Donnerstag, 11. Februar 2016

Brief 104 vom 4.2.1941


Meine geliebte Annie!                                                                   O.U., den 4.2.1941 
                                          
Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 1.2.41. er hat mich herzlich gefreut und ich danke Dir deshalb nochmals. Ich weiß ja, dass Du das viele Ausgehen nicht gewöhnt bist, aber siehst Du, dafür bin ich die letzten Abende sehr häuslich gewesen. Es gleicht sich also alles aus. Du bist ja dann die ganze Zeit wieder an die Wohnung gebunden, so dass Dir diese kleine Unterbrechung nichts schaden wird. Ich möchte Dich aber nochmals bitten, nicht immer solche Lobeshymnen auf mich anzustimmen. Bekanntlich ist es ja so, dass derjenige sonst eitel und selbstgefällig wird, von dem die Rede ist. Es ist eine reine menschliche Eigenschaft, die immerhin entschuldbar wäre; doch es ist ja nicht notwendig, die Geister erst zu beschwören.
Ich erhielt außerdem noch den Brief Deiner Eltern mit den verschiedenen Durchschlägen. Ich kann mir manchmal auch nicht denken, dass Du die Tochter Deiner Eltern bist. Wie sind doch die so genannten Großstädter so klein, obwohl sie sich über den Dingen stehend glauben. Machen die ein Getue wegen der Geschenke. Ich finde, sie freuen sich mehr darüber, dass andere sich darüber ärgern. Eine reine gewöhnliche Freude kann ich aus den Zeilen nicht herauslesen. Wenn ich ehrlich sein soll, fand ich, dass Dein Vater wohl wieder viel geschrieben hat. Es war aber wieder dasselbe, was er uns schon seit Jahren immer mitteilt, abgesehen von kleinen Abwandlungen. Wir haben uns doch sehr auseinander gelebt. Ich habe auch das Empfinden, dass mit Siegfried das Verhältnis etwa gleichartig ist. Interessant finde ich auch wieder die Wendung Deines Vaters, wie er sich für eine Verwendung meines Einflusses für Siegfrieds späteres Fortkommen einsetzt. Na, lassen wir das.
Ich werde in meiner Sache morgen früh gleich an die Stadt und die vorgesetzte Dienststelle hier schreiben. Es ist ja auch noch nicht gesagt, dass der Lehrgang voll besetzt werden kann. Also abwarten, heißt hier die Parole.
Ausnahmsweise habe ich heute Abend fast zwei Stunden gelesen, ehe ich den Brief an Dich geschrieben habe. Anschließend möchte ich noch Strafakten zu meiner Unterrichtung in einem Kraftfahrzeug-Unfall durchlesen. Bis dahin ist es dann auch wieder spät genug zum Schlafengehen. Ich sende Dir wiederum recht viele herzlich Grüße und Küsse. Unseren beiden Stromern gib auch wieder einen kräftigen Kuss von Deinem Ernst.
Heute hab ich ja auch noch Dein liebes Päckchen mit dem Gebäck erhalten, wofür ich Dir auch noch danken möchte.
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                                                                                                                             Lille, den 4. Februar 1941.
An die
Oberfeldkommandantur 670 (V)
Chef der Militärverwaltung
Über den Herrn Stadtkommissar
Lille

Gemäß der beigefügten Abschrift werde ich von meiner Heimatbehörde aufgefordert, an einem Lehrgang für den mittleren Dienst teilzunehmen. Es handelt sich hierbei um eine Ausbildung, die für mein späteres Fortkommen notwendig ist. Ich bitte deshalb um Beurlaubung für die Dauer des Lehrganges.

Heil Hitler!
K.V. Betriebs-Assistent
1 Abschrift
K.V.B.Assistent E.Rosche
Feldpostnummer 29297                                                                                                   U.O., den 4.Februar 1941

An den
Herrn Oberbürgermeister der Stadt Konstanz
z.Hd. von Herrn Rechtsrat Enapp
Konstanz a.B.
Betr.: Beurlaubung von Gemeindebeamten für Kriegslehrgänge

Heute erhielt ich Ihre Aufforderung an einem Lehrgang für den mittleren Dienst teilzunehmen. Sofern ich von meiner vorgesetzten Dienststelle für die Dauer des Lehrgangs beurlaubt werde, bin ich gewillt, an dem genannten Lehrgang teilzunehmen.

Heil Hitler!
KVB-Assistent
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Montag, 1. Februar 2016

Brief 103 vom 2./3.2.1941


Mein liebes Mädel!                                                                  O.U., den 2.Februar 1941         

Ich freue mich wieder mit Dir, dass Dir die Dir vorenthaltenen Briefe nun, wenn auch außer der Reihe, zugestellt werden. In Deinem Brief vom 29., den ich gestern erhielt, hast Du mir mitgeteilt, dass Du meine Briefe vom 15., 16. und 22.1. erhalten hast. Die anderen werde sicher auch inzwischen bei Dir angekommen sein.
Daß Helga so Freude an der Musik hat, ist mir eine Genugtuung. Wenn sie Lust hat, kann sie, wie wir es schon besprochen hatten, eine Blockflöte bekommen. Dies Instrument soll sich verhältnismäßig leicht lernen lassen. Wenn es ihr Spaß macht, soll sie von mir aus das Vergnügen haben. Wegen mir kannst Du ihr auch eine größere Mundharmonika anschaffen, damit sie etwas rechtes hat, nachdem sie schon über die ersten Anfänge hinaus ist. Tu also, was Du für am nützlichsten hältst.
Bei Euch ist es wieder kälter geworden. Heute hat es sich nach den vorangegangenen nebligen und regnerischen Tagen schön aufgeklärt. Die Sonne hat schön geschienen und der Himmel war so schön tiefblau. Es erscheint direkt als eine Seltenheit, wenn der Tag einmal nicht so grau und trübe ist.
Wegen der Umstellung auf unsere früheren Verhältnisse brauchst Du Dir bestimmt keine Sorgen zu machen. Wenn ich auch einmal später von hier erzählen sollte, so musst Du dies nicht für bare Münze nehmen. Glaube mir, nachdem wir aus einfachen Verhältnissen gekommen sind, macht mir dies keine Schwierigkeiten, mich wieder zurückzugewöhnen. Anders wären doch die Dinge, wenn es umgekehrt gewesen wäre. Zudem ist es doch so, dass sich neben der wahrscheinlichen Hebung des allgemeinen Lebensstandards, sich auch für mich die Möglichkeit bietet, entsprechend meinen Kenntnissen und Fähigkeiten irgendwo unterzukommen. Eine Veränderung käme dann selbstverständlich nicht anders in Frage, wenn eine Verbesserung für mich für mich dabei wäre. Im Übrigen kannst Du Dich darauf verlassen, dass ich meine drei daheim nicht vergesse und dass ich sie lieb behalte. Bevor ich Deinen gestrigen Brief erhielt, habe ich mich, obwohl die vergangene Zeit fast jeden Abend bei Gauguies war, verschiedene Abende dort nicht mehr sehen lassen und bin gleich nach dem Essen heim gegangen. Es hat zwar einiges Aufsehen erregt, aber Du weißt ja, wenn ich mir einmal was in meinen dicken Schädel gesetzt habe, so muß das durchgeführt werden. Na, Du kennst ihn ja in anderer Beziehung selbst zur Genüge.
Ist Siegfried so schwach in den Nerven, dass er sich nur mit einem unserer Borzeln in die Stadt wagt? Etwas mehr Schneid hätte ich ihm schon zugetraut. Heute hat ja das letzte Urlaubsstündlein für ihn bei Euch geschlagen. Seine Zusätze unter Deinen Briefen fand ich übrigens sehr inhaltsreich und nichtssagend. Lassen wir ihn so, wie er ist, wir sind doch keine Menschenverbesserer. Ich nehme an, dass Du in einer Art froh sein wirst, wenn Du wieder allein bist, abgesehen davon, dass ich jetzt nicht da sein kann.
Von meinen Kameraden soll ich Dich herzlich grüßen, ebenfalls von der Familie Gauguie. Ich selbst grüße Euch recht herzlich und sende Euch viele Küsse. In fester Verbundenheit bin ich immer Dein Ernst.

Meine liebe Frau!                                                                   O.U., den 3.Februar 1941     

Ich erhielt heute Deine beiden lieben Briefe vom 30. und 31.1.1941 und danke Dir recht herzlich dafür. Bevor ich jedoch auf diese eingehe, muß ich Dir von einem weiteren Brief berichten, der heute bei mir ankam. Die Stadt hat mir heute geschrieben, ob ich an einem dreimonatlichen Lehrgang für den mittleren Dienst teilnehmen will, der zwischen dem 6. und 15. 2. beginnen soll. Ich habe diesen Brief meinem Chef vorgelegt, der jedoch anfänglich Bedenken hegte, doch mir am Ende riet, ich soll ein Gesuch um Beurlaubung für diese Zeit einreichen. Wie ich die Dinge bei ihm gesehen habe, glaubt er zwar, mir wenig Hoffnung machen zu können. Ich habe mir nun nochmals alles überlegt und auch mit meinen Kameraden darüber gesprochen. Ich werde der Stadt in zusagendem Sinne schreiben, und hier versuchen, in gleichem Sinne zu wirken, um los zu kommen. Ob es zwar gelingt, weiß ich noch nicht. Über das Ergebnis meiner Bemühungen werde ich Dich stets auf dem Laufenden halten. Es wird sich ja zeigen, was ich hier erreiche.
Wie bei Euch, hat seit gestern auch bei uns die Witterung umgeschlagen. Es weht ein kalter Wind und die Temperatur steht auf -3°. Es freut mich, dass Du wieder einige Male im Kino warst. Ich bin heute auch wieder einmal drin gewesen. „Renate im Quartett“ wurde gespielt, was sehr nett und unterhaltend war. Ja, es ist doch ein wesentlicher Unterschied zwischen deutschen und französischen Filmen. Am Samstag war ich mit dem Tommy auf Freikarte in einem französischen Film. Als ich wieder rausging, musste ich mich erst fragen, was wollten die eigentlich? Wenn ich draußen während dieser Zeit eine weiße Wand angestarrt hätte, wäre ich genauso weit gewesen.
Siegfrieds Bemerkung unter seinem letzten Brief, dass Du ihn nicht mit nimmst, weil Du Dich seiner Aufsicht entziehen willst, ist zwar sehr unpassend und auch unnötig. Du hast es gewiß nicht nötig, solche Aufsicht anzunehmen. Ich habe auch ohne ihn ein großes Vertrauen zu Dir und nicht einmal Angst, dass etwas vorfällt, wie er schreibt. Ich will mich auch nicht weiter darüber ärgern, denn er ist ja nun bereits wieder in Leipzig.
Über die jeweiligen Grüße und Küsse von unseren beiden Stromern freue ich mich jedes Mal. Sage ihnen meinen besten Dank und ich erwidere sie ebenso herzlich und kräftig. Dich selbst aber grüßt und küsst in gleicher Weise Dein Ernst.
Abschrift der Stadt füge ich zu Deiner Information mit bei. Du wirst sie schon lesen können.

Brief 102 vom 30./31.1.1941


Meine liebe Annie!                                                                                  O.U., den 30.1.41              

Ich kann fast nicht verstehen, warum Du so unregelmäßig Deine Post erhältst. Ich schreibe doch immer regelmäßig, die Briefe müssen irgendwo unterwegs hängen bleiben. Ich will Siegfried auch deshalb seinen freundlichen Hinweis nicht persönlich nehmen, denn er gilt in diesem Fall an die Post weitergegeben.
Schade ist nun, dass sich der Pfaff nicht sehen lässt, wenn ich daheim bin, dann würde ich ihm Bescheid stoßen. Wenn er Dir ungemütlich wird, wirf ihn nur zum Tempel raus. Laß Dir nur von diesen Brüdern während meiner Abwesenheit nicht auch noch den Kopf schwer machen. Du kennst ja meinen Standpunkt in dieser Beziehung, und wenn es diesem Herrn nicht passt, nehmen wir sie ihm auch noch aus dem Unterricht heraus.
Vor acht Jahren erlebten wir bei uns daheim den großen Umbruch. Wer hätte es damals gedacht, dass wir nach 8 Jahren schon seit Monaten in Frankreich sitzen. Inzwischen wurde Unmögliches möglich gemacht. Wir hörten heute gemeinsam auf unserer Dienststelle die Rede des Führers, die an Sarkasmus ja nichts zu wünschen übrig ließ. Nach seinen Ankündigungen zu urteilen, wird es für unsere Feinde ein schreckliches Ende nehmen. Wir sind jedenfalls bereit zu allem. Außer dieser Rede hatte ich heute noch eine andere Freude, die eigentlich auch zu einem 30. Januar gehört. Hier marschierten verschiedene Truppenteile, dass einem das Herz im Leibe lachte, als sie aufmarschierten. Mich freut dann immer besonders, wenn meine Kompanie, die 4. drankommt.
Ich glaube, dass es für Jörg unangenehm ist, wenn er bei dem schlechten Wetter nicht so aus dem Zimmer heraus kann, wie er es gerne möchte. Wie Du aber schreibst, weiß er sich auch in der Stube zu beschäftigen.
Ich begrüße es, wenn Du anlässlich Siegfrieds Besuch wieder abends etwas ausgehst, damit Du wieder etwas siehst und für eine Weile auf andere Gedanken kommst.
Heute möchte ich noch etwas lesen. Ich bin zu diesem Zweck wieder zeitig nach Hause gegangen. Demnächst werde ich auch wieder einmal ins Theater gehen, sonst wird man ganz einseitig. Ich grüße und küsse Euch, meine Lieben daheim, recht oft und herzlich. Dein Ernst

Herzliebes Mädel!                                                                             O.U., den 31.1.1941    

Ich danke Dir vielmals für Deinen Brief vom 28.1 und freue mich mit Dir, dass Du endlich wieder einen Brief von mir erhalten hast. Nachdem Du so lange hast warten müssen, war es ja auch höchste Zeit. Mit meinem Arm habe ich fast kaum Schwierigkeiten mehr. Ich habe auch keine Sorgen mehr damit, es wird sich auch wieder einmal ganz verlieren.
Wegen des Fisches habe ich Dir ja inzwischen Bescheid gegeben, es ist Lachs. Wenn er Euch geschmeckt hat, bin ich ja zufrieden. Dieser Tage werde ich auch noch diese Rechnung bezahlen, dann bin ich wieder ganz schuldenfrei. Ich habe mir meine Sachen diese Woche wieder etwas herrichten lassen, dann ist auch immer wieder einmal das Bügeln der Hose fällig, oder wie heute, das Herrichten der Feldbluse. Es sind zwar Kleinigkeiten, doch sie wollen auch erledigt werden, denn man will ja schließlich anständig herumlaufen.
Die Rätselsendung habe ich übrigens auch gehört, und ich muß Dich direkt bewundern, mit welchem Eifer Du dabei warst. Herzlichen Glückwunsch zur richtigen Lösung, denn sie stimmt.
Gegenwärtig mache ich an einem Rachen- und Nasenkatarrh herum, bei dem man noch nicht genau weiß, ist er im Entstehen oder im Abflauen begriffen. Es ist ja schließlich ganz gleich, ich bin aber froh, wenn wieder bei solcher Gelegenheit aller Unrat, der sich im Laufe der Zeit im Körper angesammelt hat, wieder herausgeschafft wird.
In unserer Zeitung ist heute wieder ein Bild von Konstanz drin, außerdem findest Du noch einen Artikel mit einem kleinen Bild von Flandern, die sehr treffend die Landschaft kennzeichnen. Ich laß Dir die Zeitung mit zugehen.
Ich möchte für heute schließen und Dir eine gute Nacht zurufen. Grüße und küsse unsere beiden Borzels von mir und sei Du selbst vielmals grgrüßt und geküsst von Deinem Ernst.

Donnerstag, 28. Januar 2016

Brief 101 vom 28./29.1.1941


 Meine kleine Frau!                                                            O.U., den 28.1.41                   

Es ist wieder Feierabend und ich habe mich heute zeitig auf mein Zimmer zurückgezogen.  Gegen meine Absicht war es gestern spät geworden. Ich hatte mich mit meinem Kameraden Graser so schön bei einigen Gläschen Kognak auf meinem Zimmer unterhalten, dass es unversehens ½ 3 Uhr heute früh war. Was ich nun gestern an Schlaf eingebüßt habe, will ich heute nachholen. Man kann es schon eine ganze Weile aushalten, abends länger aufzubleiben, doch wenn man am Tag angestrengt arbeitet, soll man sich von Zeit zu Zeit etwas ausruhen. Du siehst also, dass ich immer noch nicht meinen Grundsatz der gesunden Lebensweise ganz aufgegeben habe. Auf diese Weise kann man auch wieder einmal in eine Zeitung sehen, sonst ist man ja überhaupt nicht mehr auf dem Laufenden.
Heute ist nun der Geburtstag Deines Vaters. Deinen Brief und Dein Päckchen wird er sicher noch rechtzeitig erhalten haben. Meiner wird dagegen sicher etwas später ankommen.
Eben esse ich noch von den Pralinen, die ich von Euch an Weihnachten erhalten hatte. Vor einem Monat war ich noch bei Euch, und morgen sind es wieder vier Wochen her, als ich wieder von Euch fort ging. Die Zeit geht doch rasend schnell vorbei. Manchmal erscheint einem das kaum glaublich, wenn wieder eine Woche vorbei ist.
Die Post hat mich zwar heute verlassen. Doch wie üblich, hoffe ich aus der gesammelten Erfahrung heraus auf den kommenden Tag. Vom unveränderten Wetter ist heute nichts zu berichten. Ich muß deshalb zur Abwechslung wieder einmal das Essen dran nehmen. Ja, unsere Verpflegungsrationen sind immer noch wie früher reichlich. Es erscheint einem manchmal erstaunlich, wie der Mann immer noch für so viele Leute so ein Essen hinstellen kann. Es muß ja berücksichtigt werden, dass für die Versorgung der übrigen hiesigen Bevölkerung immerhin Schwierigkeiten bestehen, die wohl in erster Linie mit auf die Kriegsereignisse zurückzuführen sind. Mittags gibt´s immer noch – hors d´oeuvre (Vorspeise), Hauptgang und Nachspeise, die heute übrigens zwar auch ganz selten, aus feiner Sahne bestand. Abends wird Suppe, Hauptgang und zum Nachtisch Brot mit Butter und Käse serviert. Manchmal ist es fast zu viel. Wir können von uns nicht sagen, dass wir etwa Not leiden müssten, auch wegen der Abwechslung gibt man sich die größte Mühe.
Nachdem ich nun wieder mit Euch und vor allem mit Dir geplaudert habe, werfe ich nochmals einen Blick auf Eure Bilder. Ich grüße Euch und wünsche Euch allen eine gute Nacht. Außerdem sende ich Euch recht herzliche Grüße und Küsse. In Gedanken weilt so oft am Tage bei Dir und den Kindern Dein Ernst.

Meine liebe kleine Annie!                                                    O.U., den 29.1.1941                                       

Ich habe heute Deine beiden Briefe vom 24./25. und 26.1. erhalten, für die ich Dir vielmals danke. Der zwischendrin geschriebene hat mich ebenfalls erreicht. Ich muß schon sagen, dass Dich Dein Bruder sehr wenig gestützt hat. Im Gegenteil, er hat Dir teilweise das Herz schwer, sogar sehr schwer, gemacht. Statt dass er wie ein Mann mit seinen eigenen Dingen selbst fertig wird, hat er Dir noch einen Teil aufgeladen. Ich habe aufrichtiges Mitempfinden mit Dir, und Du kannst Dich darauf verlassen, ich würde Dir das gerne abnehmen, und Siegfried würde ich zu Recht stutzen. Nun bist Du allein, und ich kann Dir leider nicht helfen und Dir gut zureden. Ich werde es aber bestimmt nachholen, wenn ich wieder heimkomme, damit Du diese dummen Gedanken alle wieder vergisst. Ich bin auch davon überzeugt, dass du als meine Frau doch wieder so stark bist, um über das Grübeln hinwegzukommen. Halte Dich nur wie in den vergangenen Monaten aufrecht, wenn es auch Energien kostet. Du weißt ja, dass man die Zähne manchmal ganz fest zusammen beißen muß, um sich nach außen hin nichts merken zu lassen. Dies war ja schon immer einer meiner Grundsätze, und Du wirst Dich ja unbedingt daran halten. Also Kopf hoch und nicht unterkriegen lassen, das macht hart.
Es ist zwar etwas später wie gestern, doch ich höre Radio und gegenwärtig wird eins meiner liebsten Stücke gespielt: „Waldszene“ von Helmesbergen.
Bei mir geht, wie Du aus meinem Antwortschreiben ersehen wirst, ziemlich laufend die Post ein. Ich verstehe deshalb nicht, warum sie bei Dir so lange ausbleibt? Ich würde mich freuen, wenn Du die Post auch regelmäßig bekommen würdest.
Ja, bei unseren beiden sieht man schon, dass sie noch Kinder sind. Eins kommt mit einem Dreiangel nach Hause und das andere ohne Absatz, und keins weiß, wieso?
Beim Streuselkuchen wäre ich schon dabei, warum nicht auch?
Eure Bilder sehen zu mir herüber. Ihr lacht mich alle drei an und ich wünsche Euch eine recht gute Nacht. Sei Du vielmals gegrüßet und geküsst von Deinem Ernst

Brief 100 vom 25./27.1.1941


Meine liebe Annie!                                                                   O.U., den 25.1.1941    

Wieder haben wir eine Woche hinter uns, die reich an Arbeit und Erleben war. Ich habe für meinen Kameraden, der anderweitig verhindert ist, den Bereitschaftsdienst übernommen. Diese Gelegenheit habe ich nun gleich benützt, um einige Briefe, die ich unbedingt erledigen muß, zu schreiben. Die Durchschläge füge ich Dir bei, damit Du im Bilde bist, was ich geschrieben habe.
Wie ich Dir schon mitteilte, war die Arbeit in dieser Woche ziemlich reichlich. Ich habe Autos zum Verkehr zugelassen, Zulassungen verlängert, habe Scheinwerfer nachsehen lassen. Autos verkauft und leihweise überlassen, habe mit Publikum und der Garage verhandelt. Habe Anweisungen entgegen genommen und Verordnungen gelesen. Habe Anordnungen geben müssen und Befehle weiter gegeben. War bei meinem Neubau bzw. Einbau. Daheim Frühstück gemacht und zwischen der Arbeit sind wir zum Mittagessen gegangen. Unseren Mittagsschlaf haben wir, soweit es möglich war, eingehalten, doch die Nachmittage waren reich an Arbeit. Denn die eingehende Post musste auch noch erledigt werden, abgesehen von der privaten, die ich auch nicht aufschieben wollte. Nun ist die Woche wieder um und der Sonntag steht sozusagen vor der Tür. Hoffentlich ist es ein Tag, an dem man sich wieder einmal ausruhen kann. Man weiß ja nicht, welche Änderung und Neuerung die kommende Woche wieder bringen kann. Man muß immer auf Draht sein, damit man nicht von Ereignissen, die eintreten könnten, umgerissen wird. Wie ich Dir gestern schon mitteilte, werden wir Morgen wahrscheinlich auswärts fahren. Wir sind dort zum Schlachtfest eingeladen. Es ist einem zwar peinlich, wenn man in so uneigennütziger Weise eingeladen wird, doch die Leute fühlen sich geradezu schon beleidigt, weil wir so lange nicht gekommen sind. Wir sollten schon seit vor Weihnachten kommen, haben es aber immer wieder hinausgeschoben. Es sind dies Lothringer, von denen ich Dir auch schon erzählte. Es ist etwas Eigenartiges um diese Gastfreundschaft. Das unangenehme ist nur, dass man keine Gelegenheit hat, sich irgendwie wieder einmal zu entschädigen.
Einen Brief erhielt ich heute von Dir nicht. Ich bin aber nicht ungenügsam, denn bisher trafen Deine Briefe ziemlich laufend ein. Deine Zeitungsgeschichte aus Norwegen habe ich gelesen und fand sie sehr nett. Ich werde sie Dir wieder mit zusenden.  Aufheben kann man solche Sachen hier nicht so gut.
Das für diese Gegen hier übliche Wetter ist nun auch eingetreten. Bedeckter Himmel, zwischendurch etwas Nebel oder Regen. Das gehört eigentlich so mit zum Landschaftsbild und man ist ganz verwundert, wenn die Sonne hier scheint.
Ich wünsche Euch meine Lieben einen frohen Sonntag und hoffe Euch alle gesund. Gleichzeitig sende ich Dir und den Kindern recht viele herzliche Grüße und Küsse. An Vater bitte auch einen Gruß. Im Gedenken an Dich verbleibt Dein Ernst.

 Mein liebes Mädel!                                                                         O.U., den 27.1.41                                                     

Vielen Dank für Deine beiden Briefe vom 22 und 23.1 41, die ich heute erhielt. Überrascht war ich von der plötzlichen Ankunft Siegfrieds. Gewöhnlich ist es ja bei uns Soldaten so, dass man heute noch nicht weiß, ob man morgen fahren kann. Wie lange gedenkt er zu bleiben? Das geht aus Deinem Schreiben nicht hervor. Es ist ja erfreulich, dass er Dich in Deiner Einsamkeit aufsucht und dass er sich seiner Schwester immer noch entsinnt.
Das Verhalten von Jörg beim Zahnarzt erfreut mich auch wieder und ich zolle ihm ebenfalls meine volle Anerkennung. Man sieht doch, dass er der Junge seiner Eltern ist. Man muß sich nur im richtigen Moment zusammenreißen und nach außen hin in solchen Augenblicken nichts anmerken lassen. Nochmals meine Anerkennung für beide.
Wie gefällt es Helga wieder in der Schule? Ich hoffe, dass sie sich gut eingewöhnt hat in den letzten Tagen. Siegfried hat sich ja bald übernommen mit seinen vielen Geschenken für Euch. Ihr habt Euch sicher darüber gefreut. Ich kann mir vorstellen, dass Helga ungern in die Schule gegangen ist. Jörg wird die MG-Mannschaft gleich in seine übrigen Truppenteile übernommen haben. Du kannst ihm dabei ruhig sagen, dass dies die Waffe seines Vaters sei, während der Zeit seiner Ausbildungszeit beim Kommis gewesen ist. Mit dem Mundharmonikaspielen wird sich Siegfried auch wundern, wenn er so ein Duett vorfindet, wie Euch zwei. Ich hoffe, dass sich Siegfried gut erholt. Wenn er noch einen Kameraden erwartet, wirst Du ja keinen leichten Stand haben. So allein und zwei Männer im Haus. Der Unterschied ist ja sehr krass. Na, ich denke, dass Du auch mit den zweien fertig werden wirst, denn es war ja schon früher eine Kleinigkeit für Dich, mit uns fertig zu werden, und ich bin gewiß schwer zu behandeln.
Die Arbeit ist bei uns gegenwärtig wirklich reichlich, und Sorgen muß man sich deswegen auch noch machen. Meine Kohlenversorgung der Stadt scheint, wenn nicht glückliche Umstände eintreten, kritisch zu werden. Die Arbeiter wollen wahrscheinlich streiken, wegen der knappen Lebensmittelrationierung. Nun muß ich sehen, wie wir das wieder am besten schaukeln. Solche Probleme sind ja schließlich dazu da, damit sie gelöst werden. Soweit wir ein Interesse daran haben, werden wir sie auch lösen.
Der Zeitungsausschnitt vom Kaden hat Dich doch sicherlich geärgert. Ich meine, Du könntest u.U. jetzt an dieser Ehre teilhaben, während Dein Mann nun bescheiden auf irgendeinem Büro hier in Frankreich sitzt und sich in friedlicher Weise mit der Bevölkerung herumschlägt. Heute habe ich nun genug gefrozzelt und ich denke, es langt. Du nimmst es mir hoffentlich nicht falsch auf.
Ich grüße und küsse Euch drei recht herzlich, Siegfried danke ich für seine Grüße und erwiedere sie ebenso herzlich. In treuer Liebe und Verbundenheit bin ich Dein Ernst.

Samstag, 23. Januar 2016

Brief 99 vom 22./24.1.1941


Mein lieber Schatz!                                                                                O.U., den 22.1.41               

Auch für Deinen Brief vom 19. danke ich Dir wieder vielmals. Erfreut hat mich auch Deine Mitteilung, dass Dir Deine Eltern wieder ein Päckchen zugesandt haben. Die Zeitungen erweckten ja immer lebhaftes Interesse. Wie ich lese, ist es jetzt nun schon so weit, dass sich die Kinder darüber hermachen. Dir werden sie auch eine willkommene Abwechslung sein. Wenn sich Deine Eltern auch noch über die Geschenke für Dich gefreut haben, dann ist ja in viel größerem Umfang Freude hervorgerufen worden, als ich allgemein erwartet hatte.
Wir haben hier schon fast frühlingshaftes Wetter. Sowie ein bisschen die Sonne scheint, wirkt sich dies gleich auf die Stimmung aus. Man ist gleich lebhafter und arbeitsfreudiger. Jetzt, wo die Tage schon merklich länger werden, freut man sich sowieso. Am Abend merkt man es am meisten. Es ist schön, wenn man noch bei Helligkeit aus dem Büro kommt.
Mit dem Dienst schein z.Zt. keine rechte Klarheit zu herrschen. Es sieht aus, als ob alles durcheinander sei. Doch man muß da abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Thomas ist seit seiner Rückkunft mit der Übersetzung des Haushaltsplanes der Stadt beschäftigt, so dass ich, entledigt meines Dolmetschers, der gleichfalls bei ihm mit tätig ist, ganz allein auf mich angewiesen bin. So kleine Verhandlungen und Auskünfte kann ich ja mit den Franzosen allein ausmachen, doch bei größeren Sachen, brauche ich noch jemand, der wenigstens spricht. Mit der Zeit werde ich auch noch das herausbekommen. Wenn es so kommt, wie es mein Chef vor hat, dass ich das ganze Kraftfahr-Referat allein übernehmen soll, so habe ich wohl ein Aufgabengebiet, das noch dazu sehr umfangreich ist. Es ist nun in manchen Fällen äußerst schwierig, eine gerechte Entscheidung zu treffen, um allen Bedürfnissen zu entsprechen. Doch mir ist auch dabei nicht bange, denn wie bei der Sprache, ist es notwendig, dass man sich selbst überwindet, und dass man sich eine Sache selbst zutraut. Ich habe ja auch neben dieser Arbeit noch einen Teil der Kohlenversorgung der Stadt übernommen. Außerdem habe ich dieser Tage einen Bauauftrag bekommen, der innerhalb des Hauses durchzuführen ist, den muß ich auch noch überwachen. Das ist eigentlich das, was mir hier so gefällt. Man wird hier vor eine Aufgabe gestellt, ob man sie beherrscht, oder nicht, das spielt keine Rolle, nur meistern muß man sie. Bei jeder dieser Aufgaben lernt man wieder dazu; damit man nicht über´s Ohr gehauen wird, muß man die Augen aufmachen. Von Fall zu Fall muß man auch großzügig sein können,  was ich schon zu einem kleinen Teil gelernt habe. Früher ging mir das, durch unsere engen Verhältnisse, in denen wir schließlich aufgewachsen sind und in denen wir zwei ja auch schon gelebt haben, ab.
Heute habe ich Dir einmal von meiner Arbeit erzählt, ich hoffe, dass Dir dies auch zugesagt hat. Ich grüße und küsse Euch, meine Lieben, recht herzlich und hoffe, dass Ihr alle gesund seid. Dein Ernst

Mein liebes Mädchen!                                                                             O.U., den 24.1.1941     

Gegenwärtig stecke ich so in der Arbeit drin, dass ich gestern nicht dazu kam, Dir auf Deinen Brief vom 20.1. zu antworten. Zuerst aber noch vielen Dank dafür. Als nächstes will ich dann eine Deiner früheren Fragen beantworten. Die Konserven mit der Aufschrift „Saumon Bell Pink“ enthalten Lachs. Das kleine Tischle, das ihr jetzt ins kleine Zimmer getan habt, hat nun tatsächlich schon verschiedenen Zwecken gedient. Wenn jetzt Jörg ihn im warmen Zimmer für seine Spielzwecke benutzt, so hat er doch sein eigenes Tätigkeitsfeld, und Dir nimmt er nicht gar so viel Platz weg. Die Gardinenmaße werde ich mir vormerken. Mit dem Eintritt von Tauwetter hebt sich ja zwangsläufig die Schlittenfahrerei, zwar zum Leidwesen der Kinder, auf. Schließlich hat alles Schöne einmal ein Ende.
Nun zu Deinem Brief vom 21., der heute hier eintraf. Wiederum danke ich Dir für Deine lieben und freundlichen Zeilen. Das Stricken des Schals hat Dir sicherlich viel Freude gemacht, ich glaube es jedenfalls aus Deinem Brief herauszulesen. Ich nehme an, nachdem Vater so unverbindlich über den Schal und über seine Zweckmäßigkeit Auskunft gegeben hat, dass er sich bei der Überreichung gefreut hat. Hier wird es nicht notwendig sein, dass man noch so warme Sachen braucht, denn mir scheint, als ob der Winter hier schon vorbei wäre. Meinen Pullover, den ich während der kalten Tage untergezogen hatte, habe ich schon seit 8 Tagen wieder abgelegt. Ich bin auch in dienstlicher Hinsicht froh, dass es z.Zt. nicht gar so kalt mehr wird. Die Herbeischaffung von Kohlen für die Bevölkerung vollzieht sich dann mit noch größeren Schwierigkeiten. So kann ich wohl durch meinen besonderen Einsatz von Lastkraftwagen einen schönen Teil auf der Landsstraße heranholen. Aber es lassen sich alle Probleme einmal lösen, so auch das. Wegen unserer Heizung brauchen wir uns ja keine Sorgen zu machen, denn für die ist gesorgt, und soweit sie fehlt, wird schon gesorgt werden.
Am Sonntag werden wir wahrscheinlich aufs Land fahren, zu den Leuten, bei denen wir schon früher ein paar Mal waren.
Ich grüße und küsse Euch, meine Lieben, recht herzlich. Dein Ernst.

Brief 98 vom 20./21.1.1941


 Liebes Mädel!                                                                                   O.U., den 20.1.1941                                                

Weil ich die letzten Tage so schlecht mit Post bedacht worden bin, wurde ich heute voll entschädigt. Es trafen Deine Briefe vom 14.,15. und 17. ein, über die ich mich riesig gefreut habe, aus denen ich auch all die fürsorgerische Liebe herauslesen konnte, die letzten Endes nur Dir eigen ist. Wie ich Dir ja schon schrieb, ist mein Arm bis auf eine Kleinigkeit, wieder in Ordnung. Du brauchst Dir deshalb also keine Gedanken machen. Was will das auch schon heißen, so ein bisschen verstauchter Arm. Durch das Gebackene Schlaraffenland habe ich mich nun so durchgefuttert; ich bin Dir deshalb wohl nicht böse, wenn du mir etwas abgeschickt hast, denn ich vertilge es so zwischendurch mit. Ich habe Euch doch schon wiederholt gebeten, das wenige, das Ihr für Euch erhaltet, selbst zu verwenden. Nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich heute wieder daran erinnere. Wenn es Dein Wunsch ist, die Frauenwarte zu abbonieren, so habe ich nichts dagegen. Sieh Dich dabei aber vor, dass du Dich für längere Zeit nicht zu fest bindest. Bezüglich Deines Hinweises wegen der Trainingsanzüge, die verschiedene Frauen in der Stadt tragen, so kann ich Dir auch nur mitteilen,, dass dies auch nicht meinem Geschmack entspricht, wenn du Dich dieser Geschmacklosigkeit anpassen wolltest. Zieh dir doch, wenn es jetzt so kalt ist, ruhig Deinen neuen Mantel an. Das mit den neuen Briefumschlägen ist mir heute gleich aufgefallen, es war auch Zeit, denn bei einem Kameraden tauchten jetzt sehr ähnliche auf. Den Kindern muß ich wieder meine Anerkennung aussprechen für ihr Verhalten beim Zahnarzt. Ja, man sieht doch, dass man sich zusammenreißen kann, wenn man will, ganz gleich, ob man noch klein ist, oder schon groß. Nur nichts anmerken lassen, und hart gegen sich selbst in erster Linie, dann kann man es auch einmal von anderen verlangen. Ich freue mich jedenfalls über beide, wenn sie so sind. Sie sind ja sonst auch keine Weichlinge.
Wenn unsere Briefe durch die Prüfstelle laufen, so ist ja nichts weiter dabei, denn wir haben doch nichts zu verheimlichen.
An Deinen Vater muß ich morgen gleich noch schreiben, sonst kann ich etwas von ihm zu hören bekommen. Allerdings, wenn Du mich nicht daran erinnert hättest, würde ich es offenbar vergessen haben.
Der Olkiwicz tut mir trotzdem leid, dass er auch schon ins Gras beißen musste. Wie es das Schicksal eben will, so muß man es hinnehmen, man weiß ja nicht, ob man durch Zufall in die gleiche Lage kommen kann.
Über Deinen Zinsgewinn hast Du Dich sicher gefreut. Es ist ja besser, wie nichts.
Ausnahmsweise will ich damit einverstanden sein, wenn Du Deinem Vater eine Büchse von den Sardinen schickst, die eigentlich für Euch bestimmt waren.
Von Kurt erhielt ich heute einen Brief. Er schreibt mir, dass er vom 17tägigen Urlaub zurück sei und dass ihm Nanni so leid tun würde, weil sie dort fast ganz heruntergekommen sei. Sie sollte eine Olivenölkur durchmachen und er bitte mich darum, ihr welches zu senden, wenn ich es machen könnte. Die Frage dabei ist nur die des Transports. Ich weiß noch gar nicht, wie ich dies anstellen sollte.
Heute habe ich wieder einmal genügend geschrieben, hoffentlich bist Du damit zufrieden. Ich wünsche Euch allen eine  Gute Nacht. Dir sende ich viele herzliche Grüße und Küsse. Dein Ernst.



Meine liebe Annie!                                                                               O.U., den 21.1.1941            
                                                           
Pünktlich traf Dein Brief vom 18. heute ein, wofür ich Dir herzlichen Dank sage. Ihr werdet allem Anschein nach ja sehr reichlich mit Schnee bedacht. Es ist ratsam, wenn du bei solchem Wetter Dein Fahrrad nicht benutzt, denn Du läufst sehr leicht Gefahr, Dich einem Unfall auszusetzen. Wenn es Dir Deine Zeit zulässt, ist es ja nicht von Schaden, wenn du Deine Wege vorübergehend zu Fuß erledigst. Für die Kinder wird das selbstredend eine Freude sein, wenn du mit Ihnen in die Stadt fährst. Auch sonst werden sich Beide mit dem Schlitten draußen rumtummeln. Während es bei Euch schneit, regnet es hier, was nur so runter will. Es ist tagsüber direkt warm. Meinen Pullover habe ich gegenwärtig abgelegt, sonst ist man ja noch mehr Erkältungen ausgesetzt, als es schon so der Fall ist.
Wie ich höre, soll ein weiterer Teil der durch Notverordnung seinerzeit festgelegten Gehaltsabzüge aufgehoben werden, und der Rest soll im Mai oder Juni in Wegfall kommen. Es wäre dann so, dass dann ab diesem Monat unser Gehalt ohne welche Abzüge wieder zur Auszahlung käme. Dies wäre ja ganz günstig, nachdem wir ja schon jahrelang das Opfer des Abzuges auf uns genommen haben. Wir waren ja bisher auch zufrieden, doch wird uns eine Besserstellung nicht gerade schaden.
Was Deinen Brief an Deinen Vater anbelangt, so ist er schon in Ordnung. Wenn ich auch Deine Wendung nicht damals gesagt habe, so habe ich sie doch dieser Tage bestätigt.
Für heute sind wir am Abend zum Kaffee eingeladen. Hoffentlich wird es nicht gar zu spät. Es ist gleich Feierabend, und dann geht’s zum Essen. Richtiger gesagt, der Feierabend wäre schon dagewesen, denn es ist ½ 7 vorbei, aber einmal muß man aufhören.
Ich schließe deshalb für heute ab und grüße und küsse Dich recht herzlich. Dein Ernst.