Sonntag, 23. April 2017

Brief 242d vom 21.4.1942


Mein liebes gutes Mädel !     unterwegs, den 21.4.42                                                                            

Gestern kam ich nicht zum Schreiben, dafür hatte ich Dir vorgestern schon zwei Briefe geschrieben. Also um Mitternacht bin ich in Krakau weitergefahren. Ich hatte erst gehofft, ein Großstück weiter zu kommen, doch daraus wurde nichts. Bis nach Lemberg hat es nun gelangt und hier sitze ich wieder fest. Schließlich muß man sich an dieses Tempo gewöhnen. In Frankreich war es bestimmt schon gemächlich, aber doch immer noch ging es dort schneller vorwärts wie hier. Ich bin nun zwar durch ganz Polen durchgefahren und stehe nun nahe der früheren russischen Grenze. Wohin es geht, habe ich Dir ja schon mitgeteilt, ob ich zwar dort bleibe, ist noch nicht ganz raus, denn hier muß man ja immer mit Änderungen rechnen.
Gestern habe ich Dir irrtümlich mitgeteilt, daß es westlich Kiew liegt. Das stimmt aber nicht, denn ich habe jetzt gesehen, daß es etwa 200 km westlich Chrakow am Dnjepr liegt. Hoffentlich kommst Du mit diesen schwierigen Namen zurecht, die sich so schlecht schreiben lassen, wenn nicht, so kannst Du mir das ja dann mitteilen.  Die Fahrt ging anfangs vorwärts. Der Zug kam schon überfüllt in Krakau an, mit etwas Glück hatte ich noch einen Platz bekommen. Eine Luft war zwar in dem Abteil, da wäre man fast drin stecken geblieben, und dick war sie. Einige Soldaten hatten ihre Stiefel ausgezogen, so daß ihre Füße ganz wunderbar ausdünsten konnten. Ich dachte mir, das ist immerhin schon ein Vorgeschmack von dem, was noch kommen kann. Es war aber auch so, je weiter man nach Osten kommt, desto schlimmer wird es. 
Bevor ich in Krakau wegfuhr, sah ich einen Transport von Flüchtlingen. Woher sie kamen, weiß ich nicht. Der Anblick war jedoch erschütternd. Man kann es gar nicht beschreiben, wie elend die Leute angezogen waren. Einige haben Pelzmäntel an, andere eine gefütterte Weste. Alles schon lange nicht mehr gewaschen oder gereinigt. Manche haben Schuhe an, andere nur Lappen um die Füße und welche gehen sogar barfuß.
Männer, Frauen und Kinder, alles liegt beieinander. Die Frauen schleppen das Wenige, was sie mitgenommen haben. Ich kann nur sagen, was sind das für Verhältnisse. In dieser Beziehung ist es hier nun noch schlechter.  Auffallend sind hier die vielen Juden, die alle durch Armbinden gekennzeichnet sind, die früher einmal weiß waren. Diese Armbinde trägt einen blauen Zionsstern. Man hat sie teilweise zu Arbeiten eingesetzt, sofern sie Wert auf zu Essen legen. So was Ungeschicktes und so was Dreckiges beim Arbeiten hast Du sicher noch nicht gesehen. Zusehen kann man nicht, denn sonst läuft einem die Galle über. Schmutz und immer wieder Schmutz ist aber oberstes Gebot, man weiß gar nicht, wo der immer wieder herkommt. 
Am Abend vor der Abfahrt in Krakau war ich noch im Kino und habe mir den Film „Der verkaufte Großvater“ angesehen. Selten habe ich so einen Schmarren gesehen wie diesen. Aber ich wollte mich nicht die ganze Zeit in der Wirtschaft oder auf dem Bahnhof sitzen. Es ist mir nicht unangenehmer, wie nicht zu wissen, wohin man gehört.  Ich bin erst wieder zufrieden, wenn mein Zug wieder rollt, oder wenn ich an Ort und Stelle bin. Die Preise sind hier derart überhöht, daß man sich einesteils nicht wundert, daß sich die Leute nichts kaufen können. Wir haben hier zu unserer Löhnung einen Teuerungszuschlag von 50 %, den man aber bei diesen unnormalen Verhältnissen braucht.
Auffallend war mir noch, als ich aus dem Kino kam, brannte auf den Hauptstraßen noch die ganze Straßenbeleuchtung.  Ich lege Dir noch meine gesparten Urlaubsmarken bei, die bis Ende dieses Monats verbraucht sein müssen. Du wirst Verwendung dafür haben. Außerdem ist noch eine kleine Fettmarke dabei, die Du auch verbrauchen sollst. Das Wetter wird nun nach langen Tagen schönen Wetters bewölkt, wahrscheinlich wird es bald Regen geben.  Auffallend ist, daß hier schon viele Deutsche leben. Ich hörte von 25 000, das ist doch enorm. Wenn man sich vorstellt, das ist allerhand Leistung, daß wir während des Krieges so viele Menschen schon hier herüber tun können.  Mit dem Geld muß man sich auch hier erst wieder umstellen. Man staunt nur immer wieder, was das für Leistungen sind, die wir während des Krieges vollbringen. 
Ich mache jetzt wieder Schluß, denn nun weißt Du wieder Bescheid, was ich nun mache und wohin es geht.  Das wird Dich nun auch wieder beruhigen. Ich grüße und küsse Dich wiederum recht herzlich und hoffe, daß mein Brief von heute morgen, den ich einer Rotkreuzschwester abgegeben habe, Dich auch erreicht hat. Dein Ernst.

Brief 242c vom 19.4.1942


Mein liebes Mädel !                                                     19.4.42                                                 

Vorhin habe ich erst einen Brief an Dich abgesandt und nun will ich Dir gleich nochmals schreiben, da ich jetzt weiß, wohin es geht. Der Ort liegt schon in Rußland und heißt Krementschug, der westlich Kiew liegt. Die Reise von hier kann unter Umständen bis 6 Tage dauern. Die Fahrt geht von hier aus über Lemberg.  Sobald ich kann, werde ich Dir wieder darüber Genaueres berichten. Ich bin ja jetzt erst auch annähernd eine Woche unterwegs.  Die Dienststelle heißt „der Befehlshaber der rückwärtigen besetzten Gebiete Süd“. Das ist in dieser Beziehung alles. Vorhin habe ich Verpflegung für 6 Tage gefaßt. Mir wurde ganz Angst, als ich alles beieinander hatte. Im Koffer habe ich dann doch noch alles untergebracht. Ich hatte mich erst geärgert, daß ich meine Mappe nicht mehr dabei hatte, es wird aber nun auch so gehen.  Ich habe nun, nachdem ich meine Sachen in Ordnung gebracht habe, einen Bummel durch die Stadt gemacht. Die Stadt bietet trotz des reichlichen Schmutzes, viele schöne und alte Bauten, die auf Tradition schließen lassen. Das Polnische wirkt wieder ganz anders, Hier sind im großen Durchschnitt die Leute ärmer wie in Frankreich, sie sehen vielfach auch zerlumpt aus. Der Eindruck, den ich jetzt zuerst gewonnen habe, ist nicht der beste.
In Rußland soll es ja noch schlimmer sein, es wird sich aber auch wieder auf eine Art einrichten lassen. Bis ich nun hier wegfahre, werde ich mich in der Stadt herumtreiben bis mein Zug heute Nacht um 1 Uhr geht. Jetzt habe ich mich in ein Kaffeehaus gesetzt, wo ein richtiger Großstadtbetrieb ist. Wie lange ich es hier aushalte, muß ich erst einmal sehen. Wie ich schon schrieb, traf ich gestern mit etwa 3 Stunden Verspätung hier ein. Ich erkundigte mich, wann mein nächster Zug weiterfährt und mir wurde dann mitgeteilt, daß ich gegen 9 Uhr weiterfahren könnte. Ich verließ also den Bahnhof, habe mich erst einmal um Essen umgesehen, denn das ist immer sehr wichtig. Ich bekam wenigstens eine Suppe, denn mit der Marschverpflegung allein kann man wohl auskommen, aber man braucht auch zwischendurch warmes Essen. Man hatte mir in Krakau für 6 Tage Marschverpflegung mitgegeben, die mir ziemlichen Kummer bereitete, weil ich nicht wußte, wo und wie ich diese unterbringen sollte. Einen Teil habe ich nun schon verbraucht und mit der anderen werde ich auch noch zu Wege kommen. Nach der Einweisung habe ich mich hier auf der Frontsammelstelle gemeldet, was sich nun zu meinem Verhängnis ausgewirkt hat.
Wir haben bereits wieder Nachmittag und ich sitze seit gestern Mittag immer noch hier. Mir geht es zwar nicht allein so, denn hunderte von Kameraden warten auch auf weiteren Anschluß. Das beruhigt mich einigermaßen. Nachdem man hier nun die verschiedenen umständlichen Formalitäten erfüllt hatte, habe ich mich mit noch einem Kameraden auf den Weg durch die Stadt gemacht. Schon als man hier zum Bahnhof herauskam und überall, wo viele Soldaten verkehren, sitzen die Schuhputzjungen, die einen förmlich überfallen. Ich habe mir auch die Schuhe reinigen lassen wollen. Das Geschreidurcheinander der vielen Jungen kann einem bald auf die Nerven fallen. Doch man muß da immer zeigen, daß man über ihnen steht.  Als mir der Kerl die Schnürsenkel mit einschmierte und nicht gleich begriff, daß das eine Schweinerei ist, habe ich ihm eins an den Kopf gegeben, das half dann gleich. Als sie dann fertig waren, verlangten sie zuerst Brot, als ich das nicht bei mir hatte, Zigaretten und dann zuletzt, als ich das auch verneinte, das Geld. Erst wollten sie 50 Pfennig haben, aber mit 10 Pfennig waren sie dann auch zufrieden.
Wir sind dann weiter durch die Stadt gezogen und haben uns etwas umgesehen. Die Hauptstraßen sind schon nicht sauber, aber in den Nebenstraßen getraut man sich schon nicht hineinzusehen, geschweige denn durchzulaufen. Im Soldatenheim gab es dann Kaffee und Kuchen zu anständigen Preisen.  Gegen Abend bin ich dann wieder ins Kino gegangen, wo der Film „Liebe streng verboten“ gespielt wurde. Der war so einigermaßen, aber auch nichts Besonderes. Man sagt, daß hier Lemberg die letzte Kulturstation sei und daß es nachdem aufhört. Darum nimmt man in dieser Hinsicht noch alles mit, was man bekommen kann.  Doch mir ist alles zu teuer, darum trinke ich nur zum Essen noch ein Bier und halte mich an den Kuchen oder an das Sonntagsessen.  Die Unterbringung ist hier schon sehr primitiv, aber man wird sich hier damit abfinden müssen.
Interessant war am Abend, als wir durch die Hauptstraße gingen, als da elternlose Kinder auf der Straße standen, barfuß oder notdürftig bekleidet und sangen mit zitternder Stimme. Der Anblick ist ja grausig, wenn man die Kinder so auf der Straße sieht und weiß, daß sie irgendwo in einem Dreckwinkel nächtigen. Was sind das für schöne Verhältnisse bei uns in Deutschland. Was haben es unsere Kinder schön. Hier lebt und wächst aber alles durcheinander, trotz Krankheiten und sonstigen Einflüssen vermehren sich diese Menschen hier, das ist ja unglaublich. Hier kommt es deshalb auch auf den einzelnen nicht an, weil sich das Grobzeug so schnell vermehrt.
Die Zerstörungen, vor allem in der Bahnhofgegend sind ziemlich groß, doch man ist mit der Ausbesserung schon stark beschäftigt. Auch an großen Gebäuden ist hier wirklich kein Mangel und sie machen keinen schlechten Eindruck, doch es fehlt zu allem der Zusammenhang. Dann ist eben alles nicht Instand gehalten, so daß es schade um dieses alles ist. An einem Kirchturm hat man das Kupferdach halb heruntergerissen. Wahrscheinlich waren das die Russen, die ja die Stadt eine ganze Weile unter ihrer Verwaltung hatten.  Ich habe noch von vielen Eindrücken zu berichten, doch für heute langt es wohl.
Post kann ich ja noch nicht von Dir erhalten, damit wird es noch eine ganze Weile dauern, bis  ich Dir meine neue Adresse bekannt geben kann und bis dann die Briefe hier ankommen. Ich hoffe, daß Ihr alle gesund seid und sende Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst.

Brief 242b vom 18./19.4.1942


Mein liebes, gutes Mädel !                                            18.4.42                                                 

Gestern Abend kamen Alice und Paul. Sie fragten mich schon am Vormittag, ob ich Zigaretten hätte, denn dann würden sie mir welche mitbringen. Ich bedankte mich dafür und sagte ihr aber, daß ich nicht abgeneigt wäre, wenn sie einen guten Cognac mitbringen würde. Tatsächlich brachte sie dann einen Likör mit,  den wir uns dann nach dem Abendessen zu Gemüte gezogen haben Wir haben uns dann über alle Dinge die uns gemeinsam berühren, unterhalten. Daß Du mit den Kindern nicht aus dem Spiel gelassen wurdest, kannst du Dir ja vorstellen. Was liegt mir denn näher, wie gerade in diesem Kreise immer wieder von Euch zu erzählen.  Alle wollten ja auch wissen, was Ihr macht und wie Ihr lebt und wie es Euch geht. Nachdem ich nun erst kürzlich im Urlaub war, hatte ich reichlich Gesprächsstoff.
Dein Vater holte dann noch einen Rest Steinhäger, den wir dann auch noch wegmachten. Ich hatte mir aus Frankreich 2 Flaschen Cognac mitgebracht, die ich mir für spätere Zwecke aufheben wollte und Dir mitschicken wollte. Ich dachte, wenn die Stimmung so angenehm und angeregt ist, da werde ich eine von den zweien opfern. Dein Vater und auch Alice sowie Paul sagten erst, ich solle sie aufheben. Als ich sie dann aufgemacht hatte, hat dann keine mehr widerstanden. Als wir noch einige Cognacs getrunken hatten, gingen dann Alice und Paul heim. Den Brief den ich Dir gestern sandte, hatten dann alle noch unterschrieben. Wir 3 saßen dann noch beieinander und wir kamen dann ins Gespräch auf meinen Brief und auch auf Deinen. Erst meinte er, mein Brief sei ziemlich scharf gewesen. Wir haben uns dann des Langen und Breiten darüber unterhalten, und ich habe nochmals unser aller Meinung zum Ausdruck gebracht, der er anfänglich entgegentrat und versuchte, unsere Ansichten zu entkräften. Ich ließ mich nicht davon abbringen und sagte ihm offen, meine Meinung mit der Begründung, daß ich ihm in der gleichen Weise entgegentrete wie er es auch an sich hat. Es handelt sich hierbei nicht mehr um die Frau Böhler sondern um das Fräulein Ludwig, mit der er früher im Geschäft tätig war. Ich sagte ihm dann, daß wir ihm nicht im Wege stehen, keiner von uns, aber wir wollen und können es auch nicht dulden, daß er jetzt nach so kurzer Zeit schon derartige Pläne hat und habe ihm das richtig vor Augen gehalten. Er sagte dann, daß er während des Krieges auch nicht daran dächte wieder zu heiraten, weil er nicht wüßte, wie und wann wir aus dem Kriege heimkommen würden. Wenn wir zwar gesund heimkämen, dann halte er es nicht für ausgeschlossen, daß er an eine Verbindung noch einmal denken würde. Unsere Stellungnahme dazu habe ich dann wieder dahin formuliert, daß die Beziehungen dann sich zwischen uns allen sehr abkühlen würden, denn das ist unser aller Auffassung. Wie gesagt, wie er mir das schon vorher bestätigte, denkt er während der Dauer des Krieges nicht daran. Neu war mir allerdings, daß er auch an Dora geschrieben hat, ob sie zu ihm kommen würde. Er sagte auch, daß das gewissermaßen Mamas Wunsch gewesen sei. Er las mir dann auch einen Brief von Dora vor in dem sie ihm mitteilte, daß sie das im gegenwärtigen Moment wegen des Haushalts, dem sie gegenwärtig vorsteht, nicht könnte. Im übrigen sagte er, daß er mit Dir schon darüber gesprochen hätte und daß Du darüber Bescheid wissen würdest, was ich aber verneinte, weil Du mir davon noch nie etwas gesagt hattest. Er fragte mich dann, was wir wohl dazu sagen würden, wenn Dora ins Haus käme, worauf in ihm erklärte, daß dies eine ganz andere Version sei, über die ich erst nochmals nachdenken müßte und die ich nicht gleich beantworten könne. Wir haben uns dann über diese Dinge noch bis gegen 2 Uhr unterhalten. Daß dabei fast die ganze Flasche Cognac draufgegangen ist, hat mir dann auch nicht leid getan, denn ich habe mit ihm über diese Dinge in alle Ruhe reden können. Gut war, daß Erna dabei war, die ja schließlich auch mit zur Familie gehört und die jederzeit das bestätigen kann und Siegfried meine Meinung auch mitteilen kann, wie ich über alle diese Dinge denke. Ich denke, daß Du jetzt in soweit beruhigt bist, daß ich in aller Ruhe mit Deinem Vater auseinander gekommen bin, denn ich gab zu, durch weitere Briefeschreiberei wären die Dinge vielleicht verworrener geworden.  Übrigens über Deinen Brief war er mehr verwundert als über meinen, weil er nach seiner Ansicht schärfer gewesen sei. Aber es ist soweit jetzt ziemlich klar. Ich bin bestimmt froh, daß ich mich mit ihm darüber ausgesprochen habe und daß er auch unsere Meinung weiß.  Ich komme jetzt nicht mehr dazu, Dir noch mehr zu schreiben, was ich noch zu berichten habe, weil mir die weitere Zeit im Moment dazu fehlt. Ich werde aber alles noch nachholen.  Sei darum jetzt vielmals und recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.

Mein liebes Mädel !                                    Auf der Fahrt, den 19.4.42         

Nun bin ich wieder auf der Fahrt und jetzt hier auf dem Bahnhof von Breslau. Der Zug wird gleich weiterfahren. Ich möchte aber doch noch etwas schreiben, damit Du nicht so lange ohne Post bist. Mittag gegen 12 Uhr werde ich in Krakau ankommen. Was dann wird und wie es dann weitergeht, muß ich abwarten. Gestern früh sind wir etwas spät aufgestanden. Ich habe dann noch gebadet.  Meine Koffer mußte ich doch umpacken, weil ich Dir unseren großen Koffer heimgeschickt habe. Ich bin jetzt nur noch mit dem Koffer von Kurt unterwegs, damit ich nicht soviel Schleiferei habe. Ich weiß nicht, ob Du noch einen Schlüssel davon daheim hast. Ich schicke ihn Dir in diesen Tagen zu, damit Du ihn dann ausräumen und die Sachen versorgen kannst. Die eine Flasche Cognac hebst Du dann noch mit auf. Die übrigen Sachen waren mir alle im Wege.  Einen weiteren Koffer mit Uniformjacken schickt Dir Dein Vater mit der Post noch zu. 2 Bücher wirst Du auch noch von ihm erhalten, weil sie nicht mehr hineinpassen. Das wäre dann alles, was ich noch bei mir hätte, was ich so entbehren kann und was ich jetzt nicht gleich unbedingt brauche, vor allem, weil ich noch nicht weiß, wie ich untergebracht werde. 
Nach dem Mittagessen bin ich mit Erna in die Stadt gefahren, habe auf dem Bahnhof meinen Koffer aufgegeben. Anschließend sind wir dann auf den Friedhof gefahren, wo uns Dein Vater und Alice erwarteten. Ich habe dann noch einige Blumen gekauft, um sie auf das Grab meiner Mutter und auf das Grab von Walter tun zu können. Es war mir eine Notwendigkeit, diese Gräber sowie das von Deiner Mutter zu besuchen. Man fährt beruhigter weiter, wenn man das alles nochmals gesehen hat, wo man so durch die Stadt fährt und hat die Gelegenheit dazu. Wir haben dann alles sauber gemacht, damit alles wieder ordentlich aussieht. Beim Grab meiner Mutter ist der Efeu erfroren, dagegen der  Efeu auf dem Grab meines Bruders noch ganz schön. Wir haben etwas davon umgepflanzt, es wird sich zeigen, ob es anwächst.
Später fuhren wir dann wieder in die Stadt zurück.  Dein Vater wollte sich einen Anzug kaufen. Da bin ich dann noch mitgegangen. Als das erledigt war, haben wir uns noch in eine Wirtschaft gesetzt. ½ 9 Uhr waren wir wieder daheim. Ich zog dann meine alte Kluft für die Reise wieder an, und die andere habe ich wieder verpackt. Nach dem Abendessen war es dann wieder bald Zeit zum Fertigmachen. Erna hatte noch einen Kaffee gekocht, dann haben wir noch den restlichen Cognac getrunken und dann ging es los. Dein Vater wurde wieder etwas weich, aber Du kennst ihn ja wie er da ist, wenn man von ihm Abschied nimmt. Erna war während der Zeit auch sehr nett zu mir, der kurze Aufenthalt war bestimmt angenehm verlaufen.  Nun sitze ich wieder im Zug und fahre jetzt wieder durch das Kohlen und Bergwerksgebiet Oberschlesiens. Jetzt in Glowitz und bald werde ich im polnischen Lande sein.
Die Züge sind so überfüllt und die Gegend ist so interessant, daß ich meinen Schlaf, den ich in der Nacht begonnen habe, weiter fortsetze. Ich habe mich auf die Bank hingelegt, so daß ich verhältnismäßig gut ausgeruht bin. Trotz der langen Reise, die nun schon seit Montag geht.  Interessant war nur der Unterschied, den man jetzt um diese Jahreszeit in der Landschaft erlebt.
Wie ich Dir schon schrieb, war in Paris alles schon in schönster Blüte, in Mitteldeutschland da fingen die Bäume langsam an zu grünen und hier sind erst die Weidenkätzchen herausgekommen und die Birken fangen noch nicht an zu grünen. Man merkt daran schon, daß es hier kälter ist, und daß es noch eine Weile brauchen wird, bis es hier auch zum Blühen kommt.  Auf den Haltestellen schreibe ich immer wieder an meinem Brief weiter, denn während der Fahrt geht das schlecht, weil der Zug so schlingert. Ich glaube, daß ich selten so lange an einem Brief geschrieben habe wie an diesem, schon was die Entfernung anbelangt.  Ich glaube, daß ich für heute erst einmal das persönliche geschrieben habe. Ich habe vorhin erst einmal überlegen müssen, was überhaupt für ein Tag ist, dann merkte ich, daß ja Sonntag sei. Man kommt ganz außer der Reihe.  Nimm Du recht herzliche und viele Grüße und Küsse entgegen. Gib auch unseren beiden Lausern einen herzlichen Kuß von Deinem Ernst.

Brief 242a vom 17.4.1942


Mein liebstes Mädel !                Leipzig, 17.4.42                                                                                       

Ich stelle mir vor, daß Du heute große Augen gemacht haben wirst, als ich Dir das Telegramm von Leipzig aus sandte. Also gestern erhielt ich die Mitteilung, daß ich mich vorerst in Krakau zur Entgegennahme weiterer Weisung zu melden hätte. Ich bleibe wie ich Dir schon mitteilte, bei der Verwaltung im gleichen Rang, nur daß sich jetzt die Dienststelle ändert. Eins kann ich Dir sagen, jetzt, wo ich nun weiß, was wird, bin ich auch wieder ganz anderer Stimmung wie vorher, wo noch alles im Ungewissen lag. Nicht aber etwa deshalb, weil ich nicht zur Truppe zurückkomme, sondern weil ich jetzt weiß, was nun etwa kommen wird, denn vor dem Truppendienst habe ich keine Angst, das weißt Du, wenn es auch für mich am Anfang eine Umstellung bedeutet hätte.  Ich hatte um Beurlaubung für wenige Tage nach Konstanz nachgesucht. Der Major glaubte das aber nicht verantworten zu können. Ich hatte meinen Antrag damit begründet, daß ich so viel Gepäck bei mir hätte, das ich zum großen Teil hier lassen müßte.  Auch als ich ihm sagte, er sollte es als Dienstreise bezeichnen.  Aber, wie gesagt, er hat alles abgelehnt. Da es nun nicht so geht, bin ich jetzt hier in Leipzig einen Tag abgestiegen, weil mich mein Weg hierher führte.
Heute früh bin ich gegen ½ 6 Uhr angekommen, nachdem ich gestern in Marburg ½ 9 Uhr abends wegfuhr. Dort wäre ich nicht mehr lange geblieben, denn man hatte mich  mit noch einem Kameraden wegen Quartiermangel in der Kaserne untergebracht. Wie die Nacht vorher, war wieder Fliegeralarm.  Diesmal mußte ich aber aus der Falle heraus und in den Keller gehen. Dort konnte man auf einer Holzpritsche weiterschlafen, soweit man eben dazu in der Lage war. 
Ich fuhr also über Erfurt, Naumburg nach Halle, dort mußte ich auf einen Anschlußzug nach Leipzig warten. Meine Geburtsstadt hat mich aus Freude des Wiedersehens auch ganz gut bewirtet. Ich ging zum Roten Kreuz und bekam da Bratkartoffeln und Sauerkraut. In dem Sauerkraut war sogar Fleisch drin. Das hat mir ganz gut getan. Vor allem, wenn man die Kofferschleiferei hinter sich hat. Als ich hier nun ankam, bin ich dann gleich mit der Straßenbahn hinausgefahren.  Dein Vater war nicht schlecht verwundert ebenso Erna. Ich glaube aber, daß sich beide gefreut haben, daß ich mit vorgesprochen habe. Meine Koffer hatte ich vorsichtshalber auf der Bahn gelassen, denn ich wußte ja noch nicht, wie sich Dein Vater nach unseren Briefen zu uns eingestellt hat. Ich denke aber, daß es richtiger sein wird, wir sprechen über die Dinge und ich hoffe, daß ich mit ihm schon zu Recht kommen werde. Bis heute früh ist er noch nicht darauf zurückgekommen. Ich habe mit Erna darüber gesprochen, denn ich halte es für meine Pflicht, diese Sache anzurühren. Erstens teilt sie vollkommen unsere Ansicht, was ja schließlich nach der Äußerung von Siegfried nicht anders zu erwarten war. Sie sagte mir nun, als sie von Karlsruhe zurückkam, daß er in einer ganz veränderten Stimmung war. Siegfried hat sich dann mit ihm offenbar ausgesprochen über die ganze Angelegenheit.
Erna ist der Ansicht, daß das Fräulein aus seinem früheren Geschäft sicherlich gehetzt habe, daß er sich so was bieten ließe, daß seine Schwiegertochter so herumreise, während er im kalten Zimmer sitzt. Ebenso hat die Frau Böhler noch mit dazu beigetragen, seine Stimmung in dieser Richtung zu beeinflussen. Wie die Dinge sich nun weiter entwickeln, muß man abwarten, was ich noch erfahre. Ich werde Dir aber dann noch berichten.
Nachdem Dein Vater weggegangen ist, bin ich nochmals in die Stadt gefahren um mein Gepäck zu holen um das umzupacken, was ich nicht mitnehmen will.  Ich hatte mich dann umgezogen und bin dann mit Erna in die Stadt gefahren, um Alice zu besuchen. Die hat mir dann erst Vorhaltungen gemacht, daß ich nicht geschrieben habe. Ich habe ihr dann gesagt, daß es besser sei, ich käme selbst. Dann sind wir noch ein wenig durch die Stadt gebummelt und sind ins Cafe Genant gegangen. Ich mußte doch meine Schwägerin auch einmal ausführen.  Doch hier muß ich etwas einflechten. Das Geld habe ich mir dazu geborgt. Ich habe mir von Erna ebenfalls 20,-RM geben lassen, die Du ihr bitte überweisen willst, denn ich hatte fast kein Geld mehr in der Hand. Ganz schäbig konnte ich mich auch nicht zeigen.  Vorhin sind wir nun nach hause gekommen. Ich muß sagen, daß Erna sich sehr viel Mühe gibt, um mir unter den Verhältnissen der Lebensmittelbewirtschaftung etwas vorzustellen. Sie ist sehr freundlich zu mir. Wir haben uns über alle Familiendinge unterhalten, die uns nun einmal alle angehen. Ich habe sie nun auf diesem Wege auch kennen gelernt, was mir doch bisher immer noch als Mangel für einen vollständigen Menschen anhing.  Vorhin hat sie noch Mittagessen fertiggemacht, in der Zwischenzeit kam Herr Wigram und hat mich gleich begrüßt, was sehr nett von diesem Mann war. Eines kann ich ihm nur nicht vergessen, daß er mich immer mit „Kroschel“ angesprochen hat.
Heute Abend haben wir Alice und Paul hergebeten, die gegen 6 Uhr kommen werden.  Ich fahre morgen weiter nach Krakau. Mein Zug fährt um 19 Uhr, so daß ich dann am anderen Morgen 8,30 Uhr dort sein werde. Ich müßte eigentlich heute schon fahren, aber ich bin bis jetzt immer zu zeitig gekommen, so daß ich sehen muß, was ich sage, wenn ich einmal etwas später komme. Ich werde es diesmal auf mich nehmen.  Du brauchst Dir deshalb keine Sorgen zu machen.  Die Sachen, die ich an Dich zurückschicken will, mache ich noch fertig. Hoffentlich kommen sie gut an.
Meine neue Anschrift wird sicherlich 12960 lauten, sobald das feststeht, gebe ich Dir genaueren Bescheid.  Jetzt möchte ich aber schließen und sende Dir sowie auch den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse Dein Ernst.  Dein Geld für den Kranz ist auch schon eingegangen.  Abschrift eines Briefes an Kurt, den ich vor Tagen schon geschrieben hatte, lege ich bei. Ebenfalls eine Abschrift eines Briefes an Siegfried, den ich heute schrieb.

Brief 242 vom 22./23.4.1942


Mein liebes Mädel !    Auf der Weiterfahrt                                           22.4.42 

Gestern Abend 9 Uhr ging es von Lemberg weiter. Am späten Nachmittag hieß es, daß ein Transport weitergeht. Wir wurden schnell zusammengestellt. Als wir auf dem Bahnhof ankamen, war erst eine große Drängelei, aber Platz hat dann jeder bekommen. Jetzt liegen wir auf einer Bahnstation und warten bis der Zug weitergeht. Die Bevölkerung kommt an den Zug heran und versucht den Soldaten Eier anzudrehen. Alles geht im Tauschhandel. Für eine Schachtel Streichhölzer oder für eine Zigarette gibt es ein Ei. Obwohl Posten mit der Peitsche oder mit aufgepflanztem Gewehr vorbeilaufen, um die Leute davon abzuhalten, läßt sich doch immer wieder ein Geschäft machen.  Sämtliche Bahnhöfe, die wir bis jetzt passierten, waren zerstört. Meist ausgebrannt. Die Häuser machen alle einen ärmlichen Eindruck. Dachziegel sind eine Seltenheit, die Leute sehen zerlumpt und verdreckt aus. In Lemberg war es noch eine Stadt, da sah es schon schlimm aus, aber hier ist es noch schlimmer. Die Straßen sehen verschlammt und verwahrlost aus, die Felder sind noch nicht bestellt, alles macht einen trostlosen Eindruck. Man wird sich mit der Zeit an diesen Anblick gewöhnen müssen, wie man sich als Soldat in den zwei Jahren schon an so vieles gewöhnt hat. In Lemberg kamen wir gestern zufällig auf einen Markt. Der Eindruck, den man da gewinnen konnte war der, daß die Leute auf dem Standpunkt stehen, lieber etwas gehandelt als gearbeitet. Man wundert sich, was da alles verkauft wird. Etwas erinnerte mich dieser gesamte Markt an den Flohmarkt, den ich seinerzeit in Lille sah. Alte, wieder gerade gebogene Nägel, alte Wecker, Kleider, die schon etliche Jahre getragen waren, Sämereien, Farben, Stoffreste usw. Man könnte da eine lange Liste aufstellen, dazwischen sieht man immer wieder Juden, Juden und immer wieder Juden. Daß man die bald in ein Ghetto tut, wird nichts schaden.
Übrigens fällt mir da ein, daß mir Erna sagte, daß ein Mädchen aus dem Elternverein auch Jüdin sei, von der man es bis jetzt nicht gewußt hatte. Mir ist nur der Name entfallen, Du kennst sie aber gut, denn sie war etwa in Deinem Alter. Mit Vornamen hieß sie Marianne und der Familienname fing glaub ich mit W an. Man sieht es auch hier vielen nicht gleich an, daß sie Juden sind, darum ist es gut, daß man sie kennzeichnet.  Wir sind nun wieder fast 19 Stunden unterwegs immer durch weite Felder, die jetzt teilweise umgepflügt werden. Mit Gespannen von 5 bis 6 Pferden geht es über den Acker. Wenn da auch große Massen eingesetzt werden, man kann sich gar nicht vorstellen, daß das alles einmal bearbeitet wird. Dazwischen gibt es einmal Bilder, die auch eine große Ausdehnung haben. Manchmal bemerkt man Obstplantagen, die auch wieder riesige Ausmaße haben.  Es geht hier alles im Großen.

23.4.42                                                              Guten Morgen liebes Mädel.

Wieder sind wir eine Nacht gefahren und noch sieht man kein Ende dieser Fahrt. Jetzt richtet man sich bald im Zuge hier ein und an das Schlafen gewöhnt man sich schon. Die letzte Nacht war es zwar ziemlich kühl, aber der Schnee ist ja hier soweit überall weg, nur wo die Schneezäune standen, da befinden sich noch kleine Schneehalden. Aber wir fahren immer weiter durch die Gegend. Wir sind schon soweit nach Süden gefahren, daß wir in Richtung Odessa nur wenige hundert Kilometer entfernt sind. An den Stationen geht der Handel lustig weiter. Man wundert sich, wie sie sich an diesen Handel gewöhnen und wie sie die Preise in die Höhe schrauben. Mit unglaublicher Frechheit verlangen sie immer mehr. Die Soldaten sind aber auch selbst daran schuld, denn sie zahlen das was verlangt wird, weil sie es meistens zahlen.
Vorhin kamen aber Soldaten, die schon lange auf dem Transport sind und nichts zu rauchen hatten, die boten für eine Zigarette Fünfzig Pfennig.  Ich bot ihm 3 Stück, dafür wollte er mir 5, geben. Ich habe sie aber nicht genommen. Dafür brachte er mir aber 3 Eier. Der Tauschhandel treibt hier seine tollsten Blüten.  Über diese Riesenentfernungen von einem Ort zum anderen und über diese Riesenflächen kann man sich immer nur wieder wundern. Wenn man das alles richtig landschaftlich nutzen könnte, so wäre für ganz Europa allein Brot vorhanden. Abgesehen von den vielen anderen Möglichkeiten. Doch beim Arbeiten sieht man meistens nur Frauen, im Übrigen machen mir alle einen reichlich faulen Eindruck.  Stellenweise sind die Bahnhöfe und verschiedene Ortschaften zerstört, meist aber scheint es mir als hätten das die Russen selbst angezündet. Brücken oder sonstwelche Kunstbauten sind hier nicht viele vorhanden, bis jetzt haben wir erst eine große Brücke passiert, die ist aber schon ganz schön instandgesetzt. Kriegsgefangene waren mit an der Arbeit. Das sind aber schon die reinsten Mongolen. Einen vertierten Eindruck machen sie einem.
Obwohl man aus dem Lande so viel herausholen könnte, machen die Leute einen verarmten Eindruck, erstens weil sie nichts arbeiten wollen und dann weil man sie mit Absicht unten gehalten hat.  Mit der Wascherei auf der Fahrt hat das so seine Schwierigkeiten. Auf den Bahnhöfen hat man Leitungsrohre gelegt, in die man Löcher gebohrt hat, aus denen das Wasser dann herausläuft.
In dieser Beziehung, was also die Reinlichkeit anbelangt,, habe ich verschiedenes nicht bei mir. Ein richtiger Spiegel zum Rasieren fehlt mir. Man muß sich eben auf das Geradewohl rasieren und hinterher muß man sich befühlen, ob man alles wegbekommen hat. Das wird dann noch nachgeschafft. Es geht alles, nur macht es etwas mehr Umstand. Mit dem Eßbesteck ist es bis jetzt auch so. Ich hoffe, daß ich an meinem Bestimmungsort etwas bekomme, sonst sitze ich auf. Froh bin ich nur, daß ich mein Taschenmesser bei mir habe.
Mit der Zahnpasta und mit den Briefumschlägen wird es auch hapern. Einen Ausweg werde ich aber auch da finden. Du brauchst Dir deshalb keine Gedanken zu machen. Mit dem Briefpapier habe ich mich in Frankreich noch etwas eingedeckt gehabt, weil ich schon gedacht hatte, daß das Schererei machen wird. Im Tauschhandel wird man schon etwas bekommen und da hoffe ich auf die Zigaretten, die ich ja doch nicht rauche. 
Wenn ich nachher Gelegenheit habe, den Brief mit aufzugeben, geht er zur Post, denn jetzt wirst Du wohl länger warten müssen und sicherlich nicht so laufend Post bekommen wie früher. Soweit es aber möglich ist, werde ich immer in altgewohnter Weise weiter schreiben. Dagegen werde ich noch eine ganze Weile warten müssen bis ich etwas bekomme.  Jetzt kann ich wieder Post aufgeben, darum will ich für heute schließen. Ich grüße Dich und die Kinder wieder recht herzlich und oft und sende auch recht viele Küsse Dein Ernst.

Samstag, 15. April 2017

Brief 241 vom 15.04.1942

Mein liebes Mädel !                                                                                    15.4.42                                                     

Es tut mir leid, daß ich Dir nicht Genaues schreiben kann, was später so vor sich geht. Ich bin gestern  noch in einem Hotel hier untergebracht worden. Gestern bin ich noch ein wenig durch die Stadt gestiegen. Aber wirklich gestiegen, denn bis zum Schloß hinauf war doch ein ziemlicher Buckel. Man hat dann einen schönen Rundblick auf die Stadt und einen Teil des Tales der Lahn sieht man auch. Heute bin ich nun zum Schreiben eingespannt worden. Das war etwa eine Stunde Arbeit, dann hat man mich wieder in Gnaden entlassen. Gleichzeitig werde ich aus dem Hotel wieder herausgeschmissen, wahrscheinlich weil es zu vornehm für uns ist. Wir bekommen eine Unterkunft in der Kaserne. Das ist mir zwar weniger angenehm, aber schließlich muß man sich daran gewöhnen. Ich werde also erst heute nochmal umziehen. Das ist ja nicht so schlimm, denn ich bin ja schon den zweiten Tag hier. Ich bin nur gespannt, was man noch alles Gute für uns in Vorbereitung hat.
Interessant ist nur, daß ein ganzer Teil dieser Leute in Zivil herumläuft und den geschlagenen Tag nicht weiß, was er vor Langeweile anfangen soll. Man hätte uns auf unserer Stelle wenigstens so lange sitzen lassen können, bis man endgültig weiß, was los ist. Aber beim Militär kommt es ja nicht so genau drauf an. Vorhin war ich nochmals spazieren und dann will ich mich einmal um meine neue Unterkunft umsehen. Vielleicht erfahre ich heute Nachmittag noch etwas mehr, was nun eigentlich geschieht.  Zur Zeit habe ich eine scheußliche Stimmung. Man weiß noch nicht was nun kommt und alles ist so ungewiß. Das ist wieder wie vor einem Jahr, als ich auch nicht wußte, wohin ich kommen soll. Man wird doch etwas hin und hergeschoben. Schreiben kannst Du mir vorerst noch nicht, weil ich erst abwarten will, was sich hier ergibt. Ich denke, daß ich Dir in ein bis zwei Tagen mehr schreiben kann.  Für heute grüßt Dich und die Kinder recht herzlich. Außerdem sende ich Dir recht viele Küsse. Dein Ernst.

Brief 240 vom 14.04.1942


Mein liebes Mädel !                                 Marburg, den 14.4.42                                        

Nach beschwerlicher Fahrt bin ich heute Mittag gegen 12 Uhr hier eingetroffen. Doch ich will einmal schön der Reihe nach erzählen. Am Sonntag sollte ich ja in Frankreich wegfahren. Ich kam zur Bahn, hatte alle meine Sachen schön aufgebaut und ausgerichtet und wartete auf den Zug. Der Zug sollte so kurz nach 2 Uhr fahren. Ich wunderte mich, als gegen 2 Uhr immer noch niemand auf dem Bahnsteig erschien. Ich fragte dann und man sagte mir, daß dieser Zug am Sonntag nicht fahre. Ich dachte, wenn es nicht sein soll, dann ist es auch gut und bin, nachdem ich mich telefonisch zurückgemeldet hatte, wieder nach hause gefahren. Wenn man aber so auf dem Sprung sitzt, dann hat man zu nichts weiter große Lust, so kam es dann auch, daß ich nicht viel geschrieben habe. An dem Tag habe ich dann nicht mehr viel angestellt, weil ich auch zum Ausgehen keine besondere Lust verspürte. Am Montagvormittag hatte ich mich dann nochmals persönlich auf der Kommandantur gemeldet, habe nochmals wegen eines Wagens gefragt, der mich zur Bahn bringen sollte und dann noch mein Mittagessen eingenommen. Als ich hinkam, glaubte man erst, ich sei es nicht selbst, weil man mich schon über alle Berge wähnte. Dem Spieß war es unangenehm, daß er das übersehen hatte. Von da an hat dann alles fahrplanmäßig geklappt. Ich bin dann mit dem Schnellzug Lille-Paris nach 2 Uhr abgefahren. Das Wetter war wirklich sehr schön zum Reisen. Wunderbarer Sonnenschein lag über der Landschaft. Fast genau 4 Wochen nach meinem Urlaub und etwa 1 Jahr nach Ablegung meiner Prüfung und Versetzung nach Douai sind vergangen, als ich abrückte. Wenn man zurückdenkt, so will es einem nicht so lange scheinen und doch ist es an dem. 
Bei schönem Wetter fuhr ich ab. Die Landschaft erschien einem dadurch in mildem Licht, als beispielsweise vor einem Jahr, als ich ankam und es regnete und war trübes, unfreundliches Wetter. Von Fern grüßten noch einmal die Schutthalden der Kohlengruben herüber.  Wenn man so Abschied nimmt, sieht man alles mit anderen Augen als sonst. Je weiter man dann nach Süden kommt, desto belebter wird die Landschaft, doch die Häuser haben alle den gleichen eintönigen Charakter.
Etwa ½ 7 Uhr war ich dann in Paris. Dort habe ich mir erst einmal einen Gepäckträger geschnappt, denn es ist doch allerhand Zeug zusammengekommen, was man zu tragen hat.  Außer meinen 2 Koffern hatte ich noch 2 Pakete und meine Mappe.  Ich hatte mir dann einen Passierschein besorgt, um nach dem anderen Bahnhof überwechseln zu können. Mit noch anderen Soldaten bin ich dann losgezogen. Es ist nur gut, daß der Weg nicht so weit war, denn bei diesem warmen, fast sommerlichen Wetter mit dem Mantel durch die Stadt laufen, ist kein Vergnügen. Das hatte ich dann auch geschafft. Als ich jedoch dort feststellte, daß sich etwa 70 bis 80 Sechserreihen aufgestellt hatten, um mit dem Zug nach Frankfurt mitgenommen zu werden, wurde es mir etwas anders zumute, doch ich stellte mich mit an und wartete mit. Das ging über eine Stunde. Schließlich ging es auch vorbei. Kurz vor 9 Uhr fuhren wir dann aus dem Bahnhof heraus. Im Zentrum wieder die engen, hochstöckigen Häuser. Verrußt und unfreundlich. Auf der Höhe der Stadt sah man nochmals die Kirche Montmartre in der Abendsonne und in der Ferne sah das wirklich sehr nett aus. Wir fuhren dann durch die Vorstädte von Paris und ich mußte feststellen, daß ich da das erste Mal angenehm enttäuscht wurde.  Offenbar waren da Wohnungen von Leuten, die etwas sich erworben hatten.  Aber die Häuser sahen meist freundlich aus und was das Bild besonders schön machte war, daß in sämtlichen Gärten die Blumen und die Obstbäume blühten. Es war wirklich eine Pracht. Es war so mit das letzte, was ich von Frankreich sah und das war nicht das schlechteste. Ich weiß, daß das selten ist und daß man das wenig antrifft, aber gewundert hat es mich doch, so nahe bei der Riesenstadt, solche Wohnungen zu treffen. Wir fuhren dann über Epinal, Metz, Saarbrücken nach Frankfurt.
Am Morgen war das Wetter genau so schön, wie am Tage vorher, doch man merkte, daß es noch nicht so warm war bei uns in Deutschland und daß dadurch auch alles weiter zurück war. Die Landschaft war dann auch schön, die wir durchreisten. Aber von der Schlaferei auf der Bank im überfüllten Zuge und von der Schüttelei war man etwas abgespannt und auch nicht so aufnahmefähig. Weiterhin kam dazu, daß die meisten Männer, die im Zuge saßen, in Urlaub fuhren und ich hatte wieder ein unbestimmtes Ziel vor mir. Denn es ist nun mal eine ziemliche Umstellung, die von einem da wieder verlangt wird. Man war schließlich bald zwei Jahre in einer rangmäßig höheren Stellung und nun soll man wieder zurück in die Umgebung, aus der man herausgenommen wurde. Aber was nutzt das Hadern mit dem Schicksal, man muß es eben durchstehen.  In Frankfurt mußte ich dann auch wieder vom Ost nach dem Hauptbahnhof. Glücklicherweise war gleich bei der Straßenbahnhaltestelle ein Postamt, das mir die zwei Pakete entgegennahm, die mir für den weiteren Transport handlicher waren. Die habe ich dann an Dich aufgegeben. Ich hoffe, daß Du sie bald erhältst. In dem einen habe ich meine Stiefel und ein Paar Schuhe verpackt. Im anderen habe ich 2 Kisten Keks, die ich noch drüben kaufen konnte, verpackt. Hoffentlich kommt alles gut in Deine Hände.  Als ich alles erledigt hatte, bin ich dann zum Bahnhof gefahren und bekam auch gleich einen Anschluß nach hier. Einesteils war ich froh, denn ich sitze nicht gern auf den Bahnhöfen herum, doch andererseits drängt es einem, nun endlich zu einem Ziele zu kommen, um zu wissen, was es nun gibt. Wie gesagt, gegen 2 Uhr war ich dann hier. Ich habe mich nun nach der Dienststelle durchgefragt, doch wie ich hinkam, wußte noch keiner etwas von meiner Ankunft und was sonst mit mir nun geschehen soll. Von den maßgebenden Herren war keiner da. Die Soldaten wußten von nichts. Ich traf dann noch einige Leidensgenossen. Von diesen erfuhr ich, daß sie schon seit 14 Tagen hier herumsitzen und daß es vielleicht nochmals so lange dauern könnte oder noch länger, bevor sie wüßten, was nun eigentlich mit ihnen geschieht. Das sind natürlich weniger erfreuliche Dinge. Andere dagegen wurden wieder zu ihrem früheren Truppenteil zurückversetzt. Was nun eigentlich geschieht, weiß also bis jetzt keiner.