Samstag, 21. November 2015

Brief 80 vom 17./18.11.1940


Meine liebe Annie!                                                                          O.U., den 17.11.1940 

Ich komme von unserer heutigen Fahrt zurück und bin einigermaßen etwas müde. Wahrscheinlich wird mein Schreiben heute nicht so lang werden. Gestern, nachdem ich vom Baden zurückkam, erhielt ich Deinen lieben Brief vom 13., für den ich Dir wieder meinen besten Dank sage.
Dass wir etwas vertragen können, mag ja schon stimmen, daß wir wegen des Sektkonsums nun gleich Süffel von Dir angeredet werden, ist doch etwas übertrieben.
Diese Einreibung bei Helga anläßlich der Untersuchung wird sich wahrscheinlich auf TBC beziehen. Von den Eltern wirst Du ja nun auch Nachricht bekommen habe. Jörg wird sich aber gefreut haben, daß die Abzüge an seinem Weihnachtsgeschenk  durch die Verringerung der Reparationskosten für die Fensterscheibe nicht gar so groß sind. Wegen der von mir ab gesandten Päckchen gibst Du mir bitte wieder Bescheid. Besonders interessiert es mich, ob die zwei Päckchen, die Du nicht öffnen sollst, eingetroffen sind.
Das Wunschkonzert habe ich zwar nicht gehört, doch habe ich auch so an Euch gedacht. Über den Umfang der Reise und die weiteren Einzelheiten werde ich Dir morgen berichten.
Ich habe meine Briefreihe nicht unterbrechen wollen, deshalb wird mein heutiger Brief etwas kürzer. Sei Du mit den Kindern recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.


Mein liebes Mädel!                                                                     O.U., den 18.11.1940

Zuerst möchte ich Dir von unserer gestrigen Fahrt berichten, die, obwohl wir nur einen Teil von dem gesehen haben, was früher war, einen Einblick in das frühere kulturelle leben Flanderns gegeben hat. Wir fuhren von hier aus mit unserem Wagen nach Douai, wo wir zuerst halt machten. Unter den Einwirkungen des Krieges hatten in erster Linie die Häuser beim Grand Place gelitten. Die waren restlos in sich zusammengefallen. Der Bahnhof, der gleich in der Nähe liegt, war auch sehr mitgenommen. Das Rathaus und einige Kirchen weisen darauf hin, daß die Stadt im Mittelalter eine starke Bedeutung gehabt haben muß. Die schöne Fassade des Rathauses im spätgotischen Stil erbaut, läßt darauf schließen, daß der Fleiß der Bürger und ihr Handel ziemlich viel eingebracht haben muß. Der Charakter der Stadt ist wohl neuer, doch gewinnt man den Eindruck, daß sie in normalen Zeiten ordentlich aussieht. Die beigefügte Postkarte vom „Le Salon Blanc“ „Der weiße Saal“ veranschaulicht einen Raum des Rathauses. Wir sind dann nach Cambrai, das durch die schweren Kämpfe des Weltkrieges bekannt geworden ist, weitergefahren.
Im Krieg 1914/18 war offenbar der größte Teil zerstört, so daß der neu aufgebaute Teil einen ziemlich nüchternen Eindruck hinterläßt. Einige Bauten des Klerus veranschaulichen ganz deutlich, die Einwirkungen, die das früher österreichische Regime hinterlassen hat. Über einem Altar war sogar der Doppeladler verewigt.
Daß es zwischendurch einmal als Revolutionstribunal verwendet wurde, spielt ja dabei keine große Rolle. Wir haben dort verhältnismäßig gut und billig, ausreichend zu Mittag gegessen und sind dann bei strömendem Regen nach Valenciennes rüber gefahren. Diese Stadt hinterläßt durch die großen Zerstörungen einen starken Eindruck. Das ganze Stadtviertel um das Rathaus herum ist restlos zerstört. Einzelne wenige Häuser sind stehen geblieben und machen inmitten der Trümmer einen ebenso trostlosen Eindruck wie die Ruinen. Wir waren auch bald mit unserem Rundgang fertig, denn auch die Kirchenbauten, die schließlich durch ihre Festigkeit und auch durch eine gewisse Rücksichtsnahme vor der Zerstörung verschont wurden, haben uns nicht so beeindruckt, daß wir länger dort bleiben wollten. Als nächstes Ziel steuerten wir St. Amand an. Diese Stadt hat in ihrer Nähe Schwefelbäder, so daß sie als weitere Bezeichnung noch „les-Eaux“ führt. Die Bäder sind zwar geschlossen, doch wir sind noch hinausgegangen und haben in Kenntnis auf die sonstigen Verhältnisse hier in Nordfrankreich keinen schlechten Eindruck bekommen. Nach einer Umleitung, die durch eine gesprengte Brücke bedingt war, kamen wir in den Ort selbst. Am „Grande Place“ waren dann die Bauten, die Du auf den beigefügten Karten siehst. Leider sieht alles durch die Witterungseinflüsse stark mitgenommen aus. Vor dem Kriege hat man den Ansatz dazu gemacht, den baulichen Verfall aufzuhalten, doch dazu ist es nicht mehr gekommen. Hier sieht man wieder  sehr starke spanische Einflüsse aus dem Baustil. Es war dies einst eine Benediktinerabtei. Der Nebenbau zeigt, daß hier ein ausgedehntes Kloster gewesen sein muß. Wir waren jedenfalls sehr überrascht und waren sehr froh, einen derartig schönen Eindruck zum Abschluß bekommen zu haben. Mit voller Fahrt sind wir von diesem Ort aus nach Haus gebraust. Das Wetter war zum Abend sehr schön geworden und ein herrlicher Sonnenuntergang hat uns für den Regen des Nachmittags entschädigt.
Heute Nachmittag erhielt ich Dein Päckchen vom 11.11. (ist dies schon der Fastnachtskuchen?) mit dem Kuchen. Er ist ganz eingetroffen. Ich danke Dir vielmals für Deine Liebe. Außerdem erhielt ich Deinen Brief vom 15.11. Auch für diesen sage ich Dir wieder meinen besten Dank. Aber Fahrradschlüssel habe ich weder in der Uniform noch im Mantel. Es ist also kein Fehler von mir, wenn Du diese Schlüssel wieder verlegt hast. Habe ich das nicht wieder fein hingedreht?
Bezüglich der blauen Glühbirnen will ich Dir noch gleich mitteilen, daß wir ja im Kaspertheater auch welche haben, die Du verwenden kannst. Wir sind in den letzten Tagen hier in Ruhe gelassen worden, obwohl gestern gutes Flugwetter gewesen war. Ich glaube aber, daß die Engländer in Coventry ziemlich eines auf die Schnauze bekommen haben, daß denen erst einmal der Schnaufer ausgegangen ist.
Ich denke aber, daß die Schläge mit der Zeit immer noch härter werden und daß keine großen Erleichterungen für unsere Gegner zu erwarten sind. Davon bin ich aber fest überzeugt, daß denen die Puste eher ausgehen wird. Bei Kurt bin ich gespannt, wo er landet. Ich hoffe, bald von ihm Bescheid zu erhalten. Es würde mich freuen, wenn ich ihn hier in der Nähe einmal begrüßen könnte. Ich werde also nach alt gewohnter Weise abwarten.
Zu unserer Reise wäre noch nachzutragen, das wird vor allem Dich auch  interessieren, daß das wirken der Merowinger hier ziemlich bedeutsam gewesen sein muß. Die einschlägige Literatur hat dies bestätigt. Das Geschlecht hat doch seinen Ursprung in Meersburg gehabt.
Ich sende Euch, meine Lieben, recht viele herzliche Grüße und Küsse. Dir mein liebes Mädel wie immer dies ganz besonders. Dein Ernst.

Montag, 16. November 2015

Brief 79 vom 14./15.11.1940


Meine Liebe!                                                                                                 O.U. den 14.11.1940 

Ich schreibe Dir heute nun den zweiten Brief. Allerdings habe ich dafür gestern keinen verbrochen, doch der Ausgleich wird dafür wieder hergestellt. Von Dir bekam ich dafür auch keine Post, doch die Eltern haben heute an mich gedacht, denn ich erhielt einen Brief von ihnen. Ich wollte ihnen in den nächsten Tagen sowieso ein Pfd. Kaffee und eine Tafel Schokolade senden. Es fehlt mir nur noch 1/2 Pfund von dem, den ich schicken will. Das Geld für den Kaffee können sie dann Dir schicken. Die Schokolade sende ich selbstverständlich so.
Dein Vater schreibt heute ganz ordentlich, den Durchschlag wirst du inzwischen erhalten haben. Es ist also in brieflicher Beziehung zwischen uns alles wieder in Ordnung.
Vorhin kam ich vom Theater zurück. Das Programm lege ich heute aber bestimmt gleich bei. Ich habe mich nun gleich hergesetzt, um meinen Brief zu verfertigen. Zwischendurch befeure ich meinen Geist mit dem Rest einer schon längere Zeit angebrochenen Flasche Wein, der mir sauer zu werden droht. Aber, Kampf dem Verderb.
Eine Operette ist immer leichtere Kost, doch es war ganz unterhaltsam, vor allem, wenn man mit dem Abend nichts Besseres anfangen kann. Die Kräfte waren zwar nicht überragend, doch die haben getan, was sie konnten. Trotz der Ereignisse der letzten Nacht bzw. des Morgens fühle ich mich noch ziemlich frisch heute Abend und freue mich, Dir heute noch etwas zu schreiben. Das Feuer ist ja, nachdem so ziemlich alles an dem alleinstehenden Gebäude abgebrannt ist, auch ausgegangen. Wir haben heute Mittag die Reste nochmals besichtigt. Solche Überreste machen doch einen traurigen Eindruck. Zum Glück ist ja nur Materialschaden entstanden und Menschenleben sind nicht zu beklagen.
Am heutigen Abend ist nach dem Sturm der vergangenen Nacht alles ganz reingefegt. Der Mond scheint ganz klar, unsere Sterne ebenfalls. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, daß man bei solchem Wetter wieder Besuch bekommen kann.
Morgen gehen nun die angekündigten Päckchen ab. Ich habe ziemlich alle fertig gepackt. In einem ist noch ein Hemd für Kurt, im anderen noch eine Dose Konserven.
Es sind, mit dem gestern gesandten, sechs Päckchen unterwegs. Ich habe nur den Wunsch,  daß alles richtig ankommt, vor allem die zwei, die Du nicht öffnen darfst. Ich weiß ja, daß ich mich auf Dich verlassen kann und daß Du in dieser Beziehung nicht neugierig bist.
Jetzt ist es gerade Zeit zu den letzten Nachrichten und damit Zeit, um ins Bett zu gehen. Bis jetzt war ganz nette Musik. Jetzt aber ab durch die Mitte. Gute Nacht, mein liebes Mädel, schlafe gut, bleibe mir gesund und nimm viele herzliche Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst.
Unseren Stromern viele Küsse von ihrem Vater und an Vater herzliche Grüße.


Mein liebes Mädel!                                                                                O.U., den 15.11.1940

Meinen Mittagsschlaf, den ich z.Zt. mit meinen Kameraden so ziemlich regelmäßig zwischen 2 und 3 Uhr hatte, habe ich beendet. Jetzt kann der Rest des heutigen Dienstes gestartet werden.
Am gestrigen Abend waren es schon wieder vier Wochen her, daß ich hier von meinem Urlaub eingetroffen bin. Es ist kaum glaublich mit welchem Tempo die Zeit verfliegt.
Sollte es das Wetter gestatten, so ist es möglich, daß wir am Sonntag eine Fahrt nach Cambrai unternehmen. Das Wetter ist in den letzten Tagen zwar sehr wechselhaft, doch im Großen und Ganzen kann man es nicht als schlecht bezeichnen. Ich hoffe, daß es dann auch am Sonntag aushalten wird.
Deine beiden Briefe vom 11. und 12.11.40 habe ich erhalten für die ich Dir vielmals danke. Es hat mich interessiert zu lesen, daß Kurt zu einer Feldeinheit versetzt wird. Ich bin eigentlich dran mit schreiben, doch ich warte so lange, bis ich von ihm Nachricht bekomme.
Sieh Dich nur vor mit den Brombeerstacheln, daß Du mir keine Schwierigkeiten damit bekommst. Mit der zerschossenen Fensterscheibe ist es ja so, besser die kaputt als ein Beinbruch. Eins muß ich aber feststellen, seine Unfälle häufen sich. Letzte Woche die Hose, diesmal die Fensterscheibe und was wird als nächstes drankommen.
Heute Abend fängt die Schweinerei aber schon zeitig an. Seit 8 Uhr kommen die Engländer und bombardieren. Die Abwehr ist sehr stark, doch das Theater nimmt seinen Fortgang. Als ich heimging, fing der Zauber schon an. Wir sind ja eigentlich bisher davon verschont geblieben, doch heute war es am stärksten. Der Päckchenartikel hat mich wieder interessiert, doch werde ich mich an die gegebenen Richtlinien halten.
Du zwingst mich durch Deine neuen Ausführungen bezüglich Deiner Schönheit nochmals Stellung zu dieser ganzen Frage zu nehmen. Ich setze dabei voraus, daß Du nicht darauf ausgehst, von mir Komplimente zu hören. Als ich aber auf Urlaub war und als Du immer so nett und adrett angezogen warst, habe ich feststellen müssen, daß ich meine frühere Meinung, die Du so ziemlich richtig wiedergibst, berichtigen musste. Ich denke, daß jetzt diese ganze Affäre abgeschlossen ist. Wenn du aber denkst, daß Du dazu noch etwas zu sagen hast, so kannst Du Dich ja ruhig äußern.
Bleibe mir gesund und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.

Dienstag, 10. November 2015

Brief 78 vom 11./12./14.11.1940


Meine liebe Frau!                                                           O.U., den 11.November 1940       

In der vergangenen Nacht ist bei uns ziemlich wieder geballert worden. Die Engländer kamen wieder gegen morgen an. Die Abwehr war erheblich stärker wie in der letzten Nacht, dagegen hat der Angriff etwas länger gedauert. Man gewöhnt sich aber an alles, so daß man eigentlich wenig erschreckt ist, wenn sie tatsächlich einmal einer nach hierher verläuft. Das sternenklare Wetter ist ja auch für solche Besuche sehr einlandend.
Gerstern Abend ist auch mein anderer Kamerad, der in Freiburg wohnt, aus dem Urlaub wieder zurückgekommen. Bis Dr. Thoma in Urlaub geht, ist das alte Kleeblatt wieder beieinander. Unser Chef ist ja noch nicht zurück. Wie es dann mit Weihnachten steht, ist noch unsicher. Ich werde Dir, das weißt Du ja, rechtzeitig Bescheid geben.
Heute früh traf Dein Brief vom 6. ein, in dem auch die Wünsche der Kinder verzeichnet sind. Soweit Du die Mittel dafür hast, um die Wünsche zu erfüllen, soll es mir recht sein. Jörg ist  „wirklich nicht unbescheiden“ in seiner Zusammenstellung. Deine Mitteilung, daß Dir die Bluse und die Weste passen, hat mich erfreut, denn man weiß dann, daß man nichts Unnützes gekauft hat. Das Tschechische stört mich heute nicht mehr so sehr, denn wirtschaftlich gesehen, gehören die ja heute auch zu uns. Na, und die Weste wird Dir auch gute Dienste leisten. Daß Dich die Post auch mitunter so schlecht bedient, finde ich schändlich.
Nun traf heute mit der Abendpost noch Dein Brief vom 8.11. ein, für den ich Dir auch wieder vielmals danke. Es ist immer wieder ein lieber Gruß von Dir und aus der Heimat.
Du hast aber fest geschafft. Du wolltest doch einige Ruhetage zum Kräfte sammeln einlegen. Offenbar hat es Dir aber keine Ruhe gelassen. Ich weiß es wohl, daß es eine sehr anstrengende Arbeit ist, abgesehen von dem Wohlgeruch. Ich muß Dir meine volle Anerkennung aussprechen für diese Leistung. Daß Du zu etwas nütze bist, um Deine Worte zu gebrauchen, hast Du ja schon bei anderer Gelegenheit bewiesen.
Jetzt ist also nun noch ein Päckchen an Dich unterwegs, nachdem Du wieder eins erhalten hast. Ich nehme an, daß der gesandte Gummi richtig ist und sich verwenden läßt. Was Du mir bezüglich der Schokolade geschrieben hast, ist ja nicht schlecht. So kann sich der Geschmack ändern, oder der Glaube macht selig. Ich habe noch etliche Tafeln von der Corona daliegen. Ich werde noch einige Päckchen vorbereiten und Dir wieder zugehen lassen.
Heute war ich wieder einmal im Konzert. Es war ein sehr nettes und flottes Programm. U.a wurde auch das Lied gesungen, was Du immer so gern hörst: „Der Lügenlord“. Ich habe dabei fest an Dich denken müssen.
Ihr meine Lieben daheim, ich grüße Euch alle recht herzlich. Dir mein liebes Mädel sende ich besonders meine herzlichen Grüße und Küsse. Dein Ernst.


Meine geliebte Annie!                                                    O .U., den 12.11.1940

Ich komme erst heute am Abend dazu, Dir zu schreiben. Zuerst möchte ich Dir aber  für Dein liebes Päckchen danken, was Du mir so unangemeldet gesandt hast. Ich habe mich über diesen Gruß sehr gefreut. Obwohl ich heute schon zeitig nach Hause gekommen bin, fange ich erst jetzt gegen 10 Uhr mit meinem Briefe an, weil ich erst noch in dem Büchlein gelesen habe. Diese Sachen haben einen wirklich heimatlichen Charakter vor allem auch deshalb, weil man doch alles so kennt. Wenn ich mich nur noch unserer gemeinsamen Radunternehmungen um den See erinnere, oder an die früheren Fahrten, es war doch jedes Mal wirklich schön.
Auch für die beiden Bilder von Dir danke ich Dir. Ich werde sie den anderen angliedern. Dein beigefügter Brief vom 4.11. hat mich sehr belustigt wegen des Gebisses, daß ich direkt habe lachen müssen. Sieh Du Dich nur vor wegen diesem Weibsbild, daß Du nicht noch in unangenehme Angelegenheiten verwickelt wirst. Ich weiß, daß es bei solchen Leuten nicht immer einfach ist, sich zurückzuhalten. Doch ich halte es für am Richtigsten, erst dann zuzuschlagen, wenn es nicht mehr anders geht, aber dann gründlich.
Aus Deinen weiteren Zeilen ersehe ich und auch aus Deinen früheren Briefen, daß Du mit dem Garten so ziemlich fertig bist und daß Du alles in Ordnung hast. Ich muß Dir also für Deine Mühe und für Deine Leistung, die Du durch den Sommer hattest, meine volle Anerkennung aussprechen. Ich werde zusehen, daß ich Dich auf irgendeine Art entschädigen kann. Ich bin mir wohl bewußt, daß man eine ideelle Tätigkeit oder Aufgabe nicht mit etwas Materiellem entschädigen kann. Auf irgendeine Weise wird man es doch zum Ausdruck bringen müssen.
In der vergangenen Nacht sind wir in Ruhe gelassen worden, weil ein äußerst ungemütliches Wetter geherrscht hat. Sturm und Regen; heute war es tagsüber auch so und gegen Abend klärt es sich so schön auf, daß man vielleicht wieder mit einem Besuch rechnen kann. Solange es aber noch nicht ernst wird, braucht man sich auch keine Sorgen zu machen.
Wie geht es Dir nach der großen Anstrengung? Ich hätte es nicht von Dir erwartet, daß Du Dir eine so schwere Arbeit aufladest und noch dazu an einem Vormittag bewältigst. Sei Du recht herzlich gegrüßt und geküßt. Bleibe mir gesund, das wünscht Dir Dein Ernst.



Mein liebes Mädel!                                                               O.U., den 14.11.40
Ich wollte dir gestern Abend noch auf Deine beiden Briefe vom 9. und 10. antworten, die ich gestern erhielt. Ich hatte aber noch verschiedene große Listen u.ä. Sachen. Als wir fertig waren, war ich schon vom Tag über sehr abgespannt, daß ich mich gleich um 11 Uhr hingelegt habe. Auch heute früh bin ich nicht restlos ausgeruht, denn wir haben heute Nacht einen derartigen Sturm gehabt, wie ich ihn selten kenne. Der Luftzug war so stark, daß man im Haus die einzelnen Wellen gespürt hat. Blechverkleidungen sind auf die Straße geworfen worden und hat dazu auch noch einen Krach vollführt. Da nun selten etwas allein kommt, muß ich Dir auch noch von unserem Erlebnis heute früh berichten. Ich hatte mich wie üblich gewaschen und fertig gemacht, um dann zum Fenster rauszusehen, wie das Wetter ist. Da sehe ich über den Häusern einen hellen Feuerschein. Ich habe dann gleich unser Haus alarmiert. Wir sind dann in unserer Eigenschaft von der ich Dir früher schon berichtete hingefahren. Es brannte das sogenannte Sommertheater in hellen Flammen. Durch den Sturm hatte es wahrscheinlich Kurzschluß gegeben und in dem angetrockneten Holzbau reichlich Nahrung gefunden. So einen großen Brand habe ich noch nie gesehen.
Wie ich aus Deinen Briefen lese, ist es schon ziemlich kalt bei Euch. Man hat hier eigentlich noch nicht viel davon gemerkt. Wegen des Schlafanzugs kommt es darauf an, ob es sich um reine Seide oder nur  Seidentrikot handelt, wie Du ihn bekommen hast. Dann entscheidet immer wieder die Qualität. Für Seidentrikot wäre es schon möglich, daß er 10.-RM gekostet hat, aber immerhin wäre es günstig gekauft. Für 10.- wird er kaum reine Seide bekommen.
Nun muß ich wohl oder übel zu Deiner Frage wegen meines Weihnachtswunsches Stellung nehmen. Du weißt, daß ich früher schon keine besonderen Wünsche hatte, jetzt fällt mir dies doppelt schwer, denn ich habe eigentlich alles und so lange ich in Uniform stecke, bestehen auch keine Notwendigkeiten auf Bekleidung. Eins fällt mir zwar jetzt ein. Für den Winter habe ich doch keinen richtigen Mantel mehr gehabt. Ich könnte versuchen, hier einen passenden Stoff zu bekommen, ihn mir evtl. auch hier machen lassen. Sonst wüßte ich nichts. Du kannst Dich ja zu diesem Vorschlag äußern.
Wegen Deinen Nieren bitte ich Dich sehr, nimm Dich in acht und halte auf Deine Gesundheit. Du mußt Dich in dieser Beziehung sowieso vorsehen.
Gestern  habe ich wieder ein Päckchen mit Kaffee und Fett an Dich abgesandt. Heute gehen weitere Päckchen an Dich ab und zwar mit Zucker, Schokolade und Seife. Es sind zwei Päckchen dabei auf die habe ich geschrieben, nicht öffnen, die sind für Dich zu Weihnachten bestimmt. Wie viele Päckchen ich insgesamt abgesandt habe, teile ich Dir noch genau mit.
Recht herzliche Grüße und Küsse sende ich Dir heute wieder.
Gib auch den Kindern je einen Kuß von Deinen Ernst.

Brief 77 vom 8./10.11.1940


Mein liebes Mädel!                                                                    O.U., den 8.11.1940           

 Ich sitze wieder dabei, um meine Ablehnungen für Kraftfahrzeuge abzuzeichnen. Neben mir wird über Stadtbaupläne ziemlich eifrig parliert, es ist also sozusagen mitten in der Arbeit. Zudem ist es so um die Zeit, wo Du wahrscheinlich wieder einen Brief für mich aufgibst. Ich lasse, obwohl noch manches daliegt, alles liegen, ich werde es schon irgendwie wieder wegschaffen. Vielleicht bekomme ich bald noch Post von Dir, dann kann ich noch darauf eingehen. Durch das Tempo, was hier so vorgelegt wird, merkt man gar nicht so, wie das Jahr herum gegangen ist. Man lebt hier doch anders und vor allem in der Stadt um nicht zu sagen Großstadt wie bei uns. Wenn ich so bedenke, bei uns daheim ist es doch ganz anders, man lebt doch viel mehr mit der Natur verbunden. Man hat seinen Garten, kann in den Wald gehen, sieht alles wachsen und gedeihen. Allerdings sieht man auch die Rückschläge, die sich einmal einstellen. Hier sieht man nichts wie Häuser und unter Tags auch Himmel. Nun ist es so, man ist jetzt schon ganz verwundert, wen man merkt, daß es schon gegen 5 Uhr anfängt zu dämmern. Es dauert nun so viele Tage über Weihnachten hinaus, so viel es noch bis Weihnachten sind, dann haben wir wieder zu dieser Tageszeit die gleiche Helligkeit wie jetzt. Es ist in so einer großen Stadt bei schwierigen Verkehrsverhältnissen  über die Winterszeit am Abend nicht so einfach. Auch über diesen Winter werden wir hinwegkommen.
Ich bin heute so richtig im Verbessern drin, das rührt aber daher, daß neben mir ziemliche Verhandlungen laufen, die mich immer wieder ablenken.
Du erhältst neben den mir zugesandten Briefen noch einige Fahrscheine mit zurück, die ich gelöst hatte, als ich von Euch wieder wegfahren mußte. Du kannst sie vernichten, wenn Du willst. Jedenfalls siehst Du, daß nichts verloren geht.
Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 1.11., so daß jetzt so ziemlich die Lücken, die bestanden haben, aufgefüllt sind. Darin konnte ich, wie in den anderen Briefen auch schon, lesen, daß Du mich in den Haaren raufen willst. Sage einmal, wo soll denn das hinführen, wenn derartige Zustände in unserer Familie einreißen?
Was soll denn das heißen und was für ein schlechter Eindruck entsteht denn da, wenn ich mit zerzausten Haaren rumlaufen muß? Über die Geschäftstüchtigkeit unserer beiden Stromer habe ich doch lachen müssen. Das haben sie wieder schlau angedreht.
Dir mein lieber Schatz recht herzliche Grüße und Küsse bis zum nächsten Brief. Dein Ernst.


Meine liebe Annie!                                                    O.U., den 10.November 1940

Ja, das freut mich denn sehr. Ich habe aus Deinem lieben Brief vom 5.11., den ich gestern erhielt, ersehen, daß Du nun doch die beiden Päckchen erhalten hast, die ich schon verloren glaubte. Wie Du aus den gesandten Sachen selbst sehen wirst, wäre es sehr ärgerlich für mich gewesen, wenn diese Sachen weggekommen wären. Wie Du mir schreibst, haben Dir die Sachen gefallen und zu passen scheinen sie auch. Über die Mantelangelegenheit bist Du nun auch unterrichtet. Es ist also soweit alles in Butter. Wenn Du Dir aus dieser oder jener Bezeichnung nicht viel vorstellen kannst, so macht das auch nichts weiter aus. Mir gefällt er wirklich sehr gut und ich hoffe natürlich, daß es Dir gleich so gehen wird. An sich ist ja schwarz eine Farbe, die fast jedem steht. Wenn Du Lust hast, kannst Du Dich ja einmal dort in einem Geschäft darnach erkundigen, was so ein ganzer Mantel kostet.
Wegen des Kaffees für Vater kannst Du es halten, wie Du es für richtig hältst. Ich werde den Eltern welchen schicken und ihnen schreiben, daß sie das Geld dafür Dir senden. An Nanni werde ich, wenn ich wieder welchen da habe, 1/2 Pfund senden. Dann haben wir unsere Pflicht getan. Jörg wird wohl auch mit ziemlich gemischten Gefühlen gewartet haben, als seine Hose kaputt war.
Wie es scheint, wird unsere Küche doch noch gemacht. Das ist ja sehr anständig. Wenn die damit zusammenhängende Arbeit beendigt ist, wirst Du wohl auch wieder froh sein, daß alles sauber ist. Das Verhalten von Steinmehl sieht den Lebensgewohnheiten dieser Leute vollkommen ähnlich. Wenn Du Dich nicht mehr darüber ärgerst, soll es mir auch gleich sein. Man sieht aber, wie man sich auf derartige Hilfe, die sie noch großartig antragen, verlassen kann.
Ihr seid also auch wieder einmal im Keller gewesen. Letzte Nacht haben wir auch Besuch gehabt. Sechs kleine Bomben sind geworfen worden, die auf freies Feld in der Nähe einer Veterinärstation gefallen sind. Die Flak hat dann mächtig geballert, als sie wieder weg waren.
Heute habe ich auch den Kindern einen Brief geschrieben, denn sie werden wahrscheinlich schon darauf gewartet haben. Am Nachmittag werden wir sicher noch einmal mit dem Wagen zu einer bekannten Familie nach Richtung Arras fahren.
Bei schönem Wetter sind wir am Nachmittag losgefahren. Haben bei diesen Leuten Kaffee getrunken. Es war sehr nett. Man sieht einmal wieder eine Familie beieinander, einige gut erzogene Kinder. Da freut man sich, wenn so ein gutes Familienverhältnis besteht, das an das eigene so erinnert. Die Heimfahrt war etwas schwierig, weil man durch zerschossene Ortschaften unter Benutzung von Umleitungen mit wenig Licht bei stockdunkler Nacht fahren mußte. Wir sind aber heil und ganz nach Hause gekommen.
Gute Nacht, mein liebes Mädel, und schlafe gut. Recht viele herzliche Grüße und Küsse sendet Dir Dein Ernst.

Freitag, 6. November 2015

Brief 76 vom 6./7.11.1940


Mein liebes Mädel!                                                                      O.U., den 6.11.1940   

Beaucoup travaille, zu gut deutsch = viel Arbeit, das kann ich in diesen Tagen wohl als Überschrift setzen. Zudem will ich Dir von meinen Kenntnissen, die ich hier erlange, auch etwas abgeben, damit Du nicht zu kurz kommst.
Heute ist es allerdings etwas anderes, denn ich habe zwei Briefe bekommen, den vom 29./30. und den vom 31./1. mit dem Brief von Helga. Das Zeugnis habe ich mir angesehen und ich muß sagen, daß es mich recht gefreut hat. Sie hat sich doch auch im vergangenen Zeitraum tüchtig rangehalten, wenn auch die zwei Einser, an die ich mich noch vom letzten Mal erinnere, nicht dabei sind. Diese sind ja für die Beurteilung ihrer Leistungen nicht ausschlaggebend, denn das Zeugnis macht einen ausgeglichenen Eindruck. Du kannst es ihr schon sagen, gleichzeitig aber noch erwähnen, daß ich es durch ein persönliches Schreiben noch würdigen werde.
Es ist inzwischen Nachmittag geworden und im Augenblick ist noch Dein Brief vom 2./3. eingetroffen, so daß ich heute reichlich für das entschädigt bin, was in den letzten Tagen die Post an mir getan hat.
Doch nun zu Deinen Briefen und zu den Zeichnungen der Kinder. Ich danke Euch recht herzlich dafür, ich habe mich sehr darüber gefreut. Ein Brief kann ja viel Freude hervorrufen, doch wenn man drei bekommt, so ist das rein rechnerisch eine Verdreifachung, obwohl man dies nicht nach derartigen Gesichtspunkten ansehen kann.
Ich habe gelesen, daß Dir  daheim keine Aufgabe zu groß ist, um sie nicht doch meistern zu können. Sogar die Brombeeren hast Du Dir vorgenommen. Ich habe bisher keine Zweifel an Deiner Tatkraft gehabt, doch ich hatte nicht erwartet, daß Du Dich an diese verzwickte und verschlungene Arbeit machen würdest, die außerdem noch den Nachteil hat, sich sehr zu rächen.
Die neuen Handschuhe haben Dir also schon gedient. Die Skimütze kannst Du für unseren "Dickkopf" schon verwenden, wenn sie ihm paßt. Daß zwei Päckchen bei Dir eingetroffen sind freut mich, doch bin auch ich verwundert, wo die ersten zwei abgeblieben sind, denn mit dem Gewicht hat es genau gestimmt. Ich hoffe, daß sie inzwischen angekommen sind.
Über Deinen Mantel habe ich Dir ja schon geschrieben. Die Angelegenheit ist ja so ziemlich erledigt. Filzschuhe habe ich noch keine gekauft und werde sie auf Deinen Wunsch hin auch nicht besorgen. Ich will gewiß nicht Deinen Widerspruch herausfordern oder noch mehr geschmeichelt werden, doch so viel Lob, wie Du ihn in dem letzten Brief erwähnst, dürft Ihr nicht über mich ausschütten, ich bin ja schließlich auch nur ein Mensch.
Sieh  Dich nur vor mit den Brombeerstacheln, daß Du sie herausbekommst, denn die können schon Schwierigkeiten bereiten.
7.11. früh 6 Uhr. Gestern Abend wollten wir nebenan bei unseren beiden Chefs Öl empfangen. Wir trafen Beide in einer ziemlichen Katerstimmung an und mußten Beiden darüber hinweghelfen. Wir haben das getan so gut wir konnten, doch es hat etwas lange gedauert, denn es war doch etwa 12 Uhr, wo wir wieder heimkamen. Ja, wenn man sich vorgenommen hat, einmal pünktlich zu Bett zu gehen. Man muß so manches Opfer bringen, so auch dann dies.
Den Brief, den ich gestern von Kurt erhielt, möchte ich nicht vergessen zu erwähnen. Er ist zwar nicht sehr inhaltsreiche, aber doch immerhin ein Lebenszeichen.
Ich sende Dir recht herzliche Grüße und Küsse in gleicher Liebe wie früher Dein Ernst.


Meine liebe Annie!                                                               O.U. , den 7.11.1940

Trotz des späten Zubettgehens und zeitigen Aufstehens fühle ich mich ganz wohl. Den Anfang meines Schreibens möchte ich gleich noch am Vormittag schaffen. Soweit ich wieder einen Teil meiner Arbeit erledigt habe und für einige Minuten Luft bekomme, ziehe ich meinen Bogen hervor und fange an mit meinem Schreiben.
Dieser Tage werde ich wieder einige Päckchen für Dich vorbereiten und bald absenden. Es sind verschiedene Kleinigkeiten, für die Du sicher wieder Verwendung haben wirst. Gestern bekam ich die bestellten Hemden für mich. Die für Kurt werde ich Dir zusenden. Ich hatte doch von ihm 30,-RM bekommen. Führe doch bitte Buch über das, was ich ihm beschafft habe. Die Preise werde ich Dir jeweils bekannt geben.
Von unserem gestrigen Ölempfang habe ich Dir ja schon geschrieben. Ich habe mir vier Flaschen gekauft, auch dafür wirst Du sicher Verwendung haben.
Bei der letzten Post ist mir aufgefallen, daß zwischendurch immer wieder ein Tag ausgefallen ist. Du schreibst ja auch noch jeden Tag, so daß die fehlenden Briefe auch bald eintreffen werden.
8.11.40 früh. Gestern Abend ist von unseren Fahrern keine Post abgeholt worden, so daß ich heute früh Deine Briefe vom 30./31. und 3./4. bekommen habe. Aus Deinem letzten Brief habe ich aber leider lesen müssen, daß es Dir nicht ganz gut geht. Wie Du schreibst, hast Du Dich der Flaschen erinnert. Sofern dieser Fall doch nochmals eintreten sollte, so nimm nur das Kirschwasser, es ist stärker aber auch wirksamer. Wenn Dir der andere aber auch schon geholfen hat, so ist ja der Zweck erfüllt. Ich wünsche Dir, soweit es noch notwendig sein sollte, recht gute Besserung und hoffe, daß der Fall nicht wieder eintritt.
Wegen des Anspruchs, daß Du mich überhaupt gewollt hast, kann ich Dir nur erklären, daß ich mich nicht klar genug ausgedrückt haben werde, denn Du verstandest mich in diesem Falle miß.
Die haben doch nur Spaß gemacht und wollte mich ja eigentlich hochziehen. Ich finde, da wir einmal bei dieser Angelegenheit sind, daß meine These, die ich früher einmal aufgestellt hatte, Du seiest zwar keine ausgesprochene Schönheit, aber die Frau, die zu mir paßt, in Bezug auf den Punkt Deines äußeren Eindrucks, glatt widerlegt.
Der Eifer von Jörg ist ja wirklich lobenswert in Hinsicht auf sein Helfen und auch auf sein Schreiben. Ich danke ihm für seine Mühe und für die Unterstützung, die er Dir erteilt.
Nach Deinem Brief vom 30. hast Du zwei weitere Päckchen erhalten. Die Sachen gefallen Dir also wieder. Wenn die zwei ersten Päckchen verloren gegangen sein sollte, so würde ich mich sehr darüber ärgern. Ändern ließe es sich dadurch ja nicht, höchstens, daß ich das, was ich hatte, nochmals kaufe.  Ich werde noch einige Tage warten und dann zusehen, was ich mache. Es wäre nur schade um das Leder, die Bluse, das Jäckchen und die Strümpfe. Also warten wir einmal ab. Ich habe aber in den letzten Tagen wieder einige Kleinigkeiten für Dich beschafft, die ich Dir aufhebe und die ich Dir noch nicht verraten kann. Ich denke, daß Du auch Deine Freude daran haben wirst.
Morgen Nachmittag oder am Sonntag werde ich unserer Helga wieder schreiben, denn sie wird mit Recht nach dem schönen Zeugnis auf eine Antwort warten. Gestern Abend bin ich schon zeitig nach Hause gekommen, um wieder einmal auszuschlafen. Das habe ich auch getan und ich fühle mich auch heute wieder frisch.
Mein liebes Mädel, sei Du recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.

Brief 75 vom 4./5.11.1940


Meine liebe Frau!                                                                     O.U., den 4.11.1940   

Seit Samstag regnet es nun schon ohne Unterbrechung. Zur Abwechslung regnet es einmal schneller und dann dafür auch zwischendurch etwas langsamer, aber es regnet. Gestern war es noch etwas stürmisch dazu, so daß wirklich nicht viel Lust vorhanden war, sich im Freien zu ergehen. Ich bin, wie ich Dir ja gestern schon geschrieben habe, schön daheim geblieben, habe Radio  gehört, Zeitung gelesen, geschrieben und dazwischen bin ich, wenn es Zeit war, zum Essen gefahren.
Heute früh bekam ich Deine beiden lieben Päckchen ausgehändigt. Ich hatte zwar nicht erwartet, daß Du mir noch etwas Gebackenes mitschickst, doch ich danke Dir vielmals dafür. Das hast Du lieb gemacht. Die Behälter werde ich soweit ich Fett erhalte, verwenden und Dir jeweils zugehen lassen.
Einen Brief habe ich von Dir heute nicht erhalten. Es sind ja fast unhaltbare Zustände, wie unregelmäßig die Post arbeitet. Ich habe aber die Zuversicht noch nicht verloren. Morgen wird sicher wieder etwas kommen.
5.11.40: Ich bin gestern nicht fertig geworden, meinen Brief an Dich zu beenden. Ich war mit Dr. Thomas zu einer nachträglichen Geburtstagsfeier des Stellvertreters  unseres Chefs eingeladen. Du wirst langsam denken, ich wandere von einer Einladung zur anderen. Es ist aber auch fast so, denn am Freitag soll ich wieder zu einer größeren Gesellschaft mitkommen, wo wahrscheinlich auch wieder Alkohol fließen wird.
Gestern waren wir fünf Männer, eingeschlossen ein interessanter Mann. Ein berühmter Maler, der in Berlin lebt, aber sonst Süddeutscher ist. Ein Professor Spiegel. Wir haben uns ganz angeregt unterhalten. Doch darüber kann ich Dich später einmal genauer unterrichten. Das kann ich aber vorweg nehmen. Der Mann ist schon 61 Jahre und ist schon wiederholt mit unseren Fliegern über England gewesen. Er tut dies zu seiner eigenen Unterrichtung, um sich das Bild des Fliegers und des Kampfes zu formen.
Bei solch angeregter Unterhaltung gibt´s ja auch reichlich Durst und wenn die Sitzung sich lange ausdehnt, so ist es nicht zu viel, wenn dann sieben Flaschen Sekt alle werden. Aber der Dienst kann ja nicht unter solchen Feiern leiden. Pünktlich wie immer bin ich aufgestanden, wenn es auch schwer fällt, denn wir haben in letzter Zeit sehr viel Arbeit, die einen den ganzen Tag über voll in Anspruch nimmt.
Ich habe Dir heute, ich habe wenigstens den Eindruck, wenig inhaltsreiches geschrieben, doch ich habe nicht die Absicht, deswegen nicht zu schreiben. Das nächste Mal wird´s wieder besser. Euch allen recht herzliche Grüße und Küsse. Dir sende ich sie wieder besonders. Dein Ernst.


Mein liebes Mädel!                                                           O.U., den 5.11. 1940

Erst möchte ich meinen Stoßseufzer loslassen. Seit Samstag habe ich keine Post von Dir, so daß ich durch die sonstige Regelmäßigkeit etwas beunruhigt bin. Doch diese Beunruhigung wird dadurch etwas aufgehoben, daß verschiedene meiner Kameraden in den letzten Tagen auch etwas schlecht versorgt wurde. Offenbar besteht an irgendeiner Stelle eine Stockung.
Heute Abend bin ich mit Rücksicht auf den vergangenen Abend sehr häuslich und habe mich schon gleich nach 9 Uhr in meine Kemenate eingefunden, um meinen täglichen Brief an Dich zu verfertigen. Ich habe am Nachmittag feine Stunde geschlafen und mir deshalb für heute Abend noch eine größere Arbeit mit heimgenommen, die ich nach Beendigung meines Briefes noch entwerfen will, weil sie mir sonst im Dienst so viel Zeit wegnimmt. Wir haben z.Zt. etwas Hochdruck und ich hoffe, daß er auch wieder einmal etwas nachläßt. Ich habe mir einige Stückchen von Deinem gesandten Gebäcks geholt, das im übrigen wieder ausgezeichnet schmeckt, und knabbere so nebenher. Das Radio läuft, wie es bei mir immer üblich ist, so daß es den Umständen entsprechend ganz heimelig hier ist.
Zu Deiner Unterrichtung sende ich Dir heute einmal eine Postkarte mit von unserem Stammplatz, denn ich denke, daß Dich dies interessieren wird. Den Platz, an dem ich sitze, habe ich angekreuzt.
Dieser Tage wird hier das Rheinische Landestheater den "Vetter aus Dingsda" spielen. Gegenwärtig ist hier ein Programm mit Paul Kemp, das ich mir auch noch ansehen muß.
Sobald es sich mit unserer Arbeit einrichten läßt und das Wetter einigermaßen danach ist, werde ich mit dem Autofahren weitermachen. Ich wäre ja schon gerne fertig damit, doch es ließ sich leider noch nicht machen.
Wir haben hier zur Zeit ein scheußliches Wetter. Es schien, als ob es kälter werden wollte, und nun herrscht schon wieder so ein warmer Wind. Die Zimmer sind durch die Dampfheizung überheizt, trotzdem man die Fenster aufmacht. Dies allerdings ist auch nicht immer möglich.
Wie steht es nun mit Helgas Zeugnis? Hat sie es schon bekommen und wie ist es ausgefallen. Du wirst mir ja davon schon eine Abschrift zugehen lassen. Zum Vergleichen würden mich auch die vorhergehenden Zahlen interessieren.
Hast du schon einmal nach dem Schulranzen bei Vater nachgesehen, den wir für Jörg haben wollten bzw. den wir für Helga herrichten lassen wollten? Vielleicht kann er durch einen Sattler richtig in Ordnung gebracht werden. Wie lange wird es noch dauern, dann ist die Zeit für Jörg auch gekommen.
Was machen sonst die beiden Stromer? Wie Du mir letzthin mitteiltest, versuchen sie der jetzigen Jahreszeit auch die gute Seite abzugewinnen, Jörg soll nur weiterhin Dir mithelfen, wie beim Sauerkrauteinmachen.
Vor allem aber soll er brav sein und Dir folgen. Ich denke, daß ich Helga nicht so ermahnen brauche. Nachdem Du ihnen immer so schöne Geschichten vorliest und erzählst, haben sie ja auch allen Grund zu parieren.
Ich komme wieder zum Schluß und will der Hoffnung Ausdruck geben, bald von Dir wieder Nachricht zu erhalten. Euch alle grüße ich recht herzlich. Du erhältst besondere Grüße und Küsse von Deinem Ernst.

Dienstag, 3. November 2015

Brief 74 vom 01./03.11.1940


Meine liebe Annie!                                                                      O.U., den 1.11.1940                                     

Nun sind wir also in den November reingerutscht. Es vergehen die Tage und Wochen und ehe man es sich versieht, ist wieder ein Monat vorbei. Der vergangene hat ja den Vorzug gehabt, daß ich einige Tage bei Euch sein konnte und darin unterscheidet er sich wesentlich von den voran gegangenen.
Wie ich Dir gestern schon schrieb, war ich mit meinem Kameraden Thomas bei Laureyns eingeladen. Es war ein Essen wieder nach französischer Sitte. Es wurden etwa sechs Vorspeisen gegeben, dann gab es Geflügel und als Nachtisch verschiedenes Obst. Der dazu erforderliche Alkohol hat dann auch nicht gefehlt, so daß sich die Stimmung ganz zwangsläufig entsprechend gehoben hat. Der Laureyns macht sich dann gerne einen Spaß, er ist vergleichsweise in Gesellschaft ein Mann wie Dein Vater, auch gleich so stark wie er. Er ist dann in einem Kostüm erschienen als Dienstmann und hat eine Vorstellung gegeben, die ganz köstlich war. Es war allerdings schon etwas nach Zapfenstreich, als wir nach Hause fuhren. Bei der Dunkelheit zwar keine Kleinigkeit, doch bei meiner Dirigentenkunst klappte es dann schon. Wir sind ja schließlich nicht leichtsinnig und fahren bei solchen Gelegenheiten besonders langsam, vielleicht 10 km, aber immer nach meinem bewährten Grundsatz, lieber langsam gefahren wie schnell gelaufen. Hatte ich Dir schon mitgeteilt, daß wir für unsere Dienststelle bzw. unsere Abteilung noch so einen großen Wagen bekommen haben? Dr. Thomas, mit dem ich ja meistens zusammen bin, führt ihn, wir haben zwar noch einen Fahrer dafür, doch der muß ja meistens Besorgungen machen. Daß ich jetzt fast nicht mehr laufe, dürfte sich verstehen.
Jetzt bin ich nun schon wieder zwei Wochen hier. Wie nur die Zeit vergeht, manchmal scheint es mir zwar länger, das kommt aber daher, daß der vergangene Urlaub verhältnismäßig doch nur eine kurze Unterbrechung der gegenwärtigen Tätigkeit war.
Dein lieber Brief vom 27./28.10 kam heute in meine Hände. Recht herzlichen Dank wieder dafür, mein liebes Mädel. Ich kann mir vorstellen, daß sich die Kinder gefreut haben, als Du ihnen den Vorschlag machtest, mit dem Omnibus den Brief in die Stadt zu bringen. Ich begrüße es außerordentlich, wenn Du dich der Augen der Kinder besonders annimmst. Durch Deine Vorlesungen läßt sich das ja offenbar ganz gut machen. Mit der Reinigung des Küchenofens hast du es ja glücklich getroffen, nachdem es bei Euch jetzt langsam kalt geworden ist.
Ich grüße Euch alle, meine Lieben daheim und hoffe, daß Ihr allesamt gesund seid. Recht herzliche Küsse sende ich Dir, mein Schatz, und bitte Dich, unseren Stromern jedem einen Kuß zu übermitteln. Dein Ernst.


Mein liebes Mädel!                                                                     O.U., den 3.11.1940

 Deinen lieben Brief vom 29.10. habe ich gestern erhalten. Du teilst mir darin mit, daß auch an diesem Tage wieder ein Brief von mir ausgeblieben ist. Ich habe auch in der letzten Woche jeden Tag geschrieben, so daß hier wohl eine Verzögerung durch die Post vorliegen wird.
Ich erfahre aber weiter aus Deinem Brief, daß Du zwei meiner Päckchen erhalten hast. Es sind zwar nicht die, die ich zuerst abgesandt habe, doch hattest Du wenigstens einen Teil meiner Sendungen erhalten. Nochmals zu Deiner Unterrichtung, ich habe bis jetzt insgesamt 8 Päckchen an Dich abgesandt.
Das freut mich, daß Dir die Handschuhe gefallen und passen. Ebenso, daß Du die anderen Artikel auch gebrauchen kannst. Wahrscheinlich wirst Du inzwischen weitere Päckchen erhalten haben. Von der Schokolade werde ich sicher noch welche bekommen können. Du kannst Dir also ab und zu schon ein Stückchen genehmigen. Meine Handschuhe habe ich zur Uniform passend, grau, gekauft. Eine Schirmmütze werde ich mir sicher demnächst kaufen, wenn hier eine eigene Bekleidungsstelle aufgemacht wird.
Deine Frage bezüglich der Brandstelle kann ich Dir dahingehend beantworten, daß wir als Aufsicht für die Stadtbehörde bei Ereignissen dabei sein müssen, die sich innerhalb der Stadt ereignen. So auch da.
Nun sitze ich schon eine ganze Weile und höre dem Wunschkonzert zu und denke, daß auch Ihr daheim am Radio sitzt, so daß wir auch heute wieder im Geiste verbunden sind. Wahrscheinlich wirst Du das gleiche tun und auch schreiben. Es ist ja immer wieder so schön, wenn man sieht, wie auf diese Weise die Heimat an uns denkt.
Heute früh schon beim Hafenkonzert, wenn es dann heißt, wir grüßen alle Soldaten, die im Feindesland sind, so fühlt man sich doch auch mit eingeschlossen in die große Gemeinschaft derer, die durch die Umstände der Ereignisse nicht daheim sein können.
Gestern habe ich meinen Mantel bekommen, den ich mir bestellt hatte. Es ist wirklich etwas schönes und solides, mit dem werde ich aber angeben, wenn ich wieder heimkomme, meinst Du nicht auch? Er kostet 16,50 RM, ich glaubte erst, er würde teurer werden. Wegen den Mänteln für die Kinder hatte ich mich nochmals erkundigt, doch die Leute können jetzt nicht nach Paris, so daß es sich noch etwas hinauszögern wird. Doch sind mir diese Sachen fest zugesagt worden.
Eine hier bis jetzt nicht gekannte Erscheinung macht sich seit dieser Woche geltend. Als ich gestern zum Mittagessen wo anders war, stand hinter verschiedenen Gerichten "avec ticket"  (mit Marken). Ticket ist jetzt ein Wort, das jetzt die Bevölkerung bewegt. Seit dieser Woche sind hier Marken eingeführt worden.
Bei uns daheim ist dieser Zustand so langsam eine Lebensgewohnheit geworden. Hier hat es mich aber doch belustigt, wie so die verschiedenen Gäste ihre Marken raus zogen und herausschnitten, was sie verzehrt hatten. Vor Wochen hatte es noch keiner geglaubt, nun hat es sich doch durchgesetzt. Wir bekommen ja auch welche zugewiesen, wenn wir von der Verpflegung abgesetzt sind.
Das Wetter war bisher hier immer noch zum aushalten und ich war ganz verwundert, wie bei Euch immer Regen und Nebel herrscht. Doch heute hängen die Wolken ganz tief und jagen nur so vorbei, dazu regnet es, was nur herunter will. Da ist es nur gut, daß man eine Bude hat, in der man sich auch einmal aufhalten kann.
Wie ich schon vorher schrieb, ist es schön, wenn man einen Radioapparat hat und das übrige gestaltet man sich so angenehm, wie es sich hier ermöglichen läßt. Ich habe mir eben ein Gläschen Wein genehmigt und auch von den Äpfeln, die ich mir mitgenommen hatte, habe ich gegessen. Auch so geht die Zeit rum.
Heute früh hatte ich ja mein schon zur Tradition gewordenes Bad genommen. Ich finde es immer belustigend, wenn dann alle im Dampfraum sitzen, man kann dann nicht mehr unterscheiden, zu welcher Nation der einzelne gehört und jeder achtet auf den anderen. Ab und zu hört man einmal einen kräftigen bayrischen Spruch, doch auch sächsisch ist vertreten. Vor einem Jahr hätte man das doch kaum gedacht. Auch ich hätte mir vor einem Jahr nicht träumen lassen, als wir so am Radio saßen, daß ich heute in einem Haus in dieser Stadt Briefe an Dich schreibe. Wie schnell sich doch die Zeiten und die Verhältnisse ändern.
Ich möchte nun wieder zum Ende kommen und Euch allen meinen herzlichsten Sonntagsgruß senden.
Ich küsse Euch alle und Dich besonders herzlich Dein Ernst.