Dienstag, 10. Mai 2016

Brief 122 vom 9.5.1941


Mein liebes Mädel                                                                                Standort, den 9.5.41      

Ich hatte wohl im Stillen Damit gerechnet, daß ich nun bald von Dir Post bekommen würde. Heute Abend erreichte mich nun Dein Brief vom 6.5., über den ich mich recht gefreut habe. In so langen Tagen ereignet sich doch manches. Man merkt das erst dann, wenn man einige Zeit Nichts hört.
Daß das Kind von Kusters gestorben ist, habe ich mit Bedauern gelesen. Das stimmt, wenn es einmal anfängt einzureißen, dann hört es meist auch nicht gleich wieder auf. Meine Kollegin hat nun auch den Hafen der Ehe gefunden, den sie doch ganz entschieden für die Dauer des Krieges abgelehnt hatte. Ja, man muß eben seine Meinung manchmal ändern.  Soll sie glücklich werden. Ob ich ihr kurz schreiben soll?
Wegen der Stachelbeerspritzung kann man ja das einmal versuchen, wenn es notwendig werden sollte. Den Artikel  lege ich wieder bei. Die Schuhgrößen habe ich entnommen. Ich Versuche was sich machen läßt.  Graser hat mir gestern zwar gesagt, man bekäme nur welche  gegen Bezugschein, doch ich denke, daß ich sie auch durch jemand anders bekommen kann. Ich habe die Absicht, mir ein paar Stiefel machen zu lassen und  eine Stiefelhose  will ich mir auch machen lassen.  Ich werde ja sehen, ob ich es zusammen bekomme.
Daß Vaters Kopf wieder verheilt ist, beruhigt mich, denn es ist eine Verantwortung, wenn man immer darin herummacht und man sieht nicht, daß es besser sondern womöglich noch schlimmer wird. Wenn unser Junge sich so gut mit den Soldaten beschäftigen kann, ist es ja gut, denn warum soll er den Kopf den ganzen Tag hängen lassen, denn ihm ist dies ja doch nicht ganz klar und es kommt ihm auch gar nicht zu Bewußtsein. Mich freut auch, daß unser Mädel an der Rechnerei so gefallen gefunden hat. Man muß die Kerle nur immer richtig anpacken, dann geht es schon. Ich will Dich auch heute wieder darum bitten, sieh Dich mit Deiner Niere vor, damit Du keine Schwierigkeiten damit bekommst. Halte Dich bei entsprechendem Wetter warm und sieh Dich mit den schweren Gartenarbeiten vor, daß es nicht zuviel auf einmal wird. Ich finde es ja ganz entgegenkommend, wenn Zahn Dir die Bohnenstangen rein gemacht hat.  Der Mann hat zwar Zeit, aber er hätte es auch nicht brauchen müssen. Kannst ihm, wenn Du willst, auch nochmals in meinem Namen danken.
Bei den Schlüsselblumen werdet Ihr Euch wieder fest angestrengt haben, wenn Ihr so müde gewesen seid. Mit dem Wetter habt Ihr aber dabei Glück gehabt.
Über meinen Aufenthalt bist Du Dir ja wohl im Klaren. Ich bin also tatsächlich an dem Ort, von dem ich Dir zuerst geschrieben hatte. Wenn ich meine Sporthose brauche, teile ich Dir dies noch mit. Meine Tabletten, die ich mir für den Hals gekauft hatte, werden in der nächsten Zeit zu Ende gehen. Es eilt also tatsächlich nicht. Du besorgst mir dann bitte wieder einmal welche. Ich möchte diesmal Inspirol, denn die erfüllen genau denselben Zweck wie die teureren.
Heute habe ich für Dich ein kleines Päckchen für den Muttertag fertig gemach, Ich hoffe, daß es Dich gesund erreicht und auch noch rechtzeitig. Schokolade für die Kinder sende ich in den nächsten Tagen ab. Heute war die Impfung. An sich spürt man dabei nichts weiter, nur hinterher fängt es an, sich bemerkbar zu machen. Kameraden, die mit auf meinem Büro arbeiten, haben hier Eier besorgt. Heute habe ich 6 Stück bekommen, davon habe ich mir nach dem Abendessen noch zwei kochen lassen. Nunmehr habe ich die nötige Bettschwere.  Etwas Schokolade und auch Obst esse ich noch nebenher, damit ich nicht von Kräften komme.
Du siehst, daß ich mir schon zu helfen weiß und daß ich zusehe, daß ich immer wieder etwas bekomme.
An Nannie habe ich heute auch einen Brief geschrieben. Was so noch an Post zu erledigen ist, kommt in den nächsten Tagen dran.  Ich sende Dir wieder die herzlichsten Grüße und Küsse und bitte Dich, unseren beiden Stromern das gleiche auszurichten. In treuer Liebe bin ich Dein Ernst.

Brief 121 vom 7./8.5.1941


Meine liebe Frau !                                                                            7.5. 1941  
         
Heute bin ich nun schon eine Woche in diesem Kaff. Es ist wohl Frühling draußen und soweit Obstbäume vorhanden sind, blühen diese. Doch was hat man hier eigentlich von allem. Das Interesse geht einem direkt ab. Es ist das auch darauf zurückzuführen, daß alles hier so einen eintönigen und grauen, unfreundlichen Charakter hat. Man hat einfach nicht die Freude an allem, wie es doch daheim der Fall ist. Außerdem ist es noch so, daß man auch niemanden hat, mit dem man über dieses und jenes sprechen kann.  Größtenteils muß man alles in sich reinschlucken, denn man kann ja nicht mit jedem über alles sprechen. Auch an dies wird man sich gewöhnen müssen. Gestern war hier Kinovorstellung. Es wurde ein ganz ansprechender Film geben. „Kora Terry“ hieß er. Die Wochenschau war auch neu, so daß es eine sehr willkommene Abwechslung war. Ich muß auch hier wieder feststellen, daß das Kino erstens sehr geräumig und gut eingerichtet ist. Auf solche Sachen hat man, wie es mir scheint, großen Wert in Frankreich gelegt.  Wenn die eigenen Filme auch unseren Begriffen nach nichts wert sind,  oder wenigstens zum größten Teil so ist der Besuch, wie ich hier am vergangenen Sonntag feststellen konnte, sehr stark.  Das bringt ja dann auch ziemlich Geld ein, so daß sich der Besitzer schon solche Gebäude leisten kann.  Ich kann ja noch nicht erwarten, daß von Dir Post eingegangen ist, ich würde mich aber doch freuen, wenn ich bald welche erhalten würde. Für heute grüße und küsse ich Euch alle recht herzlich. Dir sende ich aber besondere Grüße und Küsse Dein Ernst
Grüße bitte auch Vater von mir. Was macht eigentlich sein Kopf? Ist es nun besser?


Meine liebe Annie,                                                                          O.U. den 8.5.1941       
  
Heute habe ich es nun wahr gemacht und bin in die Stadt gefahren. Mit dem Auto ist es eine ganz nette Fahrt. Vor allem wenn es ein schöner sonntäglicher Frühlingstag ist wie heute. Die Gegend ist dann nicht ganz so topfeben wie es in der Stadt immer scheinen mag. Man sieht auch einmal einige Wälder. Die Bauern sind auf ihren Äckern tätig. teilweise sah man blühende Bäume. Du weißt ja wie ich für die Natur empfänglich bin. Es tut einem direkt wohl, wenn man aus dem stinkenden Nest herauskommt. In L. hatte ich doch letzte Woche meine Abrechnung nicht mitbekommen und hier wollte man mir das Geld, was mir für die Zeit vom 21. bis 30.4.  zustand, nicht ausbezahlen, weil ich erst am 30. hier eingetroffen bin. Mir ist ja das letzten Endes gleich, wo ich mein Geld her bekomme. Außerdem war mir das eine ganz willkommene Reise.  Meine 21,- RM habe ich mir abgeholt, denn so läßt man ja das Geld nicht schwimmen. Doch war man sehr verwundert, als ich so unversehens erschien, das machte aber nichts aus. Dann bin ich in die Buchhandlung gegangen und habe dort 13 ½ RM in Bücher angelegt. Zwei Lönsbücher, ein weiteres von Finkh und dann von Stoberlein „ ........um Deutschland“. Die anderen schreibe ich Dir dann noch auf bzw. ich sende sie Dir dann zu, wenn ich sie ausgelesen habe. Eines ist ja schon fertig und zwar das von Thoma. Für uns wird auf die normalen Preise ein Rabatt von 25% gewährt. Das kann man ja schließlich mit in Anspruch nehmen.  Später habe ich dann noch meinen Freund Graser besucht, der auch ganz überrascht war, als ich auf seinem Büro erschien. Er sagte mir dann, daß jetzt der Kampf in seiner Dienststelle genauso wieder losgeht wie seinerzeit bei uns mit dem Stadtkommandant. Entweder Oberfeldkommandantur oder seine Dienststelle. Nun hat er Bedenken, was mit ihm werden wird. Vorerst bin ich ja  von derartigen Dingen nicht berührt, denn ich bin ja jetzt untergebracht. Wie gut das ist, habe ich Dir ja schon geschrieben.  Ich weiß nicht mehr genau, ob ich Dir schon mitgeteilt habe, daß unser Kommandant gestern wieder zurückgekommen ist. Doch jetzt fällt es mir ein, daß ich dies in meinem letzten Brief geschrieben habe.  Vorhin war ich im Kino. Es wurde der Film „Jugend“ gespielt, der mir sehr gut gefallen hat. Einige Zivilisten waren wohl anwesend, doch etwa 90% der Anwesenden waren Soldaten.  An die Verpflegung gewöhnt man sich hier nun auch. Sie ist zwar einfach, doch wichtig ist, wie ich letztes Jahr, als ich beim Kommis war auch immer geschrieben habe, daß man den Magen voll hat. Außerdem hat man die Gelegenheit, sich immer noch etwas  zu kaufen, wenn man Hunger hat. Schokolade habe ich für Euch beschafft. Auch für die Kinder Milchschokolade. Sie müssen sie aber mit Verstand essen, denn die war sehr teuer. Auch solche andere, wie ich früher schon ein paar Mal gesandt habe, werde ich noch kaufen können. Ich lasse sie Euch dann in den nächsten Tagen mit zugehen.  Morgen werden wir wieder einmal geimpft. Es ist zwar nicht angenehm, doch beim Kommis werden derartige Dinge von Zeit zu Zeit immer einmal vorgenommen.  Zum Schluß sende ich Dir recht viele herzliche Grüße und Küsse Dein recht oft an Euch denkender Ernst

Donnerstag, 5. Mai 2016

Brief 120 vom 4./5.5.1941


Meine liebe Frau !                                                                                    O.U. den 4.5.41    

Heute bin ich nun schon wieder eine Woche in Frankreich. Wenige Tage braucht es nur noch, dann ist es auch schon ein Jahr her, seit ich zum Heer einberufen wurde. Die Zeit vergeht, man glaubt es kaum und man meint es sei alles erst kürzlich gewesen. Die Stimmung, die mich gegenwärtig beherrscht ist fast die gleiche, wie sie seinerzeit war, als ich die ersten Wochen in der Kaserne zubrachte. Ich weiß zwar nicht, wie ich es begründen soll, aber ich habe so das Gefühl, als ob es damals ebenso gewesen sei. Ich gebe zu, ich habe manche Erleichterungen, die ich damals bestimmt nicht hatte - dies fällt mir jetzt wohl immer ein, wenn ich unseren Wachtposten vor der Kommandantur sehe, wie er so bei jedem Wetter draußen stehen muß - doch es sind hier so bestimmte Verhältnisse, die einem direkt gegen den Strich gehen. Ich werde mich gegen Unbilliges, was von mir verlangt wird, zu wehren wissen, doch überall werde ich wohl kaum durchdrücken.
Wie ich Dir gestern schon schrieb, bin ich heute Offizier vom Dienst.  Dies geht von abends 6 bis zum anderen Abend 6 Uhr. Dies ist nur dann von Bedeutung, wenn irgendetwas Eintritt, damit jemand da ist, der eine Entscheidung treffen kann. Ich bin nun heute heimgegangen und habe auf der Dienststelle hinterlassen, wo ich stecke. Es ist also nicht gerade anstrengend. Heute kam der Spieß und sagte zu mir, daß ich ab morgen auch mit antreten soll, wenn alles früh antritt. Ich werde ja morgen sehen, wo die mich hinstellen wollen.
Gestern Nachmittag war dienstfrei und heute haben wir auch nichts weiter zu tun. Ich hatte mir, ehe ich hierher kam, noch in der Stadt in der Frontbuchhandlung zwei Bücher gekauft und zwar von Thoma „Jagerloisl“ und von Ludwig Finkh “Vogt und Herzog“. Über das Thomabuch habe ich mich gestern hergemacht. Ich habe es bald ausgelesen. Bei Gelegenheit schicke ich sie Dir mit zu. Am Abend war hier eine K.d.F.-Veranstaltung, die ich besuchte. Das Programm sende ich Dir wieder mit. Die Kräfte waren zum Teil etwas blaß. Es kommen eben nicht solche Kräfte hierher wie wir es von früher her im Allgemeinen gewohnt waren. Es war aber eine Abwechslung, die man dann doch dankbar entgegennimmt.  Ein Kamerad hat mich dann noch mit in eine Wirtschaft gelotst, wo ich dann noch einen Kameraden traf, den ich von der früheren Stadt her kannte, der bei der Luftwaffe hier tätig ist. Wir haben uns beide gefreut. Obwohl wir früher nicht viel zusammen gesprochen haben, so berührte es mich doch eigenartig, wenn sich auf einmal so gegenseitige Interessen herausstellen.
Heute früh bin ich gegen 9 Uhr aufgestanden und dann, nachdem ich mich fertiggemacht hatte, zum essen gegangen. Ich habe dann einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt gemacht. Die Ausdehnung ist zwar nicht sehr weit. Ich glaube aber, daß ich das meiste und wichtigste gesehen habe.
Dann war ich beim Mittagessen und habe mich dann anschließend heimbegeben um verschiedene Briefe zu schreiben. Deine Eltern und Kurt haben von mir Bescheid. Die anderen Briefe, die ich noch zu schreiben habe, kommen in den nächsten Tagen dran. Weil die Sonne noch so schön schien, bin ich dann meinen Weg in entgegen gesetzter Richtung gegangen. Gegen 6 Uhr bin ich zum Essen und habe mir dann die Reichstagsrede des Führers angehört. Nun sitze ich wieder daheim und schreibe diesen Brief. Man hat direkt Mühe, hier solch einen freien Tag tot zuschlagen, vor allem wenn man einmal nicht in die Wirtschaft gehen will. Dies ist auch deshalb schwieriger, weil es immerhin trotz des Sonnenscheins im ungeheizten Zimmer auf die Dauer kalt ist.  Ich denke, daß dies mit dem weiteren Fortschreiten der schöneren Jahreszeit etwas besser wird, so daß man dann in seiner Bude etwas mehr lesen kann. Außerdem bekomme ich noch einen Radioapparat, dann hat man an solchem Tag doch etwas mehr Unterhaltung.
                                                                                                                            5.5.41

Der Dienstag ist nun auch vollständig vorbei. Heute früh war nun das Antreten, an dem ich mit teilnehmen muß. Es war insofern nicht so schlimm, als ich bei den übrigen Feldwebeln stand.  Dadurch war es ganz harmlos.
Bei meinem gestrigen Rundgang durch die Stadt habe ich eine interessante Entdeckung gemacht.  Doch vorerst möchte ich Dich auf etwas anderes hinweisen. Letztes Jahr hatten wir mit unserem Wagen eine Reise hier durch die Gegend gemacht. Ich sandte Dir unter Anderem verschiedene Postkarten. Dabei befand sich eine von einem Saal aus unserer Stadt.  Wenn es möglich ist, werde ich Dir noch einige Bilder bei Gelegenheit schicken. Ich nehme nun an, daß Du auch weißt, was ich für eine Karte meine.
Doch jetzt zur Stadt selbst. Sie muß früher starkes Kulturzentrum gewesen sein. Das Rathaus und eine Kirche stellen wirklich wichtige Bauten Dar. Doch leider ist alles schlecht erhalten. Teilweise sehr verwittert. Die Pfaffen müssen aber auch hier ein großes Wort früher gesprochen haben.  Ich denke, daß dies vor allem während der spanischen Zeit war, wie ich noch in Erinnerung habe, übten seinerzeit die Grafen und die Pfaffen eine solche Herrschaft aus, daß sie mit Gewalt  aus dem Land geworfen wurden. Vom Krieg her ist sehr viel zerstört.  Vor allem der Bahnhof, von dem nur noch einige Reste stehen. Die übrigen Gebäude, die sich in der Nähe befanden, sind ebenfalls durch die Stuka-Bomben vollkommen zerstört. Am Marktplatz ist dasselbe Bild. Der Schutt wurde von der Luftwaffe für die Flugplätze weggeräumt. Jetzt sieht man nur noch Eisenteile, Bettstellen, Heizkörper von Dampfheizungen herumliegen. Einzelne Gebäude haben außer der völligen Zerstörung stark gelitten. Die Stadt ist durch die letztjährigen Ereignisse stark mitgenommen. Für heute soll es genug sein.
Wie geht es Dir und den Kindern. Du wirst Dich wieder sehr im Garten beschäftigt haben. Ich möchte, wie früher, so auch heute wieder betonen, übernimm Dich nicht Dabei.  Bleibt mir alle recht gesund und grüßt Vater von mir. Gib unseren Kindern herzliche Grüße und Küsse und sei Du selbst recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. 

Meine liebe Annie!                                                                       O.U. , den 5.5.1941

Mit der ½ 3 Uhr Post ist vorhin mein Brief vom Sonntag abgegangen. Ich werde nun gleich wieder einen nächsten anfangen. Etwas muß man tun und dann bleibt als liebste Beschäftigung doch noch das Briefeschreiben an daheim. Über Mittag habe ich etwas daheim Zeitung gelesen und mich so etwas ausgeruht. Eigentlich wollte ich am Nachmittag in die frühere Stadt fahren, doch wir bekommen heute Nachmittag Besuch von auswärts und da ist es besser, wenn ich dann hier bin. Ich werde dann morgen mit unsrem Postauto fahren. Doch muß ich etwas wegen meines Wehrsolds regeln, außerdem muß ich in die Zahnstation und will versuchen, meinen Zahn in Ordnung bringen zu lassen. Weiterhin will ich Graser noch besuchen, wenn ich Zeit dazu habe. Wenn mir morgen die Zeit nicht reicht, fahre ich bei Gelegenheit wieder hin. Ein paar Bücher wollte ich mir auch noch kaufen. Na, ich will mal sehen, was ich alles schaffe.  Da ich ja noch keine Nachricht von Dir habe und auch noch nicht haben kann, will ich meine Beobachtungen über Land und Leute etwas weiter fortsetzen. Obwohl wir nur 35 km von Lille entfernt sind, ist doch schon in der Bevölkerungsschichtung eine ganz andere Feststellung zu treffen. Gut 10 % der Einwohner unseres ganzen Gebiets sind Polen. Interessant ist, daß im hiesigen Stadtpark, der auch vorhanden ist, an der Benutzungstafel sogar in polnischer Sprache mit geschrieben ist. Juden sind eigenartigerweise nicht in großer Zahl vorhanden. Zwei Geschäfte befinden sich noch im Betrieb. Sonst sind noch Italiener, Spanier und noch andre Völker vertreten. Slowaken, die auch hier waren, haben sich zum größten Teil in ihre Heimat begeben. Wie ich Dir schon mitteilte, leben hier die Leute teilweise von der Landwirtschaft, doch meistenteils sind sie in den Gruben beschäftigt, die sich in ausreichender Anzahl in der Gegend befinden. Die Leute selbst sind ziemlich ablehnend. Diese Ablehnung nimmt manchmal sehr ernste Formen an. Unser Spieß war am Sonntag mit noch einem Kameraden in einer Wirtschaft allein. Nach der Schilderung soll sich plötzlich ein Teil der Anwesenden gegen die beiden gestellt haben. Trotzdem, daß sie die Pistolen gezogen hatten, konnten sie nichts machen, weil sich die anwesenden Frauen dazwischen gestellt hatten. Es kamen dann nach einer Weile mehrere Soldaten hinzu, die dann mit unseren beiden das Lokal aufgeräumt hatten.  Es klingt zwar etwas nach Wildwest, doch man merkt daraus, daß man vorsichtig sein muß. Ich sehe deshalb auch zu, daß ich, was bei dieser Jahreszeit ja möglich ist, noch bei Tageslicht heimkomme. Wirtschaften sind ja hier in sehr ausreichendem Maße vorhanden. Es ist erstaunlich, von was die Leute bei dieser Überbesetzung leben. Daß die Verhältnisse etwas gespannt sind, geht aber schon daraus hervor, daß manche für Wehrmachtsangehörige geschlossen werden mußten. Wiederum ist es jedem verboten, in Lokalen zu verkehren, in die deutsche Soldaten gehen.  Ich bin nun bald heimgegangen und habe noch in einem Buch gelesen. Für heute grüße ich Dich vielmals und sende Dir noch viele Küsse. Unseren beiden Stromern ebenfalls herzliche Grüße und Küsse von Deinem Ernst.

Montag, 2. Mai 2016

Brief 119 vom 2.5.1941


Liebes Mädel!                                                                                                      2.5.41      

Grade hatte ich geschrieben, da war er auch schon hier erschienen und hat mich gleich mit eingepackt. Nach dem ersten trübseligen Eindruck, den ich hier bekommen hatte, war das eine Erholung. Heute bin ich etwas gefaßter und ich nehme an, daß ich mich schon durchsetzen werde. Wir sind mit unsrem alten Wagen, den wir früher hatten und den sich der Tommi mitgenommen hat, hinübergefahren. Wir haben uns wieder einmal richtig ausgesprochen und auch sonst gut unterhalten. Er ist dort schön untergebracht mit noch einem Kameraden  hat er ein Haus zusammen. Sein Kamerad ist gegenwärtig in Urlaub, so daß ich dessen Bett benutzen konnte.  Ich Habe mich dann am 1. Mai in seinem Ort umgesehen, auch auf seinem Büro habe ich mich umgesehen. Zum Mittagessen hat er mich mit dem Kommandanten bekannt gemacht. Es war wirklich ein sehr netter Kreis und gutes Essen hat es zur Feier des Tages auch gegeben. Die Stadt, die ich im letzten Jahr schon einmal besuchte, kenne ich schon.
Gegen 4 Uhr mußte ich dann wieder wegfahren, damit ich meinen Anschlußzug bekam. Ich muß noch nachtragen, daß ich Thomas nicht nochmals wegen Zurückführung in Anspruch nehmen wollte, so daß ich den Zug benutzen mußte. Normalerweise ist ja die Fahrt auch nicht so schlimm, nur in gegenwärtiger Zeit ist es insoweit schlimmer, als die Bevölkerung schlecht mit Kartoffeln versorgt ist und in dieser Beziehung genau dieselben Verhältnisse  wie sie bei uns nach dem Weltkrieg geherrscht haben , sind. Ich kam bei Regenwetter wieder hier an und habe mich  unverzüglich auf mein Zimmer begeben. Das Zimmer hatte ich mir besorgt. Es ist zwar nicht überragend, aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen nimmt man es so hin. Es ist noch so eine Art Nebengemach dabei, in dem ein eingebauter Schrank und eine Waschgelegenheit mit fließendem Wasser ist. Der stellvertretende Kommandant stand auf dem Standpunkt, daß es zu weit von der Dienststelle entfernt sei und daß ich mir eines mehr in der Nähe beschaffen soll. Nach Rücksprache mit unserem Kriegsverwaltungsrat (dem Chef der Militärverwaltungsabteilung) soll ich mich aber nicht weiter darum kümmern und soll die Dinge an mich herankommen lassen. Es ist ein großes Haus, wahrscheinlich eine Witwe mit ihrer verheirateten Tochter, die zwei kleine Mädchen hat im Alter von etwa 3 - 6 Jahren. Es war gestern zwar etwas kalt, doch ich werde mich schon einrichten. Eines habe ich aber festgestellt, daß man wenn man da etwas braucht, seine kümmerlichen Französischkenntnisse noch  ziemlich ausbauen muß.
Als Wichtigstes will ich Dir aber meine neue Feldpostnummer mitteilen. Sie lautet 38293. Ich weiß ja nicht, wie lange die Post von hier aus läuft. Ich werde ja dann sehen, wann ich wieder von Dir Post bekomme. Über die übrigen Verhältnisse gebe ich Dir dann bei Gelegenheit ausführlich Bescheid. Ich möchte nur, daß dieser Brief bei der Post, die immer ½ 3 Uhr weggeht, mit weg gesandt werden kann.
Ich grüße Dich für heute recht herzlich und sende Dir viele Küsse und bitte Dich, unseren Kindern jedem einen herzlichen Kuß zu vermitteln. Es grüßt und küßt Dich nochmals Dein Ernst


Meine liebe Frau!                                                                                                2.5.41

Eigentlich hätte ich viel zu berichten. Man weiß nur nicht, was etwa wichtig oder interessant ist. Aber fange ich einmal bei der Wohnung an. Ich wohne etwa 8 - 10 Minuten von der Dienststelle entfernt. Dort habe ich ein großes Zimmer mit einem kleinen Nebengemach, in dem die Waschgelegenheit sich befindet. Es ist fließendes Wasser. Zwar steht daran warm und kalt, ich habe aber bis jetzt nur das letztere verspürt. In diesem kleinen Zimmer ist noch ein eingebauter Schrank, in dem ich meine Sachen unterbringen kann. Es hat den Anschein, daß noch vor einem Jahr ein Engländer drin gewohnt hat. Das Bett ist zwar nicht gleich als solches erkennbar, denn es hat keine Bettlade wie wir es im Allgemeinen gewohnt sind. Es ist aber so, daß ich drin bequem Platz habe.  Obwohl es teilweise noch ziemlich frisch ist, hat man die Dampfheizung nicht mehr in Betrieb. Am ersten Tag hatte man mir das Bett noch nicht bezogen. Als ich es anforderte, sagten die Leute, daß nichts da sei. Da es unsicher war, ob ich dieses Zimmer behalten kann, legte ich für die eine Nacht, die ich vielleicht dort verbringen würde, keinen besonderen Wert darauf. So nach einer halben Stunde kam dann die Frau und brachte mir Wäsche. Da ein Dienstmädchen  im Hause ist, dachte ich, die würde dann kommen und das Bett wenigstens fertig machen. Ich wartete aber vergebens. Ich habe mich dann so in die Falle gelegt und mir so ein Leintuch unter den Kopf gelegt, was dann auch gegangen ist.  Als ich dann über Mittag in meine Behausung kam, war noch nichts gemacht. Ich habe dann jemand vom Quartieramt hingeschickt, die dann noch regeln sollen, was zu machen ist. Am Abend war immerhin das Bett gemacht, doch an das Schuheputzen hat sich noch niemand gewagt. Du ersiehst Daraus, mit welchen Scherereien man rechnen muß, wenn man einmal eine Handreichung haben will. Ich gebe aber immer noch nicht die Hoffnung auf, daß es mir gelingt, das zu erreichen, was ich brauche, um wenigstens einigermaßen wohnen und leben zu können. Gegen 7 Uhr stehe ich auf und gehe dann in die Kantine zum Frühstück. Um 8 Uhr fängt dann der Dienst hier an.  Das Frühstück ist zwar nicht überragend aber es reicht bis zum Mittagessen, das dann ½ 1 Uhr stattfindet. Der Nachmittagsdienst erstreckt sich dann bis 6 / ½ 7 Uhr. Die Kantine befindet sich im gleichen Haus. Du siehst nun, was wir für eine Dienstzeit haben. Am Samstagmittag, also heute ist dann dienstfrei.  Wie mir vorhin mitgeteilt wurde, soll ich morgen von 6 Uhr Abends bis zum Montagabend 6 Uhr Offizier vom Dienst machen. Was ich da für Funktionen zu erfüllen habe, das wird sich dann schon noch zeigen. Bis jetzt soll ich mich erst einmal etwas in dem Laden hier umsehen. Dann kümmere ich mich weiterhin um den Publikumsverkehr, der hier zu einem großen Teil aus polnischen Arbeitern besteht. Bei dem kleinen Kreis der Gefolgschaft sind die Gebiete ziemlich zusammengedrängt. Was dann auf mich entfällt werde ich noch abwarten. Es besteht hier ein gewisser Zwiespalt zwischen dem Kommandostab und unserem Militärverwaltungsstab, der durch meine Versetzung nach hier insofern eine ganz interessante Blüte getrieben hat, als hier beschäftigte Schreibkräfte den Soldaten über einzelne Offiziere einen gewissen Einfluß ausüben um zu erreichen, daß ich hier den bei uns entstehenden Schriftverkehr schreiben soll, vor allem weil in meinem Wehrpass steht, daß ich Stenografie und Maschine schreibe. Ich habe dem Hauptmann gleich gesagt, daß das wohl nicht der Zweck meiner Kommandierung hierher sei. Der Chef unserer Verwaltungsabteilung steht mit mir auf dem gleichen Standpunkt, so daß durch diese Weiber ein gewisser Kleinkrieg besteht. Ich bin gespannt, welchen Ausgang das noch nehmen wird.
Ich hoffe, daß Du nun inzwischen von mir Bescheid erhalten hast. Heute bin ich ja nun wieder eine Woche von Euch fort, was hat sich alles in dieser kurzen Zeit ereignet. Ich hoffe, daß Ihr alle gesund seid und grüße und küsse Euch alle recht herzlich. Meine neue Adresse habe ich Dir ja gestern mitgeteilt, so daß Du die Verbindung nach hier nun übernehmen kannst. Die sende ich nochmals viele Grüße und Küsse Dein Ernst

Brief 118 vom 28./30.4.1941


Meine liebe Annie!                                                                                                                 28.4.41      

Nun bin ich schon wieder seit gestern in der Stadt, in der ich vor meiner Abkommandierung so lange Monate gearbeitet habe. Ich habe als erstes meine Koffer dahin gebracht, wo wir uns früher soviel aufgehalten haben. Die Überraschung über mein plötzliches Erscheinen konnte ich auf den Gesichtern ziemlich deutlich feststellen. Teilweise hat die Ansicht vorgeherrscht, daß ich gar nicht erst wieder hierher komme. Doch wo sie sich von meiner Gegenwart überzeugt hatten, waren sie eines Besseren belehrt. Als nächsten Weg hatte ich mir Kamerad Graser vorgenommen. Der hat auch große Augen gemacht, als ich so am Sonntagvormittag bei ihm vor der Tür erschien. Er hat mich sehr freundlich aufgenommen und meine erste Nacht habe ich in seinem großen Familienbett zugebracht, das wir uns geteilt haben. Im Café Gongue habe ich zu Mittag gegessen. Anschließend haben wir die Familie Fritz aufgesucht, die sich über meinen Besuch auch gefreut haben. Wir wurden gleich zum Kaffee eingeladen, den wir eigentlich erst nicht annehmen wollten, weil wir vor hatten, ins Kino zu gehen. Sie nötigten uns dann schließlich doch dazu, so daß wir dann nachgaben und sitzen blieben. Wir haben uns ganz nett erzählt, auf einmal klingelt es und Dr. Thomas stand vor der Tür. Er hatte davon erfahren, daß ich da bin und ist gleich mit dem Wagen, den er noch von früher hat, herüber gekommen. Er sagte, ich sollte mich gleich fertig machen damit er mich mitnehmen könnte. Es hat ziemlicher Vorstellungen bedurft, bis ich ihm klar gemacht hatte, daß das nicht möglich sei. Er hat es dann wohl auch eingesehen, hat mich aber dann gebeten, daß ich es möglich machen sollte, am 1. Mai zu ihm hinüber zu kommen. Dies habe ich ihm auch versprochen. Ich habe festgestellt, daß sich meine beiden früheren Kameraden Graser und Thomas gegenseitig auseinandergelebt haben, und daß zwischen ihnen nicht mehr das Verhältnis besteht, wie es früher zwischen uns dreien geherrscht hat. Ich habe das Gefühl gehabt, daß mir Thomas wieder einmal sein Herz ausschütten will, genau so wie es der Graser gestern Abend bei unserem Zuhausesein getan hat. Ich habe gemerkt, wie ich dem einen und dem anderen gefehlt habe. Über den Besuch von Thomas habe ich mich selbstverständlich sehr gefreut, umso mehr, weil er während meiner Abwesenheit etwa sieben Mal hier war und erst in letzter Zeit zweimal Graser besucht hat.  Ein Zeichen dafür, wie er sich über mein Kommen gefreut hat.  Graser war froh, daß ich zu der Einladung vom Tommi nicht  zugesagt hatte. Laureyns war bei meinem Kommen samt Familie auch erschienen, um mich zu begrüßen. Er hat mir dann auch gesagt, wie schlimm es jetzt zu arbeiten sei, seit wir nicht mehr hier seien und daß bei den Franzosen keine Organisation herrsche.
Heute früh war ich nun auf meiner Dienststelle und habe mich gemeldet.  Der betreffende Sachbearbeiter war heute nicht da und ich muß morgen früh nochmals hinkommen. Es liegt nun eine Verfügung vor, wonach ich zu einer Kreiskommandantur nach auswärts versetzt werden soll. Es handelt sich hier um den Ort Douaie. Das ist etwa 30 - 40 km südöstlich von hier. Ich habe aber gehört, daß sich andere Dienststellen auch schon um meine Arbeitskraft bemüht haben. Wer nun den Sieg davonträgt, weiß ich nicht. Mir ist es jedenfalls gleich, ich werde mich auch an dem Ort wieder in die Sache hineinfinden, wo ich hingestellt werde.
Auf dem Bürgermeisteramt habe ich heute morgen auch einen Besuch abgestattet.  Der Bürgermeister war sehr nett zu mir und hat geäußert, wie wünschenswert es wäre, daß eine Mittlerperson da wäre, die die Dinge der Stadt und die Abwicklung zwischen den deutschen Dienststellen ausführen würde. Ob es nicht möglich wäre, daß ich diese übernehmen könnte. Ich habe ihm dann erklärt, daß dies nicht in meinem Machtbereich steht, sondern daß ich mich dem zu fügen habe, was befohlen wird.
Mich hat aber überall gefreut, daß unsere Arbeit die wir früher geleistet hatten, in dieser Weise solche Anerkennung gefunden hat. Er hat sich auch gleich erkundigt, ob ich eine Unterkunft habe, und wenn ich hier bleiben würde, wollte er für eine entsprechende Wohngelegenheit besorgt sein. In dieser Beziehung habe ich also nur Entgegenkommen gefunden.
Der Mann, der mir auf unserer alten Dienststelle so unsympathisch war, sitzt ja hier auf der Personalabteilung, den habe ich heute auch begrüßen dürfen. Ich verstehe nicht, diese Menschen haben doch ein Sauglück. Er hat auch hier wieder einen Posten erwischt, wo er sich wirklich nicht tot schindet. Es wäre ja bloß schade um solchen Menschen. Ich bin ihm bestimmt nicht neidisch um seine Tätigkeit, nur das hat mich dabei geärgert, daß ich ausgerechnet zu dem gehen mußte, um meine erste Auskunft zu holen.
Ich habe dir heute viel von mir und meinen Erlebnissen wie meinen Eindrücken erzählt. Ich möchte nun für heute schließen. Bleib mir gesund und gib auf unsere Kinder wieder schön acht. Gib jedem wieder einen herzhaften Kuß und grüße sie von ihrem Vater. Sie sollen nur schön brav bleiben. Solange ich noch keine feste Adresse habe, hat es keinen Zweck, wenn Du mir schreibst. Ich gebe Dir dann jedenfalls umgehend darüber Bescheid. Nimm Du selbst  wieder herzliche Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst.
Sobald ich Dir meine Adresse schicke, sende mir von jedem von Euch einen Abdruck der Fußgröße mit, ich habe hier eine Adresse für Schuhe erfahren.

Meine liebe Frau !                                                                                                                                30.4.41
Wie ich Dir in meinem Brief von vorgestern schon mitteilte, bin ich nun abkommandiert. Heute früh reiste ich von dem früheren Ort ab und um 11 Uhr traf ich nun hier ein. Ich hatte mich schon vorher erkundigt, was das für ein Ort  und für eine Gegend ist.  Das was mir Da gesagt wurde, war bestimmt nicht zuviel gesagt. Es ist ein trostloses Nest, das aber auch gar nichts bietet. Der Bahnhof und verschiedene Teile der Stadt sind zerstört und auch sonst ist alles so schmutzig.
In unserem früheren Ort war es bestimmt auch nicht schön, aber immerhin es war noch besser wie es hier ist. Die Diensträume lassen auch sehr zu wünschen übrig.  Über  die Leute selbst kann ich mich noch nicht äußern, das werde ich aber später noch nachholen. Das Essen muß ich mit der Mannschaft einnehmen. Wenn das immer so ist, wie es heute war, dann werde ich nicht viel zu erwarten haben. Doch das will ich noch nicht abschließend beurteilen. Hier sind verschiedene so kleine Generäle, die alle was zu sagen haben. Zusammenfassend kann ich schon heute feststellen, daß ich vom Regen in die Traufe gekommen bin. Ich werde mich aber auch hier durchbeißen, da brauchst Du Dir keine Sorge zu machen. Heute will ich mich durch Thomas abholen lassen.

Sonntag, 17. April 2016

Brief 117 vom 16./19./27.4.1941


Mein liebes Mädel!                                                                Karlsruhe, den 16.4.1941      

Gestern hatte ich Dir schon schreiben sollen, doch ich bin leider nicht Dazu gekommen. Ziemlich fahrplanmäßig kam der Zug hier an. Ich habe auch dank Deiner Fürsorge einen ganz schönen Platz gehabt. Die Fahrt ist wie üblich verlaufen. Im Schwarzwald ist der Schnee ziemlich weggetaut, dagegen blühen im Bühler Tal die Pflaumenbäume und die Kirschen. Es ist dies ein schöner Anblick, wenn man so vom rauen Schwarzwald herunterkommt. 
Der Mariner war dann gleich sehr still geworden. Ja es ist eben doch nicht so einfach, vor allem wenn man so ein Himmelfahrtskommando hat wie er. Ich habe hier meinen Koffer heimgefahren. Nachdem ich mich eine Weile aufgehalten habe und meinen Koffer ausgepackt hatte, bin ich dann wieder zum Kurs gegangen. Es hat dann bis gegen 7 Uhr gedauert. Anschließend wollte ich heimgehen, doch ich bin mit meinem Lernkameraden noch in einer Wirtschaft gelandet.  Dort hat es etwas länger gedauert.
Ich war heute früh jedenfalls nicht gerade sehr erbaut, als es schon Zeit war. Ich bin nun heute um 8 Uhr bei der ersten schriftlichen Arbeit angetreten. Unangenehm war mir nur dabei, daß ich es so im Hals habe. Wir waren im Bürgerausschußsaal und sind auch schön verteilt worden, damit einer den anderen nicht behindert. Außerdem war der Saal nicht gerade überheizt, so daß mich ziemlich fröstelte. Die erste Arbeit habe ich hinter mir. Als Aufgabe war gestellt “Die Stellung und Aufgabe des Bürgermeisters und der Beigeordneten nach der DGO“. Ich habe schon etwas schreiben können. So etwa 4 ½ Seiten. Ob ich nun gerade das richtige getroffen habe, wird sich dann zeigen. Am Nachmittag um 3 Uhr haben wir wieder Unterricht. Im Gegensatz zu gestern lege ich mich heute aber zeitig ins Bett, damit mein Brummschädel weggeht.
Ich muß nun einen weiteren Verlauf der Dinge abwarten und werde dann sehen, wie es klappt. Lampenfieber habe ich heute eigentlich nicht gehabt, worüber ich selbst ganz erstaunt war. Hoffentlich halte ich weiter so durch.
Ich möchte jetzt schließen und den Brief gleich mit weggeben, Damit Du ihn bald erhältst.
Nimm viele herzliche Grüße und Küsse entgegen und grüße und küsse unsere beiden Stromer.
Dein Ernst

Meine liebe Frau!                                                                          Karlsruhe, den 19.4.41

Die vergangenen Tage hätte ich Dich nötig hier brauchen können.  Kurz nachdem ich meinen letzten Brief weggeschickt hatte, merkte ich, daß ich die Grippe hatte. Ziemlich Fieber und ein abscheulicher Husten haben mich die 3 letzten Tage geplagt. Du brauchst Dir aber keine Sorge mehr zu machen. Ich habe mich soweit zusammengerissen, daß es über die schriftliche Prüfungstage mir so gereicht hat. Ich habe Pillen und Tabletten geschluckt, Damit die Sache etwas aufgehalten wurde. Gestern habe ich mich gleich in die Falle gelegt und heute kann ich feststellen, daß es sich zum Besseren wendet. Doch darüber können wir ja dann am Dienstag reden. Was soll ich mich erst darüber verbreiten. Heute habe ich einen Karton zusammengepackt, den ich dann morgen noch fertig mache, damit ich ihn am Montag zur Post bringen kann, ebenso die Sachen von Graser habe ich verpackt, damit ich sie ebenfalls zurücksenden kann. Ich habe gerade noch ein kurzes Anschreiben dazu gemacht.
Wie ich heute gehört habe, habe ich wie die anderen Kameraden auch, die schriftliche Prüfung bestanden und der Kursleiter soll gesagt haben, er sei mit den Leistungen zufrieden. Ich muß nun mit 3 weiteren Kameraden am Montag von 12 - ½ 2 Uhr zur mündlichen Prüfung antreten. Dann habe ich es endlich geschafft.
Für Dein Päckchen und Deinen Brief Danke ich Dir vielmals. Die Apfelsinen habe ich heute gut gebrauchen können.  Sei Du und die Kinder herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
Es kann vielleicht sein, daß ich schon mit dem Mittagszug am Dienstag bei Euch ankomme. Andernfalls treffe ich wie das letzte Mal ½ 9 Uhr ein.

Mein liebes Mädel!                                                                                             27.4.41

Der in Konstanz aufgestellte Fahrplan ist ins Wasser gefallen.  Ich bin erst bis Duisburg gereist. Als ich dort ankam, hieß es, daß der Zug, mit dem ich zu meinem Bestimmungsort weiterreisen wollte, nicht mehr fährt. Ich konnte gleich 21,47 Uhr bis Köln zurückreisen. wo ich dann einen Zug nach Brüssel erhielt, der dort 23,23 Uhr weiterfuhr, so daß ich hoffe, schon zwischen 11 und 12 Uhr an meinem Ziel zu sein. Du wirst Dir vorstellen können, daß das für mich eine ziemliche Überraschung war, als ich wieder eine Stunde zurückfahren mußte. Das habe ich aber nun auch geschafft und wie Du aus dem Fahrplan ersiehst, bin ich bald 5 Stunden früher am Ort, als erst vorgesehen war. Ich kann schon sagen, daß ich deswegen nicht böse bin, meine Bahnfahrt schneller zu beenden.
Heute ist nun wieder ein Sonntag, von dem man nichts merkt. Wie hast Du und wie haben die Kinder den Abschied überstanden. Mir ist diesmal die Trennung durch den längeren Aufenthalt in der Heimat schwerer gefallen wie die vorhergehenden Male.  Hinzukommt, daß man noch nicht weiß, wo es einen jetzt hin treibt.  Ich werde mich aber auch da wieder hineinfinden, wie ich dies die anderen Male auch fertiggebracht habe.
Ich habe diesen Brief im Zuge angefangen, Damit ich ihn bald nach meiner Ankunft absenden kann. Ich schreibe ihn heute noch unter der alten Feldpostnummer. Es wird ratsam sein, wenn Du diese nicht benutzt.
Ich bin nun kurz vor meinem Ziel und mache den Brief gleich  fertig. Ein Kamerad von der Feldpost, der neben mir sitzt, wird ihn gleich mitnehmen, damit Du bald Nachricht bekommst. Über den weiteren Verlauf gebe ich Dir dann in meinem nächsten Brief Bescheid. 
Bleib Du gesund und lasse Dir die Trennung nicht zu schwer werden. Grüße die Kinder recht herzlich von mir und gib einem jeden einen herzlichen Kuß. Nimm Du selbst viele Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst

Mittwoch, 6. April 2016

Brief 116 vom 5./6.4.1941


Meine liebe Annie!                                                                     Karlsruhe, den 5. 4. 41     

Deinen lieben Brief vom 3./4. und Dein Päckchen mit Brief habe ich heute früh bzw. Abend erhalten. Für die gesandten Sachen Danke ich Dir vielmals. Ich finde, daß es sehr unwesentlich ist, ob der Kuchen kleiner oder größer ist, den Zweck hast Du doch damit erreicht, daß ich den bei uns früher üblichen Sonntagskuchen habe, denn weiter braucht er ja nicht zu reichen. Zudem komme ich ja in der kommenden Woche nach hause.
Doch erst einmal zu Deinen Briefen. Wegen des Zwiebelsamens wird es auch hier schwer fallen, welchen zu bekommen. Ich war hier heute in einer Samenhandlung. Die sagten mir, daß sie keinen mehr hätten und daß sie wohl schlecht welchen bekommen würde. Ich werde es nochmals wo anders versuchen.
Für die Übersendung der Bescheinigung Danke ich Dir bestens. 50 Pfennig reicht für die Unterschrift. Willst Du sie wiederhaben, weil Du mir die Quittung mitschickst? Du weißt ja, da bin ich nicht so kleinlich. Etwas möchte ich Dir auch noch empfehlen. Übernimm Dich nicht mit der Gartenarbeit, daß Du mir nicht eines Tages auf der Nase liegst. Lesestoff hast Du nun wieder von den Eltern erhalten. Es freut mich für Dich, daß Du wieder etwas zur Ablenkung hast. Mit der Wäsche hast Du Dich aber beeilt.
Die 25 Pfennig-Marke von Wien habe ich noch ein paar mal, da hat es also keine Not. Wegen der Geburtstage reden wir wohl am besten zusammen darüber. Für Kurt wird wohl über Ostern keine Essensnot eintreten, denn wenn ihm Vater auch noch einen Stollen geschickt hat, dann noch die Leute aus Blankenloch mit Speck und Wurst unterstützen. Es ist ja gut möglich, daß er sonst noch eine kleine Quelle fließen hat. Es wird ihm schon nichts schaden.  Wegen der Lebensmittelmarken brauchst Du Dir keine sorgen zu machen, denn ich bringe schon die Marken mit, die ich für das Essen benötige.
Dein Gartenbericht hat mich wieder gefreut, so weiß man doch etwa, was inzwischen gewachsen ist. Ich stehe noch in der Erwartung des Kleiderpakets, dann kann ich mich hier auch als Zivilist zeigen. Es kommt allerdings hier wahrscheinlich mehr darauf an, daß ich diese Sachen zur Heimreise habe. Doch nun zum Osterurlaub selbst. Ich fahre hier am Donnerstagmittag weg und bin dann mit dem Schnellzug, der etwa gegen ½ bzw. 9 Uhr in Konstanz ist, dort. Ich bleibe dann bis Dienstagmorgen, denn wir müssen am Mittwoch früh in die schriftliche Prüfung steigen. Der eine Lehrer hat sich bereit erklärt, uns noch zu präparieren und das soll am Dienstagmittag geschehen. Die schriftliche Prüfung wird dann fortgesetzt am Donnerstag und Freitag, jeden Vormittag 4 Stunden. Am Nachmittag werden wir für den nächsten Tag eingefuchst. Am Samstag haben wir wieder Unterricht und am folgenden Montag und Dienstag ist dann die mündliche Prüfung. Nach der gegenwärtigen Sachlage bin ich guter Dinge und glaube fest, daß ich es schaffen werde. Du siehst deshalb auch ein, daß ich am Dienstag wieder bei Euch fort muß. Doch Dafür komme ich ja schon früher. Morgen bleibt mein Lernkamerad auch hier - er fährt also nicht heim - so daß wir uns morgen noch etwas hinter unsere Arbeiten setzen können. Ich glaube kaum, daß ich morgen viel rauskomme. Am Montag haben wir von der Schule aus Besichtigung des Rheinhafens und des Elektrizitätswerks. Am Nachmittag Schule.  Dienstag und Mittwoch haben wir vormittags und nachmittags Schule, Da muß man auf Draht sein. Doch zum Glück haben wir ja noch ein paar Tage Ferien, ehe es zum Endspurt übergeht.
Gestern Abend bin ich in der letzten Stunde abgehauen und bin, nachdem ich noch etwas für meine Beköstigung eingekauft hatte, ins Kino gegangen. Es wurde gespielt „Am Abend auf der Heide.“ Ich weiß nicht, hier habe ich noch nie etwas Anständiges gesehen. Das hat mich auch wieder enttäuscht. Man gewöhnt sich bald an solche Schmarren. Heute früh war ich wieder beim Zahnarzt. Er hat die gestrige Operation nachgesehen und auf meinen Wunsch hin hat er mich zum Röntgen geschickt. Am Dienstag soll ich nochmals hinkommen, um mir Bescheid zu holen. Mit Hilfe dieser Aufnahme kann man vielleicht eher bestimmen, was nun los ist und welche Maßnahmen man am besten trifft, um die Geschichte auszuheilen.

                                                                                                   Karlsruhe, den 6.4.41
Nun mein liebe Mädel, was sagst Du. Jetzt marschieren unsere Truppen wieder. Diesmal geht es nun gegen Griechenland und Jugoslawien. Die Engländer können wieder einmal zeigen, wie sie laufen können, genau so, wie sie es schon in Afrika vormachen.  Wenn dies erreicht ist, werden wir sehen, wann gegen die Insel angetreten wird. 
Wegen der Prüfung wird es Dich noch interessieren, was wir für Aufgaben bekommen. Am ersten Tag eine Allgemeine Aufgabe aus dem Gemeinderecht. Am zweiten Tag aus dem Haushalt - Kassen und Rechnungswesen. Dann am Freitag je ein praktischer Fall aus dem Beamten- und dem Fürsorgerecht. Es ist insoweit anstrengend, daß man ungefähr weiß, wo man sich noch dahinter setzen muß. Ich hoffe also fest, daß ich es schaffen werde. 
Übrigens das abgezogene Geld für Kriegszuschlag soll wieder ausgezahlt werden. Einen weiteren Brief werde ich dann nicht mehr schreiben bis ich komme.
Ich sende Euch meine herzlichen Sonntagsgrüße und hoffe, daß Ihr alle meine Lieben gesund seid Dich grüßt und küßt wieder besonders Dein Ernst.