Freitag, 10. Juli 2015

Brief 23 vom 4./5.7.1940


Meine liebe Annie!                                                       Unterwegs, den 4.Juli 1940

 10 Uhr Jetzt, wo ich das Datum schreibe, merke ich erst wieder, daß ja heute mein Feiertag ist.
Ja, die Jahre vorher hast Du mir diese Tage immer so schön gestaltet und wir konnten sie immer zusammen verbringen. Diesmal ist es unter dem Zwang der Verhältnisse anders.
Eines weiß ich ja gewiß, daß Ihr mich nicht vergessen habt und daß Ihr an mich denkt. Die Entwicklung geht vorwärts und wir müssen in sie hineinwachsen.
Ich bin nun heute früh 7.25 Uhr in Köln mit dem D-Zug nach Brüssel abgefahren. Wie ich gehört habe, ist der Zug etwa gegen 17 Uhr in Brüssel. Es kann evtl. von da aus noch einen Tag dauern, bis ich dann in Lille bin. Wir haben jetzt in Dalheim bei Mönchengladbach einen längeren Aufenthalt, den ich nun gleich dazu benutze, meinen heutigen Brief an Dich anzufangen.
Von 1 - 3/4 3 Uhr waren wir in Köln wieder im Keller und um 6 Uhr habe ich mich wecken lassen. Die Nachtruhe war zwar etwas kurz, doch das macht mir ja schließlich nichts aus, denn den Komfort, wie wir ihn im Hotel gehabt haben, werden wir wohl in Zukunft wegfallen lassen müssen. Ebenso das fließende warme und kalte Wasser, sowie das Haustelephon wird nicht überall vorhanden sein.
Dies sind ja für mich nicht gerade Sachen, an denen ich besonders hänge. Ich werde mich immer so einrichten, wie es die Umstände von mir verlangen werden. Wie ich gerade feststelle, überfahren wir hier in Dahlheim gleich die holländische Grenze, ich habe somit nach genau einer Woche wieder die Reichsgrenze verlassen. Jetzt werde ich noch das letzte Stückchen von Deinem Kuchen zur Feier des Tages verzehren.
Ja, man muß sich alles einteilen. 1/2 2 Uhr. Nachdem wir holländisches Gebiet durchfahren haben, sind wir nun nach Belgien gekommen. Verschieden gesprengte holländische Brücken haben wir nun passiert. Dies und einige Schützengräben und Bunker  längs der Bahnlinie sind noch die Zeugen des Krieges, der hier durchgegangen ist. Es geht nun auf Mitternacht zu und ich möchte Dir nun noch kurz den weiteren Verlauf des Tages schildern.
Wir sind über Hasselt, Löwen nach Brüssel gefahren, wo ich nun in einem Hotel wieder über Nacht bleibe. In Löwen und Umgebung ist schon dazwischen gepfeffert worden und man hat schon einen Teil der Spuren des Krieges, der auch über dieses Land gegangen ist, vom Zug aus sehen können.
Zur Begrüßung wurde hier gleich mit schwerer Flak geschossen, das war nun nicht etwa wegen mir, aber man merkt auch da, daß man mehr dem Kriege selbst zu kommt.
Wenn man diese Spuren gesehen hat, kann man nicht froh genug sein, daß einem das alles erspart geblieben ist im eigenen Lande. Ich kam hier am Nordbahnhof an und habe ein Quartier am Südbahnhof erhalten. Auf der Straßenbahn mußte ich nichts zahlen, doch wenn man so fremd daher kommt, und die Leute verstehen einen so schlecht, dann ist das nicht so einfach, bis man sich an den richtigen Ort durchgeschleust hat.
In einem Speisehaus habe ich dann zu Nacht gegessen, es war zwar reichlich, hat aber immerhin 2,30 RM gekostet.
Bis man hier mit allem vertraut ist, kann es ja passieren, daß man übers Ohr gehauen wird, aber lange macht man das ja bekanntlich nicht mit mir.
Vorhin war ich im Soldatenkino für 20 Pfennige. „Spiel im Sonnenwind“. Es war etwas sehr leichtes, doch man hat sich noch einmal etwas unterhalten. Meinen Spaziergang habe ich dann anschließend fortgesetzt. Morgen früh geht es 6 Uhr wieder weiter. Den Brief will ich morgen durch die Feldpost absenden lassen. Mal sehen, ob´s geht. Sei Du liebes Mädel herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Den Kindern herzliche Küsse.

 Meine liebe Annie!                                                                   Lille, den 5.7.1940

 Heute bin ich nun endlich in meinem Bestimmungsort eingetrudelt.
Ich habe mir den Betrieb einmal angesehen und mich dem Stadtkommissar vorgestellt. Bis jetzt kann ich ja noch nicht viel sagen, weil ich den ganzen Nachmittag damit zugebracht habe, mir ein Zimmer zu suchen. Ich kann Dir nur sagen, es war einfach drollig. Der Hausbesitzer versteht kein Wort deutsch und ich kein Wort französisch. Nach langem Kopfnicken und Achselzucken hatte ich es endlich soweit, daß ich ihm verständlich gemacht habe, daß ich einen Dolmetscher vom Amt, der dem Wirt nach vielem Erklären klargemacht hat, daß ich das Zimmer nehmen würde. Es ist dies ein schönes großes Zimmer in der Boulevard de la Liberte (Straße der Freiheit). Es ist zwar etwas in seiner Aufmachung kalt und nüchtern, aber für meine Zwecke ist es ausreichend. Die Bevölkerung war und ist auch noch zum größten Teil geflüchtet, und es wird noch eine Weile dauern, bis alles seinen alten Gang geht.
Viele neue Eindrücke sind heute wieder auf mich eingestürmt und ich habe die Feststellung getroffen, daß ich mich bemühen muß, französisch zu lernen, wenn ich hier überhaupt mitkommen will. Die ältliche Haushälterin des Wirtes versucht schon, mir dies und jenes begreiflich zu machen. Ich kann überhaupt sagen, daß einem die Bevölkerung anständig und mit Achtung entgegen kommt.
Nach Feierabend habe ich einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt gemacht. In einem Park, in dem am 28. und 29.5. Kämpfe mit den Engländern stattgefunden haben, habe ich die Gräber von 9 gefallenen Kameraden besucht. Diese Stadt war ja fast ausschließlich durch Engländer besetzt gewesen.
Meine Anschrift ist jetzt: Feldpostnummer 29297. Ich grüße Dich und gebe Dir recht herzliche Küsse. Küsse aber auch die Kinder von mir. Im Geiste bin ich immer bei Dir Dein Ernst.

Freitag, 3. Juli 2015

Brief 22 vom 3.7.1940


Meine liebe Annie!                                                    Köln, den 3.Juli 1940

Jetzt habe ich meine Uniform beieinander und heute Nachmittag werde ich mich bei dem Hauptmann Uhlhorn vorstellen, damit ich für den nächsten Transport mit vorgemerkt werde. Wir werden ja höchstwahrscheinlich mit Omnibussen dorthin befördert werden, es sei denn, daß die Eisenbahnverbindung bis dahin wieder in Ordnung ist.
Ich werde heute Nachmittag versuchen, die Genehmigung zum Kauf von ein paar schwarzen Schuhen zu erhalten. Es wäre mir dann recht, wenn Du mir zu diesem Zwecke noch 10 RM irgendwie zusenden würdest. Am besten wird es sein, wenn Du dies durch Postanweisung  machst. Die Schuhe, die ich gefaßt habe, sind etwas schwer und es wäre dann für mich eine Erleichterung, wenn ich tatsächlich ein Paar bekommen würde.
Mit größter Pünktlichkeit haben wir wieder um 1/2 1 Uhr in den Keller gemußt, diesmal wieder bis 1/4 3 Uhr. Man würde direkt aus der Gewohnheit kommen, wenn um diese Zeit kein Alarm wäre.
Gestern war ich hier im Kino und habe mir die Wochenschau auch angesehen, das war ja ganz gewaltig, was man da wieder zu sehen bekam. Außerdem lief noch ein anderer Film „Zwei Welten“, der mich ausgezeichnet unterhalten hat. Sollte der einmal bei Euch laufen, so möchte ich ihn Dir wirklich empfehlen.
Meine Erkältung kommt nun, wie bei mir üblich, endlich durch einen Schnupfen heraus. Die Taschentücher und die sonstige Wäsche lasse ich Dir dann sicher noch zugehen. Du kannst mir dies ja später gewaschen wieder zugehen lassen.
An Nanni werde ich heute auch noch kurz schreiben, daß sie weiß, was jetzt los ist. Ebenfalls werde ich der Kompanie in Hradisch Mitteilung geben, daß sie alle Post zu Dir senden soll. Du kannst sie mir ja dann, sofern es wichtig ist, wieder zuschicken.
Post habe ich von Dir noch nicht erhalten, doch es kann ja sein, daß bei der Nachmittagspost von Dir etwas dabei ist.
Sei Du herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
Grüße und küsse die Kinder herzlich und richte auch Vater freundliche Grüße aus.


 Meine liebe Frau!                                                  Köln, den 3.Juli 1940

 Nun ist es soweit, daß ich hier abrücken kann.
Heute Nachmittag bei meiner Vorstellung erhielt ich die Mitteilung, daß ich morgen zu meinem Geburtstage früh 7.25 Uhr nach Brüssel abfahren muß. Dort muß ich dann sehen, wie ich nach Lille weiterkomme. Es wird ja nicht so einfach sein, aber ich werde es schon schaffen.
Ich habe hier zwei Herren kennen gelernt, die sich etwa nach meiner Anschrift in Lille erkundigen werden. Der eine ist ein Dr. Schwenker aus Berlin, der beim Reichswirtschaftsministerium tätig ist und ein Johannes Neumann aus Wurzen. Mit dem ersteren bin ich am Sonntag in Bonn gewesen und mit dem letzteren bin ich die vergangenen Tage ebenfalls zusammen gewesen. Gib Ihnen meine neue Anschrift auf Verlangen dann bekannt, denn es liegt mir daran.
Meine Sachen, die ich anhatte, habe ich zu einem Paket zusammengepackt und lasse sie morgen mit zur Post geben. Den Anzug habe ich vorerst einmal da behalten, vielleicht kann ich ihn noch brauchen.
Meinen Antrag auf Bewilligung von 10,- RM ziehe ich hiermit zurück, weil für mich keine Schuhe genehmigt wurden. Solltest Du das Geld noch nicht abgeschickt haben, so lass es bitte bleiben.
Ich muß nun einmal sehen, wie dort alles wird und was ich dort an Geld bekomme. Je nach dem werde ich mir das eine oder andere dann dort kaufen.
Sofern Dein Vater mir die Briefmarke vom Deutschen Derby in Hamburg 1940 noch nicht geschickt haben sollte, so bitte ich Dich, mir eine, womöglich ein Randstück, besorgen zu wollen. Ebenfalls wird Kurt von seinem Geld auch eine haben wollen.
Da ich heute früh schon geschrieben habe, und auch am Nachmittag keine Post von Dir eingegangen ist, habe ich Dir das wichtigste wieder mitgeteilt. Eingetroffen ist jedenfalls, wie ich zuerst vermutet hatte, daß ich am Donnerstag reise. Ich möchte es als ein gutes Vorzeichen deuten, daß ich gerade an meinem Geburtstag diese Fahrt antrete. Du siehst also, der Aberglaube stirbt nicht aus.
Seid Ihr alle herzlich gegrüßt und geküßt und Du ganz besonders von Deinem Ernst.
Grüße auch Vater von mir. Als Besonderheit wäre noch zu melden, daß es nach den schönen Tagen zum ersten Male geregnet hat. Heute hatte ich ja die Uniform an und so brauchte ich keinen Regenmantel. Ja, wie sich alles gibt. Gute Nacht. Sobald Du von Gloper etwas erhältst, schreibe bitte, damit ich danke. 

Donnerstag, 2. Juli 2015

Brief 21 vom 1. und 2.7.1940


Meine liebe Annie!                                                                  Köln, den 1.Juli 1940

Heute früh habe ich so regelrecht verschlafen. Bis ich fertig war mit anziehen, war es bereits 1/2 11 Uhr.
Ja, das kam wieder daher, daß wir wieder von 1/2 1 bis 3/4 3 Uhr im Keller waren.
Ich merke nun auch schon, daß das zum Programm des Tages bezw. der  Nacht gehört. Man gewöhnt sich ja schließlich an alles. Doch eines habe ich leider schon wieder verlernt, und das ist der Kommiszwang. Wahrscheinlich waren die 6 Wochen doch zu wenig für mich, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Es kann ja aber alles noch wieder anders kommen.
 Wir haben uns heute erkundigt, was wir eigentlich für Gebührnisse bekommen, doch nach allem, was man hört, sollen die nicht sehr hoch sein. Bei dem teuren Hotelleben kann man sich weiter nichts wünschen, als so bald wie möglich hier fortzukommen. Die eigentlichen Hotelkosten übernimmt das OKH (Oberkommando des Heeres). Aber schon das Frühstück kostet 1,50 RM. Mittagessen im Durchschnitt fast ebenso und mit dem Abendbrot kommt man kaum billiger weg.
Ein Transport kommt noch im Laufe dieser Woche hier weg, und wenn alles klappt, kann es sein, daß auch ich diese Woche mit fortkomme. Meine Uniform soll morgen fertig werden, denn davon hängt die ganze weitere Angelegenheit ab. Wir werden mit Omnibussen von hier an unseren Bestimmungsort gebracht.
Ich wäre jedenfalls froh, wenn es soweit ist, damit man sich dann einmal einrichten kann und auch einmal genau erfährt, was einem zur Verfügung steht. Das Arbeitsgebiet selbst wird wahrscheinlich sehr umfangreich sein. Eines ist mir aber immer noch rätselhaft, wie ich dazu ausersehen wurde, mit bei dieser Aktion beteiligt zu sein. Gestern Abend im Luftschutzkeller, wir waren übrigens ja wieder unten (ich stelle fest, daß ich das ja schon geschrieben habe) habe ich wieder von einem Herrn aus der Leipziger Gegend gehört, daß auch er schon vorher so eine halbe Mitteilung von höherer Stelle erhalten hat. Na, lassen wir das Rätsel so lange ungelöst, bis es sich etwa einmal von selbst löst.
Von Deinem Kuchen habe ich gestern Nacht wieder ein Stückchen gegessen und ich habe immer noch etwas Vorrat; ebenso von den Pralinen. Man muß eben immer sparsam damit umgehen.
Sei Du, sowie auch die Kinder vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
An Rieck habe ich heute geschrieben.

Meine liebe gute Frau!                                                      Köln, den 2.Juli 1940 

Heute früh erhielt ich schon Deinen lieben Brief von gestern ausgehändigt. Das geht ja eigentlich ganz schnell. Dir danke ich, daß Du mir so schnell meinen Wunsch erfüllt hast. Ich habe die Bilder schon eingeordnet.
Nun sieht die Sache ganz anders aus. Meinen Dank kann ich leider nicht persönlich dafür aussprechen, doch das werde ich zu gegebner Zeit nachholen.
Nach den beigefügten Durchschlägen zu rechnen, hast Du Dich mit Deinen Schreiben aber gewaltig angestrengt. Ich danke Dir für die Übersendung der Durchschrift. Aus Deinem Brief hatte ich entnommen, daß Euch der Abschied auch diesmal wieder nicht leicht gefallen ist. Ja, das glaube ich Euch gerne und ich kann Euch sagen, ich bliebe auch lieber bei Euch als irgendwo in der Welt Verwaltungsmensch zu spielen. Es ist nun aber einmal Krieg und den ergangenen Befehlen muß man sich einmal fügen.
Nach dem, was ich hier schon gehört habe, kann sich diese Angelegenheit ziemlich lange hinausziehen, und wir müßten uns u.U. auf eine längere Trennung gefaßt machen. Doch lassen wir hier lieber die Tatsache als die Vermutung sprechen. Sobald man mit diesen Herren beieinander sitzt, so wird das Thema Frankreich nach jedem Sachgebiet hin beleuchtet und ich mache bis jetzt meistens nur den stillen Zuhörer, weil ich hierbei wieder vieles lernen kann. Außerdem ist es so, daß ich bei der Verteilung der Arbeitsgebiete den kleinsten Rang bekommen habe, wenn er immerhin auch dem Feldwebelsrang entspricht.
Wenn es tatsächlich länger dauern sollte, braucht es ja schließlich nicht immer bei dem bleiben, vorausgesetzt, daß die Arbeit richtig bewertet wird. Doch auch dies werden wir der Zeit überlassen.
Meine Uniform, es ist genau so eine wie ich schon gehabt habe, macht sich ganz nett, sie hat nur andere Schulterstücke und andere Spiegel und den Unterschied, daß sie nachträglich dem Träger entsprechend abgeändert wurde.
Das teure Leben hier macht mir schon einige Sorgen und zwar hauptsächlich deshalb, weil ich noch nicht weiß, was mir zusteht. Heute habe ich mir einen Vorschuß von 50,-RM geben lassen, der dann bei der neuen Dienststelle mit verrechnet wird. Ich lege Dir einmal je eine Rechnung über Mittags- und Abendessen bei, da wirst Du staunen. Mit diesem Geld kannst Du uns alle satt machen und das ist anders. Ich lege Dir weiter noch einige Marken bei, die Du entsprechend mit verwenden kannst.
Wie ich heute wieder gehört habe, kommen wir kaum vor Montag hier fort. Du kannst also nach wie vor Deine Post hierher richten, bis ich Dir wieder Bescheid gebe. Etwa hier noch ankommende Post werde ich dann nachsenden lassen. Gestern waren wir wieder über 1 Stunde im Keller. Die Gemeinheit ist nur die, daß man immer aus dem schönsten Schlaf geweckt wird. Denen da drüben werden demnächst die Augen schon noch übergehen. Heute Abend gehe ich noch ins Kino, denn ich möchte mich auch noch einmal informieren, was eigentlich läuft. Seid Ihr alle herzlich gegrüßt und geküßt und nimm auch Du einen besonders herzlichen und kräftigen Kuß entgegen von Deinem Ernst.

Brief 20 vom 29./30.6.1940


Meine liebe Frau!                                                         Köln, den 29.6.1940

 Seit heute früh bin ich nun hier und habe die Dinge wieder so einzeln an mich herankommen lassen. Erst hatte ich noch einen heißen Kaffee zu mir genommen, weil der Hauptmann vorher nicht zu sprechen war. Ich habe noch einen anderen Herrn getroffen, und bei weiterem Zusehen konnte ich feststellen, daß ich mich im Kreise der hierher Berufenen in ganz erlauchter Gesellschaft befand. Der geringste Dienstgrad ist im Rang eines Leutnants. Ich selbst bin mir über meinen Rang noch nicht ganz im Klaren, doch könnte es Feldwebel sein, doch hierüber werde ich mich noch vergewissern.
Mich nennt man, oh welch langer Name, Kriegsverwaltungsbetriebsassistent. Ich komme also, wie schon bekannt, nach Lille in die Kommunalverwaltung.
Wir sind hier eingekleidet worden; die Uniformen werden einigermaßen passend abgeändert. Wenn das dann vorbei ist, wird es wahrscheinlich an den Bestimmungsort gehen. Man kann damit rechnen, daß es etwa bis Donnerstag fortgeht, doch das ist nur ein angenommener Termin.  Nun weißt Du etwa, was man mit mir vorhat, eines kommt mir noch komisch vor, daß ich ausgerechnet nach Frankreich komme, ohne die dortige Sprache zu beherrschen.
Von Stuttgart sind wir ja die ganze Nacht gereist und gegen früh kamen wir hier an.
Ich bin nun in einem Hotel etwa 2 Minuten vom Bahnhof untergebracht und von meinem Zimmer sieht man direkt auf den Dom. Ich habe ihn mir heute angesehen und er hinterläßt, trotz der schlichten Ausschmückung, die zwar ganz und gar in den architektonischen Rahmen gehört, einen gewaltigen Eindruck.
Ich habe mich auch sonst hier schon umgesehen und eine kleine Rheinfahrt mitgemacht. Es wird ja wahrscheinlich so sein, daß an meinem neuen Aufenthaltsort noch manches im Argen liegen wird und nur deshalb nehme ich die kleinen Annehmlichkeiten, die hier geboten werden, mit.
Heute werde ich früh zu Bett gehen, weil ich von den letzten Tagen noch todmüde bin.
Außerdem ist damit zu rechnen, daß Fliegeralarm gegeben wird, denn dies gehört scheinbar hier zum üblichen Programm.
Bis zum Donnerstag kannst Du nun hierher ins Minerva -Hotel schreiben, denn ich denke, daß sie mich bis dahin noch erreicht.
Sei Du, mein liebes Mädel, vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Grüße und küsse Du unsere Kinder und grüße Vater.


 Meine liebe Annie!                                                                  Köln, den 30.6.1940

Nun ist der Sonntag bald vorbei und ich möchte ihn nicht beschließen ohne auch schriftlich Deiner gedacht zu haben.
Die Vermutung, die ich in meinem letzten Brief ausgesprochen hatte, ist also eingetroffen, wir haben in den Luftschutzkeller gemußt. Wir waren von 1/2 1  - 3 Uhr unten. Ich bin sehr unsanft geweckt worden, weil die Sirene direkt bei mir über dem Zimmer ist, denn ich wohne hier im obersten Stockwerk. Alle haben einen müden und verschlafenen Eindruck gemacht.
Heute früh bin ich erst gegen 9 Uhr munter geworden, habe mich dann gemütlich fertig gemacht und um 10 Uhr gefrühstückt. Das geht bis jetzt einmal ganz anders zu, wie die vorhergehenden 6 Wochen. Ich habe Dir ja schon geschrieben, daß ich ein schönes Zimmer hier habe, es würde normalerweise 4 RM je Nacht kosten.
Die freie Verpflegung ist nach unserer bisherigen Lebensweise gerechnet, sehr teuer und mir macht nur Sorge, ob zu dem die mir zustehenden Bezüge ausreichen werden. Morgen werde ich jedenfalls einmal feststellen, was mir zusteht.
Nach dem Frühstück bin ich wieder mit dem  schon gestern erwähnten Herrn in den Dom gegangen und habe mir den Gottesdienst angesehen. Anschließend hat mich dieser Herr eingeladen, mit nach Bonn zu fahren, was ich ihm nicht abgeschlagen habe. So etwas muß man sich ansehen, wenn man kostenlos dazu Gelegenheit hat. Bei unserer  Einfahrt in Bonn konnten wir die Splitterwirkung einer englischen Fliegerbombe sehen. Der Hausverputz war überall beschädigt und sah bald aus wie Schweizerkäse. Die Mauer selbst war dadurch aber nicht beschädigt.
Wir haben dann in Bonn zu Mittag gegessen, es war zwar nicht ausreichend, aber der Magen hat es auch so ausgehalten. Wir sind dann noch durch die Stadt gegangen und haben unseren Ausflug durch einen Spaziergang am Rheinufer entlang verlängert. Es war sehr nett und man kommt sich fast vor wie ein Kurgast. Du wirst mir fast neidisch werden, wenn Du so liest, wie gut es mir z. Zt. geht. Am Abend haben wir im Hotel zu Nacht gegessen, was gegen die bisherigen Essen wirklich ausreichend war. Trotzdem kann ich bis jetzt noch nicht wegen Überfüllung des Magens klagen.
Angeschlossen sende ich Dir einen Prospekt mit, aus dem Du ersehen kannst, wo ich jetzt ungefähr bin.
Dich grüße und küsse ich im Geiste wieder recht herzlich und danke Dir nochmals dafür, daß Du mir meinen kurzen Aufenthalt bei Euch so angenehm gestaltet hast. Küsse auch die Kinder herzlich von mir und sei Du selbst noch vielmals gegrüßt von Deinem Ernst.
Schreibe bitte nicht länger hierher wie bis Donnerstag, da unser Abreisetermin so unbestimmt ist.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Brief 19 vom 24./25.6.1940


Meine liebe Annie!                                                                                  U.H., den 24.6.1940

Ich habe mich heute noch geärgert, daß mir der Mantel weggekommen ist, aber das war so, daß wir in den ersten Tagen verschiedene Male umziehen mußten und jedes Mal konnte das nicht schnell genug gehen. Zudem waren wir sehr durch den Dienst in Anspruch genommen. Es kann aber nicht anders sein, als daß er mir gestohlen worden ist, denn sonst hätte ihn der Finder ja abgeben können. So geht´s eben beim Kommis und das kommt auch daher, weil es verschiedenerlei Leute hat, die da zusammen kommen. Es läßt sich zwar nicht mehr ändern, doch man kann sich schon darüber ärgern.
Das Telegramm wird sich ja auch erledigt haben. Ebenso ist ja unser Einsatz auch vorläufig zurückgestellt. Ob wir bei der jetzigen Lage noch drankommen, wird sich zeigen.
Jede Übung ist bei uns jetzt mit einem längeren Marsch verbunden. So auch heute wieder, als wir beim Scharfschießen mit Gewehren waren. Erfüllt habe ich, wie auch die meisten anderen, nicht.
Morgen kommt wieder MG-Scharfschießen dran, während die anderen Kameraden, die keine MG-Schützen sind, wieder einen Ausmarsch haben.
Langweilig wird es uns zwar nicht, wenn auch der Dienst bei dem Marschbataillon nicht mehr so streng ist wie in der Kaserne, doch dafür fehlen uns manche Annehmlichkeiten, die man dort hat.
Mit unserem Ausgang ist es so, daß wir nach Befehlsausgabe, bei der auch die Post verteilt wird, und das ist meistens etwa um 7 Uhr, bis um 10 Uhr für uns dienstfrei ist. Um 10 Uhr muß aber alles in der Falle liegen und manchmal  wird es auch später, so daß man dann lieber da bleibt.
Wenn Du meinst, Du willst den Wein nicht trinken, so überlasse ich Dir dies ganz und gar, ich möchte aber nicht haben, daß Du durch die Photos in Geldknappheit gerätst.
Reicht Dir eigentlich das Geld, was Du jetzt bekommst?
Jörg danke ich wieder für seine Malerei und Helga für ihr Geschriebenes. Sie soll sich nur weiter anstrengen. Sagst Du ihr eigentlich die Fehler, die sie macht, oder wie ist das?
Am Samstag Abend haben wir anläßlich der Kapitulation von Frankreich nach Zapfenstreich von Zimmer zu Zimmer Unterhosen-Prozession gehabt, das war ein erhebendes Bild, kann ich dir sagen.
Das Wetter ist bei uns immer noch sehr schön, aber sehr heiß, so daß wir heftig schwitzen müssen. Aber die Kommiszeit wird auch vorübergehen, womit ich mich immer wieder tröste.
Meine liebe Frau gute Nacht und sei Du wie auch die Kinder herzlich gegrüßt und geküßt und Du nochmals besonders von Deinem Ernst.


Meine liebe Annie!                                                                                  U.H., den 25.6.1940

Diesmal war es ein postreicher Tag.
Deinen Brief vom 21. kam heute an, Dein Brief vom 9.6. beigefügt. Weiter erhielt ich je einen Brief von Kurt und vom Kollegen Rieck. Außerdem kam noch ein Päckchen von Dora an. Alle diese Sachen sind erst nach Göding gegangen. Jetzt habe ich nun alles erhalten und muß nun viel beantworten.
Diese Sachen lasse ich Dir alle mit zugehen. Dora ist übrigens nicht ganz gesund, wie sie schreibt.
Deine Briefe haben mich alle beide wieder erfreut, besonders auch die Berichte über die Kinder, ersehe ich doch daraus, was die beiden treiben. Daß Jörg so stark ist, ist ja sehr erfreulich, da wird er sicher sehr stolz sein. Daß sich beide beim Schreiben nicht so stark beteiligen, kann ich ihnen wirklich nicht übel nehmen. Sie sollen sich nur im Feien tummeln, denn das glaube ich, daß sie ihren Vater nicht vergessen.
Wegen der Fahrt von Helga nach Leipzig habe ich Dir ja meine Meinung schon geschrieben, es würde sich nun noch darum handeln, wann sie Ferien bekommt, denn es kann ja gut möglich sein, daß bei dem Tempo der Kriegsführung bis dahin schon Frieden ist. Wollen wir also das Beste hoffen.
Wegen meinem Geburtstag habe ich Dir ja schon geschrieben.
Die Erdbeerernte ist in diesem Jahr also nicht sehr reichlich ausgefallen, nachdem Du aber so wenig Zucker hast, trifft es sich ja auch wieder gut.
Wir haben heute, wie ich Dir gestern schon schrieb, MG-Scharfschießen gehabt. Diese Übung habe ich wieder erfüllt und mein Nimbus, daß ich auch zu etwas brauchbar bin, ist wieder etwas gestiegen. Ebenfalls hatte wieder ein Großteil diese Übung nicht erfüllt. Am Nachmittag war bei uns Sport angesetzt. Ein großer Teil der Kameraden hatte es hierbei vorgezogen, die Badegelegenheit in der March zu benutzen. Diese ist etwa 30 m breit, sehr lehmig und hat ziemliche Strömung. Ich bin zwei Mal durchgeschwommen, was ich als wahre Wohltat empfunden habe. Na, Du kennst ja meine Schwäche fürs Wasser. Heute Abend fühle ich mich aber danach etwas müde, weil ich es nicht mehr so gewohnt bin.
Darum brauchst Du Dir also keine Sorge zu machen, wenn mein Geldverbrauch jetzt etwas gesteigert ist, das ist auch so eine Kommisangewohnheit, die daheim wieder verschwindet. Ich werde mich jedenfalls bemühen, Dich nicht um Geld anzupumpen, damit Du und die Kinder nicht darunter leiden müßt. Ich werde wieder einige Abende daheim bleiben und schon ist das Geld wieder gespart. Sei Du liebe Mädel vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Küsse die Kinder von ihrem Vater und grüße unseren Vater.

Dienstag, 23. Juni 2015

Brief 18 vom 21./22. und 23.6.1940


Meine liebe gute Frau!                                                                   U.H., den 21.6.1940       

Wir sollten nun heute wegkommen. Jetzt ist aber der Befehl wieder umgeworfen worden.
Wir liegen und sitzen auf unseren Strohmatratzen und harren der Dinge, die da kommen sollen.
Meine Braut, also mein Gewehr, liegt neben mir.
Heute früh waren wir noch einmal zum Baden, damit wir wenigstens sauber von hier fortkommen. Wir ruhen uns nun ein wenig aus, was wir alle sehr nötig haben.
Diese Gelegenheit benutze ich nun, um meinen Brief an Dich anzufangen. Es kann ja möglich sein, daß uns unser Abmarschbefehl bald erreichen wird. Wahrscheinlich hängt aber alles von den Verhandlungen mit Frankreich ab, was man mit uns macht. Das Warten haben wir in den Wochen unserer Militärzeit gelernt.
Post ist von Dir heute wiederum nicht eingegangen. Ich möchte nur wissen, an was das liegt, daß Deine sowie auch meine Briefe so unregelmäßig eingehen. Am letzten Mal habe ich gleich 3 Briefe von Dir erhalten und nun wieder einige Tage nichts. Ich hoffe, bald wieder etwas zu erhalten, denn ich kann kaum glauben, daß Du so unregelmäßig Deine Post abschickst. 
Morgen haben wir wahrscheinlich wieder einen Ausmarsch, aber ohne Gepäck. Hoffentlich macht uns die Hitze nicht wieder so sehr zu schaffen und die Füße versagen nicht.
Ist unser Stromer auch brav. Er soll nur auf Dich hören und Dir keinen Ärger machen. Es soll nur so schön brav sein, wie er auf den Bildern aussieht. Jetzt werden sie es sich auch leicht machen und, wie es die Bilder wieder zeigen, auf dem Hofe baden. Da habt Ihr ganz recht; nutzt das nur aus. Wenn es aber möglich ist, geht nun auch einmal in den See baden. Du hast mir noch nie geschrieben, ob Du den Wein trinkst, wie wir es ausgemacht hatten.
Augenblicklich bemühe ich mich, meinen Körper durch Eisessen abzukühlen und gleichzeitig höre ich die Wehrmachtsberichte. Als weiteres schreibe ich den Brief noch fertig. Ist das nicht viel auf einmal? Ich nutze die Gelegenheit noch aus, solange es möglich ist.
Sei Du vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst. Grüße die Kinder und küsse sie von ihrem Vater.


 Meine liebe Annie!                                                                                  U.H., den 22.6.1940

Dein Brief vom 19. ging heute ein. Ich habe mich wieder darüber gefreut.
Ich habe heute ins Kino gewollt, doch heute findet keine Vorstellung statt. Nun muß ich wieder ein bißchen spazieren gehen. Heute früh haben wir wieder unsere 20 km runter gemacht. Der Tag wird immer wieder ausgefüllt. Es war wieder sehr warm und geschwitzt haben wir wieder fest.
Bei unserem Ausgang sind wir zufällig an eine Veranstaltung der Sokoln hingelaufen. Es waren turnerische Vorführungen, die unser einseitiges Leben auf eine angenehme Weise unterbrochen haben.
Daß jetzt alle Päckchen angekommen sind, hat mich gefreut, vor allen auch deshalb, weil nichts verloren gegangen ist. Habt Ihr den Käse noch verbrauchen können. Die Hauptsache ist, daß alles seinen Mann findet und ich glaube, daß ich mir deshalb keine große Sorge machen brauche.

23.6.1940 

Heute habe ich ein Päckchen mit Socken heimgeschickt. Ich habe noch etwas Schokolade beigefügt, die ich nochmals erhalten konnte und für Dich noch eine Kleinigkeit.
Weiter habe ich noch zwei Zigarettenetuis für Siegfried und Deinen Vater bei einem Kameraden gekauft. Schicke dies doch bitte entsprechend zu. Hoffentlich kommt alles wieder richtig an.
Dein Brief vom 18. war bei der Postverteilung dabei. Ich habe daraus entnommen. daß für mich ein Telegramm eingegangen sei. Ja woher kam es, vom Wehrmeldeamt?
Ich bin ja mit dem größten Teil meiner Kameraden von Göding nach hierher versetzt worden. Bis jetzt sind wir noch alle beieinander und wir hoffen, daß es so bleibt. Das Telegramm ist nicht hierher weitergeleitet worden.
Daß der Regenmantel nicht im Koffer war wundert mich schon, weil ich immer angenommen habe, er sei im Koffer drin. Es kann also nicht anders sein, als daß er mir gestohlen worden ist, was ja sehr ärgerlich wäre, doch leider nicht mehr zu ändern ist. Ja, so geht es zu mit der Kameradschaft.
Für die Abschriften danke ich Dir vielmals, denn es hat mich sehr interessiert. Ich will mal sehen, was sich da noch machen läßt. Für Deine Mühe danke ich Dir nochmals. Nimm herzliche Grüße und Küsse entgegen von Deinem Ernst
Küsse auch die Kinder herzlich und grüße Vater. Gute Nacht.

Freitag, 19. Juni 2015

Brief 17 vom 19./20.6.1940


Meine liebe gute Frau!                                                                      U.H., den 19.6.1940       

Eine weitere Woche ist nun wieder vergangen seit ich von Euch fort bin.
Das hätten wir nicht gedacht, als wir fortfuhren, daß wir schon in 5 Wochen marschbereit sind.
Heute Nachmittag hatten wir Abschiedsappell durch den Oberst, der Regimentskommandeur ist. Bei unserem Gepäckmarsch heute früh hatte uns unser Leutnant eröffnet, daß wir tatsächlich bald wegkommen und daß das jede Stunde sein könnte. Jetzt sieht der ganze Dienst wieder ganz anders aus.
Heute früh sind wir durch verschiedene Dörfer der Umgegend marschiert. Diese machten aber einen saubereren Eindruck wie in der Gödinger Gegend. Auch die Bevölkerung machte einen freundlicheren Eindruck. Morgen geht´s wieder los mit Gepäck, vorausgesetzt, daß wir vorher nicht verladen werden.
Die Füße spürt man ja schon, aber bis jetzt habe ich noch nie schlappgemacht wie schon viele andere. Ich will auch nicht hoffen, daß dies noch der Fall sein wird, damit ich am Ende nicht noch dableiben müßte, wenn die anderen fortkommen.
Heute sende ich Dir die schon angekündigten Bilder mit. Hoffentlich gefallen sie Dir auch. Über die Verwendung habe ich Dir ja schon geschrieben. Ein weiteres Bild von unserem Abschied in Göding ist auch dabei. Damit Du mich auch findest, will ich Dir gleich sagen, daß ich rechts vom Feldwebel stehe, das ist der mit der Schirmmütze.
Gestern und heute war ich sehr solide und bin daheim geblieben. Nicht einmal etwas getrunken habe ich, obwohl die Kompanie gestern jedem 2 Flaschen Bier gestiftet hat aus Anlaß der Kapitulation von Frankreiche bezw. der gewaltigen Erfolge unserer Truppe.
Du kannst Deine Post weiter hierher senden. Sobald ich erfahre, daß sich etwas ändert, teile ich Dir dies umgehend mit.
Sei Du liebes Mädel vielmals und herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.             


                                                                                                             U.H. den 20.6.1940

Die Bilder wirst Du wohl nun erhalten haben. Bist Du nun zufrieden?
Ich sehe doch ganz wohl darauf aus, Du mußt nur noch dazu denken, daß ich im Gesicht ganz verbrannt bin. Obwohl das Essen hier nicht so ausreichend ist wie in Göding, so sieht man mir das doch nicht an. Das soll aber nun nicht heißen, daß Du mir etwas schicken sollst. Ich kann das bis jetzt noch aushalten und wenn es ja noch anders kommen sollte, werde ich schon wieder schreiben.
Unsere Ausmärsche werden nun immer strenger. Wir waren heute wieder unterwegs und zwar ist es gegen Mittag sehr heiß geworden, so daß dann sehr viel Schweiß geflossen ist. Nun habe ich auch die erste Blase weg. Hoffentlich vergrößert sie sich nicht, damit ich evtl. nicht zurückbleiben muß; doch der größte Teil hat heute etwas abbekommen und noch viel stärker als ich, so daß meine Bedenken wahrscheinlich umsonst sind.
Die Dorfbevölkerung hat uns heute wieder sehr freundlich aufgenommen. Wir haben bei einem Bauer, der zufällig deutsch konnte, Milch und Kuchen bekommen. Der hat sich sehr dafür interessiert, wie es bei uns im Reich draußen geht. Du weißt ja, daß ich gerade diesen Leuten hier richtige Auskunft gegeben habe, wie gut jetzt die Verhältnisse bei uns daheim sind. Die Leute konnten dies von sich auch nur sagen, seit sie unter deutscher Verwaltung sind und daß sie jetzt keinen Anlaß zum klagen hätten, obwohl die besseren Herrschaften gerne das Gegenteil feststellen möchten.
Heute Abend werde ich einmal wieder in die Stadt gehen und mir noch etwas zukommen lassen. Ich nehme an, daß Du Verständnis dafür hast, wenn ich froh bin, wieder einmal eine andere Umgebung aufsuchen zu  können. Weißt Du, wenn der Mann von unseren Nachbarn nicht das Bedürfnis hat, so liegt das vor allem daran, daß er Feldwebel ist und nicht so unter der strengen Ausbildung zu leiden hat wie wir.
Dora hat mir bis jetzt noch nicht auf meinen Brief geantwortet. Ich habe leider vergessen mir aufzunotieren, wann ich geschrieben habe. So viel ich mich entsinnen kann, habe ich Dir dies ja Seinerzeit mitgeteilt.
Was  machen denn unsere beiden Stromer? Ich habe mir hin und her überlegt, was Du mir evtl. zum Geburtstag schicken könntest, doch ich bin zu der Auffassung gekommen, daß es keinen Zweck hat, etwas hierher zu schicken, weil es so unbestimmt ist, bis ich etwas erhalte, vor allem, weil wir ja bald wegkommen.
Ich glaube, wir heben dies am besten auf, bis ich wieder einmal heimkomme, dann feiern wir dies zusammen. Wegen Helga möchte ich noch sagen, daß ich dies Dir mehr oder weniger überlasse, weil Du jetzt am besten wissen mußt, ob Helga Lust dazu hat und auch den nötigen Mut. Außerdem kannst Du von dort aus alles besser überblicken. Von mir hast Du jedenfalls die Zustimmung.
Heute Abend erhielt ich ein Päckchen von den Eltern. Es ist ja sehr nett von ihnen. Den Durchschlag wirst Du ja erhalten, oder von mir den Brief. Nun haben wir den Bescheid bekommen, daß es morgen von hier fort geht. Weitere Nachricht wirst Du ja noch von mir erhalten.
Sei Du vielmals gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
Küsse die Kinder und grüße Vater und sage ihm, daß er nur einmal einen Gruß mitschreiben soll.