Donnerstag, 23. Juli 2015

Brief 32 vom 21.7.1940


Meine liebe Annie!                                                                  O.U. , den 21.Juli 1940

 Dein Einzelpäckchen habe ich nun auch schon erhalten. Du hast ja wieder eine feine Nase gehabt, als Du mir gleich das Wörterbuch mitgesandt hast. Ich habe ja diesen Wunsch in einem späteren Briefe geäußert, aber ich sehe, Du kannst Deine Gewohnheiten nicht lassen, mir Wünsche zu erfüllen, bevor ich sie ausgesprochen habe. Herzlichen Dank dafür.
Ebenfalls das Gebäck, was ich gestern Abend und heute früh z.T. gegessen habe. Das war wieder ein Stück Heimat. Ich muß aus allen Deinen Briefen immer wieder erkenne, daß Du Dich des Gartens in ganz besonderer Weise annimmst. Ich muß aber auch immer wieder lesen, daß Du Dich darüber freust, mir von Deinen Erfolgen mitteilen zu können. Es ist ja auch schön, wenn man sieht, wie durch die Mühe und die Arbeit und auch mit etwas Glück beim Wetter alles so schön heranwächst. Die Stachelbeeren haben sich ja fast wieder übertragen. Mit diesen sind wir eigentlich noch nie schlecht gefahren. Bei den Johannisbeeren merkt man, daß sie größer werden. Wegen den Erdbeeren weißt Du ja jetzt Bescheid, wenn aber noch etwas unklar sein sollte, schreibe mir nur, ich werde dann umgehend antworten.
Das Gequatsche von Resi war ja wieder typisch. Lassen wir sie. Ich muß erst einmal sehen, ob ich ihnen schreibe. Wahrscheinlich wird Fritz auch als Verwaltungsmensch nach dem Elsaß kommen. Na, dann braucht er ja nicht mehr zum Kommis. Da wird er aber froh sein.
Wenn einer der Herren schreiben sollte, die ich in Köln kennengelernt hatte, so kannst Du ihnen ja, je nachdem sie Dir schreiben, auf einer Karte meine Adresse mitteilen. Evtl. auch in einem kurzen Brief. Den kannst Du ja dann mit Maschine schreiben.
Wenn Du Kuster wieder sehen solltest, so kannst Du ihm ja sagen, ich hätte ihm schon geschrieben, doch durch diesen Wechsel ist es mir noch nicht möglich gewesen. Du kannst ihn vielleicht auch mit der Beschaffung der Briefmarke für mich beauftragen. Ich nehme an, daß er dies  schon übernehmen wird.
Helga habe ich heute besonders geschrieben. In den kommenden Tagen werde ich auch an Jörg zu seinem Geburtstag einen Brief schreiben. Ich würde ihm gerne etwas geschickt haben, doch leider ist mein Kontingent an Päckchen schon erreicht. Kaufe ihm nur etwas, was ihm Spaß macht. Wenn es etwas teurer sein sollte, so schreibe mir, denn dann werde ich etwas dazu geben.
Pralinen oder Schokolade brauchst Du mir nicht hierher zu senden, denn bei uns kann man hier ja alles kaufen. Was es nicht im freien Handel zu erlangen gibt, kann ich in der Kantine kaufen. Mir fehlt es hier an nichts. Nicht einmal am Geld. Doch darüber habe ich Dir ja schon berichtet.
Gestern habe ich auch die letzten zwei Päckchen für diesen Monat an Dich abgeschickt. Hoffentlich sagt Dir alles zu.
Für meine Wäsche habe ich hier auch schon jemand aufgetrieben, der sie mir wäscht. Es ist einer der Dolmetscher, der hier im Hause tätig ist, dessen Frau will sie mir in Ordnung halten. Ja, das sind so richtige Junggesellensorgen, die man da hat.
Heute früh habe ich einmal wieder alles in Ordnung gebracht, habe allerdings auch etwas länger wie sonst geschlafen. Nun bin ich am Vormittag aufs Amt gegangen, um gleich meine Briefschulden, die ich so habe, langsam zu erledigen. Ich sehe aber, daß es nur zu den Briefen an Euch langt. Den Eltern habe ich ja meine Adresse schon mitgeteilt und habe auch den Wunsch geäußert, sie Siegfried zu übermitteln, damit wir uns hier evtl. einmal treffen können, wenn ihn sein Weg hier vorüberführen sollte. Bis jetzt habe ich zwar noch keine Antwort von Leipzig, doch in den nächsten Tagen wird sicher etwas eintreffen.
Ihr alle seid wieder von mir herzlich gegrüßt und geküßt, Du aber nimm ebenfalls wieder besonders herzliche Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst.

Brief 31 vom 20.7.1940


Meine liebe Frau!                                                                                 O.U. den 20. Juli 1940

Donnerwetter war das eine Überraschung. Fünf Päckchen auf einmal. Außerdem trafen noch drei Briefe ein, die Du nach Köln gesandt hast. Weiterhin hatte mir eine Kollegin aus dem Amt in Konstanz ebenfalls nach Köln zum Geburtstag gratuliert. Dann noch die vielen Briefe, die in dem einen Päckchen waren. Ich bin also gestern geradezu mit Post überschüttet worden. Nun habe ich ja die nächsten Tage zu tun, um alles wieder zu beantworten. Du bist ja dabei wieder die erste. Ja siehst Du, Du kommst immer gut weg. Ja, ich habe mich riesig gefreut, von allen und vor allen Dingen von Dir und von den Kindern wieder etwas zu hören.
Meiner lieben Helga werde ich in den nächsten Tagen besonders einen Brief schreiben. Ich kann Dir sagen, daß es mir genau so gegangen ist mit dem warten. Doch das wirst Du ja auch aus meinen letzten Briefen selbst gesehen haben. Am Nachmittag, d.h. kurz vor der Rede des Führers, habe ich alles erhalten. Ich habe mir mit meinen Kollegen hier im Rathaus die Rede mit angehört. Die Briefe konnte ich ja noch lesen. Dann habe ich die Päckchen heimgebracht in mein Zimmer und bin dann noch zum Essen gegangen. Als ich dann etwa gegen 11 Uhr wieder heimkam, wurde mit der gewohnten Sorgfältigkeit, die Du ja an mir kennst, ein Päckchen nach dem anderen aufgemacht. Dabei habe ich mich in mein Bett gesetzt und als ich dann an die Briefe kam, die das eine Päckchen enthielt, ging dann die Leserei an. Bis gegen 12 Uhr(Mitternacht) habe ich mich dann noch so betätigt. Heue früh setze ich mich nun gleich her, damit Du gleich weißt, daß ich Nachricht von Dir erhalten habe. Deinen Brief werde ich dann nach und nach im Einzelnen beantworten sobald ich dazukomme.
Da Du Dich des Gartens in ganz besonderer Weise annimmst, möchte ich Dir auch gleich die eine Frage nach den Erdbeeren beantworten. Bei den neu gesetzten kannst Du einen Teil der Ausläufer für neue Setzlinge stehen lassen. Den Rest kannst du dann nach dem Abernten entfernen. Bei denen, die schon länger stehen, kannst Du alle Ausläufer wegmachen. Die oberen fünf Einzelreihen aus der großen Anpflanzung kannst Du ja sowieso entfernen, da die Zeit abgelaufen ist.
Meinen Brief, den ich auf der Bahn geschrieben habe und in dem ich Dir auch noch Brüssel berichtetet, hast Du anscheinend erhalten. Ich hatte ihn einem Bahnbeamten abgegeben und bin dann hinterher etwas unsicher geworden, ob er auch richtig weiterbefördert wird. Schade ist, daß ich Siegfried nicht sehen konnte. Zeit hätte ich mir ja nehmen können, wenn ich gewußt hätte, daß wir so nahe beieinander waren. Vielleicht trifft es sich so noch einmal, daß wir uns wirklich treffen.
Daß Du Kurt auch einmal eine Kleinigkeit schickst  ist ja in Ordnung, vor allem auch deshalb, weil er ja sonst auch niemand weiter hat. Ich will nun nicht damit sagen, daß er nun immer etwas bekommen muß, aber wenn Du ihm ab und zu etwas zukommen lassen kannst, so denke auch einmal an ihn.
Wenn Du Dich mit dieser Frau Ehret unterhältst, so habe ich ja sonst nichts dagegen, nur eins will ich dabei nicht haben, daß die Leute mit Dir vielleicht nachher vertraulich tun. Du mußt das nicht so scharf auffassen, wie ich es vielleicht gesagt haben kann, als ich bei Euch war. Ich kann es wohl verstehen, daß bei dem langen Ausbleiben meiner Post bei Dir die Spannung von Tag zu Tag gestiegen ist, doch Du hast es ja selbst gesehen, daß es nicht an mir gelegen hat und tröste Dich mit dem, daß ich in den drei Wochen habe auch mit einem Brief auskommen müssen. Glaube mir, es ist mir auch nicht immer leicht gewesen. Ich hoffe ja nun, daß die Post einigermaßen laufend wieder wechselt, denn ich habe ja wieder meinen regelmäßigen Dienst im Schreiben aufgenommen. Ich kann Dir aber sagen, daß ich mich gefreut habe, als ich aus Deinem Brief lesen konnte, daß Du Dich auch tapfer in alles gefügt hast und daß Du mit den anderen vielen tausenden Frauen gefühlt hast.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dir aber nochmals versichern, daß mein ganzes Arbeiten eigentlich nur Euch gilt und daß ich nur an Euch denke. Habe also keine Angst, daß ich Euch vergesse. Auf dieses Thema werde ich bei passender Gelegenheit nochmals zurückkommen.
Nehmt Ihr alle viele herzliche Grüße und Küsse entgegen. Du aber sei von mir besonders herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.

Brief 30 vom 18.7.1940


Meine liebe Annie!                                                   L. den 18.7. 1940

In Bezug auf die Post könnte ich fast vergleichsweise singen „Ich steh im Regen und warte auf Dich“. Ich will nun nicht hoffen, daß Du auch so lange warten mußt. Bei mir macht ja das nicht so viel aus, denn ich habe ja beim Kommis Disziplin gelernt. Ich habe ja, wie man unter jetzigen Verhältnissen das verstehen muß, meine Ordnung. Früher haben wir immer uns gewünscht einmal auswärts essen zu können. Jetzt muß ich dies jeden Tag tun. Mittags ist ja bei mir von Amtswegen festgelegt. Zum Abend habe ich auch so eine Art Stammlokal ausfindig gemacht, wo sich Preis und Gegenleistung einigermaßen vereinbaren lassen. Mit dem Frühstück habe ich noch so meine Schwierigkeiten, weil die entsprechenden Lokale, die mir einigermaßen zusagen, zu weit aus dem Weg liegen und die übrigen bieten mir nicht das, was ich wünsche. Man kann sich so nach und nach in das Innenleben eines Junggesellen einfühlen. Was für mich aber von großer Bedeutung ist, ich weiß erst wieder wie schön es ist, die Füße unter den Tisch zu stellen und sich das Essen vorsetzen zu lassen. Ich werde mich in dieser Beziehung weiter so durchschlängeln. Ich denke, daß es wieder einmal eine Zeit geben wird, wo wir wieder zusammen sein können. Warten wir also weiter ab und überlassen wir alles andere wieder der Zukunft. Was unsere Urlaubsfrage anbelangt, so kann ich bis jetzt noch keine weitere Auskunft geben, da ich noch nichts wieder gehört habe.
Heute habe ich wieder etwas ganz fabelhaftes für Dich gesehen. Es handelt sich dabei um einen Pelzmantel. Er ist sehr billig, doch ist mir nur die Hauptsorge, wie ich diese Sachen heim bekomme. Gekauft habe ich ihn zwar noch nicht, aber vielleicht werde ich es noch tun. Jedenfalls war ich ganz begeistert darüber, was ich da gesehen habe. Man könnte hier vieles kaufen, weil man hier so vielseitig angeregt wird. Es ist nur gut, daß auch unserem Wehrsold eine Grenze gesetzt ist. Ich habe bei dieser Kauferei eigentlich nur den einen Wunsch, Dir dabei eine Freude zu machen. Da wir aber soweit voneinander getrennt wind, kann man dies ja nur so durchführen, daß man im Rahmen des Päckchenkontingents solche kleine Aufmerksamkeiten schickt.
Auf unserer Suche nach geeigneten Speiselokalen sind wir wieder auf ein neues gestoßen. Da kann man sich ungehindert richtig satt essen. Es geht dort nicht kleinlich zu. Die Inhaberin ist durch ihre Heirat Deutsche geworden. Sie verpflegt deutsche Soldaten, die wie wir ja auch, in freier Verpflegung  stehen. Die meisten sagen zu dieser Frau, die wahrscheinlich Witwe ist, Mutti. Daraus kann man doch ersehen, wie die Frau für die Männer sorgt. Wenn man die Sorgfalt, mit der man doch daheim sonst umgeben  ist, hier nur, wie oben geschildert, im Abglanz verspürt, so ist man ja schon ganz zufrieden. Vor allem auch deshalb, weil die Leute deutsch sprechen und die ganze Aufmachung mehr unseren Gewohnheiten entspricht. Doch genug davon.
Wie geht es Euch dreien, was mach Vater?
Kurt und die Eltern werden sicher wieder geschrieben haben. Siegfried sicherlich auch. Kommst Du so mit der Gartenarbeit mit? Laß lieber etwas liegen und überarbeite Dich nicht so. Wenn es möglich ist, so nutzt bitte die Badezeit aus, der Winter ist immer so lang. Ihr habt Euch dann wenigstens dadurch etwas gekräftigt.
Nachdem ich nun schon einmal hier oben sitze, will ich versuchen, einmal an das Meer zu kommen. Boulogne, Calais oder Dünkirchen würde ich dabei als Ziel ins Auge fassen. Sehen muß ich dann erst, welcher Wunsch dabei in Erfüllung geht. Sei Du diesmal wieder vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Herzliche Küsse von mir gib unseren Kindern, sage ihnen aber gleichzeitig, sie sollen brav sein.

Brief 29 vom 17.7.1940


Meine liebe Frau!                                                                        O.U.. den 17.Juli 1940

 Bis heute immer noch keine Post. Du wirst sicher selbst denken, wann hört denn einmal dieser Stoßseufzer auf. Wenn man aber wartet, scheint einem alles länger zu dauern. Ich werde mich aber weiter gedulden.
Wie es scheint, habe ich mit der Urlaubsangelegenheit etwas voreilig geschrieben. Es tut mir leid, daß ich in dieser Beziehung schon wieder eine halbe Absage schreiben muß. Unser Chef ist der Ansicht, daß wir nicht in Urlaub wollten, nachdem wir ja erst kurz hier seien. Wir müssen nun sehen, wie diese ganze Frage behandelt wird. Zu gegebener Zeit werde ich Dir also darüber wieder schreiben.
Von mir selbst könnte ich augenblicklich nichts weiter berichten als das, was ich ja schon in den letzten Tagen geschrieben habe, daß unser Tagwerk so ziemlich festgelegt ist und abgesehen von kleinen Abänderungen, die sich ja immer ergeben, normal abläuft.
Ich könnte Dir heute höchstens über die Belegschaft etwas schreiben. Wir sind hier bei der „Mairie“ zu Deutsch, Bürgermeisterei, elf Männer und eine Dame als Schreibfräulein. Unser Chef ist im Zivilleben Bürgermeister von Würzburg. Wenn ich ihn charakterisieren soll nach dem, was ich bis jetzt von ihm kennengelernt habe, kann ich nur sagen, daß ich bis jetzt nichts zu klagen habe. Zwei weitere Kollegen sind von Baden. Einer in meinem Rang ist aus Mosbach und der andere ist noch so eine Stufe höher, der kommt von Freiburg. Weiter haben wir noch vier Mann, die dem Verwaltungstrupp angehören, die kommen alle von Schlesien. Ein anderer Herr ist aus Pommern und einer aus Kiel. Das wären so bald alle. Verschiedene waren davon in Verwaltungen tätig, andere sind nur aus verwandten Betrieben. Wir bilden hier so eine kleine Gemeinschaft, die nun ihre Stärken und ihre Schwächen hat. Über die Schwächen muß man ja meistens hinwegsehen. Das Schreibfräulein ist eine Elsässerin, die mit einem Franzosen verheiratet ist. Sie weiß allerdings über den Aufenthalt ihres Mannes noch keinen Bescheid, weil er mit gegen  uns gekämpft hatte. Sie wurde unserer Verwaltung von der franz. Bürgermeisterei zur Verfügung gestellt, weil sie deutsch und franz. beherrscht. Dass wir hier dem französischen Bürgermeister vor die Nase gesetzt worden sind um die Arbeiten, die wir für wichtig halten zu überwachen, habe ich Dir ja schon einmal mitgeteilt.
Zu der Karte, die ich meinem gestrigen Brief beigefügt hatte, muß ich noch bemerkten, daß von dem hohen Turm nach jeder Seite hin die Fahnen des Reiches wehen. Als ich hier in den Bahnhof einfuhr konnte ich diese Fahnen schon beobachten und es hatte mich seinerzeit sehr gefreut das zu sehen. Daß das nun gerade unser Dienstgebäude war, konnte ich ja noch nicht wissen, jetzt freut es mich ja um so mehr, vor allem, wenn man bedenkt, wie diese Gesellschaft gegen uns gehetzt hat und nun müssen sie es doch dulden, daß das Hakenkreuz von ihrem Turm weht.
Dir sende ich diesmal wieder viele Grüße und Küsse und bitte Dich, gib jedem unserer Borzels einen kräftigen Kuß. In treuer Verbundenheit denkt vielmals an Dich Dein Ernst.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Brief 28 vom 15./16.7.1940


Meine liebe Annie!                                                            L., den 15.7. 1940

Es ist also wirklich nicht leicht, wochenlang jeden Tag nur von sich selbst und seinen Eindrücken zu schreiben, ohne dabei einmal aus Mangel an Gelegenheit auf die Gedanken des Partners eingehen zu können. Wie ich Dir schon letzthin schrieb, werde ich mich zu gedulden wissen. Mich freut bei dieser Angelegenheit nur das eine, daß Du wenigstens so ziemlich laufend von mir mit Post versorgt worden bist. Ich habe ja meiner bisherigen Gewohnheit keinen Abbruch getan und habe weiterhin jeden Tag, außer Samstag, geschrieben.
Heute kann ich Dir nun eine Mitteilung machen, die Dich sicher freuen wird. Ich habe heute, allerdings noch inoffiziell, erfahren, daß wir ab 20.7. wieder in Urlaub gehen können. Der Urlaub ist für jeden auf etwa drei Wochen bemessen. Ich bin mir nur noch nicht ganz im Klaren, soll ich, wenn ich ja die Wahl haben sollte, bis zu Deinem Geburtstag warten, oder soll ich, wenn ich für früher eingeteilt werde, früher fahren. Gib mir doch umgehend Deine Ansicht bekannt. Freust Du Dich darüber, wenn ich in absehbarer Zeit heimkommen kann? Außerdem habe ich Dir noch mitzuteilen, daß ich mir hier einen Anzug bauen lasse, zum Preise von 65,-RM. Für die Kosten komme ich selbstverständlich selbst auf. Wie ich ihn heimbringe macht mir zwar einige Gedanken, doch ein Weg wird sich schon finden.
Auf den Inhalt meiner Päckchen, die ich jetzt im Laufe der Zeit absenden werde, möchte ich, soweit ich noch alle in Erinnerung habe, kurz eingehen. Es sind dabei für Dich zwei Trikotgarnituren in blau und rosa, ein Kragen für eine Bluse, verschiedene Taschentücher, ein Schal, eine Kombination in Seide, ebenfalls in blau. Ein Paar Handschuhe. Ich kann ja nicht sagen, ob ich immer das richtige getroffen habe, ich hoffe aber, daß Du alles richtig verwerten wirst. Heute habe ich nun noch Stoff zu je einem Kleid für Dich und Helga gekauft. Hier habe ich noch einen Schal und ein Nachthemd für Dich liegen. Ich habe nur noch den Wunsch, alles richtig heimzubringen und daß alles richtig ist. Ein Paar Strümpfe sind auch noch dabei. Jetzt bin ich auch ziemlich blank nach diesen Käufen.
Heute Abend war ich wieder im Kino. „Das Paradies der Junggesellen“ mit dem bekannten “Das kann doch einen Seemann“ usw. Ich habe mich dabei wieder ganz gut unterhalten für 20 Pfennig. Man vergißt sich dabei und merkt gar nicht mehr, daß man in Frankreich ist.
Fast jeden Tag findet sich in meinem Zimmer etwas Neues ein. Vorgestern kam  ein weiterer Teppich ins Zimmer. Gestern befanden sich zur vorschriftsmäßigen Abdunkelung dicke Vorhänge an den Fenstern. Wenn ich noch eine Weile hier bleiben sollte, wird es sogar wohnlich hier werden. Überlassen wir aber alles der Zukunft.
Hoffentlich seid Ihr alle gesund. Ich grüße und küsse Euch drei recht herzlich und wünsche nur, daß Du auch immer an Deinen Ernst denktst.
Grüße Vater von mir.


Meine liebe Annie!                                                                 L., den 16.7. 1940

Wieder habe ich heute vergebens auf einen Brief von Dir gewartet und doch habe ich wenigstens einen Gruß aus der Heimat erhalten. In unserer Tageszeitung, die wir  hier bekommen, war heute ein Bild vom Konzil vom Stadtgarten aus zu sehen. Es war ja gewissermaßen auch ein Gruß, wenn zwar nicht der, den ich erwartete.
Heute herrschte hier Liller Wetter. Den ganzen Tag trüb, zwischendrin immer einmal wieder Regen. Weiter sind hier noch in der Nacht sehr unangenehm zu vermerken die Schnaken. Man kann abends kaum einschlafen und wenn  man sich nicht ganz fest vermummt, so ist man frühmorgens ganz zerstochen.
Postkarten sind zwar keine schönen aufzutreiben, dafür sind sie sehr billig, das Stck. 2 1/2 Pfg.
Die beigefügte Karte zeigt einen Teil unseres Rathauses, damit du wenigstens annähernd einen Eindruck davon bekommst.
Über Mangel an Arbeit kann ich mich ja nicht beklagen. Vorteilhaft dabei ist nur, daß der Tag schnell herumgeht.
Heute habe ich die zweite Päckchensendung an Dich abgehen lassen. Es sind diesmal zwei größere Kartons. Im Ganzen sind von mir vier Stücke abgesandt. Ich hoffe nun, daß alles richtig ankommt. Die restlichen zwei, die noch zu meinem Kontingent für diesen Monat gehören, werde ich bald abgehen lassen.
Heute früh hatten wir wieder einmal Fliegerbesuch, was man durch heftige Flakabwehr feststellen konnte. Weiter kann ich Dir noch mitteilen, daß wir aus der Beschlagnahmung eine große Tüte Bohnenkaffee erhalten haben. Es ist also immer wieder einmal etwas umsonst zu erhalten.
Dich grüßt und küßt vielmals herzlich Dein Ernst.
Unseren Gören gib einen herzhaften Kuß und sagen ihnen, daß ich sie grüßen lasse. Sie sollen nur brav sein und Dich nicht ärgern.
Meine Hosenträger, die ich übrigens vergessen hatte, kannst Du mir vielleicht einmal mit zusenden, weil meine jetzigen , die ich mir noch in Köln gekauft hatte, den Dienst schon versagen.

Brief 27 vom 14.7.1940


Meine liebe Frau!                                                  Lille, den 14.Juli 1940

Ich hatte die Absicht, Dir einen langen Brief heute zu schreiben.
Die Zeit ist nun doch wieder herumgegangen und nun wird es doch nicht soviel werden, wie ich eigentlich vor hatte. Ich habe einige Päckchen für Dich fertig gemacht und das ist nicht so einfach, weil das Gewicht von 250 Gramm nicht überschritten werden darf.
Ich schicke morgen zwei von hier weg. In etwa 2 - 3 Tagen wieder 2 und nach diesem Zeitabstand werde ich die restlichen 2, die mir diesen Monat zugelassen sind, abschicken. Für den kommenden Monat habe ich dann wieder ein paar Sachen noch da liegen.
Nachdem diese Gewichtsbeschränkung besteht, hat man eben sehr mit Schwierigkeiten zu kämpfen, weil ich einige Artikel da habe, die an sich am Stück schon schwerer sind, als das, was zugelassen ist. Du wirst mir ja dann Bescheid geben, ob alle seine Ordnung hat. Was ich etwa geschickt habe, werde ich Dir dann in einem anderen Brief mitteilen.
 Heute ist nun Sonntag. Am Vormittag habe ich gearbeitet und heute Nachmittag habe ich mich rein privat hier auf dem Amt betätigt. Es ist ja nicht so einfach, sich in einer fremden Stadt so über den Sonntag hinwegzubringen, ohne immer viel Geld auszugeben. Ich war, das kann ich wohl sagen, ohne dabei rot zu werden, die letzten Tage sehr solid und bin auch gestern wieder 1/2 9 Uhr daheim gewesen. Ich habe dann meine Sachen gerichtet und die Päckchen an Dich vorbereitet. Ich habe immer geglaubt, heute vielleicht zum Sonntag von Dir Post zu erhalten, doch auch diesmal mußte ich mich wieder gedulden. Ich nehme an, daß nun in den nächsten Tagen bald etwas kommen wird. Man wird mit der Zeit ungeduldig und glaub es erzwingen zu können. Man muß sich eben darein finden und abwarten.
Solange ich noch keine Briefe von Dir beantworten muß, will ich Dir noch etwas von meinen Endrücken schildern, die ich hier so jeden Tag gewinnen kann. Vorher möchte ich Dich aber noch um verschiedenes bitten. Einige Herren, die hier als Dolmetscher wirken, haben mich um deutsche Zeitungen gebeten. Ich bitte Dich, sende mir doch einige der I.B und auch sonstige Zeitungen, die wir von den Eltern erhalten. Vielleicht kann man damit etwas aufklärend wirken. Ein anderer Herr hat danach gefragt, ob uns Hans Fritsche (Zeitungs- und Rundfunkschau) die Reden die er jede Woche gehalten hat, im Buchhandel zu erhalten wären. Wenn Du so etwas  in Konstanz bekommen kannst, so kaufe es doch und sende mir dies ebenfalls zu. Wenn Du damit einige Auslagen haben solltest, werde ich Dich schon irgendwie wieder entschädigen.
Den Gesamteindruck, den die Stadt hier auf mich gemacht hat, habe ich Dir ja schon geschildert. Über das Rathaus habe ich ja auch schon geschrieben, daß dies ein ganz neuer Bau ist. Eine Karte werde ich Dir demnächst mit beifügen, damit alles etwas anschaulicher wirkt. Stil ist zwar keiner dabei, aber dafür hat es ja auch viel Geld gekostet.
Die Leute schimpfen jetzt über die Sozis, die dafür soviel Geld verschwendet haben. Die Innenausstattung ist auch in keiner Weise kleinlich ausgefallen, so daß wir uns mit unseren Büromöbeln in Konstanz dagegen wirklich nicht sehen lassen können. Was die Außenansicht selbst noch anbelangt, so fällt ein ganz besonders hoher Turm auf, der ganz unmotiviert daneben steht. Er paßt zwar zu allem nicht dazu, doch wie gesagt, auf die Schönheit kam es dabei wahrscheinlich nicht besonders an.
Die halb abgebrochenen Häuser und die noch da stehenden sind vollkommen verrußt und verdreckt. Die Seitenfronten der Häuser und die Bauzäune sind mit schreienden Aufschriften oder Plakaten versehen, so daß man sagen könnte, ein Stadtbaumeister hätte hier eine sehr dankbare Aufgabe.
Die Lebensverhältnisse der Bevölkerung sind nach meiner Feststellung, die ich bis jetzt treffen konnte, nicht gerade überragend. Die durch die Deutschen eingesetzten Hilfsmaßnahmen werden wohl in Anspruch genommen, doch von einer ausgesprochenen Dankbarkeit kann wohl keine Rede sein.
Die Leute stehen schon stundenlang, bevor die Ausgabestellen geöffnet werden, Schlage und warten ebenso lange, bis sie an die Reihe kommen. Bei den Franzosen scheint man wahrscheinlich sehr viel Zeit zu haben. Unser Tempo ist ihnen nicht so bekannt und auch nicht so geläufig. Es kann ja sein, daß auch hier noch manche Änderung eintreten wird.
Wenn man das den Leuten hier sagt, daß wir anderes Arbeiten gewöhnt sind oder daß bei uns dies oder das besser sein, so bekommt man hier kaum eine zustimmende Antwort, und wenn, dann nur zögernd. 
Man merkt aber auch in allem, daß diese Herrschaften sich immer noch in ihrem alten Fahrwasser befinden. Man wird wohl nicht alles verallgemeinern können, doch für den Durchschnitt wird dies doch zutreffen. Das war uns ja auch schon früher bekannt. daß sich die französischen Frauen gerne anmalen und gerne neue Kleider anziehen. Dabei kann man aber oft beobachten, daß soweit auch alles in Ordnung ist, aber die Strümpfe sind entweder nicht gestopft oder nicht gewaschen. Weiterhin habe ich hier Kinder gesehen, die tatsächlich vor Schmutz starren, dabei bin ich noch nicht einmal so in die richtige Vorstadt und die Arbeiterviertel hineingekommen.
Wiederholt haben uns schon Kinder angehalten, sie möchten „Money“ oder „Sou“. In dieser Beziehung kann ich nun kein Verständnis aufbringen. Vor allem soll die französische Bevölkerung, die dazu in der Lage ist, dafür aufkommen, denn warum soll denn der deutsche Soldat noch für die Fehlpolitik der französischen Wirtschaft herhalten.
Im Übrigen haben wir ja durch den Einsatz der NSV gewiß schon viel getan. Aber gerade die besser situierten Leute scheinen hier nicht viel für ihre armen Volksgenossen übrig zu haben (bei uns soll es ja auch so etwas geben).
Wir haben uns bis jetzt aus aller Not selbst herausgeholfen, so kann ich auch grundsätzlich und aus diesen Gesichtspunkten heraus mich nicht dazu entschließen, hier etwas zu tun.
Was werdet Ihr wohl heute am Sonntag unternommen haben. Ich glaube kaum, daß Ihr so wechselhaftes Wetter habt, wie es hier bei uns der Fall ist. Meine Haushälterin sagt mir fast jeden morgen „il pluie“ es regnet.
Ja diese Frau macht mir schon einige Sorge, denn die will mir unbedingt französisch  beibringen und ich bin eigentlich gar nicht so scharf darauf. Wenn die Leute was von uns wollen, sollen sie deutsch lernen.
Gestern hat sie mir in meinem  Zimmer einen weiteren großen, zwar älteren Teppich herein gelegt. Sie will mir das wohnen scheinbar etwas angenehmer machen. Eigentlich komme ich ja nur zum schlafen dahin.
Euch alle grüße ich heute wieder recht herzlich. Gib unseren beiden Kerlchen einen herzhaften Kuß. Du sei aber von mir wieder besonders gegrüßt und geküßt. Ich bin auch in der Ferne immer noch Dein Ernst.

Sonntag, 12. Juli 2015

Brief 26 vom 11./12.7.1940


Meine liebe Annie!                                                          Lille, den 11.Juli 1940

Nachdem ich nun auch gestern um 9 Uhr, also anschließend nach dem Essen heimgekommen bin, ist heute dieser Fall schon wieder eingetreten. Meine „bonne“ fragt schon immer, ob sie die Türe schließen kann. Sie erwartet also doch normalerweise, daß man um diese Zeit noch gut ausgehen kann. Da ich nun aber noch die Aufgabe habe, Dir zu schreiben, so habe ich es doch vorgezogen, heimzugehen. Du siehst ja dabei wieder, welch erzieherischen Einfluß Du auch noch in der Ferne auf mich ausübst. Ich tröste mich aber trotzdem noch mit einem Schluck Cherry Brandy, den ich mir zugelegt habe, damit ich daheim an solchen Abenden nicht ganz trocken sitzen muß. Ich habe Dir ja schon einmal geschrieben, aus welchem Grunde man hier diese Getränke zu sich nimmt. Bei unseren Verhältnissen daheim werde ich dann diese Mätzchen wieder ganz von selbst bleiben lassen.
Einer Sache bin ich jetzt so ziemlich auf die Spur gekommen. Mein Einsatz hier ist mit aller Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen, daß ich mich seinerzeit nach Polen gemeldet hatte. Es ist zwar etwas anderes daraus geworden, doch vielleicht habe ich noch das Glück, nachdem wir Soldaten ja doch nicht heimkönnen, mit nach England dann zu kommen.
Bei der Stärke des Reichs und der Schlagkraft unserer Wehrmacht fängt man auf einmal anders zu denken an. Man weiß nur noch eins, daß wir über England siegen werden und daß dieser Sieg nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.
Heute beim Mittagessen ist uns wieder ganz Besonderes serviert worden. Die Vorspeisen, bestehend aus Pilzen und Kartoffelbrei wurde in Muscheln wie wir sie als Aschenbecher kennen, aufgetragen. Ja, für Abwechslung wird gesorgt.
Eine weitere Kleinigkeit habe ich Dir heute wieder gekauft; ich glaube aber, ich muß diese Andeutungen ganz weglassen, sonst wirst Du in Deiner Neugier ja ganz ungenießbar. Wie gesagt, Sorge macht nur die Übersendung. Doch da wird auch noch ein Weg und ein Rat zu finden sein. Post habe ich ja immer noch nicht von Dir erhalten, doch das kann ja auch noch nicht möglich sein.
An Nanni werde ich auch noch schreiben, damit ich einmal meine Schreibverpflichtung wieder erledige. An den Kamerad Gloger werde ich auch demnächst schreiben. Hast Du inzwischen die Schuhe schon erhalten und wenn ja, ist es das richtige? Du wirst mir ja zu gegebener Zeit berichten.
Nimm Du liebes Mädel wieder viele herzliche Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst.
Küsse unsere beiden Strolche in meinem Auftrag herzlich. Vater grüße bitte von mir. –


Meine liebe Frau!                                                                 L., den 12.7.1940

Seit meinem kurzen Besuch bei Euch sind nun wieder 14 Tage verstrichen und annähernd 2 Monate, seit ich überhaupt einziehen mußte.
Wie lange mir nun die Zeit erscheint, dabei gehen doch im sonstigen Alltag diese Tage nur so dahin, ohne daß man  groß Notiz davon nimmt.
Seit diesen 14 Tagen habe ich nur einmal Post von Dir erhalten. Obwohl ich genau weiß, daß Du nicht daran schuldig bist, weil es durch die Änderung, die  nun einmal eingetreten ist, sich ergibt, so würde ich mich doch wieder freuen, wenn ich wüßte, wie alles bei Euch daheim steht.
Ich stelle mir wohl vieles vor, was Ihr wohl macht oder wie es sonst gehen wird, aber dabei fehlt mir doch die Gewißheit über alles, die ich dann aus Deinen Briefen herauslese.
In dieser Beziehung bist Du ja entschieden besser dran, denn den größten Teil meiner Briefe wirst Du wohl schon haben.
Der Dienst geht nun tagaus tagein seinen üblichen Gang mit den verschiedenen Abwechslungen. Eine Unterbrechung unseres Tagesprogramms ist nur dadurch eingetreten, daß wir heute Abend eine Theatervorstellung hatten, wie Du aus den beigefügten Eintrittskarten ersehen kannst. Es war nun nicht gerade überragend, aber immerhin haben wir uns heute Abend billig unterhalten. Durch diese Vorstellung ist es schon 1/2 12 Uhr geworden und ich bin heute auch nicht eher zum Briefschreiben gekommen. Du wirst daher für heute entschuldigen, daß ich schon Schluß mache.
Wahrscheinlich werde ich am Sonntag Dienst haben, wobei ich wahrscheinlich wieder etwas länger schreiben werde, vorausgesetzt, daß ich sonst nicht daran gehindert werde.
Gute Nacht liebes Mädel, küsse unsere beiden Stromer herzlich von mir und sie sollen nur ja brav bleiben. Du selbst sei aber vielmals und herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.