Samstag, 15. April 2017

Brief 239 vom 10./12./13.04.1942


Meine liebe Annie !               10.4.42                                                                                

Die Stunde des Abrückens kommt nun immer näher. Ich bin schon fest beim Packen. Ich bin froh, daß ich noch den zweiten größeren Koffer mitgenommen habe, denn sonst würde ich nicht hier wegkommen. Ich habe noch einiges gekauft, das ich noch zusammengepackt habe, ebenfalls meine Stiefel. Jetzt habe ich außer den 2 Koffern meine Mappe und noch 2 Pakete. Ich denke, daß es dann so geht.  Was so noch herumliegt, das schicke ich in Päckchen an Dich ab, dann wird das Feld hier geräumt sein. Man wundert sich immer nur, wie viel Zeug sich innerhalb des Zeitraums ansammelt. Erst braucht man es, aber beim Wegfahren ist alles im Wege. Wenn ich aber alles passend beieinander habe, ist schon allerhand zu tragen, aber es wird schon klappen. 
Post habe ich ja keine von Dir erhalten. Es wird hoffentlich morgen noch etwas ankommen. Das andere geht ja dann alles zurück, was später ankommt. Was verständlich ist, so muß ich sagen, daß mich die Arbeit hier nicht mehr interessiert. Ich werde dann sehen, was mich dann erwartet, gespannt bin ich, was ich nächste Woche um diese Zeit tun werde. 
Bei uns im Garten wird es jetzt aber mit aller Gewalt Frühjahr. Die Blumen kommen schon aus dem Boden. Es ist direkt schön, schön vor allem deshalb, weil doch hier sonst alles so eintönig ist.
Das Wetter ist aber auch direkt danach. Kräftige Frühlingswinde, schöner Sonnenschein und im Allgemeinen ziemlich warm. Abends ist meist ein wunderbarer Sternenhimmel. Man sieht alle Sterne so deutlich. Aber was nutzen alle diese Betrachtungen, die raue Wirklichkeit stört ja immer wieder dieses Bild.  Darum scheint es einem manchmal, es hätte keinen Zweck und man fragt sich, warum dies alles, doch zur Selbsterhaltung ist es nun einmal notwendig.  Ich bin im Augenblick nicht in der Stimmung, an diese Betrachtung weitere Gedanken zu knüpfen. Ich bitte Dich, sei mit diesem Gruß heute zufrieden. Grüße und küsse unsere Kinder von mir herzlich und sei Du selbst vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.

Mein liebes Mädel !                  12.4.42          

Einen Gruß sende ich Dir noch von hier. Das ist der letzte Brief.  Ich habe noch viel zu packen gehabt. 11 Päckchen habe ich noch fertig gemacht. Es sind die Nummern 37 bis 46. Das andere habe ich im Koffer verwahrt und in 2 weiteren Paketen. Das ist immer noch genug zum Tragen.  Nachher fahre ich weg. Es ist nicht mehr viel Zeit, doch ich möchte diesen Brief nicht ohne Gruß abschicken.  Herzliche Grüße und viele Küsse Dir und unsren Kindern Dein Ernst.

Mein liebes, gutes Mädel !              13.4.42        

Gestern habe ich hier wegfahren wollen, aber der Zug fährt nur werktags, so daß ich also noch bis heute hier bleiben und auf den anderen Zug warten mußte. In der richtigen Schreibstimmung bin ich zwar immer noch nicht, was Du wohl verstehen wirst, aber das gibt sich ja wieder, wenn man wieder sein Gleichgewicht erlangt hat.  Morgen werde ich nun bestimmt in Marburg landen. Gestern ertönte zum Abschied gerade die Sirene. Ich dachte, das ist doch ein ganz kräftiger Abschied, aber da wurde nichts draus.
Das Wetter ist hier jetzt direkt sommerlich, so daß ich mir schon Gedanken mache, wie ich mit meinem Mantel zurechtkomme, der nicht mehr in dem Koffer Platz hatte und den ich nun anziehen muß. Es wird aber schon gehen. Ich werde nachher mit dem Wagen zur Bahn gebracht werden. Dann ist es hier in Dauerkeit Schluß. Abgesehen von wenigen Tagen, war ich dann genau ein Jahr hier. Wie bloß die Zeit vergeht.  Was nun die Päckchen anbelangt, so habe ich Dir gestern schon mitgeteilt, daß es 11 Stück sind. In 3 oder 4 ist Zwieback verpackt, in einem Orangen und im anderen Zitronen und Honig. Weiterhin Schokolade und Sämereien und sonstiger Kleinkram. Ich hoffe, daß alles gut ankommen wird.  Ich grüße Dich und unsere Kinder recht herzlich und sende Euch wiederum viele ebenso herzliche Küsse. Dein Ernst. Übrigens habe ich Deine 3 Briefe vom 6.7. und 8. erhalten, für die ich Dir wiederum herzlich danke. Ich werde noch drauf zurückkommen. Für heute will ich sie Dir wenigstens bestätigen. Nochmals vielen Dank dafür. Dein Ernst.

Sonntag, 9. April 2017

Brief 238 vom 8./9.4.1942


Mein liebstes Mädel !                                                         8.4.42                                                                                   
Nun will ich erst einmal Deine beiden Briefe beantworten. Mit beiden Briefen hast Du mir den Eingang von 7 weiteren Päckchen bestätigt. Nun habe ich fast ziemlich allen Zucker daheim. Schade ist nur, daß man keinen mehr besorgen kann. Schade ist ebenfalls, daß ich nicht gewußt habe, daß ich heute noch hier bin, denn dann hättest Du mir noch Geld schicken und ich hätte noch verschiedenes kaufen können. Nun muß es aber so gehen. Der Brief von Nannie ist nett geschrieben, aber ich habe auch den Eindruck, als wenn sie der Krieg ganz und gar zermürbt.
Daß sich das mit dem Mantelstoff für Erna nicht anders machen ließ, hat mir selbst leid getan und hätte das gern besorgt, aber ändern kann ich es nicht mehr.
Über die Bilder, die Du für Kurt hast abziehen lassen, wird er sich sicherlich gefreut haben.
Deinen Osterputz oder Frühjahrsputz hast Du rechtzeitig begonnen. Das hat man hier schon verschiedentlich sehen können, daß vor Ostern die Frauen die Wohnung nach dem langen Winter einer gründlicheren Reinigung unterzogen. Da dachte ich, genau wie  bei uns in Deutschland, kaum werden die ersten warmen Sonnenstrahlen fühlbar, dann fangen die Frauen mit putzen an. 
Daß Du die Butter noch zum Teil hast frisch verwerten können, hat mich sehr gefreut. Den Rest hast Du ja in Reserve nehmen können. Viel ist es zwar nicht, aber man hat doch einen kleinen Rückhalt. Daß Frau Dietz immer so pünktlich an den Jungen denkt, ist sehr nett von ihr. Man muß doch bedenken, daß sie ihn nun eigentlich ganz und gar aus den Augen verloren hat. Du hast ihr ja gleich wieder geantwortet, dann merkt sie auch, daß man nicht ganz so uninteressiert ist.  Mein Vater gibt Dir aber allerhand Vertrauensaufträge. Daß Du sogar das Geld vom Los holen darfst, das will doch allerhand heißen. Aber solange Dir die Zeit zur Verfügung steht, wird er froh sein, wenn Du ihm das abnehmen kannst. Genau so wenn Du ihm die anderen Besorgungen, abgesehen von den Lebensmitteleinkäufen, machst.
Für Kurt hat er sich ja wieder Mühe gegeben, ich denke, daß ihm das schon gefallen hat, als er das Päckchen bekommen hat.  Mit der Krankenkasse hast Du nun überhaupt keine Lauferei mehr. Wegen der Rückkürzung des Betrags warst Du gewiß nicht böse.
Der Radioapparat hat also auch bei Vater Anklang gefunden. Daß Du mehrere Sender hereinbekommst, ist ja schön, denn diese Quälerei mit dem anderen Apparat hat mir auch immer nicht gefallen. 
An den jungen Berger kann ich mich schon noch erinnern. Der wohnte doch erst im Hause vor uns, später sind sie dann hintergezogen ins letzte Haus. Den Heller aus Leipzig habe ich nur dem Namen nach und von Erzählen her gekannt. Dagegen kann ich mich noch schwach an den Auerswald, die in der Ewaldstraße wohnten, entsinnen. Besser zwar noch an seine Mutter, denn die hatte doch einen Buckel. Der Junge war aber ein ganz strammer Kerl. 
Daß Helga so fleißig bei den Handarbeiten ist und das nun durch vermehrten Besuch der Unterrichtstunden ausgleicht, was ihr an Geschicke oder Schnelligkeit fehlt, das freut mich sehr und ich muß ihr mein ganzes Lob aussprechen. Daß das die Lehrerin auch anerkennt, ist ja auch schön, denn das wird ihren Eifer ohne weiteres noch steigern.  Vorhin habe ich nun erfahren, daß ich nunmehr endgültig am Sonntagmittag um 2 Uhr hier wegfahre. Meine Fahrt geht über Paris, von da nach Frankfurt und von da nach Marburg. In Frankfurt werde ich dann am Montag früh 8 Uhr sein, so daß ich evtl. gegen Mittag wieder in Marburg sein werde. Jetzt steht es also endgültig fest.
Der Kommandant hat mir für 1 bis 2 Tage Urlaub geben wollen, um nochmals nach hause zu fahren. Ich habe mir das hin und her überlegt, bin aber zu dem Entschluß gekommen, daß es vielleicht besser ist, ich fahre direkt, denn diese lange Reise lohnt sich nicht. Es wäre schön gewesen, wenn es 3 oder 4 Tage wären, aber das ist ja kaum, daß man sich daheim ausruhen kann. Außer diesen Bedenken ist es doch so, daß es für uns so wesentlich leichter ist, denn der Abschied ist dann doppelt schmerzlich, wenn man sich erst wiedergesehen hat. Sobald ich dann dort Näheres erfahre, schreibe ich Dir sofort Bescheid.  Meinen Brief wirst Du nun so rechtzeitig bekommen, daß ich Dir nicht mehr besonders schreiben brauche. Du weißt jetzt ziemlich genau Bescheid, wann ich hier abfahre und wann ich ankomme. Mehr kann ich andererseits, wenn ich telegrafieren würde, auch nicht tun. Es ist mir nun, nachdem ich jetzt fast ein Jahr hier war, auch nicht so ganz einerlei, hier jetzt wegzufahren, aber schließlich , wenn man erst einmal die Umstellung hinter sich hat und man aus der augenblicklichen Gewohnheit heraus ist, dann wird es auch wieder gehen. Den Kopf braucht man deshalb nicht zu verlieren, das andere ergibt sich von selbst. Du wirst hoffentlich meinen Standpunkt wegen des kurzen Wiedersehens verstehen und ich glaube, daß Du mit mir einer Meinung bist.  Vielmals grüße ich Dich und die Kinder und sende Euch recht viele Küsse. Grüße ebenfalls Vater von mir recht herzlich und nimm Du nochmals viele Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Mein liebstes Mädel !                                                  9.4.42          

Für Deine beiden Briefe vom 4. und 5. danke ich Dir wieder vielmals. Den Eingang von 5 Päckchen hast Du mir damit wieder bestätigt. Die Apfelsinen trafen also noch rechtzeitig für Ostern ein.  Da waren sie ja ganz zur rechten Zeit zum Mitverstecken da. Die Kinder waren sicher nicht böse darum. Daß Du das Osterfest vergessen hast um mir gute Wünsche dazu zu übermitteln, das will ich diesmal nicht so hingehen lassen.
Wenn es noch einmal vorkommt, dann darf es nicht mehr vorkommen. Nun habe ich auch noch ein wenig geschimpft, dann wirst Du sicherlich ganz zufrieden sein.  Die Sämereien schicke ich noch mit ab. Es ist noch einiges, auch nochmal Möhren. Gerade was Zwiebeln anbelangt, so habe ich mir gedacht, man muß in diesem Jahr einige Zwiebeln stehen lassen und versamen lassen, dann hat man im kommenden Jahr doch etwas, wenn es auch nicht viel ist. 
Den Brief von Kurt habe ich erhalten. Er ist der Ansicht, daß er bald entlassen wird und dann drüben in Rußland wieder eingesetzt wird. Daß ihm die gesandten Hefte und Romane eine willkommene Abwechslung sind, wird Dir auch eine Freude gemacht haben.
Das Wetter ist hier auch nicht gerade überwältigend. Gegenwärtig herrscht ein ziemlich starker Wind seit gestern. Das gehört aber auch mit zum Frühjahr, deshalb muß man es eben mit hinnehmen.
Post brauchst Du mir ja nun nicht mehr senden. Ich werde sämtliche Sachen wieder zurückschicken lassen, die nach meiner Abreise hier eintreffen sollten.  Mit dem Osterfest waren unsere beiden Lauser zufrieden. Das weiß ich ja noch von früheren Jahren und in unserer Kindheit war das auch nicht anders. Die Erwartung ist dann zu groß. Daß sie so eine feine Idee hatten und Dir trotz der Unmöglichkeit, etwas zu kaufen, eine kleine Überraschung gemacht haben, ist doch sehr nett. Man sieht, wie sie sich Gedanken gemacht haben, um auch Dir eine Freude zu bereiten. Dafür gib ihnen von mir jedem einen besonderen und herzlichen Kuß. Ich muß nur staunen, was sie immer für Einfälle haben. Daß sie sich nach dem erfolgreichen Suchen gleich über Verschiedenes Eßbares hergemacht haben, ist nur zu verständlich. 
Für den Gruß von Siegfried danke ich vielmals. Ich hatte ihm schon geschrieben, habe aber unglücklicherweise seine neue Adresse nicht aufgeschrieben. Ich bitte Dich, ihm bei Deinem nächsten Schreiben an ihn, das ihm mitzuteilen. Mir gibst Du aber bei Deiner nächsten Gelegenheit seine neue Anschrift bekannt.
Diese Änderung fällt mir nicht gerade leicht, wie ich Dir gestern schon schrieb. Schließlich ist es aber so, daß der Krieg noch nicht bald aus ist und daß man immer damit rechnen müßte, daß man vielleicht nicht ewig hier sitzen bleibt. Also außer der Entlassung nach der Heimat müßte man mit solchen Veränderungen jederzeit rechnen. Hoffen wir aber, daß das alles bald mal ein Ende nehmen wird.
Daß Du an den Sonntagen nun nicht gerade mit Fleiß arbeitest, das ist zwar auch mein Wunsch, denn man muß ja merken, daß einmal die Woche zu Ende ist und man ausspannen und sich auf die neue Arbeitswoche vorbereiten kann. Wenn Du an diesem Tage Dir etwas zu lesen nimmst, dann handelst Du bestimmt auch in meinem Sinne.  Herzliche Grüße an Dich und unsere beiden Schlawanzer, gebe Euch Dreien viele herzliche Küsse und bin immer Dein Ernst.

Donnerstag, 6. April 2017

Brief 237 vom 6./7.4.1942


Mein liebes Mädel, liebe Annie !                                         6.4.42                                

Recht herzlichen Dank für Deine Briefe vom 1., 2. und 3.4. Diese 3 Briefe erhielt ich heute als Osterpräsent. Ich habe mich sehr über Deine Zeilen gefreut, denn ich habe wieder gelesen, daß es Euch gesundheitlich gut geht. Außerdem habe ich auch lesen müssen, daß Du gegenwärtig wieder viel Arbeit hast. Ich bitte Dich, sei doch vorsichtig und gib Obacht, daß Du Dir nichts zuziehst und mir dann zu unpassender Zeit auf der Nase liegst.  Die Zeit ist zwar immer unpassend, aber wenn Du so allein bist, dann ist das doppelt schwierig. Wenn ich daheim bin, dann ist es nicht so schwer, denn dann kann man ja immer noch helfen. Bei Dir ist aber sonst niemand da und das macht mir Sorgen. Sieh Dich also bitte vor und mache keine Gewaltleistungen, die Deine Kräfte womöglich übersteigen.
Das Schild mit meinem Namen hängt noch an meiner Bürotür, das andere habe ich mit gesandt. Das hat also nichts mehr zu bedeuten. Für die Kinder hast Du ja doch wieder allerlei zusammengespart, ich denke, daß sie ihre Freude gehabt haben. In Gedanken war ich jedenfalls bei Euch, vor allem am Morgen. Ich denke da noch an letzte Ostern, wo ich daheim war und wie jeder in seinem angestammten Zimmer gesucht hat. Dann die Freude bei jedem was sie fanden. Ich denke, daß sie trotzdem auf ihre Rechnung gekommen sind.  Du hast es also auch so verstanden, als die Antwort Deines Vaters auf meinen Brief eintraf. Denn ich finde es auch zu offensichtlich als daß man erst hätte glauben sollen, er hätte es anders gemeint. Daß wir in der Beurteilung der Verhältnisse in Leipzig gleicher Meinung sind, hatte ich mir zwar schon gedacht. Wie nun die Interessen der einzelnen Damen liegen, will ich dabei ganz außer acht lassen, wesentlich ist doch für mich nur, wie ich es, abgesehen von den persönlichen Gefühlen, für ganz und gar unschicklich halte und zwar deshalb schon, weil doch Dein Vater sonst auf Äußerlichkeiten so großen Wert legt. Daß ich Deinem Wunsch, zu dieser Angelegenheit noch nicht Stellung zu nehmen, schon vorgegriffen habe, wirst Du wohl verstehen, denn mir hat das keine Ruhe gelassen. Was Dein Vater nun macht, soll auch mir gleich sein. Im Großen und Ganzen decken sich unsere Ansichten und die Schreiben sollen ihm zeigen, daß wir der gleichen Ansicht sind.
Daß mein Vater nach Deiner Rücksprache mit ihm unsere Auffassung ebenfalls teilt, freut mich. Da nicht alle Menschen gleich sind, daß die Gefühle und Auffassungen verschieden sind, aber daß Dein Vater nach 30 jähriger Ehe schon wieder Heiratsgedanken hegt, das kann ich nicht verstehen. Die Eselsbrücke, wie Du sie nennst, habe ich ja auch gebaut, wenn er will, kann er sie ja benutzen, wenn nicht, dann läßt er es bleiben. Seine Regungen hat er jedenfalls zu erkennen gegeben. 
Daß die Knolle bei Helga nach und nach zurückgeht ist immerhin beruhigend, doch scheint es ziemlich langwierig zu sein. Wenn es sich aber stetig bessert, dann wollen wir zufrieden sein. Ich hoffe, daß sich das noch ganz gibt. Im Allgemeinen haben wir ja mit unseren Kinder keine großen Schwierigkeiten gehabt, denn sie waren, von Kleinigkeiten abgesehen, immer gesund. Ich bin ja auch sehr froh darum, Du ja nicht minder. 
Mit den Sämereien habe ich jetzt so ziemlich alles beieinander. Möhrensamen habe ich schon einmal ab gesandt und heute habe ich nochmals welchen bekommen, ebenfalls Erbsensamen. Es ist nicht einfach, das zu erhalten, doch wichtig ist, daß man es bekommt. Daß der eine Brief erst an die andere Feldpostnummer gegangen ist, war bestimmt nicht Deine Schuld, denn die Adresse war sehr genau geschrieben. Aber beim Aussortieren kann das passiert sein. Hauptsache ist, daß ich ihn doch noch nach diesem Irrweg erhalten habe. 
Die Ferien für die Kinder sind nun auch bald wieder vorbei. Nachdem sie aber vorher so lange Zeit gehabt haben, müssen sie schon wieder einmal ran. Daß sie nicht schulscheu sind, freut mich ja sehr. Doch das ist es nicht allein, sie lernen ja auch gut und fleißig, das erhöht ja zweifellos die Freude. Ich sende Dir recht viele herzliche Grüße und ebensoviel Küsse. Dein Ernst. 

Meine liebste Annie !                                                          7.4.42          

Heute war ich im Kino und habe nochmals den Film gesehen “Schwedische Nachtigall“. Ich sah ihn einmal während des Urlaubs mit Dir. Es handelt sich da um den Märchendichter Andersen und die Sängerin Lindt. Ich habe ihn mir vor allem deshalb angesehen, weil wir seinerzeit gemeinsam uns diesen Film ansahen.
Am Morgen bekam ich nun Deine beiden Briefe vom 30. und 31.3. ausgehändigt, die irgendwo liegengeblieben waren. Die wollte ich nun heute Abend beantworten. Ich hatte sie in die Mappe gepackt und sie bei uns auf der Kommandantur hinterlegt mit der Absicht, sie nach der Vorstellung abzuholen. Als ich dann heimkam, waren, entgegen den früheren Gewohnheiten, alle Türen verschlossen. Ich kam also nicht mehr an die Briefe heran. Du wirst Dir denken können, daß ich da ein langes Gesicht gemacht habe. Ändern ließ es sich nun aber nicht mehr, und ich habe eben wieder abziehen müssen. Beantworten kann ich nun eigentlich nichts. Ich bin etwas übermüdet, von was, weiß ich eigentlich nicht, denn mit der Arbeit ist es nicht mehr so wild. Mein Nachfolger soll sich ja auch daran gewöhnen, so daß ich ihm mehr oder weniger alles überlasse. Nur wenn ihm etwas nicht klar ist, dann kommt er und fragt. Im Übrigen macht er sich alles viel leichter als ich. Mir soll das aber gleich sein, denn er muß ja schließlich seinen Dienst so erfüllen, wie er ihn auch anderen gegenüber vertreten kann. Wenn ihm niemand an den Wagen fährt, dann hat er eben mehr Glück wie ich. Passiert aber einmal etwas, dann muß er es vertreten und er muß sich dann auch entsprechend verantworten. Ich weiß, daß ich vielleicht zu gewissenhaft bin. Wenn man immer wieder sieht und hört, wie weitherzig andere sind, dann könnte man sich einen Idioten schimpfen. Aber lieber bleibe ich in diesem Fahrwasser, dann erfülle ich meine Pflicht und mein Gewissen ist unbelastet.  Heute sende ich wieder einige Zeitungen mit. Sonst habe ich im Moment nicht weiter da. Ich sende Dir und unseren Kindern recht herzliche und viele Grüße und Küsse. Dein Ernst.

Montag, 3. April 2017

Brief 236 vom 2./3./5.4.1942


Mein bestes, liebstes Mädel !                                         2.4.42                                                          

So nach und nach habe ich jetzt nun alles weggeschickt. Ich habe jetzt nun ziemlich sämtliche Briefschaften zurückgesandt. Wenn man so auf dem Absprung steht, dann hat man gern diese Sachen aus der Hand. In diesen Tagen konnte ich so wenige Sachen kaufen, daß mir für die morgigen Päckchenpost nichts verbleibt zum Wegschicken. Ich bedauere das aufrichtig, vor allem wenn ich bedenke, daß man mir letzte Woche noch einige Kekse angeboten hatte, wie ich sie letzthin mitbrachte und daß ich sie nicht gleich mitnahm, weil ich dachte, ich könnte das diese Woche besser erledigen. Inzwischen sind aber diese Leute wegen irgendwelchen Machenschaften eingesperrt worden, so daß ich also nichts mehr kaufen kann.
Ändern kann ich es nun leider nicht mehr und ärgern darf ich mich nicht mehr, weil Du mir den Spruch geschickt hast, daß ich mich nur wundern soll. Ich weiß nur nicht, ob ich mich über meine Dummheit und meine Ungeschicklichkeit wundern soll. In meinem Zwiebackladen ist es im Augenblick auch leer, ich glaube aber, daß die wieder etwas hereinbekommen. 
Dein lieber Brief vom 27.3. ging heute bei mir ein. Vielen herzlichen Dank dafür. Wenn ich Dir in einem meiner Briefe schreibe, daß ich zum letzten Male OvD hatte, so ist das eine Mutmaßung, denn ich bin einfach der Ansicht, daß man mich zur Truppe zurückschickt. Da ich dann zu solchen Ehren nicht mehr gelange, ist ja ohne  weiteres klar. Aber das macht ja alles nichts. Es wird schon werden. Über die Filme habe ich mich ja nun geäußert, da weißt Du ja Bescheid. Der Brief Deines Vaters macht mir auch Sorge. Ich werde morgen, da habe ich ja Feiertag, gleich an ihn schreiben. Ich will das nicht länger hinausziehen. 

Meine liebe Annie !                                                         3.4.42

Den Brief habe ich an Deinen Vater nun geschrieben. Abschrift davon lege ich Dir bei. Hoffentlich ist es auch so geschrieben, daß er in Deinem Sinn geschrieben ist. Ich habe ihm das mitgeteilt, was ich für richtig gefunden habe. Er soll tun und antworten, was er für richtig hält. Ich bin der Meinung, daß wir diesen Standpunkt, wie ich ihn niedergelegt habe, Deiner Mutter schuldig sind, ganz gleich, was Dein Vater ins Auge gefaßt hat. Einen Brief an Kurt habe ich auch gleich geschrieben, den ich in Abschrift beifüge.  Sei Du nun recht herzlich gegrüßt und vielmals geküßt von Deinem Ernst.

Mein liebstes Mädel !                                                        5.4.42        

Gestern und auch vorgestern bin ich nicht dazu gekommen, Dir zu schreiben. Ich hatte telefonisch bei dem Bekannten angerufen, von dem ich Dir schon erzählte, der Reichsdeutscher ist. Er hat mir dann auch zugesagt, daß er mich mit dem Auto abholt. Das hat er dann auch am Mittag gemacht. Ich bin dann bis gestern bei ihm geblieben. Dort habe ich mir ein paar schöne Stunden gemacht. Ich hatte erst die Absicht, am Freitag wieder hier zurückzukommen, was ich mir aber nachher auf Bitten dieser Leute aus dem Kopf schlagen mußte. Erstens habe ich mich wieder einmal richtig satt gegessen und das Richtige zu Trinken habe ich auch noch dazugegeben. Dort habe ich aber auch gesehen, wie man schon mit einem kleinen Geschäft Geld machen kann. Die Leute müssen zwar arbeiten dafür, aber da habe ich gesehen, daß es auf nichts ankommt. Ich habe mir deshalb auch keine Gedanken gemacht, daß ich bei diesen Leuten vielleicht in der Schuld stünde, denn er rechnete mir einen Verdienst von etwa eintausend Mark vor, den er in der letzten Woche gehabt hat. Das sieht man diesem Laden nicht an. Wir haben uns dann lang unterhalten.
Ich bin dann auch nochmals mit dem Wagen über Land gefahren. Wir kamen dann zu einem Bauern. Dort wurden offenbar Soldaten sehr selten gesehen. Die Kinder hatten Angst und dachten, ich wollte ihren Vater holen.  Als sie sich dann von meiner Harmlosigkeit überzeugt hatten, wurden sie zutraulicher, Ich wurde aber doch immer noch mit einer gewissen Scheu beobachtet. Auch da hat man wieder gesehen, daß sich noch allerhand auf dem Land kaufen läßt, wenn die Bauern merken. daß es ihnen nicht an den Kragen geht. Gestern bin ich nun wieder mit dem Wagen hergebracht worden. Das geht alles bequemer und schneller und ist dabei angenehmer als die Bahnfahrerei, zwar auch nur solange als der Wagen in Ordnung ist.
Als ich heimkam, erhielt ich Deinen lieben Brief vom 29., in dem Du mir Eure Erlebnisse vom vergangenen Sonntag schilderst. Ich habe daraus gesehen, daß Ihr Euch gut unterhalten habt. Ihr werdet da wieder allerhand gesehen und erlebt haben und für die Kinder war das sicher auch wieder etwas. Das sie nun ihre Schlauchbootfahrt hinter sich haben, die sogar zweimal hin und hergegangen ist, wird auch nach ihrem Geschmack gewesen sein. Euer Besuch war also ziemlich ausgiebig.  Daß Dir der Radioapparat immer wieder gefällt, freut mich sehr. Nun werde ich den Rest noch bezahlen. Ich hatte das Geld schon zurückgelegt, doch ich wollte erst abwarten, ob er nun wenigstens läuft. Das scheint nach Deiner Schilderung der Fall zu sein. 
Den ersten Osterfeiertag habe ich nun auch noch hinter mir. Ich bin diesmal daheim geblieben, auch morgen werde ich daheim bleiben. Ich habe keine Lust gehabt, nach Lille zu fahren. Ich habe heute so daran denken müssen, wie wir früher mit den Kindern Ostern immer verlebt haben und auch das letzte Ostern. Im Wals haben sie dann immer noch Eier suchen dürfen. Ja so vieles muß man jetzt hintanstellen. Aber diese Erinnerung ist immer so schön. Nimm aber viele Grüße und herzliche Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Brief 235 vom 1.4.1942


Mein liebstes Mädel !                                                  1.4.42                                                                                                                     
Was sagst Du nun. 4 Briefe habe ich auf einmal bekommen. Vom 26.  bis 29. sind alle Deine Briefe eingegangen. Der vom 26. ist wieder einmal durch die Zensurstelle gegangen. Das ist ja nicht so tragisch, denn wir haben ja nichts unrechtes einander zu schreiben. Über alle Briefe habe ich mich wirklich sehr gefreut.  Über den Brief Deines Vaters habe ich mich Dir gegenüber schon geäußert. Ich sende ihn Dir wieder mit zurück, denn ich habe ja den Durchschlag hier. Ich werde selbstverständlich die Sache mit Deinem Vater erledigen, denn was sollst Du Dich wegen dieser Sache mit ihm herumschlagen. Im Übrigen bin ich aber ganz und gar Deiner Ansicht. Auch wegen des Besuches. Nachdem Siegfried sowieso die Absicht hat, nicht mehr allzu lange mit Deinem Vater unter einem Dache zu hausen und Dein Vater durch sein Verhalten immerhin mit darauf hingewirkt hat, daß sich die Dinge so entwickelt haben, muß man die Dinge einmal beim Namen nennen um Klarheit zu bekommen. Dein Vater kann den Weg gehen, den er für richtig hält, er muß sich dann aber nicht wundern, wenn die Kinder das tun, was sie für richtig halten. 
Mit den Truhen hast Du nun Deine Schwierigkeiten. Offenbar nehme sie Dir viel Platz weg. Aber wir haben uns ja vorgenommen, nach dem Kriege uns um etwas anderes umzusehen. Jetzt geht es ja noch solange, wenn man sich einrichtet. Daß Du das Einrichten verstehst, hast du ja durch Deine Umorganisation bewiesen. 
Deine Freude über das Eintreffen des Vorschaltwiderstands und damit die Freude über die Möglichkeit, den Apparat benutzen zu können, fühlt man aus Deinem Brief heraus. Ich freue mich nun auch erst, daß ich den Apparat mitgebracht hatte, denn jetzt hat er ja erst die Bedeutung für Euch gewonnen, die er haben sollte. Auch aus den Zeilen der Kinder lese ich die ungeteilte Freude für die ganze Familie heraus. Das ist schön, wenn man weiß, man hat einen schon länger gehegten Wunsch erfüllt. Daß Ihr den Apparat nun in die Küche genommen habt, ist mir durchaus verständlich, denn Ihr sollt ja etwas davon haben. Wenn die Spule warm oder heiß wird, so hat das nichts zu sagen, denn die Stromstärke, die wir bei uns haben, ist ja höher und diese wird nun heruntergedrückt, um für den Apparat verwendbar zu sein.
Daß die anderen Sachen, die ich geschickt habe, auch Anklang gefunden haben, ist ganz in Ordnung. Auch das freut mich, vor allem, wenn Du Verwendung dafür hast.  Mit den Zeugnissen der Kinder bin ich sehr zufrieden, vor allem wenn man bedenkt, daß sie so wenig Schule gehabt haben. Diese 3 im Schönschreiben bei Helga stört zwar etwas, aber man muß das ja bedenken, was ich schon vorher gesagt habe. Gelacht habe ich aber, als ich von Helga las, wie sie die Zeugnisse nennt. Bollenquittung ist jedenfalls kein schlechter Ausdruck. Man merkt aber, daß sie über die erste Scheu, die die Schule an sich hatte, hinaus ist. Das ist die Unbekümmertheit, die Kinder in diesem Alter an sich haben. Ich kann nur nochmals sagen, daß ich mit ihrer Arbeit zufrieden bin. 
Was den Film „ Jeckerei“ anbelangt, so kann ich nicht sagen, daß er etwas schlecht wäre, er ist nur etwas tendenzlos. Heute war ich im Kino. Es wurde gespielt „Wir bitten zum Tanz“. Moser und Hörbiger spielten mit. Es ist ein ganz lustiger Film gewesen und zwar so, daß man über verschiedene Einfälle hat lachen müssen.
Daß Du Dir trotz der Lebensmittelkürzungen das Leben nicht schwerer machst, ist ganz und gar in Ordnung, doch ich werde schon für mich sorgen, darauf kannst Du Dich verlassen. Ich habe nur Bedenken, wenn das zutrifft, was man sich schon wieder erzählt, daß im nächsten Monat wahrscheinlich nochmals Kürzungen vorgenommen werden. Doch da wollen wir erst einmal abwarten. 
Was nun das Geld anbelangt, so ist das nicht ganz so einfach. Ich hatte ja noch annähernd 350,-RM zu bezahlen, als ich wieder hier zurückkam. Der Großteil ist nun beglichen. Das wäre an sich eine Kleinigkeit gewesen, wenn ich nicht so plötzlich abberufen worden wäre. Denn Käufe hatte ich ja keine mehr vorgenommen, so daß ziemlich alles im nächsten Monat beglichen worden wäre. Nun hat sich alles mit einem Schlage geändert. Es ist nun so, daß ich das Geld hier an einen Bekannten schicken kann. Ich muß mir nur noch die genaue Adresse erfragen. Ich gebe Dir dann rechtzeitig Bescheid. Wenn ich hier wegkomme, brauche ich ja dann so gut wie kein Geld mehr, denn ich werde zu wenig Möglichkeit haben, welches auszugeben.  Auf diese Weise sparen wir das dann wieder ein. Ich gebe Dir also darüber noch genau Bescheid. Für heute wieder recht viele herzliche Grüße und viele Küsse sendet Dir und den Kindern Dein Ernst.  An die Kinder werde ich noch selbst in diesen Tagen schreiben.

Brief 234 vom 29./30./31.3.1942


Mein liebes Mädel !                                                         29.3.42                                                 

Gestern erhielt ich gleich 3 Briefe von Dir. Unter anderem auch den Brief vom 18.3., der erst an die Feldpostnummer 38243 gegangen ist. Er ist jedenfalls nicht verloren gegangen.
Obwohl ich nun nicht wußte, daß Du Sämereien brauchst, habe ich schon versucht, einige Sachen zu kaufen, was ich bekommen konnte. Auch hier stößt es auf gewisse Schwierigkeiten, weil hier jeder ein Stückchen Land bekommen kann, der sich etwas anbaut. Dadurch ist natürlich auch ein erhöhter Bedarf  für diese Sachen eingetreten.  Möhren und Weißkrautsamen habe ich schon, auch Selleriesamen hat mir der Bertreffende mitgebracht. Wenn Du ihn nicht haben willst, dann kannst Du ihn ja weiterverkaufen, aber unter 30 Pfennig verkaufst Du ihn dann nicht. 
Daß ich in dem einen Brief etwas vergessen habe, zeugt wohl von einer gewissen Flüchtigkeit, ich bitte Dich aber, dies entschuldigen zu wollen. Für den Brief von Siegfried, den Du beigefügt hattest, danke ich Dir ebenfalls. Die darin aufgestellten Fragen hast Du ihm ja mehr oder weniger beantwortet, so daß ich nicht näher darauf einzugehen brauche.  Trotz meines Sonntagsbesuchs beim Tommi hast Du sicherlich nicht länger auf Post warten müssen wie sonst auch.
Daß Du mein Briefmarkenalbum so vornehm versorgt hast, war ja nicht unbedingt notwendig, es freut mich aber trotzdem und es ist mir im Moment auch so recht. Daß Du mir zu Ostern nichts senden kannst, ist mir ja durchaus klar und ich bin davon überzeugt, daß Du mir eine Kleinigkeit gesandt hättest, wenn ich noch länger hier geblieben wäre und Du die Gewißheit gehabt hättest, ich sei noch hier, wenn das Päckchen ankommt. Man weiß ja nie genau, wie lang so ein Päckchen unter Umständen braucht.
Daß Helga so ungeheuer wächst, ist ja beängstigend für Dich, denn da kommst Du ja nicht mehr nach im Kleidermachen. Daß sich die Kürzungen und die anderen Änderungen in der Versorgung nicht ganz so schlimm auswirken, freut mich sehr, denn das was Euch zusteht ist ja nicht so reichlich, als daß man große Sprünge damit machen könnte. 
Heute seid Ihr nun zum Tag der Wehrmacht gegangen, das wird für die Kinder sicher ein Vergnügen gewesen sein. Zu den Tauchern habt Ihr ja nicht mehr gehen brauchen, denn das haben die Kinder ja reichlich gesehen, dagegen wird Jörg seine Schlauchbootfahrt schon hinter sich haben, die ihm zu allerlei Entdeckungen Gelegenheit gegeben haben wird. Doch darüber wirst Du mir schon noch schreiben.
In einer Woche ist nun Ostern und in wenigen Tagen schon wieder April. Die Zeit vergeht ja in Windeseile. Daß unserem Jungen nichts fehlt und daß die Nachuntersuchung auch nichts ergeben hat, ist auch für mich beruhigend.  Daß Du mit den Gartenarbeiten noch bis Anfang April zuwartest, ist schon in Ordnung, denn vorher hat alles doch keinen Wert. Denn die Rückschläge sind dann immer noch stark und man muß immer damit rechnen, daß starke Fröste auftreten. Es ist nur schade, daß ich Dich nicht dabei entsprechend unterstützen kann.  Herzlich grüße ich Dich und die Kinder. Ich sende Dir aber auch heute wieder viele Küsse und bitte, den Schlawanzern auch jedem einen aufzudrücken. Dein Ernst.

Meine liebe Annie !                                                              30.3.42             

Heute hat mich die Post vergessen. Ich habe von Dir keinen Brief erhalten. Dafür erhielt ich zwar, wie ich Dir ja schrieb, vorgestern gleich 3 Briefe. Einer war davon wohl älteren Datums, doch das macht ja nichts. Ich hatte eben doch 3 Briefe zu lesen.  Wahrscheinlich werde ich morgen wieder Post bekommen. Viele Päckchen habe ich diesmal nicht packen können, da ich in dieser Woche nichts zusammenbekommen habe. Ich hoffe aber, daß es mir gelingt, noch einige Kleinigkeiten zu erstehen, bevor ich hier weg muß. Lediglich ein Päckchen mit Zwiebeln habe ich fertig machen können, die ich morgen mit wegschicke. Ich habe sie noch bekommen können, doch ich wußte ja, daß Du sie ziemlich brauchst.  Wenn Du sie Dir einteilst, werden sie schon eine Weile reichen. 
Verschiedene Sämereien habe ich wohl erhalten, doch ob es ausreichend ist, kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, wie viele Du von den einzelnen Sachen noch da hast. Immerhin sind es einige Sachen, die Du Dir zur Aushilfe mit hinziehen kannst. 
Bis jetzt habe ich noch keine Neuheiten erfahren über meine Versetzung.  Eines hat sich in der Zwischenzeit nun herausgestellt, daß sämtliche Jahrgänge bis zu einem bestimmten Datum herausgezogen werden. Das bedeutet, daß wir nun nicht allein hier wegmüssen, vielleicht unser ganze Haufen. Das kann ja heiter werden. Kümmern tut es mich zwar nicht mehr. Wahrscheinlich läßt man mich noch bis über die Osterfeiertage hier. Dann werde ich also gleich nach Ostern abrutschen.  Die Kinder werden nun auch diese Woche wieder Ferien bekommen, und ich nehme an, die Zeugnisse auch.  Zwischen Weihnachten und Ostern sind sie dann nicht viel in Anspruch genommen worden. Die Zeugnisse werden mir ja in Abschriften zugehen.  Heute habe ich so gar keinen Stoff zum Schreiben. Ich bitte Dich deshalb, mit diesem kurzen Brief vorlieb zu nehmen. Nimm viele herzliche Grüße und ebenso viele Küsse entgegen von Deinem Ernst.


Meine liebe Frau !                                                       31.3.42         

Gegenwärtig ist die Versorgung mit Post etwas langweilig geworden. Auch heute kam wieder kein Brief von Dir an. Ich nehme natürlich an, daß Ihr alle gesund seid und daß diese Postverzögerung nur darauf zurückzuführen ist, weil irgendwelche Schwierigkeiten mit der Beförderung bestehen.  Ich habe nun so gut wie keine Arbeit hier. Mein Nachfolger soll zwar alles das übernehmen, was ich bis jetzt bearbeitet hatte. Als ich ihm alles erklärte, hat er erst einmal zu jedem gesagt: “Das kann ich nicht und das verstehe ich nicht usw. usw.“ Er hat nach jeder Richtung hin zu erkennen gegeben, daß er wenig Lust hat, etwas zu machen. 
Bei seiner Vorstellung beim Kommandanten hat er sich auch gleich in ähnlicher Weise geäußert. Auf diese Weise kann es ja möglich sein, daß man merkt, was ich hier für Arbeit geleistet habe. Es ist nur schade, daß dann alles, was man vorher gearbeitet hat, wieder verdorben wird. Froh bin ich nur, daß ich hier immer meine Pflicht getan habe und daß man mir in dieser Beziehung nichts nachsagen kann. Alles, was ich hier zu erledigen hatte, habe ich soweit getan. Jetzt bin ich sozusagen ohne besondere Beschäftigung. Man bringt so recht und schlecht den Tag herum. 
Von Kurt habe ich auch noch keine Nachricht. Ich bin gespannt, wie es ihm geht und wie die Heilung vonstatten geht. Hoffentlich macht er gute Fortschritte. Ich nehme an, daß er inzwischen an Dich wieder einmal geschrieben hat. 
Das Wetter ist der Jahreszeit entsprechend sehr wechselhaft. Man merkt aber schon an den Sträuchern, daß es dem Frühling stark entgegengeht. Teilweise gehen die Knospen auf und es liegt so ein Geruch nach frischem Grün in der Luft. Seit ich hier bin, trage ich ja schon keinen Mantel mehr, höchstens, wenn es regnerisches Wetter ist.
Bei uns im Haus sind schon die Palmen wieder aus dem Glashaus genommen und in den Hof gestellt worden. Heute sind es genau 11 Monate her, seit ich hier gelandet bin. Am Anfang meinte man, man könnte es  kaum 2 Tage aushalten, schließlich hat man sich unter dem Zwang der Verhältnisse eingelebt. Und nun, wo man hier weg muß und man weiß, daß man in Gebiete kommt, die noch trostloser sein werden, meint man, es sei doch nicht so schlecht, wie es einem am Anfang scheinen wollte. 
Was machen die Kinder. Ich denke, daß sie fest an Ostern denken werden. Im vergangenen Jahr war ich mit Euch zusammen. Jetzt sind wir schon Weihnachten  und nun auch an diesem Fest nicht beieinander. Ich hoffe, daß Ihr die Feiertage gesund verlebt. In Gedanken werde ich wieder bei Euch sein. Vielleicht geht Ihr in den Wald. Das würde unserer früheren Gewohnheit entsprechen.  Bleibt mir gesund und nimm viele Grüße und recht herzliche Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Brief 233 vom 27.3.1942


Mein liebes Mädel, meine liebe Annie !                             27.3.42                                                                                                  
Deinen lieben Brief vom 23. habe ich bestens dankend erhalten.  Es ist mir immer ein frohes Erlebnis, wenn ich Deine Briefe bekomme und lese. Wenn es einem so nicht vergönnt ist, zusammen zu leben, dann kann man sich ja wenigstens durch Briefe unterhalten und verständigen. Ich bin auch froh darum.
Verschiedenes meiner kleinen Einkäufe wird hoffentlich inzwischen bei Dir gut angekommen sein. Wenn der Widerstand gut angekommen ist, könnt Ihr vielleicht diesen Sonntag wieder einmal ordentlich Radio hören. Wenn das der Fall ist, dann will ich mich darüber freuen, denn dann hast Du doch Gelegenheit das eine oder andere wieder einmal richtig zu hören. Unseren alten Apparat, der die Jahre hindurch redlich seine Pflicht getan hat, wollen wir nun nicht deshalb schmählich behandeln, aber es war schon ziemlich nötig, daß wir einen anderen bekamen. 
Was den Brief Deines Vaters an mich anbelangt, so glaube ich, daß er bei seiner Anfrage die er anders gemeint hat, nun aber merkt, daß wir darauf nicht eingingen, so daß er einlenkte. Ich bin jedenfalls der Ansicht, daß wir uns schon richtig verstanden hatten.
Die Sache mit dem Mantelstoff für Erna habe ich ja schon in meinem Schreiben geregelt.  Daß ich hier so schnell wegkomme ist nicht meine Schuld, im anderen Falle hätte ich sicherlich noch welchen besorgen können, so geht es aber beim besten Willen nicht.
Ich erhielt heute auch den Durchschlag des Briefes an Dich, den Dein Vater mit dem Zeitungspaket abgeschickt hatte. Ich war da etwas sehr verwundert über die Redewendung, die er gebrauchte. Ich glaube, daß sie Dir auch aufgefallen sein wird. Er schreibt: “Ich mußte den Entschluß fassen, die ich in unserem Interesse nicht sofort ins Auge genommen habe.“ Im Übrigen Strotzt der Brief von der alten frisch und fröhlichen Art, die ich aus früherer Zeit so gut von ihm kenne. Er hat seinem Ärger und seinem Herzen ordentlich Luft gemacht. Ich habe die Absicht, in meinem nächsten Brief auf die geheimnisvolle Stelle in seinem Brief hinzuweisen und werde ihn bitten, wie er das meint. Ich finde es eigenartig, daß er sich jetzt schon mit solchen Plänen herumoperiert, wo er uns noch seinen unbändigen Schmerz über den Verlust Deiner Mutter klarmachen will. Ich kann daraus den Standpunkt von Siegfried verstehen, daß er sich keine Vorschriften in dieser Beziehung machen lassen will. Ich persönlich kann aber nicht die Ansicht Deines Vaters teilen, der sich da aufregt, weil das Mädchen einmal einige Tage abwesend ist und er sich das Essen selbst bereiten muß. Dieses „Opfer“ muß er seinem Jungen schon einmal bringen.  Ich vergesse nicht, wie schwer er mir das angekreidet hat, als ich ihm das schrieb, als ich in meinem vorletzten Urlaub kam. Das war ungleich schwerer, denke ich, wenn man monatelang hier draußen gewesen ist, kommt heim und findet so unvorbereitet niemand vor und muß dann gleich alles übernehmen. Ich habe das gern getan, das weißt Du, aber jetzt, gerade bei dieser Angelegenheit, muß ich das Deinem Vater gegenüber zur Sprache bringen.  Was ist da schon dabei. Diese Fahrten unternimmt Erna doch nicht allein zu ihrem Vergnügen, sondern um Siegfried einen Gefallen zu tun. Wenn ich ihn hätte sprechen können, dann würde ich ihm schon das Nötige gesagt haben. Er denkt immer in erster Linie nur an sich  und will immer und immer wieder im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Er muß eben auch den anderen einmal Platz machen, wenn sich die Jüngeren stark genug fühlen, wenn sie sich schon den Platz verschaffen, der ihnen zukommt. Auch uns wird es einmal so gehen. Wir werden zwar auch nicht gleich nachgeben, aber es wird einmal so kommen. Da von bin ich überzeugt. Diesen Druck und den Gegendruck brauchen wir, die Jungen, um sich zu stärken und um die Kraft zu gewinnen, um sich durchzusetzen. 
Du hast ja auch gehört, was Dein Bruder gerade wegen einer Wiederverhärtung gesagt hat. Auch in dieser Beziehung stimme ich seiner Ansicht zu. Ich für meinen Teil würde dann nicht mehr tun und schreiben, als was gerade unbedingt notwendig ist. Das wird man Deinen Vater ebenso wissen lassen müssen, wie das, was ich vorher geschrieben habe. Es stimmt, er ist ein freier Mann, und er kann machen, was er will, bis eben auf das, daß er sich darüber klar sein muß, daß noch Kinder vorhanden sind, die gewisse Rechte haben, die teils auf ideellem und teils auf materiellem Gebiet liegen. Ich hoffe, daß es nicht zu großen  Auseinandersetzungen kommt, aber ich denke, daß wir Kinder, Siegfried und Erna eingenommen, alle einer Ansicht sind. 
Heute habe ich mich des Längeren und Breiteren über diese Sache ausgelassen. Sie hat mir aber gerade heute so zu denken gegeben, daß ich das einmal sagen muß.  Etwas anderes habe ich heute nicht zu schreiben, bitte Dich aber, mache Dir keine Kopfschmerzen darüber, was ich geschrieben habe. Wenn die Sache zur Sprache kommt, werde ich schon das nötige tun, so daß Du dir da nicht besonders viel Gedanken machen brauchst. Ich warte erst einmal Deine Stellungnahme zu meiner Ansicht ab, ehe ich überhaupt etwas mache. 
Sei Du nun vielmals und herzlich gegrüßt und geküßt. Gib unseren Kindern jedem einen recht herzlichen Kuß und grüße Vater bitte von Deinem Ernst.