Mittwoch, 12. August 2015

Brief 45 vom 13./14.8.1940


Mein liebes Mädel!                                                                  O.U. den 13.8.1940

Für Deine beiden lieben Briefe vom 6. und 10.8. danke ich Dir vielmals. Aus Deinem ersten Brief habe ich von Dir das bestätigt gefunden, was mir Helga in ihrem Briefe geschrieben hat, daß Ihr nach der Mainau gegangen wart. Das war doch sicher ein  schöner Ausflug. Wo habt Ihr denn den französischen Rotwein her? Da brauchen wir uns nicht wundern, wenn „unser“ Wein nach Deutschland verschleppt wird, daß wir ihn hier langsam rationiert bekommen. Wenn er Euch nur zugesagt hat, dann will ich ja weiter nichts sagen.
Mit dem Kauf des Trainingsanzugs für Jörg gehen wir beide wieder durchaus einig. Wegen des unregelmäßigen Posteingangs haben wir uns ja schon wiederholt geschrieben, auch diese Frage ist für uns beide klar.
Ich kann Dir heute berichten, daß ich meinen dunklen Anzug anprobiert habe. Er gefällt mir sehr gut und soweit ich feststellen konnte, sitzt er auch richtig. Ich habe heute noch etwas daran bezahlt und ich glaube, daß er, trotz der wesentlichen Herabsetzung unserer Einkünfte, nach und nach doch noch mein Eigentum wird. Bei mir wird hier wahrscheinlich insoweit eine Änderung wieder eintreten, als ich mein bisheriges Zimmer aufgeben werde und mit einem Kameraden -Dr. Thomas, unser Sonderführer und Dolmetscher - ein Haus für uns mit Beschlag belegen. Wir haben uns dies heute angesehen. Es ist dies ein Haus, welches einem hiesigen Kaufmann gehörte, der geflüchtet ist und bis jetzt noch nicht zurückkehrte. Wir müssen verschiedenes herrichten lassen und alles muß erst gesäubert werden. Wenn alles soweit ist, werden wir dann einziehen und dann kann ich Dir über alles berichten. Vorerst werden wir in den nächsten Tagen damit Arbeit haben. Es ist gleich 24 Uhr und ich möchte für heute Schluß machen. Gute Nacht liebes Mädel und schlafe gut. Sei Du vielmals und herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Herzliche Grüße und Küsse den Kindern.


 Meine liebe Annie!                                                                  O.U., den 14.8. 1940

Post ist zwar heute keine von Dir eingegangen, doch ich will Dir trotzdem schreiben. Bin ich nicht großmütig? Es ist schon wieder 23 Uhr, doch ich möchte den Tag nicht abschließen, ohne wenigstens auch schriftlich Deiner gedacht zu haben. Wie Du schon merken wirst, ist es wieder spät am Tag, doch ich war wieder im Theater, wo ein rheinisches Volksstück gegeben wurde. Es war wieder lustig und unterhaltsam. Du kannst aber auch einmal sehen, was ich für die hohe Kunst übrig habe. Ich habe heute Abend nun wegen dem Theater auf das Abendbrot verzichtet. Glaube aber ja nicht, daß ich das freiwillig gemacht habe. Zwischen dem Dienstende und dem Anfang des Theaters war nur die Zeit zu kurz und nach Schluß der Vorstellung konnte ich in unserem Hotel auf meine Marken nichts mehr haben. Bei unserer jetzigen Löhnung kann ich mir vorerst ein Sonderessen nicht erlauben, so muß man denn für die Kunst Opfer bringen.
Ich habe mir in meiner Bude eine Büchse Ölsardinen aufgemacht, aus meiner Büchse habe ich nun einige Kekse, die ich mir neulich gekauft habe, geholt, hinterher noch einen Kognak aus der Flasche getrunken, die ich bei mir auf der Seite stehen habe. Nun bin ich zwar nicht gerade satt, aber ich habe etwas im Magen. Ja, ein Soldat muß schon etwas vertragen können.
In den nächsten Tagen schicke ich auf den Namen eines Kameraden noch einige Päckchen ab, nur damit Du Dich nicht wunderst. Wir haben heute Schokolade bekommen, bei der mußt Du erst sehen, ob Ihr sie so essen wollt oder ob Du sie zum Kochen verwenden willst, wenn ich sie Dir zuschicke.
Wenn Siegfried einmal hierher kommen sollte, so könnte ich ihn in unserem neuen Haus gut unterbringen. Das Haus hat zwei Stockwerke. Davon bewohnen wir das Erdgeschoß und den ersten Stock. Den zweiten Stock werden wir gar nicht benutzen. Ja, wenn Du das sehen würdest, könntest Du Dich wundern. Wer angibt hat mehr vom Leben, Wenn das alles aber ungenutzt dasteht, warum soll man das  nicht benutzen. Diese Einrichtungen entsprechen zwar nicht unserem Geschmack, doch darüber habe ich Dir früher in einem anderen Fall geschrieben, wie da die Franzosen sind. Über die Wohnung werde ich Dir ein andermal berichten.
Eins habe ich aber doch ganz vergessen gehabt. Ich erhielt ja heute nochmals Zeitungen und auch noch das Päckchen mit Jörgs Geschenk an mich von seinem Geburtstage. Sage ihm nur, ich danke ihm vielmals dafür und ich habe mich sehr gefreut, daß er so schön an mich gedacht hat.
Euch alle grüße und küsse ich herzlich und vielmals. Du selbst sei auch heute wieder besonders herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Gute Nacht.
Am anderen Morgen. Wenn Du meinen Wohnungsbericht liest so brauchst Du nicht gleich zu denken, daß ich nun die Absicht habe hier zu bleiben, denn mein Zuhause kann mir hier doch nicht ersetzt werden. Ernst.

Brief 44 vom 12.8.1940


Meine Liebe!                                                        O.U. , den 12. August 1940

Die letzten Tage hatte ich leider vergeblich auf einen Brief von Dir gewartet, doch heute bin ich dafür wieder reichlich entschädigt worden. Es trafen ein: Deine beiden Päckchen vom 3.August mit dem beigefügten Brief, Dann Deine Zeitungssendung mit dem beigefügten Brief vom 8. und die weiteren Briefe vom 7. und 9. Außerdem kam noch der Brief von Helga an, über alles habe ich mich herzlich gefreut. Ich bin es nun von unserer Post gewöhnt, daß sie ruckweise arbeitet. Man muß sich dann die Briefe der Reihenfolge nach vornehmen, dann geht auch wieder alles in Ordnung. Wenn dann einmal ein kürzerer Brief dabei ist, fällt das sowieso nicht so sehr auf.
Gefreut hat es mich, als Du den Wunsch geäußert hast, daß ich zu Deinem Kostüm eine Bluse kaufen soll. Dein Wunsch soll Dir erfüllt sein. Ich habe mich heute schon darnach umgesehen und schon vieles gesehen, was mir evtl. zusagen würde. Ob es dann Deinem Geschmack entspricht, mußt Du dann sehen. Ich weiß zwar nicht, wie die Röcke beschaffen sind im Farbton, doch ich denke, wenn ich eine Mittelfarbe wähle,  wird es schon klappen. Die Überraschung wirst Du dann ja erleben. Zudem bin ich ja nicht daheim, so brauche ich dann nicht Dein langes Gesicht sehen, wenn Du das Päckchen auspackst.
Weiter teilst Du mir in Deinem Schreiben mit, daß Du die Sachen anprobiert hast und daß alles paßt. So etwas freut mich, ist das nicht fein? Was du mir bezüglich Siegfried schreibst wegen der Schuhe, so kann ich Dir nur sagen, daß ich ja diesen Plan schon lange im Auge gehabt habe und zwar auch wegen der anderen Sachen. Das geht durchaus in Ordnung.
Was Du mich wegen der Düngung der Erdbeeren fragst, so kann ich Dir dies dahingehend beantworten, daß es nicht unbedingt erforderlich ist, vor dem Setzen zu düngen. Man kann dies vor Eintritt des Winters durch Abdecken mit Mist tun.
Über den Brief von Helga habe ich mich auch sehr gefreut, weil sie so ursprünglich schreibt und alles noch so kindlich. Ich werde ihr bald bei Gelegenheit wieder schreiben.
Ja der Eberhard hat es nun auch wieder geschafft. Diese Herrschaften fallen immer wieder die Treppe rauf. Ich kann ja schließlich auch nicht klagen und bin auch soweit zufrieden. Hoffentlich kommst Du mit Deinen Kohlen aus. Du hast doch noch Holz da, was Dir auch noch mithilft.
Jörgs Wunsch als Geburtstagsessen war ja wirklich bescheiden, aber das ist nun einmal seine Lieblingsspeise mit.
Ich habe hier einige Briefmarken beigefügt, die ich mir erstanden habe. Wenn Du Kuster siehst, kannst Du sie ihm ja einmal zeigen und ihn fragen, ob er für so etwas Interesse hat. Es gibt noch verschiedenes andere in französischen Marken. Ich habe dafür etwa 50 Pfg. bezahlt. Du kannst aber von ihm dann ohne Weiteres 80 Pfg. verlangen. Du weißt schon wie Du das anstellen mußt.
Außerdem habe ich Dir heute noch eine wichtige Mitteilung zu machen. Unsere Verpflegung, die wir bisher, außer dem Mittagsessens, immer frei einnehmen konnten und die wir auch immer selbst bezahlen mußten, hat eine Umänderung erfahren. Wir erhielten bis vor wenigen Tagen täglich 5.50 RM Verpflegungsgeld und außerdem noch unseren Wehrsold, der bei mir, wie ich Dir ja früher schon mitteilte, täglich 1,8o RM beträgt. Das ganze Verpflegungsgeld ist uns nun gestrichen worden und für alle Mahlzeiten werden uns Gutscheine gegeben, die dann die Wehrmacht wieder einlöst. Wir haben also mit dem Essen keine Sorge mehr. Bei dieser Gelegenheit ist uns aber auch die Sparbüchse zugemacht worden, die für uns immer ganz einträglich war, wenn man sparsam gelebt hat. Von dem ist nun alles nichts mehr.
Ich habe mir hier nun einen Anzug bauen lassen, an dem ich bei der jetzigen Dekade 25 RM zahlen wollte. Damit wird es nun Essig. Meine Schulden betragen dort noch 50 RM. Ich möchte dich nun bitten, daß Du mir mit in einem Brief eingeschlossen, meinetwegen in kleineren Beträgen zusammen 20 RM übersendest. Für den Rest kann ich dann ohne weiteres aufkommen. Ich glaube auch, daß ich Dich dann nicht weiter in Anspruch nehmen muß, weil ich wahrscheinlich mit meinem Gelde auskommen werde. Sei aber vorsichtig mit dem Umschlage. Ich bin nur froh, daß ich mich mit dem Kaufen nicht weiter übernommen habe, denn sonst wäre ich jetzt schön pleite.
Heute hätte ich sonst nichts weiter zu berichten. Ich grüße Euch alle wieder recht herzlich und sende Euch ebenfalls wieder viele Küsse, Du aber kommst wieder besonders dran und zwar sendet Dir alle noch einmal extra Dein Ernst.

Brief 43 vom 11.8.1940


Mein lieber Schatz!                                                                 O.U. , den 11.August 1940       

Heute kam Dein Brief vom 5. an, über den ich mich wieder sehr gefreut habe. Ich habe aus Deinem Brief ersehen, daß Du zwei Tage lang keine Post erhalten hast, ja ich muß Dir sagen, daß ich auch wieder seit dem 7. vergeblich auf Post gewartet habe. Bei der Feldpost muß man sich schon etwas mit Geduld wappnen und nicht gleich den Kopf verlieren. Du hast ja während dieser Tage immerhin Siegfried bei Dir gehabt, der Dir sicher auch für Abwechslung gesorgt hat. Ich glaube sicher, daß Ihr Euch viel zu erzählen hattet. Es tut mir leid, daß Du so unregelmäßig Post bekommst, doch ich kann es leider nicht ändern. Das war sicher sehr schön, als Ihr den Einmarsch unserer Soldaten mit erleben konntet, vor allem, wenn man sieht, wie die Soldaten und die anderen Menschen sich freuen. Wenn Ihr diesen Kämpfern den Einzug eindrucksvoll gestaltet habt, so wurde doch auf diese Art ein kleiner Teil des Dankes damit abgetragen. Siegfried wird sich sicher auch dabei mit gefreut haben.
Ich begrüße es durchaus, wenn Du mit Siegfried ins Kino und hinterher ins Kaffee gegangen bist und ich bin ihm auch in keiner Weise darüber böse, wie er mir schreibt. Im Gegenteil, so kommst Du doch wenigstens wieder einmal unter andere Menschen und auch einmal aus dem Alltag heraus. Wenn es Dir dann noch gefallen hat, so ist doch dann allen Teilen gegenüber in Ordnung.
Daß Vater sich sogar wieder mit einem Gruß beteiligt hat, freut mich außerordentlich und ich glaube, daß ich dies ziemlich hoch einschätzen muß, nachdem er bisher so wenig geschrieben hat. Ich werde ihm heute noch zu seinem Geburtstag schreiben. Angeschlossen erhältst Du noch einige Durchschläge von Karten, die ich an die verschiedenen Leute heute geschrieben habe die schon seit längerer Zeit fällig gewesen sind. Weiterhin habe ich noch einige Postkarten beigefügt, die vielleicht bis zu einem gewissen Grade Dein Interesse erwecken werden.
Wir waren gestern mit den beiden Wagen unserer Dienststelle sozusagen auf Betriebsausflug. Unser Chef hat uns Gelegenheit gegeben, die Vimy- und die Lorettohöhe zu besuchen. Wir waren dann anschließend in Arras, weil sich dies ganz gut einrichten ließ. Ich weiß jetzt nicht genau, was Du für Karten daheim hast, doch ich kann Dir dies ja später noch einmal zeigen. Es sind dies alles Kampfgebiete aus dem Weltkrieg.
Wir haben auf dieser Fahrt zuerst die Vimyhöhe besucht. Es ist dies eine Kampfstellung der Kanadier und der Deutschen. Man konnte da noch sehen, wie sich die Stellungen gegenüber gelegen sind. Außerdem Granattrichter, in die man bequem zweistöckige Häuser hineinstellen konnte. Außerdem die gut ausgebauten Stellungen der Kanadier, die besonders gut erhalten sind. Weniger Wert hat man auf die Erhaltung der deutschen Stellungen gelegt. Es ist aber interessant, wenn man auf diesem Höhenzug steht, warum man soviel Wert auf den Besitz dieser Stellung gelegt hat. Wenn Du mein Briefmarkenalbum- Frankreich - aufschlägst, so findest Du u.a. eine große Briefmarke in Querformat, die das Kanadierdenkmal darstellt. Dort waren wir auch. Es ist dem Gedächtnis der gefallenen Kanadier gewidmet, die im Weltkrieg ihr Leben für die Interessen der sogenannten Alliierten Mächte gelassen haben.
Es ist alles außerordentlich eindrucksvoll, wenn man dabei übersieht, daß die „Fremdenindustrie“ auch noch ein Wort zu sagen hat. Diese Kanadier sind nicht alle an diesem Einsatz gefallen, sondern an den verschiedenen Orten, während des ganzen Krieges.
Wir sind dann weiter gefahren zur Lorettohöhe, wo wir auch eine Zeit verweilt haben. Dieser Name wird Dir ja auch nicht so unbekannt sein. Auf dieser Höhe sind etwa 40 000 Franzosen beerdigt, die bei diesem Einsatz ebenfalls ihr Leben gelassen haben. Wie Du aus der beigefügten Postkarte ersiehst, ist alles sehr geschmacklos. Dies alles entspricht in keiner Weise unserer deutschen Auffassung. Hier ist auch ein Gebeinhaus, in dem die Gebeine von gefallenen Soldaten gesammelt sind, die man nicht mehr feststellen konnte. Alles nach französischem Geschmack.
Von der Lorettohöhe sind wir dann nach Arras gefahren. diese Stadt ist ja sehr bekannt geworden im Weltkriege. Dies war auch gewissermaßen das Endziel unserer Reise. Was sonst die Bauten anbelangt, so kann man sagen, daß gewisse deutsche Einflüsse, die sich in der Bauweise ausdrücken, nicht ganz zu verleugnen sind. Du weißt ja, daß ich auch bei uns ein großer Kirchenbesucher bin, soweit dies in kulturgeschichtlicher Weise damit in Zusammenhang zu bringen ist. Hier haben wir eine Kirche sehen können, die in ihrer, soweit ich dies beurteilen kann, Stilechtheit, ganz einzigartig wirkt. Auch der Marktplatz macht einen ganz interessanten Eindruck, der durch den Rathausbau noch vervollständigt wird. Der ganze Marktplatz ist wie Du ja auch auf der beigefügten Karte etwas sehen kannst, von Häusern eingefaßt,  die unten alle so eine Art Arkaden haben. Der Bau selbst ist so eine Mischung  von Renaissance und Barock und wirkt sehr anmutig auf den Beschauer. Wir als Beamte der Wehrmacht haben uns auch im Rathaus selbst umgesehen und waren, abgesehen von kleinen Verirrungen, die später dort vorgenommen wurden, ganz entzückt.
Auf unserer Fahrt von der Lorettohöhe nach Arras haben wir dann einen deutschen Soldatenfriedhof berührt. Dort waren 42ooo deutsche Soldaten beerdigt, die im Kampfe um diese Gegend ihr Leben lassen mußten. Man konnte hier feststellen, daß der französische Staat nicht sehr viel übrig gehabt hat für die Erhaltung dieser doch für deutsche Begriffe großen Weihestätte. Erst, wie ich hörte, durch das Eingreifen der jetzigen deutschen Behörden, ist dieser Friedhof, wie so viele andere auch, erst wieder in Ordnung gebracht worden. Wenn man diese Masse von Kreuzen sieht, so ist man direkt überwältigt, obwohl doch alles sehr schlicht und einfach ist. Interessant ist hierbei noch, daß dieses Gelände im jetzigen Krieg z.T. wieder Kampfgelände gewesen ist. Wir konnten viele Tanks sehen, die im Einsatz gegen unsere deutschen Truppen kampfunfähig geworden sind. In den unmöglichsten Stellungen lagen sie am Straßenrand, im Straßengraben oder direkt im Felde. Sie tun uns nichts mehr. Für einen Einsatz sind sie nicht verwendungsfähig. Als Altmaterial kann man sie noch gebrauchen, doch dazu haben wir ja jetzt keine Zeit. Ja man wird direkt stolz, wenn man so sieht, wie die Kästen so verwendungsunfähig daliegen und wenn man sich dabei in die Lage versetzt, was diese Dinger doch in gebrauchsfähigen Zustande anrichten können.
Heute früh habe ich wieder mein Bad genommen. Am Mittag war ich wie üblich zum Essen und jetzt schreibe ich noch meine Post fertig, um noch später evtl. ins Kino zu gehen. So habe ich auch diesen Sonntag wieder herumgebracht.
Um eins bin ich froh, daß ich endlich die Post erledigt habe, die mir schon lange auf der Seele liegt. Ich kann es nicht gerne sehen, wenn mir jemand schreibt und ich gebe ihm so lange keine Antwort. Heute ist es nun soweit gekommen, daß ich dies endlich erledigt habe.
Die Karten hebe doch bitte auf, vielleicht kann ich sie Herrn Wolf, bei uns im Amte geben, weil der doch bei der Lorettohöhe verwundet worden ist. Wenn Du vielleicht nach dem Gesetz fragst, kannst Du ihm einen schönen Gruß von mir sagen und ihm die Karten dabei mit übergeben. Wenn du willst, kannst Du sie auch behalten.
Für diesmal sende ich Dir, sowie auch den Kindern die herzlichsten Grüße und Küsse, Du aber sollst sie wieder besonders erhalten von Deinem Ernst.

Sonntag, 9. August 2015

Brief 42 vom 8./9.8.1940


Mein liebes Mädel!                                                                  O.U., den 8.8.1940

Nachdem ich zwar gestern etwas verwöhnt worden bin durch den Empfang von zwei Briefen von Dir und je einem von Deinen Eltern und Nanni, bin ich heute etwas stiefmütterlich bedacht worden, denn es kam heute gar nichts an.
Sagen wir mit den Franzosen „c`est la guerre“ = „das ist der Krieg“. Im Kriege muß man immer damit rechnen, daß man einige Tage ohne Post bleibt, obwohl schließlich jeden Tag geschrieben wird. Doch deswegen muß man, Du wie ich, den Kopf trotzdem hochhalten.
Du hattest ja Siegfried einige Tage bei Dir. Ich denke, daß Dir dies, nachdem ich nun nicht bei Dir sein kann, eine willkommene Abwechslung war. Ihr habt Euch ja sicherlich über vieles unterhalten können. So hat er Dir auf diese Art auch wieder über einige Tage hinweghelfen können. Es ist mir eine aufrichtige Freude, daß Du in der Zeit unserer Trennung einmal Deinen Bruder bei Dir haben konntest. Den Abschied wirst Du wohl nun auch wieder empfunden haben. Doch, ich habe es ja schon früher einmal geschrieben, in der jetzigen Zeit kommt nach der Freude des Empfanges immer wieder die harte Trennung. Doch gerade da zeigt sich die Bewährung und die ganze Größe des Menschen, wenn er mit Zuversicht sein Schicksal trägt. Ich bin nur froh, daß Du noch die Kinder bei Dir hast, denn die zwei sorgen Dir schon für Abwechslung.
Ich war heute nach Dienstschluß etwa 7 Uhr ins Theater gegangen, anschließend war ich noch zum Essen. Nun, wo ich wieder  in meiner Bude angelangt bin - es ist inzwischen 23 Uhr- habe ich noch den Brief losgelegt, damit Du immer Deine Nachricht hast. Ich glaube, der Briefträger kennt Dich langsam. Es war heute wieder so ein buntes Kabarett-Programm, das sehr schön war.
Unser Chef hat uns für Samstag versprochen, den Wagen zur Verfügung zu stellen und nach der Loretto- sowie zur Vimyhöhe fahren zu lassen. Es sind dies Teile der Schlachtfelder bei Arras. Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich so die Gelegenheit hätte, diese Kampfgebiete einmal zu besuchen.
Meinem gestrigen Brief habe ich noch einen Kragen für Dich beilgelegt. Ich glaube, daß er Dir vielleicht zusagen wird. Ich bin um alles froh, was ich Dir senden kann und vor allem, wenn ich weiß, daß es bei Dir gut angekommen ist.
Manche Franzosen wollen aus der weiterhin entstehenden Lage schon jetzt ein Geschäft machen. Bis vor einigen Tagen wurden hier nun deutsch-französische Wörterbücher verkauft, gestern kamen schon deutsch-englische in den Handel.
Zeichen der Zeit. Schicke mir doch bei Gelegenheit wieder einmal ein Päckchen Rasierklingen und wenn wieder Messe ist, kannst Du evtl. noch einige kaufen, denn diese Sachen sind hier ausverkauft.
So liebes Mädel, nun bin ich wieder am Ende der Seite angelangt. Sei wiederum vielmals und recht herzlich gegrüßt und geküßt, küsse unsere beiden Rangen von mir und denke Du an Deinen Ernst.
Die Flugzeuge, die gestern englische Schiffe angegriffen haben, habe ich hier fliegen sehen. Die machen schon einen großartigen Eindruck


Mein liebes Mädel!                                                                  O.U., den 9. August 1940

Ich habe Deine letzten Briefe noch einmal durchgelesen und kann nichts finden, was ich Dir noch beantworten soll. Ich habe zwar heute keine Post von Dir erhalten, doch ich hätte durchaus Verständnis, wenn Du zum Besuch Deines Bruders, nachdem er ja doch nur einige Tage dableiben kann, nichts geschrieben hast. Ich glaube aber eher, daß die Post wieder daran schuld ist. Ich habe mich jedenfalls mit Dir gefreut, als ich aus Deinem und der Eltern Brief lesen konnte, daß Siegfried so plötzlich zu Dir gereist ist. Hoffentlich waren die Tage auch so, daß Ihr habt etwas unternehmen können.
Heute habe ich auch von Kurt einen Brief erhalten. Er hatte seinem Schreiben ein Bild beigefügt, was mir wirklich sehr zusagt. Das ist einmal eines der wenigen Bilder, wo er getroffen ist. Ich habe es meiner Mappe mit einverleibt. Er schreibt, wie er Dir ja auch mitgeteilt hat, daß ich vorerst nicht antworten soll. Wahrscheinlich kommt er dort fort.
Aus Deinen letzten Schreiben habe ich ja auch entnommen, daß Gerhard in Freiberg sei und wahrscheinlich auf Urlaub fahren würde. Der wird sicher auch froh sein, wieder einmal nach Hause zu können. Außerdem sollen, wie Du auch mitteilst, meine ersten Kameraden in Polen gewesen sein und nun wieder nach Göding zurückgekommen sein. Ja da sieht man erst einmal, wie alles im Fluß ist.
Wir haben seit einiger Zeit hier einmal richtig beständiges Wetter. Ich habe erst, wie die meisten hier, auch nicht glauben wollen, doch es ist so. Er ist zwar richtiges Fliegerwetter, wie es gestern z.B. gewesen ist. Wir konnten hier sehen, wie hier Flugzeuge aufgestiegen sind, um gegen England zu fahren. Wir hatten uns gleich gedacht, daß da irgendetwas los sein muß. Tatsächlich, heute früh, sagten mir einige Kameraden, daß gestern Abend noch eine Sondermeldung über den Angriff von Schiffen durchgekommen sei. Es ist dann außerordentlich interessant, wenn man diese Flieger hier sehen konnte. Es ist ja durchaus möglich, daß dies nur ein Teil war. Es soll ja auch ganz gleich sein, der Enderfolg ist doch immer wieder ausschlaggebend.
Ich schrieb Dir doch vor einigen  Tagen, daß ich einer anderen Abteilung zugewiesen worden bin. Hier bin ich augenblicklich daran, die Franzosen ein bißchen zu ärgern. Wir haben die letzten zwei Tage innerhalb je 1/2 Stunde sechs Wagen beschlagnahmt, die keine Genehmigung hatten, daß sie mit diesen Wagen fahren durften. Diese Erlaubnis ist etwa das, was bei uns der rote Winkel bedeutet. Die Gesellschaft ist hier noch viel mehr an das Auto gewöhnt wie wir schließlich und kann sich einfach nicht reinfinden, daß sie ihre Autos gegenwärtig nicht benutzen darf. Wir haben hierbei nur Stichproben gemacht. Man könnte, wenn man einen richtigen Apparat einsetzen würde und wenn man einmal aufräumen wollte, so etwa 60 - 80 Autos beschlagnahmen.
Mit dem plumpsten Ausreden kommen sie dann an und denken, die Deutschen glauben´s ja. Bei uns haben sie sich aber fest getäuscht. Ich stehe hier auf dem Standpunkt, daß wir daheim auch nur wenige Autos fahren lassen, so muß sich der Franzose erst recht etwas einschränken. Ja auf diese Art und Weise kann man der bestgehaßteste Mensch werden. Doch das macht mir ja nichts, denn das bin ich schon von früher gewöhnt. Das war einmal ein kleiner Ausschnitt aus dem Dienst.
Morgen will ich einmal zusehen, wie mein Anzug geworden ist. Ich habe noch einiges daran zu bezahlen, doch das eilt mir nicht, denn ich kann ja doch noch nicht in den nächsten Tagen von hier fort. Morgen will ich noch etwas hinbringen, damit einmal der größte Teil bezahlt ist, der Rest wird dann beim nächsten Zahltag beglichen. So hat man immer etwas zu erledigen und wie schnell gehen immer die Tage vorbei. Man merkt dies am besten, wie schnell wieder Zahltag ist. Doch so lange man sein Essen hat und hier auch noch sein Geld, dann kann man das Leben, abgesehen von der Trennung von der Familie, noch einigermaßen ertragen. Doch es ist ja schließlich so, daß dies durch Geld in keiner Weise aufgewogen werden kann. Wir müssen es ertragen und stramm stehen, damit wir nicht nachgeben müssen.
Hast Du eigentlich  für die gesandten Kragen Verwendung, oder soll ich das bleiben lassen.
Letzthin schrieb ich Dir ja, ob Du irgendwelche Wünsche hast, wenn ja, so teile sie mir doch umgehend mit. Zusehen will ich, daß ich noch eine Kombination für Dich bekomme. Ich glaube, dann hast Du vorerst wieder einige Sachen da und das hilft Dir auch ein Weilchen weiter. Von meinen weiteren Einkäufen und Sendungen werde ich Dir dann wieder berichten. Die gesandte Seife kannst Du getrost verbrauchen, denn ich habe hier noch welche liegen, die ich dann bei passender Gelegenheit mit zusenden werde.
Ich habe heute wieder ein Teil geschrieben und möchte nun Schluß machen. Sei Du samt den Kindern recht vielmals und herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
Ich hatte noch ganz vergessen, mich für die mitgesandten Blumen zu bedanken. Man freut sich immer wieder, wenn man einen Gruß so übermittelt bekommt.

Donnerstag, 6. August 2015

Brief 41 vom 6./7.8.1940


Meine Liebe!                                                                       O.U., den 6.8.40

Das war wieder ein Tag, wo ich viel von Dir erhalten habe. So gingen von Dir ein Deine beiden Briefe vom 31.7. und 1.8. Außerdem kam noch Dein Brief mit der Zeitung vom 20.7. an. Über die beiden letzten Briefe habe ich mich sehr gefreut, dagegen hatte ich mich über den Brief vom 31.7. ein bißchen gefuchst.
Du schreibst darin, daß Du wohl meine beiden Päckchen erhalten hast, doch könntest Du Dich darüber nicht recht freuen, weil Du seit zwei Tagen keine Post von mir erhalten hast. Du mußt nicht immer gleich den Kopf hängen lassen. Siehe, die zwei Päckchen waren doch schließlich auch ein Gruß von mir. Wenn Du dabei bedenkst, mit welcher Sorgfalt und Liebe ich diese Sachen für Dich eingekauft habe, so kannst du dies ohnehin als Gruß betrachten. Glaube mir, ich warte auch manchen Tag und muß auf Post warten. Die Leute arbeiten für alle Soldaten. Wenn dann einmal ein Brief liegen bleibt, muß man nicht gleich denken, daß der andere krank ist. Ich weiß wohl, daß aus Deinen Zeilen die Sorge um mich spricht, doch ich bin und fühle mich soweit gesund. Wenn wirklich etwas Ernstliches eintreten sollte, so würde ich Dir umgehend Nachricht zukommen lassen, evtl. durch Telegramm. Für heute habe ich Dir aber einmal gründlich den Kopf gewaschen, doch ich denke, daß Du es richtig auffassen wirst und nun auch nicht übel nimmst.
Für Deine anderen und vielseitigen Ausführungen danke ich Dir wieder recht herzlich. Helga braucht sich keine Gedanken machen, wenn sie nicht gleich schreibt, sie soll nur die schönen Tage nutzen. Wenn sich Jörg auch über seinen Brief gefreut hat, so ist ja der Zweck erreicht. Er soll ja auch merken, daß sein Vater an ihn denkt. Das mit den Äpfeln sieht ihm wieder ganz ähnlich. Wenn er Freude an den Blumen hat, so ist das ja erfreulich. Daß sich die Blumen - fleißiges Lieschen- so gut entwickelt haben, freut mich, denn nun hast Du doch auch noch andere Blumen wie Kakteen da. Mit den Bohnen stimmt es schon, daß die nicht so viel Wind vertragen. Wieviel Stangenbohnen wir letztes Jahr hatte, kann ich Dir leider nicht sagen, denn ich kann mich tatsächlich nicht entsinnen.
Heute wird mein Schreiben etwas kurz, doch nimm mir meinen Ton, den ich heute vielleicht angeschlagen habe, nicht übel. Seid Ihr alle recht herzlich gegrüßt und geküßt, bleibt gesund und schreibe weiter so fleißig an Deinen Ernst.


Mein lieber Schatz!                                                                 O. U., den 7.8.40

Das war dann doch eine Überraschung, wie überhaupt ein ereignisreicher Tag. Heute bekomme ich einen Brief von Dir, den vom 4.8., außerdem je einen von Nanni und Deinen Eltern.
Ich habe nun heute nach Dienstschluß vier Päckchen an Euch fertig gemacht und bin dann 1/2 9 Uhr zum Essen gegangen. Jetzt um 10 Uhr fange ich noch bei mir in meiner Klause den Brief an Dich an, damit Du nicht zu kurz kommst. Ich war freudig überrascht, als ich aus Deinem Brief sowie aus dem der Eltern lesen konnte, daß Du so plötzlichen und unerwarteten Besuch bekommen hast. Ich glaube, wenn  ich es auch nicht gewesen bin, Du hast Dich trotzdem gefreut, einen von uns drei Soldaten bei Dir gehabt zu haben. Ja, Siegfried wird es bei Dir auch gefallen haben, denn jetzt, wo ich diesen Brief schreibe, ist er ja schon wieder unterwegs nach seinem Dienstort. Ich wäre auch froh, so plötzlich allerdings etwas längere Zeit bei Euch eintreffen zu können. Da dies nun leider nicht möglich ist, muß ich Dir immer wieder einen materiellen Gruß senden, damit Du siehst, daß ich nicht nur Briefe schreibe, sondern auch sonst an Euch denke.
Der Inhalt der Pakete verteilt sich wie folgt: 1. Schal für Dich; 2.Paket: Stoff für Helga oder wie Du ihn sonst verwerten kannst, Zigarren für Vaters Geburtstag(holländische) 3.Paket: Kaffee + Kakao; 4.Paket Kaffee. - Wahrscheinlich wird das einzelne Paket das ich am 31. an Dich abgesandt habe, bei Dir eingegangen sein. Bestätige mir bitte wieder jeweils den Eingang.
Seit gestern bin ich wieder in einer anderen Abteilung und zwar dem Auto-Zulassungs- und Fahrbereitschaftwesen zugeteilt. Ich muß mich da wieder einarbeiten, doch in einigen Tagen ist auch das bei mir wieder in Ordnung. Vor einigen Tagen habe ich hier gehört, daß ich mit noch zwei weiteren Kollegen zum Wehrmachtsbeamten ernannt werden soll. Die Unterlagen sind nach Brüssel gesandt worden. Nun muß ich einmal abwarten, was da dahinter steckt. Wenn es Dir möglich ist, so besorge mir doch bitte das Gesetz über die Wehrmachtsbeamten, es ist irgendwann einmal im Reichsgesetzblatt erschienen und kann jeweils im Nachweis über Reichsgesetzblätter vom Kohlhammerverlag nachgeschlagen werden. Vielleicht gehst Du einmal auf´s Amt und kannst denen irgendeinen Schmus erzählen, bloß nichts von mir. Ich überlasse dies also ganz und gar Deinem Geschick und Deinem Geschmack. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dich noch darum bitten, mir einige (3-4) schöne Postkarten von Konstanz zu übersenden, damit ich auch noch etwas von Euch da habe, denn die will ich mir hier aufmachen. Den Brief vom 2.8. habe ich ja auch noch heute erhalten, in dem die Durchschläge von den vielen Schreiben enthalten waren. Das war aber wieder eine Leistung von Dir.
Ich grüße Euch alle recht herzlich, Euch drei sende ich außerdem noch viele Küsse von denen Du wieder zusätzlich und besonders welche erhältst von Deinem Ernst.

Brief 40 vom 5.8.1940


Mein liebes Mädel!                                                                  O.U., den 5.8.40             

Deinen lieben Brief vom 29./30.7. habe ich heute erhalten. Ich danke Dir wieder bestens dafür. Ich muß übrigens Dir wieder feststellen, daß Du Dich im Briefeschreiben sehr gut eingearbeitet hast. Die Briefe, die Du so als Durchschlag an mich mit gesandt hast, sind so gut geschrieben, daß man gerade seine Freude daran hat. Die Briefe, die Du mir sendest sind immer so persönlich gehalten, wie wir auch früher immer zueinander waren. Dieses Kompliment mußte ich Dir heute einmal zum Voraus machen, weil dies einmal an der Zeit war. Ich weiß ja, daß Du aus diesem Lob nicht mehr machst, als es ist.
Daß Du Dich über die Kakteen hergemacht hst, ist ja alle Achtung wert. Bei mir hat das jahrelang gedauert und zuletzt ist doch nichts daraus geworden. Hast Du Dir die Finger nicht dabei tüchtig zerstochen? Ich werde hier zwar auch zerstochen, aber meist nachts durch die Schnaken. Ja, die sind sehr unangenehm, vor allem, wenn  sie so kurz vor dem Einschlafen am Gesicht herumschwirren. Da kann man bald singen „Glühwürmchen schimmere“, um besser zuschlagen zu können. Meistens muß ich mir ein Taschentuch über das Gesicht legen, damit ich nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen werde.
Der Geburtstag unseres Jungen ist ja nun auch wieder vorüber. Da wird er aber sich gestern als Held des Tages gefühlt haben. Ich war gestern hier im Kino. Da wurde in der Wochenschau gezeigt, wie Frauen und Kinder unsere Soldaten empfangen haben. Ich hätte gar nicht gedacht, daß mich diese Bilder so weich stimmen würden. Ich habe diese Leute auf der Leinwand fast nicht mehr ansehen können, so fest habe ich dabei an Euch alle daheim denken müssen. Hervorgerufen wurde dies in ganz besonderem Maße, weil ich gerade an so einem Tag des Familienfestes nicht bei Euch sein konnte. Ich habe diese momentane Schwäche wieder überstanden und habe mich wieder in den Alltag eingelebt. Ich schreibe Dir dies vor allem deshalb mit, damit Du siehst, daß ich nicht so unempfindlich bin gegen derartige Einflüsse, wie es meistens scheinen mag.
Heute Nachmittag traf nun Dein liebes Päckchen mit dem Brief vom 28./29.7. bei mir ein. Eine Gelegenheit zur Widerrede, daß Du mir die Parlinen nicht schicken sollst, hast Du mir ja nicht gelassen. Ich muß sie also hinnehmen. Ich danke Dir herzlich dafür und freue mich trotzdem darüber, wenn Du auch, wie in diesem Falle, gegen meinen Willen gehandelt hast. Ich habe sie probiert und bin nun ganz wieder versöhnt, man kann sie essen. Du mußt nun zwar nicht meinen, mein Gaumen sei hier derart verwöhnt worden. Dem ist wirklich nicht so, aber ich muß doch von vornherein meinen männlichen Standpunkt vertreten, damit Du nicht meinst, es ginge immer so ab.
Auch Deine Gartenschilderungen haben mich wieder sehr interessiert. Vor allem die Geschichte mit den Engerlingen unter den Erdbeeren. Ich glaube gerne, daß Du damit eine große Freude gehabt hast. Wenn wir nun wieder beim Garten sind. Ich möchte Dir immer und immer wieder ans Herz legen, schone Dich und nimm Dir nicht zuviel vor. Ich möchte nicht haben, daß Du Dich dabei überanstrengst und wenn ich tatsächlich einmal heimkommen sollte, liegst Du mir dann krank da. Habe also Verständnis für diese Einwände und laß lieber etwas liegen, ehe Du vielleicht durch einen künstlich übersteigerten Ehrgeiz mir auf die Nase fällst. Verstehe mich in dieser Hinsicht richtig und halte und handle auch entsprechend.
Ich habe gleich mit der Maschine weitergeschrieben, damit ich Dir mehr mitteilen kann, weil es dann viel schneller geht. Außerdem haben wir Feierabend, denn während der Dienstzeit ist nicht erwünscht, daß man seine Privatpost erledigt. Ich habe darum einen Teil so zwischendrin geschrieben. Es ist dies der Teil, den ich mit der Hand geschrieben habe.
Daß sich Helga über meinen Brief gefreut hat, habe ich aus Deinem Brief gelesen. Ich warte nun, was sie mir darauf schreibt. Wie findet sie sich denn mit den vielen Ferien ab? Hoffentlich bekommt sie keine Langeweile. Ich glaube aber, daß ihr die Tage schon vergehen werden. Jörg wird wohl nicht viel Zeit für sie haben, aber doch immer ganz froh sein, ab und zu einmal auf sie zurückgreifen zu können. Ebenso wird es ja mit Helga sein. Ich kenne meine Pappenheimer.
Für morgen bin ich in die Familie eines unserer Dolmetscher eingeladen. Es ist der Schweizer, von dem ich Dir früher schon einmal berichtete. Ich werde ja sehen, wie sich die Leute anlassen. Er hat mich schon wiederholt darum gebeten. Nun kann ich mich gar nicht mehr herausreden und muß dieser Einladung folgen.
Die Einladungen von Resi erscheinen mir immer sehr zweifelhaft. Im Übrigen hat sie schließlich genau so viel Zeit wie Du. Wenn ihr viel an der Freundschaft mit Dir liegt, kann sie ja, wenn sie sowieso vorbeifährt, auf einen Sprung zu Dir reinkommen. Der Haken liegt aber wo anders. Doch darüber  brauche ich Dir ja nicht zu schreiben.
Wenn Du einen Pullover strickst, so möchte ich Dir ebenfalls anraten, Dich dabei nicht anzustrengen, denn Du hast doch gleich nach dieser Strickerei wieder Beschwerden. Wenn wir gerade bei der Wolle sind. Hier gibt es noch Wolle. Soll ich welche kaufen und was für eine Farbe und zu welchem Zwecke. Gib mir darüber bald Antwort.
Sonst kann ich heute nicht mehr berichten. Außerdem ist es bereits 3/4 10 Uhr, so daß ich mich hier auf dem Büro langsam aus dem Staub machen muß. Seid Ihr alle meine Lieben herzlich gegrüßt und geküßt Du nimm aber wieder besondere Grüße und Küsse entgegen von Deinem  Ernst

Brief 39 vom 4.8.1940


Meine liebe Frau!                                                                       O.U., den 4. August 1940

Heute ist nun der Geburtstag unseres Jungen. Ich gedenke an diesem Tage ganz besonders meiner Lieben daheim. An diesem Tag habe ich wieder Sonntagsdienst, so daß ich mich gleich ans Schreiben mache, um so meine Gedanken, die ich Euch widme, los zu werden.
Gestern habe ich Dein liebes Päckchen vom 24.7. erhalten, worin die Hosenträger und das Stückchen Schokolade war. Dein Brief, der diesem Päckchen beigefügt war,  hat wieder eine ausführliche Schilderung über den Garten enthalten, der mich ebenfalls sehr gefreut hat. Ich sehe immer wieder daraus, mit wie viel Liebe Du die Gartenarbeit versiehst und mir von dem Ergebnis Deiner Mühe mitteilst. Bis jetzt war ja Deine Liebe und Mühe, wie ich aus Deinen Schreiben entnommen habe, immer reichlich belohnt worden. Ich habe es Dir ja schon letzthin geschrieben, wie segensreich einem diese Arbeit erscheint, wenn man als Ergebnis seines Bemühens die reife Frucht in der Hand hält. Ich weiß ja auch, daß Du letzten Endes Dir diese ganze Mühe nicht allein wegen Dir sondern mir zu Gefallen tust, damit ich meine Freude daran habe. Ich habe mich aber auch jedes Mal darüber gefreut, wenn Du mir von Deinen Erfolgen berichtetest. Günstig ist nun bei dieser ganzen Sache, daß noch ein materieller Nutzen dabei heraus kommt. Das wird Dir sicher auch die Kasse Deines Haushaltes wieder entlasten. Nun zu dem Geburtstag unseres Jungen. Ich will hoffen, daß Ihr meinen Brief bis zu diesem Tag erhalten habt. Ich hätte ihm gerne etwas geschickt, aber es ist ja nicht so leicht, was Passendes zu finden und vor allem wird dadurch mein Kontingent an Päckchen wieder geschmälert. Weiterhin ist es so, daß das Spielzeug hier gar nichts wert ist. Warum soll ich deshalb so unnütze Sachen schicken. Vor einigen Tagen habe ich ja auch für ihn ein Paar Söckle mitgeschickt. Ob sie ihm schon passen, kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Gib sie ihm bitte mit. Das weitere Paar  ist für Helga bestimmt, ich nehme an, daß sie ihr nicht zu klein sind. Ich habe aber auch an sie gedacht. Ich werde in diesen Tagen den Stoff für ein Kleid für sie wegschicken. Über die anderen Pakete später. Was werde Ihr wohl heute an dem Geburtstag von Jörg unternehmen. Wenn einem auch sonst die Gedanken kommen, an solchen Tagen treten sie immer stärker auf und man möchte gerne dabei sein, wie Ihr alle beieinander seid. Doch unter den gegenwärtigen Umständen ist dies ja leider nicht möglich. Ich will nur hoffen, daß wir bei den nächsten Geburtstagen wieder beieinander sind. Ich glaube aber dass die Zeit fast zu kurz wird. Wir müssen uns eben auf das Warten verlegen Wie auch das Schicksal in diesem Falle entscheidet, wir wollen es starken Herzens hinnehmen und uns gegenseitig weiter vertrauen.
Uns sind gestern wieder einige Sachen gegen Bezahlung ausgeliefert worden, die ich Euch in den nächsten Tagen mit zugehen lassen werde. So werde ich etwa 1 Pfund Bohnenkaffee absenden, den ich bitte, mit zu verbrauchen, weil ich hier auch jeden Tag welchen habe. Ich bekomme wahrscheinlich noch mehr. Außerdem habe ich 1 Pfd. Kakao erhalten, den ich auch mitsenden werde. Weiterhin haben wir 10 Stück Toilettenseife erhalten. Ich werde von dieser dem Stoff, den ich auch mit abschicken werde, beifügen. Gestern habe ich noch für Dich einen Unterrock und ein Paar Höschen gekauft. Ich werde wohl kaum vor nächsten Monat dazu kommen, Dir diese Sachen mit zugehen zu lassen. Du siehst aber, daß ich immer wieder mit an Dich denke. In den beiden Stoffpäckchen habe ich Stoff für ein Kleid für Dich und Stoff für ein Kleid für Helga. Du wirst ja sehen, wie Du mit dem Stoff auskommst. Ich kann dies nicht beurteilen und ich mußte mich auf die Angaben verlassen, die ich hier erhielt. Ich würde mich freuen, wenn Dir alles gefallen würde. Du wirst mir ja dann schreiben, wenn Du die Sachen bekommen hast.
Die letzten zwei Päckchen hast Du wahrscheinlich schon erhalten. Deine Antwort steht zwar noch aus, ich glaube aber, daß sie die Post bereits zur Beförderung hat.
Wir haben seit etwa vier Tagen ausnahmsweise schönes Wetter. Es hat nicht einmal während dieser Zeit geregnet. Man muß zwar berücksichtigen, daß wir jetzt eigentlich bei uns in Deutschland mitten in der Erntezeit stehen und meist auch um diese Zeit  mit schönem Wetter rechnen. Hier ist das im Allgemeinen zwar etwas anders, doch seit einigen Tagen war es hier beständig. Wenn man so den ganzen Tag im Bau sitzt, hat man zwar auch nicht viel vom schönen Wetter, doch es kommt gleich in der Stimmung zum Ausdruck, wenn es nicht jeden Tag regnet.
Wie sind eigentlich die Äpfel geworden, sind noch viel auf dem Baum und werden sie eigentlich groß? Du schreibst, daß die Zweige schon sehr tief herunterhängen. Wahrscheinlich trägt er dann in diesem Jahre gut. Sieh nur zu, daß Du im Keller richtig Platz bekommst, damit Du evtl. ein Teil davon lagern kannst, wenn sie richtig ausreifen und nicht madig sind. Dahlien habe ich dieser Tage auch auf meinem Tisch gehabt und ich habe an unsere denken müssen. Zurzeit steht ein Strauß mit Gladiolen und Goldrute da. Das macht das Zimmer gleich viel freundlicher. Wir können ja über die Sauberkeit und auch über den Raum hier wirklich nicht klagen. Bei uns sind im ganzen Haus die Putzfrauen den ganzen Tag tätig. Sie geben sich zwar viel Mühe, doch sie nehmen sich auch entsprechend Zeit dazu. Ja die Franzosen können sehr viele Leute mit verhältnismäßig wenig Arbeit beschäftigen. Du fragst in einem Deiner letzten Briefe, ob das Beutewein ist. Es ist mir nun nicht ganz klar, was Du damit meinst. Wir bekommen hier beim Mittagessen ohne Bezahlung roten oder weißen Wein, das ist Beutewein. Den anderen, den ich mir sonst leiste, den muß ich bezahlen und das ist keiner.
Heute früh war ich wieder beim Baden. Im Hallenbad war es hier durch unsere Soldaten so überfüllt, daß ich ins Wannenbad gegangen bin. Man tut es ja hauptsächlich wegen der Sauberkeit. Es ist zwar auch ganz schön, wenn man einmal schwimmen gehen kann. Heute Nachmittag bin ich hier nun im Dienst tätig. Am Abend werde ich wahrscheinlich ins Kino gehen. Es wird der „Opernball“ gegeben.
Nach Kinoschluß werde ich mich wieder heimbegeben und mich in meine Falle legen. So werde ich den Geburtstag unseres Jungen begehen. Andere Möglichkeiten werden sich hier kaum ergeben.
In unserer heutigen Zeitung ist heute ein Artikel über die Thurgauer Zeitung erschienen, den ich Dir mit zugehen lasse. Ich glaube, daß er Dich sicher auch interessieren wird.
Ja, Du hast nun heute unsere beiden Schlingel um Dich herum und weißt auch was sie treiben. Sehr oft werden sie auch etwas anstellen, wie ich aus einem Briefe aus den letzten Tagen lesen konnte. Wichtig ist ja, daß sie soweit recht sind und daß sie gesund sind. Beides kann man ja von ihnen sagen. Wenn sie es einmal wieder toll treiben sollte, so wirst Du schon mit strenger Hand so, wie ich es ja auch meistens tat, durchgreifen. Auf diese Weise gibt sich dies dann immer am ehesten. Seid Ihr meine Lieben alle recht herzlich gegrüßt und geküßt, Du mein liebes Mädel aber besonders herzlich von Deinem Ernst.