schmutz und immer wieder Schmutz ist aber oberstes Gebot, man weiß gar nicht, wo der immer wieder herkommt. 
Am Abend vor der Abfahrt in Krakau war ich noch im Kino und habe mir den Film „Der verkaufte Großvater“ angesehen. Selten habe ich so einen Schmarren gesehen wie diesen. Aber ich wollte mich nicht die ganze Zeit in der Wirtschaft oder auf dem Bahnhof sitzen. Es ist mir nicht unangenehmer, wie nicht zu wissen, wohin man gehört.  Ich bin erst wieder zufrieden, wenn mein Zug wieder rollt, oder wenn ich an Ort und Stelle bin. Die Preise sind hier derart überhöht, daß man sich einesteils nicht wundert, daß sich die Leute nichts kaufen können. Wir haben hier zu unserer Löhnung einen Teuerungszuschlag von 50 %, den man aber bei diesen unnormalen Verhältnissen braucht.
Auffallend war mir noch, als ich aus dem Kino kam, brannte auf den Hauptstraßen noch die ganze Straßenbeleuchtung.  Ich lege Dir noch meine gesparten Urlaubsmarken bei, die bis Ende dieses Monats verbraucht sein müssen. Du wirst Verwendung dafür haben. Außerdem ist noch eine kleine Fettmarke dabei, die Du auch verbrauchen sollst. Das Wetter wird nun nach langen Tagen schönen Wetters bewölkt, wahrscheinlich wird es bald Regen geben.  Auffallend ist, daß hier schon viele Deutsche leben. Ich hörte von 25 000, das ist doch enorm. Wenn man sich vorstellt, das ist allerhand Leistung, daß wir während des Krieges so viele Menschen schon hier herüber tun können.  Mit dem Geld muß man sich auch hier erst wieder umstellen. Man staunt nur immer wieder, was das für Leistungen sind, die wir während des Krieges vollbringen. 
Ich mache jetzt wieder Schluß, denn nun weißt Du wieder Bescheid, was ich nun mache und wohin es geht.  Das wird Dich nun auch wieder beruhigen. Ich grüße und küsse Dich wiederum recht herzlich und hoffe, daß mein Brief von heute morgen, den ich einer Rotkreuzschwester abgegeben habe, Dich auch erreicht hat. Dein Ernst.

Brief 242c vom 19.4.1942


Mein liebes Mädel !                                                     19.4.42                                                 

Vorhin habe ich erst einen Brief an Dich abgesandt und nun will ich Dir gleich nochmals schreiben, da ich jetzt weiß, wohin es geht. Der Ort liegt schon in Rußland und heißt Krementschug, der westlich Kiew liegt. Die Reise von hier kann unter Umständen bis 6 Tage dauern. Die Fahrt geht von hier aus über Lemberg.  Sobald ich kann, werde ich Dir wieder darüber Genaueres berichten. Ich bin ja jetzt erst auch annähernd eine Woche unterwegs.  Die Dienststelle heißt „der Befehlshaber der rückwärtigen besetzten Gebiete Süd“. Das ist in dieser Beziehung alles. Vorhin habe ich Verpflegung für 6 Tage gefaßt. Mir wurde ganz Angst, als ich alles beieinander hatte. Im Koffer habe ich dann doch noch alles untergebracht. Ich hatte mich erst geärgert, daß ich meine Mappe nicht mehr dabei hatte, es wird aber nun auch so gehen.  Ich habe nun, nachdem ich meine Sachen in Ordnung gebracht habe, einen Bummel durch die Stadt gemacht. Die Stadt bietet trotz des reichlichen Schmutzes, viele schöne und alte Bauten, die auf Tradition schließen lassen. Das Polnische wirkt wieder ganz anders, Hier sind im großen Durchschnitt die Leute ärmer wie in Frankreich, sie sehen vielfach auch zerlumpt aus. Der Eindruck, den ich jetzt zuerst gewonnen habe, ist nicht der beste.
In Rußland soll es ja noch schlimmer sein, es wird sich aber auch wieder auf eine Art einrichten lassen. Bis ich nun hier wegfahre, werde ich mich in der Stadt herumtreiben bis mein Zug heute Nacht um 1 Uhr geht. Jetzt habe ich mich in ein Kaffeehaus gesetzt, wo ein richtiger Großstadtbetrieb ist. Wie lange ich es hier aushalte, muß ich erst einmal sehen. Wie ich schon schrieb, traf ich gestern mit etwa 3 Stunden Verspätung hier ein. Ich erkundigte mich, wann mein nächster Zug weiterfährt und mir wurde dann mitgeteilt, daß ich gegen 9 Uhr weiterfahren könnte. Ich verließ also den Bahnhof, habe mich erst einmal um Essen umgesehen, denn das ist immer sehr wichtig. Ich bekam wenigstens eine Suppe, denn mit der Marschverpflegung allein kann man wohl auskommen, aber man braucht auch zwischendurch warmes Essen. Man hatte mir in Krakau für 6 Tage Marschverpflegung mitgegeben, die mir ziemlichen Kummer bereitete, weil ich nicht wußte, wo und wie ich diese unterbringen sollte. Einen Teil habe ich nun schon verbraucht und mit der anderen werde ich auch noch zu Wege kommen. Nach der Einweisung habe ich mich hier auf der Frontsammelstelle gemeldet, was sich nun zu meinem Verhängnis ausgewirkt hat.
Wir haben bereits wieder Nachmittag und ich sitze seit gestern Mittag immer noch hier. Mir geht es zwar nicht allein so, denn hunderte von Kameraden warten auch auf weiteren Anschluß. Das beruhigt mich einigermaßen. Nachdem man hier nun die verschiedenen umständlichen Formalitäten erfüllt hatte, habe ich mich mit noch einem Kameraden auf den Weg durch die Stadt gemacht. Schon als man hier zum Bahnhof herauskam und überall, wo viele Soldaten verkehren, sitzen die Schuhputzjungen, die einen förmlich überfallen. Ich habe mir auch die Schuhe reinigen lassen wollen. Das Geschreidurcheinander der vielen Jungen kann einem bald auf die Nerven fallen. Doch man muß da immer zeigen, daß man über ihnen steht.  Als mir der Kerl die Schnürsenkel mit einschmierte und nicht gleich begriff, daß das eine Schweinerei ist, habe ich ihm eins an den Kopf gegeben, das half dann gleich. Als sie dann fertig waren, verlangten sie zuerst Brot, als ich das nicht bei mir hatte, Zigaretten und dann zuletzt, als ich das auch verneinte, das Geld. Erst wollten sie 50 Pfennig haben, aber mit 10 Pfennig waren sie dann auch zufrieden.
Wir sind dann weiter durch die Stadt gezogen und haben uns etwas umgesehen. Die Hauptstraßen sind schon nicht sauber, aber in den Nebenstraßen getraut man sich schon nicht hineinzusehen, geschweige denn durchzulaufen. Im Soldatenheim gab es dann Kaffee und Kuchen zu anständigen Preisen.  Gegen Abend bin ich dann wieder ins Kino gegangen, wo der Film „Liebe streng verboten“ gespielt wurde. Der war so einigermaßen, aber auch nichts Besonderes. Man sagt, daß hier Lemberg die letzte Kulturstation sei und daß es nachdem aufhört. Darum nimmt man in dieser Hinsicht noch alles mit, was man bekommen kann.  Doch mir ist alles zu teuer, darum trinke ich nur zum Essen noch ein Bier und halte mich an den Kuchen oder an das Sonntagsessen.  Die Unterbringung ist hier schon sehr primitiv, aber man wird sich hier damit abfinden müssen.
Interessant war am Abend, als wir durch die Hauptstraße gingen, als da elternlose Kinder auf der Straße standen, barfuß oder notdürftig bekleidet und sangen mit zitternder Stimme. Der Anblick ist ja grausig, wenn man die Kinder so auf der Straße sieht und weiß, daß sie irgendwo in einem Dreckwinkel nächtigen. Was sind das für schöne Verhältnisse bei uns in Deutschland. Was haben es unsere Kinder schön. Hier lebt und wächst aber alles durcheinander, trotz Krankheiten und sonstigen Einflüssen vermehren sich diese Menschen hier, das ist ja unglaublich. Hier kommt es deshalb auch auf den einzelnen nicht an, weil sich das Grobzeug so schnell vermehrt.
Die Zerstörungen, vor allem in der Bahnhofgegend sind ziemlich groß, doch man ist mit der Ausbesserung schon stark beschäftigt. Auch an großen Gebäuden ist hier wirklich kein Mangel und sie machen keinen schlechten Eindruck, doch es fehlt zu allem der Zusammenhang. Dann ist eben alles nicht Instand gehalten, so daß es schade um dieses alles ist. An einem Kirchturm hat man das Kupferdach halb heruntergerissen. Wahrscheinlich waren das die Russen, die ja die Stadt eine ganze Weile unter ihrer Verwaltung hatten.  Ich habe noch von vielen Eindrücken zu berichten, doch für heute langt es wohl.
Post kann ich ja noch nicht von Dir erhalten, damit wird es noch eine ganze Weile dauern, bis  ich Dir meine neue Adresse bekannt geben kann und bis dann die Briefe hier ankommen. Ich hoffe, daß Ihr alle gesund seid und sende Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst.

Brief 242b vom 18./19.4.1942


Mein liebes, gutes Mädel !                                            18.4.42                                                 

Gestern Abend kamen Alice und Paul. Sie fragten mich schon am Vormittag, ob ich Zigaretten hätte, denn dann würden sie mir welche mitbringen. Ich bedankte mich dafür und sagte ihr aber, daß ich nicht abgeneigt wäre, wenn sie einen guten Cognac mitbringen würde. Tatsächlich brachte sie dann einen Likör mit,  den wir uns dann nach dem Abendessen zu Gemüte gezogen haben Wir haben uns dann über alle Dinge die uns gemeinsam berühren, unterhalten. Daß Du mit den Kindern nicht aus dem Spiel gelassen wurdest, kannst du Dir ja vorstellen. Was liegt mir denn näher, wie gerade in diesem Kreise immer wieder von Euch zu erzählen.  Alle wollten ja auch wissen, was Ihr macht und wie Ihr lebt und wie es Euch geht. Nachdem ich nun erst kürzlich im Urlaub war, hatte ich reichlich Gesprächsstoff.
Dein Vater holte dann noch einen Rest Steinhäger, den wir dann auch noch wegmachten. Ich hatte mir aus Frankreich 2 Flaschen Cognac mitgebracht, die ich mir für spätere Zwecke aufheben wollte und Dir mitschicken wollte. Ich dachte, wenn die Stimmung so angenehm und angeregt ist, da werde ich eine von den zweien opfern. Dein Vater und auch Alice sowie Paul sagten erst, ich solle sie aufheben. Als ich sie dann aufgemacht hatte, hat dann keine mehr widerstanden. Als wir noch einige Cognacs getrunken hatten, gingen dann Alice und Paul heim. Den Brief den ich Dir gestern sandte, hatten dann alle noch unterschrieben. Wir 3 saßen dann noch beieinander und wir kamen dann ins Gespräch auf meinen Brief und auch auf Deinen. Erst meinte er, mein Brief sei ziemlich scharf gewesen. Wir haben uns dann des Langen und Breiten darüber unterhalten, und ich habe nochmals unser aller Meinung zum Ausdruck gebracht, der er anfänglich entgegentrat und versuchte, unsere Ansichten zu entkräften. Ich ließ mich nicht davon abbringen und sagte ihm offen, meine Meinung mit der Begründung, daß ich ihm in der gleichen Weise entgegentrete wie er es auch an sich hat. Es handelt sich hierbei nicht mehr um die Frau Böhler sondern um das Fräulein Ludwig, mit der er früher im Geschäft tätig war. Ich sagte ihm dann, daß wir ihm nicht im Wege stehen, keiner von uns, aber wir wollen und können es auch nicht dulden, daß er jetzt nach so kurzer Zeit schon derartige Pläne hat und habe ihm das richtig vor Augen gehalten. Er sagte dann, daß er während des Krieges auch nicht daran dächte wieder zu heiraten, weil er nicht wüßte, wie und wann wir aus dem Kriege heimkommen würden. Wenn wir zwar gesund heimkämen, dann halte er es nicht für ausgeschlossen, daß er an eine Verbindung noch einmal denken würde. Unsere Stellungnahme dazu habe ich dann wieder dahin formuliert, daß die Beziehungen dann sich zwischen uns allen sehr abkühlen würden, denn das ist unser aller Auffassung. Wie gesagt, wie er mir das schon vorher bestätigte, denkt er während der Dauer des Krieges nicht daran. Neu war mir allerdings, daß er auch an Dora geschrieben hat, ob sie zu ihm kommen würde. Er sagte auch, daß das gewissermaßen Mamas Wunsch gewesen sei. Er las mir dann auch einen Brief von Dora vor in dem sie ihm mitteilte, daß sie das im gegenwärtigen Moment wegen des Haushalts, dem sie gegenwärtig vorsteht, nicht könnte. Im übrigen sagte er, daß er mit Dir schon darüber gesprochen hätte und daß Du darüber Bescheid wissen würdest, was ich aber verneinte, weil Du mir davon noch nie etwas gesagt hattest. Er fragte mich dann, was wir wohl dazu sagen würden, wenn Dora ins Haus käme, worauf in ihm erklärte, daß dies eine ganz andere Version sei, über die ich erst nochmals nachdenken müßte und die ich nicht gleich beantworten könne. Wir haben uns dann über diese Dinge noch bis gegen 2 Uhr unterhalten. Daß dabei fast die ganze Flasche Cognac draufgegangen ist, hat mir dann auch nicht leid getan, denn ich habe mit ihm über diese Dinge in alle Ruhe reden können. Gut war, daß Erna dabei war, die ja schließlich auch mit zur Familie gehört und die jederzeit das bestätigen kann und Siegfried meine Meinung auch mitteilen kann, wie ich über alle diese Dinge denke. Ich denke, daß Du jetzt in soweit beruhigt bist, daß ich in aller Ruhe mit Deinem Vater auseinander gekommen bin, denn ich gab zu, durch weitere Briefeschreiberei wären die Dinge vielleicht verworrener geworden.  Übrigens über Deinen Brief war er mehr verwundert als über meinen, weil er nach seiner Ansicht schärfer gewesen sei. Aber es ist soweit jetzt ziemlich klar. Ich bin bestimmt froh, daß ich mich mit ihm darüber ausgesprochen habe und daß er auch unsere Meinung weiß.  Ich komme jetzt nicht mehr dazu, Dir noch mehr zu schreiben, was ich noch zu berichten habe, weil mir die weitere Zeit im Moment dazu fehlt. Ich werde aber alles noch nachholen.  Sei darum jetzt vielmals und recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.

Mein liebes Mädel !                                    Auf der Fahrt, den 19.4.42         

Nun bin ich wieder auf der Fahrt und jetzt hier auf dem Bahnhof von Breslau. Der Zug wird gleich weiterfahren. Ich möchte aber doch noch etwas schreiben, damit Du nicht so lange ohne Post bist. Mittag gegen 12 Uhr werde ich in Krakau ankommen. Was dann wird und wie es dann weitergeht, muß ich abwarten. Gestern früh sind wir etwas spät aufgestanden. Ich habe dann noch gebadet.  Meine Koffer mußte ich doch umpacken, weil ich Dir unseren großen Koffer heimgeschickt habe. Ich bin jetzt nur noch mit dem Koffer von Kurt unterwegs, damit ich nicht soviel Schleiferei habe. Ich weiß nicht, ob Du noch einen Schlüssel davon daheim hast. Ich schicke ihn Dir in diesen Tagen zu, damit Du ihn dann ausräumen und die Sachen versorgen kannst. Die eine Flasche Cognac hebst Du dann noch mit auf. Die übrigen Sachen waren mir alle im Wege.  Einen weiteren Koffer mit Uniformjacken schickt Dir Dein Vater mit der Post noch zu. 2 Bücher wirst Du auch noch von ihm erhalten, weil sie nicht mehr hineinpassen. Das wäre dann alles, was ich noch bei mir hätte, was ich so entbehren kann und was ich jetzt nicht gleich unbedingt brauche, vor allem, weil ich noch nicht weiß, wie ich untergebracht werde. 
Nach dem Mittagessen bin ich mit Erna in die Stadt gefahren, habe auf dem Bahnhof meinen Koffer aufgegeben. Anschließend sind wir dann auf den Friedhof gefahren, wo uns Dein Vater und Alice erwarteten. Ich habe dann noch einige Blumen gekauft, um sie auf das Grab meiner Mutter und auf das Grab von Walter tun zu können. Es war mir eine Notwendigkeit, diese Gräber sowie das von Deiner Mutter zu besuchen. Man fährt beruhigter weiter, wenn man das alles nochmals gesehen hat, wo man so durch die Stadt fährt und hat die Gelegenheit dazu. Wir haben dann alles sauber gemacht, damit alles wieder ordentlich aussieht. Beim Grab meiner Mutter ist der Efeu erfroren, dagegen der  Efeu auf dem Grab meines Bruders noch ganz schön. Wir haben etwas davon umgepflanzt, es wird sich zeigen, ob es anwächst.
Später fuhren wir dann wieder in die Stadt zurück.  Dein Vater wollte sich einen Anzug kaufen. Da bin ich dann noch mitgegangen. Als das erledigt war, haben wir uns noch in eine Wirtschaft gesetzt. ½ 9 Uhr waren wir wieder daheim. Ich zog dann meine alte Kluft für die Reise wieder an, und die andere habe ich wieder verpackt. Nach dem Abendessen war es dann wieder bald Zeit zum Fertigmachen. Erna hatte noch einen Kaffee gekocht, dann haben wir noch den restlichen Cognac getrunken und dann ging es los. Dein Vater wurde wieder etwas weich, aber Du kennst ihn ja wie er da ist, wenn man von ihm Abschied nimmt. Erna war während der Zeit auch sehr nett zu mir, der kurze Aufenthalt war bestimmt angenehm verlaufen.  Nun sitze ich wieder im Zug und fahre jetzt wieder durch das Kohlen und Bergwerksgebiet Oberschlesiens. Jetzt in Glowitz und bald werde ich im polnischen Lande sein.
Die Züge sind so überfüllt und die Gegend ist so interessant, daß ich meinen Schlaf, den ich in der Nacht begonnen habe, weiter fortsetze. Ich habe mich auf die Bank hingelegt, so daß ich verhältnismäßig gut ausgeruht bin. Trotz der langen Reise, die nun schon seit Montag geht.  Interessant war nur der Unterschied, den man jetzt um diese Jahreszeit in der Landschaft erlebt.
Wie ich Dir schon schrieb, war in Paris alles schon in schönster Blüte, in Mitteldeutschland da fingen die Bäume langsam an zu grünen und hier sind erst die Weidenkätzchen herausgekommen und die Birken fangen noch nicht an zu grünen. Man merkt daran schon, daß es hier kälter ist, und daß es noch eine Weile brauchen wird, bis es hier auch zum Blühen kommt.  Auf den Haltestellen schreibe ich immer wieder an meinem Brief weiter, denn während der Fahrt geht das schlecht, weil der Zug so schlingert. Ich glaube, daß ich selten so lange an einem Brief geschrieben habe wie an diesem, schon was die Entfernung anbelangt.  Ich glaube, daß ich für heute erst einmal das persönliche geschrieben habe. Ich habe vorhin erst einmal überlegen müssen, was überhaupt für ein Tag ist, dann merkte ich, daß ja Sonntag sei. Man kommt ganz außer der Reihe.  Nimm Du recht herzliche und viele Grüße und Küsse entgegen. Gib auch unseren beiden Lausern einen herzlichen Kuß von Deinem Ernst.

Brief 242a vom 17.4.1942


Mein liebstes Mädel !                Leipzig, 17.4.42                                                                                       

Ich stelle mir vor, daß Du heute große Augen gemacht haben wirst, als ich Dir das Telegramm von Leipzig aus sandte. Also gestern erhielt ich die Mitteilung, daß ich mich vorerst in Krakau zur Entgegennahme weiterer Weisung zu melden hätte. Ich bleibe wie ich Dir schon mitteilte, bei der Verwaltung im gleichen Rang, nur daß sich jetzt die Dienststelle ändert. Eins kann ich Dir sagen, jetzt, wo ich nun weiß, was wird, bin ich auch wieder ganz anderer Stimmung wie vorher, wo noch alles im Ungewissen lag. Nicht aber etwa deshalb, weil ich nicht zur Truppe zurückkomme, sondern weil ich jetzt weiß, was nun etwa kommen wird, denn vor dem Truppendienst habe ich keine Angst, das weißt Du, wenn es auch für mich am Anfang eine Umstellung bedeutet hätte.  Ich hatte um Beurlaubung für wenige Tage nach Konstanz nachgesucht. Der Major glaubte das aber nicht verantworten zu können. Ich hatte meinen Antrag damit begründet, daß ich so viel Gepäck bei mir hätte, das ich zum großen Teil hier lassen müßte.  Auch als ich ihm sagte, er sollte es als Dienstreise bezeichnen.  Aber, wie gesagt, er hat alles abgelehnt. Da es nun nicht so geht, bin ich jetzt hier in Leipzig einen Tag abgestiegen, weil mich mein Weg hierher führte.
Heute früh bin ich gegen ½ 6 Uhr angekommen, nachdem ich gestern in Marburg ½ 9 Uhr abends wegfuhr. Dort wäre ich nicht mehr lange geblieben, denn man hatte mich  mit noch einem Kameraden wegen Quartiermangel in der Kaserne untergebracht. Wie die Nacht vorher, war wieder Fliegeralarm.  Diesmal mußte ich aber aus der Falle heraus und in den Keller gehen. Dort konnte man auf einer Holzpritsche weiterschlafen, soweit man eben dazu in der Lage war. 
Ich fuhr also über Erfurt, Naumburg nach Halle, dort mußte ich auf einen Anschlußzug nach Leipzig warten. Meine Geburtsstadt hat mich aus Freude des Wiedersehens auch ganz gut bewirtet. Ich ging zum Roten Kreuz und bekam da Bratkartoffeln und Sauerkraut. In dem Sauerkraut war sogar Fleisch drin. Das hat mir ganz gut getan. Vor allem, wenn man die Kofferschleiferei hinter sich hat. Als ich hier nun ankam, bin ich dann gleich mit der Straßenbahn hinausgefahren.  Dein Vater war nicht schlecht verwundert ebenso Erna. Ich glaube aber, daß sich beide gefreut haben, daß ich mit vorgesprochen habe. Meine Koffer hatte ich vorsichtshalber auf der Bahn gelassen, denn ich wußte ja noch nicht, wie sich Dein Vater nach unseren Briefen zu uns eingestellt hat. Ich denke aber, daß es richtiger sein wird, wir sprechen über die Dinge und ich hoffe, daß ich mit ihm schon zu Recht kommen werde. Bis heute früh ist er noch nicht darauf zurückgekommen. Ich habe mit Erna darüber gesprochen, denn ich halte es für meine Pflicht, diese Sache anzurühren. Erstens teilt sie vollkommen unsere Ansicht, was ja schließlich nach der Äußerung von Siegfried nicht anders zu erwarten war. Sie sagte mir nun, als sie von Karlsruhe zurückkam, daß er in einer ganz veränderten Stimmung war. Siegfried hat sich dann mit ihm offenbar ausgesprochen über die ganze Angelegenheit.
Erna ist der Ansicht, daß das Fräulein aus seinem früheren Geschäft sicherlich gehetzt habe, daß er sich so was bieten ließe, daß seine Schwiegertochter so herumreise, während er im kalten Zimmer sitzt. Ebenso hat die Frau Böhler noch mit dazu beigetragen, seine Stimmung in dieser Richtung zu beeinflussen. Wie die Dinge sich nun weiter entwickeln, muß man abwarten, was ich noch erfahre. Ich werde Dir aber dann noch berichten.
Nachdem Dein Vater weggegangen ist, bin ich nochmals in die Stadt gefahren um mein Gepäck zu holen um das umzupacken, was ich nicht mitnehmen will.  Ich hatte mich dann umgezogen und bin dann mit Erna in die Stadt gefahren, um Alice zu besuchen. Die hat mir dann erst Vorhaltungen gemacht, daß ich nicht geschrieben habe. Ich habe ihr dann gesagt, daß es besser sei, ich käme selbst. Dann sind wir noch ein wenig durch die Stadt gebummelt und sind ins Cafe Genant gegangen. Ich mußte doch meine Schwägerin auch einmal ausführen.  Doch hier muß ich etwas einflechten. Das Geld habe ich mir dazu geborgt. Ich habe mir von Erna ebenfalls 20,-RM geben lassen, die Du ihr bitte überweisen willst, denn ich hatte fast kein Geld mehr in der Hand. Ganz schäbig konnte ich mich auch nicht zeigen.  Vorhin sind wir nun nach hause gekommen. Ich muß sagen, daß Erna sich sehr viel Mühe gibt, um mir unter den Verhältnissen der Lebensmittelbewirtschaftung etwas vorzustellen. Sie ist sehr freundlich zu mir. Wir haben uns über alle Familiendinge unterhalten, die uns nun einmal alle angehen. Ich habe sie nun auf diesem Wege auch kennen gelernt, was mir doch bisher immer noch als Mangel für einen vollständigen Menschen anhing.  Vorhin hat sie noch Mittagessen fertiggemacht, in der Zwischenzeit kam Herr Wigram und hat mich gleich begrüßt, was sehr nett von diesem Mann war. Eines kann ich ihm nur nicht vergessen, daß er mich immer mit „Kroschel“ angesprochen hat.
Heute Abend haben wir Alice und Paul hergebeten, die gegen 6 Uhr kommen werden.  Ich fahre morgen weiter nach Krakau. Mein Zug fährt um 19 Uhr, so daß ich dann am anderen Morgen 8,30 Uhr dort sein werde. Ich müßte eigentlich heute schon fahren, aber ich bin bis jetzt immer zu zeitig gekommen, so daß ich sehen muß, was ich sage, wenn ich einmal etwas später komme. Ich werde es diesmal auf mich nehmen.  Du brauchst Dir deshalb keine Sorgen zu machen.  Die Sachen, die ich an Dich zurückschicken will, mache ich noch fertig. Hoffentlich kommen sie gut an.
Meine neue Anschrift wird sicherlich 12960 lauten, sobald das feststeht, gebe ich Dir genaueren Bescheid.  Jetzt möchte ich aber schließen und sende Dir sowie auch den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst.  Dein Geld für den Kranz ist auch schon eingegangen.  Abschrift eines Briefes an Kurt, den ich vor Tagen schon geschrieben hatte, lege ich bei. Ebenfalls eine Abschrift eines Briefes an Siegfried, den ich heute schrieb.