Donnerstag, 6. August 2015

Brief 40 vom 5.8.1940


Mein liebes Mädel!                                                                  O.U., den 5.8.40             

Deinen lieben Brief vom 29./30.7. habe ich heute erhalten. Ich danke Dir wieder bestens dafür. Ich muß übrigens Dir wieder feststellen, daß Du Dich im Briefeschreiben sehr gut eingearbeitet hast. Die Briefe, die Du so als Durchschlag an mich mit gesandt hast, sind so gut geschrieben, daß man gerade seine Freude daran hat. Die Briefe, die Du mir sendest sind immer so persönlich gehalten, wie wir auch früher immer zueinander waren. Dieses Kompliment mußte ich Dir heute einmal zum Voraus machen, weil dies einmal an der Zeit war. Ich weiß ja, daß Du aus diesem Lob nicht mehr machst, als es ist.
Daß Du Dich über die Kakteen hergemacht hst, ist ja alle Achtung wert. Bei mir hat das jahrelang gedauert und zuletzt ist doch nichts daraus geworden. Hast Du Dir die Finger nicht dabei tüchtig zerstochen? Ich werde hier zwar auch zerstochen, aber meist nachts durch die Schnaken. Ja, die sind sehr unangenehm, vor allem, wenn  sie so kurz vor dem Einschlafen am Gesicht herumschwirren. Da kann man bald singen „Glühwürmchen schimmere“, um besser zuschlagen zu können. Meistens muß ich mir ein Taschentuch über das Gesicht legen, damit ich nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen werde.
Der Geburtstag unseres Jungen ist ja nun auch wieder vorüber. Da wird er aber sich gestern als Held des Tages gefühlt haben. Ich war gestern hier im Kino. Da wurde in der Wochenschau gezeigt, wie Frauen und Kinder unsere Soldaten empfangen haben. Ich hätte gar nicht gedacht, daß mich diese Bilder so weich stimmen würden. Ich habe diese Leute auf der Leinwand fast nicht mehr ansehen können, so fest habe ich dabei an Euch alle daheim denken müssen. Hervorgerufen wurde dies in ganz besonderem Maße, weil ich gerade an so einem Tag des Familienfestes nicht bei Euch sein konnte. Ich habe diese momentane Schwäche wieder überstanden und habe mich wieder in den Alltag eingelebt. Ich schreibe Dir dies vor allem deshalb mit, damit Du siehst, daß ich nicht so unempfindlich bin gegen derartige Einflüsse, wie es meistens scheinen mag.
Heute Nachmittag traf nun Dein liebes Päckchen mit dem Brief vom 28./29.7. bei mir ein. Eine Gelegenheit zur Widerrede, daß Du mir die Parlinen nicht schicken sollst, hast Du mir ja nicht gelassen. Ich muß sie also hinnehmen. Ich danke Dir herzlich dafür und freue mich trotzdem darüber, wenn Du auch, wie in diesem Falle, gegen meinen Willen gehandelt hast. Ich habe sie probiert und bin nun ganz wieder versöhnt, man kann sie essen. Du mußt nun zwar nicht meinen, mein Gaumen sei hier derart verwöhnt worden. Dem ist wirklich nicht so, aber ich muß doch von vornherein meinen männlichen Standpunkt vertreten, damit Du nicht meinst, es ginge immer so ab.
Auch Deine Gartenschilderungen haben mich wieder sehr interessiert. Vor allem die Geschichte mit den Engerlingen unter den Erdbeeren. Ich glaube gerne, daß Du damit eine große Freude gehabt hast. Wenn wir nun wieder beim Garten sind. Ich möchte Dir immer und immer wieder ans Herz legen, schone Dich und nimm Dir nicht zuviel vor. Ich möchte nicht haben, daß Du Dich dabei überanstrengst und wenn ich tatsächlich einmal heimkommen sollte, liegst Du mir dann krank da. Habe also Verständnis für diese Einwände und laß lieber etwas liegen, ehe Du vielleicht durch einen künstlich übersteigerten Ehrgeiz mir auf die Nase fällst. Verstehe mich in dieser Hinsicht richtig und halte und handle auch entsprechend.
Ich habe gleich mit der Maschine weitergeschrieben, damit ich Dir mehr mitteilen kann, weil es dann viel schneller geht. Außerdem haben wir Feierabend, denn während der Dienstzeit ist nicht erwünscht, daß man seine Privatpost erledigt. Ich habe darum einen Teil so zwischendrin geschrieben. Es ist dies der Teil, den ich mit der Hand geschrieben habe.
Daß sich Helga über meinen Brief gefreut hat, habe ich aus Deinem Brief gelesen. Ich warte nun, was sie mir darauf schreibt. Wie findet sie sich denn mit den vielen Ferien ab? Hoffentlich bekommt sie keine Langeweile. Ich glaube aber, daß ihr die Tage schon vergehen werden. Jörg wird wohl nicht viel Zeit für sie haben, aber doch immer ganz froh sein, ab und zu einmal auf sie zurückgreifen zu können. Ebenso wird es ja mit Helga sein. Ich kenne meine Pappenheimer.
Für morgen bin ich in die Familie eines unserer Dolmetscher eingeladen. Es ist der Schweizer, von dem ich Dir früher schon einmal berichtete. Ich werde ja sehen, wie sich die Leute anlassen. Er hat mich schon wiederholt darum gebeten. Nun kann ich mich gar nicht mehr herausreden und muß dieser Einladung folgen.
Die Einladungen von Resi erscheinen mir immer sehr zweifelhaft. Im Übrigen hat sie schließlich genau so viel Zeit wie Du. Wenn ihr viel an der Freundschaft mit Dir liegt, kann sie ja, wenn sie sowieso vorbeifährt, auf einen Sprung zu Dir reinkommen. Der Haken liegt aber wo anders. Doch darüber  brauche ich Dir ja nicht zu schreiben.
Wenn Du einen Pullover strickst, so möchte ich Dir ebenfalls anraten, Dich dabei nicht anzustrengen, denn Du hast doch gleich nach dieser Strickerei wieder Beschwerden. Wenn wir gerade bei der Wolle sind. Hier gibt es noch Wolle. Soll ich welche kaufen und was für eine Farbe und zu welchem Zwecke. Gib mir darüber bald Antwort.
Sonst kann ich heute nicht mehr berichten. Außerdem ist es bereits 3/4 10 Uhr, so daß ich mich hier auf dem Büro langsam aus dem Staub machen muß. Seid Ihr alle meine Lieben herzlich gegrüßt und geküßt Du nimm aber wieder besondere Grüße und Küsse entgegen von Deinem  Ernst

Brief 39 vom 4.8.1940


Meine liebe Frau!                                                                       O.U., den 4. August 1940

Heute ist nun der Geburtstag unseres Jungen. Ich gedenke an diesem Tage ganz besonders meiner Lieben daheim. An diesem Tag habe ich wieder Sonntagsdienst, so daß ich mich gleich ans Schreiben mache, um so meine Gedanken, die ich Euch widme, los zu werden.
Gestern habe ich Dein liebes Päckchen vom 24.7. erhalten, worin die Hosenträger und das Stückchen Schokolade war. Dein Brief, der diesem Päckchen beigefügt war,  hat wieder eine ausführliche Schilderung über den Garten enthalten, der mich ebenfalls sehr gefreut hat. Ich sehe immer wieder daraus, mit wie viel Liebe Du die Gartenarbeit versiehst und mir von dem Ergebnis Deiner Mühe mitteilst. Bis jetzt war ja Deine Liebe und Mühe, wie ich aus Deinen Schreiben entnommen habe, immer reichlich belohnt worden. Ich habe es Dir ja schon letzthin geschrieben, wie segensreich einem diese Arbeit erscheint, wenn man als Ergebnis seines Bemühens die reife Frucht in der Hand hält. Ich weiß ja auch, daß Du letzten Endes Dir diese ganze Mühe nicht allein wegen Dir sondern mir zu Gefallen tust, damit ich meine Freude daran habe. Ich habe mich aber auch jedes Mal darüber gefreut, wenn Du mir von Deinen Erfolgen berichtetest. Günstig ist nun bei dieser ganzen Sache, daß noch ein materieller Nutzen dabei heraus kommt. Das wird Dir sicher auch die Kasse Deines Haushaltes wieder entlasten. Nun zu dem Geburtstag unseres Jungen. Ich will hoffen, daß Ihr meinen Brief bis zu diesem Tag erhalten habt. Ich hätte ihm gerne etwas geschickt, aber es ist ja nicht so leicht, was Passendes zu finden und vor allem wird dadurch mein Kontingent an Päckchen wieder geschmälert. Weiterhin ist es so, daß das Spielzeug hier gar nichts wert ist. Warum soll ich deshalb so unnütze Sachen schicken. Vor einigen Tagen habe ich ja auch für ihn ein Paar Söckle mitgeschickt. Ob sie ihm schon passen, kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Gib sie ihm bitte mit. Das weitere Paar  ist für Helga bestimmt, ich nehme an, daß sie ihr nicht zu klein sind. Ich habe aber auch an sie gedacht. Ich werde in diesen Tagen den Stoff für ein Kleid für sie wegschicken. Über die anderen Pakete später. Was werde Ihr wohl heute an dem Geburtstag von Jörg unternehmen. Wenn einem auch sonst die Gedanken kommen, an solchen Tagen treten sie immer stärker auf und man möchte gerne dabei sein, wie Ihr alle beieinander seid. Doch unter den gegenwärtigen Umständen ist dies ja leider nicht möglich. Ich will nur hoffen, daß wir bei den nächsten Geburtstagen wieder beieinander sind. Ich glaube aber dass die Zeit fast zu kurz wird. Wir müssen uns eben auf das Warten verlegen Wie auch das Schicksal in diesem Falle entscheidet, wir wollen es starken Herzens hinnehmen und uns gegenseitig weiter vertrauen.
Uns sind gestern wieder einige Sachen gegen Bezahlung ausgeliefert worden, die ich Euch in den nächsten Tagen mit zugehen lassen werde. So werde ich etwa 1 Pfund Bohnenkaffee absenden, den ich bitte, mit zu verbrauchen, weil ich hier auch jeden Tag welchen habe. Ich bekomme wahrscheinlich noch mehr. Außerdem habe ich 1 Pfd. Kakao erhalten, den ich auch mitsenden werde. Weiterhin haben wir 10 Stück Toilettenseife erhalten. Ich werde von dieser dem Stoff, den ich auch mit abschicken werde, beifügen. Gestern habe ich noch für Dich einen Unterrock und ein Paar Höschen gekauft. Ich werde wohl kaum vor nächsten Monat dazu kommen, Dir diese Sachen mit zugehen zu lassen. Du siehst aber, daß ich immer wieder mit an Dich denke. In den beiden Stoffpäckchen habe ich Stoff für ein Kleid für Dich und Stoff für ein Kleid für Helga. Du wirst ja sehen, wie Du mit dem Stoff auskommst. Ich kann dies nicht beurteilen und ich mußte mich auf die Angaben verlassen, die ich hier erhielt. Ich würde mich freuen, wenn Dir alles gefallen würde. Du wirst mir ja dann schreiben, wenn Du die Sachen bekommen hast.
Die letzten zwei Päckchen hast Du wahrscheinlich schon erhalten. Deine Antwort steht zwar noch aus, ich glaube aber, daß sie die Post bereits zur Beförderung hat.
Wir haben seit etwa vier Tagen ausnahmsweise schönes Wetter. Es hat nicht einmal während dieser Zeit geregnet. Man muß zwar berücksichtigen, daß wir jetzt eigentlich bei uns in Deutschland mitten in der Erntezeit stehen und meist auch um diese Zeit  mit schönem Wetter rechnen. Hier ist das im Allgemeinen zwar etwas anders, doch seit einigen Tagen war es hier beständig. Wenn man so den ganzen Tag im Bau sitzt, hat man zwar auch nicht viel vom schönen Wetter, doch es kommt gleich in der Stimmung zum Ausdruck, wenn es nicht jeden Tag regnet.
Wie sind eigentlich die Äpfel geworden, sind noch viel auf dem Baum und werden sie eigentlich groß? Du schreibst, daß die Zweige schon sehr tief herunterhängen. Wahrscheinlich trägt er dann in diesem Jahre gut. Sieh nur zu, daß Du im Keller richtig Platz bekommst, damit Du evtl. ein Teil davon lagern kannst, wenn sie richtig ausreifen und nicht madig sind. Dahlien habe ich dieser Tage auch auf meinem Tisch gehabt und ich habe an unsere denken müssen. Zurzeit steht ein Strauß mit Gladiolen und Goldrute da. Das macht das Zimmer gleich viel freundlicher. Wir können ja über die Sauberkeit und auch über den Raum hier wirklich nicht klagen. Bei uns sind im ganzen Haus die Putzfrauen den ganzen Tag tätig. Sie geben sich zwar viel Mühe, doch sie nehmen sich auch entsprechend Zeit dazu. Ja die Franzosen können sehr viele Leute mit verhältnismäßig wenig Arbeit beschäftigen. Du fragst in einem Deiner letzten Briefe, ob das Beutewein ist. Es ist mir nun nicht ganz klar, was Du damit meinst. Wir bekommen hier beim Mittagessen ohne Bezahlung roten oder weißen Wein, das ist Beutewein. Den anderen, den ich mir sonst leiste, den muß ich bezahlen und das ist keiner.
Heute früh war ich wieder beim Baden. Im Hallenbad war es hier durch unsere Soldaten so überfüllt, daß ich ins Wannenbad gegangen bin. Man tut es ja hauptsächlich wegen der Sauberkeit. Es ist zwar auch ganz schön, wenn man einmal schwimmen gehen kann. Heute Nachmittag bin ich hier nun im Dienst tätig. Am Abend werde ich wahrscheinlich ins Kino gehen. Es wird der „Opernball“ gegeben.
Nach Kinoschluß werde ich mich wieder heimbegeben und mich in meine Falle legen. So werde ich den Geburtstag unseres Jungen begehen. Andere Möglichkeiten werden sich hier kaum ergeben.
In unserer heutigen Zeitung ist heute ein Artikel über die Thurgauer Zeitung erschienen, den ich Dir mit zugehen lasse. Ich glaube, daß er Dich sicher auch interessieren wird.
Ja, Du hast nun heute unsere beiden Schlingel um Dich herum und weißt auch was sie treiben. Sehr oft werden sie auch etwas anstellen, wie ich aus einem Briefe aus den letzten Tagen lesen konnte. Wichtig ist ja, daß sie soweit recht sind und daß sie gesund sind. Beides kann man ja von ihnen sagen. Wenn sie es einmal wieder toll treiben sollte, so wirst Du schon mit strenger Hand so, wie ich es ja auch meistens tat, durchgreifen. Auf diese Weise gibt sich dies dann immer am ehesten. Seid Ihr meine Lieben alle recht herzlich gegrüßt und geküßt, Du mein liebes Mädel aber besonders herzlich von Deinem Ernst.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Brief 38 vom 31.7. bzw. 2.8.1940


Meine liebe kleine Frau!                                                      O.U. den 31.Juli 1940          

Heute habe ich Deinen lieben Brief vom 26. erhalten, für den ich Dir wieder herzlich danke. Man spannt immer, wenn die Post kommt, ob man auch mit betroffen wird. Man kann ja nicht jedes Mal dabei sein, aber man wird mit der Zeit anspruchsvoll. Ich bin ja mit Deiner Schreiberei auch in jeder Beziehung zufrieden und kann ja auch nicht klagen.
Was die Briefmarken anbelangt, so kaufe diese nur, soweit Du es mit dem Gelde machen kannst. Mit den Lindenblüten seid Ihr ja wieder fleißig gewesen und wenn Ihr noch einmal gegangen seid, so habt Ihr ja schon sicher ein ganz schön Teil geholt. Die Geburtstagskarte erhielt ich von Frl. Hierholzer. Wo sie meine Adresse her erfahren hatte, weiß ich selbst nicht, jedenfalls war ich selbst ganz erstaunt. Ich habe ihr schon darauf schreiben wollen. Erst einen Brief, jetzt habe ich mich aber  zu einer Karte entschlossen, doch habe ich noch keine da. Ich werde mir erst welche besorgen lassen.
Was nun die Erdbeeren betrifft, so kann man diese Mitte August bis in den September hinein umsetzen. Vor allem nur immer die kräftigen Setzlinge. Du kannst ja noch einmal im Kalender nachsehen, ob da vielleicht auch noch die Umsetzzeit vermerkt ist. Ich denke, Du wirst sie am besten oberhalb der neu angelegten Beete setzen. Es wird ratsam sein, wenn man wieder genau soviel Reihen anlegt wie im letzten Jahr. Die alten Erdbeeren bei den Johannisbeeren kann man auch jetzt mit wegmachen. Deine landwirtschaftlichen Erfolge sind ja ganz erfreulich. Ja, das macht Spaß, wenn man es vorher die ganze Zeit gehegt und gepflegt hat.
Heute habe ich wieder ein Päckchen, von dem ich gestern schon geschrieben habe, an Dich fertig gemacht und mit abgesandt. Ich will nur hoffen, daß alles richtig ankommt, denn es hat ja schließlich einige Mark gekostet, die man nicht gerne auf diese Weise verlieren will. Auch hierbei möchte ich nur wünschen, daß alles Deinem Geschmack entspricht. Probiere nur einmal diese Sachen an, damit ich weiß, ob alles paßt. Wenn Du hier wärst, könnte man Kleider oder ähnliche Sachen für billiges Geld kaufen. So gibt es Sommerkostüme schon ab 15 RM bis 30 RM. So etwas kann man aber nicht so kaufen, weil man ja dann nicht weiß, ob alles sitzt und paßt. Ich habe mich deshalb mehr auf den Kauf von Stoff verlegt, den Du dann selbst verarbeiten kannst, oder auch machen lassen kannst. Soll ich Dir noch so einen Kragen kaufen oder so etwas ähnliches? Wenn Du irgendwelche Wünsche oder Vorschläge hast und ich kann sie Dir einigermaßen erfüllen, so will ich diese gerne berücksichtigen. Die Größenmaße sind aber in allem hier erforderlich. Ich habe bis jetzt meist nach Augenmaß gekauft.
Gestern war ich wieder im Theater beim Bunten Abend des Weimarer Nationaltheaters. Das war wieder eine ganz große Sache. Im ersten Teil wurden Stücke aus Wagnerschen Opern (Fliegender Holländer- Ouvertüre-, Lohengrin, Feuerzauber aus den Nibelungen und aus dem Freischütz von C.M. v. Weber) durch das Orchester und teils auch gesangliche Darbietungen vorgetragen. Im zweiten Teil kamen dann etwas leichtere Sachen zur Darbietung. Außerdem kamen dann noch die Solotänzer und die -rinnen (ist das nicht etwa schön) sowie das Staatsballett mit ihren Vorführungen an die Reihe. Es war auch dies ein schöner Abend. Schade ist nur, daß Du bei diesen Sachen  nicht mit dabei sein kannst, denn Du hättest sicher auch Deine Freude daran.
Heute habe ich auf meinem Schreibtisch einen Strauß Blumen bekommen. Es hat geheißen, wir sollten jetzt immer welche bekommen. Wir wollen einmal sehen, ob es wahr ist. Jedenfalls macht dies einen sehr freundlichen Eindruck.
Ich werde heute noch an Siegfried schreiben, weil ich diesen Abend nicht ausgehe. Ich bleibe gleich im Amt um die Sachen alle fertig zu machen.
Ich lege Dir heute einmal einen Zettel bei von meiner Abendbrotabrechnung. Das erste ist eine große Flasche roter Bordeauxwein. Der nächste Posten ist Kotelett mit Salat, der weitere Betrag ist für Brot in Rechnung gestellt und für 2 fr. habe ich dann Käse gegessen. Die große Flasche Wein reicht mir meistens für 3 Essen, so daß für den heutigen Abend nur 1/3 in Anrechnung käme. So hat alles in allem 1,15 RM gekostet. Ich bin dann aber auch wieder reichlich gesättigt heimgegangen. Es sind dies nun meist nicht die Portionen, wie wir sie daheim gewöhnt sind, doch bei uns in den Wirtschaften wird man ja meistens auch nicht überfüttert und muß dafür auch entsprechend mehr hinlegen. Ich nehme an, daß Dich dies auch einmal interessiert.
Für heute möchte ich nun wieder einmal Schluß machen. Ich habe Dir wieder einiges geschildert und auch beantwortet.  Ich nehme an, daß Du zufrieden bist. Sei Du mit den Kindern herzlich und auch sehr oft gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.


Meine liebe Annie!                                                                  O.U. , den 2.8.1940

 Heute erhielt ich zusammen zwei Briefe von Dir. Der eine war vom 19. und der andere vom 27.
Ich glaube, auf dem ersten Brief muß jemand draufgesessen haben. Ich habe ihn ja nun doch bekommen und das freut mich ja. Dein letzter Brief drückt eine Stimmung aus, die sehr wehmütig klingt, die ich an meinem tapferen Mädel in dem starken Maße noch nie bemerkt habe, außer da, wo ich direkt von Euch fort bin.
Du hast wohl recht, daß ich hier ein ziemlich ungebundenes Leben führe, auch hast du recht, wenn Du schreibst, ich habe hier mein Auskommen, aber Deine Befürchtung, daß es mir bei Euch nicht mehr gefallen würde, wenn ich wieder heimkomme, besteht zu Unrecht.
Das ist es ja gerade, daß ich bei Euch m e i n  D a h e i m  habe, was mir hier so fehlt. Um Euch kreisen ja meistens meine Gedanken und ich bemühe mich, dir dies dadurch zu beweisen, daß ich Dir bald jeden Tag schreibe. Gestern bin ich zwar nicht dazugekommen, doch heute möchte ich dies trotz der späten Abendstunde - es ist bereits 11 Uhr - nicht versäumen.
Ich war gestern und heute in unserem KdF-Theater, wo z.Zt. ein Variete -Programm mit Rudi Rauber vom Sender Köln läuft. Neben unserer Arbeit ist dies auch alles, was wir hier haben. Du schreibst, Du hättest wohl die Kinder, doch über alles kannst Du mit ihnen nicht sprechen. Das stimmt, doch über vieles kannst Du mit ihnen reden, während ich hier nur fremde Menschen um mich herum habe.
Liebes Mädel, ich bitte Dich, nur nicht kleinmütig zu werden, Kopf oben behalten und an mich denken, unter welchen Umständen ich hier leben muß.
Mit den Schuhen hast du ja Pech gehabt. Da hättest Du sie bald auch so daheim bekommen. Na, ich werde versuchen, Dich von hier aus mit etwas anderem zu entschädigen.
Ich habe dieser Tage hier einen Befehl in die Hand bekommen, wonach ab sofort durch uns, die wir alle hier drüben sind, monatlich vier Pakete zu 1 Pfd. und wenn man in Urlaub fährt, ein Paket mit 20 Pfd.  a b g a b e f r e i  heimschicken bezw. -bringen darf. Ich möchte hoffen, daß Dir die Schuhe auch so zusagen, doch wenn man das gewußt hätte, so würde ich doch die Schuhe gleich mitgebracht haben.
Das ist ja auch nicht schlecht, wenn meine Kameraden tatsächlich entlassen würden. Ich sitze jedenfalls hier mit der Gewißheit, das Ende des Krieges abwarten zu dürfen. Das glaube ich aber bestimmt, daß ich zwischendrin auch einmal auf Urlaub kann. Doch davon müssen wir heute noch träumen. Schlafe nun gut mein liebes Mädel und sei Du mit unseren beiden Bengels vielmals und herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
Ich sende Dir so nach und nach wieder Deine Briefe mit zurück, die Du mir geschickt hast. Ich bitte Dich, diese mir mit zu den anderen zu legen. Übrigens dem Brief vom 27. hat kein Bild beigelegen. Hast es sicher vergessen. Bei den Zwiebeln muß man das Kraut jetzt umlegen und so weiter wachsen lassen, ebenfalls muß man die Blüten ausknicken.

Brief 37 vom 30.7.1940


Meine liebe Frau!                                                      O.U., den 30.Juli 1940

Heute erhielt ich Deinen Brief vom 25. für den ich Dir herzlich danke. Ich weiß nicht, ob Du in der Zeit vom 22., von dem Dein letzter Brief war, bis zu Deinem heutigen Brief nicht wieder geschrieben hast. Es kann ja sein, daß der eine oder andere Brief einmal liegen bleibt, doch mir ist dies diesmal aufgefallen und ich frage Dich deshalb nur darum. Wenn Du einmal keine Zeit zum Briefeschreiben haben solltest, so nehme ich Dir dies auch durchaus nicht übel, nur wissen möchte ich dies. Ich werde dies ja in den nächsten Tagen sehen, ob noch einer aus den dazwischen liegenden Tagen eintrifft.
Deine Frage wegen des O.U. will ich Dir gleich dahin beantworten, daß das heißt Ort der Unterkunft. Ich habe früher wohl den Ort selbst angegeben, halte es aber nicht in jedem Falle für ratsam, immer den Wohnort anzugeben, aus den Dir bekannt Gründen.
Daß ich Dir mit meinem Schreiben, daß mit dem Urlaub wahrscheinlich nichts zu machen sei, eine große Enttäuschung bereitet habe, tut mir ja außerordentlich leid, doch zu diesem Falle habe ich Dir ja vor einigen Tagen schon geschrieben.
Ja, der Anzug soll im Laufe dieser Woche oder am Anfang der nächsten Woche fertig werden. Ich muß nun erst einmal sehen, wie der ausfällt. In der Zwischenzeit habe ich mir noch Stoff für einen weiteren Anzug gekauft, für einen hellen Anzug. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich Dir dies schon mitgeteilt habe. Ob ich mir diesen Anzug auch noch hier machen lasse, muß ich erst einmal sehen.
Ich hatte die Absicht, Euch ein weiteres Päckchen zugehen zu lassen mit einem Nachthemd, einem Taghemd, ein Paar Strümpfen, alles für Dich. Außerdem habe ich noch zwei Paar Söckle für die Kinder mit beigefügt. Ich weiß nicht, ob sie zu groß sind. Das mußt Du dann selbst einmal sehen, denn ich weiß die Nummer nicht genau. Ich werde dieses ja dann sehen, wenn Du mir darüber dann schreibst.
Soeben erhalte ich Dein Päckchen vom 23. mit den lieben Zeilen von Dir. Jetzt ist für mich kein Zweifel mehr, daß ich Dir morgen gleich die noch hier liegenden Sachen zugehen lasse. Ich habe mich vor allem wieder über Deine ausführlichen Ausführungen gefreut, auch über das, was unser Strolch wieder angestellt hat. Das sieht ihm wieder einmal so richtig ähnlich. Sage ihm aber, er soll sich nur tüchtig zusammennehmen.
Gefreut habe ich mich zwar über das Briefpapier, aber es war nicht nötig, denn hier sind ja solche Sachen vorhanden und alles wird hier geliefert. Über die vielen Küsse von Helga und auch über die 100 Küsse von ihr habe ich mich ebenfalls gefreut. Jörgs Unterschrift ist ja immer noch dieselbe, aber die Datumsangabe nimmt er immer noch mit derselben Sorgfalt vor. Es war wieder ein Brief, der mich richtig gefreut hat. Was mein ganzer Stolz ist, ist ja, daß die Sachen, die ich hier eingekauft habe, alle bei Dir richtig eingetroffen sind und daß auch die Handschuhe passen. Ich werde in den nächsten Tagen noch ein paar hellere hier kaufen und werde versuchen, wieder das richtige zu treffen. Die Größe ist ja sicher richtig. Wenn Du Kakao oder etwas Ähnliches brauchst, so mußt Du mir dies mitteilen. In den nächsten Tagen werde ich den noch hier liegenden Kaffee an Dich absenden, da kannst Du welchen trinken, denn ich bekomme ja hier auch immer Bohnenkaffee. Was für mich recht ist, ist ja auch für Dich gut. Ich habe mich auch darüber gefreut, daß die Bilder, die in Köln gemacht worden sind, Dir so gut gefallen. Ich habe mich auch bei dem Fotografen darüber herzlich bedankt.
Die Sache mit Pfluger geht ja vollkommen in Ordnung. Es muß diesen Leuten ja auch nicht alles gelingen, was sie sich in den Kopf setzen. Das Lob, was Dir Zahn ausgesprochen hat, muß ja schon der Wahrheit entsprechen, denn bei diesem Mann will dies viel heißen, ehe er sich dazu herbeiläßt. Mache nur weiter so, dann ist schon alles in Ordnung.
Ihr meine Lieben alle, seid vielmals herzlich gegrüßt und geküßt, Helga soll ihre 100 Grüße und Küsse von mir zurückbekommen, doch denke ich, daß Dir das ein bißchen viel Mühe machen wird und Jörg wird dann evtl. neidisch werden. Du aber sei, wie immer, besonders herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.

Mittwoch, 29. Juli 2015

Brief 36 vom 29.7.1940


Meine liebe Annie!                                                   O.U., den 29. Juli 1940

 Das Sechstagerennen hat wieder begonnen und der Sonntag liegt wieder hinter mir. Ich muß immer dran denken, wie Ihr wohl jetzt die Sonntage verbringen werdet. Es wird sich ja wohl in erster Linie nach dem Wetter bei Euch richten. Das hiesige Wetter kann ich ja niemals zum Vergleich für das Wetter bei Euch heranziehen, denn darüber habe ich Dir ja schon genug geschrieben.
Gestern Vormittag war ich hier im Hallenbad und habe mich wieder einmal gründlich gesäubert. Der Preis beträgt 3,50 frc. = 17,1/2 Pfg. Da kann man ja nicht viel sagen. Man kann sich erst waschen, dann in der Halle schwimmen, weiterhin ist noch ein Dampfraum da und zuletzt noch ein Trockenraum. Es ist zwar noch etwas altmodisch eingerichtet, doch wir leben ja im Kriege und die Hauptsache ist, daß ich mich wieder richtig frisch fühle. Anschließend bin ich aufs Amt gegangen und habe Deinen Eltern auf ihren Brief geantwortet. Es war dann inzwischen Zeit zum Mittagessen geworden. Es gab als Vorspeise Pastete mit Pilzfüllung und Oliven und Soße. Als Hauptgang Kartoffeln mit gebratenem Huhn, Erbsen und gelbe Rüben. Das klingt zwar nach sehr viel, ist aber nicht das kräftige Essen, wie wir es daheim gewöhnt sind. Als Nachspeise hatten wir so eine Art Blätterteigkuchen. Nach dem Mittagessen bin ich mit der Straßenbahn etwa 1/2 Stunde nach Roubaix gefahren. Das ist hier einer der nächsten größeren Orte. Die Straßenbahn kostet für uns Wehrmachtsangehörige ja nichts, warum soll man dann nicht einmal davon Gebrauch machen. Ich habe mir diesen Fabrikort angesehen und mich auch informiert, ob es noch verschiedenes zu kaufen gibt. Zurück zu bin ich durch die einzige Parkanlage, die es hier im weiten  Umkreis gibt, gelaufen und habe dann am Ende dieser Anlage mich auf den Strom geschwungen, um wieder nach hier zu kommen. Ich hatte dann die Absicht ins Kino zu gehen, doch wegen Überfüllung war kein Platz mehr zu haben. Ich hatte dann einen unserer Schreiber getroffen, der mir erzählte, daß vor dem Theaterplatz ein Konzert unserer Wehrmacht stattfindet. Bei einem Glas Wein habe ich dem Konzert zugehört und habe gleichzeitig noch ein Schinkenbrot gegessen. Mein weiterer Weg führte mich dann wieder zum Theater, wo ich mir „Die 4 Gesellen“ angesehen habe. Siehst Du, so vergeht bei uns hier ein Sonntag. Man muß nur immer wieder zusehen, was man anstellt, wenn man einmal nicht arbeiten muß. Die Programme meiner letzten Theaterbesuche füge ich bei, vielleicht interessiert es Dich.
Am Samstag war ich noch in der Oper „Tiefland“. Auch dieses Stück war bei den guten Kräften wieder ein Erlebnis. Vor allem sind ja diese Dinge hier kostenlos. Der Hauptmacher dieser KdF-Bühnen ist mir sehr gut bekannt, so daß ich ungehindert überall Zutritt mit oder ohne Eintrittskarte bekomme. Im Übrigen ist man ja hier auch gar nicht so genau.
Post habe ich gestern auch wieder noch nicht erhalten, so habe ich also keine Möglichkeit auf etwas Bezug zu nehmen. So möchte ich denn einmal von einigen Sachen berichten, die mir hier wieder im Gegensatz zu dem bei uns üblichen auffallen. Der Gemüsehandel wickelt sich hier vorwiegend auf der Straße ab. Die meisten Händler haben so einen zweirädrigen Wagen, auf dem bieten sie ihre Sachen feil. Z.Zt. werden vorwiegend Bohnen, Kartoffeln, dann Birnen und verschiedene Zwetschgenarten angeboten. Weiter ist auffällig, daß hier auf dem Lande die Bauern mit großen zweirädrigen Wagen fahren. Das sieht für unsere Begriffe etwas komisch aus, es wird sich hier aber nach den Erfordernissen für zweckmäßig herausgestellt haben. Meistens haben diese Wagen zwei mächtig große Räder mit einem Wagenkasten darauf. Die Bevölkerung bevorzugt hier vielmehr das Tandem (Fahrrad für zwei Personen). Ich habe schon beobachtet, daß da eine ganze Familie darauf ausfährt. Die Bettelei ist hier auch sehr an der Tagesordnung. Sitzt man irgendwo in einer Wirtschaft, so kommt bestimmt nach einiger Zeit ein Bettler oder ein Kind zum Betteln. Ich konnte vor einiger Zeit beobachten, wie auf der Straße ein Kind einem Soldaten einen Zettel in die Hand drückte auf dem zu lesen war, daß daheim eine Familie mit mehreren Kindern ohne Brot sei. Der Soldat hat das Kind, weil es gar zu aufdringlich war, wieder an die NSV verwiesen. Die NSV und damit auch der Hilfszug Bayern hat sich hier in ganz großzügiger Weise für die notleidende Bevölkerung eingesetzt. Von mir bekommt niemand etwas, weil ich der Ansicht bin, daß es Sache der Franzosen ist, für ihre eigenen Volksgenossen aufzukommen. Wie ich überhaupt nicht verstehen kann, daß sich deutsche Soldaten für einzelne Franzosen einsetzen, damit diesen Arbeit oder sonst etwas zugewiesen wird. Bei mir stoßen dann aber beide Teile auf Granit. An den Ausgabestellen der NSV steht dann die Bevölkerung Schlage, um ihr Teil zu bekommen von dem, war dort verteilt wird.
Die Ansichtskarte, die ich im letzten Brief mitgesandt habe, wirst Du wohl erhalten haben. Auf dem Turm, der darauf abgebildet ist, war ich dieser Tage. Man hat da einen sehr schönen Blick in die ganze Umgebung, so daß man von dort oben einen Gesamteindruck über die Gegend gewinnen kann. Fast bis hinauf kann man mit dem Fahrstuhl fahren. Wie überhaupt im Hause kaum noch Treppen gestiegen werden, denn wir haben hier unseren Fahrstuhl.
Soeben erhielt ich von Siegfried einen Brief aus Weimar. Er schreibt, daß er sich jetzt vor mir verstecken müßte, nachdem ich jetzt hier diese Stelle einnehmen würde. Ich glaube, daß es halb so schlimm sein  wird. Weiter teilt er mit, daß er schon ziemlich herumgekommen sei und wie ich aus den Orten ersehe, ist er hier in Belgien und auch in Nordfrankreich in den verschiedensten Orten gewesen. Er gibt auch seiner Hoffnung Ausdruck, daß wir uns vielleicht einmal hier treffen. Ich werde ihm bald auf sein Schreiben antworten.
Diesmal habe ich Dir wieder einiges mehr geschrieben, hoffentlich bist Du mir deshalb nicht böse. Bleibt Ihr alle gesund und sage unseren beiden Rangen, daß sie Dir folgen sollen. Euch alle grüße und küsse ich vielmals, Dich aber wieder besonders. Denke auch bald wieder mit einem Schreiben an Deinen Ernst.

Sonntag, 26. Juli 2015

Brief 35 vom 26./27.7.1940


Meine liebe gute Annie!                                                   O.U., den 26.Juli 1940

Heute erhielt ich Deinen Brief vom 21., sowie zwei weitere Päckchen mit Zeitungen, wofür ich Dir wieder herzlich danke.
Ich bedaure nur, daß ich Dir mit meinem voreiligen Schreiben wegen des Urlaubs Hoffnungen gemacht habe, die nun leider nicht eintreffen. Du hast ja inzwischen mein weiteres Schreiben erhalten, worin ich Dir diese Nachricht leider geben mußte. Trösten wir uns und warten weiter, bis sich die Möglichkeit bietet. Eines kann ich Dir ja versichern, daß ich, sobald sich diese Möglichkeit bietet, dann zu Euch komme. Halte also weiter den Kopf steif, es wird schon gut werden.
Als weitere Post ging ein Schreiben Deiner Eltern ein. Einen Durchschlag von diesem Schreiben wirst Du wahrscheinlich schon in der Hand haben, weil die Eltern an dem gleichen Tage auch an Dich geschrieben haben. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Ich werde ihnen schreiben, daß ich zurzeit keine Wünsche habe, denn es geht mir hier nichts ab, oder meinst Du ich soll irgendetwas äußern?
Ich wüßte aber eigentlich nicht, was ich mir wünschen sollte. Ich werde den Brief demnächst dann wieder mit beantworten.
Herrn Naumann, der Dir die Bilder zugehen ließ, habe ich heute auch geschrieben.
Gestern war ich in „Die verkaufte Braut“. Heute habe ich vor in „Raub der Sabinerinnen“ zu gehen. Ich habe mich gestern auch wieder ausgezeichnet unterhalten. Wie ich Dir früher schon einmal geschrieben habe, ist man während diesen Vorstellung nicht im Ausland oder im Krieg, sonder man fühlt sich direkt in der Heimat. Dies soll ja auch schließlich mit diesen Vorstellungen bezweckt werden.
Dienstlich wäre zu berichte, daß ich wieder in ein anders Zimmer gekommen bin, doch das ist weniger von Bedeutung, weil dieser Fall öfter eintritt. Bei uns ist hier noch alles im Aufbau begriffen, so daß man sich vielmals umstellen muß. Mir macht dies auch groß keine Schwierigkeiten, weil ich mich schließlich in jeder Lage und auch in jeder Arbeit zurecht finde. Die Arbeit selbst sagt mir bis jetzt immer noch zu. Ich habe hier jetzt vor allem das Passierscheinwesen und was damit zusammenhängt. Ein anderer Herr, der hier das Transportwesen und sämtliche Autofragen, sowie -zulassungen bearbeitet, hat mich schon wiederholt gebeten, ich soll mich dieser Aufgabe widmen. Mir ist es ja gleich, Hauptsache ist,  ich habe meine Arbeit und der Tag geht rum. Dafür ist allerdings auch gesorgt. Wir sind zwar dabei, den Franzosen einen Teil der Arbeit zu übergeben, doch ob dadurch eine Entlastung eintritt, wird sich ja zeigen. So das war einmal ein bißchen dienstlich, soweit es im Briefe zulässig ist.
Wenn du weiter Päckchen erhältst, so schreibe mir bitte. Heute ist uns mitgeteilt worden, daß wir ab nächstem Monat im Monat vier Pakete zu je 1 Pfd. nach hause schicken können. Das bedeutet für mich schon eine wesentliche Erleichterung, weil ich noch verschiedene Sachen daliegen habe, die das jetzt zulässige Gewicht überstiegen haben.
Was mich anbetrifft, na so kann ich sagen, daß ich mich soweit wohl fühle und daß es mir auch gesundheitlich gut geht. Ich habe mich auch gefreut, als ich in einem Deiner letzten Briefe las, daß Du Dich auch wohl fühlst, daß Deine Kreuzschmerzen aufgehört haben und daß Ihr alle gesund seid. Macht nur weiter so.
Ich grüße und küsse Euch drei heute wiederum vielmals und herzlich, Du aber sei wieder besonders gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.


Meine liebe Annie!                                                                  O.U., den 27.Juli 1940

Die Tage vergehen und ehe man sich umsieht, ist wieder eine Woche um. Wie im Fluge vergehen die Tage, Wochen und, wenn ich an den Einberufungstag zurückdenke, die Monate. Wir haben bei unserer Arbeitszeit und dem Arbeitsanfall immerhin ein Tempo zu entwickeln, daß man gar nicht merkt, wie schnell die Zeit vergeht. Dies kommt bei uns auch vor allem daher, weil wir einen Tag wie den andern arbeiten. Samstags wurde bei uns daheim bis zum Mittag gearbeitet und der Sonntag war frei. Diese Einrichtungen gelten im Allgemeinen hier nicht. Sonntag früh geht man auch noch einmal aufs Büro um zu sehen, ob Post da ist, vorausgesetzt, daß man nicht zum Bereitschaftsdienst eingesetzt ist. Vom Samstag selbst braucht man ja gar nicht zu reden. Na, wir gehören zum Kommis und müssen uns damit abfinden. Ich habe ja hier auch keinen Anlaß zur Klage, da uns in vieler Hinsicht Vergünstigungen eingeräumt sind, die andere vielleicht nicht haben.
Seit einigen Tagen ist der Kamerad krank, mit dem ich sonst immer ausgegangen bin, nun habe ich mich während dieser Tage an das Theater gehalten. Ich habe mich wieder einmal richtig auslachen können. Es ist ein Stück, was so um die Jahrhundertwende spielt und ausgerechnet muß auch ein Sachse darin auftreten, der mit seinem Dialekt und seinem sächsischen Gemüt von einem Extrem ins andere bringt. Für heute Abend habe ich mich eines anderen besonnen und möchte die verschiedenen Briefe, die ich hier noch vorliegen habe, beantworten. Ich muß einmal sehen, was ich davon heute los bekomme.
Post ist von Dir heute noch keine eingegangen, doch  ich will nicht undankbar sein, denn ich kann wohl sagen, daß Du im Schreiben, sowie im Päckchen senden sehr fleißig gewesen bist. Bei uns wird die Post früh am Nachmittag geholt, so kann es ja sein, daß am Nachmittag für mich wieder etwas dabei ist.
Letzthin habe ich Dir eine unserer Zeitungen zugehen lassen. Ich schilderte Dir doch von dem Bild von Konstanz was darin abgedruckt war. Ich hatte nun so gedacht, Du bringst das dem Verkehrsamt in Konstanz und sagst ruhig, daß ich bei der Stadtverwaltung angestellt bin und daß ich der Ansicht bin, daß sich diese Stelle vielleicht dafür interessiert. Du kannst ja sehen, ob die Zeitung ankommt und ob Du Lust hast, dies zu tun.
Ich bedauere nur außerordentlich, daß ich Dir wegen des Urlaubs so eine Enttäuschung bereiten mußte. Ich denke aber, daß Du Verständnis dafür haben wirst und den Kopf trotzdem oben behältst. Die Zeitungen habe ich schon z.T. ausgelesen und werde sie, nachdem sie die Kameraden gelesen haben, an die Leute hier im Hause weitergeben. So kann man mit diesen Sachen immer noch propagandistisch wirken. Ich danke Dir nochmals für die Zusendung.
Ja ich würde mich freuen, wenn ich Siegfried einmal hier begrüßen könnte. Hier ist ein Kriegslazarett eingerichtet worden, das wahrscheinlich demnächst wieder Kranke an die Heimat abgeben muß. Es ist hier allerdings fraglich, ob ausgerechnet der Zug in Frage kommt, bei dem Siegfried ist. Am besten wird es sein, man überläßt dies alles dem Zufall.
Nachdem ich hier so mitten im Getriebe sitze, so hört und sieht man vieles und man kommt auch mit vielen Menschen zusammen, die einem über dies und jenes Auskunft geben können. So auch mit dieser Erkundigung wegen dem Lazarett.
Ich möchte den Brief heute noch mitgehen lassen, damit die Kette nicht abreißt. Sei du liebe Annie wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem oft an dich denkenden Ernst.
Unseren beiden Rangen wieder die herzlichsten Grüße und Küsse. Grüße auch wieder Vater von mir, damit er nicht denkt, ich hätte ihn etwa vergessen.

Brief 34 vom 25.7.1940


Meine liebe Frau!                                                      O.U., den 25.Juli 1940

Gestern habe ich einmal geschwänzt und habe Dir keinen Brief schreiben können. In meiner Freizeit habe ich mich an den Brief für unseren Jörg gemacht. Am Abend habe ich weitere Post erledigen wollen, doch in bin dann an unserem Theater vorbeigekommen und bin dann sozusagen hineingefallen. Es war sehr unterhaltend, doch daß ich gestern Dir nicht geschrieben habe, hat mich etwas gedrückt. Es wurde im Theater so ein richtiges Volksstück gegeben, das einen wieder für die Zeit der Spieldauer aus der ganzen Umgebung gehoben hat. Man fühlte sich während dieser Zeit immer wieder in Deutschland. Dieser Tage sollen hier durch das Weimarer Staatstheater musikalische Werke aufgeführt werden. U.a. sollen „Die verkaufte Braut“ von Smetana und „Tiefland“ von d`Albert zur Aufführung kommen. Nachdem dies alles kostenlos ist, bin ich ja, nachdem ich mich ja schon immer an derartigen Dingen erfreut habe, direkt dazu gezwungen hineinzugehen. Wir können ja nicht darüber klagen, daß für die geistige Betreuung nichts für uns getan würde. In der Woche immer neues Kinoprogramm mit Wochenschau und dann diese Aufführungen.
Zwischendrin muß man ja wieder einmal zeitig ins Bett gehen, damit man auch wieder arbeiten kann. Dieser Tage habe ich einen Dolmetscher, der Schweizer ist, mit ins Kino genommen, um ihm einmal die Wochenschau zu zeigen und damit auch unseren Führer. Außerdem wurde der Film „D III 88“ gezeigt, den wir uns zusammen auch angesehen hatten. Nach dem, was mir dieser Mann gesagt hat, ist ihm dies früher noch nie gezeigt worden und er betonte noch, daß es ihm gut gefallen hätte. So muß man immer wieder für unsere Sache aufklärend wirken.
Das mit dem Kostüm hast Du ja fein gemacht. Das ist schön, daß Du Dir auch einmal etwas geleistet hast. Ich habe Dir ja auch hier noch Stoff gekauft, doch wie ich schon schrieb, wirst Du damit schon fertig werden. Laß Dich nur einmal darin fotografieren.
Gewitter habe ich hier noch keine erlebt, doch hier geht es keinen Tag ohne Regen in Lille. So ist es aber auch, entweder feiner Regen wie Nebel, dann einmal stärker und ganz starke Regen. Meistens dauern sie nicht lange, aber in allen Nuancen werden sie uns hier vorgesetzt.
Bei meiner Wohnung habe ich große Platanen vor dem Haus. Früh, wenn ich dann aufwache und es windet, dann rauschen die Bäume. Sehr oft kann man nicht unterscheiden, ob es regnet oder nur windet. Wenn ich aber auf Regen tippe, ist es auch meistens so. Ja bei uns trifft sich das Festlandklima mit dem Klima des Atlantik, daher auch die reichlichen Niederschläge. Es ist auch deshalb ohne weiteres  erklärlich, daß die Häuser hier so schwarz und verwittert aussehen. Der Regen und der Rauch von den vielen Fabriken der Umgegend -Nordfrankreich, zählt zu den stärksten Industriegebieten Frankreichs überhaupt - verbinden sich miteinander und lasse alles ziemlich schnell verwittern.
Wegen dem Weintrinken brauchst Du Dir bestimmt keine Sorgen machen. Erstens werde ich gezwungen sein, mir das daheim selbst wieder abzugewöhnen und zweitens kann ich hier schon etwas vertragen, daß ich in der Allgemeinheit nicht auffalle. Zudem weiß ich, wie in allem ja auch Maß zu halten.
Heute habe ich schon Deinen Brief vom 21. erhalten. Auch den Brief des Herrn Naumann. Ja, die Bilder solltest Du schon behalten. Das sollte für Dich eine Überraschung sein, darum habe ich Dir ja auch nichts davon geschrieben. Hast Du auch die Filme dazu erhalten?
Gefreut habe ich mich, als ich gelesen habe, daß Du drei Päckchen erhalten hast. Weitere drei Päckchen sind ja dann noch unterwegs. Wenn Dir alles zugesagt hat, so bin ich sehr zufrieden. Ja weißt Du, wenn ich Geld habe, habe ich schon Geschmack, doch daran hatte es bei uns ja bis jetzt immer gefehlt.
Ich muß sowieso sehen, daß ich noch einiges für Dich kaufe. Für die Kinder könnte ich vielleicht auch dies oder jenes kaufen, doch das ist mir immer schwieriger. Derartige Dinge kann man ja  hier verhältnismäßig billig kaufen. Wenn Du hier wärst, könnte ich dies aber noch viel besser erledigen. Na wir müssen augenblicklich eben so zufrieden sein und hoffen, daß wir bald wieder zusammen sein können. Über die Preise und die Waren habe ich mich hier sehr eingehend unterrichtet und weiß schon, wo ich hinzugehen habe.
Ich habe wieder so zwischendurch den Brief für Dich mit fertig gemacht und nun ist bald Feierabend. Sei Du mein liebes Mädel herzlich und vielmals von mir gegrüßt und geküßt und gib unseren beiden Lausern jedem einen herzhaften Kuß. Denke Du mit einem Schreiben, das mich ja schließlich jetzt nur mit Dir verbindet wieder an Deinen Ernst.